Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Robert Kohlrausch >

Im Haus der Witwe

Robert Kohlrausch: Im Haus der Witwe - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Kohlrausch
titleIm Haus der Witwe
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierte Auflage
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151007
projectid3437648b
Schließen

Navigation:

Fünftes Kapitel

Es war am anderen Morgen, und die letzten Patienten hatten die Sprechstunde bei Dr. Jaksch verlassen. Er stand im Begriff, die Thür des Vorzimmers nach dem Korridor hin zu verschließen, als sie ohne Anklopfen rasch geöffnet wurde, und der Schlosser Neuert hereintrat. Der Doktor kannte ihn von Ansehen; er war ihm mehrfach auf Treppe und Flur begegnet, und da er den Grundsatz hatte, sich mit allen Hausgenossen gut zu stellen, so zeigte er keinen Mißmut über die Störung.

»Kann ich Sie sprechen?« fragte Neuert kurz und sah dem Doktor gerade und kühn in die Augen; um den Mund aber zeigten sich feine, zuckende Linien, die verrieten, daß er einen heftigen Schmerz nur mit Mühe unterdrückte.

»Es ist freilich schon ein wenig spät,« gab der Doktor freundlich zur Antwort, »aber für einen Hausgenossen mache ich schon eine Ausnahme. Kommen Sie herein und zeigen Sie mir Ihre Hand; denn die Hand ist es doch wohl, die ich mir ansehen soll? Warten Sie, ich will eben die Thür hier abschließen, damit uns nicht jemand über den Hals kommt. So, nun ist alles in Ordnung, nun wollen wir in mein Zimmer gehen.«

Als er auch die Verbindungsthür hinter sich zugezogen hatte, und ihnen die angenehm durchwärmte Luft des Arbeitszimmers mit dem anregenden Dufte des bereits eingeschenkten Sherry entgegenkam, hieß er den Schlosser sich setzen und die verletzte Hand aus dem Verbande lösen.

Ein einziges, schmerzliches Stöhnen entrang sich den Lippen des jungen Mannes, als er die Binde herabnahm; dann hielt er dem Doktor wortlos die Hand entgegen. Der warf nur einen kurzen Blick darauf. »Hören Sie; es war Zeit, daß Sie zu mir kamen,« sagte er. »Sie hätten es eher thun sollen. Die Geschichte sieht nicht gut aus, – nicht, daß ich Ihnen Angst machen will. In ein paar Tagen wird alles wieder in Ordnung sein. Aber Sie hätten sich Schmerzen ersparen können, und das soll man doch eigentlich thun, wo man kann, nicht wahr?«

Neuert antwortete nicht; eine plötzliche Blässe überzog sein Gesicht, und der Kopf drohte zurückzusinken, doch besiegte er die Schwäche mit energischer Anstrengung. Rasch trat der Doktor zum Tisch und füllte ein Glas mit Wein; dann reichte er es dem jungen Arbeiter hin.

»Trinken Sie, mein lieber Herr Neuert, – so heißen Sie doch, nicht wahr? Sehen Sie wohl, ich kenne Sie ganz gut. Trinken Sie das Glas nur aus, es ist ein reiner Wein, der schadet Ihnen nichts. So, jetzt wird Ihnen besser sein. Sie hörten wohl schon die lieben Engel im Himmel pfeifen?«

»Danke,« sagte Neuert und gab ihm das geleerte Glas zurück. Ein süßes Wohlbehagen erfüllte ihn mit einem Male nach dem Genuß des schweren Weines, er fühlte die Schmerzen weniger und freute sich an der schönen Wärme, die so rasch ihm durch die Adern strömte.

Nun begann der Doktor die genaue Untersuchung der Wunde, vorsichtig, mit behutsamen Händen; der Geruch von Karbol stieg um ihn auf, als er das Verbandzeug herbeiholte und das verletzte Glied kunstgerecht umhüllte.

»Wie haben Sie die Geschichte denn angefangen?« fragte er aus seiner Arbeit heraus.

»Ich habe mich gerissen.«

»Gerissen? Woran?«

»An einem Nagel.«

Lächelnd schwieg der Doktor einen Augenblick, aber der andere konnte sein Gesicht sehen, und so zeigte sich nichts als heitere Freundlichkeit in dem Lächeln. Plötzlich verlor sich dann dieser Ausdruck, und mit ruhigem Ernste sagte der Arzt voll Nachdruck: »Die Wunde da ist von keinem Nagel. Es ist eine Brandwunde, die durch ein erhitztes Metallstück hervorgerufen ist.«

»Es ist, wie ich Ihnen gesagt habe,« gab Neuert nach einem ganz kurzen Schweigen zur Antwort.

»Nein, lieber Freund, das ist nicht wahr.«

»Doch!«

Der Doktor hatte jetzt seine Augen voll auf ihn gerichtet, um die wohlbekannte Macht seines Blickes auch an ihm zu erproben. Aber der andere schaute ihm ruhig entgegen, ohne mit der Wimper zu zucken, ohne die Lider zu schließen. Und indem die Blicke der beiden so ineinander hafteten, kam dem Doktor das überraschende, ihn fast betäubende Gefühl, daß er hier einer Natur gegenüberstehe, die der seinen verwandt, von ähnlichen Gaben, vielleicht noch kräftiger und hartnäckiger sei, als die eigene.

Er verbarg das Gefühl des Erstaunens und Verdrusses unter einem Lachen. »Sie sind ein komischer Bursche,« sagte er mit der bisherigen Freundlichkeit. »Da wollen Sie einem alten Doktor etwas weißmachen. Einem Doktor, der doch von Natur der Freund aller Menschen ist! Wenn ich nur wüßte, warum Sie mir nicht die Wahrheit sagen. Der Schlosser hat mit dem Feuer doch ebensoviel zu thun wie mit dem Nagel. Da haben Sie vielleicht geträumt bei der Arbeit, oder Ihr Mädchen ist vorübergegangen, und Sie haben aus lauter Liebe auf das glühende Eisen gegriffen. Und nun schämen Sie sich, das einzugestehen. Mein Gott, so was kommt doch vor!«

»Ich träume nicht und ich habe kein Mädchen. Das überlasse ich den vornehmen Herren. Bei Ihnen sieht man hier des Nachts doch auch allerlei herumschleichen.« Er hatte langsam begonnen, dann überwältigte ihn der Zorn über die Anspielung des Doktors auf ein Mädchen, das ihm lieb sein könne, die Erinnerung an Marthas frische, anmutige Jugend, und er sprudelte die letzten Worte hastig hervor.

