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Im Haus der Witwe

Robert Kohlrausch: Im Haus der Witwe - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Kohlrausch
titleIm Haus der Witwe
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierte Auflage
yearo.J.
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Erstes Kapitel

Das zusammengesunkene Feuer leuchtete durch einen schmalen Spalt an der Thür und einen zickzackförmigen Riß in der Platte des stattlichen Herdes nur noch mit ermattender Glut hervor. Aber doch war die Küche im ersten Stockwerk des alten Hauses an diesem Winterabend voller Wärme und Licht, während draußen der Wind ein leichtes Schneegestöber vor sich hertrieb und zuweilen mit heulendem Ton hineinfuhr in den viereckig trichterförmigen, mächtigen Schlot, der über der ehemals offenen Feuerstelle in die Höhe führte. Jetzt war dieser Rauchfang mit fester, sicherer Platte geschlossen und wehrte dem ungestümen Besucher den Eintritt. So war es ruhig und hell in dem behaglichen, niedrigen Raum, – niedrig wie alle übrigen Räume in dem vor Jahrhunderten errichteten Gebäude.

Die Küche war von unregelmäßiger Gestalt; beim Eingang vom Korridor her nicht allzu breit, erweiterte sie sich von der Mitte ab durch einen Vorsprung nach rechts um die Breite eines Fensters, dem zu Liebe man diesen Ausbau geschaffen hatte. Es war das einzige, das bei Tage direkt von außen Licht hereinführte; zwar befand sich ein Fenster auch in der Thür, doch kam von hier nur die gedämpfte Helle vom Korridor.

Vier Personen waren beim Schein einer Petroleumlampe aus weißem Milchglas hier versammelt, deren Licht im blinkenden Kupfer von Kasserollen und Kesseln, im Messingbeschlag des Herdes, im blanken, blauweißen Porzellan der Börte sich freundlich spiegelte. Am Tische zur Linken, der die Lampe trug, saß eifrig strickend eine weibliche Person von nahezu fünfzig Jahren in altmodischer Köchinnentracht, eine weiße, den Kopf dicht umschließende Haube auf dem noch ungebleichten, braunen Haar, die Röte der Gesundheit auf dem vollen, zufriedenen Gesicht. Nicht weit von ihr, dem Herde näher, aber doch noch im vollen Scheine der Lampe saß ein Mädchen von einigen zwanzig Jahren, ein wenig koketter, aber doch einfach gekleidet mit blassem, gutmütigem Gesichte, das im Schnitt und Ausdruck, mit seinen hervorquellenden Augen an das eines Fisches erinnerte. Sie las eifrig in der neuen Lieferung eines Kolportageromans, abgewandt von den anderen, die Füße gegen den Kohlenkasten gestemmt. In der äußersten Ecke zur Rechten, dicht neben dem einzigen Außenfenster befand sich auch ein männliches Wesen, das auf einem unbequemen Sitz, einem steinernen Ausguß, über den ein Brett gelegt war, eine kurze Pfeife rauchend, mit herabhängenden Beinen behaglich dasaß. Er mochte so alt sein wie die Köchin, und sein Gesicht war ebenso voll und rund wie das ihre, die kurzgeschnittenen Haare waren aber bereits ergraut, und um die Augen herum waren Falten in die wettergebräunte Haut eingegraben.

Die vierte der anwesenden Personen hatte sich so tief in die Ecke der Küche zur Rechten der Thür hineingedrückt, daß ein Eintretender sie leicht übersehen hätte. Es war ein Mädchen, ein Kind noch, von dreizehn Jahren vielleicht, aber lang aufgeschossen für sein Alter und von erschreckender Magerkeit. Aus dem zu kurz gewordenen, dürftigen Kleide schauten Arme und Beine lang hervor; das hagere, an den Schläfen eingefallene Gesicht war von gelblicher Farbe, große braune Augen blickten angstvoll umher. Das Haar von mattem Blond war glatt an den Kopf gestrichen und hinten in einem einfachen Knoten zusammengehalten. Die Tracht war sauber, aber trotzdem ging ein Hauch von Armut, Not und Entbehrung von dem Kinde aus. Es saß auf einem niedrigen Schemel zusammengekauert da und aß mit beinahe tierischer Gier aus einer braunen, irdenen Schüssel, die allerlei Reste vom Mittagessen enthielt, und die es mit den dürren Fingern der linken Hand eifersüchtig umklammerte. Zuweilen warf das Mädchen einen Blick voll scheuer Furcht auf eine der übrigen Personen, um dann mit verdoppelter Hast über die Mahlzeit herzufallen.

