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Im Haus der Witwe

Robert Kohlrausch: Im Haus der Witwe - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Kohlrausch
titleIm Haus der Witwe
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierte Auflage
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151007
projectid3437648b
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Drittes Kapitel

Die Werkstätte des Goldschmieds Wernicke befand sich in einem besonderen kleinen Anbau des Hauses an der hinteren Grenze des Grundstücks. Parallel zum Vorderbau, rechtwinklig zum Seitenflügel erhob sich dieses Gebäude eingeschossig und niedrig. So war die Grundfläche auf zwei Seiten völlig, hier hinten zur Hälfte etwa durch Baulichkeiten umschlossen. In der Umarmung dieser drei Wände von verschiedener Höhe lag ein Hofraum, mehr lang als breit, an der freien Seite durch ein einfaches, altersgraues Holzgitter abgeschlossen, von dem eine Thür in den jetzt unter tiefem Schnee begrabenen Garten führte. Ein paar alte, hochgewachsene Akazienbäume recken die beschneiten Aeste knorrig empor, Gesträuchgruppen waren halb in die Schneemasse versunken, langgestreckte, geradlinige Blumen- und Gemüsebeete zeichneten sich als flache Erhöhungen, riesigen Gräbern vergleichbar, undeutlich ab.

Wie im ersten Stockwerk, so zog sich auch zu ebener Erde bis in die äußerste Tiefe des Gebäudes ein langer und schmaler Korridor, der von dem inneren Hof und dem daneben liegenden Garten her sein Licht empfing. Ganz hinten zur Linken des Ganges öffnete sich eine weiße, nur locker in ihren morsch gewordenen Angeln hängende Thür nach der Werkstätte zu, die in zwei Räume von ungleicher Größe zerfiel. Der erste von ihnen war sehr klein und durch ein einziges Fenster vom Innenhof her erleuchtet. Ambos, Blasebalg und Herd befanden sich hier, und der schwarze Ueberzug von Rauch auf den weißgetünchten Wänden erzählte von der Macht des Feuers, das auf der Schmelzstätte, auf dem niedrigen, vom vieljährigen Gebrauch schon halbzerstörten Backsteinherd regierte.

Die eigentliche Arbeitsstätte befand sich im zweiten Raum. Durch vier mit geriffeltem Glas verkleidete, dicht nebeneinander gelegene Fenster drang das Schneelicht des Wintertages hell herein, und mitten unter ihnen stand der Werktisch aus naturfarbenem, vom Alter ergrautem, von Rissen durchsetztem Holz. Er war der Beherrscher des Raumes. Trotzig sprang die mächtige Platte, die sich geradlinig an die Mauer anschloß, weit vor in der Form eines halben Ovals. Aber die Linie dieses Ovals war durch vier halbkreisförmige Ausschnitte unterbrochen, und die wuchtige Holzmasse gewann so das Aussehen eines durchschnittenen Sternes. Vom freundlichen Glanz des Goldschmiedshandwerks zeigte sich nichts in dem einfachen Gemache mit seinen weißen Wänden. Die eiserne Goldwalze, die hochbeinig dastand, reckte die schwarzen Zähne ihres Radwerks hervor, ein rötlicher Staub erfüllte den Boden des großen Holzkastens auf der Poliermaschine.

Nur an einer einzigen Stelle des Werktisches zeigte sich ein feines, goldenes Blitzen. Dort saß an diesem Februarmorgen ein junger Mann bei der Arbeit, ein Krauskopf, in der Mitte der Zwanziger vielleicht, mit der hellen Haarfarbe und den klaren, blauen Augen des niedersächsischen Stammes. Frohsinn und Gesundheit sprachen aus seinem freundlichen Gesichte, das hübsch und regelmäßig war. Er saß in einem der halbkreisförmigen Ausschnitte des Werktisches, nahe am Fenster. Der Feilennagel, ein viereckiger, vorn abgeschrägter Holzkeil mit einer Vertiefung in der Oberfläche, war am Tisch in der Mitte des Ausschnittes befestigt, ein Schurzfell war darunter festgenagelt, so daß es einem offenem Beutel gleich herabhing, um die Abfälle des wertvollen Metalls aufzufangen und zu bewahren.

Der junge Gesell war mit der Reparatur eines zerbrochenen Ohrringes eifrig beschäftigt, aus dem er eben mit Hilfe des Korneisens einen zierlichen Brillanten entfernt hatte. Jetzt griff er nach oben, wo von der Decke ein Bündel gebogenen Drahtes, einem gekrümmten Roßschweif vergleichbar, herabhing, und befestigte sorgsam die zerbrochenen Teile des Schmuckstücks mit Hilfe des Drahtes aneinander. Dann zog er die Lötflamme, die herabgeschraubt vor ihm brannte, näher zu sich heran; eine Bewegung am Hahn, und sie loderte rauschend hoch auf, während er das Lötrohr zum Munde führte und mit dem feineren Ende hineintauchte in die Flamme. Von seinem kräftigen Atem zerrissen, fuhr die zerstäubte Glut voll Ungestüm los auf das zierlich geschmiedete Metall, das er, in seiner Zange geschickt es haltend, ihrer schmelzenden, heilenden, neu verbindenden Macht preisgab. Die Hauptflamme aber ließ sich nicht bändigen; in freier Glut, wild gemacht durch den Angriff des menschlichen Atems, in wechselnden Wellenlinien emporlodernd, flackerte sie wild auf und übergoß das Gesicht des Arbeiters mitten in der weißen Helle des Wintertages mit bewegtem, rotgelbem Widerschein.

Das Geprassel der Flamme und der Eifer der Arbeit ließen es ihn überhören, daß die Thür sich öffnete und eine Mädchengestalt zu ihm hereintrat. Sie trug auf einfachem Tablett eine Flasche mit Bier, ein Glas und einen weißen Teller, auf dem eine kräftige Butterschnitte von landesüblichem Schwarzbrot, mit Wurstscheiben gleichmäßig belegt, sich lecker präsentierte.

