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Im Haus zum Seidenbaum

Emil Ertl: Im Haus zum Seidenbaum - Kapitel 14
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typefiction
authorEmil Ertl
titleIm Haus zum Seidenbaum
publisherDie Buchgemeinde/Berlin
year1928
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Den darauffolgenden Vormittag, einen Werktag, war Justine von ihrem Krankenbesuch bei Frau Staudenmayer, der ihr zum Bedürfnis geworden, eben in ihre Wohnung zurückgekehrt und damit beschäftigt, die frisch gebügelte Wäsche durchzusehen und zu zählen, als Beppi, ihr Mädchen eintrat: Herr Severin wünsche sie zu sprechen.

Es ging erst gegen elf Uhr, um diese Zeit konnte für gewöhnlich keiner von den im Geschäft tätigen Herrn von seiner Arbeit abkommen. Die Schreibstuben zu verlassen, bevor der »Schustermichel«, die große Glocke vom Laurenziturm, die Mittagsstunde verkündete, war nicht üblich. Auch für Severin, obgleich die ihm zugewiesenen Verrichtungen nicht gerade zu den wichtigen gehörten, galt diese Regel; es hätte Anstoß erregt, wenn er sich an die bestehende Ordnung nicht gehalten haben würde. Etwas befremdet ging Justine ins Klavierzimmer hinüber und traf ihn am Flügel sitzend, doch spielte er nicht. Auf dem geschlossenen Instrument ruhten seine gekreuzten Arme, in die er sein Gesicht verbarg. Durch ihr Eintreten aufgeschreckt, hob er den Kopf, seine Züge waren bleich und verstört, auf den ersten Blick wußte sie, daß etwas Unliebsames sich ereignet haben mußte.

»Nun kommt es endlich zur Entscheidung«, rief er ihr entgegen, ohne ihre Frage abzuwarten oder sie auch nur zu begrüßen. »Ich verlasse für immer das Haus. Der Vater hat mir den Stuhl vor die Tür gesetzt.«

In ihrer Bestürzung wußte sie gar nicht, wo sie anfangen sollte zu fragen.

»Im Grunde bin ich froh,« sagte er, »daß die Fesseln gesprengt sind. Mir ist zumute wie einem Sträfling, dem der Kerkermeister die eisenbeschlagene Tür öffnet mit den Worten: du darfst nicht länger hier bleiben. Welcher Gefangene wird sich das zweimal sagen lassen?«

»War das hier wirklich nur ein Gefängnis?« fragte sie bitter.

»Komm mit, dann wirst du sehen, was Freiheit ist!«

Sie überhörte geflissentlich die leidenschaftliche Aufforderung, sie konnte noch nicht daran glauben, daß der gewohnte Gang der Dinge so jäh unterbrochen, dem lieben Beisammensein ein so plötzliches Ende bereitet werden sollte. Noch klammerte sie sich an die Hoffnung, daß sein heißes Geblüt sich in uferlosen Übertreibungen gefalle.

»Severin, ich bitte dich, brich nicht leichtfertig die Brücken hinter dir ab! Der Vater zeigte sich gestern so überaus wohlwollend, wir alle setzten die größten Hoffnungen darein für dich und deine Zukunft. Es ist nicht möglich, daß er seine Gesinnung über Nacht geändert habe, es kann nur ein Mißverständnis obwalten. Was hat sich zugetragen? Worum handelt es sich bei diesem neuerlichen Zerwürfnis? Ich bin überzeugt, es wird sich durch gütliche Aussprache beilegen lassen. Ich selbst will mit dem Vater reden, er war auch gegen mich gestern gütig wie noch nie, er wird meinen Bitten nicht widerstehen und seine Entscheidung zurücknehmen.«

»Vielleicht, obwohl ich es nicht glaube. Jedenfalls werde ich die meinige nicht rückgängig machen. Ich habe mit dem Sozialisten unten im Werksaal, der dem Vater so arg auf die Nerven geht, nichts gemein als Erinnerungen aus der Kriegsgefangenschaft, ich habe auch weiter gar nichts für ihn übrig, er ist ein armer Mensch, wie es deren viele gibt, und sonst ein dummer Kerl, der mich eigentlich nichts angeht. Aber ich bin kein grüner Junge und lasse mir nicht verbieten, mit ihm zu sprechen, wenn es mir beliebt, oder ihn zu einem Konzert einzuladen, wenn ich eins gebe. Wenn ich meine Perlen schon vor die Säue werfe, so gilt mir ein verbissener Bourgeois als Zuhörer genau so viel und nicht um ein Haar mehr als ein verbissener Sozi. Die weltbewegende Frage, ob es vielleicht passender gewesen wäre, nur dem einen vorzuspielen und dem andern nicht, kümmert mich wenig. Mir daraus einen Strick zu drehen, ist eine Lächerlichkeit, die ich eben nicht anders als mit dem gebührenden Lachen beantworten kann. Aber darum handelt es sich jetzt gar nicht mehr, ich habe Wichtigeres und Ernsteres auf dem Herzen ...«