Dr. Jaksch ließ die Augenlider für einen Moment niedersinken, um seinen Blick zu verbergen; ein Feind also war dieser junge Mensch, ein Spion, der ihm auflauerte und seinem Treiben nachspürte? Gut also, dann hieß es, ihn kennen lernen, ihn beseitigen. Eine Antwort gab er ihm nicht, er that, als habe er die steche Rede überhört; ruhig beendete er die Arbeit am Verband und richtete sich empor. »So, die Hand wäre in Ordnung,« sagte er. »Nein, laufen Sie mir nicht fort. Kommen Sie her und trinken Sie noch ein Glas Wein. Ja, ja, das dürfen Sie als Hausgenosse schon thun.« Er goß ihm das Glas von neuem voll und gab es ihm in die Hand. Eine Kampfesstimmung war über ihn gekommen, ein Gefühl der Lust, sich mit diesem Gegner zu messen, in dem er eine ebenbürtige Naturkraft vermutete. Sich mit ihm zu messen und ihn zu besiegen, diesen Mann, der seinen Blick ertragen hatte, der ihm die Antwort, die Wahrheit so trotzig verweigerte, der es dann zuletzt gewagt hatte, ihn zu verhöhnen; ihn zu demütigen, zu knechten, zum Spielzeug seines Willens zu machen, das erschien ihm plötzlich als ein begehrenswertes Ziel.

Er stieß mit ihm an und trank ihm zu auf gute Besserung seiner verwundeten Hand. Dann schob er einen Sessel herbei, rückte ihn dicht neben den Stuhl des anderen und sagte: »Es ist schade, mein lieber Herr Neuert, daß Sie so gar kein Vertrauen zu mir haben. Widersprechen Sie mir nicht, es ist so. Und ich kann es im allgemeinen ja auch ganz gut verstehen, aber Sie beurteilen mich falsch. Sehen Sie, ich bin selbst in meiner Jugend arm gewesen, ein armer Arbeiter, genau wie Sie. Ich habe mich mühsam emporkämpfen müssen und den Wein da kannte ich nicht einmal dem Namen nach. Nein, nein, das Glas müssen Sie noch austrinken! Oder schmeckt er Ihnen nicht?«

»O doch, sehr gut. Wer das immer trinken könnte!«

»Na, wissen Sie, darin besteht nun nicht gerade das Glück des Menschenlebens. Das sieht alles nur von weitem so herrlich aus. Aber, wie gesagt, nachfühlen kann ich es Ihnen schon, daß Sie unzufrieden sind mit Ihrem Loos und gern ein wenig mithelfen möchten die Welt verbessern.«

Er sagte es auf's Geradewohl, im Vertrauen auf die Unzufriedenheit, die der Menschen Erbteil. Der Schlosser aber empfand es als unvermutete Enthüllung seines innersten Fühlens. Er hatte sich geärgert, daß ihm der Ausruf über den Wein entschlüpft war; jetzt fragte er sich verwundert, ob er etwa noch mehr gesagt habe, Worte, deren er sich nicht erinnerte, die seine geheimen Gedanken verraten hatten. Heiß und rasch durchfloß das Blut ihm die Adern, durch das ungewohnte, starke Getränk und durch das Fieber erhitzt, das die Wunde ihm gebracht hatte, und das der Doktor mit grausamer Gleichgiltigkeit nährte.

»Die Welt verbessern, das wäre nicht übel,« sagte er und wieder wunderte er sich, daß er die Worte nicht unterdrückte.

»Ein schöner Traum,« gab der Doktor zur Antwort, »solange man die richtigen, scharfen Mittel nicht anwendet. Wir in der Medizin sind allmählich klüger geworden. Wir haben einen Spruch: ›Quod ferrum non sanat, sanat ignis,‹ das heißt: ›Was das Eisen nicht heilt, das heilt das Feuer.‹ Jawohl, Feuer und Schwert, das ist die einzige Waffe, das ist die einzige Rettung für unsere heutige Welt.«

Der Schlosser entgegnete nichts, aber mit dem Ausdruck eines dumpfen, freudigen Staunens hielt er die Blicke auf den Mann gerichtet, der so zu ihm sprach. Sollte er hier inmitten von Luxus und Behagen einen Gesinnungsgenossen, einen Helfer entdecken? Aber noch war das lange genährte Mißtrauen zu stark in seiner Seele, noch gab er die Gedanken nicht preis, die er dachte in einsamen Stunden.

Dr. Jaksch rückte mit seinem Sessel noch näher zu ihm heran, und seine Stimme klang gedämpft, als er jetzt weiter sprach. »Sehen Sie, mein lieber Neuert, wenn ich Ihnen hier auch jetzt gegenüber sitze als einer von denen, die Sie für Ihre natürlichen Feinde ansehen, ich bin doch gewesen, was Sie sind, und ich habe nicht verlernt, zu fühlen, wie Sie heute fühlen. Es muß anders werden in unserer Welt, und da es im Guten nicht geht, so muß es eben im Schlimmen sein. Nur an mutigen Menschen fehlt es uns heute –«

»Die wären schon da!«

Neuert hatte es gerufen, wider Willen, von einem Gefühl getrieben, das jener in ihm aufgestachelt hatte, und das mächtiger war als Vorsicht und Klugheit.

