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Im Haus zum Seidenbaum

Emil Ertl: Im Haus zum Seidenbaum - Kapitel 11
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authorEmil Ertl
titleIm Haus zum Seidenbaum
publisherDie Buchgemeinde/Berlin
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Ein würdigerer Anblick ließ sich kaum denken als Pater Wilfrid, wie er auf die Kanzel heraustrat, sein von Silber umlocktes Haupt entblößte, niederkniete und ein stilles Gebet verrichtete. Als er sich wieder erhob, ließ er das helle, gütige Auge über die Versammlung von Menschen in der hohen, geräumigen Halle hinschweifen. Noch schien er seine Gedanken zu sammeln. Die Kirche war dicht gefüllt, von dem mächtigen, aus rotem Salzburger Marmor aufgebauten Hauptaltar bis zu dem von Posaunenengeln umschwebten Orgelchor. Lautlos und gespannt hing die Menge an des allverehrten Predigers Lippen.

»Die Zeit ist krank geworden, liebe Brüder und Schwestern in Christo,« sagte er, »und was uns in diesen Tagen so recht in die Augen fällt, das ist die betrübliche Tatsache, daß der einzelne völlig machtlos gegenübersteht dem Elend der Gemeinschaft. Ohnmächtig muß er zusehen, wie der Gesamtkörper, von dem er doch irgendwie ein Teil ist, hilflos dahinsiecht.«

»In den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, einer müden und stockenden Zeit, erinnere ich mich, ein Buch gelesen zu haben, das überschrieben war: Der Lebensüberdruß als soziale Massenerscheinung. Heute könnte man ein Buch schreiben mit dem Titel: Die Genußsucht, der hemmungslose Lebenshunger als soziale Massenerscheinung. Und der Untertitel könnte lauten: Die Psychose des falschverstandenen Übermenschentums. Durch tausend unsichtbare Haarröhrchen strömt und sickert der Gedankeninhalt der jeweils führenden Geister, oft bis zur Unkenntlichkeit entstellt, in die Denkgewohnheiten der breiten Masse. Achtzehnhundertachtzig, Zeit der Lebensmüdigkeit und des Überdrusses – mißverstandener Schopenhauer. Neunzehnhundertzwanzig, Zeit der gesteigerten Ichsucht, des schrankenlosen Sichauslebens um jeden Preis – mißverstandener Nietzsche.

Ein knappes Menschenalter, zwanzig Jahre etwa nach dem Tode eines Modeheros, pflegt es zu dauern, bis die Leitsätze seines Werkes, aus dem Zusammenhang gerissen und nach Bequemlichkeit verdreht, reif sind zum Unheilstiften. Dann beginnen sie auf die Menge abzufärben, bis nach weiteren zwanzig Jahren ein neuer Erlöser dem bunten Narrenkleid einen neuen, wieder anders gefärbten Lappen anheftet. Des wahren Erlösers Lehre hat nicht eines, sondern vieler Menschenalter bedurft, ehe sie in die Masse zu dringen vermochte. Dafür aber ist sie heute, nach zweitausend Jahren noch lebendig und das einzige, was Bestand hat im Wechsel der Erscheinungen.

Woher nun nach der leidlich erträglichen Scheinkultur der uns unmittelbar vorausgegangenen Generationen dieses plötzliche Hereinbrechen einer rasenden Ichsucht, woher diese Genußgier, in deren Gefolge die Ehrlosigkeit und sittliche Verrohung einherziehen? Woher diese Massenerkrankung, diese Seuche des sittlichen Aussatzes am Gesamtkörper des Volkes? Wenn wir den Ursachen nachgehen, so stoßen wir zunächst auf eine Tatsache, die Wasser auf die Mühle der Stoff- und Kraftlehre zu treiben scheint. Auf den nicht abzuleugnenden Zusammenhang nämlich, der zwischen seelischer Kultur und den Voraussetzungen und Notwendigkeiten des stofflichen Daseins zweifellos besteht. Es geht uns schlecht! Und wenn es richtig ist, was ein zeitgenössischer Seelenforscher einmal ausspricht: daß der Mensch, wenn er ein sittliches Wesen geworden ist, dies nicht zum wenigsten dem Umstand danke, daß diese Erde kein Paradies sei – wenn dies wirklich richtig ist, so steht auf der andern Seite doch auch fest, daß ein Inferno, wie wir es durchgemacht haben und noch heute durchmachen, nicht eben die geeignetste Erziehungsanstalt zur sittlichen Reinheit ist. Kriegerische Zeiten, Zeiten blutiger Parteikämpfe, Zeiten des Umsturzes, der Herabgekommenheit, des Hungers sind stets und überall von Verrohung und Zügellosigkeit begleitet gewesen. Nie und nirgends haben die apokalyptischen Reiter den Samen der Gesittung ausgestreut. So im Dreißigjährigen Krieg nicht. So früher nicht in den Zeiten scharfer mittelalterlicher Wirren. Hat Walther von der Vogelweide auf unsere Zustände angespielt, wenn er, auf einem Steine sitzend, die Wange in die Hand geschmiegt, die allgemeine Unsicherheit und Unehrlichkeit beklagt? Ahnte der Dichter das Schiebertum, die Wucherer unserer Zeit voraus, wenn er darüber klagt, wie schwer weltliche Ehre, Besitz und Gottesnähe in ›einem Schrein‹ sich zusammenfänden? Und können wir ihm nicht nachfühlen, wenn er auf die selbstaufgeworfene Frage, wie man sich sein Leben in dieser trostlosen Zeit einzurichten hätte, freimütig bekennt, sich keinen Rat zu wissen, solange nicht Recht und Ordnung in die Welt zurückgekehrt wären?