Er wollte fortfahren, aber erregt fiel Justine ihm ins Wort. »So ist die gestrige Veranstaltung wirklich der Anlaß so arger Mißhelligkeiten geworden?« rief sie bekümmert. »Dann wären wir ja alle gleichermaßen schuldig, nicht du allein! Erkläre mir, wie der Vater die Sache auffaßt, damit ich seiner Verstimmung begegnen und es verhindern kann, daß eine Lappalie zu einer Staatsaffäre aufgebauscht wird.«

»Ich bitte dich, erlaß es mir,« sagte Severin, »den langweiligen Brei noch einmal aufzurühren. Kleine Ursachen haben oft große Wirkungen, und wenn eine Lappalie, wie du es richtig nennst, von irgendeiner Klatschbase in die entsprechende Beleuchtung gerückt, hinreicht, Vater und Sohn für immer voneinander zu scheiden, so beweist das nichts anderes, als daß sie in Wahrheit schon längst, vielleicht seit jeher voneinander geschieden waren und nur ein falscher Schein das Gegenteil vortäuschte.«

»Daß Gegensätze zwischen euch seit jeher bestanden,« sagte Justine, noch immer bestrebt, die Mittlerin zu machen, »das wird niemand leugnen. Aber wo gäb' es keine Gegensätze zwischen einander Nahestehenden? Sie lassen sich mit einigem guten Willen meist überbrücken. Der Vater wird mangelhaft unterrichtet gewesen sein, eine von uns vielleicht nicht ganz richtig angefaßte, im ganzen aber doch harmlose Sache wurde ihm vermutlich in falschem Licht dargestellt, sein krankhafter Zustand verhinderte ihn, alle Umstände mit Besonnenheit zu prüfen, und schließlich wirst vielleicht auch du ihm nicht mit jener Mäßigung begegnet sein, die einem kranken alten Mann gegenüber angebracht gewesen wäre. Aus alldem ergibt sich, daß der Bruch nicht unheilbar zu sein braucht. Es wäre unverantwortlich und töricht, mit duldender Untätigkeit dabei zuzusehen, wie ganz ungeheuerliche und nicht auszudenkende Folgen für dich, für uns alle aus einer Verwicklung hervorwachsen, deren tatsächlichen Inhalt du selbst als untergeordnet und belanglos bezeichnest.«

