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Im Haus der Witwe

Robert Kohlrausch: Im Haus der Witwe - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Kohlrausch
titleIm Haus der Witwe
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierte Auflage
yearo.J.
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Sechstes Kapitel

Der Februar war hingegangen, und der März war gekommen. Die Tag- und Nachtgleiche des Frühjahrs war nun bereits nahe, und die Stürme, die zu dieser Zeit gehören, kündigten sich an. Der Schnee hatte ungewöhnlich lange gelegen; von Anfang Januar bis Mitte März war die weiße Decke dagewesen, das Auge blendend und den Geist ermüdend. Jetzt endlich war sie gewichen; der Schnee auf den Dächern war grau geworden und dann langsam geschwunden, die schwarzroten, gestreiften Flächen der Ziegeldächer waren hervorgekommen, die Wege waren wieder braun und grau geworden, und über die kahlen Bäume hatten die schwellenden, aber noch nicht sich öffnenden Knospen einen ersten, feinen, bräunlichroten Schleier gebreitet.

Im Hause der Schatten war das Leben in äußerer Ruhe seinen Weg gegangen. Georg hatte seit jener Aussprache mit Frau Ina vermieden, sie anders als in Gegenwart dritter zu sehen; kein vertrauliches Wort war seitdem zwischen ihnen gesprochen worden. Er war viel, vielleicht mehr als nötig, vom Hause fort gewesen; die Nachforschungen in der Anarchistenangelegenheit hatten ihm thatsächlich allerlei Arbeit gebracht. Bisher waren sie jedoch vergeblich gewesen; auch eine unauffällige Beobachtung Neuerts hatte nichts Bemerkenswertes zu Tage gefördert.

War Sybel nicht in seinem Bureau, so machte er weite, einsame Spaziergänge, die er jetzt nach dem Schwinden des Schnees auch über die Stadt hinaus fortsetzen und ausdehnen konnte. Wenn er aber so in dem grauen Lichte des Tages oder in den Schatten der hereinbrechenden Dämmerung über die nassen Landstraßen und enge, wenig betretene Waldwege dahinging, dann erschreckte er häufig unvermutet ihm Begegnende durch heftige Bewegungen der Hände und durch laute Selbstgespräche. Auch in der Einsamkeit seines Zimmers hatte er sich daran gewöhnt, stundenlang auf und ab zu gehen und mit sich selbst zu reden. Oder er saß regungslos und brütete vor sich hin, und sein Gesicht wurde dabei immer bleicher, älter und vergrämter.

Frau Ina wachte von weitem über ihn, und ihr Stubenmädchen Johanne, die seine Bedienung besorgte, trug ihm manche freundliche Gabe von ihrer Hand zur Stärkung und Labung tagtäglich zu, fast ohne daß er es bemerkte. Gleichgiltig genoß er das Nötigste; seine Gedanken weilten immer fern von der Gegenwart, und oft setzte er die nervöse Bedienerin durch unerwartete, seltsame Fragen in Schrecken. »Haben Sie den Toten gesehen?« fragte er sie einmal fast heftig, mitten aus einem tiefen Schweigen heraus; und erst, als das Mädchen zu zittern und zu weinen begann, erklärte er ihr, was er gemeint hatte. Ob sie schon zu Lebzeiten des Regierungsrats im Hause gewesen sei und ihn gekannt habe, das war es, was er zu wissen begehrte. Als sie verneinen mußte, erlosch seine momentane Erregung, er nickte ihr schweigend zu und versank in neues, noch tieferes Brüten, in dem er kaum wahrnahm, ob sie im Zimmer geblieben war oder nicht.

Wort für Wort mußte Johanne ihrer Herrin alles, was der Assessor gesprochen hatte, getreulich berichten. Was die Leute davon denken, darüber sagen mochten, das kümmerte Frau Henninger nicht. Sie lebte nur in dem einen großen Gefühl, das jetzt ihr Dasein beherrschte; sie glaubte an die Liebe Georgs und vertraute auf die sieghafte Kraft ihrer eigenen Liebe. Der Tag mußte kommen, an dem seine Zweifel schwanden, an dem er zu ihr kam, um sie niemals wieder zu verlassen. Aber bis dahin, – wie endlos schlichen die Stunden, wie grau und dunkel waren diese Tage, wie schmutzig und häßlich war die Schneedecke geworden, wie langsam erwachte und wuchs das neue Licht! Nur die sich erhebenden Frühlingsstürme, die um das alte Haus zu brausen begannen, begrüßte sie mit Freude, mit einem Gefühl der Befreiung. Es war ihr, als erzählten sie mit ihrer mächtigen Stimme vom Nahen einer Zeit der Erlösung, und sie meinte zu fühlen, daß auch für sie eine solche Zeit nicht mehr fern sei; vielleicht war es eine Katastrophe, die ihrer wartete, einer jener gewaltigen Stürme, wie sie der Frühling zuweilen bringt, aber eine Katastrophe, aus der ein neues, gesundes, grünendes Leben für sie emporsteigen sollte. In solchen Gedanken saß Frau Ina die langen Tage, und wenn auch ihr Gesicht immer blasser und zarter wurde, wenn ihr Herz ein rasches, angstvolles Schlagen lernte, das ihm sonst fremd gewesen war, wenn ihre Nerven zitterten bei Tönen und Worten, die sie ehemals kaum vernommen hatte, der Strahl der Hoffnung in ihren Augen leuchtete darum doch noch immer. – –

Es war ein stürmischer und dunkler Tag, der wildeste und unruhigste des bisherigen Frühjahrs, aber auf dem Gesichte des Dr. Jaksch lag trotzdem heller Sonnenschein. Er war zufrieden mit sich, mit dem Verlauf des Winters, mit den Fortschritten, die er auf seiner Bahn gemacht hatte. Die scheinbare Entfremdung zwischen seinem Neffen und Frau Henninger erfüllte ihn mit Freude und Hoffnung, die zahlreichen Krankheiten der langen Frostzeit hatten seine Praxis vermehrt. Vorsichtige und glückliche Spekulationen hatten ihm reichen Gewinn gebracht. Eben erst war er vom Bankier nach Hause gekommen, wo er eine stattliche Zahl von Geldscheinen in gute, sicheren Gewinn bringende Papiere umgewechselt hatte, und während er diese dem schon vorhandenen, ansehnlichen Packet in seinem Geldschrank hinzufügte, betrachtete er seinen Besitz mit liebevollen Blicken. Vielleicht hätte Frau Ina wieder von einem Raubtiergesichte gesprochen, wenn sie den Mann hätte sehen können, wie er hier vor dem geöffneten Schranke stand und seine Augen nicht abwenden konnte von dem willkommenen Anblick, wie er zuletzt mit seiner weißen, fleischigen Hand den Haufen von Wertpapieren liebkosend klopfte, wie ein anderer seinen Hund oder sonst ein Tier liebkost.