»Die meisten sind feige.«

»Ich bin es nicht!« Er war aufgesprungen und schlug sich mit der gesunden, geballten Hand auf die Brust.

»Und wenn auch, der einzelne vermag nicht viel. Heutzutage heißt alles Partei! Wer sich keiner Partei anschließt, richtet nichts aus. Das ist das einzige Mittel, das zum Ziele führt. Aber vielleicht haben Sie es ja schon gethan?«

Hatte der Arbeiter trotz der Erregung den kalten, lauernden Blick doch bemerkt, den der Doktor nicht hatte unterdrücken können? War etwas in dem Ton der Worte gewesen, das all' sein Mißtrauen mit einem Male wieder erweckt hatte? War seinen Augen das Netz nun plötzlich sichtbar geworden, das ihm um die Füße gelegt werden sollte? Er schaute den Doktor mit gerunzelter Stirn einen Augenblick drohend an. dann sagte er barsch: »Sie wollen mich ausholen. Sagen Sie mir, was meine Schuld ist.«

Dr. Jaksch lachte laut auf. »Sie haben Temperament, junger Mann. Ein wenig viel, aber das macht nichts; das giebt sich mit den Jahren. Von Ihrer Schuld ist nicht die Rede, Hausgenossen werden ein für allemal gratis behandelt. Sie werden mir die Hand doch wieder zeigen müssen, und ich denke, dann findet sich auch noch einmal ein Viertelstündchen zum Plaudern.«

»Ich habe nichts auszuschwatzen. Lassen Sie mich hinaus!«

»Mein Gott, Sie sollen ja hier nicht eingesperrt werden! Sie müssen noch besser lernen, Ihre Freunde von Ihren Feinden zu unterscheiden. So, jetzt ist die Thür offen. Ich wünsche Ihnen gute Besserung.« Er war im Sprechen wieder in das Vorzimmer getreten und hatte die Thür zum Korridor aufgeschlossen.

Neuert ging hastig darauf zu; dort aber blieb er, mit sich kämpfend, noch einmal stehen. »Ich danke auch für die Behandlung« sagte er mit rauher, unsicherer Stimme. Ohne sich umzublicken, schritt er hinaus.

Der Doktor stand und sah ihm nach, indem er den Bart mit den Fingern in die Höhe wirbelte. Darauf ergriff er den Schlüssel, um die Thür wieder zu verschließen, aber noch einmal wurde er an der Ausführung seines Vorhabens gehindert. Ein schüchternes Pochen tönte ihm entgegen, doch öffnete die Thür sich nicht auf sein ›Herein‹. Nach einer kleinen Pause dann wieder das leise Klopfen und wieder der Ruf des Doktors, jetzt lauter und ungeduldiger als zuvor. Aber noch immer kam niemand; Dr. Jaksch murmelte ärgerlich: »Du mußt es dreimal sagen« und hob die Hand, um zu öffnen, als die Thür sich von außen behutsam aufthat. Es war der Taubstumme, der vor ihm stand.

Mit erregten Mienen trat er ein und brachte, während er den Zeigefinger zum Gruße gegen die Stirn erhob, seine Tafel zum Vorschein, die er mit einem schmutzigen Zeitungsblatt umwickelt hatte. Schon zu Hause hatte er ein paar Sätze darauf niedergeschrieben und eifrig hielt er die Schrift nun dem Doktor vor die Augen.

»Spur gefunden. Schwester mir heute Brief aus Berlin zugeschickt.«

Er ließ dem anderen kaum Zeit, diese Worte zu lesen; so eilfertig begann er nun in seinen Taschen zu suchen, aus deren einer er mit zitternder Hand einen zerknitterten Brief hervorholte. Dr. Jaksch nahm das Schreiben, trat an das Fenster und las. Es war nur ein kurzer Brief, nicht ganz orthographisch, aber flott und sicher geschrieben.

»Geehrte Frau Müller! Ich bin ein Freund des jungen Mannes, der früher einmal bei Ihnen aufgezogen worden ist und der dann im Alter von 14 Jahren weglief. Er will nicht selbst an Sie schreiben und deshalb hat er mich beauftragt. Er möchte wissen, ob Sie noch irgend Sachen von ihm im Besitz haben oder ob er sonst auf irgend 'was Anspruch hat. Er hat Geld nötig, und darum muß ich dies schreiben. Geben Sie Antwort nach Berlin, postlagernd Hauptpostamt unter N. M. 1113.«

Dr. Jaksch überlegte einen Augenblick, dann stellte er sich so, daß Bäsmann sein Gesicht sehen konnte, und sagte: »Das ist leider eine recht schwache Spur. Als erstes Lebenszeichen nach langer Zeit ja immerhin bemerkenswert, aber doch von zweifelhaftem Nutzen. Vielleicht sogar nur ein Erpressungsversuch von einem dritten, der zufällig einmal von der Sache gehört hat, aber selbst nichts Genaues weiß. Wir müssen antworten; ich werde den Brief behalten und die nötigen Schritte thun bei der Berliner Polizei.«

Eine große Enttäuschung malte sich auf des Taubstummen Gesicht; hastig griff er zur Tafel und schrieb die Worte: »Dachte, Sie würden sich freuen. Würden zufrieden sein, 'was für Hannchen thun.«

»Man irrt sich manchmal in dem, was man denkt, mein lieber Bäsmann,« sagte der Doktor mit häßlichem Verziehen des Mundes. »Wer es ist immerhin etwas, warten Sie einmal.« Er holte sein Portemonnaie hervor, öffnete es und nahm ein Dreimarkstück heraus, das er einen Augenblick zwischen den Fingern hielt; dann ließ er es wieder hineingleiten und brachte eine einzelne Mark zum Vorschein, die er dem Taubstummen gab. »Kaufen Sie dem Kinde etwas dafür.«

Zornig über die kärgliche Abschlagszahlung und doch nicht im stande, das Geschenk zurückzuweisen, griff Bäsmann nach dem Geldstück. Dann nickte er zum Abschied, hob wieder den Finger gegen die Stirn und ging langsam hinaus.

