Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Emil Ertl >

Im Haus zum Seidenbaum

Emil Ertl: Im Haus zum Seidenbaum - Kapitel 10
Quellenangabe
pfad/ertl/seidenba/seidenba.xml
typefiction
authorEmil Ertl
titleIm Haus zum Seidenbaum
publisherDie Buchgemeinde/Berlin
year1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090329
projectid8d84e5e7
Schließen

Navigation:

Die in Aussicht genommene und bereits am Palmsonntag halb und halb verabredete Zusammenkunft der vier Haimonskinder auf dem Kahlenberg hatte bis in den Herbst verschoben werden müssen.

August Hollerer war die ganze Zeit von Wien abwesend, er schor mittlerweile sein Schäfchen in Berlin, wo eine über den Sommer andauernde Börsenkrise eine reichere Ernte in Aussicht stellte. Überall, wo es schlecht ging, ging es ihm gut. Wenn er über trostlose Geschäftslage klagte, so meinte er damit, daß auf dem Markt eine Erholung eingetreten sei. Wie die Krähen zog er den Leichenfeldern nach und fühlte sich jeweils da am wohlsten, wo es die meisten Bankrotte gab.

In Wien hatte sich bis zum Herbst die Wirtschaftslage so verschlechtert, daß er beruhigt heimkehren konnte. Seine äußere Erscheinung, schon früher modisch und gepflegt, hatte noch eine weitere Häutung nach der stutzerhaften Seite hin durchgemacht. Mit seinem wohlgedrillten Haarwuchs und Stutzbärtchen, den funkelnden Steinen an Ringen und Busennadel, der überaus gewählten, etwas zu auffallenden Kleidung, sah er aus wie eben aus dem feinsten Herrenmode-Salon gepellt. Ein Mittelding zwischen Diplomat und Bankgigerl, betrachtete er wohlgefällig seine spiegelnden Fingernägel, wenn er von seinen »Transaktionen« sprach, die er großenteils bei der »Kakabe« vermittelte. Generaldirektor Lemburg bediente sich seiner bei Geschäften, die er selbst nicht gern anfaßte, auch mit Handschuhen nicht. Im übrigen belustigte ihn der Mann, wie er das ganze Zeitgetriebe höchlich amüsant fand. Denn er erblickte darin etwas wie eine Liebhaberbühne, auf der blutige Dilettanten mit der ernsthaftesten Miene von der Welt eine unmögliche Komödie aufführten, ohne daß sie selbst oder die Zuschauer es merkten, wie komisch die ganze Sache sei. Er wartete nur auf das Fallen des Vorhangs, dann würde er sich, wenn er mit einem blauen Auge davonkam, auf seinen Großgrundbesitz zurückziehen, den er auf den Namen seiner Mutter hatte schreiben lassen, und seine Felder selbst bestellen; das heißt, an der Seite eines süßen Mädels aus den Fenstern des Schlosses gemächlich zusehen, wie sie bestellt wurden.

August Hollerer seinerseits gehörte allerdings zu den völlig Ahnungslosen, er nahm seine Rolle ernst und kam sich ziemlich wichtig darin vor. Wenn man ihn in seinem Kraftwagen durch die Straßen sausen sah, so hätte man meinen können, er befinde sich auf dem Wege, irgendeiner leitenden Persönlichkeit brühwarm die Botschaft zu überbringen, der Präsident der Vereinigten Staaten habe sich an die Spitze des soeben begründeten Pan-Europa gestellt.

Angesichts der Bedeutung, die er selbst seiner Tätigkeit beimaß, verdiente es Anerkennung, daß er für seine Mitbrüder vom Haimonsbunde, die alle drei sozusagen schief gegangen waren und es rein zu gar nichts brachten, überhaupt noch einen Gedanken übrig hatte. Es gereichte seiner kollegialen Gesinnung zur Ehre, daß er, kaum in Wien wieder eingeheimt, sich des gegebenen Versprechens erinnerte, die Genossen in einem Sammelauto einholte und sie auf den Kahlenberg brachte, wo er in derselben Wirtschaft, in der einst der Bund begründet worden, den großzügigen Gastgeber spielte.

Auf der weiten Terrasse, die an diesem Wochen- und späten Herbsttag menschenleer war, saßen sie, in den Anblick der ins Unendliche sich verlierenden, von den braunen, gelblichen und goldigen Tinten der späten Jahreszeit überfluteten Landschaft und des darin hingebreiteten ungeheuren Häusermeers versunken, pokulierend beisammen, die vier Schulkameraden von einst, die im Grunde wenig mehr miteinander gemein hatten als ein paar verblassende Jugenderinnerungen. Zu weit waren in den späteren Jahren ihre Wege auseinander gegangen, als daß diese Stunde des Wiedersehens von einer einheitlichen und übereinstimmenden Gemütsverfassung hätte getragen sein können, wirklich vergnügt, oder mindestens aufgekratzt, war eigentlich nur Hollerer selbst, der sich gewaltig fühlte, wie ein bezwungenes Ungetüm schien die in Rauch und Dunst gehüllte Stadt mit ihren unzähligen Schloten, Türmen und Dächern ihm zu Füßen zu liegen. Alles, was sie an Freuden zu bieten hatte, konnte er bezahlen. Das war dem ehemaligen Lehramtskandidaten ein Hochgefühl und der Maßstab, mit dem er seine eigene Herrlichkeit maß. Da er auch noch vom Kahlenberg hinabblickte, überragte seine Größe sogar den Stefansturm.

Wieder wie zu Pfingsten im »Salettl« redete er den Freunden zu, ihre Zeit zu verstehen und moderne Menschen, wie er sich ausdrückte, zu werden.

»Dem Deutschen steckt die Unwirklichkeit in allen Gliedern«, sagte er. »Das muß überwunden werden. Fort mit den Grundsätzen! Fort mit den platonischen Zielen! Greifbare Zwecke ins Auge gefaßt und dann mit Gerissenheit sich durchgeschlängelt bis – na, sagen wir, bis das Bankkonto ein Aktivum ausweist, von der Milliarde aufwärts!«

»Woher hast du eigentlich dein schauderöses Moos, August?« fragte Rumpsack, der von vornherein gereizt war, weil er einen Ehrensalamander auf Severin hatte reiben wollen; aber mit Sekt kam es ihm stilwidrig vor.

Durch Direktor Lemburg von der »Kakabe« hatte Hollerer etwas von Georg Leodolters großzügigen Plänen läuten hören. Die Zusammenfassung vieler Einzelfirmen in einen einheitlich geordneten Riesenbetrieb, für die Seidenindustrie noch keine alltägliche Sache, schien dem beständig nach ergiebigen »Transaktionen« Ausblickenden ein Kolumbusei. Hier hoffte er als Unterläufel sich ein schönes Stück Geld zu verdienen, darum bemühte er sich unaufgefordert um die Kapitalsbeschaffung.

»Das ist der nächste große Schnitt, den ich auf der Pfanne habe«, sagte er. »Noch spießt sich's an der ablehnenden Haltung des Projektanten, der mit Banken angeblich nichts zu tun haben will. Aber ich bin überzeugt, er stellt sich nur so, um das Geld billiger zu bekommen. Im Grund ist er ein abgebrühter Amerikaner so gut wie ich. Wollen mal sehen, welcher von uns beiden der Pfiffigere ist, und ob ich ihn nicht schließlich doch herumkriege. Rührigkeit, liebe Freunde, ist alles. Macht es wie ich, so werdet ihr hinaufkommen wie ich, es ist heutzutag ein Kinderspiel.«

Hauptmann Eybel war unlängst mit Georg bei dessen Schwester Ursel Fürst zusammengetroffen; mit beiden verbanden ihn entfernte verwandtschaftliche Beziehungen. Er hatte von dem jungen Leodolter, der ungefähr in seinem Alter stand, einen ganz anderen Eindruck gewonnen.

»Wenn ich ihn richtig beurteile,« sagte er, »so ist das kein Mann, der nur an greifbare Zwecke denkt, wie so deinem Ideal entspricht, August. Der blickt nach den reinsten Zielen aus, das kannst du mir glauben! Und wenn er etwas Amerikanisches an sich hat, so höchstens in dem Sinne der seltenen und hochstehenden Exemplare jener Rasse, die dem Geist dienen, indem sie Praktisches anstreben.«

»Laß dich nicht auslachen!« spottete Hollerer belustigt. »Das Leben ist doch keine Geschichte, wie sie in den Schulbücheln steht, wo der Brave für seinen Idealismus belohnt und der Vernünftige für seine Klugheit bestraft wird. Ein flottes, kurzweiliges Spiel ist es, nichts weiter. Merkt ihr nicht endlich, daß die alte Moral heute auf dem Kopf steht? Früher hieß es: Arbeit hat bittre Wurzel, aber süße Frucht, wie lang ist das schon zur Lüge geworden! Die Wahrheit lautet: wer arbeitet, bleibt ein Schlucker, die süße Frucht fällt dem in den Schoß, der die Steine auf dem Damenbrett richtig zu setzen weiß. Erringt er sich gar eine Dame,« sagte er anzüglich, »so geht's doppelt glatt und leicht. Ihr versteht mich. Gute Beziehungen mit einflußreichen Kreisen pflegen, gehört auch zum Geschäft. Der Salon spielt noch immer eine nicht zu unterschätzende Rolle. Du bist Künstler, Severin, und ein einnehmender Junge, wenn auch schon ein bißchen grau geworden. Dir würde es leicht fallen, deinen Weg zu machen in der Gesellschaft dieser angeblich antikapitalistischen Zeit, in der es mehr schwerreiche Gatten und unverstandene schöne Frauen gibt als früher, warum stellst du dein Licht unter den Scheffel? Willst du deine Tage als Kontordiener im Haus zum Seidenbaum beschließen?«