Solch' einen Blick hatte die Köchin eben aufgefangen. Mitleidig schüttelte sie den Kopf. »Iß dir man satt, Hanne, iß dir man die Falten aus 'n Magen, es is dich gegönnt. Es is ja zum Gottserbarmen, bloß diese Arme mit anzusehen, die jeden Augenblick abbrechen können. Nee, Hanne, bei dich hat der liebe Gott zuviel Knochenbeilage gegeben.«

Das Kind antwortete nicht; es nickte nur kurz und führte von neuem den Löffel zum Munde. Die freundliche Spenderin der Mahlzeit aber fuhr fort zu reden. »Es is'n Elend, wenn man sich's bedenkt, wie ungleich der Geld in der Welt verteilt is. Da sitzt sie, was unsere Frau is, keine dreißig Schritte von hier in ihre beiden Salöner da vorne und hat Geld wie Heu. Nich, daß ich was gegen ihr sagen wollte; es is 'ne gute Frau un 'ne Frau, die 'n Herz hat vor die Armen un gut is zu die anderen Menschen und denkt, was sie helfen könnte, so jung sie noch is, – aber bei alledem nichts destoweniger, womit hat sie's denn verdient, daß sie so reich is? Un wenn ich denn diesen Wurm da ansehe, diesen abgerissenen, mageren Wurm, un 'n taubstummen Vater hat er auch noch un keine Mutter nich mehr, – nee, wenn wir den lieben Herrgott nich hätten, der das alles besser versteht un weiß, denn wär' es keinem Vergnügen mehr, auf der Welt zu sein.«

Der Mann auf dem Ausguß hatte bisher bewegungslos dagesessen und still geraucht; jetzt hob er langsam den Arm, den die blaue, gestrickte Wolljacke eng umspannte, und nahm die Pfeife aus dem Munde. »Laß gut sein, Karoline,« sagte er, »wir haben es hier alle noch ganz schön. Und Hanne wird heute auch wohl noch mal satt werden.«

»Mit dich wollte ich gerade reden,« entgegnete Karoline und wandte sich energisch ihm zu. »Du hast mich noch nich mal erzählt, wie das heute mit dem Neuen gegangen is. Un ob du ihm gesagt hast, daß wir hier in meine Küche zusammen kommen für gewöhnlich, wenn wir fertig sind mit die Arbeit. Alle, die wir hier im Haus in Stellung sind. Un daß er auch kommen dürfte, wenn er am Ende wäre mit 'n Servieren beim Herrn Doktor un wenn er sich anständig betragen thäte.«

»Jawoll, gesagt habe ich ihm das, und ich denke auch woll, daß er kommen wird. Aber ob er dir sehr gefällt –«

»Glaube nich, daß er mich gefallen wird. Was so aus Berlin zu uns kommt, – na, ich danke! Un vermoralisieren lassen wir uns hier nich, das werde ich ihn gleich heute abend sagen, un daß er froh sein kann, daß er 'raus is aus den Sündenpfuhl.«

»Karoline, bist du denn eigentlich mal in Berlin gewesen?«

»Der Himmel soll mir bewahren! Dazu is mich meine Tugend zu lieb.«

»Na, wie's mit seiner Tugend bestellt ist, das kann ich nu nicht sagen. Aber mit Pferden weiß er Bescheid, dafür hat er bei den Garde-Dragonern gedient, und servieren soll er ja auch können, wenn er auch nur ein paar Monat erst in Berlin in Stellung gewesen ist. Der Herr Doktor wird also woll mit ihm zufrieden sein.«

