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Im Haus zum Seidenbaum

Emil Ertl: Im Haus zum Seidenbaum - Kapitel 12
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typefiction
authorEmil Ertl
titleIm Haus zum Seidenbaum
publisherDie Buchgemeinde/Berlin
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An einem Abend knapp vor Weihnachten war's – in Gegenwart des Laurenz, der Principessa und Mariannens hatten Justine und Severin miteinander musiziert, da sagte sie zu ihm: »Ich habe der guten Frau Staudenmayer versprochen, daß wir ihr einmal vorspielen wollen. Die arme Kranke hört nur immer aus der Ferne die verlorenen Töne, die durchs Mauerwerk zu ihr durchsickern. Und schon für diese spärlichen Brosamen, die von unserm Tisch abfallen, ist sie dankbar. Hättest du was dagegen, wenn wir sie einmal zur vollbesetzten Tafel laden würden?«

»Im Gegenteil!« erwiderte Severin. »Immer war es meiner Kunst eine höhere Freude, den Armen im Geiste Erhebung zu bringen als den an langer Weile Reichen und ohnedies genugsam Zerstreuten Zerstreuung. Aber da fällt es mir eben siedend heiß auf die Seele, daß ich dem Weber Toblak unten im Werksaal, der mein Kriegskamerad war, etwas Ähnliches versprochen habe. Er möchte mich so gern noch einmal singen hören wie an manchem traurigen und doch an Träumen reichen, unvergeßlichen Abend in Rußland ... Und ich war so schnöde, es gänzlich zu vergessen!«

»Das läßt sich ja herrlich vereinen!« rief Ursel Fürst, sofort Feuer und Flamme. »Veranstalten wir ein Konzert, das ganze Haus soll geladen sein, vom Chef bis zum letzten Geschäftsdiener. Auch ein paar Auswärtige allenfalls, in erster Linie natürlich ich –«

»Du gehörst zu den Mitwirkenden«, sagte Marianne.

»Fällt mir gar nicht ein, Severin und Justine würden sich bedanken.«

»Es geht die Sage, daß ihr in früheren Jahren bei Wolf Mairolds öfters miteinander musiziert habt?«

»Das ist lange her. Inzwischen ist mein bißchen Geigenkratzen längst auf dem Altar meiner rühmlich bekannten geschäftsmännischen Tüchtigkeit hingeopfert. Nein, mit richtigen Künstlern zusammen laß ich mich halb und halb öffentlich nicht hören, ich würde gar zu sehr abstechen. Aber als auswärtige Zuhörerin, wenn der Kreis nicht streng auf den ›Seidenbaum‹ beschränkt bleiben muß, käm' ich freilich in Betracht. Und außerdem noch vielleicht ...« Sie stellte sich, als dächte sie nach. »Ja – den Hauptmann Eybel möcht' ich auch dazu eingeladen wissen«, sagte sie, an Marianne Hocheder vorbeiblickend, während spitzbübische Teufelchen in ihren Mundwinkeln nisteten ... »Er ist mir ein lieber Vetter und überhaupt ein prächtiger Mensch. Er wird sich freuen, Severin spielen zu hören.«

»Gut! Abgemacht!« sagte Severin.

»Am Dreikönigstag gegen Abend!« entschied Justine. »Hier im Speisezimmer wird der Tisch zur Seite geschoben und Stühle aufgestellt für die Zuhörer. Im kleinen Zimmer ist das Podium.«

Laurenz hielt es für nötig, sich ins Mittel zu legen.

»Das müßt ihr euch anders einrichten. Den Vater und den Toblak zusammen einladen, geht keinesfalls an!«

»Warum?« fuhr Severin auf.

»Er sieht in Toblak etwas wie einen Bolschewiken, ob mit Recht oder Unrecht, weiß ich nicht.«

»Dann dürfte er mich auch nicht im Hause behalten!«

»Bist du denn ein Bolschewik?« fragte Ursel lachend.

