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Im Haus zum Seidenbaum

Emil Ertl: Im Haus zum Seidenbaum - Kapitel 19
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typefiction
authorEmil Ertl
titleIm Haus zum Seidenbaum
publisherDie Buchgemeinde/Berlin
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Das ehemals Auenwaldsche Schloß, das sich so lange untätig seinen Träumen von verblichener feudaler Herrlichkeit hingegeben, war jetzt nicht nur durch keine Standesvorurteile, sondern auch durch keine Mauer und keinen Park mehr vom Fabriksort und der Arbeitersiedlung Dorotheen-Wiese geschieden. Es stand vielmehr mit beiden in so lebendiger Verbindung wie etwa das Rathaus einer kleinen Stadt mit den zu ihrem Weichbild gehörigen Häusern. Nur daß zwischen den einzelnen Gebäuden dieser kleinen Stadt zahlreiche Rasenflächen erhalten geblieben waren, zum Teil mit Gebüschen, Laubwäldchen oder auch großen alten Bäumen bestanden, in deren Schatten mancher Dachfirst sich traulich hineinduckte.

Die ebenerdigen Räume des Schlosses dienten der »Moralba« als Vorratsgewölbe für den Rohstoff und als Niederlagen für die fertige Ware. Im ersten Stock befanden sich die Schreibstuben und Zahlstellen, die Geschäfts- und Sprechzimmer der Oberleitung und ein Sitzungssaal. Im zweiten Stock hatten mehrere von den hervorragenderen Angestellten ihre Wohnungen zugewiesen erhalten.

Hier hielten nach einer ganz stillen und heimeligen Hochzeit Konrad Eybel und Marianne Hocheder ihren Einzug. Es war im Sommer nach dem Tode des alten Herrn. Bei seinen Lebzeiten hatten sie aus Gründen, die der Kindesliebe Mariannens und dem Zartgefühl Konrads das ehrendste Zeugnis ausstellten, darauf verzichtet, ihre dauernde Verbindung anzustreben, obgleich Eybel sich als leitender Maschinenfachmann der »Moralba« schon seit längerer Zeit bewährt hatte und seine Stellung deshalb genügend gefestigt gewesen wäre, die Begründung eines eigenen Hausstandes zu gestatten. Aber der Vater hätte die hingebende Pflegerin, die Marianne ihm war, aufs schmerzlichste vermißt; das wollten sie nicht. Und anderseits sollte ihm auch das peinliche Gefühl erspart bleiben, als stünde er dem Glück seiner Tochter hindernd im Wege. Darum hatten sie sich gelobt, einander zu entsagen, solange er lebte. Und sie blieben ihrem Vorsatz treu, so hart es sie ankam, und hielten es vor ihm geheim, daß sie miteinander einig waren. Aber dieses Geheimtun war Liebe und hatte keinen andern Grund als zarte Rücksichtnahme auf seinen Zustand.

Am ersten Sonntagnachmittag nach ihrer Trauung saßen sie, des eigenen Heims und der jungen Wirtschaft froh, auf dem Balkon ihrer Wohnung, der ins Grüne ging, und tranken Kaffee.

»In ihrer ersten Jungmädchenblüte hast du dein Weib nicht bekommen«, sagte Marianne; »aber daß du gewartet hast, in doppelter Hinsicht gewartet, dafür bin ich dir, Konrad, auch in doppelter Hinsicht dankbar: in des Vaters Namen und – ob das nun ein veraltetes Vorurteil ist oder nicht – im Namen meines eigenen unbeschwerten Bewußtseins. Denn ich bin schon einmal so rückständig, daß es mich dauernd bedrücken würde, hätte ich dir angehört, bevor Pater Wilfrid unsern Bund einsegnete.«