»Wir wollen's abwarten; in Zeugnisse steht viel, un der Papier is geduldig. Aber das wollte ich dich noch sagen, wenn er da is, denn mußt du mir Sie nennen. Denn wenn in Berlin 'n Frauensmensch un 'ne Mannsperson du zu einander sagen, ohne daß sie verwandt oder verschwägert sind, denn denken sich die Leute da gleich ganz scheußliche Dinge bei. Un 'ne andere Arbeit will ich mich auch kriegen; wenn er sieht, daß ich dich, mit Erlaubnis zu sagen, 'ne Unterhose stricke, denn könnte er uns gleich Intimitäten nachrühmen, un die will ich nich auf mich sitzen lassen.«

Sie war eifrig aufgestanden, zog die Schublade des weißgescheuerten Tisches heraus und legte ihre bisherige Arbeit hinein, um ein Nähzeug statt dessen hervorzuholen. Auch eine Brille brachte sie zum Vorschein, die sie für die feinere Arbeit jetzt auf die Nase schob.

Der Mann in der Ecke nahm wieder die Pfeife aus dem Munde. »Karoline,« sagte er, »wenn du Redereien fürchtest, da könntest du ja leicht abhelfen. Warum willst du mich denn nu eigentlich immer noch nicht heiraten? Denn könnten wir gleich sagen, wir sind ein Brautpaar und in allen Ehren, und die Sache wäre gut.«

Sie hatte ihre Vorbereitungen zur Arbeit jetzt beendet und saß auf ihrem alten Platz, emsig mit Nähen beschäftigt. »Ferdinand, wie oft soll ich dich das sagen?« entgegnete sie. »Du bist mich noch nich gebildet genug.«

»Karoline, du bist zu anspruchsvoll.«

»Mag woll sein. Aber ich bin nu mal selber 'ne ungebildete Person, was ja auch keinem Wunder is, weil ich doch sozusagen gewissermaßen bei die Schweine hergekommen bin. Jawoll, das bin ich,« fügte sie mit Nachdruck hinzu und warf einen zornigen Blick auf das lesende Mädchen, das schon ein paarmal ungeduldig auf seinem Sitze hin und her gerückt war.

Jetzt wandte es das Gesicht der Köchin zu und sagte mit einer hohen, weinerlichen Stimme: »Karoline, Sie machen mich nervös, wenn Sie immer dasselbe erzählen.«

»In meine Küche erzähle ich, was ich will, un wer's nich hören mag, der kann sich von hinten besehen lassen. Ja, Ferdinand, so is es, bei die Schweine bin ich sozusagen hergekommen, un die Eltern haben nichts gehabt, un da sind sie mit in die Stube herumgelaufen wie die Hunde, un einmal, wie es sehr kalt gewesen is in'n Winter, da habe ich sechs kleine Ferkel mit in meinem Bett nehmen müssen, damit daß sie uns nich verfroren sind. Na, gut hat es sie gethan, un stark un fett sind sie geworden, un Weihnachten haben wir sie geschlachtet, un der eine Schwein hat 200 Pfund gewogen, un das war ja allens ganz schön, aber es is doch was davon an mich hängen geblieben.«

»Das ist gar nicht so schlimm, Karoline. Mir bist du schon lange gebildet genug, und mit deinem Deutsch, was du redest, – mir gefällt das schon ganz schön. Du sprichst überhaupt gar nicht so falsch, wie du denkst, das muß ich doch jetzt wissen, wo ich dir zuliebe so oft abends in den Verein gelaufen bin und mein Teil gelernt habe. Nee, wirklich, du sprichst ganz schön, nur hast du eine zu große Vorliebe für das männliche Geschlecht. Eben hast du erst wieder gesagt: ›Der eine Schwein‹, und das ist nicht richtig, Karoline.«

»Ferdinand, das is mich denn doch zweifelhaft.«

»Aber Karoline –«

»Was ich dich sage, es is mich zweifelhaft. Siehst du, un ehe ich mir in diese Punkte nich ganz fest auf dir verlassen kann, da werde ich auch nich deine Frau. Es paßte ja übrigens ganz schön; du oben im zweiten Stock beim Herrn Doktor, ich hier in meine Küche im ersten, oder du unten in 'n Stall, un ich wieder hier in meine Küche, das könnte 'ne ganz glückliche Ehe geben. Aber unser Seliger, der Herr Regierungsrat, hat selbst mal zu mich gesagt: ›Karoline‹, hat er gesagt, ›Sie sind soweit 'ne tüchtige Person, un was Kartoffelklöße anlangt, da giebt es keine zweite in die ganze Stadt, aber mit 'n Akkurativ und David da stehen Sie auf gespannten Fuße.‹ Siehst du, Ferdinand, das hat mich weh gethan. Un weil's für mir selber nu doch mal zu spät is wegen die jugendliche Schweinerei, da will ich wenigstens einem gebildeten Manne haben.«

»›Einem gebildeten Mann‹ ist auch falsch, Karoline,« sagte Ferdinand Elster, der Kutscher, um sein geistiges Uebergewicht zu beweisen.