Wir Deutsche haben uns demnach schon wiederholt in ähnlich verzweifelter Lage befunden wie heute, und es mag ein gewisser Trost darin liegen, daß wir trotzdem wieder zu einem Volk geworden waren, das die Achtung der Welt verdient (wenn auch nicht gewonnen) hat. Aber trotz solch blasser Trostgründe bleibt es schmerzlich genug, die völlige Ohnmacht gegenüber der sittlichen Entartung der Gesellschaft zu empfinden, in die wir gestellt sind. Fehlt uns bloß ein Mann, der stark genug wäre uns zu retten? Und ist die Heilung einer sozialen Massenerkrankung durch einen einzelnen überhaupt denkbar? Ich greife nach dem hehrsten Beispiel, das die Geschichte darbietet, und erinnere an Jesum Christum, unsern Herrn. Vielfach fand er in seiner Zeit denselben Aussatz vor, der unser Volk zerstört: Gierige Raffsucht, maßlose Bereicherung auf Kosten der Schwächeren, mangelnden Gemeinsinn, Gewissenlosigkeit, Lieblosigkeit und Ausschweifungen aller Art. Was konnte er dagegen tun? Was tat er? Er starb! Er starb, und nur einer kleinen, verachteten Sekte hinterließ er den Gedanken des Heils. Aber Jahrhunderte mußten vergehen, ehe dieser Heilsgedanke die verdorrte Kultur mit neuen Säften durchtränkte, daß sie wieder Knospen zu treiben imstande war. So ohnmächtig steht der einzelne, und wäre es ein Gottessohn, der sittlichen Verrottung eines ganzen Zeitalters gegenüber.

Wenn nun eine der Hauptursachen der Krankheit, die den Gesellschaftskörper wie ein Fieber schüttelt, darin zu suchen ist, daß es uns schlecht geht, so wurzelt anderseits wieder die materielle Not, die uns bedrängt, vielfach in sittlichen Tatsachen. Vor allem – von der hartherzigen Einsichtslosigkeit der Sieger abgesehen – in dem bei uns selbst schärfer als je hervortretenden Mangel an Gemeinsinn. Diese Erscheinung ist, so viel auch von wirtschaftlichem Sozialismus und von Gemeinwirtschaft geredet wird, als eine Gegenwirkung gegen den sozialen Geist zu betrachten. Als eine ungeduldige und überreizte Abwehrbewegung des einzelnen gegen den Willenszwang, mit dem die bürgerliche Gemeinschaft uns geknebelt hatte.

Im Kriege waren wir genötigt, uns hundert Dingen zu fügen, die uns gegen die Gewohnheit, ja, gegen die Natur gingen. Jeder freie Wille war uns genommen, jede persönliche Regung unterdrückt. Ich, Bienenschwarm, hieß es, ich bin's, auf den es ankommt, ich will leben und nicht zugrunde gehen, du, Biene, hast zu gehorchen und zu leisten, was ich dir vorschreibe. Ich, Gesamtheit, Volk, Staat, ich verfüge über dich, Untertan, wie über eine Sache, damit ich bestehe und mich aus dieser Not rette... Gegen solch allzuharte Knechtung geht noch heute ein Aufbäumen durch die Seelen. In hundert Abwandlungen bekommt man es zu hören und zu lesen: Was geht mich die Allgemeinheit an? Ich, einzelner, ich bin's, auf den es ankommt! Ich will leben, nicht zugrunde gehen, was kümmern mich die andern? Die Gemeinschaft ist für den Menschen da, nicht der Mensch für die Gemeinschaft!