Jetzt war sie dicht neben ihn getreten und sagte lachend: »Wollen Sie denn mit Gewalt verhungern, Herr Köhler?«

Ueberrascht hatte er aufgeschaut; einen Augenblick noch loderte die Flamme vor ihm frei und mächtig empor, dann sank sie auf einen Druck am Hahn in sich zusammen und ward zum kleinen, kaum bemerkbaren Licht. In den Augen des jungen Mannes aber zeigte sich ein Glanz von Freude und Laune: »Ja, Fräulein Wernicke,« sagte er, »ich bin ganz und gar lebensüberdrüssig.«

»Du lieber Gott, warum denn das?«

»Ich habe eine unglückliche Liebe,« entgegnete er mit vergnügtem Gesicht.

»Schon wieder?«

»O bitte, es ist immer dieselbe!«

»Das muß ja ein ganz hartherziges Frauenzimmer sein.«

»Ist sie auch.«

»Wissen Sie, da würde ich sie laufen lassen.«

»Sie läuft aber nicht.«

»Nein?«

»Nein, sie bleibt immer da. So oft ich ihr sage: ›Nun ist es aber genug, nun scher' dich zum Teufel!‹ sie geht nicht! Wenn ich von der Arbeit aufgucke, gleich steht sie vor mir und lacht mich an. Wenn ich eine Brosche mache, oder eine Kette, oder einen Ring – beim Ring besonders, da ist sie sofort hier neben meinem Platz und sagt mir leise in's Ohr: ›Du, das wäre 'was für mich.‹ Dann sagt sie nämlich auch du zu mir; das thut sie sonst nicht. Früher ja, wie sie noch ein kleines Mädchen war, mit langen Zöpfen, da war es wohl so. Jetzt aber, seit sie konfirmiert ist worden –«

»Na ja, da schickt sich's doch nicht anders.«

»Ja freilich, Sie sagen ja auch nicht mehr du zu mir und Fritz, wie Sie es früher gethan haben. Ganz so wie meine unglückliche Liebe.«

»Ich will Ihnen 'was sagen: Die Frauenzimmer sind einander alle sehr ähnlich, soviel habe ich jetzt auch schon heraus.«

»Das meint man nur, solange man keine gern hat. Dann wird das anders.«

»Wirklich?«

»Jawohl. Dann denkt man auf einmal, es gäbe in der weiten Welt keine, die so schön und so gut und so nett wäre wie die, – wenn sie es auch vielleicht gar nicht ist. Und was man von den andern denkt, das will ich gar nicht sagen.«

»Lassen Sie's auch lieber! Ich könnte es ihnen wieder erzählen.«

»Darauf würde ich pfeifen. Mir liegt nur daran, was die eine von mir denkt, und wenn Sie der wiedersagen wollten, was ich von ihr halte, so thäten Sie ein gutes Werk. Ich habe Sie schon darum bitten wollen.«

Er war aufgestanden und stand zwischen ihr und dem Fenster, von dem seine kräftige Figur dunkel sich abhob. Das Mädchen war auf den kecken Ton heiter und ohne Zaudern eingegangen, jetzt aber war doch eine gewisse Verlegenheit und Zaghaftigkeit über sie gekommen, und sie griff nach einem zierlichen Stichel, der unter den vielen Zangen, Scheren und Schabern auf dem Werktisch lag. Indem sie ihn spielend in der Hand bewegte, fragte sie mit leiserer Stimme: »Was soll ich ihr denn ausrichten?«

»Das muß ich Ihnen ins Ohr sagen,« entgegnete er, und da sie nicht vor ihm zurückwich, brachte er sein Gesicht so nahe an das ihre, daß ihr krauses Stirnhaar ihn berührte. »Daß ich sie gern habe, müssen Sie ihr ausrichten, und daß sie Martha Wernicke heißt, und daß ich ihr heute zum erstenmal, seit sie ein kleines Mädchen war, einen Kuß gegeben habe.«

Mit festen, mutigen Händen hatte er ihren Kopf ergriffen und drückte nun einen herzhaften Kuß auf ihren frischen, blühenden Mund. Einen Augenblick ließ sie sich's gefallen, dann aber machte sie sich los und sagte lachend, nicht zornig »Sie sind ein unnützer Mensch!«

»Unnütz ist nichts in der Welt, Fräulein Martha, das weiß kein Mensch besser, als ein Goldschmied. Sehen Sie, den Staub hier auf der Erde, das Waschwasser dort, wir schmelzen das alles mit ein, und es bleibt immer ein kleiner Rest von Gold oder Silber zurück. Und ich bin der Ansicht, so ist es auch mit den Menschen. So unnütz ist keiner, daß nicht ein wenig Edelmetall in ihm steckte; man muß es nur herauszuholen wissen.«

»Da müßte ich Sie wohl auch einmal umschmelzen?«

»Das haben Sie leicht. Sie brauchen mich nur anzusehen mit Ihren verflucht hübschen Augen, und ich schmelze wie das Lot in der Flamme.«

Noch einmal sah sie ihm voll ins Gesicht, als wollte sie die Probe machen auf seine Behauptung, dann wandte sie sich hinweg und sagte: »So, nun ist's aber genug. Da ist Ihr Frühstück, und ein andermal vergessen Sie's nicht wieder.«

»Wenn ich's dadurch fertig bringe, daß Sie mich hier wieder besuchen, dann hungere ich acht Tage.«

»Und wenn ich Sie verhungern lasse?«

»Dann setzen Sie mir ein Denkmal und schreiben darauf: ›Er starb um mich. Martha Wernicke.‹«

»Im Jahre des Unsinns. Guten Morgen!«

Sie ging rasch zur Thür, die sie öffnete; er aber rief ihr noch nach: »Und wenn Sie die eine sehen, von der wir vorhin gesprochen haben, dann sagen Sie ihr noch, daß ich gar nicht so leichtsinnig wäre, wie ich aussehe. Und wenn sie mich möchte, dann sollte eine ganz reelle Sache dabei herauskommen, so eine Erweiterung der Firma zu Wernicke & Co.«

»Bestellen will ich's ihr, aber was sie antworten wird, das kann ich noch nicht sagen. Geschäftsangelegenheiten sind auch Sache ihres Vaters.«

Damit hatte sie die Thür geschlossen und stand in dem räucherigen Raume mit Ambos und Herd. Einen Augenblick horchte sie noch zu ihm hinein, dann atmete sie tief. Ein glückliches, sonniges Lächeln ging über ihr Gesicht; »Wernicke und Kompagnie« murmelte sie leise und nickte dazu.