»Ich gebe zu,« antwortete Severin, »daß auch ich heftig wurde, ein Wort gab eben das andere, und die Reizbarkeit ist nun einmal mein Erbgut und das Kapital, mit dem ich wuchere. Aber nicht solche und andere Nebensächlichkeiten bestimmen meinen Entschluß, der unerschütterlich feststeht. So gleichgültig mir der Fall an sich wäre, so hat er mir doch die Augen geöffnet über die Unwürdigkeit meiner Stellung in diesem Hause. Und so wenig Bedeutung ich ihm hinsichtlich des Tatsächlichen, das darin steckt, beimessen würde, so bedeutungsvoll ist er als Symptom. Denn er kennzeichnet die Luft, die in diesem Hause weht, und ich bin es satt, Stickluft zu atmen. Ich sehne mich danach, mir den Wind wieder frisch und fröhlich um die Ohren wehen zu lassen! Ich muß heraus aus dieser Enge, die mir den Atem verlegt und mich krank macht! Justine!« rief er aus, indem er ihre Hand ergriff und sie neben sich auf den freistehenden Klaviersessel niederzog, so daß er nun ganz nahe, den Mund fast an ihrem Ohr, zu ihr sprechen konnte. »Justine! Du kannst nicht allein hier zurückbleiben, du mußt mit mir kommen! Ich brauche dich, weil ich dich liebe, es bräche mir das Herz, wenn ich zusehen müßte, wie deine große, freie Seele zwischen diesen Mauern verkümmert, stumpf wird allmählich in dem Einerlei einer spießbürgerlichen Umgebung, für die du so wenig geboren bist wie ich selbst. Folge mir hinaus ins Leben, in die Freiheit! Schon als ganz junge Menschenkinder hat der natürliche Trieb der Herzen uns zueinander gezwungen, das Schicksal hatte uns füreinander bestimmt, Gott selbst, wenn du willst, uns einander in die Arme geführt! Was uns trennte, das waren die Menschen, besser gesagt die Leute, diese verfluchte Vettern- und Basenschaft, die ihr Ziel darin erblickt und immer erblickt hat, keinen Flug zu den Sternen aufkommen zu lassen und den Seelen die Schwingen zu beschneiden, um sie in ihre eigene Beschränktheit herunterzuzwingen. Damals, als wir gemeinsam entfliehen wollten, da war vielleicht noch etwas wie jugendliche Abenteuerlust mit im Spiele, auch ist es möglich, daß wir unsere noch unentwickelten Kräfte überschätzten, wir waren Anfänger in der Kunst, ich gebe zu, vielleicht wären wir gescheitert. Heute, als Reifgewordene in menschlicher und künstlerischer Hinsicht, überblicken und beherrschen wir die Lage mit ungleich größerer Sicherheit. Wir schlagen uns durch, ich schwör' dir's! Verlass' mich nicht in dieser Schicksalsstunde, Justine! Du gehörst zu mir wie ich zu dir, du würdest das kümmerliche Dasein einer Pflanze fristen, der man die Sonne entzogen hat, wolltest du dich von mir sondern und mit der Liebe zu mir und der Sehnsucht nach Leben im Herzen im stockenden Pfuhl der Lüge zurückbleiben. Denk' an die freie Gebirgswelt, in der du aufgewachsen bist! So leicht und frei wie auf himmelsnaher Bergeshöhe werden wir Seite an Seite durchs Leben schreiten, verbunden durch eine jubelnde Kameradschaft im Zeichen der erhabensten aller Künste. Dann wirst du nicht mehr dein eigener Schatten, dann wirst du endlich du selbst, zum erstenmal in deinem Leben du selbst sein! Welches Gefühl des Erlöstseins würde dich dann beseligen! Wie würdest du die Stunde preisen, in der du alle Hemmungen abgeschüttelt und dich für mich, das heißt für dich selbst entschieden hast! Kannst du noch zögern? Dich an den Kerker klammern, wenn das Licht schon durch die aufgesprengte Pforte dringt? Kannst du mich, der dich liebt und den auch du liebst, aus schwächlicher Bedenklichkeit im Stich lassen? Sag', Justine, kannst du das?«

Mehr als einmal, während er mit herabgedämpfter Stimme in leidenschaftlich sich überstürzenden Worten auf sie einsprach, hatte sie ihm ihre Hand entziehen, sich von ihm losmachen wollen. Jetzt, da er sie endlich freigab und erwartungsvoll, als hätte sie über Tod oder Leben zu entscheiden, an ihren Lippen hing, erhob sie sich und zog sich fluchtartig aus seiner Nähe zurück. Auf dem kleinen Diwan, der dem Flügel gegenüberstand, ließ sie sich erschöpft und wie entkräftet nieder und starrte ihn mit großen, entgeisterten Augen an.

»Du sagst, Gott hätte uns für einander bestimmt, aber vor Gottes heiligem Altar hab' ich gelobt, dem Laurenz ein treues Weib zu sein bis in den Tod. Gibt es einen Gott, vor dem Treubruch nicht eine schwere Sünde wäre?«

»Wenn du den Vater befragst und nicht dein Herz, dann bin ich allerdings ein Gott- und Sittenloser.«

»Und darf das Herz«, fragte sie von Zweifeln zerrissen, »Entscheidungen treffen, welche die der Pflicht verleugnen? Dann wäre dein Gott, Severin, wenn es ihn überhaupt gibt, ein Spielball in den Händen deines Willens und deiner Leidenschaft.«