»In die Salons passe ich nicht«, sagte Severin verschlossen. »Vielleicht gehe ich wieder in die Kneipen, wo es noch Menschen gibt, die sich nach Zukunft sehnen.«

Es war ein wunder Punkt in ihm, den August berührt hatte. Immer schon trug er sich mit dem Gedanken, eines Tages aus der Schutzengelgasse durchzubrennen. Die Arbeit, die ihm der Vater zuteilte, machte ihn krank. Der ganze Luftkreis im Haus, das Geregelte einer bürgerlichen Tätigkeit, der spießerliche Rahmen, in den er sich eingezwängt fühlte, das alles ging ihm auf die Nerven. Aber es war ihm, als könne er nicht mehr leben, ohne Justinen nahe zu sein. Er wußte nicht, was daraus werden sollte, aber er hatte sie lieb. Aufrichtige Gefühle der Dankbarkeit verbanden ihn dem älteren Bruder, der so unwandelbar treu und gütig war, und doch liebte er Justinen.

Die Verstimmung jenes Abends war bald verflogen, man hatte sie mit keinem Worte mehr berührt. Die Stunden musikalischer Erhebung kehrten wieder und nahmen ihren gewohnten Fortgang. Aber sie gewährten Severin nicht mehr dieselbe restlose Genugtuung wie früher. Er hatte aufgehört, wunschlos zu sein, seine Gedanken waren nicht mehr bei der Kunst allein, Widersprüche zermarterten ihn. Aus Justinens entschiedener Weigerung, jenes Musikstück mit ihm zu spielen, bei dem sie vor vielen Jahren, als ganz junge Leute, einander in die Arme gesunken waren, spürte er ihre Strenge, ihre Unnahbarkeit und begriff, daß er die bisher eingehaltenen Schranken nicht überschreiten dürfe, wollte er sich im Hause nicht unmöglich machen. Und doch wartete die in seinem Unterbewußtsein erwachte Leidenschaft nur auf die Gelegenheit, diese Schranken zu durchbrechen. Er hielt es für fruchtlos, noch Hoffnungen zu nähren, und hoffte dennoch, worauf? Darüber hätte er keine Rechenschaft abzulegen vermocht. Tag für Tag sagte er sich, daß es besser wäre, die Nähe der geliebten Frau, die die Gattin seines Bruders war, zu fliehen. Und doch brachte er es nicht über sich ...

Die leichtfertige Art, in der Hollerer jetzt andeutungsweise von der Liebe gleichsam als von einem Sprungbrett des Erfolges, einem bequemen Mittel zum Fortkommen gesprochen hatte, verletzte ihn. Aber er wollte sich in keinen Wortwechsel einlassen, er fürchtete, sich irgendwie zu verraten, und zog es vor zu schweigen.

Indessen hatte sich Rumpsack von einem Nebentisch eine Zeitung herübergelangt und blätterte darin.

»Hier steht ein merkwürdiges Gedicht,« sagte er, »das mir nicht übel gefällt. Es könnte beinahe auf dich gemünzt sein, August, aber du brauchst dir nichts daraus zu machen. Der Verfasser, der nicht genannt ist, dürfte dich ebensowenig kennen wie du ihn. Da ihm sonach die Absicht, dich zu kränken, sicherlich ferne lag, so entfällt für dich auch der Anlaß, dich beleidigt zu fühlen. Höre!« Und er las:

Gute Gesellschaft

Die Müßigen von Beruf mag ich nicht leiden,
Die Herren mit den glattpolierten Klauen,
Die jourbeflissenen mondänen Frauen,
Die eitle Seelenlosigkeit von beiden.

Ich ziehe vor, sie wie die Pest zu meiden,
Die keiner Not ehrlich ins Auge schauen,
Mit Gott auf Hausse oder Baisse bauen,
Zu feig, ein Menschenschicksal zu erleiden.

Mir scheint der Jobber, dem Gewinn erzielen
Beruf, noch als ein Mann aus einem Guß,
verglichen mit snobistischen Börsefexen.

Ihm drücke ich die Hand, wenn es sein muß.
Doch lieber eine Hand mit Tintenklecksen,
Am liebsten freilich eine Hand mit Schwielen.

Hollerer neigte sich rasch seitüber und blickte ihm in die Zeitung ... Verse hätten sich durch den Satz irgendwie abheben müssen.

»Dacht' ich's doch!« rief er mehr belustigt als verärgert. »Mich düpierst du nicht! Aber bilde dir nur ja nicht ein, daß der Verfasser, auch wenn er mir nicht unbekannt sein sollte, mich durch ein solches Reimgeklingel kränken könnte. Erstens bin ich überhaupt nicht leicht zu beleidigen, und zweitens geht es einem Reiter, der zu Pferde sitzt, nicht besonders nahe, wenn ein Hündchen ihm nachkläfft. Ist ihm nun gar das Hündchen lieb, so lächelt er bloß wohlwollend dazu. Und du, Gottlieb – ohne dich im übrigen mit einem Hündchen vergleichen zu wollen – bist mir immer ein lieber, treuer Haimonsbruder gewesen. Warum solltest du mir nicht die Wahrheit ins Gesicht sagen dürfen, wie du sie halt verstehst. Ich weiß, es ist gut gemeint. Leid tut's mir nur deinetwegen, daß du sie eben nicht besser verstehst. Du bist auch einer von jenen, die nach im Traumland leben. Glaub' mir, es geht ganz anders zu in der wirklichen Welt, als du es dir einbildest! Ruf' einen Teufel herbei, der die Dächer von den Tausenden von Häusern da unten abhebt, so wirst du deine blauen Wunder schauen. Ich für mein Teil brauch' nicht einmal den Teufel zu beschwören; wie ich vergnügt da sitze, schau' ich all die vielen Dächer durch und durch. Und was seh ich? Daß unter einem jeden die sieben Todsünden wohnen und sich um so breiter machen, je höher der Giebel, je stattlicher die Kuppel. Dichter, zu deren Gilde ja auch du zu gehören scheinst, haben oft den Blick vom Kahlenberg auf Wien hinunter besungen und sind dann befriedigt wieder nach Hause gegangen, in ihr ungeheiztes Kämmerlein. Wer das Leben kennt wie ich, dem predigt dieser Blick eine andere Weisheit, hol' der Geier alle Ideologie, ich finde ihn nicht nur imposant und zu poetischer Schwärmerei anregend, ich finde ihn auch unterhaltsam und lehrreich. Dächer ab! Seht«, rief er voll Übermut, seinen Kelch gegen die zu Füßen des Kahlenbergs hingebreitete Weltstadt erhebend: »Seht, wie sie sich zanken und raufen, nach Gewinn sich die Füße ablaufen, seht, wie sie fressen und saufen, sich begatten und sich verkaufen – sollst leben, Ameisenhaufen!«

Er leerte sein Glas, und schon etwas angeheitert, warf er es hinter sich, daß es zerschellte.

»Herr Ober! Einen neuen Kelch! Hab' ich euch nicht bewiesen, daß auch ich Reime improvisieren kann? Auf gute Freundschaft, Brüder! Was sollen wir uns streiten; es gibt des Zanks genug auf diesem runzlichten Planeten. Stehe jeder für das ein, was er für richtig hält. Leben und leben lassen! Mein Kernspruch lautet: Lieber einer unter vielen wohlig im Pfuhl, als ein jenseitiger Schwärmer, der von Wurzeln und Kräutern lebt ...«

Aus all den Großsprechereien klang doch ein Unterton, als hätte er das Bedürfnis, sich zu rechtfertigen. Rumpsack, etwas beschämt durch die nette und offene Art, in der August seinen scharfen Angriff aufnahm, fühlte etwas wie Mitleid mit dem Freund sich regen. Er kannte ihn ja durch und durch, wie man eben nur Schulkameraden kennt, er wußte, daß er im Grunde ein ganz anderer war, als er scheinen wollte; die vertrackte Zeit hatte ihm eine Richtung gegeben, die seinem eigentlichen Wesen gar nicht entsprach. Wieder einmal fielen dem Ehrendoktor der Schutzengelgasse die verkehrt eingesetzten Bäumchen ein ...