Endlich riß er sich los und verschloß mit Sorgfalt die Thür des Schrankes. Ja, er war zufrieden! Sein Weg ging aufwärts, und der Gipfel war nicht mehr fern. Ein einziges war bisher nicht so gelungen, wie er es gewünscht und erwartet hatte: die Spur, auf die der Taubstumme ihn hingewiesen hatte, war wieder verloren gegangen. Er hatte einen Brief unter der angegebenen Chiffre auf dem Berliner Hauptpostamt deponiert und die Polizei von dem Sachverhalt benachrichtigt. Aber Woche um Woche war vergangen, der Brief lag noch immer da, seltsamerweise war niemand gekommen, ihn abzuholen. Das war es, was ihn kränkte und zuweilen mit Unruhe erfüllte. Aber wo verlief das Leben so völlig frei und glatt, ohne Hindernis, ohne Gegenströmung? Nein, solche Dinge durften ihm die Freude nicht stören; er hatte Ursache, zufrieden zu sein, und er war zufrieden.

Es war Nachmittag, aber noch hell, und Dr. Jaksch wollte sich eben zum Ausgehen ankleiden, um einige Besuche zu machen, als sein Diener eintrat und meldete, daß ein Kranker geschickt habe, der dringend nach dem Arzte verlange.

»Riesig eilig hat er es jemacht,« fügte der Diener hinzu, »als wenn er sich schon 'n Extrazug ins Jenseits bestellt hätte. Sehr wat Feines scheint es aber nich zu sein; Meyers Gasthaus am Langen Hagen, na, ersten Ranges is det jrade nich.«

»Lieber Karl,« sagte Dr. Jaksch sehr freundlich, »es ist mir angenehmer, wenn Sie sich auf die einfache Meldung beschränken und alle weiteren Lebensgeschichten und dergleichen für sich behalten. Und so viel sollten Sie auch bereits wissen, daß ich meine Patienten nicht danach beurteile, ob sie ›was Feines,‹ wie Sie es nennen, sind oder nicht. Ich frage nur danach, ob einer krank ist, und ob ich ihm helfen kann. Und wenn Sie sich die Mühe machen wollten, so könnten Sie leicht hier in der Stadt hören, daß ich zu Anfang meiner Praxis eine Sprechstunde gehabt habe, in der ich armen Leuten völlig unentgeltlich meinen Rat erteilte. Das hat mir viel Freude gemacht. Ich bitte Sie, sich immer dessen zu erinnern. So, nun verschließen Sie die Thüren gut, wenn ich fort bin. Ich gehe jetzt gleich nach Meyers Gasthaus.«

Er ging, und als er draußen war, dachte der Diener, der ein wenig beschämt zurückgeblieben war: »Es is man einmal 'n juten Herrn.«

Dr. Jaksch hatte nur einen kleinen Weg bis zu dem bezeichneten Gasthof, der altertümlich und behaglich, wenn auch klein und einfach am Langen Hagen sich erhob. Auf seine Frage wurde der Arzt nach einem hinten hinaus gelegenen Zimmer des ersten Stockwerks gewiesen, wo er den Kranken finden würde, der zu ihm gesandt habe. Er sei erst heute mittag angekommen und habe sein Zimmer seitdem nicht wieder verlassen. Auch sein Mittagbrot habe er dort eingenommen.

Erst als er die Treppe hinanstieg, fiel dem Doktor ein, daß er vergessen habe, nach dem Namen des Fremden zu fragen, und daß ein solcher auch bei der Bestellung nicht genannt worden sei. Doch zerbrach er sich den Kopf nicht darüber, sondern klopfte an die Thür, deren Nummer man ihm bezeichnet hatte.

Als er sie auf das ›Herein‹ von einer schwachen, heiseren Stimme nun aber öffnete, war er überrascht, den Fremden nicht im Bett oder auf dem Sopha liegend zu finden, sondern aufrecht mitten im Zimmer, den Rücken den Fenstern zugewandt, so daß sein Gesicht nur undeutlich zu erkennen war.

»Mein Name ist Dr. Jaksch,« begann der Arzt, »Sie haben zu mir geschickt, wenn ich nicht irre?«

»Ich habe zu Ihnen geschickt.«

Es war etwas in dem Klang dieser durch Krankheit entstellten Stimme, das den Doktor verwirrte. So schwieg er einen Augenblick, dann sagte er: »Darf ich zuvor um Ihren Namen bitten?«

»Sehen Sie mich an.«

Langsam wandte der Kranke sich dem Lichte zu, das von draußen hereindrang, und Dr. Jaksch trat ein paar Schritte vor, ihn zu betrachten. Und aus der hageren Gestalt, aus den eingefallenen Zügen, aus den erloschenen Augen, aus diesem dahin schwindenden Schatten eines Menschen trat ihm das Bild eines anderen entgegen, eines Mannes, der frisch, hübsch, von jugendlichem Leben erfüllt vor ihm gestanden, und den er nie wiederzusehen gedacht hatte. Er fuhr zurück, als er ihn erkannte, dann, als die erste Ueberraschung vorüber war, brach er zornig los.

»Zum Teufel, wie kommen Sie hierher? Nein, seien Sie still, ganz still, sagen Sie noch nichts.« Er ging eilig, mit wiedergewonnener Geistesgegenwart zur Thür, blickte hinaus, ob kein Horcher in der Nähe sei, drückte sie wieder fest ins Schloß und schob den Riegel vor.

»Wir sind allein,« sagte er dann, »setzen Sie sich hierher aufs Sopha, da sind Sie am weitesten von der Thür da zum Nebenzimmer. Und lassen Sie uns leise sprechen, ganz leise; es ist im beiderseitigen Interesse, nicht wahr? Sagen Sie mir, Mensch, warum sind Sie hierher gekommen?«

»Um zu sterben.«

Es war etwas unendlich Trauriges in dem Klang dieser gebrochenen Stimme, in dem Ausdruck dieser braunen Augen, die ein gesundes, heiteres Gesicht ehemals mit dem Glanz der Freude erfüllt haben mochten und nun zum Sterben müde aus den bleichen, vom Tode gezeichneten Zügen hervorblickten. Der Mann war noch nicht alt, Anfang der Dreißig vielleicht, aber sein kurzgeschnittenes Haar war schon ergraut, die Hautfarbe gelblich, und feine, blaue Adern zeigten sich an den Schläfen. Als er den Kopf jetzt gegen die Lehne des Sophas zurücksinken ließ und die Augen schloß, als überwiege die Sehnsucht nach Ruhe alle anderen Wünsche in seiner Brust, hätte man glauben können, das Leben sei schon entflohen, und nur die zertrümmerte Hülle zurückgeblieben.