»Höre, Justine, du sollst mich nicht ungerecht beurteilen wie der Vater«, sagte Severin ruhiger geworden und mit tiefem Ernst. »Auch mir ist die Welt nicht entgottet und entsittlicht, doch ist mein Gott ein göttlicher, kein bürgerlicher Gott und meine Sittlichkeit kein Schnürleib, die Seelen einzuzwängen und zu verkrümmen. In einer Adventpredigt, die wir beide mit anhörten, sprach unlängst Pater Wilfrid, der dir gewiß nicht als ein Gottloser und Zerstörer von Verantwortung und Gewissen gilt, über die Hingabe des einzelnen an die Allgemeinheit und feierte diese Hingabe als oberstes Pflichtgebot. Er erwähnte, daß sie in Zeiten gewaltsamer Störungen von außen, wie es im Weltkrieg der Fall war, als Vaterlandsbegeisterung in die Erscheinung treten kann, als Volksbewußtsein, als Heimatliche. Er erwähnte auch, wie dieselbe Hingabe sich wieder in einer andern Gestalt darstelle, in der im kleinen oder großen schöpferischen Friedensarbeit, in einem sachlichen schaffen, das die Welt durch neue Entfaltungen des Geistes bereichert. Aber er vergaß zu erwähnen, oder wollte als katholischer Priester es in der Kirche nicht erwähnen, daß es auch noch eine dritte Form dieser Hingabe gibt, eine das Unbewußte des Gebens berührende Form, die an Bedeutsamkeit für die Gemeinschaft jenen beiden andern nicht nachsteht. Auch sie vollzieht sich im Zeichen des sittlichen Aufschwungs, in Begeisterung und unvergleichlicher Freudigkeit, wird aber, weil das Triebhafte hier am deutlichsten hervortritt, für gewöhnlich nicht sittlich gewertet. Mit Unrecht! Denn der Trieb, dem sittliche Kraft innewohnt, ist ein zuverlässigerer Führer als alles bewußte Wollen. Und sollte der Liebe – nicht der Liebe im christlichen Sinn, der einzigen, der Pater Wilfrid erwähnte – nein, der Liebe der Geschlechter zueinander, der hohen Leidenschaft der Liebe bis in den Tod, die so naturnah ist, keine sittliche Kraft innewohnen? Sind Romeo und Julie, Werther und Lotte, Abälard und Heloise, Tristan und Isolde, all die großen Heldengestalten der Liebe nicht auch Helden und Blutzeugen einer sittlichen Notwendigkeit? Betrachte, liebe Justine, alle Werke der gestaltenden Einbildungskraft von den ewig dauernden Dichtungen angefangen bis herunter zum alltäglichsten Zeitungsroman, warum siegt allüberall die Liebe, selbst noch im Untergang? warum wird nie und nirgends die Zweckheirat verherrlicht, die Kaufehe, die doch im wirklichen Leben eine so große Rolle spielt? warum nie die kühle Berechnung, der Geldsack, warum immer nur die Liebe? Weil die Glut der Empfängnis in Liebe den wertvollen Menschen der Zukunft verheißt, weil aus der klugen Berechnung ebensowenig wie aus der Orgie der neue Mensch hervorgeht, der eine Steigerung der Art bedeutet. Nur jenes erhabenste Gefühl, das wir Liebe nennen, Beseelung des natürlichen Triebes, ist der zuverlässige Wegweiser zur leiblichen und seelischen Höherentwicklung. Liebe ist der Drang der Gottheit, sich in einer neuen Seele zu offenbaren. Hier dient der einzelne unbewußt dem großen dunklen Geheimnis, welches das Schicksal der Gattung bestimmt. Der persönliche Zweck bleibt ausgeschaltet: Liebe bis in den Tod, wenn tragische Verwicklung es heischt! Das Geschöpf, das da werden will, ist wichtiger als das persönliche Wohl oder wehe der Liebenden. Darum bei dem großen nordischen Dichter das apokalyptische Wort: du hast die Liebe in mir ermordet! Die Liebe in einem Herzen morden um einer Körperehe willen, die keine Seelenehe ist, das ist ihm die Sünde wider den Geist. Das zweckmäßige Berechnen wird zur Unsittlichkeit, wo es sich um einen mit den tiefsten Geheimnissen der körperlichen und seelischen Welt verwobenen Trieb handelt. Und dieser Trieb, der auch von Pflicht und Schuld nichts weiß, ist höchstes Menschentum, Justine, und Gottes sittliches Gebot. Wo die Natur noch taub und stumpf vom Menschengeist nichts ahnt, da gibt's auch die Liebe im menschlichen Sinn noch nicht. Da gibt es nur Anpassung an Zwecke ohne höhere Führung, Zufallsbegattung ohne seelische Weihe, dasselbe, was die Zweck- und Kaufehe leistet. Das göttliche Geheimnis der Seelenhaftigkeit bleibt ausgeschaltet wie aus der Orgie. Die sittliche Weltordnung aber, von der Pater Wilfrid sprach, fordert Ehrfurcht vor der Heiligkeit des durchgeistigten Urtriebes. Und du, Justine, kannst fragen, ob es eine Sünde sei, wenn du dem Ruf deines Herzens folgst? Willst du lieber die Sünde wider den Geist auf dich laden und eines ungeliebten Mannes Weib bleiben? Entscheide dich! Wähle in Freiheit! Noch heute verlasse ich das Haus. So lange magst du mit dir zu Rate gehen. Bis dahin lebe wohl!«

Er erhob sich und reichte ihr die Hand.

