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Im Haus zum Seidenbaum

Emil Ertl: Im Haus zum Seidenbaum - Kapitel 18
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authorEmil Ertl
titleIm Haus zum Seidenbaum
publisherDie Buchgemeinde/Berlin
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Hauptmann Eybel erging sich inzwischen, beseligt, die süße Last am Arm zu spüren, mit Marianne Hocheder im Tanzsaal. Die Musik hatte ausgesetzt, in trautem Geplauder machten zahlreiche Paare die Runde.

»Wie geht's dem Vater?« fragte er.

Ach, es ging ihm immer gleich gut und schlecht. Er dämmerte so hin. Nur zeitweise kam es über ihn wie ein Aufleben. Dann konnte plötzlich der alte Eigenwille zurückkehren und ihn zu einem recht schwierigen Patienten machen.

»So war's heute morgen«, sagte Marianne. »Zufällig fand er die gedruckte Einladung Hollerers auf meinem Schreibtisch und bestand durchaus darauf, ich müsse auch einmal eine Zerstreuung haben und das Fest mitmachen. Kein Einwand konnte ihn davon abbringen. Meinst du, ich wäre sonst hergekommen?«

»Bereust du es?«

»Da du hier bist – nein! Seit fast Dreivierteljahren sehnte ich mich nach dir.«

»Und ich nach dir. Unserer Liebe ist eine schlimme Zeit beschieden. Du kommst ja kaum einen Schritt mehr vom Vater weg!«

»Und du vom Reißbrett.«

»Euer Haus zu betreten, wäre mir doch versagt. Der alte Herr bedarf der Schonung. Solange ich nichts weiter bin als ein abgebauter Hauptmann, würde ich nicht wagen, ihm unter die Augen zu treten. Du hast mir sogar untersagt zu schreiben, und ich möchte manchmal fast verzweifeln, wenn ich Wochen und Wochen hindurch nichts von dir höre. Ein Briefchen ab und zu gewechselt – das wäre doch kein so arges Vergehen?«

»Es müßte hinter dem Rücken des Vaters geschehen, und das bedrückt mich.«

Sie schien zu überlegen, dann sagte sie: »Von Kindheit auf war mir der Wille des Vaters der allein maßgebende. Aber dann dürfte ich dich auch nicht lieb haben und kann doch nicht anders ... Du hast recht,« entschloß sie sich, »ich denke, ich könnt's vor meinem Gewissen verantworten. Es wär' mir ja selbst ein solcher Trost und eine unsagbare Freude, wenn ich hier und da einen Brief von dir hätte und dir auch schreiben könnte.«

»Also – sagen wir ...«

»Alle vierzehn Tage einmal«, fiel sie ihm ins Wort.

»Warum nicht jede Woche einmal?« bat er. »Sagen wir – jeden Sonntag!«

»Nun denn,« gestand sie ihm zu, »jeden Sonntag. Wie gut wißt ihr Männer unsere Schwäche auszunützen! ... Was hast du die Zeit her erlebt?«

»Ich sagte es schon, ich sehnte mich nach dir!«

»Sonst nichts?«

»Doch! Zwei gute Nachrichten halte ich dir bereit. Die Frage meiner Staatszugehörigkeit ist entschieden, ich bin Österreicher und beziehe endlich den mir gebührenden Ruhegenuß. Er ist bescheiden genug, reicht aber für meine Bedürfnisse hin und enthebt mich wenigstens der drückendsten Sorgen. Das ist das eine. Und zum zweiten hab' ich meine ersten Vorprüfungen mit gutem Erfolg bestanden und das Modell einer Jacquardmaschine konstruiert, mit der nach dem Urteil technologischer Fachleute eine nicht unbedeutende Kraftersparnis zu erzielen wäre. Du siehst, der Lehrjunge ist nicht müßig, er wird bald Gesell und schließlich Meister sein ... Dann führ' ich dich heim, Mädel,« sagte er fröhlich, »ob du magst oder nicht!«

»Von mir aus brauchte der Lehrbub nicht erst Meister werden, ich heiratete ihn, wie er ist, vom Fleck weg. wenn's möglich wär'. Aber dem Vater zulieb müssen wir freilich noch warten, bis die Sache auch ein gewisses Ansehen hat.«

»Ja, das müssen wir wohl ...«

Er stockte, er schwieg ... Eben erst hatte die Geliebte sich nachgiebig gezeigt, da sie den Widerstand gegen das Wechseln von Briefen aufgab. Der gereichte Finger machte ihn lüstern nach der ganzen Hand.

Er sagte: »Es ist viel verlangt, daß ich inzwischen schon in einem kleinen Sonntagsbriefchen einen Fortschritt erblicken soll! In beschriebenem Papier, wenn auch von deiner lieben Hand beschrieben!« Und mit wachsender Kühnheit begann er sie zu bedrängen: »Könnten wir uns denn nicht manchmal auch sehen? Miteinander sprechen? Uns lieb haben?... Marianne überleg' es! ... Ich meine ... ich denke, ob sich's nicht einrichten ließe ... Marianne!...«

Mit verliebten Augen sah er sie an. Mehr denn je entsprach die Frische und Schönheit des vom Tanz erhitzten Mädchens der lieblich malenden Schilderung des Märchens: Weiß wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz. Angefacht von ihrem sinnberückenden Anblick im Getriebe der festlichen Umgebung entbrannten seine Wünsche. Die allzulange niedergehaltene Sehnsucht, erhitzt bis zum Ungestüm, wallte auf und erschütterte die gewohnte Besonnenheit und Strenge, daß Glut des Verlangens aus der geübten Entsagung hervorschlug. Und ebenso wie damals nicht Eybel, nur Eybels Beine es gewesen waren, die Mariannen von der Kirche am Hof bis in den Rathauspark verfolgt hatten, so war's auch jetzt nicht er selbst, der zu ihr sprach, es war die Leidenschaft, die aus ihm redete, rasende Verliebtheit, wildaufflackerndes Begehren.

»Marianne, sieh, das Leben wäre so schön – unter den Fingern entgleitet es uns! Halten wir es doch fest, wir sind jung und niemand verantwortlich als uns selbst. Ein Stündchen oder zwei ab und zu könntest du dich freimachen, wenn du nur wolltest. Warum kommst du nicht in meine Arme? Wen ginge es was an? Wär's nicht unsere eigene Sache? Das gute Recht der Liebe? Denk', wieviel Freude uns dadurch geschenkt wäre, wieviel Glück! Wie froh und glücklich ist Georg Leodolter mit seiner Resi! Weshalb tun wir's ihnen nicht gleich?«

Wahrlich, es war nicht Eybel selbst, der also sprach, der umsichtige, besonnene, still liebende Eybel. Es war die Leidenschaft, die aus ihm redete, rasende Verliebtheit, wildaufflackerndes Begehren! Aber Marianne wußte es nicht, sie glaubte, er selbst hätte zu ihr gesprochen. Darum sah sie so betreten drein. Darum verfärbte sie sich und wurde traurig.

»Die treiben's offen,« sagte sie, »wir müßten's heimlich tun.«

Aber noch immer redete eine fremde Gewalt aus ihm, als er fortfuhr, in sie zu dringen: »Geheimnisse sind so süß, Marianne! So süß, so unsagbar süß!«

Sie aber sah ihm mit ungewohntem Ernst ins Auge und schüttelte den Kopf: »Geheimnisse machen unfrei vor den Menschen!«

Das Wort traf ihn wie eine Offenbarung. Der tiefste Grund jener Macht, die Herkommen und Sitte ausüben, schien ihm darin beschlossen und dadurch gerechtfertigt. Wie einer, der mitten im stürmischen Lauf jäh einhält, besann er sich. Die wilde Leidenschaft war verflackert. Es leuchtete wieder die reine, stete Flamme der Liebe. Und nun war es auch wieder er selbst, nicht ein im Grunde Fremdes, das aus ihm gesprochen hätte, Eybel selbst, der die volle Verantwortung trug und tragen konnte für das, was er sagte.

»Liebste, was du da aussprachst, ist so schön und wahrhaftig, daß ich niederknien und dir dafür die Hände küssen möchte!«

Oh, wie frei atmete Marianne jetzt auf, wie beglückt konnte sie wieder lächeln!

»Sogar das Niederknien«, sagte sie heiter, »wirst du dir auf einen günstigeren Zeitpunkt sparen müssen.«

Die Musik setzte in diesem Augenblick wieder ein, lockend, holdselig-scherzend, herzbrechend-lustig, ein Walzer, wie es ihn nirgends gibt als hier, auf diesem alten Boden von Wien, wo der fröhlich kichernde Wind der Berge sich mit der schwermutsvollen Glut des weithindämmernden Flachlandes mischt ...

Unbändige Lebensfreude, sieghaft wie die ewige Reinheit selbst, durchpulste die Liebenden. Zum Tanz antretend, legte Eybel den Arm um Mariannens Mitte und drückte sie sachte an die Brust.

»So viel wird doch wohl noch erlaubt sein?«

Aug' in Auge lächelten sie einander zu.

Weich und schmelzend, nur aus den vom Klavier untermalten Streichinstrumenten aufklingend, sangen die »Donauwellen« durch den Saal. Und auf ihren wiegenden Fluten trugen sie das Glück zweier liebender Herzen über die ungeklärte Gegenwart hinweg ins Meer der erträumten Seligkeiten hinüber ...

 

In vorgerückter Stunde traf dann Hauptmann Eybel in der Bar, die in den tiefgelegenen Räumen des Hauses eingerichtet war, mit Felix Pinkas zusammen, dem einzigen Sohn und voraussichtlichen Erben einer der angesehensten Seidenfirmen, der die Fabrik in Dorotheen-Wiese leitete und nur selten nach Wien hereinkam.

Er ergriff die Gelegenheit, den jungen Mann, der einige Jahre weniger zählen mochte als er selbst, näher kennenzulernen um so lieber, als er mit dessen Vater Jacques Pinkas durch Vermittlung Georg Leodolters bereits gewisse Beziehungen unterhielt. Felix, der den Doktor der Rechte gemacht hatte, war ein feiner, blasser Mensch von fast weiblicher Anmut und Sanftheit, dem das ziemlich langgewellte schwarze Haar das Aussehen eines Künstlers verlieh, wie man sich einen solchen etwa zur Zeit der Nazarener vorstellte. Im Gespräch ergab sich, daß er an einem innern Zwiespalt litt, er machte Eybel gegenüber, der rasch sein Vertrauen gewonnen zu haben schien, kein Geheimnis daraus.