So sucht ein jeder das Joch, das allzudrückende, abzuschütteln, so gut es gehen mag. Nicht etwa bloß der aufgewiegelte Heimkehrer, der seinem Offizier die Abzeichen vom Kragen reißt. Nicht nur etwa der Mann der groben Hände, der sich gegen geistige Überlegenheit auflehnt. Nicht nur etwa der viertelsgebildete Gleichmacher, der das Wesen der Gemeinwirtschaft darin erblickt, daß nun die andern zur Abwechslung einmal für ihn arbeiten sollen. Auch der Gebildete, auch der geistig Hochstehende schäumt auf gegen den Zwang der ewigen Bevormundung, drückt sich, wo er nur kann, an den überlästigen Verordnungen vorbei und schlägt den allerhand Aufsichtsstellen, die den allgemeinen Nutzen wahrzunehmen hätten, aber nur allzuoft bloß dem eigenen Nutzen dienen, mit wahrer Genugtuung ein Schnippchen. In aller Herzen kocht der Haß gegen diese Gemeinschaft, die den Willen auf Schritt und Tritt knebelt. Auf jedermanns Lippen schwebt die trotzige Forderung: Ich will meine eigenen Wege gehen! Die Biene bestreitet dem Schwarm das Recht, ihr eingesammeltes Wachs zum Bau der gemeinsamen Zellenburg zu beschlagnahmen. Es ist der eingeborene Individualismus, der sich gegen den Sozialismus auflehnt. Wer vermöchte eine so natürliche Abwehrbewegung der eingeschnürten Seele nicht zu verstehen?

Der einzelne hat das Recht, hat die Pflicht, sich selbst zu erfüllen, höher als alle Menschengemeinschaft steht der tiefinnerliche Zusammenhang der Seele mit Gott. Wo sie in ihren heiligsten Persönlichkeitswerten beengt und angegriffen wird, da versagt eben der eingeborene Gemeinschaftsdrang. Die Möglichkeit einer gewissen eigenständigen Lebensgestaltung gehört nun einmal zu unsern unabweisbaren Daseinsbedingungen. Dies schon seit den Zeiten eines Sokrates, den man den Entdecker der Persönlichkeit genannt hat. Aber wie streng nimmt es dennoch dieser selbe Sokrates, der die Freiheit seiner Seele so tapfer zu verteidigen weiß, mit den Pflichten gegen die Allgemeinheit! Lest nach, liebe Brüder und Schwestern im Herrn, die Stelle, wo Platon erzählt, wie der zum Giftbecher verurteilte Philosoph die Möglichkeit von sich weist, die sein Freund Kriton ihm durch Bestechung der Wächter an die Hand gibt, sich durch Flucht dem Tode zu entziehen. Lest sie nach diese Stelle und staunt, wie der Entdecker der Persönlichkeit lieber sein persönliches Leben hingibt, als daß er dem Staat und Vaterland durch das Beispiel seiner Unbotmäßigkeit Mißachtung erweisen würde.

Der erste große Individualist, den die Geschichte kennt, wußte also scharfe Grenzen zu ziehen zwischen Freiheit und Bürgerpflicht. Wie ganz anders die Stimmung unserer Tage, wo, vom Straßenkehrer angefangen, über die Hand- und Fabriksarbeiter, die öffentlichen Angestellten und Geistesarbeiter hinweg bis hinauf zu den Spitzen der Gesellschaft, den milliardenschweren Schiebern und Bewucherern (denn das sind doch wohl die Spitzen und die Stützen), nur ganz wenige mehr einem andern Gedanken zugänglich sind als dem, sich aus der Gemeinschaft möglichst viel persönlichen Vorteil und Gewinn herauszupressen. Auch eine Auffassung von Persönlichkeit! Einer Abordnung von Arbeitern gibt der Fabriksdirektor zu bedenken, bei noch höher geschraubten Lohnforderungen müsse der Betrieb eingestellt werden. Die achselzuckende Antwort lautet: Wir wollen gut leben! Und mancher Fabriksherr, der sich eben eine Villa gekauft und mit snobistischer Geschmacklosigkeit neu eingerichtet hat, läßt es zum Streik kommen und sagt nicht ebenso laut, aber ebenso deutlich vernehmbar dasselbe: Ich will nach meinen Begriffen gut leben! Jawohl, gut leben, das ist die Losung des Tages, das A und O der Weisheit von heute. Daß es ganze Schichten der Bevölkerung gibt, die froh wären, wüßten sie nur, wie sie überhaupt leben sollen, das kümmert jene andern, die gut leben wollen, wenig.

