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Im Haus zum Seidenbaum

Emil Ertl: Im Haus zum Seidenbaum - Kapitel 17
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typefiction
authorEmil Ertl
titleIm Haus zum Seidenbaum
publisherDie Buchgemeinde/Berlin
year1928
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Noch denselben Sommer, aber mehr gegen Ende dieser holden, mit blühenden Rosen beginnenden und blühenden Astern endenden Jahreszeit, gab August Hollerer ein Fest zur Einweihung der stattlichen Villa, die er in Dornbach erstanden und von den Wiener Werkstätten aufs kostbarste hatte einrichten lassen.

Um Fastnacht war er eine Verbindung mit der einzigen Tochter eines schwerreichen Großhandlungshauses eingegangen. Und da es ihm selbst an Lust, Aufmerksamkeit und Zeit fehlte, einen eigenen Geschmack zu haben, so fiel naturgemäß der hübschen, hochkultivierten jungen Frau die Aufgabe zu, bei der Ausstattung des glänzenden Nestes, das sie sich in eben jener Dornbacher Villa zu bereiten gedachten, die Oberleitung in die Hand zu nehmen, was ihr übrigens nicht schwer ankam. Sie führte die Beratungen mit Architekten und Kunstgewerblern, wählte Wandbezüge, Möbelstoffe, Teppiche, erlesene Gebrauchsgegenstände und all die unzähligen Überflüssigkeiten aus, die den Überfeinerten unentbehrlich sind, bestimmte die Farben- und Formensprache jedes Raumes, steuerte mit einem Wort die ›persönliche Note‹ bei. Nichts entsprach mehr ihren Neigungen als eine solche Tätigkeit. Sie war vielseitig gebildet – was man so Bildung nennt – und in Sachen des Geschmacks so überempfindlich, daß sie zu sagen pflegte, in einem Raume zu wohnen, der nicht ihre ›persönliche Note‹ trage, verschlüge ihr den Atem, lieber wolle sie tot und begraben sein als inmitten der Kulturlosigkeit einer mit Typenmöbeln ausgestatteten Mietwohnung vegetieren. Und da das Mystische und Okkulte in jenen Tagen Trumpf war und die ›Synthese‹ und ›Polarität‹, als Favorit-Modewörter eben in Schwang gekommen, in keinem geistreich sein wollenden Buch, Zeitungsartikel oder Gespräch fehlen durften, so definierte sie ihre ›persönliche Note‹ ebenso zutreffend wie gemeinverständlich als eine ›Synthese von Fra Beato Angelico da Fiesole und Kokoschka unter mystischer Diffusion ihrer immanenten Polarität‹.

Von den geistig Minderbemittelten freilich, die zufällig Gelegenheit fanden oder aus Neugierde Gelegenheit suchten, einen Blick auf die im Entstehen begriffenen Wunderwerke der Raumkunst und Innenausstattung zu werfen, ahnten die wenigsten etwas von den tiefgründigen Verzückungen des Geschmacks, die sich darin offenbarten. Gewöhnlich gingen sie nur mit groß aufgerissenen Augen kopfschüttelnd von Zimmer zu Zimmer und dachten oder sagten nichts weiter als höchstens: »Aha, Wiener Werkstätten!«

Die geschmackvolle Frau sollte übrigens den Einzug in die mit so viel Hingebung eingerichtete Villa nicht erleben, sie war aber nicht etwa jung verstorben, sondern ihrem Mann inzwischen auf eine eheliche Untreue gekommen, die sie verstimmte. Und da auch er verstimmt war, weil er sie ebenfalls auf einer Eheirrung ertappt hatte, so herrschte ein so inniges Einvernehmen zwischen den Gatten, daß der Scheidung nichts mehr im Wege stand. Gewohnt, jede Mode mitzumachen, wären sich beide vielleicht etwas rückständig vorgekommen, hätte ihr Zusammenleben länger als ein paar Monate gedauert. Und da keines weder schuldiger noch unschuldiger war als das andere und kein Teil sich über eine Störung des Gleichgewichts beklagen konnte, so gingen sie ohne dramatische Szene kalt lächelnd auseinander. August Hollerer bezog allein sein geckisch aufgeschniegeltes Schmuckkästlein in Dornbach und verpflichtete behufs ansehnlicher Vertretung seines Hauses die Witwe nach einem hohen und verdienten Staatsbeamten, eine wahrhaft feine und hochachtbare Frau, die würdig gewesen wäre, dem vornehmsten Hauswesen vorzustehen und doch ihrem Gott dankte, überhaupt untergekommen zu sein; denn sie darbte und hatte unversorgte Kinder, denen sie eine gute Erziehung angedeihen lassen wollte.