Nun trat sie auf den Korridor hinaus, wo sie wieder einen Moment nachsinnend zauderte. Sie überlegte, wohin sie ihr Glück am ersten tragen sollte, ganz heimlich, ohne es auszusprechen, einem Menschen zu, der eine teilnehmende Seele hatte. »Papa Busenius!« fuhr es ihr durch den Sinn. Rasch öffnete sie eine Thür, die der zum Werkraum im Korridor gerade gegenüber lag.

Sie führte zu einem der dunklen Gelasse, an denen das Haus so reich war; eine der vielen, lichtlosen Treppen leitete auch hier in die Höhe, eine matte Helle drang für gewöhnlich durch die Glasscheiben der Thür herein. Jetzt aber, da sie weit geöffnet war, kam ein stärkerer Tagesschein von den Fenstern des Korridors her. Deutlich war die gebrechliche Treppe zu erkennen, die an der linken Wand hinanführte, ebenso deutlich eine zweite, die rechts daneben in die Tiefe ging. Auch das konnte man sehen, daß diese Stufen vor einer festen Wand plötzlich endeten. Offenbar war auch hier ehemals eine Thür gewesen, aber sie war vermauert worden, und nur ganz oben war eine Oeffnung gelassen, ein kleines Fenster mit eisernen Sprossen.

Martha kannte den Raum genau, jetzt aber, als sie die Thür wieder hinter sich schließen wollte, hielt sie erstaunt plötzlich inne. Von den untersten Stufen der niederführenden Treppe blinkte und flimmerte ihr etwas entgegen, und als sie neugierig hinunterstieg, sah sie, daß es die Stücke und Splitter von ein paar zertrümmerten Glasscheiben waren. Scheiben, die bisher in dem Fenster der vermauerten Thür gesessen hatten und jetzt zerbrochen am Boden lagen. Nachdenklich hob Martha eins der Stücke von der feuchten, steinernen Stufe empor. »Wunderlich,« dachte sie kopfschüttelnd, »es sieht aus, als wäre das Fenster von innen her zerschlagen, sonst könnte doch nicht alles Glas hier außen liegen. Aber dort hinein kann ja niemand kommen.«

Doch nicht lange hielt sie sich mit Nachgrübeln auf. Sie warf das Glas zur Erde, daß es klirrend noch einmal zerschellte; dann lief sie rasch die Stufen wieder empor, schloß die Thür nach dem Korridor hin und eilte nach oben. Hier mündete die Treppe dicht neben der Küche des ersten Stockwerks, und Martha rief einen freundlichen Morgengruß zu der Köchin hinein, die glühend vor Eifer an ihrem Herde hantierte. Doch trat sie nicht ein, sondern ging mit geflügelten Schritten weiter den Korridor hinunter, als hebe und trage das Glücksgefühl sie über die Erde hin.

Als sie am Zimmer des Assessors vorüberkam, öffnete sich die Thür, und er selbst trat heraus. Aber er schien das Mädchen kaum zu erblicken; zaudernd hielt er die Klinke der Thür in der Hand, als hätte er vergessen, was er gewollt, und schaute leeren Blickes gerade vor sich hin. Martha erschrak über seinen Anblick, er schien ihr um Jahre gealtert.

»Guten Morgen, Herr Assessor,« sagte sie freundlich; ein warmer Ton des Mitleids klang aus ihren Worten. Jetzt richtete er die Augen auf sie, und ein Strahl des Erkennens leuchtete darin auf. »Guten Morgen, Fräulein Wernicke,« gab er zur Antwort, und sie erschrak über die verzehrende Schwermut in seinen Augen. Dann wandte er sich ab, seufzte tief auf und ging in das Zimmer zurück, dessen Thür er hinter sich verschloß.

Langsam schritt Martha nun vorwärts, die Haupttreppe des Vordergebäudes hinan. Wo sie endete, begann der mächtige Giebelraum des Hauses, in dem fünf Böden über einander lagen, durch weite, offene Luken und schmale, leiterähnliche Treppen mit gebrechlichem Handläufer mit einander verbunden. Hier in dem untersten Bodenräume zeigte sich noch ein schwacher Versuch, den Eindruck des Bewohnten durch schmückende Zuthat zu erreichen. Waren Wände und Dachflächen auch einfach verputzt, so hatten doch die Holzpfosten, auf denen die Decke ruhte, und die beiden mächtigen Schornsteine, die den Raum – der eine schräg, der andere gerade – durchzogen, einen Anstrich aus blauer Leimfarbe und eine bescheidene Zierde durch weiße und braune Streifen um das obere Ende erhalten. Ein einziges Fenster in der Giebelwand sandte Licht herein, das durch den Reflex des Anstrichs einen bläulichen Ton annahm und den Raum mit kühler Helle erfüllte.

Ein Einbau, der die eine Ecke am Giebel einnahm, erhöhte den Eindruck des Bewohnbaren. Ein Zimmer war hier hergerichtet, zu dessen braungelb gestrichener Thür zwei Stufen emporführten. Ein Fenster befand sich auch in ihr, doch war es von innen durch ein davor genageltes Brett fest geschlossen. Im Augenblick war sie offen; der Bewohner des Zimmers hatte am Fenster der Giebelwand im Bodenraum gestanden und wandte sich um, als er Marthas leichten Schritt auf der Treppe vernahm.

Sie stutzte, als sie den Mann so plötzlich vor sich erblickte, er aber lachte, ein halb melancholisches, halb spöttisches Lachen, und sagte: »Sie brauchen sich nicht zu erschrecken, Fräulein Wernicke. Und guten Morgen auch.«

»Guten Morgen, Herr Neuert. Sie sind's, – ich hatte Sie nicht gleich erkannt,« gab sie rasch gefaßt zur Antwort und wollte an ihm vorüber, der an der anderen Seite weiter emporführenden Treppe zu. Er aber vertrat ihr den Weg. »Haben Sie's so eilig?« fragte er.

»Das nun just nicht,« entgegnete sie und blieb stehen. Doch obwohl er durch seine Frage den Wunsch ausgedrückt hatte, mit ihr zu plaudern, fand er jetzt keine Worte. Schweigend, mit halb geöffneten Lippen hörbar atmend, stand er vor ihr, eine heiße Flamme leuchtete in seinen Augen, und zwischen den Brauen erschien eine tiefe, leidenschaftliche Falte. Sein Gesicht war sehr bleich, so weiß fast wie der Verband um seine verletzte Hand.