»Ferdinand, das is mich wieder zweifelhaft,« entgegnete die Köchin, »un ehe ich nich ganz sicher gehe, da kann ich dir auch nich heiraten, so leid es mich thut. Halte dir 'ran, Ferdinand, mach' dir namentlich mit den Akkurativ vertraut un den –« Sie kam nicht zu Ende; denn in diesem Augenblick ließ ein eiliger Schritt sich draußen vernehmen, und die Thür vom Korridor her wurde hastig geöffnet.

»Donnerwetter, is det 'n verteufelter oller Kasten! Euer Hildesheim scheint ja en verrackertes Nest zu sind,« rief der Eintretende, ein junger Diener in einfacher, dunkelblauer Livree, die nur sparsam mit Silber besetzt war. Sein hübsches Gesicht mit frischen Farben, sorgsam aufgewirbeltem Schnurrbart und hellen Augen schaute ein wenig frech in die Welt.

»Wer mich in meine Küche kömmt, der wünscht mich un die anderen guten Abend, un übrigens, was 'n halbwegs gebildeter Mensch is, der spricht nich von Hildesheim, sondern vom Potte, Hildesheim heißt im Volksmund Pott-Hilmsen, oder kurzweg der ›Pott‹.« sagte Karoline; der Diener aber gab nicht acht auf ihre Worte.

»Sechsmal habe ick mir verloofen, bis ick hierher jefunden bin,« sprudelte er hervor. »So wat von Zängen un Treppen un Ecken un dunkle Löcher, det lebt ja weiter jar nich! Un niedrig is et überall, niedrig, – zehnmal mindestens bin ick heute schon irjendwo mit dem Kopfe jegenjeloofen, weil ick verjessen hatte, mich zu bücken. Vorhin mache ich 'ne Thür auf, da sehe ick wieder so 'n dunkles Loch, denke, det is en Wandschrank oder so wat, auf einmal merke ick, daß 'ne Treppe drin nach oben führt. Die bin ick aber nich jegangen, die Jeschichte war mir denn doch zu unheimlich. Der Deubel weiß, wat die Kerle, die diese Häuser jebaut haben, mit all' diesen kleenen Löchern jewollt haben, in denen sich 'n Mensch kaum umdrehen kann. Die sind doch nur jut für die Ratten.«

»Ratten giebt es nich in das Haus von Frau Regierungsrat Henninger,« bemerkte Karoline streng.

»Na, denn vielleicht für Jespenster,« sagte der Diener und lachte.

»Das könnte eher möglich sein.«

Der junge Bursche war bisher lebhaft in der Küche auf und nieder gegangen, als er aber jetzt hörte, wie ernsthaft die Köchin seinen Scherz beantwortete und die Möglichkeit überirdischer Genossen in den Gängen und Winkeln des alten Hauses zugab, blieb er stehen und schaute verdutzt, mit halboffenem Munde zu ihr hin.

Da sie erkannte, daß sie auf dem Wege sei, ein Uebergewicht über den Kecken zu gewinnen, legte sie ihr Gesicht in noch ernsthaftere Falten und sagte: »Na, umsonst wird unser Haus doch woll seinen Namen nich haben.«

»Welchen Namen?«

»Das wissen Sie noch nich? Un wollen hier Diener sein? Nee, so was! Das Haus der Schatten nennen sie ihm.«

»Haus der Schatten?«

»Jawoll. Un genau genommen kommt dieser Bezeichnung von 'ner Inschrift her, die über die Hausthür steht. In Ihren Berlin mag das ja woll nich Mode sein, aber hier is es Mode un is es immer gewesen, un darum setzen sie so 'ne Inschriften über den Thüren. Un meistens sind sie noch gut zu lesen, aber hier bei unserer Thür is sie schon ganz verwischt, als hätte man ihr mal mit Absicht ausgekratzt. Un das is sonderbar, denn was sonst noch an die Thür is von Gesichter und Schnörkeleien un so was, das is allens noch klar zu sehen. Da oben sind aber nur noch 'n paar Buchstaben übrig geblieben un die lesen sich wie ›Schatten‹.«

»Karoline,« – begann der Kutscher würdevoll von seinem Sitze herab, den er nicht verlassen hatte.