»Nenn' es nicht rückständig!« antwortete der besonnene Eybel. »Es hat einen guten Sinn, daß feierliche Satzungen und Gebräuche unsere Wünsche daran hindern, hemmungslos zum Ziel zu eilen, bevor die äußeren Voraussetzungen erfüllt sind, die die Erreichung dieses Zieles erst zum dauernden Segen für uns machen. Nach dem Vorbild des Landwirts, der in ergebungsvoller Zuversicht der Ernte entgegensieht, wenn nur erst das Samenkorn der Erde anvertraut ist, habe ich zwei Dinge als die wichtigsten erprobt in meinem Leben: die Tat des Leistens und die Geduld des Wartens. Und nur in einem einzigen unbeherrschten Augenblick hat diese Geduld mich verlassen. Ich bin dir noch heute dankbar dafür, daß dein lauteres und wahrhaftes Wesen mir damals den Kopf zurechtsetzte. Du hast dir und mir damit das Bewußtsein erhalten, daß kein Blatt im Buch unseres Lebens sich befindet, das ein Geheimnis bergen würde. Um nichts möchte ich das Gefühl von Kraft und Freiheit hingeben, das in diesem Bewußtsein wurzelt. Übrigens schrumpft, wenn man nachträglich zurückschaut, die Zeit des Wartens ohnedies zu einem Nichts zusammen. Und wenn ich dich nicht als ganz junges Mädel heimführen konnte, so besitze ich dafür jetzt eine um so klügere und reifere junge Frau.«

»Vielleicht würdest du meine Klugheit und Reife einigermaßen bezweifeln,« sagte Marianne, verschmitzt lächelnd, »wüßtest du um ein Geheimnis, das ich nun doch noch vor dir und den Menschen hege. Denn daß du mich überhaupt bekommen hast, ist nicht dein Verdienst, und nicht meines, sondern das eines andern.«

»Wer sollte das sein?« fragte Konrad befremdet.

»Es ist ein Wohltäter, den ich nicht verrate, weil du dich schnöderweise schon wiederholt über ihn lustig machtest.«

»Am Ende dein alter Gönner, der heilige Judas Thaddäus?« fragte Eybel mitleidig.

»Höhne mich nur, ich habe ihm eine schöne Stickerei versprochen, wenn du mich bekommst.«

»Wenn ich dich bekomme?« lachte Konrad belustigt auf. »Ein sonderbares Gelübde! Warum versprachst du nicht, ihn dafür zu belohnen, wenn du mich bekommst?«

»Ich sage ja ohnedies: wenn du mich bekommst.«

»Für gewöhnlich verspricht man doch, um selbst etwas zu bekommen?«

»Ach, treibe keine Haarspalterei!« rief sie ungehalten. »Kommt es nicht auf dasselbe hinaus? Und, was die Hauptsache ist: hat der Heilige mir nicht abermals Wort gehalten?«

»Nun – auf diesem Wege kann ich dir nicht folgen«, sagte Eybel ernst. »Aber ich gebe zu, daß die Grenzen des Glaubens schwanken. Mancher, der an die Verwandlung der Hostie in den Leib des Herrn glaubt, überhebt sich über den andern, der außerdem auch noch an die unbefleckte Empfängnis glaubt. Als ob ein Wunder glaubwürdiger oder minder glaubwürdig sein könnte als das andere! So will ich mich denn auch dir gegenüber lieber nicht überheben und zufrieden sein, wenn niemals tiefere Klüfte uns voneinander trennen.«

»Bist du auch wirklich so zufrieden wie ich es bin?« fragte sie beglückt.

Er rückte ganz nahe an sie heran und legte den Arm um ihre Schultern, während sie den Kopf an seine Brust lehnte. Beide schwiegen sie, dem Schlag der Finken in den Laubkronen der hohen Bäume lauschend, die sich ganz nahe unter dem wolkenlosen Himmel wölbten. Ja, Konrad Eybel war zufrieden! Er hatte seine Liebste, sein Heim, seine Arbeit. Und auch diese Arbeit war nach seinem Herzen, was er damals auf dem Kahlenberg, bei der Zusammenkunft der vier Haimonskinder geträumt – dieser Traum war Wirklichkeit geworden oder ging doch der Verwirklichung entgegen, über das Trennende der Parteien hinweg hatten Bürger und Arbeiter sich einträchtig zusammengeschlossen in diesem großen Werk der »Moralba«, dem er sein technisches Können zur Verfügung stellte. Verjüngt durch den Glauben an die Zukunft, dienten sie in freudiger Hingabe an die Gesamtheit gemeinsam dem Ruhm und der Wohlfahrt der geliebten Heimat und Vaterstadt. Und ihre Arbeit, der sie sich im Vereine mit ihren deutschen Brüdern im Rheinland, in Amerika, in der Schweiz, in Deutsch-Böhmen und in Südtirol freudig hingaben, würde dazu beitragen, den deutschen Namen zu Ehren zu bringen in der ganzen Welt, die schmachvollen Fesseln zu sprengen, die das kleine, wehrlose Österreich knechteten und diesem alten deutsch-österreichischen Volksstamm den Weg zu ebnen zur Heimkehr ins große gemeinsame deutsche Vaterland! ...