»Die fortschreitende Industrialisierung tut mir im Grunde weh«, sagte er. »Der Gedanke der sogenannten ›Moralba‹, über die ich mich mit meinem Vater wiederholt unterhalten habe, wäre wunderschön, wenn die vereinfachte Organisation sich auswirkte in der Verbilligung der Ware, in der Besserstellung der Arbeiterbevölkerung und damit in der Förderung des Gemeinwohles, wie die Menschen wirklich sind, wird, fürcht' ich, nichts dabei herauskommen als ein Trust, ein Industriellen-Ring, ein Kartell zum Hochhalten der Preise.«

»Das wird ganz von den Menschen abhängen, die dabei beteiligt sind«, sagte Eybel. »Georg Leodolter vertritt – meines Erachtens mit Recht – den Gedanken, daß der Industrielle der Zukunft nicht bloß nüchtern rechnender Geschäftsmann, daß er auch etwas wie ein Schöpfer und Künstlergeist sein muß, sein kann, sein wird. Und schöpferisch wie ein Künstler sein, hat Pater Wilfrid in einer Predigt, der auch Ihr Vater beiwohnte, so wunderschön gesagt, bedeutet, der persönlichen Zwecke vergessend, sich selbst verschenken an höhere Gemeinschaftsziele. In dieser großen und mutigen Hingabe seiner selbst wurzelt das unvergleichliche Glücksgefühl, das den Künstler bei seiner Arbeit über das Irdische hinaushebt, das aber auch jeden andern Menschen beseelen und beseligen kann, der in solchem Geiste auf irgendeinem Gebiet ein Schaffender ist. Und wüßten Sie mir denn etwas sonst zu nennen, das den hochstehenden ein mit heißerer Leidenschaft erstrebenswertes Ziel dünken könnte, als ein derartig gesteigertes Glücksgefühl? Warum sollten wir also an die Möglichkeit der ›Moralba‹ als einer auf idealer Grundlage aufgebauten Industrievereinigung nicht glauben dürfen, warum den Gedanken in seiner edelsten Prägung für eine totgeborene Utopie halten, wenn eine so greifbare Verheißung lockt? Aber freilich – ich spreche von Glück im hohen und reinen Sinne, von der Freudigkeit des Herzens, nicht von Genuß, nicht von Gewinn und dergleichen mehr. Die Voraussetzung bleibt der Glaube an eine gesteigerte Erscheinung der menschlichen Gesellschaft, in der der geniale Idealist letzten Endes stärker sein wird als der gerissene Geldverdiener«

»Ich verstehe Ihren Glauben und will mich bemühen, ihn zu teilen«, sagte Doktor Felix, das Haupt schwermütig neigend wie eine Gestalt von Overbeck, Veith oder Schnorr. »Für mich selbst freilich wäre höchstes Glück nicht im Wirken erreichbar.«

»Worin sonst?«

»Im Betrachten. Lachen Sie mich aus, aber könnt' ich, wie ich wollte, so wär' ich Einsiedler auf freier Bergeshöhe, in Himmels- und Wolkennähe, allein mit Gott – Baum, Fels und Tier meine Geschwister.«

»Bequemlichkeit!« versetzte Eybel trocken.

Felix Pinkas erschrak: »Bequemlichkeit sagen Sie? Ist Gottesnähe Bequemlichkeit?«

»In gewissem Sinne vielleicht doch, wenn sie Neigung zu Menschenflucht einschließt. Es ist leichter, als Einsiedler auf einsamer Bergeshöhe ein heiliger, als mitten im tätigen Leben ein tüchtiger Kerl und anständiger Mensch zu sein.«

»Sie sind hart. In gewissem Sinne muß ich Ihnen freilich recht geben, und doch – Ihnen vertrau' ich's ganz heimlich – die höchsten Beglückungen schöpfe ich aus mystischer Gottseligkeit. Es ist ein Widerspruch, ich weiß es. aber es ist so: In meinen Freistunden lese ich – ich, der Sohn von Pinkas und Kompanie! – nichts lieber als die alten deutschen Mystiker, auch Angelus Silesius. Welche Entrücktheit von der Erde! Welche Tiefe des Gottempfindens! Gibt es etwas, das so echt und im besten Sinne deutsch wäre?«

»War Martin Luther etwa kein echter, kein guter Deutscher?« antwortete Eybel. »Auch er hat die mystische Gottseligkeit nicht über Bord geworfen, Aber er erlöste sie vom mittelalterlichen Müßiggang, indem er ihr das tätige Wirken, die Pflichten gegen die Allgemeinheit paarte und sie dadurch erst wahrhaft wohlgefällig machte.«

Aufhorchend und erregt fragte der junge Mann: »So meinen Sie, daß beides vereinbar wäre?«

»Gewiß, ich zweifle keinen Augenblick daran! Und für uns Heutige bleibt das wie der Verschmelzung jener scheinbaren Gegensätze sogar die Frage aller Fragen. Es ist verhältnismäßig leicht, sich in die Tiefen der Religion zu versenken. Und es ist ein Kinderspiel, Mensch eines Zeitalters der Technik zu sein. Das Problem, auf dessen Lösung es ankommt, ist schwieriger.«

»Und worin besteht dieses Problem?« fragte Doktor Felix gespannt.

Es besteht darin, eine vertiefte Religiosität, einen geläuterten und mit der fortgeschrittenen Erkenntnis vereinbarlichen Gottesbegriff hinüberzuretten ins tätige Leben des vom Lärm der Maschinen erfüllten Alltags.«

»Sie geben mir viel mit diesem Wort«, sagte Felix Pinkas nachdenklich. »Ich wäre dankbar, könnt' ich öfters mit Ihnen beisammen sein.«

Rumpsack war eingetreten und nahm an ihrem Tische Platz. Bald danach kam auch August Hollerer. Es war spät geworden, die Flut der Gäste hatte sich verlaufen. Jetzt fing er erst zu leben an, ließ sich ein Glas Pilsener Bier kredenzen und setzte sich aufatmend zu der übriggebliebenen kleinen Runde. Er war ermüdet durch die quecksilbrig erfüllten Pflichten des Gastgebers und etwas mißmutig, weil er nachträglich die Leerheit dieser Art von Geselligkeit empfand. Auch die folgenden Gedanken des Tages, die ihn seit einiger Zeit verfolgten, meldeten sich jetzt wieder, nachdem der Lärm verhallt war.

»Ich fürchte, wir gehen einer schweren Zeit entgegen«, sagte er zu Doktor Felix. »Mit der guten Konjunktur dürfte es vorüber sein.«

»Im Gegenteil«, antwortete dieser. »Ich habe Vertrauen zu der neuen Regierung. Wenn irgendeiner, so gelingt es ihr, die Wirtschaft wieder auf gesunden Boden zu stellen.«

Aus vollster Überzeugung und mit Wärme trat Konrad Eybel dem jungen Pinkas bei: »Endlich, endlich sehen wir einen wirklichen Staatsmann am Werk! Man merkt schon jetzt, daß die Währung sich zu festigen beginnt.«

»Das ist es ja eben, was ich meine!« beharrte Hollerer. »Unser gesamtes wirtschaftliches Leben ist auf die Inflation eingestellt und muß zusammenbrechen, wenn man diese jäh unterbindet!«

Betreten schwiegen die andern, Sie merkten, daß es mit dem Herrn dieses Hauses für sie keine Verständigung geben konnte, was ihnen Hoffnung war, war ihm Befürchtung.

Rumpsack aber sagte: »Wenn man das Nashorn putzt, müssen die Madenhacker verhungern.«

»Was heißt das?« brauste Holleier ungehalten auf.

»Na, du wirst doch wissen, August, was ein Madenhacker ist? – Nein? – Also: Der Madenhacker ist ein Vogel, der in Scharen das ostafrikanische Nashorn umkreist und sich von dem Ungeziefer nährt, das in der runzlichen Haut des Dickhäuters nistet, wenn nun ein Mann mit Seife und Bürste käme und das Rhinozeros fein säuberlich reinfegte, so hätten die Madenhacker bald nichts mehr zu beißen. Sonach ist es nur natürlich, wenn diese Art Vögel auf den Mann mit Seife und Bürste nicht gut zu sprechen sind.«

»Der Vergleich hinkt auf allen vier Beinen!« sagte August Hollerer erbost.

»Durchaus nicht, er läßt sich sogar nach weiter ausspinnen. Das Nashorn nämlich ist ein Säuger, der zwar recht gut hört und wittert, aber an Kurzsichtigkeit leidet. Der Madenhacker dagegen hat wie viele Vögel ein überaus scharfes Auge. Wenn nun der Mann mit Seife und Bürste sich nähern will, so gewahrt er ihn schon auf große Entfernung, stößt Warnungsrufe aus und erhebt ein wüstes Gekreisch. Man kann es dem Madenhacker nicht übelnehmen, er fürchtet sich um sein tägliches Brot. Das dumme Nashorn aber, das nicht weiß, daß der Mann mit Seife und Bürste ihm nur wohlwill, indem er es vom Ungeziefer und damit auch vom Madenhacker befreien möchte, erschrickt gewaltig über das warnende Gekreisch der Vögel. Es meint, ihm selbst drohe Gefahr, und rennt davon, so schnell es kann...«

»Das ist der Grund,« schloß Rumpsack, vergnügte Äuglein machend, »warum schon ein ganzer Kerl wie der gegenwärtige Bundeskanzler dazu gehört, um an das von Parasiten verseuchte und von unersättlichen Madenhackern umschwärmte Rhinozeros nur überhaupt heranzukommen.«

Der Hausherr hätte es für ebenso unklug wie engherzig gehalten, nicht mitzulachen, doch wahrte er seinen Standpunkt, indem er sagte: »Die schwarzen Köche haben noch nie für jemand andern gekocht als für sich selbst oder für Rom.«

Er spielte damit auf das geistliche Gewand an, das der derzeit leitende Staatsmann trug. Konrad Eybel hingegen ließ nun einmal über eine Persönlichkeit, deren seltene Eigenschaften er als überaus wertvoll erkannt zu haben glaubte, nichts kommen. Er bemerkte, daß er sich durch keine von Standes- oder anderen Vorurteilen beeinflußte Redensarten werde behindern lassen, jeden Baum nach seinen Früchten zu beurteilen, und pries sein Vaterland glücklich, dem das Schicksal gerade noch im letzten Augenblick einen besonnenen und weitblickenden Führer geschenkt habe, einen Mann der reinen Hände, der Bedürfnislosigkeit und Uneigennützigkeit in dieser feilen, üppigen und raffsüchtigen Zeit, einen Mann der sachlichen Zielbewußtheit mitten in der zerfahrenen Partei- und Eigennutzwirtschaft.