Dr. Jaksch aber hielt sich mit solchen Gedanken nicht auf. »Dies Geschäft hätten Sie auch drüben abmachen können,« sagte er kalt, in dem gedämpften Ton, in dem auch alles übrige gesprochen wurde.

Der Fremde richtete sich empor; Haß und Verachtung schimmerten aus seinen Augen. »Mein Sterben ist kein Geschäft, weder für mich, noch für Sie. Nicht so wie damals –«

»Schweigen Sie!«

»Aber dafür ist es ein wirkliches Sterben,« fuhr der Kranke fort, seine Gedanken verfolgend, ohne auf die Unterbrechung zu achten. »Wenn Sie von mir einmal hören, daß ich gestorben bin, – und es wird bald genug geschehen, – dann können Sie's glauben, daß ich sechs Fuß unter der Erde liege und nicht wiederkomme.«

»Was reden Sie von Wiederkommen?«

»Ich dachte –«

»Lebt er?«

»Er lebt.«

»Woher wissen Sie's?«

»Ich war in Newyork bei dem Bankier, dem er sein Vermögen zur Verwaltung übergeben hat. Von dem weiß ich, daß er noch lebt, aber der Mann durfte nicht sagen, wo er sich aufhält.«

»Ob er in Amerika ist?«

»Ich glaube nicht. Vor drei Jahren ist er nach Indien gegangen, das ist das Letzte, was ich zuverlässig erfahren habe. Ich schrieb es Ihnen ja damals. Und jetzt –«

Er wollte noch etwas hinzufügen, aber ein furchtbarer Husten unterbrach ihn, der seinen Körper erbeben machte und heiße, rote Flecke auf den eingefallenen Backen hervortreten ließ. Dr. Jaksch stand auf, trat ans Fenster und trommelte mit den Fingern der rechten Hand an den Scheiben, bis der Anfall vorüber war. Ein Ausdruck des Ekels zeigte sich dabei auf seinem Gesicht. Als der Kranke dann erschöpft sich zurücklehnte, und nur noch ein heiseres Röcheln den Kampf in seiner wunden Brust verriet, kam der Doktor zum Tische zurück und fragte, ihn prüfend betrachtend: »Tuberkulose, was?«

»Im letzten Stadium. Wissenschaftlich bin ich schon tot, aber dieser elende Körper will immer noch nicht hinein in die Erde. Ich habe ein Leben wie eine Katze!«

»Auch Katzen sterben, – wenn Ihnen das ein Trost ist. Viel Anlaß scheinen Sie mir allerdings nicht mehr zu haben, Ihr Leben zu lieben.«

»Es lieben – ich? Dies elende, zu Grunde gerichtete, durch Sie zu Grunde gerichtete Leben? Es lieben? Ja, wenn ich es noch einmal leben könnte, wenn ich es noch einmal von vorn anfangen könnte,« – ein lautes, röchelndes Weinen drang aus seiner Brust, er legte den Kopf auf die Platte des Tisches und schluchzte verzweifelt. Dann kam der Husten wieder, ein neuer Anfall, noch heftiger als der vorige.

»Sie machen zu viel Lärm. Das geht nicht,« sagte Dr. Jaksch, als der andere endlich zu Ruhe gekommen war. »Auch bin ich schon zu lange hier bei Ihnen, es kann auffallen. Sagen Sie noch schnell, was Sie von mir wollen, wie Sie auf den unsinnigen Gedanken gekommen sind, mich hier heimzusuchen? Denken Sie etwa daran, sich hier häuslich niederzulassen?«

»Seien Sie ohne Sorge, ich bin unter falschem Namen hier und will niemanden belästigen. Der einen, die ich lieb habe, könnte ich nur Schande bringen, – bitte, sagen Sie mir, wie es ihr geht!«

»Ihr, – ach so? Es geht ihr gut, aber sie will nichts mehr von Ihnen wissen. Ich würde es Ihnen in Rücksicht auf Ihren Zustand verschweigen, aber da Sie zurückgekommen sind, – allerlei unangenehme Gerüchte sind hier über Sie verbreitet. Nicht die Wahrheit natürlich, das ist ja unmöglich, aber die Leute haben sich Verschiedenes zusammengedacht, was nicht gerade ehrenvoll für Sie ist.«

»Und sie glaubt es auch? Aber sie hat ja recht. Auf die That kommt es nicht an, auf die Gesinnung. Und hier in mir, da ist ja alles zerstört, was einmal gut und ehrlich gewesen ist. Aber ich habe es gebüßt! Ich habe früher oft gelacht, mit Ihnen zusammen, über das, was die Menschen göttliche Gerechtigkeit nennen, jetzt lache ich nicht mehr! Glauben Sie mir, von der Stunde an, daß Sie mich zu dieser That verführt haben, ist kein Glück mehr in mein Leben gekommen. Ich bin arm geworden und krank und freundlos –«

»Lassen Sie diese alten Geschichten. Sagen Sie mir kurz und klar, weshalb Sie zu mir geschickt haben, was Sie von mir verlangen. Denn darauf läuft es zuletzt doch hinaus.«

»Sie haben recht. Ich brauche Geld, nicht viel, nur genug, um in Frieden sterben zu können. Mein letztes habe ich zur Ueberfahrt verwendet, um die Heimat noch einmal zu sehen. Ich hatte drüben keine Ruhe mehr und ich hoffte, der Tod würde kommen, wenn ich das Vaterland wieder betreten hätte. Er sucht sich andere und geht an mir vorüber, obgleich ich ihn rufe! Aber Sie sind Arzt wie ich, sehen Sie mich an und sagen Sie sich selbst, ob ich noch lange zu leben habe. Es handelt sich um eine kleine Frist, und während dieser Zeit müssen Sie für mich sorgen.«

Der Doktor blickte nachdenklich einen Augenblick zu Boden, dann sagte er: »Ein Rechtsanspruch Ihrerseits liegt nicht vor. Sie haben damals Ihren Anteil erhalten und haben ihn vergeudet; das ist Ihre Sache, nicht meine. Aber Sie sollen nicht umsonst an mein gutes Herz appellieren. Ich werde Ihnen für diese letzten Wochen Ihres Lebens eine bescheidene Existenz ermöglichen. Aber ich stelle meine Bedingungen. Sie reisen noch heute ab, Sie gehen nach Berlin, dort können Sie in der Menge am leichtesten verschwinden. Mit niemandem außer mir setzen Sie sich hier in Deutschland in Verbindung, auch mit ihr nicht, hören Sie wohl?«

»Auch mit ihr nicht!« wiederholte der Fremde seufzend, resigniert, mit wehmütigem Blick in die Ferne schauend.