Aus ihrer wunschlosen Versunkenheit aufgeschreckt, lauschten sie beide. Ein Mietauto töff-töffte die Allee heran, die von der Stadt gegen das Schloß führte. Es hielt am Vorgarten an, ein Herr sprang hastig heraus und verschwand im Eingangstor. Schon eine halbe Minute später brachte das Dienstmädchen seine Karte auf den Balkon.

»August Hollerer!« rief Eybel erstaunt.

Bald saßen sie mit ihm am Kaffeetisch beisammen in der Abendkühle, die von den erhalten gebliebenen Teilen des Parkes und den daselbst befindlichen Teichen herüberwehte.

Im Lauf des Geplauders sagte der Besucher, der Mariannen mit ausgesuchter Artigkeit den Hof machte: »Wenn Sie vielleicht zufällig einmal davon hören, gnädige Frau, daß bei der ›Moralba‹ eine Stelle frei wird, so erinnern Sie, bitte, Ihren Mann daran, daß er an mich denke!«

»Das wird ausschließlich Konrads Sache sein«, erwiderte Marianne befremdet.

»Du suchst eine Stellung?« fragte Eybel erstaunt.

»Du lieber Gott, die Zeiten sind mies. Man möchte was Sicheres haben.«

»Und welche Stelle etwa hättest du im Auge?«

»Nun – irgendeinen Direktionsposten oder so was. Oder wenigstens eine Stelle als Verwaltungsrat, meinetwegen auch als finanzieller Berater oder dergleichen.«

»Du kannst gewiß sein,« sagte Konrad, »daß ich einen Haimonsbruder nicht gern im Stich lasse. Aber bei uns sind lauter Fachleute beschäftigt. Stellen, die man ohne besondere Vorkenntnisse ausfüllen könnte, gibt es nicht. Es tut mir wahrhaft leid, dir keine Aussichten machen zu können, und ich hoffe nur, du hast genügend Vermögen angesammelt, um –«

»Gerade genug,« fiel Hollerer ihm ins Wort, »um in die Donau zu gehen.«

Die jungen Eheleute erschraken.

»Es kann sich doch unmöglich...«

»Lebst du auf dem Sirius? Du wirst doch wissen, daß Unzählige ruiniert sind? Warum sollte gerade ich eine Ausnahme machen? Beim Zusammenbruch der Kakabe allein habe ich an die acht Milliarden verloren, während Direktor Lemburg, einer der wenigen, die eine gute Nase hatten, auf einem fürstlichen Schloßbesitz mit seinem kleinen Harem von Freundinnen Tennis spielt. Und so was nennt sich Sanierung!« rief er in Wut ausbrechend. »Früher brauchte man nur mit dem Finger ins Kursblatt zu tippen und ein Aktienpaket des betreffenden Papiers auf Bankkredit zu erwerben, so war man ein gemachter Mann. Heute, wenn's einem schief gegangen ist, gibt's überhaupt keine Möglichkeit mehr, sich zu retten. Heißt das wirtschaftliches Gedeihen? Nationalökonamische Borniertheit ist es und echt österreichische Mißwirtschaft!«

Konrad Eybel mußte an Rumpsacks Geschichte vom Nashorn und den Madenhackern denken und an den Mann mit Seife und Bürste. Aber der Freund dauerte ihn zu sehr, als daß er sich davon etwas hätte merken lassen. Wie gern wäre er bereit gewesen, ihm etwas Tröstendes und Aufmunterndes auf den weg mitzugeben!