Der Doktor verschloß unmittelbar hinter ihm die Thür und lehnte auch die zu seinem Arbeitszimmer an, das er nun wieder betrat. Er setzte sich vor den Schreibtisch, las den Brief noch einmal, bedachtsam, Wort für Wort, um dann die Schublade des Schreibtisches zu öffnen, der er eine verschlossene Mappe entnahm. Ein kleiner Schlüssel, den er am Schlüsselbunde trug, paßte dazu, und als er den Deckel zurückgeschlagen hatte, lagen alte Briefschaften vor ihm, auch ein paar Bilder zeigten sich zwischen den gelb gewordenen Blättern.

Das eine dieser Bilder nahm er jetzt hervor und betrachtete es lange. Es war die schon verblichene Photographie eines Knaben im Alter von drei Jahren etwa, eines Kindes mit großen, dunklen Augen und einem so trotzigen, finsteren Ausdruck, wie er in diesem Alter nur selten sich findet. Als der Doktor das Bild in die Mappe zurücklegte, kam ein anderes, das daneben lag, ihm zufällig in die Hand, doch warf er nur einen raschen und scheuen Blick darauf. Es war das Bildnis eines Studenten mit bunter Mütze; ein scharfgeschnittenes, geistvolles und gutes Gesicht, von einem noch schwachen Barte nur spärlich umrahmt. »Diese verfluchten Schatten!« murmelte der Doktor; mit einem mißmutigen Seufzer schob er die Bilder unter die Papiere zurück, legte den heute erhaltenen Brief obenauf und verschloß die Mappe.

Dann frühstückte er eilig, indem er nur wenig aß, aber ein paar Gläser Wein rasch nach einander trank, hüllte sich in seinen Pelz und verließ das Zimmer. Im Korridor des ersten Stockwerks blieb er zaudernd stehen; »sie erfährt es noch früh genug,« dachte er und warf dabei einen Blick auf die Thür von Fräulein Tietjens' Zimmer. Er ging rasch vorüber, ohne anzuklopfen, aber die Treppe stieg er noch nicht hinunter, sondern bog nach dem hinteren Flügel ab und trat bei seinem Neffen ein.

Der saß an seinem Schreibtisch, bleich und übernächtig, mit einer Arbeit beschäftigt.

»Muß doch einmal sehen, wie dir's geht, mein lieber Junge,« sagte der Doktor sehr freundlich. »Na, wie steht's denn?«

»Ich danke, gut,« antwortete Georg mit einem Versuche, zu lächeln, der sein Gesicht nur noch trauriger und vergrämter erscheinen ließ.

»Siehst nicht zum besten aus. Aber das ist nicht immer maßgebend, besonders bei nervösen Menschen. Halte nur den Kopf hoch! Es giebt nun einmal Dinge im Leben, unangenehme Geschichten, die durchgemacht werden müssen. Bist ja doch auch ein Mann!«

»Das bin ich und werde es beweisen,« gab der andere zur Antwort, indem er aufstand, seine Gestalt zu ihrer ganzen Höhe emporreckte und dem Doktor mit stolzem Blick in die Augen sah.

»So gehört sich's, nur immer hübsch mutig! Und wenn's einmal nicht recht gehen will, so gebrauche die Medizin, die in solchen Fällen die allerbeste ist: die Arbeit. In ihr findet man ja doch immer ein Mittel gegen üble Gedanken.«

»Du siehst, ich wende es bereits an,« sagte Georg mit einem Blick auf den Schreibtisch. »Und es wird in nächster Zeit voraussichtlich an Arbeit nicht fehlen; ob sie erfreulich sein wird, ist freilich eine andere Frage. Die Polizei in Berlin will einer neuen, anarchistischen Vereinigung auf die Spur gekommen sein und behauptet wunderbarerweise, daß die Geschichte bis hierher in unser solides, ruhiges Hildesheim spielt. Vielleicht, wahrscheinlich sogar ist es nur blinder Lärm, aber viel Schererei und Schreiberei wird's jedenfalls geben.«

Er sprach müde und gleichgültig, aber der Doktor horchte hoch auf bei seinen Worten. Ein eigentümliches Wetterleuchten ging über sein Gesicht; als er dann sprach, waren die Züge wieder glatt und ruhig wie sonst. »Hör' einmal, wenn die Geschichte wahr sein sollte, – ich halte das nämlich nicht für ausgeschlossen, weißt du, – dann kann ich dir vielleicht einen Wink geben, der dir nützlich ist. Ich mache dich auf einen jungen Menschen aufmerksam, der hier im Hause wohnt, einen Schlossergesellen Namens Neuert. Er war vorhin bei mir, hatte eine eigentümliche Wunde an der Hand, über die er mich anlog. Der Mensch ist mir verdächtig; er fing sogar in meiner Gegenwart an, sozialistische Ideen auszukramen. Na, ich habe ihn schnell zur Ruhe gebracht, kannst du dir denken; aber soviel steht für mich fest, Sozialdemokrat ist er sicher seiner Gesinnung nach, vielleicht auch etwas Schlimmeres. Behalte ihn im Auge, laß ihn heimlich beobachten; ich glaube, es lohnt sich unter diesen Umständen. Vielleicht kannst du dich auszeichnen, und ein Orden für Rettung des Vaterlandes fliegt dir noch ins Knopfloch.«

Georg nickte nur; er hatte mit halbem Ohr auf die Worte des Onkels gehört, aber ein unangenehmes Gefühl stieg in ihm auf bei dem Gedanken, einen Hausgenossen mit solch' häßlichem Verdacht verfolgen zu sollen. Sein Onkel schien keine weitere Antwort zu erwarten; er gab ihm die Hand und sagte: »Ich habe keine Zeit mehr, die Praxis wartet; also leb' wohl, und Kopf hoch, mein Junge!«

Damit war er hinaus; wortlos schaute Sybel ihm nach. Es fuhr ihm durch den Sinn, was er vorhin selbst gesagt hatte: »Ich bin ein Mann und werde es beweisen.« Er ging in sein Schlafzimmer hinüber und begann, den bequemen Hausanzug mit einer besuchsmäßigeren Tracht zu vertauschen. Wie er es jetzt öfter zu thun pflegte, trat er dem Spiegel gegenüber, der am Kopfende seines Bettes hing, und wieder schaute ihm das bleiche Gesicht entgegen, in dem er damals das Antlitz des Toten zu erblicken gemeint hatte. Seiner erregten Phantasie schien es mitunter, als gewinne er eine immer erhöhte Aehnlichkeit mit dem Verstorbenen, als verkörpere die gefürchtete Schattengestalt sich in ihm selbst und blicke ihm aus den eigenen Zügen warnend entgegen.