»Kein Abschied für immer, hoff' ich«, sagte er noch. »Nur ein: Auf wiedersehen! Nicht wahr, Justine?«

»Verlange in diesem Augenblick keine Entscheidung von mir, Severin!« bat sie inständig. »Ich weiß, ich habe die Ehe schon gebrochen, da ich dich liebe. Und doch ist's bis jetzt bloß eine Gedankenschuld ...«

»Die nur durch die Tat gerechtfertigt und geheiligt werden kann!« ergänzte er.

»Laß mir Zeit!« fuhr sie fort zu flehen. »Noch weiß ich mich nicht zu sammeln und zu fassen, ich muß erst mit mir und meinem Gott allein sein ...«

»Justine!« rief er in Ungeduld ausbrechend, »du wirst doch die Liebe in dir nicht morden?«

»Nein!« schrie sie auf, sprang empor und flog ihm an den Hals. »Niemals werde ich sie morden! Immer werden meine Gedanken bei dir sein, immer werde ich dich lieben, immer, immer nur dich, ob du fern bist oder nah! ...«

Er riß sie heiß in seine Arme, zweifelnd, ob er hoffen dürfe, ob nicht. In begehrlicher Inbrunst küßten sie einander, vergingen fast an der Glut ihrer Küsse. Beide wußten sie noch nicht, ob die endliche Erfüllung einer lange genährten lechzenden Sehnsucht sich in diesen ausschweifenden Umarmungen ankündigte, oder ob es wirklich ein Abschied für immer sei, dem ein letztes, zügelloses Aufflammen der Leidenschaft noch ruchlose Erinnerungen auf den einsamen Weg der Trennung mitgeben wollte ...

Laurenz, aus dem Geschäft kommend, da es inzwischen Mittag geworden, trat ein. Ohne aufzuschrecken oder sonst Bestürzung zu verraten, lösten sie sich voneinander, doch legte Severin seinen Arm wie beschirmend um Justinens Schultern. So standen sie ihm gegenüber, eng aneinandergeschmiegt wie Liebende. Bekümmert ließ Laurenz sich auf einem Polsterstuhl nieder und stützte die Stirn in die Hand. Er wußte bereits von dem Auftritt zwischen Vater und Bruder. Er wußte auch, daß für Severin kein Bleibens mehr in diesem Hause sei.

»Nun verliere ich dich wieder, lieber Bruder«, sagte er traurig. »Es hat sich nicht erfüllt, was ich hoffte. Warum konnten wir dich nicht behalten! Es war mir nicht vergönnt, dir den Weg zu ebnen, wie ich es wollte. Den Weg in die große Kunst hinein. So muß ich dich wieder hergeben ... Alles verliere ich, was ich liebe ...«

Sie verstanden nicht recht, wie er es meine. Qualvolle Stille brütete in dem kleinen Zimmer, während man nebenan Geräusche hörte, wie der Tisch gedeckt wurde.

Endlich sagte Laurenz: »Ich möchte nicht auf meinem Schein bestehen, wo nur der freie Wille Wert hat ... Ich bin ein schlichter, nüchterner Geschäftsmann. Ich konnte dir, Justine, nicht sein, was ich dir gern gewesen wäre. Ich seh' es ja ein ... Und es ist so begreiflich: Die Musik verbindet die Herzen. Ich weiß, daß es euch zueinander zieht und würde euch nicht gerne der Not preisgegeben sehen, was ich in diesen knappen Zeiten erübrigen kann, werde ich dir gerne zuwenden, Severin. Vielleicht machst du doch noch deinen Weg ... Durch Zwang mag ich niemand an meiner Seite festhalten. Justine ist frei. Sie soll wählen, wie ihr Herz es ihr eingibt. Auf mich braucht ihr keine Rücksicht zu nehmen. Ich habe meine Arbeit.«

Die Hand, in die die Stirne sich geschmiegt hatte, war herabgeglitten und verbarg jetzt die Augen. Laurenz spürte eine Berührung und blickte rasch auf. Justine kniete zu seinen Füßen und legte die ineinandergefalteten Hände auf sein Knie.

»Ich bleibe bei dir, Laurenz, wenn du mich behalten willst!«

»Lebt wohl für immer!« rief Severin und stürmte aus dem Gemach.

 

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