Nach Gesellschaftsklassen und Parteien läßt sich hierbei kaum unterscheiden. In jeder finden sich Gruppen und Kreise von dem Geiste erfüllt, dessen Evangelium lautet: Was ich erraffe und an mich reiße, das ist mein – was kümmern mich die andern? Und immer läuft es aufs Genießen hinaus. Ein Taumel und Sinnenkult wie in den Tagen der ersten französischen Revolution, ein Schwelgen in Zuchtlosigkeit, eine innerlich unsaubere Putzsucht und Emporkömmlings-Geziertheit, als wären die Zeiten der ›I Incroyables‹ und › Merveilleuses‹ wiedererwacht! Und sogar eine üppige Dichtung, das Recht der freien Persönlichkeit predigend, macht den Hexensabbat mit, manchmal voll Schwärmerei, Naturnähe und Gottseligkeit, aber immer wieder in die Orgie mündend. Das Erhabensein im Reich der Phantasie über Gemeinsinn und Sitte gilt für des Künstlers gutes Recht – aber ist es zu verwundern, wenn seine ästhetische Losgebundenheit von Pflichten in dumpferen Hirnen und stumpferen Sinnen sich entsprechend vergröbert widerspiegelt? Hier klingt die Losung dann freilich etwas minder ästhetisch: Beute gemacht! Witwen und Waisen den letzten Heller abgeknöpft! Und dann von einer Bar in die andere, es lebe die Orgie des Nachtlokals! Was kümmert den bezechten Individualisten in seinem Lustbarkeitstaumel der Nebenmensch? Er lebt doch nicht für den Bienenschwarm, den die Rückständigen Gesellschaft, Volk, Staat, Gemeinschaft nennen!

Alles Gegenwirkung, Rückschlag gegen das unsägliche Elend, das das Unglück der Gemeinschaft über den einzelnen gebracht hat. Die Freiheit der Persönlichkeit, bei Sokrates mit unbedingter Ehrfurcht vor Zucht und Ordnung gepaart, heute zum Zerrbild des Übermenschentums entartet, bald raubtierartig brutal, bald ästhetisch verbrämt, immer aber gipfelnd in selbstherrlicher Losgelöstheit von jedem Gefühle sozialer Verpflichtung. Darum trompetet lauter denn je das Schlagwort, der Staat sei für den Menschen da, nicht der Mensch für den Staat. Als ob uns die Erfahrung irgendwo die Menschengemeinschaft als etwas Gewordenes zeigte! Ist sie nicht überall gewesen, wohin wir auch blicken? Naturwüchsig vielleicht, so daß man sie noch kaum Staat nennen kann, aber Gemeinschaft schon in Kinderschuhen, was wir aber nie und nirgends kannten, das ist der Robinson, der geborene Robinson nämlich, der nicht zufällig auf seine Insel verschlagen, sondern von Haus aus und von jeher dort einheimisch gewesen wäre. Die Menschengemeinschaft ist das Gegebene, von unserer Erfahrung Untrennbare, sie bleibt unkündbar, da sie keineswegs aus Vereinbarungen hervorgegangen ist, wie Rousseaus alter Irrtum vom › Contrat social‹ es erdichtete. Und da sie immer und überall war, so können allenfalls ihre Übergriffe, aber nie und nimmer ihre berechtigten Forderungen es sein, die den Ausbau des edlen Menschentums stören, die Persönlichkeit behindern, die Menschenwürde untergraben. Freilich läßt sich ein noch höheres Menschentum als in der Wirklichkeit in der Einsamkeit eines Paradieses erträumen – aber ist es nicht ein allzu wohlfeiler Traum? Ihre göttliche Weihe empfängt die Sittlichkeit doch gerade dadurch, daß sie sich im Zusammenleben mit Nebenmenschen, unter irdischen und schwierigen Bedingungen ausgebildet hat. Nur innerhalb der Gemeinschaft ist das Reifen des einzelnen zur sittlich hochstehenden Persönlichkeit denkbar. Und jeder Ethik letzte Forderung lautet: Mensch bleiben trotz der Notwendigkeit des Zusammenlebens mit all den mannigfachen Gewächsen, die unseres Herrgotts Treibhaus beherbergt.