Hollerer aber, voll des süßen Weines, fand noch kein Ende und fuhr zu poltern fort: »Blick' nicht so tragisch drein, Severin, lange vermißtes Haimonskind! Sollst auch leben, hoch! Schaff' dir eine Liebste und laß das Krumme grad sein! Oder gefällt's dir nicht mehr bei uns, in der alten, lustigen Wienerstadt?«

»Anders hab' ich sie mir freilich vorgestellt.«

»Und wie, wenn man fragen darf?«

»Freudiger vielleicht, dafür weniger lustig.«

»Haarspalterei! Und du, Konrad, was spähst du so krampfhaft in die Ferne? Sind auch dir die Dächer abgedeckt? Siehst du die sieben Schwestern ihren Reigen schlingen?«

Wie ein Geisterseher, das Auge ins Weite gerichtet, hing Eybel, dem ebenfalls der Sekt in den Kopf zu steigen begann, wolkenwandlerischen Erinnerungen nach: »Da draußen, wo die braune Ebene dämmert und veilchenblau mit dem Himmel zusammenfließt, da liegen die Dörfer Aspern und Eßling, wo 1809 die Österreicher den Napoleon schlugen. Auch Verwandte meiner Mutter, Wiener Bürgerssöhne, haben im Schottischen Freikorps dabei mitgetan ... Und weiter drüben, der hoch über dem Dunstkreis schwebende Lichtpunkt, das ist der Knauf des Stefansturms, der in der Sonne funkelt, von seiner Glockenstube aus hat 1848 Messenhauser den Anmarsch des ungarischen Entsatzheeres beobachtet, wenige Tage bevor mein Vater als junger Offizier mit einer Kompagnie Grenadiere als erster in die eroberte Stadt einzog ... Und wieder weiter, wo die Häuserflut in die Praterauen verebbt und der Dunst bläulicher wird, da seh' ich die Rotunde ragen, den Weltausstellungs-Palast von 1873, der noch heute von der Kaiserkrone bekrönt ist, die es nicht mehr gibt. Das Jahr, das ein schweres Krisenjahr war, hat Unglück über einen meiner Ahnen gebracht, aber dessen Sohn stellte die Ehre und den Wohlstand des Hauses wieder her ... Wo bleiben heute Ehre und Wohlstand? Wo ragt ein Denkmal der schier übermenschlichen Leistungen, die diese Stadt und ihre führenden Männer während des Weltkriegs vollbrachten? Noch fehlt es und wird wohl immer fehlen ... Ehre und Wohlstand sind vernichtet, ein vom Übelwollen der Sieger abhängiges Volk sind wir geworden, sogar das Recht der Selbstbestimmung ist uns genommen. Aber wer in Wahrheit erfüllt ist vom Geist einer neuen Zeit, braucht darum nicht zu verzweifeln. Seht ihr, Brüder, da unten, fern, auf dem Rathausturm den eisernen Ritter? Er wird alle, die da guten Willens sind, um sich sammeln. Unter seinem sinnbildlichen Schirm und Schutz werden sie Frieden schließen miteinander, Bürger und Arbeiter, über das Trennende der Parteien hinweg, und sich einträchtig zusammentun zu gemeinsamer segensreicher Arbeit, verjüngt durch den Glauben an die Zukunft, ausgerüstet mit gesteigertem technischen Können, werden sie in freudiger Hingabe an die Gesamtheit den Ruhm und das Wohl dieser Stadt wieder aufbauen, die schmachvollen Fesseln sprengen, die uns knechten, und unserm Volksstamm den Weg ebnen zur Heimkehr ins große, gemeinsame deutsche Vaterland!«

»Was für uferlose Utopien!« rief Hollerer entsetzt.

Etwas ernüchtert und gleichsam zurückkehrend vom Ausschweifen ins Weite an den wohlbesetzten Tisch der Haimonskinder, wendete Eybel sich dem Gastgeber zu.

»Verzeih mir, August, wenn meine Vorstellung von dem, was ein moderner Mensch ist, der deinigen widerspricht. Aber weil du uns nun schon so wohlmeinend raten wolltest, es dir nachzutun, so will auch ich mit meinem Rat nicht zurückhalten. Den Geldverdienern, denen der große Glaube an die Menschheit und ihre Ziele fehlt, wird die Gegenwart nicht lange mehr Unterstand in ihrem Hause gewähren, die Zukunft schon gar nicht. Vergiß nicht, daß wir alle, wie wir hier beisammensitzen, irgendwie aus dem arbeitenden Bürgerstand hervorgegangen sind. Er wird, wie er seit hundert Jahren führend war, auch führend bleiben, wenn er sich nur als genügend entwicklungsfähig erweist.« »Gerade in diesem Wenn steckt der Haken«, griff Severin unerwartet ins Gespräch ein. »Der Bürgerstand ist viel zu engherzig geworden und viel zu beharrend, als daß er noch Führer sein könnte!«

»Er erstickt in Vorurteilen und persönlichen Interessen wie vor hundert Jahren der Adel«, stimmte Rumpsack ihm zu. »Er hat Überlieferung, die alte Güter bewahrt. Er hat Religion, die sich mit Erkenntnis verträgt. Es fehlt ihm auch nicht an Fleiß und Tatkraft. Aber er hat es verlernt, über sich selbst hinaus zu denken. Der Fortschritt hat ihn ins Leben gerufen, darum kann er nicht führend bleiben, wenn er nicht in diesem Sinne fortschrittlich bleibt.«

»Die Zukunft gehört denen, die nach neuen Zielen Ausschau halten!« ergänzte Severin.

»Das tut ja der Arbeiterstand vielleicht in seinen besten Vertretern«, sagte Eybel. »Im großen, ganzen aber sind diese Ziele, wenn wir bei Freund Hollerers Unterscheidung bleiben wollen, doch nur enge, greifbare Zwecke, einseitige Parteizwecke. Außerdem fehlt dem Arbeiterstand die Überlieferung und das Jenseits. Hoffen wir, daß eine Verschmelzung eintritt, eine allmähliche Angleichung. Denn aus vier Elementen braut sich die Kultur der Zukunft: aus der Anhänglichkeit ans Gewesene, soweit es ehrwürdig bleibt; aus der Rückkehr zu einem vertiefteren Gottesbegriff; aus der Beherrschung der zeitgemäßen technischen Arbeit; schließlich aber und vor allem aus der hingebenden Liebe zur großen Gemeinschaft, die eine stete Entwicklung der sozialen Gefühle sichert.«

»Das ist mir ein bißchen zu hoch«, sagte Hollerer, der mit einmal ernst und nüchtern geworden war. Und nach kurzem Überlegen fuhr er fort: »Übrigens muß ich offen gestehen, ich spüre mehr aussichtsreiches Leben darin und mehr Sinn als im Kurszettel. Vielleicht bin ich wirklich auf dem Holzweg mit meiner Weisheit, ich will gelegentlich darüber nachdenken. Jedenfalls verbohre ich mich nicht in Rechthaberei, ich weiß, ihr meint es mir so gut wie ich euch. Und darin besteht ja der Wert der Freundschaft, daß sie zur Einkehr mahnt und den Prozeß des steten Umgekrempeltwerdens fördert, dem ein jeder von uns unterliegt, solange er nicht gänzlich verkalkt ist. So laßt uns«, sagte er mit ungewohnter Wärme, »über alle Gegensätze hinweg an unserer treuen Kameradschaft festhalten und hoffen, daß sie uns noch lange erfreue, stärke und, wo es not tut, gelegentlich auch ein bissel gescheiter mache. Der Freundschaftsbund der vier Haimonskinder, er lebe hoch!«

Freudig klangen die Becher aneinander. Alle empfanden sie leise bewegt die Unlösbarkeit des Bandes, das sie trotz alledem verknüpfte. Was das Leben einem jeden von ihnen auch gebracht hatte und noch bringen mochte, immer würde doch ein aus den sonnigen Knabenjahren herüberschimmerndes Licht ihr Bündnis verklären, die Verschiedenheit der Meinungen und Schicksale ausgleichend.

Die Sonne war früh untergegangen, nachdem sie noch einmal ihr Gold über die herbstliche Landschaft ausgegossen, die nun plötzlich fahl und trüb in Dämmer und Dunst gehüllt lag. Empfindliche Kühle machte sich fühlbar, sie schlugen die Mäntel um ihre Glieder und versanken in Schweigen. In stiller Ergriffenheit beobachteten sie das großartige Schauspiel, das von der Höhe aus gesehen der auf die Stadt Wien sich niedersenkende Abend darbot. Noch stand allein der Abendstern am Himmel und funkelte wie das Blinkfeuer eines Leuchtturms, während die Steinwüste zu ihren Füßen unter graubrauner Trostlosigkeit eingeschlummert schien. Da flammte auf einem wie ein Kinderspielzeug anzusehenden Dampfer, der auf dem breiten Donaustrom dahinzog, ein erstes Licht auf. Dann da und dort ein weiteres. Und plötzlich lange Straßenzeilen entlang Girlanden von Lichtern, unzählige, ins Unendliche sich verlierend, Tausende und aber Tausende von Lichtern, rötliche wie glimmende Leuchtkäfer, schneeweiße wie bläulich strahlende Sonnen. Und an hohen dunklen Hauswänden, die unsichtbar blieben, bunte Lichtreklamen, daß man an ein kunstreiches Feuerwerk hätte denken mögen.

Inzwischen hatte auch das ungeheuer hochgewölbte blaudunkelnde Firmament sich mit zahlreichen Sternen geschmückt, großen und kleinen, blassen und kräftig leuchtenden, geruhig stetigen und leidenschaftlich glitzernden. Und da die undurchdringliche Finsternis der Nacht sich auf die weite Ebene niederstürzte, sah es schließlich aus, als spiegelten die Millionen Himmelslichter sich in einem ausgedehnten schwarzen Gewässer millionenfach wider ...