»Unter diesen Bedingungen will ich mich Ihrer annehmen. Hier haben Sie Geld für den Anfang.« Er zog seine Brieftasche hervor und entnahm ihr einen Fünfzigmarkschein, den er vor dem anderen auf den Tisch legte. »Sobald Sie in Berlin eine Wohnung haben, schreiben Sie mir Ihre Adresse, postlagernd, verstehen Sie? Ihre Handschrift soll mir nicht ins Haus kommen. Richten Sie sich bescheiden ein, so bescheiden, als möglich. Auch mir geht es nicht glänzend.«

Der Kranke warf einen Blick auf den wertvollen Pelz, den der Doktor nicht abgelegt hatte, und lächelte leise. Auf diesen Blick antwortete der Arzt, als er weiter sprach: »Nein, wirklich nicht glänzend. Ich teile ja diesen alten Aberglauben von Vergeltung unserer Thaten und dergleichen nicht, aber als Sie vorhin davon sprachen, kam mir doch der Gedanke, daß es mir eigentlich ähnlich gegangen ist, wie Ihnen. Wahrhaftig, auch ich habe seit damals kein rechtes Glück mehr gehabt, meine Praxis will nicht vorwärts kommen, meine Einnahmen sind gering. Und heute erst hat mir der Bankier eröffnet, daß eine Spekulation fehlgeschlagen ist, auf die ich gehofft hatte, und daß ich einen für mich recht erheblichen Posten eingebüßt habe. Man hat ja so seine Unglückstage.«

Der Blick, den er dem Fremden zuwarf, sagte deutlich genug, was er in Wahrheit für das Unglück dieses Tages halte, doch verbarg die Dämmerung, durch schwere, vom Sturmwind gepeitschte Regenwolken verfrüht und vermehrt, bereits sein Gesicht.

»Also recht bescheiden einrichten,« sagte er noch einmal, »ich werde thun, was ich kann, aber es wird nur wenig sein. Und reisen Sie mit dem nächsten Zuge.«

Der Kranke, den die Schwäche niedergeworfen hatte, nachdem die anfängliche Erregung geschwunden war, erhob sich mühsam und hielt ihm die abgemagerte Hand entgegen. »Ich danke Ihnen,« sagte er, »es ist wohl das erste Mal im Leben, daß ich dazu in Wahrheit Anlaß habe. Ich werde Ihnen nicht lange zur Last fallen.«

Ungern ergriff der Doktor die dargebotene Hand; feucht und kalt lag sie in der seinen, und für einen Augenblick durchlief ihn das Gefühl, daß es die Hand eines Toten sei, die er halte. Rasch aber wies er den Dämmerungsspuk von sich hinweg.

»Reisen Sie, reisen Sie,« sagte er und wollte sich los machen. Der Fremde hielt jedoch seine Hand noch fest und sagte mit stockender Stimme: »Wenn es vorbei ist mit mir, – Sie werden es ja schon erfahren, – dann könnten Sie es ihr wohl sagen, daß ich hier gewesen bin und daß ich sie immer lieb gehabt habe, und daß –«

»Dann vielleicht, wir werden sehen.«

Ohne Abschiedsgruß verließ der Doktor den Kranken, nachdem er den Riegel zurückgeschoben und die Thür geöffnet hatte. Im Vorübergehen sprach er noch ein paar heitere, freundliche Worte mit der Wirtin, ließ sich über die Tugenden und Fehler ihres Erstgeborenen unterrichten und lachte herzlich über einen seiner Streiche, den sie erzählte. Als sie nach dem Kranken fragte, entgegnete er: »Ich habe ihn sehr eingehend untersucht. Es ist ein schwerer Fall, er muß zu einem Specialisten. Heute abend fährt er nach Berlin.« Dann verabschiedete er sich mit einem Scherzwort und trat auf die Straße hinaus.

Der Sturmwind fuhr ihm entgegen, heulte um ihn her, suchte ihn zu packen und niederzuwerfen. Aber der Doktor hatte einen festen Gang und fürchtete sich nicht vor dem Sturm. Erhobenen Hauptes schritt er dahin, gerade vor sich den Blick gerichtet, als sei dort in der Ferne ein Ziel, dem er zustrebe und das er erreichen müsse. Er schaute nicht vor sich nieder auf den dunklen Weg, er schaute nicht empor zu den dunklen Wolken. Er sah es nicht, daß die wilden Massen dort oben gerade über seinem Haupte sich zusammenballten zu einem finsteren Knäuel, so schwarz, drohend und unheilverkündend, als müsse ein Blitz daraus niederfahren und ihn zerschmettern. Er ging unbeirrt vorwärts, die Seele erfüllt von dem Gefühl eines freudigen Triumphes, den Schatten von seinem Wege entfernt zu haben, der vor ihm aufgetaucht war aus den Tiefen der Vergangenheit.

Ein anderer aber stieg empor am Abend dieses selben Tages im Hause der Schatten. Seine Zeit war gekommen, und er erschien. Er war so oft gerufen worden, daß er nun endlich gehorchte. Der Geist fand einen Körper, ward sichtbar und wandelte. Und indem er wieder Menschengestalt annahm, eine Gestalt gleich jener, die schon vermodert und zu Staub geworden war, weckte er einen Schauder, der das Haus durchzitterte von der Erde bis hinauf in den Giebel.