Also, Mensch bleiben, sage ich, nicht in willkürlich gewählter Einsamkeit, sondern im unvermeidlichen Zusammenleben mit vielen, ist die wesentlichste Forderung der Sittlichkeit. Und Mensch bleiben heißt reinen Herzens sein. Was bedeutet dieses nun aber: reinen Herzens sein? Kann man sich etwas Bestimmtes darunter vorstellen? Ist es ein müßiges Bild? Bloß eine Redensart? Oder ein Greifbares und Tatsächliches?

Ich verstehe unter dem Worte: reinen Herzens sein jene Grundstimmung im Menschen, die im Glauben an eine sittliche Weltordnung wurzelt.

Die Natur kennt nichts als Nützlichkeiten, Anpassung an naheliegende Zwecke. Darum: Kampf ums Dasein, natürliche Zuchtwahl, Auslese des Geeignetsten, und wie die bekannten Schlagworte alle lauten. Der Stärkere verdrängt den Schwächeren in Tier- und Pflanzenwelt. Das ist natürliche Weltordnung, wir lieben gewiß nicht den bengalischen Tiger, der im Dschungel sein Beutetier anspringt. Wir nennen ihn wohl auch grausam. Aber ernsthaft fällt es doch niemand ein, sein Tun moralisch zu werten. Dagegen unterliegt es zweifellos einer sittlichen Wertung, wenn z.B. ein Staatsmann, dem das Schicksal Weltmacht in den Schoß fallen ließ, den wehrlosen und zur Gutmachung bereiten Gegner ohne Not zum Weißbluten bringt. Es geschieht dem Tier sicherlich Unrecht, wenn wir einen haßerfüllten, rachsüchtigen, ungebändigt grausamen Menschen einen Tiger nennen. Und warum? Weil die Menschenseele zum Unterschied von der Tierseele des Vorrechtes teilhaftig ist, ihren Zusammenhang, ihre Wesenseinheit mit Gottheit und Schöpfung gefühlsmäßig zu erfassen. Hier ist der Ursprung der Liebe im weitesten Sinn, die Quelle der Mitfreude und des Mitleids. Hier ruht der Urkeim des sozialen Triebes über den Bienenschwarm hinaus.

Das Wesen der sittlichen Weltordnung erschließt sich im Glauben des Menschen, daß er nicht notwendig den Kürzeren ziehen oder gar zugrunde gehen muß, wenn er sein Tun nicht ausschließlich vom persönlichen Nutzen bestimmen läßt. Und insofern ist sie im gewissen Sinn ein Durchbrechen der natürlichen Weltordnung: Menschheitsziele nicht Einzelzwecke! Individualismus im Dienst der sozialen Gemeinschaft! Individualismus, nicht in Gestalt einer mehr oder minder ästhetischen Eigenbrötelei, nicht Individualismus des Genusses, des Machtbewußtseins, der ausbeuterischen Herrenmoral, sondern als eigenständig und persönlich ausgeprägtes Gefühl der sozialen Verantwortlichkeit.

Man hört jetzt nicht selten mit schier spottlustiger Gebärde von den ›Helden‹ sprechen, die mit vaterländischer Begeisterung in den Krieg zogen. Ha, haben sich denn nicht tatsächlich Helden (ohne Anführungszeichen) unter ihnen befunden? Im begreiflichen Streben, endlich wieder zu einem aufrichtigen Frieden des Herzens zu gelangen, tun wir recht daran, das Trennende zu vergessen und das Gemeinsame zu suchen, jedem Gutwilligen auf der Gegenseite die Bruderhand entgegengestreckt. Dem einzelnen Kämpfer aber jetzt nachträglich etwas wie Brudermord in die Schuhe zu schieben, das ist eine ungerechte Verkehrtheit sondergleichen. Die tapfersten Offiziere, die jahrelang an der Front waren, bestätigen es: Der Krieg ist etwas Entsetzliches, man muß Mittel und Wege finden, ihn zu vermeiden, womöglich abzuschaffen. Indessen bleibt, solange er nicht unmöglich geworden ist – und der Völkerbund sieht vorderhand einer Gewaltgruppe ähnlicher als einem Friedensengel – denn doch ein klarer Unterschied zwischen Mord und Totschlag einerseits und der Aufopferung des eigenen Lebens anderseits im ehrlichen Kampf für Heimat und Volk! Hat es nicht in deutschen Landen der ausgeprägten Individualisten, ja der bedeutenden Persönlichkeiten genug gegeben, die in männlicher Entschlossenheit Gesundheit, Leben und Eigenglück der Allgemeinheit willig aufopferten? Und liegt darin nicht Schönheit und Erhabenheit? Vielleicht haben viele für ein falsches Ideal geblutet, es mag sein. Vom Standpunkt der sittlichen Wertung haben sie dennoch das Edelste geleistet, das Menschenkraft vermag: ihre persönlichen Zwecke dem Glauben an die Notwendigkeit sozialer Gemeinschaftsgefühle untergeordnet.