»Ferdinand, ich weiß, was Sie sagen wollen,« unterbrach sie ihn, indem sie das ›Sie‹ in der Anrede bedeutungsvoll betonte. »Der Herr Regierungsrat selig hat es mich auch mal gesagt, es wäre Unsinn un das wäre lateinisch un hieße gar nich Schatten. Aber, sein Andenken in Ehren, das is mich denn doch zweifelhaft. Für mir heißt es ganz deutlich so, auch wenn ich mit die Brille hinsehe.«

»Na, also weiter hat det mit dem Namen nichts auf sich?« fragte der Diener, und ein Ausdruck der Erleichterung zeigte sich auf seinem Gesichte.

»Das will ich nich behaupten,« gab Karoline mit gedämpfter Stimme zur Antwort. »Man könnte allerlei erzählen, wenn man wollte.«

Sie machte eine Pause, um die Wirkung ihrer Worte zu beobachten, und als sie sah, daß alle Augen an ihrem Munde hingen, daß selbst das Stubenmädchen ihren Roman, und Hanne den Rest ihres Essens vergessen hatte, fuhr sie langsam fort. »Jawoll, allerlei, wenn man wollte. Geredet hat man ja schon lange, aber ich bin hier nu schon fünf Jahre, un da müßte ich lügen, wenn ich sagen wollte, ich hätte was gemerkt. Aber es is nu so 'n Monate sieben oder acht her, da is es losgegangen.«

»Was ist denn losgegangen?« fragte der Diener, seinen Berliner Dialekt vergessend, in gutem Deutsch, warf einen Blick auf die Thür und zog sich in die Nähe des kräftigen Kutschers zurück.

»Das is nich leicht zu sagen,« entgegnete Karoline, die ihr Nähzeug in den Schoß hatte sinken lassen, »'n Geräusch is es sozusagen un denn auch wieder keinem Geräusch, was man so nennt. Aber so 'ne Art von Klopfen oder von Hämmern, aber ganz leise, un man kann nich sagen, ob es in die Wand sitzt oder in die Decke oder wo sonst. Un man hört ihm auch beinah' nich, aber zuweilen doch, wenn ich hier allein sitze, un es is ganz still, denn habe ich ihm doch gehört. Un einmal, Sie waren ja hier anwesend, Ferdinand, wie es den Krach gab un den Donner, un wie der Kalk von die Wände gerieselt is.«

Der Kutscher nickte, ohne die Pfeife aus dem Munde zu nehmen; das Stubenmädchen rückte seinen Stuhl ganz dicht zu Karoline heran, und die gebrechliche Gestalt der kleinen Hanne schien sich noch mehr zusammen zu kauern, während ihre Augen noch größer und schreckhafter aussahen als vorher.

»Einen Donner?« fragte der neue Diener, und es war, als wenn das Sprechen ihm Mühe machte.

»Ja, wissen Sie, wieder auch keinem richtigen Donner. Wieder so ganz von weitem, so wie von die andere Seite von die Erde. Aber gespürt hat man ihm doch, un das Haus hat ordentlich gebebt, aber denn is es still gewesen, un keiner hat erfahren, was der Ding bedeutet hat.«

»Karoline, ich glaube, wir beide haben die Geschichte geträumt,« sagte der Kutscher, dem es unlieb schien, daß die Geheimnisse des alten Hauses vor seinem neuen Kollegen am ersten Abend gleich ausgekramt wurden.