Hannchen Bäsmann war es, die ihn zuerst erblickte. Mit einem furchtbaren Angstschrei stürzte sie hinein in die Küche, die Köchin erschreckend, die allein darin schaffte. Zuerst vermochte das Kind kein Wort hervorzubringen; stammelnde, unverständliche Laute kamen aus dem Munde der Kleinen, als sei die Krankheit ihres Vaters plötzlich auf sie übergegangen. Karoline schalt sie wegen ihrer Angst und sagte: »Dem ollen Ritter hat dich woll wieder mal schief angeguckt?« Aber Hannchen schüttelte lebhaft den Kopf. Nach und nach gewann sie die Sprache zurück und erzählte, was sie gesehen hatte. Das Bild hätte sie nicht erschreckt, ganz gewiß nicht! Sie kannte es jetzt ja genau und fürchtete sich nicht mehr davor; sie sähe gar nicht einmal darauf hin, wenn sie vorbei ginge. Nein, aber als sie schon vorüber gewesen sei, hätte sie durch die Scheiben der Thür zum Zimmer des seligen Herrn Regierungsrat Licht gesehen und da sei sie neugierig geworden, was das wohl bedeuten möchte. Auf den Zehenspitzen hätte sie durch einen Riß in dem grünen Vorhang hinter den Scheiben hineingelugt und da hätte sie ihn gesehen. Er sei es gewesen, gewiß und wahrhaftig, ganz genau so wie auf dem Bilde, das bei der Frau Regierungsrat im Wohnzimmer hinge, und das sie erst vor ein paar Tagen sich angeschaut hätte, als Johanne dort aufräumte. Und wie sie ihn gesehen hätte, da wäre es ihr gewesen, als wenn eine kalte Hand sich ihr um den Hals legte, und sie hätte laut aufschreien müssen. Wenn es aber Karoline nicht glaubte, sollte sie doch selbst hinausgehen und nachschauen und sagen, ob sie gelogen hätte oder nicht.

Karoline wurde nachdenklich, schob die kupferne Kasserolle beiseite, an der sie noch geputzt hatte, und wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab. »Das wäre mich denn doch zweimal über 'n Spaß!« sagte sie. »Aber du bist dich auch man bloß 'ne Bangebüchse, un eh' ich dem Geist nich selber gesehen habe, glaube ich nich an ihm.«

Sie griff hinter ihren umfangreichen Nähkasten, der auf dem Küchentische stand, und holte eine weiße Flasche hervor, in der eine goldhelle Flüssigkeit glänzte. Ein starker Spirituosengeruch strömte daraus hervor, als Karoline den Kork herauszog, sich von dem Kinde abwandte und einen tüchtigen Schluck in ihren Mund fließen ließ. »Ich trinke ihm nicht vor Plaisirvergnügen, Hanne,« sagte sie, indem sie die Flasche an ihren Platz zurückstellte, »das mußt du nich glauben. Sondern vielmehr einmal wegen dem schwachen Magen, dem meine Mutter mich zurückgelassen hat – auch Großmutter selig hat immer an trockene Kolik gelitten – un denn, in so 'ne Lebensmomente, da is mich das 'ne bedürftige Stärkung.«

»Muß ich auch mitgehen?« fragte Hannchen leise.

»Wenn du dich alleine hier in die Küche bleiben willst,« begann Karoline, doch das Kind ließ sie nicht zu Ende reden. »Nein, nein, nicht allein! Ich gehe mit Ihnen und stelle mich hinter Sie und mache die Augen zu. Wenn ich dann so recht bete, nicht wahr, dann thut er mir nichts?«

»Beten is gut,« sagte Karoline überlegend, »aber ob sich einem Geist viel darum kümmert, das is mich zweifelhaft. Na, vor allen Dingen komm her, un der liebe Gott sei alle Christenmenschen gnädig!«

Sie traten vor die Küchenthür hinaus, und in der linken Wand des Korridors, der vom anderen Ende her durch eine kleine Petroleumlampe beleuchtet wurde, zeigte sich die matt erhellte, grünliche Fläche, die das Fenster in der Thür zum Zimmer des Verstorbenen bezeichnete. Offenbar war Licht darin, denn sonst erblickte man nur die spiegelnde Fläche der Scheiben, und nach einem ersten Zögern der Ueberraschung und des Schreckens ging Karoline mutig darauf zu, von Hannchen gefolgt, die angstvoll ihre Hand umklammert hielt.

Die Risse im Vorhang erlaubten einen Einblick in das Zimmer, freilich nur in beschränktem Maße. Die Farbe des Stoffes tauchte alles in einen grünlichen Schimmer, und das Gesichtsfeld war klein. Aber doch vermochte Karoline zu erkennen, was ihr die Kniee beben machte: dort am Schreibtisch, von den Falten des Schlafrocks aus schwarzem Sammet umwallt, saß die Gestalt eines Mannes. Nein, keines Mannes! Der wiedergekehrte Schatten des Verstorbenen war es, der die Stätte seines einstigen Lebens heimsuchte, weil ihm die Ruhe im Grabe versagt war. Sie hatte ihn gekannt und sie erkannte ihn auch jetzt. Von der matten Flamme eines Lichtes beleuchtet, saß er bewegungslos da, den Kopf halb zur Seite geneigt, so daß das Profil vor dem dahinter stehenden Licht einer schwarzen Silhouette gleich sich abzeichnete.

»Du lieber Gott,« flüsterte Karoline, bei der die Rührung allmählich den Schrecken überwog, »es is meinem Herrn, es is meinem armen seligen Herrn!« Die Thränen quollen ihr hervor, so stark und reichlich, daß sie zur Schürze greifen mußte, um ihre Augen zu trocknen. Als sie dann aber wieder aufblickte, war das Zimmer dunkel und die Erscheinung verschwunden. Es schien ihr noch, als schwebe eine schwarze Gestalt zwischen der Thür und der matterleuchteten Fläche des einen Fensters dahin, dann aber war alles verweht und verstoben. Auch kein Geräusch kam aus dem finster gewordenen Raume hervor, nur der Wind heulte laut um das Haus.

Die beiden gingen in die Küche zurück, besprachen wieder und wieder, was sie eben gesehen hatten, – Hannchen hatte nur ein einziges Mal die Augen aufgemacht und nichts als den Lichtschein erblickt – und redeten sich immer tiefer in eine bebende Angst hinein. Auch die mutige Köchin hatte ihre Fassung verloren und teilte der Kleinen mit, in welcher Tracht sie begraben zu werden wünschte, wenn die Erscheinung Unheil und Tod für das ganze Haus bedeuten sollte.

Nach und nach fanden sich auch die drei übrigen abendlichen Insassen der Küche ein: das Stubenmädchen, der Kutscher und der Diener. Jedem einzelnen wurde, nachdem er das Gelübde der Verschwiegenheit geleistet hatte, das Schreckliche erzählt, und jeder horchte mit angehaltenem Atem. Keiner hatte die Ruhe, sich niederzusetzen, angstvoll zusammengedrängt stand die kleine Schar um den Herd, und scheue Blicke flogen nach der Wand hinüber, hinter der das Schlafzimmer des Toten lag, hinter der er gestorben war. Dann, als der Vorfall nach allen Seiten war erörtert worden und nichts mehr hergab, kamen andere, ähnliche Geschichten an die Reihe. Johanne erzählte, daß ein Spiegel von der Wand gefallen sei in der Nacht, als sie ihre Mutter durch den Tod verloren habe, und Ferdinand Elster gab eine lange, nicht ganz klare Geschichte zum besten von einem schattenhaften Leichenzuge, der irgendwann einmal irgendwem entgegen gekommen sei.