Um die Stille zu unterbrechen, die sie beklemmte, wies Martha mit einer leichten, verlegenen Bewegung auf das verbundene Glied. »Was macht Ihre Wunde? Haben Sie viele Schmerzen?«

Er lachte wieder das halb traurige, halb höhnische Lachen von vorhin. »Eine Schramme, die in ein paar Tagen heil ist. Die macht mir nichts.«

»Wo haben Sie sich's nur geholt? Hier auf dieser Treppe?«

»Nein, unten,« gab er zur Antwort, aber seine Augen verrieten, daß seine Seele nicht bei seinen Worten war. Dann besann er sich. »Ja, doch. Da, an der Treppe hier. Sie müssen das Blut noch sehen können.«

Sie blickte hinunter, aber ihre Augen vermochten nichts zu entdecken. Sie wandte sich ihm wieder zu, doch fand sie den Mut nicht, ihn Lögen zu strafen. Wieder stand er, schweigend und heftig atmend, ihr gegenüber, während seine Augen immer heißer brannten, sich immer tiefer, durstiger in die ihren versenkten. Ein beängstigendes Gefühl überkam sie, die Empfindung willenlosen Hingegebenseins an eine fremde Macht. Erst einmal hatte sie Aehnliches gefühlt. Als Doktor Jaksch vor ein paar Monaten zu ihr in das Zimmer getreten war, während die Eltern vom Hause fort waren, und lange mit ihr geplaudert hatte. Von ganz harmlosen Dingen, ohne diese seltsamen Pausen voll tiefen, geheimnisvollen Schweigens, aber mit demselben unverwandt auf sie gerichteten, machtvollen Blick, der ihr die Freiheit des Denkens und Handelns zu rauben schien.

Vergeblich suchte sie nach Worten, den Bann zu brechen. Endlich that sie eine thörichte, gleichgiltige Frage, nur um die eigene Stimme wieder zu hören. »Wo sind Sie eigentlich zu Hause, Herr Neuert?«

»Nirgends!« rief er, und in seinem Lachen war jetzt nur noch wilder, wütender Hohn. »Auf der Straße, im Dreck, auf dem Mist – da ist mein Zuhause!«

»Aber Sie müssen doch Eltern haben, eine Heimat?«

»Muß ich? Dann wird es ja wohl auch so sein. Nur daß ich nichts davon weiß, von den Eltern nämlich, und daß sie nichts von mir wissen wollen. Eine Heimat? Nein, die habe ich nie gehabt und die werde ich niemals haben!«

Er sprach immer leiser, zwischen den Zähnen, und indem er die leidenschaftlichen Worte hervorstieß, bewegte er sich langsam, lautlos, Schritt vor Schritt auf das Mädchen hin, das zu zittern begann in furchtbarer Angst und doch den Fuß an den Boden hilflos gefesselt fühlte. »Wenn ich nicht verhungert bin, ist's ein Zufall, und vielleicht wäre es am besten, ich wäre verhungert. Nein, keine Heimat! Niemals, niemals! Sonst, Mädchen, müßtest du dabei sein, du und du allein. Mein müßtest du sein und mir gehören.«

Jetzt war er unmittelbar vor ihr, sie fühlte seinen glühenden Atem und sah die brennenden Augen dicht vor den ihren leuchten. Und bei den letzten Worten packte er sie an den Schultern; die verwundete Hand ruhte nur wie ein schwerer Hammer auf ihr, die Finger der anderen aber umspannten sie mit der Gewalt eines Schraubstocks. Plötzlich, da sie eine Gefahr nun wirklich vor sich erblickte, kam der Mut ihr zurück, um den sie bisher vergeblich gerungen hatte. Sie schrie nicht auf; ganz ruhig, kühl, ein wenig spöttisch sagte sie: »Wenn Sie den Unsinn nicht lassen, Herr Neuert, rufe ich um Hilfe.«

Die Worte brachten ihn zur Besinnung; er ließ die Hände sinken und trat von ihr weg. Halb abgewandt murmelte er: »Sie haben ganz recht, es war Unsinn. Für unsereinen ist ja so was nicht. Nehmen Sie mir's nicht übel auf.«

Ohne noch einmal zu ihr zurückzuschauen, ging er zu seinem Zimmer, stieg die beiden Stufen hinan und warf die Thür hinter sich schwer ins Schloß.

Martha mußte noch einen Augenblick stehen bleiben, um sich zu fassen. Da die Gefahr vorüber war, begannen ihr die Kniee zu zittern. Aber nur ganz kurze Zeit gebrauchte sie, um sich wiederzufinden, um sich zu erinnern, weshalb sie hierher gekommen war. Und mit der Erinnerung an den Mann dort oben, zu dem sie Glück und Schmerz ihres jungen Lebens schon so oft hinaufgetragen hatte, fühlte sie eine Empfindung der Sicherheit und Freiheit beruhigend in sich emporwachsen. Rasch, nur einen halben, scheuen Blick noch auf die Thür werfend, hinter der Neuert verschwunden war, durchschritt sie den Bodenraum und stieg die zweite der Treppen flüchtigen Fußes hinan. Zu ihm, der dort oben hauste, zu dem Narren, dem Weisen, dem alten Kauz Busenius im dritten Bodenraum des mächtigen Giebels. – – –

Als der Assessor Sybel vor seinem Zimmer mit Martha zusammengetroffen war, hatte er eben nach schwerem Ringen den Entschluß gefaßt, zu Frau Henninger hinüber zu gehen und ihr zu sagen, was er seit dem vergangenen Abend gedacht und empfunden hatte. Die schwerste Nacht seines bisherigen Lebens lag hinter ihm. Vergeblich hatte er den Schlaf gesucht und ersehnt; Stunde um Stunde war hingegangen, mit schweren Schlägen von den Glocken der Michaeliskirche ihm zugerufen, aber sein Geist hatte die Ruhe nicht gefunden. Seine Jugend, seine Vergangenheit stiegen in diesen Stunden schmerzvollen Wachens wieder vor ihm empor. Er sah sich als zartes, schwächliches, leicht erregbares Kind, das in der ernsten Atmosphäre des norddeutschen Pfarrhauses weltfern heranwuchs. Er sah die gütige Mutter, die sein Leben zu schützen suchte vor der Berührung mit der Außenwelt, den düsteren Vater, der strenge Lehren, – heilig schon darum für alle Zeit, weil sie aus diesem verehrten Munde kamen – ihm für die Zukunft einprägte in seine empfängliche Seele. »Des Menschen Rede sei ja, ja und nein, nein,« hörte er ihn sagen, und es war ihm, als berühre die kühle, eingeschlossene Luft der kleinen Dorfkirche wieder seine Stirn. »Wer sein Wort bricht, ist ein Judas. Wer aber einen Eid zu brechen wagt, erwirbt sich die ewige Verdammnis. Es giebt nichts Heiligeres auf der Welt als einen Eid, als dieses feierliche Versprechen, abgelegt auf den Namen des Höchsten.«