»Wenigstens hast du in deinem Haus in Dornbach«, sagte er, »ein bedeutendes Kapital festgelegt, das sich nicht über Nacht verflüchtigen kann. Im Notfall verkaufst du es, so bleibt dir immer noch ein ansehnliches Vermögen.«

»Sie werden doch die prachtvolle Villa nicht veräußern?« rief Marianne. »Ich erinnere mich noch mit Dankbarkeit des reizenden Tanzabends anläßlich ihrer Einweihung.«

»Ich wurde damals rasend eifersüchtig auf Eybel, so oft ich Sie nur ansah«, sagte Hollerer, seiner Gewohnheit, den Damen Süßholz zu raspeln, auch im Unglück treu bleibend.

Er trank seinen Kaffee aus und warf den Rest der Zigarette in den Aschenbecher.

»Schön haben Sie's da! Wär' er nicht mein Haimonsbruder, ich würde Ihren Mann beneiden. Eine solche Frau, ein solches Heim, eine so tüchtige und nützliche Tätigkeit, noch dazu in ländlicher Umgebung! ... Ich habe auf die falsche Karte gesetzt ...«

Er stand auf und verabschiedete sich unter allerhand scherzhaftem Getändel mit der Gattin des Freundes.

Zu Eybel, der ihn bis an die Tür geleitete, sagte er noch: »Wenn dir vielleicht doch etwas unterkäme? ... Meine Adresse ist Spittelauergasse 3, dritter Stock, Tür 26. Schreib' dir's gleich auf ... Die Dornbacher Villa ist nämlich längst beim Teufel.«

Teilnahmsvoll bekümmert blieben Konrad und Marianne auf dem Balkon zurück. Sie sannen hin und her, ob man ihm nicht doch irgendeine Verwendung, wenn auch untergeordneter Art, würde verschaffen können. Und Eybel nahm sich vor, bei nächster Gelegenheit mit Doktor Alois Birenz, dem Präsidenten der »Moralba«, darüber zu sprechen.

»Besonders aussichtsreich scheint's mir freilich nicht«, sagte er; »denn der Birenz ist als Mann der Eigenkraft persönlichen Einflüssen so gut wie unzugänglich. Und zur sachlichen Unterstützung von Hollerers verlangen läßt sich eigentlich nichts vorbringen.«

Wenige Tage später glitt eine Nachricht, die in allen Blättern stand, wie ein Schatten über das Glück des jungen Paares. Eine aus dem Donaukanal gezogene Leiche war als die des ehemaligen Vorsitzenden und Verwaltungsrates mehrerer einst angesehener Industrie- und Handelsgesellschaften agnosziert worden. Die Zeitungen unterdrückten zwar den vollen Namen, aber die Anfangsbuchstaben A.H. ließen keinen Zweifel darüber, daß einer von den vier Haimonsbrüdern mit Selbstmord geendet hatte.

 

Jener Teil des ehemals Auenmaldschen Besitzes, der als Park erhalten blieb, war nur durch einen still und langsam fließenden Mühlgang von einem anschließenden, ziemlich großen alten Garten getrennt. In diesem Garten lag das sogenannte Himmelhaus, der geräumige, aus der Biedermeierzeit stammende einstige Landsitz der Familie Leodolter. Die »Moralba« hatte es gemietet und im Lauf des Sommers durch entsprechenden Umbau im Innern zwei voneinander getrennte Wohnungen darin bereitstellen lassen, die für die beiden von der Generalversammlung zu Werksdirektoren ernannten geschäftsführenden Verwaltungsräte bestimmt waren.

Der eine von diesen, Georg Leodolter, bezog seine Wohnung im Spätsommer und richtete sich mit seiner Resi, die er seit einiger Zeit scherzweise, wenn auch mit vollem Recht, nur mehr »gnädige Frau« oder »Missis Leodolter« titulierte, ein behagliches Nest darin ein. Die andere von den beiden Wohnungen stand noch leer und sollte erst im Herbst bezogen werden.