Als man hier angelangt war, hatte sich Karoline so weit erholt, um die gewohnte Führerschaft über die Küchengenossen wieder zu übernehmen. »Ich sage man bloß,« hub sie an, »es giebt vielem, was man weiß, un vielem, was man nich weiß. Aber was mich gar nich zweifelhaft ist, das is, daß Frau Regierungsrat dem Ding vor allen Dingen erfahren muß. Sieh, Ferdinand, wenn du mir geheiratet hättest,« – sie sagte jetzt ungeniert wieder du, denn der neue Diener war in ihre intimen Beziehungen eingeweiht worden, – »un du wärest mich gestorben un kämest mich so noch mal wieder, was ich dich übrigens nich raten möchte, un man wollte dich mir verheimlichen, das könnte ich sehr in übel aufnehmen. Un das mit vollen Recht. Un so is das nu mit Frau Regierungsrat, un dadrum gehe ich nu zu ihr hinein, un wer mitgehen will, der kann mich's zu wissen thun.«

Eine vierfache Zustimmung erfolgte, und nach vorsichtigem Hinausspähen aus der Küchenthür setzte der kleine Zug sich in Bewegung. Karoline mit dem Kutscher voran, dicht hinter ihr Hannchen, an Karolinen's Kleid angeklammert, zuletzt der Diener und Johanne, die von der Angst den angenehmsten Gebrauch machte, indem sie sich an den frischen Burschen so nahe als möglich herandrängte. Der verhängnisvollen Thür blieben sie alle so fern, als der schmale Korridor es erlaubte, doch machten sie hier ein wenig Halt und sahen, einer durch die Nähe des anderen ermutigt, mit halben Blicken hinüber, ob das Licht in dem Zimmer nicht wieder auftauchte. Doch alles blieb dunkel, und sie schritten weiter; vor dem Zimmer des Assessors aber blieb Karoline stehen.

»Ihm müßte das auch wissen,« sagte sie, »ich könnte mich das nich vergeben, wenn ich ihm so ahnungslos in die Nähe von so 'n Gespenst, wenn es auch dem Gespenst vom seligen Herrn Regierungsrat is, gelassen hätte.«

Kurz entschlossen pochte sie an, ein leiser Ruf antwortete ihr, und sie trat ein, von den anderen gefolgt, die sich in der offen gebliebenen Thür zusammenscharten. »Herr Assessor,« begann die Köchin ihre Rede, »nich daß ich zudringlich erscheinen möchte, aber die Sache is andem, daß ein ungewöhnlicher Maßregel entschuldigt werden muß.« Und nun berichtete sie, was Hannchen erlebt, was sie selbst gesehen hatte.

Georg hatte aufrecht im Zimmer gestanden, als sie eingetreten war, und mit fragendem, düsterem, gespanntem Ausdruck hatten seine Augen auf dem Gesichte der Erzählerin geruht. Immer bleicher aber war er geworden, während sie sprach, und jetzt schien eine plötzliche Schwäche ihn anzuwandeln; er mußte sich niedersetzen, die Arme fielen ihm schlaff am Körper herab. Dann spannten sich die Nerven von neuem; er streckte die Hände nach der Erzählerin aus und im Tone bebender Erwartung fragte er: »Ihn haben Sie gesehen, ihn – ihn?«

»Ihm selber, ganz genau. Ich müßte mir versündigen, wenn ich anders sagen wollte.«

»Ihn, ihn!« wiederholte Georg noch einmal, dann ging ein beinahe irres Lächeln über sein Gesicht. »Ich danke Ihnen,« sagte er, »daß Sie es mir erzählt haben.« Zaudernd, nach einer kleinen Pause aber fügte er leise hinzu: »Weiß es die gnädige Frau bereits?«

»Noch nich,« gab Karoline zur Antwort, »aber der Herr Assessor haben demselben Gefühl wie ich. Un nu wollen wir gehen, un sie soll ihm erfahren.«

Sie ließen ihn allein und gingen weiter, den Zimmern ihrer Herrin zu. Sie saß an diesem Abend nicht im Salon, den sie mied, weil so viele schöne und traurige Erinnerungen aus den letzten Monaten an ihm hafteten, sondern in ihrem daneben gelegenen, kleineren Wohnzimmer, wo das Bild ihres Mannes von der Wand her zu ihr niedersah. Sie war bleich und nervös geworden in diesen langen Tagen des Wartens auf ein Glück, das nicht kommen wollte. Horchend auf jedes Geräusch, das durch die Thüren zu ihr drang, saß sie da, und immer wieder betrog die Erwartung sie, daß endlich der Fuß des geliebten Mannes den Weg zu ihr finden möge. Die Gesellschafterin schickte sie fort, so oft als möglich; nur in der Einsamkeit, wo die eigenen, bald hoffenden, bald finsteren Gedanken sie umgaben, fand sie Ruhe und Geduld.

Auch heute war sie allein, mit einer der Brandmalereien beschäftigt, von denen sie wußte, daß Georg sie liebte. Sie meinte ihm näher zu sein, wenn sie etwas schuf, das ihm gefallen hätte. Das Geräusch der herankommenden Tritte ließ sie den Blick zur Außenthür wenden, obwohl sie gleich erkannt hatte, daß es nicht sein Schritt war, der sich näherte. Als aber nun in der geöffneten Thür das angstvolle Häuflein der Dienstboten erschien, da glitt ein erstauntes Lächeln über ihr Gesicht.

Karoline trat vor, sehr feierlich und sehr rot. »Frau Regierungsrat,« begann sie, »wenn einem der Himmel ausersehen hat, einen großen Ereignis oder sonst einen Unglück beizuwohnen –«

»Ein Unglück? Was ist geschehen?« Eine heiße, jäh erwachte Angst um den Geliebten hatte sie ergriffen, sie war aufgesprungen und trat ganz nahe zu der Köchin heran.

»Ja, einem Unglück, wenn man ihm so nennen will, un wo es doch wahrscheinlich genug is, daß er einem Unglück bedeutet. Denn wir haben ihm gesehen, was das Hannchen hier is, un denn ich selber, mit unsere offene Augen haben wir ihm gesehen.«

»Was haben Sie gesehen?«

»Einem Gespenst.«

»Ein Gespenst?« Sie atmete lächelnd erleichtert auf, die Angst war von ihr genommen, die so plötzlich in ihr erwacht war.