Und Doktor Felix Pinkas sagte: »Nur ein Mensch, der Gottessendung in sich fühlt wie dieser, wird den ungeheuren Schwierigkeiten, die es in diesem verrotteten Staatswesen zu überwinden gibt, gewachsen sein.«

Er neigte sein Haupt leidvoll zur Seite, und das dunkle Auge sah dabei so sehnsüchtig in eine unbekannte Ferne, daß Rumpsack die Arme über der Brust kreuzte und ihn verstohlen beobachtete, seltsam berührt und gefesselt durch die schleierhafte Problematik einer schwer zu entziffernden Wesensart. Unwillkürlich mußte er wieder einmal an seine verkehrt eingesetzten Bäumchen denken...

Als dann spät Nachts Konrad Eybel und Gottlieb Rumpsack auf dem Heimweg ein Stück gemeinsamen Weges durch die stillen Gassen gingen, zog der Ehrendoktor der Schutzengelgasse ein weißes Blatt aus der Brusttasche

»Hier das höheren Orts befohlene Sonett. Sei so gut und gib es ihr.«

»Marianne wünschte doch, du solltest es ihr selbst vorlesen?«

»Bin nicht dazu gekommen. Ergab mich in Verborgenheit dem stillen Suff.«

»So gib's ihr doch selbst im Seidenbaum, du siehst sie eher als ich.«

»Ich seh' sie nie!« behauptete Gottlieb in querköpfiger Laune. »Ich bin ihr nah' und doch so fern. Und wenn ich sie wirklich einmal sähe – so höchstens, wie der Frosch im Pfuhl die Sterne sieht, wenn sie in unnahbarem Glanz vom nächtlichen Himmel strahlen. Er freut sich ihrer Pracht, aber er unterhält keine näheren Beziehungen zu ihnen, und sein Quaken dringt nicht bis in ihre Höhe... Du schreibst ihr wohl einmal«, sagte er; »dann schickst du ihr das arme kleine Gedicht, so ist's am einfachsten. Ich ließe mich entschuldigen, daß ich mich nicht von ihr verabschiedet hätte, es täte mir leid, ich hätte ohnedies nach ihr gesucht wie nach einer Stecknadel, aber alkoholisiert, wie ich gewesen, unter den vielen reizenden Mädchenbeinen die ihrigen nicht mehr herauszufinden vermocht.«

Sie hatten die Straßenecke erreicht, wo ihre Wege sich trennten.

»Gute Nacht!« rief er und bog ab.

Konrad blieb nach eine Weile stehen, das ihm aufgedrungene Blatt in der Hand, und sah kopfschüttelnd der dunklen Gestalt nach, wie sie mehr und mehr mit dem Schatten der Häuser in eins zusammenfloß. Und allmählich verhallten auch die Schritte des Freundes auf dem Pflaster.

 

Ihr hochfahrenden und stattlichen Rechthaber, ihr Unentwegten und Selbstgerechten, die ihr mit gebieterischer Gebärde über andere zu Gericht sitzet und euer absprechendes Urteil aus der Überhebung schöpft, wisset, daß auch für euch der Tag kommt, wo ihr als Angeklagte vor einem Richter stehen werdet, der euch zu hart und streng dünken würde, ließe er ausschließlich Gerechtigkeit und nicht auch Milde und Nachsicht walten. Dann dämmert euch wohl – ach, viel zu spät! – die Erkenntnis auf, daß das vielleicht edle Bestreben, das euch ursprünglich leitete, der Trieb, der Gemeinschaft tätig anzugehören, für sie zu leben, fördernd und bessernd auf sie einzuwirken, ein Vorrecht der Liebe bleibt. Denn nie und nimmer ist der Mensch imstande, anderen etwas zu sein, sie zu beraten, ihnen zu helfen, bevor er nicht in sich selbst den verneinenden Gedanken auszutilgen vermochte, der das Bewußtsein beschwert mit widerwärtigen Eindrücken und Erinnerungen, mit unfruchtbaren Gehässigkeiten und ewig um und um gewalzten Vorwürfen. Nur der Erlöste vermag zu erlösen. Krittliche Worte, die aus einem gereizten Gemüt kommen, peinigen, ohne zu nützen. Dagegen wittert der Bedrückte auch ohne viel Worte die Kraft des aufbauenden Geistes, die ihn tröstet und speist. Denn Wärme und Licht strahlt aus, wo Wärme und Licht ist, aber Kälte und Finsternis herrschen, wo beide fehlen.

Solche Gedanken etwa mochten es sein, die Pater Wilfrid beschäftigten, als er ans Sterbebett Exzellenz von Mairolds berufen wurde. Geduldig hörte er die Klagen des Schwerleidenden über das schreiende Unrecht an, das eine verruchte Zeit ihm zugefügt habe, und über den Undank, mit dem ihm die hingebungsvolle Pflichterfüllung eines ganzen Lebens vergolten worden sei. Und er konnte es auch nicht verhindern, daß der General fortfuhr, sein Herz auszuschütten, als die Klagen sich zu leidenschaftlichen Anklagen steigerten, gegen die Mitmenschen, von denen so viele den Mantel nach dem Wind gehängt, ihre politische Überzeugung verleugnet und sich liebedienerisch den neuen Verhältnissen angepaßt hätten. Zu Anklagen gegen die Weltordnung sogar, die dem Gerechten schwerere Leiden auferlege als dem Ungerechten und es zulasse, daß die getreuen Söhne Österreichs und der einzig wahren, der katholischen Kirche, vielfach zurückstehen müßten gegenüber der glaubens- und vaterlandslosen Masse, die durch Gewalt und Bedrohung zu einem so ungebührlich großen Einfluß gelangt sei in diesem unseligen bolschewikischen Staatswesen

Dem Kranken, der an einer beiderseitigen Lungenentzündung litt, fiel das Sprechen schwer, nur stoßweise entrangen sich die Worte seinem Munde, manchmal ohne rechten Zusammenhang, mit Seufzen und Stöhnen vermischt, von Pausen der Ermattung unterbrochen. Dennoch blieben die liebevollen Ermahnungen des Geistlichen, sich zu schonen, erfolglos. Der General hatte es sich nicht versagen können, noch sterbend die Rolle des Nörglers und Absprechers zu spielen, die ihm zur zweiten Natur geworden war. Jedem Ungläubigen, jedem Gotteslästerer, dem schwersten Sünder sogar wäre leichter zu helfen gewesen als diesem von der eigenen Tadellosigkeit überzeugten Selbstgerechten, mit dem vielleicht der Heiland selbst nichts anzufangen gewußt haben würde; denn immer hatte dieser in seinem Erdenwallen lieber noch mit Zöllnern Umgang gepflogen als mit Pharisäern. Bekümmert mußte Pater Wilfrid an das von Konrad Eybel geprägte Wort denken, das ihm irgendwie zu Ohren gekommen war: »Katholizismus minus Christentum.«

Ratlos stand er vor der schier unlösbaren Aufgabe, diesem Manne, der in seinem verantwortungsvollen militärischen Beruf eine anerkannte Größe gewesen war und sich im Menschlichen so klein und hilflos erwies, etwas wirklich Tröstliches und Stärkendes auf den bitteren Weg zum Tode mitzugeben. Sein ganzes Wesen war derart durchsetzt von endgültig geprägten Urteilen und Vorurteilen der beißendsten Art, daß es ein fast aussichtsloses Beginnen schien, eine fürs Jenseits reife Seele aus diesen zähen Verwachsungen und Verfilzungen lösen zu wollen. Und ein tiefes Mitleid bemächtigte sich des Seelsorgers, wenn er bedachte, wie unendlich viel Wertvolles an Wissen und Können, an Treue und gutem Willen, an Hingebung und Aufopferungsfähigkeit allein schon in diesem kleinen Österreich vom Rad der Weltgeschichte zermalmt, vom gewaltsamen Umsturz und notgedrungenen Abbau verschüttet, der Mitarbeit am Wohl der Gesamtheit für immer entzogen worden sei.

»Beruhigen Sie sich in dem Gedanken,« sagte er, »daß Jesus, in seiner irdischen Erscheinung der reinste und vollkommenste aller Menschen, noch ungerechter gelitten hat als Sie selbst und die vielen andern, die unter den gegenwärtigen Verhältnissen leiden. Und wenn Ihnen heute an Ihrer Zeit und Ihren Mitlebenden so manches tadelnswert, ja verwerflich und verächtlich scheint, so bedenken Sie, daß nur Gott, dem Herrn, eine letzte Entscheidung zusteht über das, was in der Welt vorgehen darf und soll, nicht uns, die wir alle fehlbare und hinfällige Geschöpfe sind. Der Mensch, vom Weibe geboren, so steht es im Buch Hiob, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe: gehet auf wie eine Blume und fällt ab; fleucht wie ein Schatten und bleibt nicht. Niemals ist die Vergänglichkeit, unser aller Erdenlos, schöner und erschöpfender ausgesprochen worden. Und wie wäre es nun möglich, daß das Urteil und Ermessen eines so hinfälligen Wesens ein endgültiges, unumstößliches, unbedingt verläßliches sein sollte? Darum die Worte der Bergpredigt: Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet; denn mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden... Es gibt Augenblicke, wo der Ruf an den einzelnen ergeht, einzugreifen in die Speichen des Weltenrades, irgendwie, ein jeder nach seinen Kräften, seien sie groß, seien sie noch so geringfügig. Einer solchen Berufung sich zu entziehen, fällt unter den Begriff der Trägheit zum Guten, welches die siebente der Todsünden ist. Ohne Berufung aber, und nun gar unfruchtbar krittelnd, nicht einmal tätig helfend sich um Dinge bekümmern, die andere angehen, das heißt Gott seinen eigenen Willen aufdrängen wollen, statt sich dem seinigen zu fügen. Von dem Stifter meines Ordens, dem heiligen Benedikt, hat Papst Gregor der Große rühmend gesagt: Er lebte mit sich selbst. Und es gibt eine klar gezogene Linie, wo jeder von uns aufhören muß, ein soziales Wesen zu sein, wo sein eigenstes Krongut beginnt, der Boden, auf dem er mit sich selbst leben kann, leben darf, leben muß – nicht verlassen und allein darum, wenn er nur seinen Gott mitnimmt in die Einsamkeit. Aus dieser gotterfüllten Einsamkeit sprießt auch die Kraft, die Ruhe, die Gelassenheit, die Zuversicht, die Güte, deren wir zum Leben bedürfen. Unablässig des Nachbars Felder im Auge behalten, um daran zu mäkeln, sie zu schmähen, sie herabzusetzen, statt den eigenen Grund und Boden still und in Demut zu bestellen, das macht unzufrieden, friedlos und feindselig. Es steht aber geschrieben: Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen.«

Streng, vielleicht allzu streng gegen sich selbst, vertraute Pater Wilfrid nicht unbedingt darauf, daß seine Worte imstande sein würden, dem Kranken wenigstens noch in letzter Stunde die wertvollste Gabe zu schenken, mit der jede wahre Religiosität den Menschen segnet, ihm jene über alles Irdische erhabene Freudigkeit des Herzens einzupflanzen, die er geflissentlich und beinahe planmäßig in sich ausgerottet hatte wie Unkraut. Aber je bescheidener er von der Kraft der Gnade dachte, die ihm selbst verliehen war, um so inniger dankte er seinem Schöpfer in diesem Augenblicke, wo das Mitgefühl ihn hilfsbereiter machte denn je, für die Gnadenmittel, welche die jahrtausendalte Überlieferung der Kirche ihm in den Sakramenten an die Hand gab. Das war nicht das willkürliche Tasten eines einzelnen, das ohnmächtig bleiben konnte! Die Weisheit, die Erfahrung, die Menschenkenntnis von Generationen schlummerte darin und vor allem – er glaubte unverbrüchlich daran – Gottes tiefstes Geheimnis.