Nächst der Eybelschen war die Leodoltersche die zweite Vermählung, die im engeren Zusammenhang mit der Aufnahme der Geschäfte durch die »Moralba« zustande kam. Aus einer dritten ehelichen Verbindung, um welche die männliche Seite sogar in doppelter Besetzung sich heiß bemühte, konnte leider nichts werden, weil die maßgebende weibliche Seite sich ablehnend verhielt. Es hatte nämlich sowohl Doktor Felix Pinkas wie auch Ferry Shykenstool sich in die kleine, lebhafte Principessa verliebt. Beide wurden sie gefühlsduselig, was sonst nicht ihre Art, besonders nicht die des Deutsch-Amerikaners war, und beide suchten sie sich in stillem, schmachtendem Werben in das Herz der noch immer hübschen und begehrenswerten jungen Witwe einzuschleichen, mit der sie auf Generalversammlungen, anläßlich geschäftlicher Besprechungen und dann auch sonst, bei geselligen Gelegenheiten wiederholt zusammengetroffen waren. Ein jeder von ihnen wäre bereit gewesen, sie samt ihren fünf Kindern beherzt vom Fleck weg zu heiraten, hätte sie nur mit dem kleinen Finger gewinkt. Aber Ursel Fürst winkte nicht. Für die Liebe hatte sie keine Gedanken und auch keine Zeit mehr übrig, die Geschäfte und ihre Kinder nahmen sie vollauf in Anspruch. Und dann gab es noch einen andern Grund, das war vielleicht der eigentliche und wahre, aber sie wußte ihn selbst nicht früher, eh' sie nicht die beiden voneinander so verschiedenen Toggenburge einen jeden mit dem gleichen Korbe heimgeschickt. An der Stelle ihres Herzens, wo sie sterblich war, hing nämlich das Bild ihres Vetters Konrad Eybel. Nicht daß sie ihn liebte – beileibe, so weit war's nicht gekommen. Wenn der aber seine Marianne nicht gehabt hätte – wer weiß, was noch hätte werden können. Aber er hatte nun einmal seine Marianne, und aus diesem Grunde wohl hauptsächlich die Principessa keine Zeit und keinen Gedanken übrig für die Liebe ...

Als die Blätter des wilden Weins im kleinen Garten hinter dem Haus »Zum Seidenbaum« sich rot zu färben begannen, rüstete auch Laurenz Hocheder, der zweite der für Dorotheen-Wiese ernannten Werksdirektoren, zum Umzug ins Himmelhaus.

Wochen hindurch war Justine damit beschäftigt gewesen, das Einpacken der Kisten und Koffer zu überwachen und jene hunderterlei Anordnungen zu treffen, welche die Auflösung eines von Väterszeiten her bestehenden Heims und Haushalts erfordert, und dessen Verpflanzung in eine neue Umgebung vorzubereiten. Und Tag für Tag harrte sie nun, während die Koffer mit ihren wenigen persönlichen Habseligkeiten, getrennt von dem übrigen verpackt, längst bereitstanden, dem Eintreffen Severins entgegen. Denn mit Sommersende hatte dieser eine Verpflichtung als Konzertmeister für eine mittlere deutsche Stadt eingegangen, und es war verabredet, daß er kommen würde, sie abzuholen. Gemeinsam wollten sie dann vor Laurenz hintreten, ihm offen eingestehen, daß sie einander angehörten, und ihn bitten, daß er sie in Frieden und ohne Groll ziehen lasse, wozu er schon einmal in seiner hochherzigen Selbstlosigkeit, wenn auch schweren Herzens sich bereit gefunden.

Die Unaufrichtigkeit, mit der Justine ihrem Mann inzwischen zu begegnen sich genötigt sah, machte ihr das Warten zur Qual. Aber ein Briefschreiber war Severin nicht, und so stand er ihr denn eines Vormittags, obgleich längst sehnlich erwartet, nun doch überraschend unerwartet wieder in jenem kleinen Klavierzimmer gegenüber, das in verschiedenen Zeitabschnitten ihres Lebens eine so große Bedeutung für sie gewonnen hatte. Ergriffen vom schicksalshaften Ernst des Augenblicks, flog Justine ihm an den Hals.