Eine wehmütig nachdenkliche Stimmung überkam die Freunde. Es war die Vaterstadt mit lieben, süßen Kindheitserinnerungen, auf die sie hinabblickten. Hatte sie sich mit dem strahlenden Diadem des Lichtgefunkels geschmückt gleich einer Braut, die einem neuen hoffnungsvollen Leben entgegengeht? Lag sie für immer eingesargt in Not und Elend wie jetzt in Finsternis, eine Leiche von ungezählten Totenkerzen umgeben?

»Hocheder, ein Lied!« bat Hollerer. »Du hast doch deine Laute mitgebracht?«

Dem Freunde den ausdrücklich betonten Wunsch zu versagen, hatte Severin sich nicht entschließen können. Die Laute war zur Stelle und ihm selbst wider Erwarten so eigen ums Herz, daß er es gerne erleichterte. So ließ er sich denn auch nicht lange nötigen und sang:

Vergänglichkeit

So recht begreifst du's erst,
Was Jugend war,
Wenn silbern sich bereift
Dein dunkles Haar.

So recht begreifst du's erst,
Was Freunde dir gewesen,
Wenn in der Erde Schoß
Sie stumm verwesen.

So recht begreifst du's erst,
Wie warm die Liebe wärmt,
Wenn keine Seele mehr um dich
Sich sorgt und härmt.

Wie wunderschön der Tag,
Der dir geschenkt,
So recht begreifst du's erst,
Wenn sich die Sonne senkt.

Den Augenblick genießen –?
Vermeßnes Wort!
Die Wasser fließen und fließen
Und sind fort ...

Tief ergriffen hob Eybel sein Glas. Mit gedämpfter Stimme, wie um die eingetretene weihevolle Stille nicht zu stören, sagte er: »Es lebe die Jugend!«

»Die Freundschaft soll leben!« ergänzte Rumpsack ebenso, dem Hollerer die Hand über den Tisch entgegenstreckend.

Severin, mit gesenktem Haupt, als spräche er zu sich selbst, sagte: »Es lebe die Liebe!«

Und August fühlte, daß er wieder Ankergrund gefunden habe in den Herzen der Freunde. Alles Gute und Schöne, das lange verschüttet gewesen, war wieder aufgewühlt in ihm. Und von einer lange entbehrten Woge des Glücks überflutet, sagte er, während die Gläser aneinanderklingten: »Es lebe das Leben!«

 

Im kleinen Garten hinter dem Haus »Zum Seidenbaum« hatte der Herbst prangende Farben angezündet, in der vom wilden Wein überwucherten Mauerecke, wo einst die Maiglöckchen dufteten, loderte purpurne Röte. Dann kam der triefend nasse Monat, der den Himmel mit bläulichen Schleiern verhängt und die welken Blätter von den Zweigen rieseln macht. Der alte Maulbeerbaum stand kahl wie ein Besen, der Spulendrechsler Staudenmayer, der auch den Gärtner zu spielen hatte, umhüllte mit Rumpsacks Hilfe die entlaubten Kletterrosen am »Salettl« mit bergendem Stroh. Wo eine Wand mit Grün verkleidet gewesen, trat jetzt das Gerippe von Lattenwerk ans Licht, und die Sperlinge, die dahinter genistet hatten, verließen ihre Sommerquartiere und zogen sich, die Behausungen der Menschen mit gewohnter Keckheit als ihr Eigentum betrachtend, hinter Dachgesimse und ähnliche Schlupfwinkel zurück. Und schließlich vergrub ein früher Winter den frierenden kleinen Garten, der längst keine grüne Insel mehr war, unter schneeweiße flaumige Federbetten und hing den Dachtraufen im Hof lange, abenteuerliche Rübezahlbärte von Eiszapfen um, als hätten die Mummereien der Fastnachtszeit schon ihren Anfang genommen.

Frau Staudenmayer kam aus ihrer niedrigen Stube jetzt gar nicht mehr heraus, aber Justine versäumte es keinen Tag, nach der Kranken zu sehen. Einmal traf sie sie an dem zu ebener Erde gelegenen Hoffenster ihrer Wohnung sitzend in mühsam gebückter Haltung, den Oberkörper verrenkt, um den blauen Winterhimmel zu erspähen, was nicht ganz leicht war; denn über dem jenseitigen Haustrakt stieg die hohe Feuermauer auf, die gerade nur einen Streifen Himmel über dem Hofe freigab.

»Was treiben Sie denn, beste Frau! Gibt's da oben etwas so Merkwürdiges zu sehen?«

»Freilich! Ab und zu fliegt eine weiße Wolke vorüber, wie ein großer Schwan oder ein Feenschiff. Dann stell' ich mir immer vor, ich flöge mit.«

Die heiter gesprochenen Worte, aus denen, vielleicht unbewußt, verhaltene Sehnsucht klang, rührten Justinen. Solche Gefühle waren ihr nicht fremd.

»Wie reich ist mir der Tisch des Gebens doch gedeckt!« fuhr die Kranke zu sprechen fort, »Viele gibt's, die nicht einmal ein so winziges Stück Himmel erblicken können, wie es von meinem Fenster aus sichtbar ist! Und noch ihrer mehr gibt's, die vielleicht den ganzen Himmel sehen könnten und doch nichts damit anzufangen wissen. Mir macht es Freude, so oft eine Wolke gesegelt kommt. Und überhaupt wird unser Hof an Freuden immer reicher. Ich höre Musik so gern. Alles kann ich freilich nicht vernehmen, was Sie mit Herrn Severin spielen. Aber so ganz aus der Ferne fang' ich doch ein bissel was davon auf, und was ausbleibt, denk' ich mir halt dazu. Wenn ich abends nicht einschlafen kann, dann ist es mir oft ein rechter Trost.«

»Wir wollen ihnen einmal vorspielen«, sagte Justine; »dann sollen Sie alles, was sie bisher nur halb vernommen haben, ganz und aus der Nähe hören.«

Unwillkürlich mußte Sie Vergleiche ziehen zwischen der schlichten kranken Frau und einem andern Kranken, den es seit einiger Zeit im Hause gab.

Bei dem alten Hocheder hatten sich besorgniserregende Alterserscheinungen eingestellt. Er litt an Schwindelgefühlen und Kopfschmerz, kam außer Atem, wenn er eine Treppe stieg, und war nicht mehr imstande, die Gedanken festzuhalten, sie liefen ihm davon, verwirrten sich, manchmal war auch das gerade Gegenteil der Fall; dann setzten sie sich mit solcher Zähigkeit in seinem Kopfe fest, daß er wie von einer fixen Idee beherrscht schien. Der Arzt, den er nach wochenlangem, hartnäckigem Widerstand endlich zu Rate gezogen, untersagte jede geistige Anstrengung und geschäftliche Tätigkeit. Das war für ihn, der sein ganzes Leben nicht einen Tag krank gewesen, ein harter Schlag. Zuerst half er sich damit, daß er dem Arzt Unfähigkeit nachsagte und dessen Verordnungen in den Wind schlug. Er gab die Zügel nicht aus der Hand und wollte beweisen, daß er noch immer der ›Pik‹ sei. Aber es sollte ihm übel bekommen.

Das geschwächte Urteil hatte das Selbstgefühl noch übersteigert, an dem es ihm nie fehlte, er verlor jetzt völlig die Herrschaft über sein ohnedies reizbares Geblüt. Was seinem Wunsch und Willen in die Quere kam, empfand er als eine ihm angetane Beleidigung. So setzte er sich selbst ins Unrecht, als einmal zu unbequemer Stunde der Prokurist der großen Appreturfirma Woitech einen fälligen Wechsel einkassieren kam; denn nach einer heftigen Auseinandersetzung wies er dem Manne, der nichts tat, als wozu er beauftragt und verpflichtet war, kurzerhand die Tür. Unmittelbar nach diesem Auftritt erlitt er in seiner Schreibstube etwas wie einen Ohnmachtsanfall, der strichweise Lähmungen zurückließ. Zum Glück waren sie nur leichterer Art und verloren sich nach mehrtägiger Bettruhe. Seither aber scheute er selbst davor zurück, seine Schreibstube aufzusuchen, und betraute Laurenz mit seiner Vertretung. Der Gedanke, einer seiner Angestellten könnte ihn im Zustand der Benommenheit und Wehrlosigkeit erblicken, trug zu diesem Entschlusse, der ihm schwer genug fiel, mehr bei als die Einsicht seiner Schonungsbedürftigkeit. Nun verließ er seine Wohnung nur mehr zu dem Zwecke, sich etwas Bewegung zu machen, wozu Marianne ihn jedesmal mit Aufbot aller Schmeichelkünste überreden mußte. ›Spazierengehen‹ bedeutete ihm soviel wie Müßiggang, nichts war ihm widerlicher. Und daß die Tochter es sich nicht nehmen ließ, ihn zu begleiten, brachte ihn gegen sie auf, die ihm doch eine so hingebende Pflegerin war. Mehr wütend als befreiten Gemütes ging er dann wie ein Gefangener an ihrem Arm ein paarmal in der Schutzengelgasse auf und ab, um so bald wie möglich ins Haus zurückzustreben.