Heute aber gab er sich dem kranken, wollüstigen Grübeln nicht hin. Er wollte stark sein, er mußte es sein. Er hatte beschlossen, das Zaudern und Zögern hinter sich zu werfen, ein Ende zu machen, mit der Geliebten zu sprechen und Abschied von ihr zu nehmen für immer. Mit diesem Entschluß war etwas wie Ruhe über ihn gekommen; er sah den Weg vor sich, den er vom Schicksal sich vorgezeichnet glaubte, den Weg der Pflicht, der steinig und rauh war. aber auf dem er wandeln konnte ohne Qual des Gewissens, ohne Selbstvorwurf und Reue. – –

Franz Neuert war, als er den Doktor verlassen hatte, langsam die Haupttreppe des Gebäudes hinunter gestiegen, Aerger im Herzen, ein heißes, jagendes Blut in den Adern. Als er bis zu der Thür gelangt war, die auf der Hälfte der Treppe im Erdgeschoß plötzlich den Weg unterbrach, ließ der Ton von Menschenstimmen ihn Halt machen. Es waren gedämpfte, jedoch von Heiterkeit und Frohsinn erfüllte Stimmen, weiblich die eine, männlich die andere, und sie sprachen immerhin laut genug, um durch die Thür hindurch vernommen zu werden.

»Sehen Sie mich nur an, ich bin schon ganz abgemagert,« sagte der Mann.

Das Mädchen lachte. »Sie armer Mensch!« rief sie. »Und wie blaß Sie aussehen! Ich habe eine Rose auf meinem Hut, die hat ganz dieselbe Farbe!«

»Die Rose kenne ich; die ist ja feuerrot.«

»Darum sieht sie Ihnen gerade so ähnlich.«

»Also haben Sie gar kein Mitleid mit mir?«

»Nicht das mindeste.«

»Wissen Sie, dafür muß ich mich rächen!«

»Versuchen Sie's nur.«

»Das lasse ich mir nicht zweimal sagen.«

Das Geräusch eines mit Vorsicht, aber herzhaft verabreichten Kusses drang durch die Thür zu dem Lauscher, dann ein unterdrückter Ruf des Mädchens und ihre lachend gesprochenen Worte: »Ich werde einen Maulkorb für Sie machen lassen müssen.« Und nun ein leiseres, nicht mehr verständliches Geflüster, das dem Horchenden das Blut noch rascher durch die Adern trieb, als die laut gesprochenen Worte vorher. Das Gefühl einer jäh erwachenden wilden, rasenden, Eifersucht erfaßte ihn. Er hatte die Stimmen der beiden Menschen erkannt, er wußte, daß nur diese schwache Thür ihn von dem Mädchen trennte, dessen Bild ihn verfolgte, er fühlte, daß er durch einen andern dort besiegt war, wo er freiwillig zu entsagen geglaubt hatte. Für ihn gab es kein Glück, aber auch für jenen sollte es keins geben! Ein Gedanke, durch die Eifersucht gewaltsam erzeugt, rasch ausgestaltet durch die fiebernde Phantasie, stand plötzlich vor seiner Seele.

Als er nun aber die Thür langsam öffnete, verriet sein bleiches Gesicht nichts von dem, was er eben gedacht hatte. Er begrüßte die beiden höflich, dann wandte er sich an Köhler allein.

»Haben Sie sich's überlegt mit dem Klub?«

»Ich möchte schon, aber es wird wohl viel Geld kosten?«

»Nicht der Rede wert. In den andern Städten, in Hannover, Berlin, sind die ärmsten Schlucker darin. Gegen die sind Sie ein Rotschild.«

»Na, dann kann sich der Rotschild den Luxus ja vielleicht erlauben.«

»Natürlich kann er's. Am Sonnabend über acht Tage ist die erste Uebung, ich sage Ihnen noch Bescheid.«

»Es soll ein Wort sein.«

»Schön also. Auf Wiedersehen. Guten Tag, Fräulein Wernicke.«

Sie nickte nur kurz und schaute dem weiter Hinabschreitenden nach. Als er die Hausthür hinter sich geschlossen hatte, blickte sie den jungen Goldschmied mit ein wenig mißvergnügtem Gesicht an.

»Was ist das für ein Klub?« fragte sie.