Das Fest der Hausweihe war in vollstem Gang, als Hauptmann Eybel den mit herrlichen Treibhausgewächsen geschmückten Dielenraum betrat und die in feenhaftem Lichterglanz erstrahlende Freitreppe hinanstieg. Er war sich dessen bewußt, daß er ebenso wie Rumpsack nur in seiner rein menschlichen Eigenschaft als Heymonsbruder geladen sei, und fühlte sich in seiner selbstverständlich wieder aus dem Judengassel stammenden Wichs nicht übermäßig großartig unter den gewissermaßen offiziellen Gästen, welche die Prunkräume bereits bevölkerten, den vielen hervorstechenden Gestalten aus der Großindustrie und Hochfinanz, den nicht minder zahlreich vertretenen stadtbekannten Persönlichkeiten von Rang und Stand. Gleich in einem der ersten Säle, wo eine Jazzband sich hören ließ, traf er einen Bekannten, nach dem er sich übrigens nicht gerade gesehnt hätte. Es war Thomas Mairold, der Sohn Wolfgang Mairolds, ein noch etwas unreifer, zu Kleinkrämerei neigender junger Peinling, der nach einigen allgemeinen Bemerkungen über die glänzende Aufmachung des Abends von geschäftlichen Dingen zu reden anfing. Er wußte, daß Eybel durch Ursel Fürst mit Georg Leodolter in Verbindung stand, daß die beiden sich angefreundet hatten und innige Beziehungen zueinander unterhielten. Unter vielen Klagen über die unleidlich gewordenen Verhältnisse in der Fabrik zu Nedweditz und unter heftigen Anschuldigungen gegen seinen daselbst den Diktator spielenden tschechischen Vetter erkundigte er sich, wie es mit der ›Moralba‹ stehe – der von der Principessa erfundene Name für die geplante Union mehrerer größerer Seidenfirmen hatte sich unter den Nächstbeteiligten bereits eingebürgert. Zerstreut gab Eybel ihm Auskunft.

»Ich denke, die Aussichten haben sich gebessert«, sagte er. »Immerhin kann es noch eine gute Weile dauern, ehe die Sache greifbare Gestalt annimmt. Ich würde Ihnen raten, nach Nedweditz zu übersiedeln, im Verhältnis zu Ihrem Vetter das Trennende zurückzustellen, dagegen das Einigende aufzusuchen und so tüchtig in der Fabrik zu arbeiten, daß es Ihrem Verwandten Achtung abnötigt. Aus der Ferne, oder wenn Sie nur ein paarmal im Jahr hinreisen, werden Sie niemals Einfluß gewinnen.«

»Ich hänge zu sehr an Wien, ich könnte in Nedweditz nicht leben«, antwortete Thomas.

»Wenn Sie ernsten Zielen Ihre empfindsamen Neigungen nicht unterzuordnen imstande sind, dann ist Ihnen nicht zu helfen.«

»Ich würde mich ja allenfalls überwinden«, lenkte der junge Mann ein; »aber ich bin seit einem halben Jahr verheiratet, meine Frau ist in der Hoffnung – könnte ich es verantworten, den dauernden Wohnsitz meiner Familie in einen Ort zu verlegen, wo man erst kürzlich die letzte deutsche Schule behördlich gesperrt hat?«

»Der Herr Sohn oder das Fräulein Tochter wird wohl nicht sofort nach der Geburt zur Schule gehen wollen«, sagte Eybel lachend; »aber freilich könnt' es Ihnen geschehen, daß Sie dann mit Ihrer Familie für Jahre dort festsitzen. Insofern halte ich den letzterwähnten Grund für stichhaltiger. Bereiten Sie also mittlerweile die Loslösung von Nedweditz vor, Sie können immerhin anfangen, Gelder herauszuziehen. Es dürfte jetzt keine Gefahr mehr damit verbunden sein, denn fast scheint es, als sollte der neuen Regierung das Kunststück gelingen, die Wertbeständigkeit unserer Währung zu sichern. Daß uns in Herrn Ferry Shykenstool, der inzwischen nach Amerika zurückgereist ist, ganz unerwartet ein wertvoller Bundesgenosse erstanden ist, haben Sie wohl erfahren, wenn er nächstes Jahr wieder herüberkommt, wie er es beabsichtigt, so gerät die ›Moralba‹ möglicherweise rascher in Fluß, als wir ursprünglich hoffen durften.«