Übrigens war es zu Hause dann womöglich noch schlimmer, er wußte ja den lieben langen Tag rein gar nichts mit sich anzufangen. Meist saß er untätig am Schreibtisch seiner früh verstorbenen Frau und lauschte den trauten Geräuschen der Arbeit, die aus dem unter seiner Wohnung gelegenen Werksaal zu ihm heraufdrangen. Aber auch dieser karge Becher Trostes war durch Wermutstropfen verbittert. Fortwährend wurmte es ihn, daß man ihn dazu hatte pressen können, die drei ›Organisierten‹ aufzunehmen. Daß Laurenz ganz zufrieden mit ihnen war und sie recht gut brauchen konnte, was Marianne dem Vater wiederholt vorstellte, nahm er nicht zur Kenntnis, bestritt es oder vergaß es immer wieder. Das gute, von Natur aus heitere Mädchen hatte einen schweren Stand neben dem halb gebrochenen alten Mann. Sie hing nicht nur mit kindlicher Liebe an ihm, sie verehrte auch, obgleich nicht blind gegen seine Fehler und Absonderlichkeiten, seine menschliche Erscheinung. Alles in allem war er doch eine kraftvolle, eigenartige Gestalt, die ihren Platz einst voll ausgefüllt hatte und wie aus einer selbstherrlichen Urwelt in dieses schwierige demokratische Zeitalter hereinragte, jetzt freilich zum Schatten dessen abgeblichen, was der Name Michael Hocheder früher einem jeden bedeutete, der ihn kannte.

Marianne hielt Umschau, wen sie etwa dazu veranlassen könnte, den kranken Vater öfters zu besuchen, zu zerstreuen. Aber er besaß keine Freunde, nicht einen. Unter den Bekannten oder Verschwägerten kam am ehesten vielleicht Wolfgang Mairold in Betracht, aber abgesehen davon, daß er nicht über viel freie Zeit verfügte, hatte ihn der alte Herr erst unlängst, da er in Begleitung Georg Leodolters bei ihm vorsprach, ziemlich schnöde abblitzen lassen; auch fürchtete sie, er würde zuviel von Geschäften reden, denn immer hatte er den Kopf voll mit Nedweditz. Schließlich verfiel sie auf Franz Mairold, den General, von dem sie wußte, daß er nichts zu tun habe und Geselligkeit suche. Der Einfall war kein schlechter gewesen. Der General, der an Jahren bedeutend jünger, nach seinem Wesen und in seinen Ansichten aber mindestens ebenso alt war wie Hocheder selbst, sprach gut mit dem Kranken und fand sich nun wöchentlich mehrere Male zu einem Plauderstündchen ein, was den alten Herrn von seinem Zustand doch einigermaßen ablenkte.

Freudigkeit und Aufmunterung, wie es Mariannen für ihn erwünscht gewesen wäre, strahlte allerdings von diesem Umgang nicht aus. Aber vielleicht war es gerade dies, was Herrn Michael Hocheder daran paßte. Er wollte sich ja gar nicht freuen, er wollte sich ärgern, wollte seine Blitze zucken und seinen Donner grollen lassen über der neuen Zeit, den neuen Menschen, den neuen Verhältnissen. Und dazu war Exzellenz von Mairold der rechte Mann, von dem schon fast an Bigotterie grenzenden, immer formengläubiger werdenden Katholizismus abgesehen, dem er sich seit dem Umsturz und seiner Pensionierung in die Arme geworfen, stimmten seine Gedanken und Überzeugungen mit den schroffen Urteilen des »Pik« vielfach überein. Beide ließen sie an der Gegenwart kein gutes Haar und bemäkelten von ihrem kaisertreuen, ja, absolutistischen Standpunkt, der in der engsten Parteilichkeit befangen blieb, jede auftauchende Frage aufs schärfste, von der Weltpolitik angefangen bis herab zur Straßenpflasterung. Am liebsten hätten sie einen Scheiterhaufen aufgeschichtet, um jene, denen sie die Schuld am wirtschaftlichen Niedergang beimaßen, darauf schmoren zu sehen. Der mit Gehässigkeiten und Verbitterung bis zum Rande angefüllte General, dessen Anschauungen Konrad Eichel einmal mit dem Worte: »Katholizismus minus Christentum« zutreffend umschrieben hatte, war dann noch ein ärgerer Torquemada als Michael Hocheder selbst, der sich doch auch manchmal seiner altliberalen Vergangenheit erinnerte. So blieb es zweifelhaft, ob der Verkehr, der ihm zwar Gelegenheit bot, seinen Unmut auszutoben, ihn aber anderseits wieder bis zur Verbissenheit aufpulverte, für den Kranken mehr von Vorteil oder Nachteil sei. Jedenfalls bot das Bild dieses Krankseins einen ganz andern und ungleich betrüblicheren Anblick dar, als das um soviel hilflosere und doch verklärte Leiden der armen Frau Staudenmayer, die jemals als eine Gesunde gekannt zu haben, sich kaum irgendwer im Hause erinnern konnte.

Dieser Gegensatz ward Justinen an jenem Tage besonders anschaulich, wo sie die Frau des Spulendrechslers an ihrem niedrigen Hoffenster sitzen fand, beglückt darüber, hier und da eine Wolke am spärlichen Himmelsausschnitt vorüberziehen zu sehen. Und sie sagte: »Wäre doch der bedauernswerte Vater auch imstande, sich die kleinen Freuden zu pflücken, die es immer noch in der Welt gibt, auch wenn die großen fehlen.«

»Die Reichen haben es schwerer als unsereins,« sagte Frau Staudenmayer, »Krankheit ist ihnen ein Übel, das beseitigt werden muß. Uns Armen ist sie ein Übel, das ertragen werden muß.« »Wenn man die Wolke lieb haben kann«, meinte Justine, »und die Blume und den Baum, das erste Grün und den schneeweißen Schnee, so ist das schon ein Glück, das über vieles hinweghilft. Oft war ich betrübt und einsam in mir selbst, in meiner Heimat, die für immer verloren ist, auf der Wegwacht, in der Lüsen ... dann schloß ich Freundschaft mit den Tannen, die dort wachsen, mit den Felsen und Alpenkräutern. Und ich wurde innerlich froh.«

»Solche Freundschaften wären dem alten Herrn freilich zu wünschen«, sagte die Kranke. »Ob es damit aber schon getan wäre –?«

Sie sann vor sich hin und überlegte.

»Was uns die schwachen Gewächse Gottes schenken können,« fuhr sie fort, »das ist viel. Sie haben auch ihre Seele und reden zu uns. Aber wer zu ihnen flieht, weil er mit den Menschen nicht auskommt, der, mein' ich, macht sich's zu leicht. Es ist keine Kunst, die Wolke lieb zu haben, und die Blume, die uns nichts zuleid tun. Schwieriger ist es, die Menschen lieb zu haben, weil es da heißt, auch das uns Entgegenstehende achten und gelten lassen, wenn es nicht vor Gott das Böse ist. Und das ist der Grund, warum Christus, der Herr, kein Naturschwärmer war. Weil es leicht und eine Selbstverständlichkeit ist, die wehrlose Schöpfung zu lieben. Die Liebe, wie er sie meinte, wird erst da zu einer überirdischen Kraft, wo wir nicht uns selbst in den Dingen lieben, sondern eben das andere, das nicht wir selbst sind, das neben uns und trotz uns das gleiche Recht von Gott empfangen hat, zu sein, wie es ist. Darum gelangt im Umgang mit der Natur allein niemand zur wahren Liebe. Er hat immer nur einen Teil davon und nicht den erlesensten. Das Ganze stellt sich erst ein, wenn wir die Menschen lieben, aber nicht aus gezwungenem Willen, nein, so freiwillig und aus eigenem Trieb, wie die Blume und den Baum. Dann erst heben wir uns über uns selbst hinaus ... Ich spreche natürlich von der reinen Liebe,« fügte sie hinzu, »die ohne Schuld ist.«

Justine errötete. Sie dachte an Severin. Sie liebte ihn wie in ihren Jungmädchenjahren, mit derselben Leidenschaft.

»Kann irgendeine Liebe,« sagte sie, »die aus innerm Drang wie von selbst kommt und von keinem Willen zu bezwingen ist, eine Schuld sein?«

Wieder wie schon mehrere Male sonst fühlte sie jenen aufmerksam forschenden Blick auf sich ruhen, der Herz und Nieren zu durchdringen schien. Aber ein Schimmer schmerzvollen Mitleids milderte seine Unerbittlichkeit.

»Vor Gott vielleicht nicht«, antwortete die Kranke. »Aber wir sind Menschen und leben mit Menschen.«

Sie sprachen an diesem Tage nichts weiter mehr darüber. Justine war einsilbig und nachdenklich geworden. Und Frau Staudenmayer schaute nicht mehr nach der Wolke aus, sie sah bekümmert vor sich nieder und schien älter und hinfälliger als sonst.

 

Um diese Zeit kam Georg Leodolter wieder einmal nach Wien, die Ausschau nach Möglichkeiten fortzusetzen, die seinen Plänen zur Verwirklichung verhelfen könnten.