So hörte er denn die Beichte und erteilte die Absolution. So vollzog er ergriffenen Herzens das Wunder der Eucharistie. Und mit frommer Rührung beobachtete er, wie die Tröstungen des Glaubens den anfänglich noch in seinen Haß Verbohrten mehr und mehr über sich selbst hinaushoben, wie dessen Auge, das trotz der körperlichen Leiden noch immer hart und zornerfüllt geblickt hatte, allmählich einen milderen und weicheren Ausdruck annahm. Und nachdem der Kranke auch noch das Sakrament der letzten Ölung empfangen hatte, schien er fast ein anderer Mensch. Oder vielmehr, nun schien er überhaupt erst ein Mensch, ein schwacher, leidender, fühlender, ein menschlicher Mensch, während er bis dahin nichts als ein abgebauter und in seiner Laufbahn bitter enttäuschter Offizier gewesen war. Während er, auf dem Rücken liegend, die Hände über der Brust gefaltet, den verklärten Blick wie ins Jenseits hinein gegen die Zimmerdecke gerichtet hielt, vernahm Pater Wilfrid, der hoffend und bangend und abseits in der Fensternische stehend noch im Krankenzimmer verweilte, eine matte Stimme, die Dankesworte stammelte.

Und wie in gottseliger Beruhigung hauchte diese Stimme: »Sie haben mich den rechten Weg gewiesen... Nun lebe ich endlich mit mir selbst...«

Den geistlichen Herrn übermannte es mit Glück und Freude. Unweit im Zimmer gewahrte er einen Betschemel vor einem elfenbeinernen Kruzifix. Auf ihm sank Pater Wilfrid in die Knie. Ein heißes Dankgebet stieg zum Himmel, und Tränen rannen ihm über die Wangen. Aber die Ernüchterung sollte nicht ausbleiben...

Exzellenz von Mairold hatte einem Gelübde zufolge wie alljährlich so auch in diesem Jahre in der Kirche des heiligen Laurenz an einem bestimmten Tag drei Messen hintereinander lesen lassen. Es war der Gedächtnistag seiner Errettung aus schwerer Gefahr auf einem der russischen Kriegsschauplätze, und dieser fiel mitten in den Winter, der sich diesmal ausnehmend streng anließ. In der Kirche selbst herrschte zwar keine übermäßige Kälte, doch besaß der General, der an nervöser Furcht vor gänzlicher Verarmung litt und darum die Sparsamkeit unnötig übertrieb, keinen Wintermantel, er hatte den drei Messen im Sommerüberzieher beigewohnt und sich bei diesem Anlaß die schwere Erkältung zugezogen, deren Folgen ihm ans Leben gingen.

Offenbar beschäftigten jetzt seine Gedanken sich schon mit den Jenseits, er mochte nach Beweismitteln suchen, die ihn vor dem ewigen Richter entlasten konnten. Denn nochmals erhob er die Stimme: »Hochwürden« ... sagte er ... »Messen stiften ... das ist doch verdienstlich?... Das muß mir auch angerechnet werden?«

Traurig und bitter enttäuscht erhob sich der Seelsorger von seinem heißen Dankgebet. Augenblicks waren seine Tränen versiegt. Der Formendünkel, der sich in jener Frage aussprach, berührte ihn schmerzlich, wo er doch gewähnt hatte, eine Seele zur Gottesnähe emporgeleitet zu haben. Aber er sah ein, daß es zu spät sei, hier mehr geben zu wollen als behutsame Schonung.

»Kein Verdienst wird unbelohnt bleiben«, sagte er müde ausweichend.

Und da jener durch die Antwort befriedigt schien, zog Pater Wilfrid sich leise zurück, dem eintretenden Arzt die Tür in die Hand gebend. Das letzte Wort, das er von dem Schwerkranken vernommen, suchte der geistliche Herr aus seinem Gedächtnis zu streichen, er hoffte, daß auch vor Gott nur das andere fortklingen werde, das auf Einkehr ins eigene Innere hatte schließen lassen: »Ich lebe mit mir selbst ...« In der darauffolgenden Nacht starb Exzellenz von Mairold. Sein Tod fiel ziemlich genau mit dem Tag zusammen, an dem drei Jahre vorher, nicht ohne sein Zutun, Severin Hocheder das Haus »Zum Seidenbaum« für immer verlassen hatte.

Und wenige Wochen nach dem Heimgang des Generals folgte diesem ein Mann in den Tod, mit dem eine Zeitlang freundschaftliche Beziehungen ihn verknüpft hatten. Aber es war keine Freundschaft gewesen, die jedem Teile den Weg zu seinem besseren Ich gewiesen hätte, wie die wahre und segensvolle Freundschaft es tut. Es war nur ein Bündnis zur Pflege der Selbstgerechtigkeit, zur gegenseitigen Steigerung des Unmuts, zur Verstärkung des Hasses, darum mußte es unfruchtbar bleiben auf den Feldern des Lebens und konnte nichts zeitigen als Zorn, Gram und Unfrieden...

 

In den ungefähr zweieinhalb Jahren, die hingegangen waren, seit Ferry Shykenstool Justinen im Haus »Zum Seidenbaum« aufgesucht und bei dieser Gelegenheit auch Georg Leodolter und dessen Schwester Ursel Fürst kennengelernt hatte, war der rührige Deutsch-Amerikaner mehrere Male über das große Wasser hin und her gefahren, unermüdlich tätig im Dienste des Gedankens der großen Seiden-Union, den er gleichzeitig mit seinem neuentdeckten Vetter Georg und unabhängig von diesem ausgeheckt hatte und nun auch ohne viel Fackeln in die Tat umzusetzen gedachte.

In den sogenannten Siegerstaaten stieß er – nicht ganz unvorhergesehen – auf Widerstände. Die nationalen Gegensätze und Gehässigkeiten gegen alles, was deutsch hieß, überdauerten bei den Völkern, die unter den Begriffen Humanität und Weltbürgertum nur den Imperialismus ihrer eigenen Vorherrschaft verstanden, den Weltkrieg. So wurde Ferry ohne sein Zutun dazu gedrängt, das Augenmerk zunächst nur auf deutsche Firmen oder solche des neutralen Auslands zu lenken. Unter diesen aber fand er ein Verständnis und Entgegenkommen, das seine Erwartungen fast übertraf.

Die Vorbesprechungen waren verwickelt und nahmen Zeit in Anspruch. Die österreichische Gruppe vertrat dabei auf Wunsch Georg Leodolters der als Rechtsanwalt gesuchte Doktor Alois Birenz, ein bei seinen mehr als siebzig Jahren noch jugendlich frischer und tatkräftiger Mann, der als Politiker und Parlamentarier das Vertrauen der Arbeiterschaft genoß, aber trotz seiner sozialdemokratischen Einstellung kein so verbissener Parteigänger war, als daß man eine sachliche Behandlung sachlicher Angelegenheiten von ihm nicht hätte erwarten dürfen, Frau Therese Mairold, väterlicherseits Justinens, mütterlicherseits Georgs und Ursel Fürsts Großmutter, hatte ihn zu ihren acht Kindern noch als neuntes an Kindesstatt angenommen, wie ein eigenes erzogen und auch später seiner Vermählung mit ihrer ältesten Tochter Riki, als er um sie freite, kein Hindernis in den Weg gelegt. Selbst Sohn eines Fabrikarbeiters, aber im Hause einer Fabriksbesitzerin aufgewachsen und mit deren Familie versippt, war er sonach ein genauer Kenner nicht nur aller ins Fabrikswesen und Geschäftsleben einschlagenden Fragen, sondern auch der Stimmungen sowohl in Bürger- wie Arbeiterkreisen und wie kaum einer berufen, eine vermittelnde Stellung zwischen Unternehmertum und Arbeiterschaft einzunehmen oder bestehende Gegensätze zum beiderseitigen Nutzen auszugleichen.

Er führte denn auch die eingeleiteten, oft recht umständlichen Beratungen mit Ferry Shykenstool und den anderen von diesem aufgebrachten Gruppen mit Sachkenntnis und Geschick und wußte das Ganze auf eine rechtskundlich mögliche Grundlage zu stellen und ihm eine einwandfreie gesetzliche Form zu geben. Und nachdem die Verhandlungen endlich zu einem befriedigenden Abschluß gediehen waren und inzwischen auch die österreichische Währung vorwiegend auf Kosten des Mittelstands die lang ersehnte Wertbeständigkeit erlangt hatte, konnte zur Gründung des großen Verbandes geschritten werden, der eine ganze Reihe von Seidenwarenfabriken und einschlägigen Gewerben verschiedener Staaten in ein möglichst einheitlich ausgestaltetes Gesellschaftsverhältnis zusammenfaßte. Der von Ursel Fürst geprägte Name »Moralba« für diese überstaatliche Aktiengesellschaft hatte Anklang gefunden und wurde in der gründenden Generalversammlung, die in Shykenstools Fabrik zu Dülken bei Düsseldorf stattfand, und in der Doktor Birenz zum Vorsitzenden gewählt wurde, ohne Widerspruch angenommen. Allgemein erblickte man in dem von einem Künstler stilisierten Maulbeerbaum, der in der Botanik » Morus alda« heißt, das geeignetste Sinnbild für das Schild und die Schutzmarke des neuen vielversprechenden Unternehmens.

Unter den auswärtigen Gesellschaftern stand in erster Reihe Ferry Shykenstool selbst mit seinen Betrieben in Peoria, Chikago und Dülken, außerdem noch eine zweite deutsch-amerikanische Firma, Ladurner in Philadelphia, deren Chef einer Familie angehörte, welche seit mehreren Menschenaltern mit der Ferrys befreundet war; denn beider Großväter hatten nach den Wiener Oktobertagen von 1848 gemeinsam das Weite gesucht und sich in den Vereinigten Staaten eine neue Existenz gegründet. Kaum minder wertvoll war das große, hauptsächlich überseeische Verbindungen pflegende holländische Seidenwaren-Handelshaus Tekelenburg und Meetkamp in Amsterdam und die vereinigten Seidenwarenfabriken »Aletha« in der Nähe von Zürich, die sich beide als stille Gesellschafter angeschlossen hatten. Endlich war es den Bemühungen Ferrys gelungen, mehrere größere rheinische Unternehmungen, einige kleinere Fabriken im reindeutschen Sprachgebiet der Tschecho-Slowakei und eine angesehene Seidenzucht- und Spinnerei-Anstalt im deutschen Südtirol als Teilnehmer, sowie ein großes Berliner und ein ebensolches Budapester Warenhaus als Geldgeber zu gewinnen.