Sie hatten während dieses Gesprächs mehrere Räume durchquert, wo an zeltartig aufgebauten Ständen kalte Küche, Flüchte und Süßigkeiten erlesenster Art, auch Getränke und Erfrischungen von durchwegs reizenden jungen Mädchen gereicht wurden, die einheitlich in Altwiener Tracht gekleidet waren. Viele Gäste, vorwiegend Herren, drängten sich um die in mehr als einer Hinsicht anziehenden Schenk- und Speisetische, während das nächste kleinere, mit üppigen Sitzgelegenheiten ausgestattete Zimmer, das im Schein einer rosigen Ampel dämmerte, fast leer war. Nur wenige einsame Pärchen saßen verstreut in verschwiegenen Winkeln beieinander. Hier stießen sie auf Rumpsack, der ihnen von der andern Seite entgegenkam.

Der junge Mairold äußerte sich entzückt über die Innenausstattung des Hauses, die er zwar etwas »outriert«, aber höchst »apart« und sogar »esoterisch« fand.

»Die Wiener Werkstätten haben sich selbst übertroffen«, sagte Rumpsack, der seinen Stichel- und Hecheltag hatte; »das Ganze sieht aus wie ein Mittelding zwischen Bordell und Kirche, von einem Morphinisten ausgeklügelt.«

Schade, daß der von Hollerer abgetrennten geschmackvolleren Ehehälfte dieses Urteil nicht zu Ohren kam! Sie wäre stolz darauf gewesen. Denn sie hätte eine Bestätigung darin erblickt, daß ihr die »mystische Synthese der Polaritäten« tatsächlich gelungen sei. Thomas Mairold hingegen erblickte einen persönlichen Angriff darin und war gekränkt, während er sich in eine umständliche Rechtfertigung seines Kunstgeschmacks verlor, was wie üblich mit Unfruchtbarkeit geschlagen blieb, kam August, der Gastgeber, in der Nähe vorbei und machte halt, sie herzlich willkommen zu heißen.

»Da wären wir ja wieder einmal drei Heymonskinder beisammen«, sagte er; »der vierte fehlt leider schon wieder. In einem der Zimmer des zweiten Stockes konzertiert ein Schrammel-Quartett, leider ist der Severin nicht dabei. Ich ließ ihn in Wien suchen wie eine Stecknadel, ich hielt es nicht für unwahrscheinlich, daß er, wie schon vor dem Krieg einmal, unter einem angenommenen Namen Volksmusik mache, um sich fortzubringen. Aber er ist unaufspürbar, wie vom Erdboden verschwunden. Nicht einmal der findige Ausschnüffler, der sich bei meiner verehrten Gattin so glänzend bewährt hat, wirklich ein Meister seines Faches, vermochte auch nur die flüchtigste Fährte von ihm nachzuweisen ... Was gibt's übrigens Neues im Seidenbaum?« wendete er sich fragend an Rumpsack.

»Daß das Wohnungsamt«, sagte dieser, »dem alten Staudenmayer vor einiger Zeit sein einziges menschenwürdiges Zimmer beschlagnahmen wollte und ihm um ein Haar eine Untermietpartei in den ohnedies schon räudig gewordenen Pelz gesetzt hätte. Sag' mal, August, wie stellst du es an, daß dir allein zwanzig oder mehr Wohnräume zum persönlichen Gebrauch verfügbar bleiben, ohne daß sie angefordert werden?«

»Vor allem muß man die zwanzig Wohnräume haben«, antwortete Hollerer lachend. »Was sonst noch dazu gehört, das ist mein Geheimnis.«

»Du hast schon damals auf dem Kahlenberg«, sagte Eybel, »den Teufel beschworen, der die Dächer abdeckt. Nun wohnst du selbst unter einem solchen Dach.«

»Daß ich es tue und tun kann, scheint denn doch zu beweisen,« antwortete Hollerer, »daß ich den Ameisenhaufen, den ich an jenem Abend auf dem Kahlenberge hochleben ließ, richtiger einschätzte als ihr. Die Liebe zur Gemeinschaft, die du, Freund Eybel, damals predigtest, die fortschreitende Entwicklung der sozialen Gefühle, der Grundsatz des gleichen Rechts für alle – das sind Dinge, die sich vielleicht in einem wirklichen Ameisenhaufen finden, in einer Republik der Kerfen, aber nie und nimmer in einer Republik der Menschen! Traurig vielleicht, daß es so ist, aber es ist so. Beinahe hättet ihr mich damals herum- und in die alte Ideologie hineingeredet. Wenn ich überblicke, was ich seither erreicht habe, so beneide ich die Hände, nicht, die Freund Rumpsack wenigstens in Versen so gerne drückt, weder die Hand mit Tintenklecksen, noch die Hand mit Schwielen!«