Die unausgesetzten Umdrehungen des Glücksrades hatten schon in den paar Monaten, die er nicht dagewesen, wieder neue Sterne auf dem Himmel der Finanzen aufleuchten machen; andere waren verblichen, noch andere nahmen sich wenigstens scheinbar matter aus, weil sie von den neuen, leuchtkräftigeren bei weitem überstrahlt wurden. Zu den letzteren gehörte die »Kakabe«. Sie war jetzt nur mehr eine mittlere Bank, und Generaldirektor Lemburg, ihr Hauptmacher, wurde nicht mehr genannt, wenn man die reichsten Leute von Wien herzählte. Indessen hatten beide, Bank und Direktor, weder Verluste erlitten, noch den Krebsgang eingeschlagen, im Gegenteil; für sich allein genommen blühten sie fröhlicher als je. Nur im Verhältnis zu noch weiter ausgreifenden Gründungen und noch erfolgreicher Emporgekommenen waren sie zu Sternen zweiter oder dritter Größe herabgesunken.

Ein paar Dutzend Milliarden bedeuteten nichts mehr, es mußten jetzt schon deren hundert oder mehr sein. So rasch verschoben sich die Maßstäbe mit der fortschreitenden Ausplünderung der Wirtschaft und Verarmung breitester Bevölkerungsschichten. Dabei schossen wie Pilze immer wieder Neugründungen aus dem Boden. Bisher unbekannte Persönlichkeiten saßen plötzlich allerorts an der Spritze, bevölkerten die Verwaltungsräte, machten durch fürstlichen Aufwand von sich reden. Niemand wußte, aus welcher Versenkung sie emporgestiegen waren, und durch welche Künste es ihnen eigentlich gelang, sich zu einem Staat über dem Staate aufzuschwingen, zu einer Art Nebenregierung, welche die im Nationalrat sich zankenden Parteien und die durch hundert Kompromisse gebundene eigentliche Regierung so ziemlich im Sack hatte.

Unter den neuen Namen, die gleichsam über Nacht in den Vordergrund getreten waren, nannte Wolfgang Mairold seinem Neffen auch den August Hollerers. Georg wunderte sich. Der Mann hatte sich trotz kühler Behandlung wiederholt an ihn herangedrängt, aber nun seit geraumer Zeit nichts mehr von sich hören lassen. Von Konrad Eybel, den er wieder bei seiner Schwester, der Principessa, traf, erfuhr er, Hollerer habe sich der Schwerindustrie zugewendet und auf unaufgeklärte Weise ungeheure Werte in seiner Hand vereinigt. Für Seide interessiere er sich nicht mehr, hätte er geäußert, sie sei ihm ein zu wenig einträglicher Artikel.

»Das ist ein Hartgesottener,« sagte Eybel, »dem jedes Mittel recht ist und der seine Seele verkauft, wenn sie ihm genügend bezahlt wird. Diesen Herbst noch, bei einer Kollegenzusammenkunft – er gehört nämlich zu meinen Schulkameraden –, als er knotige Grundsatzlosigkeit predigte und wir ihm zu verstehen gaben, daß er eher ein gewissenloser Schieber als ein großzügiger Amerikaner sei, schien er noch geneigt, Einkehr zu halten. Aber die allgemeine Strömung riß ihn bald wieder mit, und der Erfolg gibt ihm recht. Mittlerweile ist im Handumdrehen ein ganz Großer aus ihm geworden; wohl bekomm's ihm!«

Georg verzichtete gerne auf Hollerers Mitwirkung. Er suchte Anschluß an die gleichartige Industrie, und zwar, dem so unbefangen geäußerten Rat des jugendlich frohgelaunten Direktors Lemburg entsprechend, mit möglichster Umgehung der Banken. Seine Anwesenheit in Wien galt diesmal vorwiegend einer persönlichen Aussprache mit Pinkas und Kompanie, einer der größten Seidenfirmen, mit der er bereits in brieflicher Verbindung stand.

»Eine jüdische Firma willst du in die Gesellschaft mit aufnehmen?« fragte sein Vetter Thomas Mairold ungehalten.

»Ich werde mir die Leute mal ansehen, ich prüfe jeden auf seinen Wert. Wobei ich unter Wert nicht etwa bloß die finanzielle Leistungsfähigkeit verstehe.«

Als er im Geschäftshaus Pinkas in der ehemaligen Dreilaufergasse vorsprach, traf er in der Schreibstube eine einzige Dame an der Maschine. Er sah sich um, rechter Hand auf einer kleinen Tür stand der Name Jacques Pinkas.

»Bin ich hier recht im Büro, wenn ich fragen darf?«

»Gewiß. Aber es besteht nur aus mir und dieser Adler. Alles sonstige besorgen die Herren selbst. Womit kann ich dienen?«

Bei näherer Besichtigung entpuppte sich die Dame an der Adler-Schreibmaschine als ein reizendes junges Mädchen, ungefähr etwas über Mitte der Zwanzig. Georg Leodolter, sonst Frauen gegenüber eher kühl abschätzend und zurückhaltend, aber durch diese Erscheinung ganz merkwürdig gefesselt, stellte sich vor.

»Mein Name ist Resi Pimper«, sagte sie.

»Pimper –? Woher kenn' ich doch den Namen?«

»Es hat eine alte Seidenfirma Pimper gegeben. Aber sie besteht schon seit Jahren nicht mehr.«

»Ihre Eltern leben wohl noch, Fräulein?« fragte er, weil es ihm Vergnügen machte, mit ihr zu sprechen.

»Nur noch mein Vater.«

Sie war über und über rot geworden und lenkte ab, indem sie wiederholte: »Womit kann ich dienen?«

»Verzeihen Sie, Fräulein, wenn ich Anteil an Ihrer Familie nehme. Entstammt Ihr Vater dem alten Webergeschlecht, das schon zu Beginn des vorigen Jahrhunderts die kunstvoll gemusterten Seidenzeuge herstellte?«

In Wahrheit war es ihm gleichgültig, welchem Geschlecht ihr Vater entstammte. Ihr Anblick, ihr Wesen entzückten ihn dermaßen, daß er nur nach irgendeinem Vorwand suchte, sie im Gespräch festzuhalten.

»Sehr liebenswürdig, daß Sie sich dafür interessieren«, sagte Fräulein Resi. »Die Firma geht mindestens so weit zurück wie die Ihrige, aber der Betrieb war zu klein, schon als ich noch Kind war, mußte er eingestellt werden. Ich schäme mich, daß ich vorhin verlegen wurde, als Sie nach meinem Vater fragten. Er bringt sich schon seit vielen Jahren als einfacher Weber durch und steht derzeit bei Michael Hocheder und Jahn in Verwendung. Ist er auch ins Unglück geraten, so habe ich doch alle Ursache, stolz auf ihn zu sein. Es gibt nicht viele, die sich nicht für zu gut halten würden, wieder zur Handarbeit herabzusteigen.«

Wie sie für ihren Vater einstand, gefiel ihm. Das war nicht nur ein schönes und liebreizendes, das war auch ein mutiges junges Weib, das das Herz auf dem rechten Fleck hatte!

»Es wäre gar nicht nötig,« sagte sie noch, »daß der Vater sein Handwerk noch ausübt. Ich verdiene genug, es würde, bescheiden wie wir leben, für uns beide reichen. Aber davon will er nichts wissen, es ist ihm Bedürfnis geworden, am Webstuhl zu sitzen, obgleich ihm das Gehen manchmal schon sauer fällt, weil er an Podagra leidet.«

Er hätte gern gewußt, ab sie auch Sinn für harmlosen Scherz habe, und sagte: »Also, solang er gehen kann, bleibt er sitzen?«

Sie lachte auf, die Prüfung war bestanden, das freute ihn. Und wieder ernst geworden, fuhr er fort: »Daß Ihr Vater etwas leisten will, solange sein körperlicher Zustand es zuläßt, macht ihm Ehre und Ihnen, mein Fräulein, nicht minder, daß Sie sich seiner Handarbeit nicht schämen.«

»Ich danke Ihnen. Aber Sie werden nicht gekommen sein, mir das zu sagen. Darum möcht' ich mir noch einmal die Frage erlauben, womit ich dienen kann?«

»Ich wünschte eigentlich den Chef der Firma zu sprechen, aber es ist nicht gerade dringlich.«

Nein, er hatte wirklich keine Eile. Sein Auge weidete sich an ihren lieblichen Zügen, ihrem vollgewellten kastanienbraunen Haar, an der schlanken Gestalt, die überaus einfach und doch mit richtigem Wiener Schick gekleidet war; er fühlte nicht die geringste Neigung, die Nähe dieses Mädchens rascher, als unbedingt nötig, mit der des Herrn Pinkas zu vertauschen. Um noch ein wenig verweilen zu können, warf er eine neue Frage dazwischen.