»Weiß nicht, was ich bin. Mit Parteien hab' ich mich nie eingelassen Aber diese verknöcherten europäischen Vorurteile gehen mir auf die Nerven. Vergibt er sich vielleicht was damit, wenn er mit dem Toblak in einem Zimmer beisammensitzt? Ist er etwas soviel Besseres, daß er nicht dieselbe Luft mit ihm atmen kann? Ich habe in Sibirien noch mit ganz andern Kerlen dieselbe Luft geatmet und werde einen Menschen, mit dem ich im Gefangenenlager ein Jahr oder länger gute Kameradschaft gehalten habe, jetzt nicht deshalb verleugnen, weil so ein – rückständiger Bourgeois sich einbildet, ein bei ihm beschäftigter Arbeiter sei kein vollwertiger Mensch!«

»Severin, du sprichst von deinem Vater!« mahnte Laurenz.

»Wir musizieren in erster Linie für die Frau Staudenmayer und den Toblak«, beharrte Severin aufgebracht; »wem das nicht recht ist, der soll fortbleiben!«

»Der Gedanke, ein Konzert zu veranstalten,« stimmte Justine ihm bei, »ist doch aus der Absicht hervorgegangen, dem Toblak und der Frau Staudenmayer etwas zu bieten.«

Einigermaßen befremdet blickte Laurenz seine Frau an. Er begriff es nicht, daß sie Wasser auf Severins Mühle treiben konnte, wo dieser sich doch unehrerbietig über den Vater geäußert hatte.

»Severin kann dem Toblak auch einmal unter vier Augen vorspielen,« sagte er, »wenn er es ihm schon versprochen hat – was er freilich besser unterlassen hätte.«

»Warum hätt' ich's unterlassen sollen?« brauste Severin neuerdings auf.

»Gott – du bist schließlich der Sohn des Hauses ... Und der Toblak ... Kein Fabriksherr sieht es gern, wenn ihm ein Arbeiter aufgezwungen wird, den er sich selbst nicht aussuchen würde ... Es ist doch ganz begreiflich, wenn der Vater ...«

»Ha! Begreiflich findet er das!« lachte Severin auf.

Er hatte sich erhoben und geisterte unruhig im Zimmer hin und her.

»Das Gottesgnadentum ins Spießerische übersetzt! ... Als ob ein Organisierter, wenn er arbeitslos ist, den Hunger nicht ebenso spüren würde wie jeder andere Mensch! ... Ja, es ist wirklich eine Ehre, der Sohn des Hauses zu sein! ... Überhaupt verdient es diese ganze Gesellschaft, daß sie endlich einmal in die Luft fliegt!«

Ein allgemeines Verstummen lastete peinlich auf den Anwesenden. Justine warf dem noch immer auf und ab gehenden Severin einen vielsagenden Blick zu. Sie sagte kein Wort, sie hatte nur seinen Namen ausgesprochen, nichts weiter. Aber es wirkte wie eine Beschwörungsformel. Er nahm sofort am Tisch wieder Platz, ergriff ihre Hand, auf die er einen Kuß drückte, und sagte beschämt und besänftigt: »Nichts für ungut!«

Ein stilles Einvernehmen sondergleichen hatte sich in letzter Zeit zwischen den beiden herausgebildet, innig und seelenvoll. Ein Für-sich-allein-Sein gleichsam wie das zweier Verbannter auf einem weit abgelegenen, von keinem sonst gekannten Felseneiland. Niemals seit jenem Abend, wo das von ihm gesungene und, wie er später eingestand, auch von ihm gedichtete »Gebet« sie in Tränen auflöste, hatten sie einander wieder berührt, sie vermieden es sogar in ängstlicher Scheu, sich auch nur die Hände zu reichen, zum Willkomm oder Abschied, wenn sie sich nicht in Gegenwart dritter befanden. Aber in vertrauten Stunden des Beisammenseins, die jenseits jeder Schuld lagen, ging er jetzt oft aus sich heraus, sprach ihr von seiner Vergangenheit und Gegenwart, hatte kein Geheimnis vor ihr. Ein Trümmerfeld fehlgegangener Pläne und zerstörter Hoffnungen tat sich vor ihren Blicken auf, sein Unglück nährte ihre Liebe, und ihr Verständnis dafür die seinige, so daß er mit Othello hätte sagen können: »Sie liebte mich darum, weil ich so litt, ich liebte sie, die meine Leiden fühlte« ... Die trostlosen Unerfülltheiten seiner leidenschaftlichen Künstlersehnsucht trugen den Aufruhr auch in ihr Herz. Sie hatte gelernt, mit ihm zu klagen, da sie nicht helfen konnte, und aus der Klage erhob die Anklage ihr Haupt. So wurde ihr allmählich vertraut und schließlich wie ihm selbst eine Hoffnung, was sie anfänglich als eine fremde, jedes bürgerliche Behagen zerstörende Welt empfunden hatte. Jener verbotene Traum einer neuen Gesellschaftsordnung, die erbgesessenes Unrecht aufheben und darbenden Sinnen und Seelen freie Bahn schaffen würde, um ein natürlicheres und glücklicheres Menschentum zur Wirklichkeit zu erlösen. Mehr und mehr fielen die Ketten der anerzogenen und in ihrer Umgebung hergebrachten Urteile und Vorurteile von ihr ab, fast unmerklich nahmen ihre Gedanken die grellere und kühnere Färbung der seinigen an. Sogar leise Zweifel, ob die Ehe, die Severin eine »bürgerliche Konvention« nannte, nicht besser durch die »freie Liebe« zu ersetzen wäre, pochten manchmal schüchtern an das Herz der Liebenden, aber da war eine Art mitleidsvollen Zartgefühls gegen den ahnungslosen und immer gleich hochherzigen Laurenz, daß sie solche Anwandlungen, über sich selbst erschreckend, abweisen ließ. Und da sie als Weib dem Geliebten aus diesem Grunde nichts sein durfte und wollte, suchte und fand sie einigermaßen Entschädigung darin, daß sie ihm wenigstens den Trost gewähren konnte, um so heißer mit ihrem geistigen Wesen sich ihm hinzugeben.