»Jawoll. Aber keinem gewöhnlichen Gespenst. Dem Geist von ihm.«

Sie nickte dem Bilde an der Wand zu, und Ina folgte ihren Blicken mit den Augen. Sein Geist? Ein leichter Frost überlief sie doch bei diesen Worten, so frei sie sich wußte von Gespensterfurcht und Aberglauben. Aber die Erinnerung an jene Nacht stieg mit einem Male wieder vor ihr auf, als sie das bleiche Gesicht des Kranken so nahe vor dem ihren erblickt hatte, der sie anflehte, ihm treu zu sein, und seine Wiederkehr verhieß, wenn sie ihn je vergessen sollte. Sie hatte ihn vergessen, die Liebe wenigstens zu ihm war dahin, von einer neuen, größeren Liebe besiegt, und nun? –

»Sie haben geträumt.« Beinahe hart klang ihre Stimme, indem sie diese Worte sprach.

»O nein, Frau Regierungsrat, meine Kasserollen habe ich geputzt, un dem neuen Putzpulver habe ich gerade probieren wollen, un dabei schläft man doch nich. Nee, un da is die Hanne hereingekommen, un da bin ich mit sie herausgegangen, un da haben wir ihm gesehen.«

»Gesehen, wo?«

»In seinen Zimmer, un an 'n Schreibtisch hat er gesessen un denn is er mit einmal weg gewesen.«

»In seinem Zimmer?« Von einem raschen Gedanken getrieben, ging sie zu ihrem Sekretär, schloß ihn auf und zog eine Schublade hervor, in der mehrere Schlüssel lagen. »Dort kann niemand hinein, der Schlüssel ist hier, und es giebt keinen zweiten. Sie müssen sich also getäuscht haben, Ihre Phantasie hat Ihnen einen Streich gespielt.«

»Frau Regierungsrat, haben Sie jemalen gehört, daß einem Geist sich mit Schlüssels abgeben thut? Aber wenn Sie mich nich glauben wollen, un es is das erste Mal, daß mich das passiert, denn können Frau Regierungsrat ja morgen abend selber mal nachsehen, un wenn er vor uns gewöhnliche Personen erschienen is, denn wird er vor die Frau Regierungsrat woll erst recht sich sehen lassen.«

Die Köchin schwieg beleidigt; Frau Ina aber blickte nachsinnend zu Boden, bis sie mit plötzlichem Entschluß den Kopf hob und sagte: »Kommen Sie mit, ich will hinein.«

»Wohin?« schrie Karoline voll Schrecken auf.

»In meines Mannes Zimmer.«

»O du lieber Gott, wenn nu –«

»Haben Sie Angst, so bleiben Sie hier. Ich will sehen, was es dort giebt, ich will diesen Spuk entlarven.«

»Nein, nein, Frau Regierungsrat, wo Sie gehen, da geh' ich auch mit. Aber is ihm denn wirklich nötig?«

»Es ist nötig. Kommen Sie.«

Mit noch bleicher gewordenen Gesichtern folgten die Dienstboten ihrer Herrin, die, von dem energischen Entschlüsse getrieben, eiligen Fußes den Weg zum Zimmer des Toten zurücklegte. Erst als sie den Schlüssel hervorzog, um die Thür zu öffnen, zauderte sie einen kurzen Augenblick, aber gleich faßte sie Mut, ergriff ein Licht, das Karoline getragen hatte, schloß auf und trat ein. Die Köchin blieb an der Schwelle, die anderen wagten es nicht, den Korridor zu verlassen. Frau Henninger aber, das Licht hoch emporhaltend, schritt in den Raum hinein, der dunkel vor ihr dalag. Dunkel und leer! Keine Spur von der Erscheinung, die zwei Menschen heute abend wollten erblickt haben, kein Zeichen, daß dies Zimmer war betreten worden seit jenem Tage, an dem sie selbst es verschlossen hatte, und der nun um Jahre zurücklag. Aber dort im Schlafgemach vielleicht! Die Thür stand offen, und Frau Ina trat hinein, während Karoline angstvoll die Hände nach ihr ausstreckte. Auch hier alles leer und verlassen; nichts als die toten Möbel, die von dem Toten erzählten. Und jetzt erst empfand auch sie plötzlich jenes geheimnisvolle, eisige Erschrecken vor einer übersinnlichen Welt. Jetzt heftete auch ihr sich eine krankhafte Angst an die Fersen, und es war wie eine Flucht, als sie nun hastig die öden Räume verließ und das Zimmer verschloß.

Draußen erst gewann sie die Fassung, zu den Leuten zu sprechen: »Gehen Sie jetzt schlafen. Ich habe nichts gefunden, aber wenn Sie auch morgen etwas sehen, dann rufen Sie mich.«

Als Frau Henninger wieder allein in ihrem Zimmer war, trat sie vor das Bild des Verstorbenen und betrachtete es lange Zeit. Und so sehr sie in ihrem aufgeklärtem Geiste jede Gespensterfurcht, jeden Glauben an das Eingreifen des Ueberirdischen in das irdische Dasein sonst verachtete, im Anschauen dieses Bildes, in dieser Stunde und unter dem Einfluß des eben Erlebten fühlte sie doch, wie ein kalter Schauder sie wieder durchrieselte. War es nicht doch vielleicht möglich? Gab es nicht Dinge, die des nüchternen Menschenverstandes spotteten? Kannte man wirklich bereits alle die Kräfte, die in uns und um uns sind, und existierten nicht außer unserer kleinen Welt noch andere fremde Welten, in denen das Uebernatürliche vielleicht zum Natürlichen wurde? Konnten nicht doch am Ende Brücken aus jenen Welten zu uns herüberführen und den Weg für überirdische Boten bilden, die uns Geheimnisse, dunkle, tiefe, gewaltige, kündeten?

Frau Henninger fragte und grübelte, und zu ihrem Fragen und Grübeln sang der Sturm die Begleitung. Er ließ die Scheiben der Fenster erdröhnen und heulte und klagte in langgezogenen Tönen durch das Haus. Losgerissene Ziegelsteine fielen krachend auf die Straße hinab und ließen die einsame Frau zusammenfahren bei dem plötzlichen Ton. Auch als sie sich endlich zur Ruhe begeben hatte, klang in den Schlaf noch der Sturmwind hinein. Er schuf ihr die Vorstellung, als treibe sie in einem kleinen Boot auf dem wilden, tosenden Meer, und als endlich das Boot der Gewalt des Sturmes nicht mehr zu trotzen vermochte, als es umschlug und sie den Wellen preisgab, da kam die Gestalt ihres verstorbenen Mannes über das Wasser zu ihr herangeschwebt, hob die Hand gegen sie und stieß sie hinunter in die dunkle Tiefe.