»Wenn ich nicht irre, gibt es zwei Chefs?«

»Doktor Felix, der Sohn des alten Herrn, ist hier überhaupt nicht zu sprechen, sein Büro befindet sich draußen in der Fabrik, in Dorotheen-Wiese. Übrigens hab' ich die Briefe an Sie getippt und kenne Ihre Angelegenheit. Sie fällt wie alles Wichtigere ins Ressort des Herrn Jacques Pinkas. Ich muß bitten, sich am Nachmittag noch einmal herzubemühen. Vormittags hält auch er sich in der Fabrik auf.«

»Immer?«

»Gewiß! Er läßt es sich nicht nehmen, täglich hinauszufahren und selbst nach dem Rechten zu sehen, obwohl es ein weiter Weg ist.«

»Das nenn' ich Fleiß! Er soll doch schon ein recht alter Herr sein?«

»Er ist weit über achtzig. Aber Winter und Sommer verläßt er sieben Uhr früh die Stadt und findet sich erst gegen drei hier in seiner Schreibstube ein, wo er dann noch bis sieben oder acht Uhr abends zu arbeiten pflegt. Dabei benützt er grundsätzlich nur die Elektrische und Dampftram und legt das letzte Stück Weges bis Dorotheen-Wiese, wohl zwanzig Minuten weit, zu Fuß zurück. Sommer und Winter! Mit der Regelmäßigkeit einer Uhr!«

Georg wußte, daß Dorotheen-Wiese, das ausgedehnte Grundstück, auf dem Fabrik und Arbeitersiedlung der Firma Pinkas sich befanden, an den Park des Schlosses Auenwald grenzte, eines Leodolterschen Besitzes, der sich von seiner Großmutter herschrieb. Da dieser Park wieder unmittelbar an den großen Garten des sogenannten Himmelhauses, des seit langer Zeit unbenutzt stehenden ehemaligen Leodolterschen Sommersitzes, angrenzte und beide, Schloß und Himmelhaus, der Stadt bedeutend näher lagen als Dorotheen-Wiese, so konnte er den Weg, den Jacques Pinkas zurückzulegen hatte, ungefähr beurteilen. Er schätzte ihn auf gut anderthalb Stunden. Und dies zweimal täglich, einmal hin, einmal zurück!

»Eine anständige Leistung für einen so alten Herrn«, sagte er. »Es muß ein an Leidenschaft grenzender Geschäftseifer in dem Manne stecken?«

»Wenn Sie wollen, können Sie's auch Pflichttreue nennen. Oder noch zutreffender vielleicht Liebe zur Sache.«

»So ist er also keiner von denen ...« Er stockte. »Sie verstehen mich, Fräulein. Sein verstorbener Bruder, der geadelt war und sich Pinkenfeld nannte, war ein großzügiger Spekulant. Ein paarmal machte er in Seide, dazwischen wieder in allen möglichen andern Dingen, es ging hinauf, hinab und wieder hinauf ... und vielleicht abermals hinunter ...«

»Auch der Bruder soll durchaus ein Ehrenmann gewesen sein«, warf sie abweisend dazwischen.

»Gewiß, das will ich durchaus nicht bestreiten ... Ich meine nur ... Sie sagten, Liebe zur Sache. Vielleicht wollten Sie sagen: Liebe zum Geldverdienen ... wenn einer Pinkas heißt –?«

»Da es sich um meinen Chef handelt,« sagte Fräulein Resi, wie ein Igel ihre Stachel sträubend, »so müßte ich Ihre Frage überhören, könnte ich nicht darauf antworten, daß Ihre Voreingenommenheit so unbegründet wie ungerecht ist. Herr Jacques hängt mit ganzem Herzen an seinem Gewerbe und ist darin nicht bloß im Sinne des Geldverdienens Meister. Es tut mir leid, Ihnen sagen zu müssen, daß ich es nicht ganz passend finde, wenn Sie in diesem Hause und mir gegenüber zwar nur andeutungsweise, aber doch verständlich genug, abfällige Bemerkungen über einen Mann vorbringen, den ich hochschätze und den Sie noch nicht einmal kennen. Nehmen sie gütigst zur Kenntnis, daß ich keinen vornehmeren Charakter kenne als Jacques Pinkas und niemand wüßte, in dessen Diensten ich lieber stünde als in den seinen.«

Der Zorn, der aus ihrem Auge sprühte, entzückte ihn. Er hatte ihr ja gleichsam nur einen Prüfstein hingehalten, um das Gold ihres Herzens einwandfrei festzustellen. Dieses Mädchen bestrickte ihn, er war nicht leicht entzündlich und kein Damenheld, aber schon im Laufe der kurzen Unterredung hatte ein Wirbel von Gefühlen ihn ergriffen, der sich von sterblichem Verliebtsein bis über die Ohren kaum unterschied.

»Sie ahnen gar nicht, liebes Fräulein,« rief er aus, »was für eine Freude Sie mir machen! Ich höre aus Ihrem Munde nur bestätigt, was die von mir eingezogenen Erkundigungen und der Eindruck, den ich selbst aus Jacques Pinkas' Briefen empfing, mich erwarten ließen. Das ist mir um der Sache willen, die ich vertrete, höchst willkommen. Ich höre aber aus Ihren Worten noch die Bestätigung einer andern Tatsache heraus, die mir sogar noch wertvoller ist. Darf ich es Ihnen gestehen? Es ist die Gewißheit, daß ich mich in Ihnen nicht täusche. Die mutige und offene Art, in der Sie, wie vorhin für Ihren Vater, so jetzt für Ihren Chef eintraten, nötigt mir Achtung ab und verstärkt noch den günstigen, mich tief berührenden Eindruck, den ich von Ihrem Wesen empfing. Glauben Sie mir's, ich bin nicht gerade ein heuriger Hase und sonst kein Heißsporn, aber Sie haben mir's angetan vom ersten Augenblick an. Und wenn Sie mir gestatten wollten, Sie näher kennenzulernen und auch Ihnen Gelegenheit zu geben, alle meine Fehler und Schwächen an der Quelle zu studieren...«

Er hielt inne. Ihre bestürzte Miene jagte ihm Schrecken ein.

»Sie sind gebunden!« rief er heißblütig und schlug sich vor die Stirn. »Wie konnte ich auch annehmen, daß soviel Schönheit, Anmut, Klugheit und edle Denkweise noch nicht den verdienten Anwert gefunden haben sollte! Verzeihen Sie mir und vergessen Sie das Gehörte! Ich ziehe mich beschämt zurück, da ich auf fremde Rechte stoße.«

»Niemand hat Rechte über mich außer mir selbst«, stieß sie hervor, bleich wie ein Marmorbild.

Unbändige Lebensfreude überflutete ihn mit einem Gefühl von Kraft und Sicherheit sondergleichen.

»Dann lassen Sie mich's aussprechen: Wenn mich nicht alles trügt, so wären Sie die richtige Frau, mich glücklich zu machen, die ich bisher vergeblich suchte!«

Ihr Stolz bäumte sich: »Und ob Sie auch der richtige Mann für mich wären, das fragen Sie gar nicht!«

»Warum nicht?« rief er mit dem Übermut des Siegers. »Ich weiß es, weil ich Sie auf Händen tragen würde.«

»Und ich bezweifle es vorderhand noch.«

»Mit welchem Recht?«

»Einer, der so hitzig ins Zeug geht, dem fehlt es offenbar an Besonnenheit.«

»Gerade daran fehlt es mir für gewöhnlich durchaus nicht. Aber heut ist kein alltäglicher Tag, da Sie in mein Leben traten. Und es gibt Stichtage des Schicksals, wo der überzeugende Innenblick verläßlicher ist als alle Bedenklichkeit und Überlegung. Warum wär's unbesonnen, wenn ich Sie liebe?«

»Ich könnte doch ebensogut eine Gans sein?« sagte sie und mußte lachen, während ihr Tränen in die Augen traten.

»Beruhigen Sie sich, soviel Blick trau' ich mir schon noch zu. Übrigens war es doch nur eine Vermutung, die ich aussprach. Ausdrücklich sagte ich: Wenn mich nicht alles trügt ... Die Katz' im Sack brauchen wir beide nicht zu kaufen. Vielleicht sind Sie schließlich doch noch eine Gans. Das wird sich ja mit der Zeit herausstellen, nicht wahr? Und bei mir stellt sich vielleicht heraus, daß ich ein Kalb oder Schaf oder Hornochse bin. Dann bleibt ja immer noch Zeit, Vernunft anzunehmen! Meinen Sie nicht? Nun also! Einstweilen will ich auch nichts anderes von Ihnen wissen, als ob Sie glauben, daß Sie mir vielleicht, unter Umständen, nach genauerer Überlegung und Zurateziehung der Muttergottes von Mariazell oder wer sonst Ihr Vertrauen genießt, möglicherweise allenfalls ein klein bißchen – gut sein könnten?«

Sie lachte in ihr Taschentuch, das sie an die Augen geführt hatte, und sagte: »O doch ... vielleicht ... ich glaube schon... Aber etwas gar geschwind marschieren Sie.«

»Liebes Fräulein, ich bin Besitzer der Tapferkeitsmedaille. Die hat man sich nicht durch Zögern erobert...« Er streckte ihr die Hand hin: »Also nichts für ungut! Und – wenn es Ihnen recht ist, ehrbare Bekanntschaft auf Probe!«

Zögernd, verwirrt, vielleicht gerade durch den fabelhaften Ungestüm seines Stürmens schon halb erobert, legte sie ihre Hand in die seinige.

»Nun entfernen Sie sich aber, bitte, und lassen mich Atem schöpfen!«

Er hielt Abschied nehmend ihre Hand länger als nötig und üblich fest, bis sie ihm dieselbe entzog.