»Er will ihn hier gründen. Ein Athletenklub soll es werden.«

»Was wird denn da getrieben?«

»Kraftübungen, Arbeiten mit Gewichten, Ringkämpfe und lauter so schöne Sachen. Es soll ganz famos sein. Da hinein kommen nur die kräftigsten jungen Leute in der Stadt, und zweimal in der Woche üben sie, und wenn sie alles können, dann geben sie eine Vorstellung!«

»Oeffentlich?«

»Jawohl. Und da sind sie alle ganz in Tricot, – weil sie sonst nicht ordentlich arbeiten können.«

»Schickt sich denn das?«

»Na, wenn sich 's in Hannover schickt, wird sich's hier wohl auch schicken.«

»Aber nur Tricot? Hören Sie 'mal!«

»Na, so 'ne Art Gewand haben sie natürlich auch noch drüber, so ein enges Wams, ohne Aermel. Das ist dann grün oder rot oder schwarz, und es sind Blumen drauf gestickt oder so was.«

»Gestickt?«

»Jawohl.«

»Hören Sie, da könnte ich ja –«

»Was meinen Sie?«

»Nein, das geht doch wohl nicht.«

»Was denn?«

»Ich dachte, ich könnte Ihnen das Ding ja vielleicht besticken.«

»Das wäre großartig! Das müssen Sie thun!«

»Ich werde mir's überlegen.«

»Nein, nein, das müssen Sie thun. Und wenn ich dann nicht alle die andern besiege, soll mich der Teufel holen.«

»Der soll Sie schon auf der Liste haben,« sagte sie und lachte. Zugleich entwand sie sich mit geschickter Bewegung den nach ihr greifenden Armen, die sie festhalten wollten zu neuer Bestrafung. Hurtig sprang sie ein paar Stufen hinunter; dort aber sich noch einmal umwendend, sagte sie: »Wenn ich es thue, kommen lauter Rosen darauf und alle so blaß wie Ihr Gesicht. Guten Morgen, Herr Köhler.«

»Guten Morgen, Fräulein.«

Sie verschwand in der Thür zum Goldschmiedsladen, die rechts von der Treppe am Flur lag. Der angehende Athlet reckte seine Glieder. »Meine Frau wirst du doch,« sagte er halblaut. Nun ging auch er der Werkstätte zu; die beiden fröhlichen Stimmen waren verklungen, die jungen Gestalten zwischen den alten Mauern waren verschwunden, und ernst und düster, wie es seine Art gewesen war seit Jahrhunderten, lag das Haus der Schatten wieder da. – –

Georg Sybel klopfte an die Thür von Frau Inas Zimmer. Er war noch immer sehr bleich, aber die Ruhe eines Entschlusses, den er für unwandelbar hielt, war über ihn gekommen. Um nun freilich doch gleich wieder erschüttert zu werden durch einen Laut, den er kannte, durch eine Stimme, die er liebte, durch das halblaute ›Herein‹, das ihm aus dem Gemache entgegenklang.

Frau Henninger stand mitten im Zimmer, als er eintrat. Auch ihr Gesicht war blaß und leidend, aber ihre Augen, die ihm größer schienen als sonst, waren von einem reinen Glanz erfüllt, und um die bebenden Lippen lag ein schöner Ausdruck von Glück und Hoffnung.

»Endlich,« sagte sie, indem sie ihm beide Hände entgegenhielt. Es war ein einziges Wort, aber ihr ganzes Herz klang ihm daraus entgegen; all' ihre Liebe, all' die unbeantworteten Fragen der beiden letzten Tage, alle die Qual vergeblichen Wartens und Sehnens legte sie hinein in diese beiden Silben.

Und als er sie nun vor sich erblickte, deren Bild er gewaltsam aus seinem Herzen hatte reißen wollen, wie sie dastand voller Demut, Hingebung, Bangen und Hoffnung, da fühlte er für einen Augenblick all' seine Vorsätze und Pläne verwehen und verschwinden. Es blieb nichts zurück, als die grenzenlose, in diesen Tagen des Elends nur noch mächtiger emporgewachsene Liebe, und seine Lippen sprachen nichts, als dasselbe Wort, mit dem sie ihn begrüßt hatte.

»Endlich, endlich!« sagte auch er, faßte die dargebotenen Hände, zog die Gestalt der Geliebten an sich, preßte sie in seine Arme und bedeckte ihr Gesicht mit Küssen. Hingegeben lag sie an seiner Brust mit geschlossenen Augen; der Ausdruck des Glücks aber in ihren Zügen war noch heller und leuchtender geworden. So blieb sie eine Weile, dann, sich besinnend, gab er sie frei und schob sie mit sanften Händen von sich hinweg.

»Es darf ja nicht sein!« Ein schwerer Seufzer begleitete seine Worte, und auch ihr Gesicht verfinsterte sich, als er so zu ihr sprach. Dann aber bezwang sie sich und sagte mit der sicheren Klarheit, die all' ihr Thun und Reden auszuzeichnen pflegte: »Nun wollen wir miteinander sprechen wie zwei vernünftige Menschenkinder. Wir haben Vernunft und Ruhe jetzt nötig, das ist mir in diesen letzten Tagen klar geworden. Komm, setz' dich hierher; nein, hier in deine Ecke. Da hast du gesessen, als du zum erstenmal bei mir warest, und da sehe ich dich immer noch am liebsten.«

Er gehorchte ihr und setzte sich in den Winkel des Zimmers, wo die Palmen standen, dicht neben eine schwarze Staffelei, auf der ein Werk von Frau Inas Händen aufgestellt war. Ein fein ausgeführtes Bild, in Holz gebrannt, aber mit so wohlberechneter und sicher geübter Kunst, daß es wie eine zarte, braune Radierung wirkte. Heute sah Georg nicht darauf hin, so oft er früher das Können der Geliebten bewundert hatte; das Feuer in seinen Blicken war schnell wieder erloschen, Schwermut und Hoffnungslosigkeit allein sprachen daraus.