»Ich bin bereit!« sagte sie. »Wann reisen wir?«

»Heute abend. Ist Laurenz daheim?«

»Ich will ihn ersuchen lassen, heraufzukommen. Es ist der bittere Tropfen im Kelch meiner Freuden, daß ich ihm diesen Schmerz bereiten muß. Aber die Lüge ist nicht länger zu ertragen, mich dürstet nach Wahrheit. Und dann – du ahnst nicht, wie endlos mir schon die Tage hingingen, bis du endlich kommen würdest. Severin! Denke nur! ... Du nimmst nicht mich allein mit in die Fremde! ... Ich bin zwei! ... Du nimmst auch dein Kind mit dir hinaus in die weite Welt und in unsere gemeinsame Zukunft!«

Er löste sich aus ihren Armen, ging mit unsteten Schritten in dem kleinen Raum umher und ließ sich schließlich auf demselben Stuhl am Klavier nieder, wo er einst das »Gebet« gesungen. Nachdenklich starrte er zu Boden, den linken Arm auf den Deckel des Flügels gestützt.

»Du freust dich gar nicht?« mahnte sie vorwurfsvoll.

»Freuen –? Freust denn du dich?«

Sie gab keine Antwort, verstand nicht, wie er fragen konnte. Mit großen, erstaunten Augen beobachtete sie ihn, wie er mit halber Stimme die von ihm selbst komponierte Weise vor sich hinsummte: »Durch eine dunkle Pforte eingetreten, fand ich zu diesem Dasein mich verdammt ...«

Bald erhob er sich wieder und fing abermals an, im Zimmer umherzugeistern.

»Kinder in die Welt setzen, ist eine verantwortungsvolle Sache«, sagte er. »Künstler taugen auch nicht zu Vätern, dafür sind die bourgeoisen Stubenhocker gerade die richtigen!«

»Ein Kind bringt doch auch Verjüngung, Freude, Hoffnungen ins Haus –?« sagte Justine schüchtern, mit bitterem Weh im Herzen und Tränen in den Augen.

»Vor allem Geschrei und Sorgen!« sagte er vor ihr stehenbleibend und sie wild anblickend.

»Dann hättest du dich nicht mit mir abgeben dürfen!« rief sie in aufkochendem Zorn.

»Das ist gar nicht gesagt!« gab er heftig zurück. »Darum braucht man noch kein Kind zu bekommen! Ich mag keins, und du wirst auch keins bekommen! Heutzutage macht man das anders. Alle machen es so!«

»Ich nicht! Ich nicht! Das kannst du mir glauben!«

»Warum nicht? Sei vernünftig, Justine! Sieh, ich liebe dich, aber –«

»Du liebst mich nicht!« schrie sie auf. »Dir ist das Weib nichts als das Gefäß deiner Lüste!«

»Und dir die Liebe nichts als die Kinderstube! Der Mann mit seiner Künstlerschaft, seinen geistigen und seelischen Interessen wiegt dir leichter als eine nasse Windel!«

»Wer sagte mir doch einst, das Geschöpf, das da werden will, sei wichtiger als das persönliche Wohl und Wehe der Liebenden?«

»Aber nicht wichtiger als ihr Weg zur Vollendung!«

»Für eine Mutter gibt es nichts wichtigeres als ihr Kind!«

Wieder nahm er sein Umhergehen im Zimmer auf.

»Das sind die Vorurteile der bürgerlichen Gesellschaft, die noch in dir spuken!« grollte er vor sich hin. »Ich glaubte dich zur Freiheit erzogen zu haben, aber du kommst nicht los von dem rückständigen Gedankenkreis dieser Lande von Brotsitzern und Ausbeutern!...«