Und kann die Überzeugung vom Bestehen einer sittlichen Weltordnung, der Glaube des Menschen, daß er nicht mit Notwendigkeit den Kürzeren ziehen müsse, wenn sein Tun einem andern Leitstern folgt als dem persönlichen Eigennutz – kann ein solcher Glaube nicht auch in der friedlichen Arbeit sich erweisen? Eine jede Art von Arbeit, sei sie geistige oder Handarbeit, läßt sich mit einem Hauch jenes unirdischen Geistes durchseelen, der die Arbeit des echten und wahren Künstlers auszeichnet.

Denn wodurch rechtfertigt sich die besondere Wertung, die der begnadete Künstler im allgemeinen Urteil genießt, wenn nicht dadurch, daß er, persönlicher Zwecke vergessend, den Weg nach höheren Gemeinschaftszielen weist? Die ersonnene Welt, die er in Worten, Tönen, Formen aufbaut, ist ihm so überaus wichtig, daß er in der wirklichen Welt zum Fremdling wird. Immer aufs neue wiederholt sich das tragische Erlebnis des Künstlertums, dieses freigebige Sichverschenken an die Undankbarkeit, dieses Verkanntwerden, Darben, in Armut Sterben. Hundert Abstufungen gibt es da, vom Nicht-genügend-Geschätztsein bis zum baren Hungern in der Leidensgeschichte des Genies. Überflüssig, Namen aufzuzählen. Aber keineswegs überflüssig, gegen die Wehleidigkeit Stellung zu nehmen, mit der dieses Mißverhältnis zwischen Leistung und Lohn, ohne daß sich doch jemals das geringste daran geändert hätte, öffentlich beklagt zu werden pflegt. Es gehört nun einmal zum Handwerk, schreckt Unberufene ab, hat sonach auch einiges für sich. Was wäre der Berg-, der Flugsport, wenn es keine Gefahren dabei gäbe! Wohin käme es mit der Kunst, wäre sie von vornherein ein gutes Geschäft, das den Geldsack füllt! Es liegt tragische Schönheit darin, daß der Lichtbringer der Menschheit um so viel unsicherer gestellt ist als der Schweinemetzger oder der Bierbrauer. Wer das nicht begreift, der ahnt eben nicht, wie unendlich viel mehr beglückende Werte die reingeistige Leistung für den Schaffenden in sich birgt als jede andere, stofflichen Zwecken zugewendete Tätigkeit für den, der sie betreibt.

Der springende Punkt, auf den es hier ankommt, ist der, daß der Künstler (wenigstens in seinen entscheidenden Augenblicken) der persönlichen Zwecke vergißt, um Menschheitszielen zu dienen: dem Höherkommen des Geistes, einer Auferstehung der Seele. Darum ist eine Lebensauffassung, die den Genuß verherrlicht, niemals eine künstlerische. Denn Genuß, jede Art von Genuß, klebt am Zweck, hat sonach einen Einschlag von Enge, Unfreiheit, Banausentum. Abstufungen natürlich zugegeben, von der rohesten Schwelgerei bis zum reinsten Natur- oder Kunstgenuß – ein wenig verdächtig bleibt das Wort Genießen und die Sache, die dahinter steht, immer.

Dagegen ist die leidenschaftlich aufquellende Freudigkeit des Herzens das sicherste Anzeichen dafür, daß der Mensch auf dem Wege ist, seine eigene Persönlichkeit zu vollenden, indem er über die engsten Zwecke hinausdenkt. Nur wo er sich selbst und zugleich seine Aufgaben der Allgemeinheit gegenüber erfüllt, findet sich diese Freudigkeit. Sie ist aber nicht Erbpacht des Künstlers allein, jedes Schaffen, jede Tätigkeit kann davon begleitet sein, die Wissenschaft, die Industrie, das Handwerk, auch die Bauern- und Fabriksarbeit läßt sich mit einem Hauch davon durchseelen, es kommt nur auf den Geist an, in dem die Arbeit getan wird.