Er hörte die Worte, er fühlte sie in seiner Brust. Sie hatten dort Wurzel geschlagen, hatten sein Wesen durchdrungen, waren ein Teil von seinem Selbst geworden. Er hatte denken und glauben gelernt wie sein Vater, aber er dachte und fühlte – seiner Natur gemäß, die jeden Eindruck der Außenwelt wie ein vielfaches Echo zurückgab – mit einer noch tieferen, leidenschaftlicheren Inbrunst. Und nun mußte er erfahren, daß die Frau, die er liebte, ihr Wort, ihren Eid, in die Hände des sterbenden Gatten feierlich geschworen, brechen wollte um seinetwillen. Ohne Zaudern, ohne Grübeln, dem Triebe der Leidenschaft gehorchend, ohne auf die Stimme des Gewissens in ihrer Brust zu hören.

Er hätte sie verachten mögen, sich abwenden von ihr, mit einem Male und für immer, ihr Bild, ja, die Erinnerung selbst herausreißen aus seiner gequälten Seele, aber – er liebte sie! Das war das furchtbarste, daß er sie lieben mußte trotz alledem. Lieben mit einer Sehnsucht, einer Hingebung, einem glühenden Verlangen, das erst vor wenigen Stunden zu seiner ganzen Stärke in ihm emporgelodert war. Solange er im stillen ihr Bild in seinem Herzen getragen hatte, war der Strom der Empfindung eingedämmt und gezügelt gewesen; aber seit er wußte, daß auch sie ihn liebte, seit er sie an seinem Herzen gehalten, ihre Lippen geküßt, den Duft ihres Haares getrunken hatte, war sein Blut zu Feuer geworden, das verzehrend, vernichtend durch seine Adern floß.

Phantasiegestalten begannen ihn zu ängstigen, als gegen Morgen der ermattende Geist in halbe Bewußtlosigkeit versank. »Ein Eid, ein Eid, ich hab' 'nen Eid im Himmel,« hörte er eine heisere Stimme dicht an seinem Ohre sagen, und zugleich meinte er die Gestalt des Shylock vor sich zu erblicken, das Messer und die Wage in der Hand, mit heimtückischem Grinsen die Frage hinzufügend: »Soll ich auf meine Seele Meineid laden?« Die Gestalt verdoppelte, verdreifachte sich, und alle drei nickten ihm zu und wiederholten unablässig dieselben Worte. Bis zuletzt ein Schleier vor ihnen niedersank, bis die drei wieder in eine zusammenflossen, und diese eine sich aus einer grinsenden Fratze in eine milde, hoheitsvolle Erscheinung verwandelte. Nun sah er's, Busenius war es, der Alte aus dem Giebelstübchen, der zu ihm getreten war. Der beugte sich über ihn, flüsterte ihm Worte zu, deren Sinn er nicht verstand, aber deren Ton ihm unendlich wohlthat, legte seine kühle Hand ihm auf die brennende Stirn, und unter dieser zarten, besänftigenden Berührung schlossen sich seine Augen, und er schlief ein.

Aber nur für kurze Zeit fand er die Ruhe; dann tauchten wirre Bilder wieder vor ihm auf, und zuletzt gellte ein furchtbarer Schrei zu ihm her: »Meineid, Meineid im fürchterlichsten Grad!« Die Worte des verzweifelnden, von Geistern gemarterten Königs Richard ließen ihn jäh emporfahren mit bebenden Gliedern. Aber niemand außer ihm war im Zimmer, zu dem die erste, graue, winterliche Dämmerung sich hereinstahl. Er selbst mußte es gewesen sein, der so furchtbar aufgeschrien hatte im lastenden Schlaf; er wälzte sich zitternd, in Schweiß gebadet auf dem zerwühlten Lager, gleich dem der ewigen Gerechtigkeit preisgegebenen, zum Untergange verdammten königlichen Verbrecher.

Dann stand er auf, kleidete sich mühsam an und ging in sein Bureau, wo er den heute wenig zeitraubenden Dienst rasch und mechanisch erledigte. Nach Hause zurückgekehrt, setzte er sich auf einen Stuhl am Fenster, wo er lange Zeit blieb und hinausstarrte in das feine Schneetreiben, das noch immer andauerte. Endlich rang der Entschluß aus der grübelnden Seele sich los: er wollte mit Frau Ina sprechen, wollte von ihr selbst die Bestätigung dessen hören, was ihm das eben erst geschenkte Glück mit einem Male so jäh zerstört hatte. Das war gewesen, als er mit Martha zusammentraf, und der Anblick ihres frohen, leuchtenden Gesichtes, das so wenig der Stimmung seiner eigenen Seele entsprach, hatte ihn – er wußte selbst nicht, warum – wieder in sein Zimmer zurücktreten lassen. Nachdem er von neuem lange vor sich hingebrütet hatte, fiel ihm ein, daß er dem Onkel versprochen hatte, zu ihm hinauf zu kommen, und mit dem Eifer mutloser Menschen, die sich selbst gegenüber nach Vorwänden suchen, die Ausführung eines schweren Entschlusses hinauszuschieben, sagte er sich, daß diese Pflicht die nächste und erste sei. Diesmal begegnete ihm niemand im Korridor draußen, und langsam, müde stieg er die Treppe hinan.

Doktor Jaksch saß am Schreibtisch in seinem Studierzimmer, als der Neffe bei ihm eintrat. Die Sprechstunde war eben vorüber, und er stärkte sich durch ein Kaviarbrötchen, dem ein Glas Sherry beigesellt war, für die weiteren Anstrengungen des Tages. Der Duft einer guten Cigarre erfüllte das Gemach.