Abermals blieb er vor ihr stehen und versuchte einzulenken: »Justine! Höre! Wir lieben einander! Von früher Jugend auf waren wir füreinander bestimmt. Die engherzige Sippschaft hat uns auseinandergerissen. Nun winkt uns endlich Erfüllung. Nun dürfen wir endlich wir selbst sein. Eine freudig lockende Zukunft tut sich vor uns auf. Wir werden unserer Kunst leben! Den Gipfel des Ruhmes erklimmen! Jeder Tag wird ein neuer Glückstag für uns sein! Aber dazu müssen wir auch ausschreiten können, frei und unbeschwert. Ein Kind würde uns ewig ein Hemmschuh bleiben. Man muß es doch nicht haben! Eines Hemmschuhs entledigt man sich eben, wenn es bergauf gehen soll! Das ist heute allgemeiner Brauch. Man ist einsichtsvoller geworden in der Hinsicht. Man läßt die Vernunft walten und nicht den dummen Zufall. Und du bist doch sonst vernünftig genug, hast dich frei gemacht von so vielem, was wie Spinnweb an den Seelen klebt in diesem stickigen Haus, in dieser versumpften Umgebung satter Spießer und Familiengründer, die sich noch mit ihrem letzten Atem an die nichtigsten Vorurteile klammern wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm ... Justine! Du wirst Vernunft annehmen, sag' mir's! Du siehst ein, daß es unmöglich ist? Du verzichtest darauf, mir zulieb? Justine, nicht wahr, du verzichtest darauf!«

»Niemals! Niemals!« schrie sie auf. »Geh! Laß mich! Alles, alles wäre ich bereit gewesen für dich hinzugeben, aber mein Kind nicht! Mein Kind nicht!«

»Was für große Worte für eine Sache, die Unzählige ohne viel Aufhebens glatt erledigen!« sagte er kühl, »Laß jetzt den Laurenz rufen, daß wir mit ihm reden. Über das andere wollen wir zu gelegenerer Zeit schon einig werden. Nach und nach muß dir doch die Einsicht aufgehen!«

»Diese Einsicht nie, darauf wartest du vergebens! Geh, sag' ich! Laß mich! Mein Kind opfere ich dir nicht! Und daß du es nur weißt, ich komme auch nicht mit dir, was immer daraus werden mag! Ich habe nichts mehr mit dir gemein, ich sage mich von dir los! Geh! Mach, daß du fortkommst, ich kenne dich nicht mehr! Geh! Geh!«

Im Speisezimmer nebenan ging die Tür. Laurenz, der im Hause erfahren hatte, sein Bruder sei angekommen, trat ein. Wie ein Rasender stürzte Severin an ihm vorbei aus dem Gemach. Befremdet, erschrocken, versuchte er ihn zurückzuhalten. Aber der Enteilende riß sich los, schon schlug die Tür hinter ihm ins Schloß, kein Rufen holte ihn ein.

Kopfschüttelnd kehrte Laurenz zurück. Noch gellte in seinen Ohren die erhobene Stimme seiner Gattin nach, die er beim Eintreten und früher, sogar schon im Vorzimmer vernommen. Hatte es einen Wortwechsel gegeben? Er wußte sich nicht zurechtzufinden und blickte ratlos und gepreßten Herzens auf Justine nieder, die an einem Polsterstuhl in die Knie gesunken war und weinend ihr Antlitz in die über das Kissen gekreuzten Arme barg.

»Kind! Kind! Sag, was gibt's? Was ist geschehen?«

Ihr Schluchzen dauerte an. Schweigend blieb er stehen, voll Mitleid und Gram. Geduldig ließ er Zeit vergehen, bis sie endlich den Kopf hob und ihre Tränen trocknete. Ohne ihre Stellung zu verändern, blickte sie zu ihm auf, noch immer auf den Knien liegend wie eine Büßerin.

»Erkläre mir, Justine, was bekümmert dich so sehr?«

»Ich muß dir ein Geständnis machen«, sagte sie, ihm offen ins Auge sehend. »Ich habe mich mit Severin vergangen.«

Laurenz trat an den Flügel und setzte sich auf denselben Platz, wo eben vorhin noch Severin gesessen. Genau wie dieser stützte er den linken Arm auf den Deckel und starrte umflorten Auges zu Boden. Ganz still war es in dem kleinen Raum, nur eine Uhr hörte man ticken ...