Auf österreichischer Seite schoß, dem Namen des Doktor Birenz vertrauend, ein ausgebreiteter Arbeiter-Sparverein nicht unbedeutende Kapitalien zu und betätigte sich auf diese Weise gewissermaßen als Mitunternehmer. Von beteiligten Firmen fielen unter den Österreichern vor allem ins Gewicht Jacques Pinkas und Sohn, die nebst ihren eigenen ausgedehnten Fabriksanlagen in Dorotheen-Wiese auch noch die daselbst befindlichen freien Grundstücke einbrachten. Dann Georg Leodolter, der die alten Fabriksgebäude auf dem Braunhirschengrund vorteilhaft verkauft und sich nach längerem Zögern endlich doch entschlossen hatte, den von seiner Großmutter herrührenden freiherrlich Auenwaldschen Besitz, der an Dorotheen-Wiese grenzte, der gemeinsamen Sache zu widmen. Er fand sich nach und nach in den Gedanken, daß – soweit es sich um die in der Nähe von Wien vereinigten Betriebe handelte – das schöne alte Schloß Auenwald Mittelpunkt des Ganzen und Sitz der Hauptverwaltung werden sollte. Und je mehr er sich mit dieser Vorstellung vertraut machte, um so mehr freundliche Seiten gewann er ihr ab. Es rollte ja auch in ihm ein Tropfen jenes freiherrlichen Blutes, aber seine Denkrichtung war kastenfeindlich und volksfreiheitlich.

»Es ist ein Sinnbild,« sagte er zu der schönen und lieblichen Resi Pimper: »die Vorrechte der vornehmen Nichtstuer fallen. In die Stätte ihres ästhetischen Gähnens zieht die Arbeit ein, die Unzähligen ein gesundes Gedeihen sichert und so viele Kinder in die Welt setzt, daß der Genius der Menschheit eine erkleckliche Auswahl hat, wenn er sich einmal einen ganz Großen heraussuchen will, etwa einen Dichter, Staatsmann, Erfinder und Forscher, oder gar einen neuen Erlöser.«

»Lästere nicht,« antwortete die Pimper-Resel, »und sieh lieber zu, daß du selbst endlich einmal Kinder in die Welt setzest; höchste Zeit dafür wär's!«

»Damit hast du wirklich recht!« sagte er und sah auf die Uhr. »Wir wissen jetzt, wo wir leben werden und wollen nun bald damit anfangen, das Himmelhaus instand zu setzen. Aber für die nächsten Wochen ist meine Anwesenheit in Sebendorf unerläßlich, du glaubst gar nicht, was alles dazu gehört, die Auflösung und teilweise Übersiedlung einer ganzen Fabrik vorzubereiten. Mein Zug geht um acht Uhr abends, ich habe keine Zeit mehr, sonst hätte ich selbst noch mit Pater Wilfrid gesprochen, vielleicht wärst du so lieb, ihn zu ersuchen, daß er uns inzwischen aufbieten läßt, wenn ich dann zurückkomme, ist er wohl fertig damit, dann lassen wir uns trauen, wenn es dir recht ist.«

»Ich habe nichts dagegen einzuwenden. Ich hoffe nur,« sagte Resi mehr ernstlich besorgt als scherzend, »du wirst dann nicht am Ende aufhören, mich lieb zu haben?«

»Im Gegenteil!« rief er warm und umarmte sie. »Dann werde ich dich auch noch als die Mutter meiner Kinder lieben – so Gott will, hoffen wir's! Denn es wäre schade, wenn der schöne Garten des Himmelhauses nicht von Kinderstimmen widerhallen würde. Und überhaupt – die Leodolter sind ein guter Schlag, es wäre auch schade, wenn er erlöschen würde.«

»Nun, an Selbstbewußtsein fehlt's dir nicht«, sagte sie lachend; »aber ich muß zugeben, es ist etwas daran.«

Außer Pinkas und Leodolter gehörten von den Österreichern auch Wolf Mairold und Sohn, die ihr Verhältnis zu Nedweditz gelöst hatten und das daraus gezogene Kapital in Teilzahlungen in das neue Unternehmen einschlossen, der »Moralba« an. Ferner die von Verwandten Eybels geleitete alte Plüsch- und Samtfirma Leywald, die schon in der Franzosenzeit in der Rittergasse bestanden hatte und ebenfalls dem mit Gewalt tschechisierten Nedweditz den Rücken zu kehren wünschte. Dann der rühmlich bekannte Großfärbereibetrieb Kitzinger und Kompanie, die angesehene Appreturfirma Woitech, die Garn- und Seidengroßhandlung Fürst und John, der die Principessa vorstand, und eine Anzahl kleinerer Firmen einschlägiger Zweige, die an Kapitalsknappheit litten und gerne die Gelegenheit ergriffen, im Schatten des neuen »Seidenbaumes« unterzukriechen.

Endlich hatten auch Michael Hocheder und Sohn sich für den Anschluß entschieden. Der alte Herr leistete keinen Widerstand mehr, er hatte die Freude an der Macht verloren. wollte keine Entscheidung mehr treffen und keine Verantwortung mehr tragen, überhaupt von Geschäften nichts mehr wissen. Wiederholt ersuchte er seinen Sohn, in jeder Hinsicht nach eigenem Ermessen zu handeln, und Laurenz, der von allem Anfang für die Union eingenommen gewesen war und nur aus Rücksicht für den Vater keine eigene Meinung geäußert hatte, schloß sich ihr jetzt aus vollster Überzeugung an und wurde, obgleich er weder Kapital noch einen mehr als mittleren Betrieb einbringen konnte, doch wegen seiner hervorragenden Fachkenntnisse und seines persönlichen Wertes als eines der wichtigsten Mitglieder betrachtet und mit offenen Armen aufgenommen.

Da die Auswärtigen, besonders die Amerikaner, Holländer und Schweizer kapitalkräftig genug waren, so hatte man schon der zweiten Generalversammlung die Pläne und Berechnungen für die Zusammenfassung und vereinheitlichte Ausgestaltung des Wiener Zweiges der »Moralba« vorlegen können und die Genehmigung dafür erhalten. Die Baulichkeiten, die sich an das schon für sich allein recht stattliche Werk von Dorotheen-Wiese anschlossen, waren teils in Angriff genommen, teils bereits vollendet. Sie erstreckten sich auch über gewisse abgelegenere Abschnitte des ehemals Auenwaldschen Schloßgartens. Der eigentliche Park blieb zur kleineren Hälfte unverbaut und als allgemein zugängliche Erholungsstätte erhalten, während in der anderen, größeren Hälfte Arbeiterwohnhäuser erstanden die sich nicht wie Soldaten in Reih und Glied nüchtern eins ans andere schlossen, sondern mit Benützung vorhandener Wäldchen oder Büsche, besonders aber, wo es anging, unter Schonung der schönsten alten Bäume abwechslungsreich und landschaftlich anmutend ins Gelände gestellt waren.

Da das Wasserkraftwerk, welches die elektrische Betriebskraft liefern sollte, erst der Vollendung entgegenging und derzeit noch keinen Strom abgeben konnte, so hatte der inzwischen zum Doktor der technischen Wissenschaften promovierte Konrad Eybel, den die Gesellschaft zum Leiter des Maschinenwesens für den österreichischen Betrieb bestellt hatte, Muße genug, die einzelnen Räume, je nachdem sie fertig wurden, zu »bestücken«, wie er es in Erinnerung an seine militärische Laufbahn scherzend nannte. Mit der Einrichtung der Appretur, bei der ein Sohn des Hauses Woitech ihn fachmännisch beriet, kam er zuerst zustande, es war dies die einzige Arbeitsstätte, wo aus bestimmten, mit der Verfahrungsweise zusammenhängenden Gründen eine teilweise Verwendung von Dampfkraft noch für unentbehrlich gehalten wurde. Das nächste war der Einbau der Transformatoren in das dafür bestimmte Haus. Besondere Schwierigkeiten verursachte die Aufrüstung der Elektromotoren, weil die Frage des Einzelantriebes für den Seidenstuhl noch nicht so einwandfrei gelöst war wie für den Baumwollstuhl. Langgestreckte schuppenartige Gebäude mit schrägen Dächern und nach Norden ausgerichteten oberlichtartigen Glaswänden waren dafür bestimmt, die Vorbereitungsmaschinen und Kraftstühle aufzunehmen.

Der Weber Schinnerl, der, von der Wißbegierde des Weltreisenden getrieben, einen Sonntagsausflug mit seiner Marfa dazu benützte, Dorotheen-Wiese in Augenschein zu nehmen, und jene für ihn neuartigen Arbeitsschuppen hatte »Sheds« nennen hören, erzählte überall herum, das Ganze sehe aus wie ein Gefangenenlager, nur daß in den Baracken, die man hier »Schätze« nenne, keine Russen untergebracht seien, sondern Webstühle. Auch einen »Schatz« mit mechanischen Schweifrahmen hätte er besichtigt, die stünden aber nicht wie jeder anständige Mensch und jeder richtiggehende Schweifrahmen aufrecht auf ihren Beinen, sondern wälzten sich auf dem Bauch herum, wie er es bisher nur von suhlenden Tapiren in Afrika gesehen hatte.

Und Georg Leodolter, wenn er zurückdachte, wie er sich in den Anfängen die neue Großfabrik vorgestellt hatte, damals, als er seinen Plan dem Direktor Lemburg und seinem Oheim Wolf Mairold zum erstenmal vortrug, mußte er hellauf lachen. Ein märchenhafter Riesenbau mit einem Wald ungeheurer Schlote hatte sich in seinen phantastischen Träumen über den kleinen Fabriklein der Biedermeierzeit in die Wolken erhoben, ein wahrhaft tolles Hirngespinst, wenn er es mit der nun zur Tat werdenden Wirklichkeit verglich. Aber diese Wirklichkeit schien ihm nicht nur praktischer und sachentsprechender, sie war ihm auch lieber, obgleich sie nichts Monumentales hatte, vor allem qualmte sie nicht und verbreitete weder Gestank noch Ruß, und manche von den »Schätzen«, wie Schinnerl sie genannt hatte, duckten sich ganz traut unter die alten Bäume des Parkes, von denen viele stehengeblieben waren, um den Arbeitenden Erquickung zu bieten, wenn sie für ein paar Minuten heraustraten und von ihrer Mühsal ausruhten...