Als sie emporfuhr aus diesem wüsten Traum, drang von draußen ein mächtiges Prasseln und Krachen zu ihr herein, und rasch sich erhebend, erkannte sie in der matten Dämmerung, daß einer der Schornsteine des Hauses gebrochen und herabgestürzt sei. Der Sturm tobte so laut, wie sie es nie zuvor gehört hatte; einem wütenden Tiere gleich schien er sich auf die Erde herabzustürzen, um sie zu vernichten. Und keine Aenderung während des ganzen Tages! Selbst das Licht des Himmels schien ausgelöscht von dem furchtbaren Wehen, und nur in den Mittagsstunden konnte man die Lampen in den Zimmern entbehren. Endlos dehnte sich der zu früh hereingebrochene Abend; ungeduldig ging Frau Henninger in ihren Zimmern auf und nieder. Sie gestand sich's nicht ein, daß sie etwas Wunderbares, Uebernatürliches erwartete, aber eine Unruhe, die sie unerklärlich nannte, trieb sie rastlos umher.

So war es neun Uhr geworden, und die Ermüdung nach der Erregung des Tages fing an, die Unruhe zu bemeistern, als die Thür aufgerissen wurde, und Karoline erschien, von dem Kutscher gefolgt und geschützt. »Ihm is da!« stammelte sie atemlos. »Kommen Sie, Frau Regierungsrat, wenn Sie ihm sehen wollen.«

Ina fühlte, wie ihr für einen Moment der Pulsschlag stockte, wie alles Blut ihr zum Herzen strömte und sie zu ersticken drohte. Sie hätte aufschreien mögen und entfliehen, weit fort aus diesem Hause des Schreckens, hinein in Sturmwind und Nacht. Mit gewaltiger Anstrengung aber raffte sie sich zusammen.

»Ich komme,« sagte sie, äußerlich ruhig, »ich will sehen, was Sie gesehen haben.« Sie versicherte sich, daß sie den Schlüssel zum Zimmer des Verstorbenen noch bei sich trage, den sie nicht von sich gelassen hatte seit dem Abend vorher, und folgte den beiden auf den Korridor hinaus. Man hörte den Lärm des Windes hier fast noch stärker, und selbst die Flammen der Lampen an den Wänden erzitterten unter der Erschütterung des Hauses.

Als sie dem Zimmer des Verstorbenen sich näherten, gingen Karoline und Elster immer langsamer und ließen Frau Henninger den Vortritt. Aus der Thür der Küche schauten der Diener und Johanne behutsam hervor; Hannchen war heute nicht bei ihnen. Und nun vermochte Frau Ina es zu erkennen: aus den grünen verhangenen Scheiben der Thür drang in der That ein matter Lichtschimmer hervor, der zu flackern und sich zu bewegen schien. Sie blieb einen Augenblick stehen, um tief zu atmen und die Hand auf das Herz zu pressen, dann trat sie dicht an das Fenster heran. Nein, es war kein Phantasiegebilde thörichter, abergläubischer Menschen gewesen, sie sah es vor sich, keine zehn Schritte von ihr entfernt! Im Lehnstuhl am Schreibtisch saß die regungslose, männliche Gestalt, halb abgewandt vom Lichte, das die Linie des Profils erkennen ließ, obwohl die Flamme unruhig flackerte und schwankte, vom Zugwind getroffen, der durch eine undichte Stelle im Fenster hereindringen mochte. Und doch meinte sie das Gesicht zu erkennen! Das Gesicht des Mannes, der in diesem Zimmer gewohnt hatte, der hier in der Nacht seines Todes ruhelos umhergewandert war, der nun sein furchtbares Versprechen erfüllte und ihr erschien, seiner treulosen Gattin! War es denn möglich, war es nicht Wahnsinn oder Betrug? Nein, sie wollte sich nicht erschrecken lassen durch dies Bild des Toten, sie wollte ihm entgegentreten, Auge in Auge, und wenn es Wahrheit war, was sie dort erblickte, dann wollte sie auch hören, nicht nur sehen.

»Erkennen Sie ihm?« fragte die bebende Stimme der Köchin, sie aber fühlte ihren Mut wachsen bei diesem Laut aus menschlichem Munde, und nachdem sie noch einen Augenblick vergeblich mit einem Krampf in ihrer Kehle gerungen hatte, sagte sie fest und deutlich: »Ich will auch heute in das Zimmer hinein; die Sache muß sich erklären lassen.« Sie zog den Schlüssel aus ihrer Tasche und hob ihn gegen das Schloß, aber indem sie zugleich noch einen Blick durch den Riß im Vorhang hineinwarf, sah sie etwas Neues, Erschreckendes. Als habe der Ton ihrer Stimme sie erweckt, hatte die Gestalt in dem Zimmer ihren Platz verlassen, war ein wenig näher zu der Thür herangekommen und hob nun flehend die Hände empor, die sie faltete zu leidenschaftlicher Bitte. Und als Frau Ina dies Lebendigwerden des Toten erblickte, wie er zu ihr sprach mit solcher Gebärde der Bitte und des Vorwurfs, da brachen auch ihre Kraft und ihr Mut zusammen. Den Schlüssel warf sie von sich, und mit dumpfem Aufschrei taumelte sie gegen die Wand zurück, die sie vor dem Sinken bewahrte. Doch als sie dann die Hände wieder von ihrem Gesicht entfernte, mit denen sie die Augen verhüllt hatte, war die Erscheinung verschwunden, das Zimmer verdunkelt, und aus dem Spiegel der Scheiben starrte ihr nur das eigene, bleiche Gesicht entgegen. Von draußen aber tönte neues Geheul des Sturmes und neues Geprassel mächtig herein; der Wind hatte den stehengebliebenen Teil des Schornsteins umgestürzt und schleuderte die Steine in den Hof hinunter.

Sie versuchte nicht mehr, gegen das Gefühl einer wahnsinnigen Angst in ihrem Herzen anzukämpfen; nur fort von dieser Stelle, wo sie das Furchtbare erblickt hatte, wo die Pforten des Jenseits vor ihr sich aufgethan hatten, wo diese Schreckensgestalt vor ihr emporgestiegen war! Eine Gestalt, einstmals geliebt, jetzt nur noch gefürchtet, vor der sie floh, vom Entsetzen gepeitscht, über den Korridor hinweg in ihr Zimmer hinein, dessen Thür sie hinter sich verschloß, um dann ohnmächtig niederzusinken auf dem Teppich des Bodens.

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