»Da bist du ja!« rief der Doktor dem Eintretenden entgegen. »Ich dachte, du hättest deinen alten Onkel ganz vergessen. Habe gestern abend noch lange auf dich gewartet. Aber du brauchst dich nicht zu entschuldigen, warest ja in besserer Gesellschaft. Setze dich; willst du ein Glas Sherry, eine Cigarre? Nein? Hör' einmal, du siehst schlecht aus; ein Glas Wein wenigstens solltest du trinken.«

»Danke dir, Onkel; der Wein würde mir nicht helfen.«

»Was ist denn los? Wirst mir doch nicht krank werden? Oder ist es nicht der Körper, der leidet, sondern wieder einmal das Gemüt? Komm' her, sag' mir's ruhig; du weißt, dein Onkel ist auch dein bester Freund.«

Zum erstenmale in diesen Stunden der Qual fühlte Georg seinen glühenden Schmerz in Wehmut und Thränen sich lösen. Es stieg ihm heiß in die Augen, und das Gesicht gegen das Polster eines Sessels pressend, stöhnte er: »Ich bin unglücklich, unsäglich unglücklich!«

Er sah den Blick der kalten Augen nicht, der über ihn dahin ging, er sah das Lächeln nicht, das unter dem aufwärts gebogenen Barte hervorzuckte. Er fühlte nur die Hand, die mit sanfter Berührung sich ihm auf die Schulter legte, hörte nur die weichen Laute der Stimme, die vibrierend zu ihm sprach: »Armer Junge, also ist das Unglück wirklich geschehen? Ich hätte es gern gehindert, und gestern abend – wahrhaftig, nur darum bin ich noch einmal unten bei euch eingedrungen und habe mich nicht um die bösen Augen gekümmert, die du mir machtest.«

Georg blickte empor. »Also weißt du?« fragte er.

»Mein Gott, ich kann doch sehen! Du hast dich verliebt in unsere interessante Frau Henninger, hast ihr vielleicht schon von Liebe gesprochen, und nun erfährst du, daß sie eine Sünde begehen und einen Eid brechen müßte, wenn sie dich heiraten wollte.«

»Auch das weißt du?«

»Es ist kein Kunststück, zu wissen, was die ganze Stadt weiß. Wir Aelteren wenigstens, die schon ein paar Jahre länger darin sind, als du. Die Geschichte hat kolossales Aufsehen gemacht damals. Jetzt ist ein wenig Gras darüber gewachsen, aber wenn irgend ein Zufall so eine scheintote Sache wieder aufweckt, ist sie lebendiger als je. Das weiß man ja aus Erfahrung. Man muß also vermeiden, sie zu wecken.«

»Ich sage mir das alles, habe es mir in dieser Nacht hundertmal gesagt, aber ich liebe diese Frau!«

»Armer Kerl! Ist die Geschichte wirklich so ernst? Du, das thut mir furchtbar leid, wahrhaftig! Und Vorwürfe muß ich mir nun auch machen, daß ich nicht eher dazwischen gekommen bin. Es ist 'ne verteufelte Sache um ein zu weiches Herz! Im übrigen bin ich ja so ziemlich abgebrüht, – du lieber Gott, ein Arzt! Aber dir gegenüber, mein lieber Georg, da geht das Gefühl mir immer mit dem Verstande durch. Wenn ich dir etwas versagen muß, dir von irgend einer Sache abraten, die du zu deinem Glücke für nötig hältst, da sehe ich dich immer vor mir, wie du als vierzehnjähriger Junge zu mir gebracht wurdest, als deine Eltern so rasch nach einander gestorben waren. Die gute Therese, – du wärest ja ihr ganzes Glück gewesen.«

Er hielt einen Augenblick inne, als überwältige ihn die Rührung; dann spülte er die Thränen in seiner Kehle mit einem Schluck Sherry hinunter.

»Na, wir wollen uns nicht weich machen,« fuhr er fort. »Wir haben heute die Stärke nötig, du besonders, mein armer Junge. Denn wo du die Verhältnisse nun kennst, wirst du dir ja schon selbst gesagt haben, daß an eine Heirat zwischen dir und Frau Henninger nicht zu denken ist.«

»Ist es denn wahr?« Wie ein Schrei der Verzweiflung kamen die Worte von Georgs Munde.

»Ob was wahr ist? Die Geschichte mit dem Eid? Selbstverständlich. Ich würde vielleicht daran zweifeln, wenn ich nichts weiter davon wüßte, als das Gerede in der Stadt. Aber ich habe es von ihm selbst. Jawohl, von ihm selbst. Er lebte noch ein paar Tage, nachdem er ihr den Eid abgenommen hatte. In dieser Zwischenzeit habe ich ihn besucht, wie ich es als Hausgenosse öfter that. Ich war nicht sein Arzt, aber wir waren befreundet, recht innig befreundet, kann ich wohl sagen. Und da erzählte er mir das alles. Damals wunderte ich mich, daß er den Verdacht aussprach, sie könnte ihren Schwur vielleicht einmal brechen. Dann sollte ich, – na, lassen wir das ruhen. Aber jetzt sehe ich, daß er in der Beurteilung ihres Charakters recht hatte. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß sie den Eid jetzt überhaupt ableugnen wird.«

»Das wird sie nicht thun, wenn sie ihn wirklich geschworen hat. Sie ist eine wahre, ehrliche Natur!«

»Na ja, bis zu gewissen Grenzen. Aber die Frauenzimmer, – ich kenne mehr von der Sorte als du. Und Frau Henninger hat, was man mit höflicher Umschreibung einen starken Geist nennt. Die setzt sich über manches hinweg. Aber wir brauchen uns,« fügte er auf eine abwehrende Bewegung seines Neffen hinzu, »ja gar nicht die Köpfe darüber zu Zerbrechen, was sie thun oder nicht thun würde; es handelt sich nur darum, was du selber zu thun hast. Und ich meine, das ist klar.«

»Ich weiß es, ich fühle es,« stöhnte Georg, »und doch suche ich immer wieder nach einem anderen Ausweg.«