Die Webereimaschinen bezogen übrigens nicht alle auf einmal und zu gleicher Zeit ihre neuen Wohnungen. Sie rückten nur ganz allgemach in sie ein, je nach den gegebenen Möglichkeiten. Kraftstühle neuesten Baues und auf elektrischen Antrieb eingerichtet, wurden bei den bewährtesten Werkstätten des einschlägigen Faches bestellt und in bestimmten Zeitabschnitten geliefert. Aber auch was aus den in Auflösung begriffenen schlesischen und mährischen Fabriken der Leodolter, Beywald, Mairold und Hocheder noch brauchbar schien und übernommen werden konnte, ward aus den betreffenden Orten allmählich fortgeschafft und langte in planmäßiger Aufeinanderfolge in dem von Wien aus in etwa einer Stunde erreichbaren neuen Fabrikationsorte an, der von der ursprünglichen Gründung den Namen Dorotheen-Wiese übernahm und aller Voraussicht nach bald zu einer kleinen Stadt anzuwachsen versprach, oder, wenn man wollte – drohte.

Die Heimkehr ins Vaterhaus, von der Vater Wilfrid damals gesprochen hatte, als Severin Hocheder unerwartet aus Sibirien zurückkam, wurde auf diese Weise auch für eine Reihe von Industrieunternehmungen zur Tatsache. Deutscher Fleiß und deutsche Tüchtigkeit hatten zu Väters- und Großväterszeiten diese Fabriken in Mähren und Schlesien geschaffen, nun zogen sie sich aus dem feindlich gewordenen Ausland, das sie mit völkischer Vergewaltigung bedrohte, wieder zurück auf den Boden, von wo sie ihren Ausgang genommen, in die Heimat ihres Herzens, auf diese ehrwürdige Stätte alter deutscher Kultur.

 

Während der Zeit, wo aus Klopsdorf eine Anzahl Kraftstühle und Vorbereitungsmaschinen bereits abverfrachtet waren, aber in Dorotheen-Wiese noch nicht wieder hatten in Gang gesetzt werden können, bevölkerte sich der alte Werksaal im Haus »Zum Seidenbaum« in ungewohnter Weise. Den tüchtigsten und bewährtesten seiner Arbeiter und Arbeiterinnen, soweit sie Deutsche waren, hatte Laurenz Hocheder nämlich anheimgestellt, die Übersiedlung nach Wien mitzumachen. Er brachte sie nach Möglichkeit im »Seidenbaum« oder in der Nachbarschaft vorläufig unter und beschäftigte sie, damit sie nicht zu lange arbeitslos wären, im Werksaal, soweit der Raum reichte, und sofern sie sich der Handarbeit nicht völlig entfremdet hatten.

Der alte Herr, in dessen trostlosem und gleichmäßig stockendem Dämmerzustand sich all die Jahre her kaum etwas verändert hatte, freute sich, als das gesteigerte Geräusch der Arbeit, das ihm von früher Jugend auf lieb war, in seine Krankenstube drang, während er diesem altgewohnten Gesurre und Geklapper lauschte, schien er aufzuleben, und als wenige Wochen nach dem Tode des Generals von Mairold das Fest Maria Lichtmeß heranrückte, raffte er sich plötzlich noch einmal zusammen, war von heute auf morgen ein anderer, oder vielmehr derselbe, der er sonst gewesen, der alte »Pik« in seiner steilen, aufrechten Haltung und mit seinem ganzen Eigenwillen. Und er bestand darauf, er wolle selbst, er, der noch immer Herr im Hause sei, das Fest nach alter Meistersitte im Werksaal mit seinen Arbeitern und Arbeiterinnen feiern.

Am Vorabend des Tages Maria Lichtmeß, der in den Beginn des Monats Februar fällt, war es nämlich in den Zeiten des Handbetriebes alter Weberbrauch gewesen, eine kleine Feier abzuhalten, die vielleicht vorahnend dem kommenden Frühling galt, indem sie den länger werdenden Tag begrüßte. Sie pflegte von den Spulerinnen ihren Ausgang zu nehmen und sich von da auch über die andern Hantierungen zu verbreiten. Die Spulerinnen an den alten hölzernen Spulmaschinen, die noch keinen mechanischen Antrieb kannten, standen nämlich bei ihrer Arbeit auf treppenformigen Schemeln und hielten die Maschine durch Treten mit dem vorragenden Fußballen in Gang. Am Abend vor jenem Feste nun, bei einbrechender Dämmerung, war es in jener guten alten Zeit üblich gewesen, daß der Meister mit Weib und Kindern, die Kuchen, Backwerk und Wein trugen, im Arbeitsraum erschien und den Ruf »Maria Lichtmeß« in den Saal hinein erschallen ließ, worauf die Spulerinnen von ihren Schemeln stiegen, diese hochhoben und auf ein gegebenes Zeichen alle gleichzeitig niederklappen ließen, was natürlich ein ungeheures Getöse verursachte. Dies stellte gewissermaßen den Schlußpunkt dar, den sie hinter die winterliche Arbeit bei Lampenlicht setzten. Denn von diesem Abend angefangen, an dem die Spulerinnen selbst und dann auch die Weber und alle andern Arbeiter und Arbeiterinnen von den Meistersleuten bewirtet wurden, gab es keine Arbeit bei künstlicher Beleuchtung mehr. Es wurde von da ab schon mit einbrechender Dämmerung Feierabend gemacht.

Da nun der seltene Fall eingetreten war, daß an diesem Februarabend vor dem Feiertag im großen Werksaal des Hauses »Zum Seidenbaum« alle Handwebestühle, die alten Haspel- und Schweifrahmen und auch die alten hölzernen Spulmaschinen wieder wie einst sich in vollem Betrieb befanden, so hatte Michael Hocheder es sich trotz der Einwände Mariannens nicht ausreden lassen, in eigener Person unter seinen Arbeitern zu erscheinen.

Seine Gebrechlichkeit mit äußerster Anspannung aller Kräfte verschleiernd, trat er, nur aufrechterhalten von seinem trotzigen Willen, in den Saal. Marianne, Justine und einige Mägde, die ihn begleiteten, trugen Auftragbretter mit Gugelhupf, Kaffee, Wein und Backwerk verschiedener Art. Und der alte Herr, aufgeräumt und fröhlich wie seit Jahren nicht, in seiner stattlichen Festkleidung fast unverändert aussehend, mit dem Gesundheit vortäuschenden geröteten Gesicht und dem noch immer dichten schneeweißen Haarbusch, verweilte eine kleine Weile an der Eingangstür. Eine ganze Reihe Spulerinnen sah er auf ihren Schemeln an den Spulmaschinen beschäftigt, strahlenden Auges überblickte er das klappernde, rasselnde, kollernde Getriebe der Arbeit, das so recht nach seinem Herzen war.

»Maria Lichtmeß!« rief er mit weithin schallender Stimme und schnalzte mit den Fingern in der Luft.

Sofort sprangen die Spulerinnen von ihren Schemeln. Wie Kanonendonner dröhnte der Lärm. Staub wirbelte hoch. Die Weber lachten ... Marianne aber schrie auf, die Platten mit Süßigkeiten, die sie trug, klirrten auf den Estrich, während ihre Arme den stürzenden Vater aufzufangen versuchten. Vergeblich. Die Last war zu schwer.

Wie ein gefällter Baum krachte der hochgewachsene Mann zu Boden.

Man beugte sich über ihn, man lief um Wasser, sandte um den Arzt, rieb ihm die Schläfen, die Pulse. Die Röte des Gesichts war einer wächsernen Blässe gewichen. Er gab kein Lebenszeichen mehr von sich.

Immer hatte er »Maria Lichtmeß!« gerufen und mit den Fingern der rechten Hand geschnalzt, wenn er sagen wollte, etwas sei für ihn erledigt, aus, abgeschlossen. Auch diesmal war der Sinn des Rufes kein anderer. Das Tagewerk war erledigt, der Arbeitstag zu Ende, die Stunde des Feierabends angebrochen.

Michael Hocheder III., seit einer langen Reihe von Jahren unumschränkter Gewaltherrscher im Haus »Zum Seidenbaum«, hatte aufgehört zu atmen.

 

Trostlos und endlos, weit und grau dehnte sich der verhängte Winterhimmel über dem unabsehbaren Friedhof. Unendliche Reihen von Grüften und Gräbern, tief verschneit ...

Die langen Zeilen von Kreuzen und Grabsteinen, zwischen denen das Trauergeleite hinter dem Sarge Michael Hocheders sich bewegte, trugen gleichförmig hohe weiße Mützen, sogar die Lebensbäume, die dazwischen standen, beugten traurig ihre Wipfel unter einer Last von Schnee.

Am Ziele angelangt, staute sich die Menge um das offene Grab. Vater Wilfrid segnete die Leiche ein, er verrichtete die üblichen Gebete, ein Nachruf unterblieb, als dem katholischen Brauch nicht entsprechend. Das letzte Wort hatte der kirchliche Wechselgesang: » Requiescat in pace« Ehe der geistliche Herr mit seinem Gefolge von Meßdienern und Chorknaben sich zurückzog, trat er auf die nächsten Leidtragenden zu. Er reichte dem Laurenz, der Justinen führte, die Hand und dann der weinenden Marianne, die neben der von Konrad Eybel geführten Principessa stand, und sagte schlicht und warm, mehr als Mensch denn als Priester sprechend: »Er ist heimgegangen in unsere wahre Heimat, in seiner Art ein ganzer Mann, der fortleben wird im Gedächtnis aller, die ihn in seiner ungebrochenen Kraft noch kannten.«

Während er sich verabschiedete, polterten schon die ersten Schollen auf den Sarg nieder.

Verwandte und Bekannte drängten heran, ein jeder wollte sein sinnbildliches Schäuflein Erde auf die irdischen Überreste des »Pik« hinunterstreuen, der nun stumm und still in seiner metallenen Truhe lag. Etwas abseits standen Laurenz und Justine im Schnee. Sie nahmen die Händedrücke und Beileidsworte der zahlreichen Anwesenden entgegen und warteten. Allmählich lichtete sich die finstere Versammlung von Trauerkleidern und schwarzen Flören. Die kleinen Leute in ihren unscheinbaren Sonntagsanzügen kamen an die Reihe. Die Zwirner-Wettl schluchzte herzbrechend auf, als sie ihre Handvoll Erde mit dumpfem Dröhnen auf den Sargdeckel kollern hörte. Auch viele andere weinten, obgleich sie den alten Herrn mehr gefürchtet als geliebt hatten. Und noch andere wieder, namenlose Bewohner der Schutzengelgasse, Weiber aus der Nachbarschaft, die ihn kaum oder gar nicht gekannt hatten und nur aus Neugierde mitgekommen waren und weil man mit Trauerkutschen nicht gespart hatte, machten innerlich gleichgültig, ob auch mit wichtiger Miene, die üblichen Förmlichkeiten mit und entfernten sich dann, angeregt miteinander plaudernd und ihre Beobachtungen austauschend.