»Aha, das Sonett wurmt ihn noch heute!« lachte Rumpsack auf. »Er kann's halb auswendig!«

»Ersieh daraus, lieber Mahner und Merker,« sagte Hollerer, ihn auf die Schulter klopfend, »wie sehr ich Wert darauf legen würde, vor deinem Urteil zu bestehen, wär' nur mein Reich wie das der Dichter nicht von dieser Welt!«

Er bat um Entschuldigung, da Hausherrnpflichten seine Anwesenheit an einer andern Stelle nötig machten, und verabschiedete sich für einstweilen, indem er die Hoffnung auf ein erneutes Zusammentreffen im Lauf des Abends aussprach.

Im großen Tanzsaal, den sie nun zu dritt betrachten, stellte ein Bekannter sie der Hausdame vor, einer stattlichen, noch schönen weißhaarigen Frau, die eine Anzahl fröhlicher junger Mädchen bemutterte und die Herren sogleich zum Tanzen ermuntern wollte. Bei Rumpsack fielen ihre Bemühungen auf unfruchtbaren Boden, Thomas Mairold verhielt sich noch abwartend, Eybel bedauerte, in den modernen Tänzen nicht bewandert zu sein. Es standen nur Foxtrott, Boston, Shimmy und dergleichen auf der Tanzordnung.

»Tanzen Sie gern, oder ist es nur eine Ausrede?« fragte lächelnd die Frau Sektionschef, wie sie genannt wurde.

»Ich tanze gern,« erwiderte Eybel, »müßte aber rein von vorne anfangen und wieder Unterricht nehmen. Sie begreifen, gnädige Frau, daß ich mich durch ein unbeholfenes herumhopsen nicht bloßstellen möchte.«

»So will ich als nächste Nummer einen Straußschen Walzer einlegen lassen«, sagte sie gütig.

Vorläufig war ein Tango im Gang. Die schlanken Tänzer und Tänzerinnen schienen im Reigen mehr zu schreiten, als sich zu schwingen. Der kurze Frauenrock war eben erst in Mode gekommen, das bis dahin nur allzu zimprig gewahrte Geheimnis des weiblichen Beines enthüllte sich in lieblicher Rundung. Fiedeln winselten herzerweichend, Saxophone tuteten kläglich aufreizend, eine tiefe Kniegeige sang ihren Alt dazwischen, das Klavier goß eine klingende Tunke von orchestraler Fülle über das Ganze. Der bewegte Saal bot ein reizvolles Bild der gelassen einander weiterschiebenden jungen Paare.

Ein angenehmer Schreck fuhr Eybel durch die Glieder, als er unerwartet Marianne Hocheder, die er seit jenem Konzert am Dreikönigstag nicht wiedergesehen hatte, unter den Tanzenden gewahrte. Geführt von dem ihm nur flüchtig bekannten Doktor Felix Pinkas, dem Sohne des uralten Jacques, der ihm durch Vermittlung Georg Leodolters eine Art Richtschnur für das Studium der Webstuhlmechanik hatte zukommen lassen, bewegte sie sich voll Anmut durch den Saal. Evastochter genug, die neue Mode entschlossen mitzumachen, trug sie das Kleid beinahe kniefrei, und da sie ein großes, schöngewachsenes Mädchen war, so bestrickte ihre nichts weniger als ängstlich verhüllte wundervolle Gestalt den insgeheim mit ihr Verlobten heute mit verdoppeltem Liebreiz.

Es ärgerte ihn ein wenig, daß der trotz seiner Jugend leicht etwas grämliche und, wo es sich nicht um das »Aparte« oder »Esoterische«, sondern um das Natürliche handelte, gern zum Absprechen geneigte Thomas Mairold mit pharisäischer Entrüstung über die weibliche Kleidermode zu eifern begann, die er als anstößig, schamlos, unsittlich, als eine geradezu unsaubere Tracht bezeichnete. Er münzte seine Worte zum Glück nicht gerade auf Marianne, von deren Beziehungen zu Eybel er vermutlich nichts ahnte, er sprach nur im allgemeinen und betete gedankenlos manche Bemerkung nach, die man schon irgendwo gelesen zu haben meinte; dennoch empfand der Hauptmann seine Worte wie eine Bekrittelung der Geliebten und freute sich, als Rumpsack jetzt in seiner derben Art dem jungen Manne über den Mund fuhr, ihn einen würdigen Neffen seines Oheims, des Generals, nannte und ihm riet, da er schon ein solcher Stäubchenkläubler sei, doch auch einmal den Staub unters Vergrößerungsglas zu nehmen, den die früheren, nachschleifenden Damenkleider aufgewühlt hätten; dann würde er erst begreifen, welche Tracht die wahrhaft unsaubere sei.