Jeder, der in seinem Leben irgendeine mechanische, eine sogenannte geisttötende Tätigkeit zu verrichten gezwungen war – und welcher Beruf brächte nicht wenigstens zeitweise eine solche Nötigung mit sich – wird es bestätigen, daß sie sich emporheben, beleben, adeln läßt. Wer von vornherein mit Seufzen an sie herantritt, wer sie nur unter dem Gesichtswinkel persönlicher Zwecke betrachtet, weil er sich eben sein Brot damit verdienen muß, für den ist sie freilich geisttötend. Es läßt sich aber auch ein anderes Verhältnis dazu gewinnen. Man setze zum Beispiel seinen Ehrgeiz darein, diese rein mechanische Arbeit, zu der man im Anfang eine Stunde benötigte, nach und nach in fünfzig, später vielleicht in vierzig oder dreißig Minuten zu leisten, indem man sich eine Art System für Hände und Finger, Auge und Hirn ausdenkt, eine Vereinfachung aller Handgriffe, Körperbewegungen und Denkprozesse; so wird sofort auch die geringwertigste Verrichtung in gewissem Maße anregend. Hier ist Mechanisierung nicht vom Übel, weil sie dem Ziel dient, die mindere der hochwertigen Tätigkeit anzunähern. Weil sie den Menschen dazu erzieht, die ihm obliegende Aufgabe so rasch, geschickt und zuverlässig zu lösen wie nur möglich. So kommt wenigstens eine Spur von Geist selbst in jene über denselben Leisten geschlagene Hantierung, die den Fabriksarbeiter leicht unlustig macht.

Es ist zu beklagen, daß der wirtschaftliche Sozialismus dem Arbeiter nichts zu bieten weiß als höheren Lohn und geringere Arbeitszeit. Der Mensch lebt doch nicht vom Brot allein! Auch die unvermeidliche rein mechanische Arbeit läßt sich hinausheben über den nächsten persönlichen Zweck, den Broterwerb; läßt sich eingliedern durch Erziehung und Willen in den reichgestaltigen Bau des geistigen Aufwärtsstrebens der Menschheit. Und zwar je schöpferischer reine Tätigkeit ist, je mehr vom Künstlerischen sie an sich hat, um so viel mehr.

Der schöpferische Geist, sagen wir etwa, da diese Kirche auf dem alten Schottenfeld steht, in einer Seidenzeugfabrik, denkt nicht an die Dividende; er denkt auch nicht ans Einherstolzieren der Damen im Seidenkleid; er denkt an eine möglichst vereinfachte Zweckmäßigkeit der Herstellung. Denn je geschickter er seine Aufgabe löst, desto wohlfeiler die Ware, desto größer der Absatz. Und je größer der Absatz, eine desto größere Zahl arbeitslustiger Hände kann er beschäftigen. Desto bessere Löhne kann er bezahlen. Desto mehr Wohlstand um sich verbreiten. Und je mehr Wohlstand er um sich verbreitet, desto mehr hebt er auch den geistigen und sittlichen Stand der Arbeiterschaft, und desto mehr trägt er dazu bei, sein Volk, das er liebt, zu fördern und in seinem bescheidenen Kreise auch der Entwicklung der Menschheit, an die er glaubt, zu dienen.

Also auch hier das treibende Gesetz, daß den einzelnen aus dem realen Leben ins Reich des Sittlichen geleitet, und das ich in die Worte fasse: Menschheitsziele, nicht persönliche Zwecke!

Aber dieser Gemeinschaftswille, meine lieben Brüder und Schwestern in Christo, diese von der Genußsucht wie Wasser von Feuer unterschiedene Freudigkeit des Herzens in der Hingabe an schaffende Arbeit über den Zweck des persönlichen Wohlstandes hinaus quillt freilich aus einem unbewußten Urquell, und das ist die Liebe. Im Keime ist sie in jedermanns Herz gelegt. Laßt sie nicht verkümmern! Denn ohne sie ginge euch auch der Glaube an eine sittliche Weltordnung verloren. Hegt sie und bringt sie in euch zur Entfaltung, es liegt in eurer Macht, dies zu tun. Denn im Reich der Persönlichkeit waltet Freiheit. Hier ist der einzelne nicht ohnmächtig wie den sozialen Massenerscheinungen gegenüber. Hier findet er dankbaren Boden für den echten und berechtigten Individualismus, der inmitten einer Welt der Verrohung und Entsittlichung sich eine beschützte Stelle freihält, wo die Altäre der Seelenhaftigkeit und des wahrhaften Wesens ragen. Durch Predigen werden wir die kranke Zeit nicht heilen, aber was für den physiologischen, gilt auch für den sozialen Organismus: Von den gesund gebliebenen Zellen geht die Heilung des Gesamtkörpers aus.