»Eine Ähnlichkeit muß mich getäuscht haben«, sagte Laurenz zu seiner Frau. »Einen Augenblick meinte ich, ich hätte den Severin gesehen.«

Justine unter ihrem Kreppschleier antwortete nicht. Hatte sie überhört, was Laurenz sagte? Hatte sie es nicht verstanden? Es war ihr, als begriffe sie nichts von allem, was um sie vorging. So erstarrt, so benommen war sie, wie allein und selbst zu Stein geworden unter diesen Tausenden von Leichensteinen, die sich endlos, trostlos um sie scharten. Denn alles war hier endlos, trostlos ...

Noch immer standen die beiden wartend zur Seite. Mehr und mehr verliefen sich die Menschen. Marianne mit Ursel Fürst und Eybel mußten von ihnen abgedrängt worden sein und hatten vermutlich den Rückweg zu den wartenden Trauerwagen bereits angetreten. Es waren jetzt nur mehr vereinzelte Nachzügler, die Erde in die Grube streuten. Laurenz wendete sich nach allen Seiten um, spähte umher.

»So wollen auch wir die traurige Pflicht erfüllen«, sagte er schließlich und führte Justinen die Erdböschung hinauf.

Als letzter von allen ließ nun auch der Sohn Erde auf den Sarg des toten Vaters hinunterrieseln. Er atmete schwer und biß die Zähne aufeinander. Justine trug ein getrocknetes Zweiglein mit Blättern und Blüten des alten Maulbeerbaumes in der Hand, das sie einmal in ein Buch gelegt und gepreßt hatte. Es flatterte in Drehungen durch die Luft und kam durch Zufall gerade auf jene Stelle des Metallsarges zu liegen, unter der sich das Herz des Toten befinden mochte. So sendete der »Seidenbaum« ihm seinen letzten Gruß ...

Einsam gingen dann Laurenz und Justine durch die endlosen Zeilen der verschneiten Gräber zurück.

»Wenn es wirklich Severin gewesen wäre,« sagte Laurenz, »so hätten wir ihn sehen müssen, als jeder einzeln vortrat.«

»Es war Severin«, sagte Justine. »Ich sah ihn.«

»Wär's möglich, daß sein Aussehen sich so verändert hätte?«

»Es sind Jahre vergangen.«

»Er würde doch auch Erde gestreut haben?«

»Er wartete, bis alle fort waren.«

»Dann müßte er sich ja noch auf dem Friedhof befinden?«

»Er ist jetzt beim Grabe des Vaters und weint.«

»Woher weißt du das?«

»Ich kenne ihn doch.«

Laurenz hielt an und löste den Arm Justinens aus dem seinen.

»Wenn du es so bestimmt weißt, dann wollen wir noch einmal zurückgehen!«

»Das kannst du tun, wenn du es für angezeigt hältst.«

»Du kommst nicht mit?«

»Ich will mich inzwischen in den Trauerwagen setzen und auf dich warten.«

Allein ging sie weiter, dem Ausgang entgegen, während Laurenz umkehrte.

Auf dem endlosen Wege begegnete ihr ein neuer Leichenzug, dem nur wenige ärmlich gekleidete Leute folgten. Und bald danach noch einer mit Windlichtern und Lasten von Kränzen, dem eine lange Kette vornehmer Menschen das Geleite gab. Und schließlich, schon nahe am Eingang, noch ein dritter, wieder mehr dürftiger, dem ein Diener der Bestattungsanstalt vorausschritt, ein Kindersärglein im Arm. Noch unter dem Friedhofstor kam ihr schon wieder einer entgegen. Endlos schien das so fortzudauern. Nach ihrem Gefühl war hier alles endlos ...

Vor dem Haupteingang fand sie nur mehr die einzige Trauerkutsche vor, alle andern waren bereits abgefahren. Frierend stieg sie ein und schmiegte sich, in ihren Pelz gehuschelt, in die gepolsterte Ecke. Langsam rann die Zeit hin. Endlos lang mußte sie warten. Durchs vereiste Fenster sah sie immer wieder neue Trauerzüge eintreffen. Leichenwagen auf Leichenwagen, vornehme gläserne und armselige sachlich aussehende wie schwarze Munitionskarren, immerzu, immerzu, einer nach dem andern, ein wahrer Massenbetrieb, endlos ... Ja, alles, alles war hier endlos und trostlos...

Aber Laurenz kam schließlich doch. Er stieg zu ihr ein. Die Kutsche setzte sich in Bewegung. Laurenz schien ergriffen. Er strich seinen mächtigen Bart, fuhr sich ab und zu mit den Fingern übers Auge. Justine fragte nicht.

»Du hast recht gehabt«, sagte er endlich. »Über den Erdhügel geworfen fand ich ihn, schluchzend.«

Die langen öden Gassen fuhren sie entlang, an den unzähligen niedrigen Häusern der ausgefransten Großstadt vorbei. Es war ein endloser Weg. Alles war hier endlos ... Justine fragte nicht.

»Es hat mich schwere Mühe gekostet, ihn zu überreden«, nahm Laurenz wieder das Wort. »Das war der Grund, warum ich dich so lange warten ließ. Entschuldige!«

Nun kamen sie schon in bessere Vorstadtgegenden. Die Häuser wurden höher und stattlicher. Der Wagen ratterte übers Granitpflaster. Gerade, wie mit dem Lineal gezogen, lief die Straße weiter. Häuser rechts und Häuser links, Häuser, nichts als Häuser, endlos ... Justine fragte nicht.

»Endlich gelang es mir doch, ihn umzustimmen«, sagte Laurenz. »Er wird uns demnächst besuchen. Er hat es mir versprochen.«

»Dazu hättest du ihn nicht überreden sollen«, sagte Justine.

»Es ist doch auch wegen der Erbschaft. Es gibt soviel zu verhandeln.«

»Das hättet ihr an drittem Orte tun können.«

»Er ist mein Bruder, und ich liebe ihn.«

»Und ich bin deine Frau,« flammte sie auf, »und liebe ihn auch!«

»Wenn ich gewußt hätte, daß es dir nicht recht ist ...« stammelte Laurenz betreten.

Von da ab schwiegen sie. Die Häuser wurden noch höher und stattlicher. In langen, langen Zeilen reihten sie sich aneinander. Die Räder ratterten auf dem Granitpflaster. Häuser rechts und Häuser links, Häuser, nichts als Häuser, endlos ... Alles war hier endlos ... Und trostlos ...

Justine dachte an die Heimat ihrer Jugend, an St. Jodok in der Lüsen, wo die Gebirgsbäche donnerten und die Tannen rauschten, an die freie Bergeshöhe der Wegwacht, wo der Wind ungebrochen über die Felsen fegt ...

Sie fühlte, daß sie nicht ein zweites Mal würde Nein sagen können, wenn Severin abermals in sie drang, mit ihm zu kommen.

 

Aber Severin hielt das gegebene Versprechen nicht.

Nach wie vor blieb er verschollen, ließ sich im Haus »Zum Seidenbaum« nicht blicken, sandte auch keine Nachricht, keine Erklärung seines Fernbleibens. Von Woche zu Woche wartete Laurenz darauf, daß er auftauchen würde. Von Woche zu Woche bangte Justine dem Augenblick entgegen, wo sie nach so langer Zeit dem einst Geliebten wieder gegenüberstehen würde, den sie nicht hatte vergessen können, und nach dem sie sich trotz allem und allem insgeheim sehnte.

Wieder einmal flog der Frühling auf seinem großen weißen Wolkenschiff über die Stadt, landete wie einst an der hohen Feuermauer in der Schutzengelgasse, stieg aus und kam herunter in den kleinen Garten hinter dem Haus »Zum Seidenbaum«. Und er lockte neue Halme und schüchterne Maßliebchen aus dem Rasen und umspann die Fliederbüsche, dann auch den alten Maulbeerbaum wieder mit den ersten, noch durchsichtigen grünen Schleiern. Die Waldblumen unter den Gebüschen konnte er freilich nicht mehr zum Blühen erwecken, Rumpsack kümmerte sich nicht mehr um sie, seit Frau Staudenmayer tot war, der zuliebe er sie einst gepflanzt und gehegt. So waren sie nach und nach eingegangen, gestorben wie diese, der sie ein Stück heimatlichen Wald zwischen die öden Hausmauern gezaubert hatten.

 

Als aber der verheißungsvolle Monat Mai kam und die Sperlinge ihre Winterquartiere verließen, um hinter dem Spalier von wildem Wein unter unendlichem Gezwitscher ihre Nester zu bauen, da fingen in der Mauerecke die zarten weißen Glöckchen, die Frau Staudenmayer so sehr geliebt hatte, wieder zu duften an. Und Justine, wenn sie sich in dem kleinen Garten erging, dachte mit Wehmut an die Hingeschiedene zurück, die ihr keine Beraterin und Helferin mehr sein konnte in ihren Herzensnöten. Gerade jetzt hätte sie ihrer mehr denn je bedurft. Denn alle alten Wünsche, Zweifel und Zerwürfnisse ihres Inneren waren neuerdings aufgewühlt, seit sie beim Begräbnis des alten Herrn den Severin aus der Ferne erblickt hatte. Obgleich er in seiner Verborgenheit verharrte, konnte sie das Gefühl nicht loswerden, daß er sich irgendwo in der Nähe aufhalte.

 

Um diese Zeit heischten allerlei Schwierigkeiten, die sich bei der im Zuge befindlichen Auflösung des Klopsdorfer Betriebes ergeben hatten, die Anwesenheit Laurenz Hocheders in Mähren. Wann er wieder zurückkehren würde, war vorderhand nicht abzusehen. Er hatte nicht nur in Klopsdorf selbst, er hatte auch bei der Bezirkshauptmannschaft zu tun, zu deren Sprengel der Fabriksort gehörte. Und die Notwendigkeit seines persönlichen Einschreitens bei der Statthalterei in Brünn mußte als mindestens wahrscheinlich in Betracht gezogen werden.

Bevor er abreiste, gab er Justinen die Adresse des Notars, der die Verlassenschafts-Abhandlung nach Michael Hocheder führte. Er unterrichtete sie über die wichtigsten schwebenden Fragen. Gegebenenfalls sollte sie ihm über etwa zu treffende Anordnungen oder notwendige Entscheidungen nach Rücksprache mit seinem Rechtsanwalt ausführlich Bericht erstatten. Hierauf kam er noch auf Severin zu sprechen, dessen Aufenthaltsort zu ermitteln die Verlassenschaftsbehörde Schritte unternommen hatte. Für den Fall, daß diesen Bemühungen Erfolg beschieden sein würde, bat er sie, ihm ebenfalls raschest Mitteilung davon zukommen zu lassen.