»Auf Nachmittag!« rief er und eilte fort.

Wirklich fand er sich am Nachmittag wieder ein, sah zwar heiter und aufgeräumt, sonst aber recht gesetzt aus und fragte in geschäftlichem Ton nach Herrn Jacques Pinkas.

»Bitte einzutreten«, antwortete sie ebenso sachlich und wies mit der Hand auf die kleine Tür.

Da trat er rasch auf das Tischchen zu, an dem sie saß, und legte ihr eine Rose von auserlesener Schönheit auf die Tasten der Schreibmaschine. Er sprach dabei kein Wort, begab sich hierauf gegen die bezeichnete Tür und pochte an. Auf das von innen hörbare »Herein!« warf er ihr, während er mit der rechten Hand schon auf die Klinke drückte, mit der Linken voll Übermut eine Kußhand zu und war im nächsten Augenblick hinter der kleinen Tür verschwunden.

Bald saß er dem Chef der Firma gegenüber. Es war ein schmächtiger, gebeugter Greis, kahlköpfig, Adlernase, schüttere weiße Bartkoteletten, goldener Zwicker an einem beinahe kleinfingerbreiten schwarzen Band. Es stellte sich heraus, daß er stotterte, darum vielleicht seine Wortkargheit. Er füllte die Pausen, die zwischen seinen Worten eintraten, mit endlosem »W–w–w«, es war aber vielleicht nicht bloß ein Zungenfehler; eine fast übermäßige Rücksichtnahme auf die Äußerungen des andern, mit dem er gerade sprach, eine ängstliche Behutsamkeit, die in seiner Natur zu liegen schien, mochten mit die Ursache sein. Er war von allem Wesentlichen bereits unterrichtet und für den Gedanken einer »Union«, wie er es nannte, durchaus eingenommen. Seine Zustimmung übersetzte er ohne viel Worte in die Anschauung, indem er vier, fünf Bleistifte von seinem Schreibtisch langte, wo sie gespitzt bereitlagen, und das kleine Bündel zu brechen versuchte.

»Es geht nicht!« sagte er. Und dann alle bis auf einen wieder hinlegend, knickte er den Zurückbehaltenen glatt durch: »So ist's leicht!« – Er lachte vergnügt in sich hinein. »Mir selbst w–w–w–wäre das schwerlich eingefallen. Der Rothschild hat's erfunden. Eine gute Lehre auch für uns!«

Gern ließ er sich von Georg, dessen Ehrfurcht vor dem alten Herrn mit jeder Minute zunahm, von den Gedanken und Plänen berichten, die eine Großvereinigung der Seidenindustrie der Verwirklichung näherbringen konnten. Aufklärung oder gar Überredung waren hier überflüssig. Die zutreffenden und manchmal höchst fördernden Bemerkungen, mit denen Herr Jacques Georgs Ausführungen begleitete, überzeugten diesen bald, daß er einen verläßlichen Bundesgenossen in ihm erblicken dürfe, der in allen einschlägigen Fragen Bescheid wußte und auf dem Laufenden war. Daß man eine wertbeständige Währung abwarten müsse, darin waren sie einig. Zur Aufnahme der aus den fremdgewordenen Randstaaten in die Heimat zurückkehrenden Fabriksbetriebe schlug Pinkas Dorotheen-Wiese vor, wo seine eigene Fabrik sich befand. Sebendorf, Nedweditz, auch Klopsdorf, falls es sich doch noch hinzugesellte, und wenn nötig noch andere würden leicht dort unterkommen. Nur müßte freilich Georg sich entschließen, den angrenzenden Besitz von Schloß Auenwald der Erweiterung der Anlagen aufzuopfern.

Dem jungen Mann leuchtete diese Lösung als die natürlichste ein. Aber es ging ihm gegen das Gefühl, den alten Familienbesitz zu zerstören.

»Qualmende Schlote, wo einst ein herrlicher Park war?«

Herr Jacques drehte die elektrische Schreibtischlampe auf.

»Qualmt sie?«

»Sie meinen –?«

»Wenn wir uns neu einrichten, werden wir doch die w–w–w–weiße Kohle nicht links liegen lassen!«

Georg schlug sich vor die Stirn. Immer bisher hatte er an einen Wald von Essen gedacht. Erst dieser Greis mußte ihn daran erinnern, wie die Fabrik der Zukunft aussehen würde! Aber Schloß Auenwald als Zentralgebäude und gleichsam Gehirn eines zeitgenössischen Geschäftsunternehmens – der Gedanke wollte ihm nicht in den Kopf, oder, besser: nicht ins Herz.

»Die Amerikaner haben es leichter«, sagte er; »überall können sie von vorn anfangen, nirgends stoßen sie auf ehrwürdige Überreste.«

»Alles ist voll von Goethe«, antwortete Jacques, »Alles mißversteht ihn. Was heißt das Wort: Hier auch ist Amerika?«

Georg empfand selbst den alten feudalen Besitz, der leerstand und eine Überflüssigkeit erster Güte, ja, ein zehrendes Kapital war, als eine Zeitwidrigkeit. Er sagte sich, daß die Brutstätten von kleinen anmaßenden Vizekönigen, als die aus solchen Schlössern hervorgegangene adlige Offiziere und Verwaltungsbeamte sich nur zu oft aufzuspielen beliebten, keiner besseren Bestimmung zugeführt werden könnten, als Sitz und Sammelpunkt eines lebensvollen Gebildes zu werden, das unzähligen Menschen und Familien Wohlstand, Glück, Hinaufkommen durch Arbeit ermöglichte. Und er sagte sich auch, daß es ausgeschlossen sei, hohe geistige, sittliche, seelische Ziele auf der allein standhaltenden Grundlage des wirklichen Lebens aufzubauen, wenn man das Kleine über das Große stelle und dem Gelingen des Ganzen zuliebe nicht einmal ein müßiges ästhetisches Gefühlchen zu unterdrücken bereit sei. Das alles sagte er sich. Und doch ... und doch! ...

Sie ließen den strittigen Punkt fallen, es gab ja außerdem noch soviel anderes zu erörtern. Und schließlich lenkte das Gespräch in persönlichere Richtung. Der alte Herr gewährte ihm Einblicke in sein Leben.

Ursprünglich hätte er sich völlig im Schlepptau seines älteren und, wie er behauptete, begabteren Bruders Moritz von Pinkenfeld befunden, der nach der Krise von 1873 seine Nedweditzer Fabrik an die Mairolds verkaufen mußte. Damals sei er zur Einsicht gelangt, daß Industrie eine dem Bauerntum verwandte Stetigkeit im Beharren bei einer bestimmten Sache bewähren müsse, wolle sie sich allen Beteiligten und der Allgemeinheit zum Segen in eine gesunde Entwicklung einordnen. Aber erst mit beinahe fünfzig Jahren habe er sich durch eine späte Heirat in die Lage versetzt gesehen, den Traum seines Lebens zu verwirklichen und sich eine eigene Fabrik zu begründen. Seither wisse er erst, wofür er da sei und wozu er schaffe. Und Gott, der Herr, habe es ihm gut gemeint, indem er ihm fast in Abrahams Alter überdies auch noch einen Sohn geschenkt habe...

»Es ist ein guter, ein braver, ein tüchtiger Sohn«, sagte er, indem er das Stottern vergaß und ins Mauscheln verfiel. »Er wird meine Arbeit fortsetzen, und die Leute werden sagen: Der alte Jacques Pinkas war der Enkel eines armen Hausierers auf dem Schottenfeld, dem die Herrn Fabrikanten gespuckt haben ins Gesicht. Sein Sohn aber ist Mitglied der großen Seidenunion, die Wohlstand um sich verbreitet und eine gütige Mutter ihrer Arbeiterschaft ist, und der angehören Namen wie Leodolter, Mairold, Beywald, Hocheder und andere von bestem Klang!«

Vergnügt lachend fügte er hinzu: »Ein Zukunftsbild... Warum soll es nicht wahr werden?« Und auf die Uhr sehend: »Verzeihen Sie, w–w–w...« machte er, in Verlegenheit geratend.

Georg fragte, ob er störe, und erhob sich. Es dauerte eine Weile, bevor Pinkas sich verständlich zu machen wußte. In der Laurenzi-Kirche hielt Pater Wilfrid Adventpredigten, die einen großen Zulauf hatten, und die auch er regelmäßig besuchte. Er versäumte nicht gern eine davon und lud Georg ein, ob er nicht mitkommen wolle. Diesem war der Anlaß willkommen, den berühmten Kanzelredner, dessen Ruhm schon an sein Ohr gedrungen war, sprechen zu hören, er schloß sich gerne an.

Im ersten Augenblick mochte er aber ein etwas verdutztes Gesicht gemacht haben, denn als sie Seite an Seite durch den winterlich dämmernden Abend schritten und sich der nur ein paar Straßen weit entfernten Kirche näherten, kam Herr Jacques darauf zurück, indem er sagte: »Sie haben sich gewundert, daß ich in die Kirche geh, weil ich ein Jud' bin? Aber selbstverständlich hab' ich den hochwürdigen Herrn um Erlaubnis gefragt, und er hat es mir gerne w–w–w–gestattet.«

 

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.