Laurenz in seiner Harmlosigkeit freute sich, daß es nur eines leise mahnenden »Severin!« von seiten Justinens bedurfte, um diesem seine Ungebärdigkeit in Gegenwart Mariannens und Ursels zu verweisen und ihn gleichsam gebändigt an den Tisch zurückzuzwingen. Denn sobald er saß, pflegte er umgänglicher zu sein; immer kündigten Stürme und Gewitter, die in ihm tobten, sich damit an, daß er unstet im Zimmer umherstrich wie ein wildes Tier, das aus seinem Käfig brechen will.

»Also was tun wir?« nahm sich die Principessa jetzt des fast vergessenen Konzertplanes wieder an. »Den Vater müssen wir unbedingt einladen, das steht von vornherein fest« ...

»Und das könnt ihr auch ohne weiteres!« fiel Marianne ihr ins Wort. »Und jeden andern dazu, den ihr wollt, auch wenn's der Lenin und Trotzki in einer Person wäre. Macht euch keine Sorgen und entzweit euch um nichts und wieder nichts! Der Vater kommt ohnedies nicht herüber, es war von üblen Folgen für ihn begleitet, daß er neulich die Kirche besuchte, um Pater Wilfrid predigen zu hören. General Mairold hatte ihn dazu verleitet. Der sieht in dem lieben hochwürdigen Herrn etwas wie einen Antichrist, und wenn er den Vater beredete, mitzukommen, so verfolgte er keinen andern Zweck damit als den, ihn als Zeugen aufrufen zu können, wenn er über Mißbrauch der Kanzel wettert. Denn neue und hohe Gedanken in sich aufzunehmen, ist er ungeneigt, hält es sogar für eine Art Gesinnungslosigkeit, wenn man es tut. Ich hätte mir's denken können und den Vater zurückhalten sollen, Ruhe ist für ihn am zuträglichsten, und jener Kirchenbesuch und was damit zusammenhing, war vielleicht mit die Ursache, daß sein Zustand sich verschlimmerte. Seither hat er es verschworen, jemals wieder unter Menschen zu gehen. Er wird auch dem geplanten Konzert, zu dem man ihn selbstverständlich einladen muß, fernbleiben, dafür verbürg' ich mich. Im übrigen halte ich's nicht für ausgeschlossen, daß er sich sogar darüber freut, wenn den Angestellten und Hausleuten etwas geboten wird und diese sich einmal selbst davon überzeugen, was der Severin kann. Denn im Grunde schmeichelt es ihm, wenn er den Severin als Künstler rühmen hört.«

»Na, davon müßte ich doch schon etwas bemerkt haben«, meinte Severin ungläubig.