Ihrem scharfen Auge entging die rasche Wandlung nicht, aber sie vermied es, davon zu reden. Sie setzte sich ihm gegenüber, nur durch einen niedrigen, runden Tisch von ihm getrennt, und indem sie ihm wieder ihre Hand entgegenhielt, sagte sie: »Gieb mir noch einmal deine Hand, ganz ruhig, zum Zeichen der Freundschaft! Denn wie zwei gute Freunde wollen wir miteinander sprechen und versuchen, über unser Geschick ins klare zu kommen.«

Da er nicht antwortete, auch seine Hand, die er ihr gegeben hatte, rasch wieder aus der ihren löste, nahm sie ein Falzbein von Schildpatt vom Tisch, drehte es spielend langsam zwischen den Fingern und begann von neuem: »Es waren zwei böse Tage, für mich gewiß ebenso wie für dich. Aber ich habe dir Zeit gelassen; ich wußte, du würdest zu mir kommen, und nun bist du ja da. Nun steht kein dritter mehr zwischen uns, und du sollst von mir selbst hören, was du wissen willst und wissen mußt.«

Wortlos, voll Spannung schaute er zu ihr hinüber; doch bevor sie weiter sprach, erhob sie sich, von einem plötzlich auftauchenden Gedanken getrieben, und sagte: »Ich will nur sehen, daß sie uns nicht wieder behorcht. Von ihr ist ja doch das ganze Unheil gekommen.« Sie ging zu den beiden Portièren, die an den Thüren der Nebenzimmer niederhingen, und blickte hinaus. Das kleine Gemach mit der Büste des Toten war auch bei Tage verdunkelt, und sie mußte den Vorhang weit zurückschlagen, um hineinschauen zu können. Es war niemand darin, aber Georg sah aus der Dämmerung die weiße Büste geistergleich auftauchen, und ein erneuter Schauder überlief ihn bei diesem Anblick.

»Wir sind allein,« sagte Frau Ina, als sie sich wieder gesetzt hatte, »und nun will ich dir alles sagen. Das ist der einzige Vorwurf, der mich in meinen Augen trifft, daß ich dir neulich Abend, als ich von meiner Vergangenheit erzählte, nicht auch von dem Versprechen sagte, das ich meinem Manne gegeben habe. Sieh,« ihre Stimme wurde weich, und ihre Augen füllten sich mit Thränen, aber sie kämpfte sie tapfer hinunter, »ich wollte zuerst deiner Liebe gewiß sein. Darum nur habe ich nichts gesagt. Ich wollte dich nicht betrügen, gewiß nicht!«

»Ina, wie war es mit dem Eid?« Schwer und mühsam, ganz leise kamen die Worte von seinen Lippen.

»Es war kein Eid!«

»Kein Eid?«

»Nein, ein Versprechen, kein Eid.«

»Ina, ist das wahr?«

»Ich habe dir noch niemals die Unwahrheit gesagt.« Sie hatte stolz den Kopf erhoben und sah ihm gerade in die Augen. Ein Gefühl der Hoffnung und Freude wollte sich in seinem Herzen regen, aber er gedachte der warnenden Rede des Onkels, und ein leiser, häßlicher Zweifel hemmte die gute, vertrauende Regung. Er meinte wieder die Worte zu hören: »Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß sie den Eid ableugnen wird,« und wie eine trennende Schranke, durch ihre Gegenwart selbst nicht völlig beseitigt, stellte das Mißtrauen sich zwischen ihn und sie.

Im unerschütterten Glauben, daß es ihm unmöglich sein müsse, im Ernst an ihr zu zweifeln, achtete sie nicht auf die bange Frage in seinen Augen, sondern fuhr fort zu reden. »Ich will dir nun genau erzählen, wie alles war. Vier Tage vor dem Tode meines Mannes hatte der Arzt ihn aufgegeben und mir gesagt, es würde in der Nacht mit ihm zu Ende gehen. Ich saß die langen Stunden an seinem Bett in Angst und Verzweiflung. Er lag im Fieber, wenn auch nicht ohne Besinnung; er hatte meine Hand umklammert, und seine furchtbare Unruhe nahm zu, wenn ich sie ihm einmal zu entziehen versuchte. Endlich, es war gegen Mitternacht, richtete er sich im Bett auf, zog mich ganz dicht zu sich heran und sagte: ›Ina, ich sterbe. Aber du sollst mir gehören, auch wenn ich gestorben bin. Versprich mir, daß du mir immer treu bleiben willst, daß du keinem anderen Manne nach mir gehören wirst. Versprich mir das!‹ In meinem Herzen zögerte ich keinen Augenblick, ihm alles das zu versprechen; es erschien mir als eine Unmöglichkeit, jemals auch nur in Gedanken mit einem anderen mich zu beschäftigen. Aber ich war so erschrocken und ergriffen, daß ich ihm nicht gleich antworten konnte, und das muß er wohl für ein Zaudern und Ueberlegen gehalten haben. Denn nun faßte er mich fester mit seinen beiden Händen und flüsterte mir zu: ›Wenn du mich jemals vergißt, wenn du jemals eines anderen Mannes Frau werden kannst, dann komme ich wieder aus meinem Grabe und trete zwischen euch!‹ Da fand ich Worte und versprach ihm alles. Und von diesem Augenblick an wurde er ruhiger, schlief ein und schien in kurzer Zeit genesen. Ein Versprechen also habe ich ihm gegeben, einen Eid habe ich nicht geschworen.«

Ein tiefes Schweigen entstand; Georg wagte es nicht, der Geliebten in die Augen zu sehen. »Deine Rede sei ja, ja und nein, nein,« sagte er dann leise, der Worte des toten Vaters gedenkend.

Ina nickte ein paarmal stumm vor sich hin. »Du hast recht,« sagte sie, »ein festes Versprechen ist zwischen ehrlichen Menschen so gut wie ein Eid, und lange Zeit ist mir auch kein Gedanke an die Möglichkeit gekommen, es zu brechen. Und als dann ganz allmählich ein Bedürfnis nach Liebe und neuem Glück sich in mir regte, als ich dich sah und so bald empfand, wie lieb ich dich haben mußte, – sieh, du sollst mich nicht für gewissenlos halten. Ich habe gerungen und mit mir gekämpft viele Tage und Wochen lang; Nächte habe ich wachend gelegen und mich immer wieder dasselbe gefragt. Und wenn du es mir nicht angemerkt hast, so war das nm, weil deine Gegenwart allein schon genügte, all' meinen Zweifel und Kummer zu verscheuchen. So bin ich denn langsam zur Klarheit gekommen, und so steht es unerschütterlich fest bei mir: ein Versprechen, in solcher Stunde und unter solchen Umständen gegeben, hat nicht die Kraft eines bindenden Wortes. Mein Mann lag im Sterben, in Fieberphantasten, und ich war krank, sinnlos aus Not und Verzweiflung. Die Worte, in solchem Zustand gesprochen, werden nicht gewogen wie andere Worte, und wenn eine ewige Gerechtigkeit über unsere Thaten urteilt, den Bruch eines solchen Versprechens wird sie nicht als Sünde anrechnen.«