»Die Sache ist leider sehr einfach. Eine Heirat ist absolut ausgeschlossen, du hast als Ehrenmann also die Pflicht, in deinem und ihrem Interesse dich von ihr zurückzuziehen. Sieh, Georg, es thut mir weh, dir das sagen zu müssen, aber ich kenne dein zartes Empfinden, dein stark ausgebildetes Moralgefühl. Es giebt für dich nur diese eine Möglichkeit. Und ich weiß auch,« – er senkte die Stimme geheimnisvoll, indem er diese Worte sprach, – »daß der Himmel dich strafen würde, wenn du seine Gesetze mißachtetest.«

Georg nickte nur zur Antwort, zu reden vermochte er nicht. Der Doktor aber ergriff seine Hand, und indem er sie leise streichelte, sagte er: »Ich mache sonst nicht viel Aufhebens von meiner Religion und spreche nicht oft von den Dingen, die uns allen die heiligsten sein sollen. Aber ich habe meinen Gott und habe meine Religion und ich weiß, daß dieser Gott schon auf Erden die Sünde und den Wortbruch bestraft. Ich selbst habe es erfahren.«

Er ließ die Hand los, die er gehalten hatte, und stand auf, als treibe eine mächtige Erregung ihn von seinem Sitz empor. »Du hast mich einmal gefragt, warum ich nicht geheiratet habe. Damals habe ich dir nicht geantwortet, heute will ich es dir sagen; denn mein Schicksal hat große Aehnlichkeit mit deinem. Auch ich liebte eine Frau, eine Witwe, und wurde von ihr wieder geliebt. Kein heiliges Versprechen an ihren ersten Gatten stand zwischen uns, aber sie hatte ihm oft gesagt, daß sie niemals einen anderen nach ihm würde lieben können. Auch das hat dem Himmel als ein Versprechen gegolten. Es war ein Mädchen da aus der ersten Ehe, ein dreizehnjähriges, früh entwickeltes Kind, das mit leidenschaftlicher Liebe an der Mutter hing und mich mit wütender Eifersucht verfolgte. Wir achteten nicht darauf in unserer Verblendung; aber eines Tages, als wir im Garten neben dem Hause saßen, jene Frau und ich, und von unserer Liebe sprachen, da belauschte uns das Kind von einem Fenster des Hauses aus und da –«

Er machte eine Pause und starrte vor sich hin, als sähe er eine Erscheinung. Dann fuhr er noch leiser fort: »Da stürzte das Kind sich von oben herab auf den Kies des Gartens und blieb zerschmettert liegen, wenige Schritte von uns entfernt. Ich habe die Frau niemals wieder gesehen. Eine Tote steht zwischen uns, wie ein Toter zwischen dir und dieser anderen Frau.«

Georg antwortete nicht; mühsam stand er auf mit bleichem; zuckendem Gesicht und ging langsam zur Thür.

»Wo willst du hin?«

»Ich weiß nicht. Irgend wohin. Es ist ja gleich.«

Aber an der Thür blieb er noch einmal stehen und wandte sich um. »Das eine sag' mir noch: ist auch das andere wahr, was man sich erzählt?«

»Welches andere?«

»Daß er, der Tote, gedroht hat, mit etwas Schrecklichem –«

»Du meinst, daß er gedroht hat, zurückzukommen, wenn das Gelübde verletzt würde? Mein Gott, es war ja Thorheit, halbe Fieberphantasie vielleicht, aber wahr ist auch das.«

»Auch das!« Georg schauderte zusammen; dann ging er langsam, mit den tastenden Schritten eines Nachtwandelnden aus dem Zimmer.

Als der Doktor allein war, dehnte er sich und reckte behaglich die Arme, als habe er eine schwere Arbeit hinter sich, mit deren Ausführung er zufrieden sei; dann stürzte er den Rest des Weines hinunter, der in dem Glase geblieben war.

Ein ganz leises, gedämpftes Lachen ließ ihn zur Thür des Nebenzimmers Hinüberblicken. Geräuschlos hatte sich die Portière geteilt, und Fräulein Tietjens war hereingetreten. Er lachte gleichfalls, nur lauter und herzlicher, als er sie sah.

»Hast du gehört?« fragte er.

»Das meiste,« gab sie zur Antwort, »ich kam gerade zur rechten Zeit.«

»Habe ich meine Sache nicht gut gemacht?«

»Daß du ein Schurke bist, weiß ich lange,« gab sie ruhig zur Antwort, »den Schauspieler in dir habe ich heute bewundert.«

»O ja, ich habe einiges Talent,« entgegnete er wohlgefällig und warf einen Blick in den Spiegel. »Aber das beste war doch die Geschichte mit dem Kinde, das aus dem Fenster springt, was?«

Die letzten Spuren der anfänglichen Heiterkeit erloschen plötzlich in Fräulein Tietjens Gesicht, das drohend und finster wurde, als ziehe eine Gewitterwolke darüber hin.

»Als du dies erlogene Kind umbrachtest, hast du da nicht an ein anderes gedacht?«

»Sei still!«

»An dein Kind, an unser Kind?«

»Sei still und geh'!«

»Ich gehe. Aber der Tag wird noch einmal kommen, an dem es zwischen uns Abrechnung giebt über diese Sache.«

Er machte eine Bewegung, als wolle er sie zurückhalten, doch besann er sich und ließ sie schweigend hinausgehen. Er blieb allein, warf noch einen Blick auf den Spiegel und zündete sich eine neue Cigarre an. –

Georg war auf sein Zimmer zurückgekommen, ohne zu wissen, wie; nun saß er dort, bis die frühe Dämmerung sich in Dunkelheit verwandelte, und der Abend seinen schwarzen Mantel über die Erde breitete. Ohne Speise, ohne Licht saß der einsame Mann in dem finsteren, niedrigen Zimmer und grübelte vor sich hin, ohne einen Strahl von Hoffnung zu finden. Endlich duldete es ihn nicht länger in dem öden Gemach. Hut und Ueberzieher riß er vom Nagel und eilte hinaus. Auf dem Korridor des Vorderhauses, in der Nähe der Zimmer, in denen er die geliebte Frau vermutete, ging er ganz leise auf den Zehen, als fürchtete er, sie durch seine Schritte herbeizurufen.