Aber Marianne beharrte auf ihrer Behauptung: »Ihr kennt ihn alle nicht so genau wie ich. Der Künstler ist ihm zwar etwas Fremdes, gilt ihm aber insgeheim doch gleichsam als ein höheres Wesen. Er schämt sich gewissermaßen, daß er einen Künstler zum Sohn haben sollte, es kommt ihm überheblich vor, daran zu glauben. Daraus wäre vieles zu erklären,« sagte sie, »was Severin und wir andern oft mißverstanden und minder milde ausgelegt haben.«

»Eine etwas verwickelte Psychologie«, bemerkte Justine trocken und offenbar nicht geneigt, dem Verschulden des Vaters an der geknickten Laufbahn des Sohnes eine mildere Auslegung zuzubilligen.

Man ließ es nun bei der getroffenen Abrede bewenden, auch Laurenz hielt es nicht mehr für nötig, Einspruch zu erheben. Nach den Äußerungen Mariannens, die ja tatsächlich den Vater besser kannte als irgendwer sonst im Haus, glaubte er seine Bedenken fallen lassen zu dürfen ...

Am Dreikönigstag fand Eybel sich als erster in der Wohnung des Hocheder-Paares ein, natürlich wieder in einem dem Judengassel entlehnten Kleiderstaat. Die Principessa hatte ihm aufs Herz gebunden, frühzeitig zu erscheinen, weil Marianne seiner Mithilfe beim Herrichten des Zuhörerraumes bedürfe. Es war dies zwar von Ursel frei erfunden, aber wenigstens mit glücklicher Witterung für das Mögliche und Wahrscheinliche. Wirklich traf er Mariannen damit beschäftigt, im Speisezimmer Sperrsitzreihen aus dem Boden zu stampfen, während Severin und Justine im kleineren Zimmer nebenan, dessen Tür durch einen Teppich verhängt war, Noten auswählten und zurechtlegten, um sich ihr Programm zusammenzustellen. Sogleich schickte Eybel sich an, dem geliebten Mädchen bei ihrer nicht gerade hohe Anforderungen an den Geist stellenden, aber um so nützlicheren Tätigkeit behilflich zu sein. Und daß er seine Aufgabe nicht mit Handlangerdiensten erschöpft sah, sondern sich's nebenher auch angelegen sein ließ, ihr ein unterhaltender Gesellschafter zu sein, das versteht sich von selbst.

Marianne zu unterhalten, war übrigens keine große Kunst. Von Natur zur Heiterkeit neigend und der Heiterkeit als Gegenwirkung gegen die trübseligen Tage, die sie an der Seite des kranken Vaters verlebte, jetzt doppelt bedürftig, ja, förmlich danach hungernd, war sie so ziemlich das dankbarste Publikum, das ein fröhlicher junger Mann und Liebhaber sich wünschen konnte. Eybel brauchte nur den Mund zu einem Scherzwort aufzutun, so lachte sie schon; er brauchte nur sozusagen mit dem kleinen Finger zu wippen, so fand sie es schon spaßhaft und ergötzlich.

Als sie den großen schweren Speisetisch mit vereinten Kräften vom Fleck gerückt und in eine Ecke des Zimmers gelotst hatten, stellte sich heraus, daß der für gewöhnlich darüber hängende Kronleuchter mit einer im Flaschenzug beweglichen elektrischen Lampe nicht so weit hinaufschiebbar war, daß man darunter hätte durchgehen können. Ratlos standen sie davor, wie dem abzuhelfen wäre, bis Eybel meinte, man müsse sich halt vorsehen und dürfe nicht blindlings drauflosstürmen; wer sich anstoße, sei selbst dran schuld, warum mache er nicht einen Bogen, wenn ihm schon ein deutlich genug sichtbarer Fremdkörper vor der Nase baumle. Als er aber eine Minute später, um Stühle herbeizuschleppen, die gefährliche Stelle überquerte, vergaß er im Eifer des Schuftens seiner eigenen guten Lehren und rannte – bum, klirr! – so heftig mit dem Kopf gegen die zu tief hängende Lampe, daß er alle Engel singen hörte. Ein wahres Glück, daß nicht auch noch die Porzellanglocke in Scherben gegangen war.