So eröffnen sich doch wieder Möglichkeiten, aus dem begrenzten Eigenkreis heraus ins Weite zu wirken. Mehr als alles Eifern und Klagen vermag das Beispiel, die Hingebung, die Arbeit, der Glaube an den Wert reiner Gemeinschaftsgefühle und -ziele, und dies alles ist eine Frucht der Liebe.

Ohne Liebe sind wir zur Einsamkeit verdammt, und die Einsamkeit macht uns frieren und ängstigt uns. Was dem Menschen aber nottut in Zeiten der Bedrängnis, das ist Mut und Zuversicht! Kehrt nicht in den Evangelien, die aus ähnlicher Herzensnot heraus wie die unserige niedergeschrieben sind, die Mahnung mehrfach wieder: Fürchtet euch nicht! Sorget euch nicht! Denn Furcht und Sorge sind zweifellos die unheilvollsten unter den treibenden Kräften der sittlichen Verwilderung. Furcht, sich nicht behaupten zu können, wenn man nicht mit den Wölfen heule. Sorge, den Kürzeren zu ziehen, wenn man es nicht treibe wie die andern, wenn man es nicht ebenfalls hintenherum versuche, mit ein bißchen Mogelei, Gewissensverhärtung und Schlechtigkeit.

Demgegenüber halt wie ein eherner Fels die Überzeugung stand, daß so etwas wie eine sittliche Weltordnung wirklich walte und nichts der inneren Natur des Menschen im Grunde mehr widerspreche als die seelenlose Einstellung auf selbstische Zwecke. Wer diesen Glauben teilt, der sieht, was um ihn vorgeht, weniger mit verbitterten als mit betrübten Augen an und neigt zu der tröstlichen Erkenntnis, daß unsere Zeit nicht so sehr schlecht, als vielmehr unglücklich ist. Und spricht nicht tatsächlich einige Wahrscheinlichkeit dafür, daß von den Erscheinungen, die uns heute bekümmern und erschrecken, ein gut Teil mehr dem Elend als der Bösartigkeit zuzuschreiben sei? Soll denn wirklich der Kern des deutschen Volkes so unheilbar angefault sein, daß Hoffnungslosigkeit gerechtfertigt wäre? Und das alles gleichsam über Nacht?

Dies zu glauben, wäre Mangel an vertrauen auf Gott, vielleicht hat er all die schweren Prüfungen nur über uns verhängt, um wieder einmal die Spreu gründlich vom Weizen zu sondern. Eine solche Reinigung würde unserm Volk nur zum Segen gereichen. Und vielleicht stellt sich dann eines Tages heraus, daß nur eine dünne Schicht von Gewissenlosen, Emporkömmlingen und Genüßlingen es war, die unserer Zeit den hippotratischen Zug schwerer Krankheit aufdrückte, daß das eigentliche Volk aber in seiner Mehrheit treu geblieben ist dem Erbe eines Jahrtausends deutscher Geschichte: der Sitte, der Zucht und Rechtschaffenheit.

Wer möchte sich nicht an eine solche Hoffnung klammern?«

Pater Wilfrid hatte geschlossen. Er sprach noch ein Gebet. Dann verließ er die Kanzel. Erregt und innerlich bewegt verharrten die Zuhörer ein paar Augenblicke lang in stummer Benommenheit. Dann begann die Kirche langsam sich zu leeren.

Auf der Straße traf Georg Leodolter Herrn Michael Hocheder. Eine eingetretene Besserung seines Befindens hatte ihn ermutigt, sich an Mariannens Arm in die Kirche zu wagen. Aber die Predigt hatte ihm mißfallen. Er war verärgert.

»Wenn schon die geistlichen Herren halb sozialistisch aushängen –!« sagte er ingrimmig.

»Dergleichen konnte ich nicht heraushören«, meinte Georg.

»Es fehlte gerade noch, daß er zum Streik aufgereizt hätte.«

Der alte Pinkas hielt ein seidenes Tuch vor den Mund und vermied das Sprechen, empfindliche Kälte war eingebrochen. Georg begleitete ihn noch bis vor sein Haus in der nahen Dreilaufergasse. Am Tor blieb Herr Jacques stehen und reichte dem jungen Manne, der in der kurzen Zeit beinahe sein Freund geworden war, die Hand zum Abschied.

»So wie Pater Wilfrid es meint,« sagte er, »so w– w–w–wollen auch w–w–w–wir es machen!«

 

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