Auf der Straße wandte er sich seitwärts, unbelebten Gassen zu, die ihn rasch aus der Stadt hinaus auf den hohen Wall führten. Es hatte zu schneien aufgehört, aber der Schnee lag tief; einzelne Sterne kamen am gereinigten Himmel hervor. Hier auf dem Walle ging um diese Zeit kein Mensch, außer dem einen schmerzvollen Manne. Ganz langsam stieg er die Böschung hinan und ging an den Mauern der Gärten entlang, die zu der Irrenanstalt gehören. Dann immer weiter, der Biegung des Walles nach Süden folgend. Auf der Brücke, der Bischofsmühle gegenüber, blieb er einen Augenblick stehen, aber das Rauschen und Brausen des Wassers drang laut zu ihm empor, machte ihn schaudern und trieb ihn hinweg; nun wieder zum Wall an der anderen Seite der Stadt empor und unter den kahlen, schneebedeckten Bäumen dahin, bis er den Kehrwiederthurm links neben sich in der Tiefe erblickte. Er blieb aufs neue nachsinnend stehen, und ein jähes Weh durchfuhr sein Herz, als er der schönen Sage gedachte, die ein verirrtes Mädchen durch den Klang der Glocken von diesem Turm heimführen läßt aus Wildnis und Verderben. Für ihn gab es keine Heimkehr mehr in sein bisheriges Leben! Keine Glocken gab es, die ihm freundlich und tröstlich den Weg zeigten, den er zu wandeln hatte, um Glück und Frieden wiederzufinden. Keine Hoffnung, keine Hilfe, keinen Ausweg aus dem furchtbaren Labyrinth!

Nachdem er noch eine Weile planlos und ziellos umhergeirrt war, überkam ihn eine angstvolle Sehnsucht nach Menschen und Licht. Er ging zur Union, der alten Paulinerkirche, die in seltsamer Verkehrung ihres Zweckes zum Restaurant geworden ist. Als er nun aber den gewölbten Raum betrat und die Stimmen plaudernder, lachender Gäste vernahm, da flüchtete er sich doch vor ihnen in einen einsamen Winkel, wo niemand ihn störte. Die Speisen, die er sich bringen ließ, berührte er kaum, ein Glas Bier stürzte er eilig hinunter, dann brach er wieder auf und begann mit ermattenden Knieen seine Wanderung aufs neue, diese aussichtslose Flucht vor den eigenen Gedanken.

Es war spät in der Nacht, als er nach immer wiederholtem Zögern in die Nähe seiner Wohnung zurückkam. Aber auch jetzt konnte er sich noch nicht entschließen, sie zu betreten; es war ihm, als müsse er ersticken in dem Raum, der ihm sonst Frieden und Behagen gewährt hatte. Die dunklen Massen der Michaeliskirche zogen ihn an, die mit ihren niedrigen Türmen sich breit vor ihm erhob; mehr noch die finsteren Mauern der Irrenanstalt daneben, die eine Welt von Trauer und Elend umschließen. Nicht weit von der Pforte, hinter der so mancher für immer verschwunden ist aus den Reihen der Menschen, trat er in den Schatten eines Portals, über dem die Figur eines Bischofs in farbigen Gewändern segnend die Hände erhob. Es war ihm gewesen, als gehe jemand hinter ihm, und er müsse den Rücken sich decken gegen einen unbekannten Feind. Eng preßte er sich an die Wand und horchte; aber es mußte das Klopfen des Blutes in seinem Ohr gewesen sein, das ihm wie Klang von Menschentritten gewesen war. Alles war still; in feierlichem Schweigen stand die Kirche ihm gegenüber auf der Erhöhung, die sie trägt.

So verbrachte er eine Zeit, deren Dauer er nicht abzumessen vermochte, in seine Ecke gedrückt, in schmerzlichem Sinnen. War dort vielleicht hinter den Mauern der Anstalt das Ziel seines Weges durchs Leben? In dieser Stunde meinte er zu fühlen, wie seine Gedanken sich verwirrten, wie der müde Geist anfing, zu schwanken und abzuirren von der geraden Bahn. Und jetzt – gewannen die Wahnvorstellungen sichtbare Gestalt; war es eine Hallucination, die vor ihm sich erhob und lautlos dahinschwebte über den Schnee der winterlichen Erde? Er schloß die Augen, aber als er sie wieder aufthat, war die Gestalt noch immer zu sehen und hatte den Weg fortgesetzt, den sie begonnen hatte. Es war eine männliche Figur, soviel vermochte er zu erkennen, eher klein als groß, die sich mit vorsichtigen Schritten auf das heilige Gebäude zu bewegte. Ueber die eine der niedrigen Treppen, die zu der Kirchenanhöhe emporführen, über die entweihten Leichensteine, die hier von Menschenfüßen getreten werden, glitt sie hinauf, näherte sich der Westseite der Kirche und verschwand in ihrem Schatten.

Als würde er von der Erscheinung angezogen, folgte Georg ihr nach, stieg mit leisen Schritten gleich ihr die schneebedeckten Stufen hinan und konnte, vorsichtig sich nähernd, eben noch erblicken, wie sie auf eine kleine, rundbogige Thür in einer Mauer zuschritt, die an das westliche Ende der Kirche sich unmittelbar anschließt. Er wußte, daß hinter jener Mauer der Zugang zu der uralten Krypta sich befindet, die den Sarkophag des heiligen Bernward birgt. Als er noch einmal hinsah, war die Gestalt verschwunden. Ein Geräusch vom Oeffnen der Thür hatte er nicht gehört; wer sollte auch jetzt, um diese Stunde, auf den Gedanken kommen, die heilige Gruft zu besuchen? Aber die Gestalt war verschwunden, und Georg hätte geglaubt, daß eine Schöpfung seiner Phantasie vor ihm aufgestiegen sei, wenn nicht doch die Spuren von Menschentritten im Schnee, die er beim matten Schein einer fernen Laterne jetzt deutlich zu erkennen meinte, und die zu der kleinen Thür hinüberführten, ihm die Wirklichkeit der Erscheinung bewiesen hätten.

Aber was galt es ihm, ob Wirklichkeit, ob nicht? Das rasch erwachte Interesse war ebenso schnell wieder erloschen, und von neuem fühlte er nur noch das bohrende, nagende Weh in seiner wunden Brust und das verlorene Glück. Mit einem schmerzlichen Stöhnen wandte er sich ab, und indem er nun endlich heimschritt zu seiner öde gewordenen Behausung, nahm er in Gedanken den letzten Abschied von allen Hoffnungen eines sehnsuchtsvollen Herzens.

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