In Mariannen brach nun die Lustbarkeit recht üppig hervor, und in ihrem Übermut schob sie sich einen Stuhl zurecht und setzte sich gerade unter den Kronleuchter: »Ich bleibe ganz einfach hier sitzen! Wer sich den Kopf anstoßen will, müßte vorerst über mich stolpern.«

Es hing aber im Kronleuchter noch ein ausgiebiger Mistelzweig vom Christabend her. Und Eybel machte von dem Recht Gebrauch, das dieses Wintergrün gewährt, indem er sich rasch niederbeugte und sie auf den Mund küßte. Selbst bestürzt über sein kühnes Beginnen, trat er hierauf einen Schritt zurück, er war auf Schlimmes gefaßt, seine Augen flehten Verzeihung.

Sie lachte jetzt auch wirklich nicht mehr, sondern blickte wo nicht erzürnt, doch erschrocken und ernst geworden zu ihm hinüber. Ein paar bange Augenblicke verstrichen, dann sagte sie mit wiederkehrendem Lächeln, das diesmal besonders anmutig erstrahlte: »Noch einmal!«

Dieses »Noch einmal!« ließ er sich selbstverständlich nicht zweimal sagen, es war auch überflüssig, daß sie es ein drittes und viertes Mal wiederholt hätte ...

Zu derselben Stunde spielte sich an einer andern Stelle des Hauses eine andere vorbereitende Veranstaltung ab, an der sich die Liebesgöttin, obgleich sie nicht ausdrücklich geladen war, doch ebenfalls ihr Süppchen kochte. Es setzte sich nämlich vom Hof her ein Zug in Bewegung, der in der Absicht unternommen war, die kranke Frau Staudenmayer in die im zweiten Stockwerk des Hauses gelegene Hochedersche Wohnung zu befördern, wo das Konzert stattfinden sollte. Die Kranke saß in ihren Rollstuhl gebettet, der aber nicht wie gewöhnlich auf dem Boden feststand, sondern sich von der Erde gelöst hatte und wunderbar durch die Luft hingeisterte, gehoben und getragen von liebreichen Armen. So schwebte die bleiche alte Frau, verklärt von freudiger Erwartung, den langgestreckten Hof entlang und die Stufen der Treppe empor, als sollte sie eine vorzeitige Himmelfahrt antreten.

An dem kleineren Rad vorne schleppte die schwarzbraune Marfa, der größeren Hinterräder hatte sich auf der einen Seite Meister Staudenmayer, auf der andern der Weber Schinnerl bemächtigt. Die Schwierigkeit auf der Treppe bestand darin, daß Marfa tiefzuhalten und darum rückwärts schreitend sich vornüberzubeugen hatte, während die beiden andern ihre Last entsprechend hochstemmen mußten, damit der Rollwagen die gleiche Lage beibehalte, als stünde er auf ebener Fläche, und die Kranke weder nach vorne noch hinten ein Übergewicht bekomme. Das Problem war nicht ganz leicht zu lösen, aber alle drei setzten ihren Ehrgeiz darein, es tadellos zu bewältigen. Frau Staudenmayer hätte eine Wasserwage in Händen halten und streng nachprüfen können, es wäre ihr nicht möglich gewesen, ein Abweichen von der wagerechten Stellung zu erweisen. Ihr fiel es natürlich nicht ein, an ein solches Werkzeug zu denken, dankbar befriedigt stellte sie fest:

»Ich fliege wie die Fee Cheristane in ihrem Zauberwagen!«

Auf dem ersten Treppenabsatz sagte der etwas engbrüstige Schinnerl, der schon zu keuchen begann: »Fräulein davorne, wird es Ihnen nicht zu schwer, wünschen Sie vielleicht zu rasten?«

»Mir –? Zu schwer –?« erwiderte die stolze Marfa. »Wenn's auf mich ankommt, klettere ich ohne Aussetzen die ganze Jakobsleiter hinauf! Aber vielleicht Ihnen, Herr ... Herr ..., na, wie heißen Sie gleich?«

»Du wirst doch den Schinnerl kennen?« ermahnte Frau Staudenmayer aus dem Wolkenkahn der Fee Cheristane ihre Nichte.

Natürlich kannte sie ihn und wußte auch, wie er hieß. Aber es ärgerte sie, daß er sie immer nur von ferne anschmachtete und sich nicht herantraute. Darum wollte sie es ihm zu verstehen geben, wie gleichgültig ihr ein so unbegehrlicher Bewerber sei.