»Vielleicht träfe sich's zufällig,« sagte er, »daß ich ihn im Anschluß an meine Geschäftsreise selbst aufsuchen könnte, um das Wichtigste mit ihm zu besprechen. Möglicherweise hat er in einem der böhmischen Bäder oder da herum eine Verpflichtung für die sommerliche Kurzeit angenommen, oder es führt ihn eine seiner Konzertreisen zufällig in meine Nähe. Denn wie er mir selbst sagte, ist er fast ununterbrochen als Geiger oder Lautensänger unterwegs, wenn nicht vorübergehend ein Engagement ihn irgendwo festhält.«

»Glaubst du nicht, daß er sich doch noch in Wien aufhält?« fragte Justine.

»Das scheint mir fast ausgeschlossen. Es war der reine Zufall, daß er um die Zeit von Vaters Tode gerade hier konzertierte. Ich bin überzeugt, er hat unsere Stadt längst wieder verlassen.«

Aber Laurenz hatte diesmal geirrt, bald nach seiner Abreise stellte sich's heraus. Die polizeilichen Nachforschungen nach seiner Person, die ihm unbequem waren, veranlaßten Severin, der seit Jahresbeginn unter einem angenommenen Künstlernamen in einem feineren Grinzinger Weinlokal konzertierte, sich nun doch im Haus »Zum Seidenbaum« einzufinden.

Als Beppi, die »Perle«, ihn meldete, erschrak Justine. Ihn abweisen zu lassen, hätte sie nicht übers Herz gebracht, auch hatte das Mädchen, ahnungslos, wie es war, ihn schon hereingeführt, er stand bereits im Speisezimmer. Aus dem kleineren anschließenden Raume, wo das Klavier sich befand, trat Justine ihm entgegen und bat ihn, näher zu kommen. Wie so oft in früheren Zeiten saßen sie einander im Klavierzimmer gegenüber. Severin blickte um sich, wehmütig lächelnd, und ließ sein Auge schließlich auf dem Flügel ruhen.

»Wie oft haben wir hier miteinander Musik gemacht!« sagte er.

Die schönen, freuderfüllten Abende tauchten wieder vor ihr auf. Das Weinen stieg ihr in den Hals. Aber sie bezwang sich.

»Seither ist die Musik in diesem Haus verstummt«, sagte sie gepreßt.

Und es kehrte ihr die Erinnerung zurück, wie sie ihn hier, in diesem Zimmer, umarmt und geküßt hatte, als Laurenz den scheuen, herabgekommenen Heimkehrer den versammelten Verwandten vorführte, hier war es gewesen, wo er jenes erschütternde Lied, das »Gebet« gesungen hatte und ihr, da sie in Tränen ausbrach, zu Füßen gesunken war. Und in diesem Zimmer hatte er sie überreden wollen, mit ihm in die Welt hinaus zu ziehen, hier war es gewesen, wo sie ihrer Liebe Gewalt angetan und sich aus Pflicht und Mitleid für Laurenz entschieden hatte ...

Befangen und verlegen schwieg sie. Aber er war inzwischen weltläufiger geworden, schon sein Äußeres, das gepflegter und gesellschaftsfähiger aussah, seine bewußter durchgearbeitete und beherrschte Miene verriet den wenigstens innerhalb seiner Kreise erfolgreichen Künstler, der gewohnt ist, mit Menschen umzugehen. Er benahm sich mit einer gewissen Sicherheit und wußte ein kühles Gespräch zu führen. Mehr höflich als herzlich erkundigte er sich um ihr Befinden, um die Verhältnisse im Hause, erzählte auch von sich selbst, von seinen Reisen und ließ ohne Ruhmredigkeit durchblicken, wie sein Ruf besonders in Deutschland sich gefestigt habe und ihm eine gesicherte Grundlage des Daseins biete.

»Entschuldige mich gütigst bei Laurenz«, sagte er; »die Zusammenstellung des kleinen Orchesters, das ich da draußen dirigiere, gab mir so viel zu schaffen, daß ich mit bestem Willen nicht dazukam, ihn aufzusuchen. Überdies sind mir all die Formsachen, die mit einer Verlassenschaft zusammenhängen, in der Seele zuwider. Ich habe hier eine notarielle Vollmacht mitgebracht und lasse ihn bitten, ganz nach seinem Ermessen auch in meinem Namen zu verfahren.«

Er zog das Papier aus der Tasche und legte es auf das Tischchen.

»Und nun will ich nicht länger stören«, sagte er ungemein frostig und erhob sich.

Sie merkte, wie wenig sein Stolz es verwinden konnte, daß sie sich von ihm losgesagt hatte. Fast absichtlich schien er mit seinem Verhalten ihre damals getroffene Entscheidung unterstreichen zu wollen. Vor der Bruderliebe hätte er nicht haltgemacht, vor ihrem freien Willen beugte er sich. Und mit unsäglichem Schmerz fühlte sie, wie die Liebe des einzigen Mannes, den sie in ihrem Leben geliebt hatte, ihr entglitt.

Als er sich verabschiedete, reichte sie ihm die Hand, die kalt wie Eis war. Er hielt sie fest, wärmte sie gleichsam in der seinigen, griff nach der andern Hand, und sie überließ ihm beide. So standen sie einander gegenüber, und aus seinem Auge brach wie einst der Strahl der Leidenschaft, der sie verzehrte, daß sie scheu und wie schuldbewußt ihren schmerzerfüllten Blick von ihm abwenden mußte und an ihm vorbei ins Leere sah.

»Komm!« flüsterte er, riß sich los und eilte fort.

Denselben Nachmittag, gegen Abend, legte sie ihre Trauerkleider ab und schmückte sich in der unauffällig schlichten Weise, die der natürliche Geschmack ihr eingab. Dann verließ sie das Haus und nahm die Tram gegen Grinzing. Sie handelte wie im Schlaf, und die lange Fahrt verging ihr wie im Traum. Er hatte ihr im Gespräch mitgeteilt, unter welchem Namen und an welchem Orte er spielte. Sie wußte nichts, als daß sie ihn hören, daß sie ihn sehen wollte, und daß er ihr zugeflüstert hatte: »Komm!«

Es war ein kleinerer, aber mit künstlerischer Erlesenheit ausgestatteter Gastgarten für feine Kreise, wo er ein Orchester von kaum sechs oder acht Mann, aber jeder für sich ein Künstler, leitete und dabei selbst seine Meisterschaft entfaltete. Schon am Eingang erkannte sie den Gesang seiner Geige und nahm am ersten Tischchen Platz, das ihr verborgen genug schien. Zwischen den farbigen Lampen, die durch vornehm gemusterte Seidenbezüge abgedämpft waren, konnte sie ihn erblicken, wie er mit sicherer Bewegung den Bogen über die Saiten gleiten ließ. Die Musik berauschte sie. Alle Sehnsucht und Lebensfreude, alle Wehmut des menschlichen Herzens seufzte aus dieser Schubertschen Weise ...

Aber sie hatte sich versäumt, hatte den langen Weg nach Grinzing unterschätzt, war viel zu spät gekommen. Nur die letzten zwei oder drei Nummern hörte sie noch. Dann schien die Veranstaltung zu Ende, die meisten Leute brachen auf und verließen den Vergnügungsort. Doch beobachtete sie ein Flüstern von Eingeweihten, die noch verweilten. Von Mund zu Mund ging es, daß nun erst das Beste und Eigentliche noch bevorstehe. Ein kleinerer Kreis von offenbar erwartungsvollen Kunstfreunden zog sich allmählich nach vorne und verdichtete sich unter dem Podium. Justine hatte begriffen, daß der Künstler nun erst noch zur Laute singen würde, und begierig, ihn zu hören, stahl auch sie sich nach vorne und nahm in einer der ersten Reihen Platz. Es dauerte nicht lange, so erschien auch wirklich Severin auf der kleinen Bühne, die ihr wohlbekannte Laute im Arm.

Und wie gut kannte sie auch die Lieder, die er sang, fast alle! Und welche Erinnerungen weckten sie in ihr, welche Erregungen wühlten sie auf! Welch ein Herzpochen! Welch ein Erbleichen! Welch ein Erschauern! Welche Helligkeit und welche Inbrunst!

Schon längere Zeit hindurch hatte Severin gesungen, da erblickte er sie in den Reihen der Zuhörer. Ein Aufleuchten glitt über sein Antlitz. Er veränderte seine Stellung, daß er nur mehr sie allein im Auge behielt, präludierte in zitternden, klagenden, jubelnden Akkorden auf der Laute und sang, ausschließlich gegen sie gewendet, das letzte und schönste Lied dieses Abends:

Mitschuld

Wie manches Mal schon träumt' ich, daß sich meine
Lippen – ganz wie jener Pilger tat,
Den scheu zum Gnadenbild im Altarschreine
wir wallen sahn – den deinigen genaht,

Und daß schamübergossen du mir wehrtest,
Bis dir die Kraft hinschwand, zu widerstehn,
Und du mich selbst noch heißer küssen lehrtest,
Als sollten eins im andern wir vergehn.

Ruchlose Kuppler sind die Träume, reinen
Herzens uns in Not verstrickend und
Geheime Mitschuld. Denn auch du in deinen
Seligsten Nächten träumst uns Mund an Mund!

Woher ich's weiß? Weil, heute von dir scheidend,
Ich länger deine eisigen Hände ruhn
In meinen fühlte, als sich ziemt, und leidend
An mir vorbei du sahst, wie Schuldige tun!

In früherer Zeit war es oft unklar gewesen und dunkel geblieben, ob die Worte zu den Liedern, die er sang, von Rumpsack gedichtet waren, oder von ihm selbst herrührten. Diesmal bestand kein Zweifel. Wie tief mußte das vorübergleitende Erlebnis von heute vormittag ihn erschüttert haben, daß seine Schöpferkraft so rasch einen so unvergleichlichen Ausdruck in Wort und Ton dafür hatte finden können! Ergriffen und wie benommen blieb Justine sitzen, als er geendet hatte. Sie trocknete ihre Tränen und sah noch immer auf demselben Platz, als alles aufbrach, der kleine Garten sich nach und nach leerte, als schließlich niemand mehr da war als sie und – er, der die Stufen zu ihr niederstieg.

Leuchtend vom Glück des Künstlers und des Menschen trat er ihr entgegen. Sie reichten einander die Hände, beseligt verharrten sie, Aug' in Auge versenkt. Sie sprachen kein Wort.

Am Vormittag hatte er ihr zugeflüstert: »Komm!«

Und da war sie nun.

 

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