»Ein Wort ist ein Wort, und Versprechen ist Versprechen,« sagte Georg und sah mit einem festen, fast kalten Ausdruck zu ihr hinüber. Gleich aber verschwand die energische Spannung aus seinen Zügen wieder, er versank abermals in finsteres Grübeln, und nach einer Weile fragte er halblaut, mit stockender Stimme: »Wenn er nun käme?«

»Wer?«

»Wenn er zurückkäme, wie er es gesagt hat?«

Sie antwortete nicht, blickte ihn an und schüttelte den Kopf.

Er aber ließ nicht nach. »Wenn es nun geschähe?« fragte er mit erhöhtem, beinahe leidenschaftlichem Nachdruck.

»Es ist ja unmöglich!«

»Er hat es gelobt. Und es giebt mehr Dinge zwischen Erd' und Himmel, als unsere Schulweisheit sich träumt. Würdest du auch ihm gegenüber deine Sophistereien mit Versprechen und Versprechen aufrecht erhalten?«

»Das würde ich.«

»Wenn du ihn vor dir sähest?« Er fragte es mit solcher Energie des Tones, mit so feierlichem Eifer, daß es sie kalt überlief.

»Ich weiß nicht, was ich dann thun würde,« sagte sie leise, mit einem Beben der Stimme, von seinen Worten im Innersten erschüttert. »Ich kann es mir nicht vorstellen. Laß uns nicht von Unmöglichkeiten sprechen.«

Er stand langsam auf, und jetzt war wieder nur der alte, tiefe Schmerz in seinen Zügen. »Wir müssen es leider, von der einen traurigsten Unmöglichkeit vor allem, uns anzugehören.«

»Georg, du liebst mich nicht mehr!« Jäh war sie emporgesprungen und stand nun da mit ausgestreckten Händen, als müsse sie den Entfliehenden halten. Er antwortete nicht, er wagte es nicht, zurückzuschauen; langsam ging er zur Thür.

»Du liebst mich nicht mehr!« schrie sie noch einmal auf, und nun bezwang ihn der Ton der Verzweiflung. »Ob ich dich liebe?« rief er, indem er sich umwandte und ihr in die Augen sah. Und wie zuvor preßte er sie von neuem gewaltsam an sich, bedeckte ihr das Gesicht und das Haar mit Küssen und flüsterte heiße, leidenschaftliche Worte. »Mein Glück bist du und meine Hoffnung! Meine Welt, mein alles! Ich liebe dich, hörst du? Ich liebe dich und ich werde sterben, wenn ich jetzt von dir gehe.«

»Nicht sterben,« sagte sie leise und blickte zu ihm auf. Dann, als er sie nicht mehr küßte, sondern sie nur noch ruhig in den Armen hielt und gedankenvoll ihr in die Augen sah, machte sie sich langsam frei, strich mit beiden Händen das Haar aus der Stirn zurück und sagte lächelnd: »Nun ist es gut, nun weiß ich, daß du mich noch lieb hast. Alles andere gilt nichts daneben. Das allein habe ich gefürchtet, du könntest durch diese Dinge verlernt haben, mich zu lieben. Jetzt will ich ganz geduldig sein und dich nicht quälen durch Fragen und Drängen. Sieh, du mußt Zeit haben, dich zu finden; auch ich habe ja Zeit gebraucht. Ich will dich nicht einmal sehen, wenn du nicht magst, wenn du vorläufig lieber allein bleibst. Nur aus dem Hause darfst du mir nicht fort, damit ich von dir hören kann und weiß, daß du mir nicht krank wirst. Du siehst so blaß aus und vergrämt. Aber das wird schon anders werden; du wirst zu mir kommen, und ich werde bis dahin sitzen und die Stunden zählen. Und wenn du gekommen bist, dann –«

Er starrte vor sich hin; ihre Worte klangen zu ihm wie aus weiter Ferne. Und als sie fühlte, daß seine Blicke nicht mehr in ihren Augen ruhten, kam die Angst vor dem Verlust ihr zurück. Nach seinen Händen greifend, sagte sie: »Glaub' mir, ich lasse dich nicht. Ich weiß nun, daß du mich noch liebst, und darum gehörst du mir. Ich kämpfe um dich und lasse dich mir nicht entreißen. Nein, der Tod hat kein Recht an das Leben, und ich zerreiße die Kette, die mich von dir zurückhalten will.«

Heute war es der Blick des Mannes, der auf das Tannhäuser-Bild an der Wand fiel. Und indem er es betrachtete, kam ihm der Gedanke, ob es Frau Venus sei, die ihn halten wolle, ob seine Liebe von der ersten Stunde ab unrein und sündhaft gewesen sei, ob alle die Qualen, die er erduldet hatte und noch vor sich sah, einen Schuldigen träfen als verdienter Lohn. Sich von ihren Händen befreiend, den Blick auf das Bild geheftet, ging er, rückwärts schreitend, langsam zur Thür. »Leb' wohl,« sagte er, ohne sie anzusehen.

Sie machte eine Bewegung, als wenn sie ihn halten wollte, aber sie besann sich und trat ihm nicht in den Weg.

»Leb' wohl,« sagte sie und nickte ihm zu. »Auf Wiedersehen.«

Er gab keine Antwort, blickte sie auch nicht mehr an. Als er draußen war, blieb sie stehen und schaute lange auf die Stelle, wo er gestanden hatte, und die nun leer geworden war. Die Thronen stiegen ihr empor, aber ein Lächeln stiller Hoffnung blieb doch daneben auf ihrem Gesichte zurück.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.