Der Schinnerl nahm all seine Kräfte zusammen und keuchte weiter, um sich nicht spotten zu lassen. Aber er kränkte sich und sagte wehleidig: »Nicht einmal der Müh' wert finden Sie's, sich zu merken, wie ich heiß'?«

»Bald zwei Jahr' bin ich bei der Tant' und im Haus«, antwortete Marfa, emsig am Vorderrad schleppend. »Aber immer schleichen Sie an unserer Kuchel vorbei und gucken bloß von außen hinein. Ist denn bei uns drinnen die Pest?«

Sie waren im ersten Stock angelangt, das starke, üppige Mädel wollte keine Pause eintreten lassen und strebte trotzig der zweiten Treppe entgegen. Meister Staudenmayer indessen gebot entschlossen Einhalt.

»Hier wird abgesetzt und Rast gehalten! So jung wie du sind wir beide doch nicht mehr.«

Der Schinnerl atmete erleichtert auf und verschnaufte.

»Stücker zwanzig Jahr' bin ich schon nach jünger als Sie, Herr Meister«, beeilte er sich festzustellen.

»Aber auch Stücker zwanzig Jahr' älter als die Marfa«, gab der andere zurück.

»Das schon, das kann leicht sein. Bei den Irokesen, einem sehr aufgeklärten Volk, das ich auf einer meiner Weltreisen einmal besucht hab', da nimmt man das nicht so genau, um wieviel der Mann älter ist als die Frau. Bei uns, in diesem rückständigen Europa, gibt es viel mehr Vorurteile, wenn da der Mann um zwanzig Jahr' älter ist, sagen die Leut' gleich, das könnt' ihr Vatter sein. Deswegen hab' ich mich auch nicht hineingetraut in die Kuchel.«

»Das wär' kein Grund gewesen«, sagte Marfa offenherzig. »Die älteren Männer haben auch was für sich, machen wenigstens keine Seitensprüng' mehr.«

»Vorwärts, weiter!« kommandierte der Spulendrechsler, der nicht geneigt war, die Nichte, die ihm die Wirtschaft führte, an einen Gatten abzutreten. »Angepackt! Auf!«

Und das Wolkenschiff der Fee Cheristane segelte weiter, steuerte der zweiten Treppe entgegen und mutig die steilen Stufen aufwärts.

Auf halber Höhe etwa ließ der wieder atemlos werdende Schinnerl vom Hinterrad her sich plötzlich vernehmen: »Wenn ich Ihnen recht wär', Fräul'n Marfa? Mir wär's eh' recht!«

»Warum nicht?« kam pünktlich die Antwort vom Vorderrad; »wenn's dem Onkel und der Tant' recht ist, ist's mir auch recht. Heutzutag schaut unsereins durch die Finger, wenn's nur etwas wie ein Mann ist.«

Wie eine himmelhoch jauchzende Liebeserklärung klang das gerade nicht, aber der Schinnerl hörte nur das Ja heraus. Er hätte am liebsten einen Freudensprung gemacht.

»Jesses! wär's möglich, daß's möglich wär'?«

»Kommen S' halt einmal in die Kuchel, da reden m'r weiter.«

Das Hinterrad schwankte bedenklich und mit ihm der ganze in der Luft schwebende Zauberwagen. Frau Staudenmayer, die Gefahr lief, rückwärts überzukippen, schrie erschrocken auf.

»Um Gottes willen! Wenn ihr mich fallen laßt, erlaub' ich's nicht!«

»Und ich als Onkel leg' überhaupt ein sogenanntes Wetto ein«, sagte der Meister.

Da hatten sie das zweite Stockwerk erklommen, die Fee Cheristane war außer Gefahr und landete glatt. Gemeinsam schoben Marfa und Schinnerl den Rollstuhl über Gang und Vorzimmer in den Konzertsaal hinein, einträchtiglich von hinten antauchend. Er wußte es dabei so einzurichten, daß seine auf der Schiebstange ruhende Hand die des Mädchens wohlig berührte. Es war das erste einverständliche Zusammenwirken in ihrem der Gemeinsamkeit entgegengehenden Leben.

Und der Fahrstuhl rollte vorbedeutsam glatt dahin wie auf Gummirädern, nur über die Türschwellen gab es manchmal einen kleinen Hoppas. Aber sie fanden das nur natürlich, erblickten kein böses Zeichen darin und schienen sich auch über das sogenannte »Wetto« des Onkels keinen nagenden Sorgen hinzugeben.

 

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