»Das hättet ihr mir nicht antun müssen«, sagte er endlich. »Der Bruder! Die eigene Frau! Und hinter meinem Rücken! Schon damals stellte ich dir frei, ihm zu folgen.«

»Ich liebte ihn und brachte es doch nicht übers Herz, dich zu verlassen. Das ist meine Schuld.«

»Es tut mir weh, daß du nicht offen zu mir warst.«

»Eben heute wollten wir vor dich hintreten mit der Bitte, uns ohne Groll ziehen zu lassen.«

»Und warum stürmte Severin wie ein Verrückter an mir vorbei und davon?«

»Ich gehe nicht mit ihm«, sagte sie. »Aber ich kann auch nicht länger bei dir bleiben.«

»Warum gehst du nicht mit ihm?«

»Ich bin in der Hoffnung, und er mag kein Kind.«

Wieder hörte man die Uhr ticken. Laurenz hatte die Hand über die Augen gebreitet und verharrte unbeweglich. Vielleicht weinte er im stillen? Vielleicht überlegte er nur und suchte sich in der neuen Lage zurechtzufinden?

»Und wohin willst du dich wenden,« fragte er endlich, »wenn du nicht mit ihm gehst und auch nicht bei mir bleibst?«

»Ich muß eben trachten, mich irgendwie fortzubringen. Mich und das Kind. Viele Mütter sind in der gleichen Lage.«

Es verging Zeit. Keines von beiden sprach. Beppi meldete, daß das Mittagessen bereit sei. Sie hörten nicht darauf. Sie verharrten unbeweglich in ihren wühlenden Gedanken. Endlich erhob Justine sich vom Fußboden und strich ihr goldenes Haar zurecht. Sie trat ans Klavier: »Verzeih mir, wenn du kannst! Und lebe wohl!«

Laurenz schüttelte den Kopf: »Verzeihen? Ich klage dich nicht an. Ich hätte dich nicht zu meinem Weib machen dürfen.«

»Es gab eine Zeit, da war ich dir dankbar dafür.«

»Für Frauenliebe bin ich nicht geschaffen. Das hätte ich wissen müssen ...«

»Ich liebte dich und liebe dich noch, wenn auch in ganz anderer Art als Severin.«

»Vielleicht mehr als Vater?« sagte er. »Dafür würde ich mich freilich besser eignen als zum Liebhaber ... Sag', Justine, was soll nun aus euch werden, aus dir und dem Kind?«

»Da Severin nichts von uns wissen will, so brauchst auch du dir keine Sorgen darüber zu machen.«

»Du irrst! Das Kind ist vor dem Gesetze mein Kind, wenn ich mich nicht ausdrücklich dagegen verwahre. Diese Verwahrung werde ich nicht einlegen, deinethalben nicht und auch um meiner selbst willen nicht. Es bleibt also vor dem Gesetze mein Kind. Und daß du dieses der Ungewißheit, vielleicht dem Elend preisgeben willst, kann ich nicht zugeben.«

»Was soll ich tun?«

»Ich denke darüber nach.«

»Wie kann ich dir Genugtuung verschaffen? Wie meine Schuld sühnen?«

»Jedenfalls nicht dadurch, daß du in deinem Zustand blindlings davonläufst. Weißt du nicht, daß ich dich noch immer liebhabe – trotz alledem? Willst du mir neue Herzensqualen verursachen, indem du mich bangen machst um dich und dein weiteres Ergehen?«

»Ich habe das Recht verwirkt, deine Frau zu heißen, und muß dein Haus verlassen.«

Er neigte ernst und traurig das Haupt.

»Das Recht, meine Frau zu sein, hast du verwirkt. Aber ein Platz in meinem Hause bleibt dir offen, wenn du nicht anders entscheidest.«

Neue Tränen traten ihr in die Augen. Die Güte dieses Mannes, den sie betrogen, überwältigte sie. Von Zweifeln zerrissen rang sie um einen Entschluß.

»Laß uns dein Kind«, sagte Laurenz, »in gemeinsamer Sorge zu einem guten, reinen und tüchtigen Menschen erziehen. Dann wird es auch mein Kind werden, nicht bloß vor dem Gesetz, auch vor meinem Herzen!«

Aufschluchzend sank Justine vor ihm in die Knie wie vor einem heiligen. Und inbrünstig küßte sie seine Hände.

 

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