Thomas, durch den ihm peinlichen Vergleich mit seinem Oheim herausgefordert, entgegnete gereizt, und da Eybel sich auf die Seite Rumpsacks schlug, gerieten sie in einen Wortwechsel, der hitziger geführt wurde, als der Gegenstand es rechtfertigte. Doch brach er jäh ab, als Marianne, die ihren Liebsten erblickt hatte, plötzlich fast aus den Armen ihres Tänzers auf die drei zuflog. Das verlegene Verstummen fiel ihr auf, sie wollte wissen, worüber die Herren so erregt gestritten hätten?

»Über den kniefreien Rock!« gestand Rumpsack unumwunden ein.

»Ich hoffe, Sie haben ihn in Schutz genommen, Herr Doktor?« lachte sie belustigt auf.

»Das will ich meinen!«

»Besingen Sie doch den Vielverlästerten!« bat sie. »Ein hübsches Sonett, nicht wahr?«

Und indem sie des Hauptmanns Arm nahm, sagte sie noch im Abgehen, den Kopf über die Schulter zurückgewendet, mit einem holdseligen Lächeln: »Sie werden es mir dann in der lauschigen Grotte vorlesen, die für die Tête-a-têtes bestimmt ist?«

Nachdenklich und etwas schweren Herzens verzog sich der Ehrendoktor der Schutzengelgasse aus dem Tanzsaal. Er war sich ja vollkommen klar darüber, daß Mariannens Auftrag nichts als eine nette Form für sie gewesen sei, ihren Hauptmann dem kleinen Kreise zu entführen. Aber zum ersten Male fühlte er es aus der leisen Koketterie ihrer Worte und ihres Lächelns heraus, daß sie um das tiefste und heimlichste Geheimnis seines Lebens wußte. So sorgfältig und ängstlich er es vor ihr, vor jedermann, sogar vor sich selbst immer verborgen hatte, sie wußte es dennoch oder ahnte es wenigstens, daß er in sie, seine ehemalige Schülerin, ach wie hoffnungslos! verliebt war ... Welche List und Geschicklichkeit des Verheimlichen wäre dem gefühlsmäßigen Spürsinn des Weibes gewachsen, wo es um Liebe geht? Sie wußte es, oder ahnte es wenigstens! Und sie hatte so verführerisch gelächelt und ihm mit echt weiblicher Hartherzigkeit sogar etwas wie ein heimeliges Zusammensein unter vier Augen in Aussicht gestellt, nur um ihn auf gute Weise so rasch wie möglich loszuwerden! ...

Mit einem Seufzer ließ Rumpsack im abgelegensten der Büfetträume sich an einem einsamen Tischchen nieder. Eine von den reizenden Alt-Wienerinnen brachte ihm ein köstliches Glas Wein, etwas Kaviar in Eis und dergleichen mehr. Und so, nicht übel bestallt und trotz seines Herzenskummers nicht ohne Behagen, begann er gehorsam zu dichten und entfremdete eine kunstvoll gedruckte Weinkarte ihrer ursprünglichen Bestimmung, indem er die unschuldsvolle Reinheit ihrer Rückseite durch das folgende Sonett entjungferte:

Der kniefreie Rock

So reizvoll kurzgeschürzt wie Artemis
Schreiten die schlanken Mädchen heut einher,
Die Mucker zetern: 's gibt kein Keuschsein mehr!
Man sieht die Beine! Welch ein Ärgernis!

So sah die Beine man im Paradies
Bei Eva auch, die arglos und leger

Ganz nackt ging, als ob's selbstverständlich wär'
Und sich erst anzog nach dem Apfelbiß!

Wär's ein Pudendum denn, daß wie der Mann
So auch das Weib geboren ward mit Beinen?
Lernt keuscher schaun, so spart ihr Fluch und Bann!

Denn alles ist bekanntlich rein dem Reinen,
Und nur den Lüstling kitzelt mit Gelüsten
Das pralle Rund von Waden oder Brüsten.

 

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