Aber die Köchin bemerkte seine Absicht nicht; es war ihr eine Wonne, die kleine Gesellschaft in ihrer Küche in wollüstiges Grausen zu versetzen. »Ferdinand,« rief sie, »wie können Sie so was sagen! Un wenn sie 's vorn im Haus auch nich gemerkt haben wollen, das macht mir doch nich zweifelhaft. Hier hinten im Flügel haben wir 's gemerkt, un der Herr Assessor würde dem Lärm auch gespürt haben, wenn er dermalen hier schon gewohnt hätte. Na, un wo er hier nu wohnt, ob wir da nich noch ganz andere Sachen erleben, darauf möchte ich keinem Gift nehmen. Denn seit er mit die Frau Regierungsrat –«

Es war kein furchterregendes Geräusch, das sie mitten im Satze verstummen ließ, keiner jener unheimlichen, unerklärbaren Laute, von denen sie erzählt hatte. Klar und rein ertönte vom Korridor her eine frische Menschenstimme, die mit frohem Gesang allen Schatten und Geistern begegnete, die in dem alten Hause lauern mochten. Immer vernehmlicher, immer näher erklang das laut und herzhaft gesungene Lied:

O Sonnenschein, o Sonnenschein,
Wie scheinst du mir in 's Herz hinein!
Weckst drinnen lauter Liebeslust,
Daß mir so enge wird die Brust –

Nun öffnete sich die Thür, und in ihrem braungelben Rahmen, auf der obersten der drei Stufen, die von draußen zu ihr emporführten, erschien eine Mädchengestalt, so frisch, so jung und so ganz erfüllt von knospendem, schwellendem Leben, daß es war, als trete der Frühling selbst herein in den Winterabend. Die wohlgeformte Gestalt war von einem einfachen, blauen Hauskleid umhüllt, in natürlichem Gelock legte das Haar sich um die weiße Stirn, und dunkelgraue Augen blitzten fröhlich aus dem feingeschnittenen Gesichte hervor. Das Mädchen war nur von mittlerer Größe, doch alles an ihr war Ebenmaß, Harmonie, Gesundheit und Heiterkeit.

Einen Augenblick blieb sie stehen, nachdem sie die Thür geöffnet hatte, und schmetterte die letzten Worte ihres Liedes laut hinein in den engen Raum, der eben noch von einem Schauer des Geheimnißvollen war durchweht worden. Was aber die Schatten des Ueberirdischen nicht vermocht hatten, das bewirkte dieses Erscheinen eines frischen Lebens. Ferdinand Elster, der Kutscher, erhob sich langsam von seinem Sitz auf dem Ausguß, ging dem jungen Mädchen entgegen und sagte mit einem behaglichen Schmunzeln: »Sieh da, des Goldschmieds Töchterlein! Guten Abend, Fräulein Wernicke!«

Jetzt schloß sie die Thür hinter sich und trat ein. »Guten Abend, Herr Elster, guten Abend allerseits. Da bist du ja auch noch, Hannchen; sieh, das ist schön, daß du dir Essen geholt hast.« Sie war zu dem Kinde in seiner Ecke herangetreten und strich leise über sein glattes, strohgelbes Haar mit einer Bewegung, so zart und sanft, als müsse von ihren Fingerspitzen das ganze Mitleid ausströmen, das ihre Seele diesem armen, kleinen Geschöpf entgegenbrachte. Dann wandte sie sich dem Diener zu, der neugierig herangetreten war, und sagte: »Sie sind wohl der neue Diener vom Herrn Doktor Jaksch oben? Den vorigen mochte ich nicht leiden, hoffentlich werden wir bessere Freunde. Sie müssen nämlich wissen, daß wir hier im Hause alle gute Freundschaft halten, wenn's irgend angeht. Hier, Karoline, ist unser Mittelpunkt; mit der müssen Sie sich stellen, die tyrannisiert uns alle. Aber man kann sich's gefallen lassen, denn sie hat ein Herz wie Gold.«

»Nich besser wie Ihres, Fräulein Martha,« sagte die Köchin mit behaglichem Lachen. »Man thut, was man kann.«

»Ich komme auch schon wieder einmal, Ihre Güte in Anspruch zu nehmen,« gab Martha zur Antwort und hob eine Theekanne in die Höhe, die sie in der Hand hielt. »Um heißes Wasser komme ich betteln, wenn es noch welches giebt. Nein, nein,« rief sie, als Karoline sich rasch erheben wollte, »es hat noch Zeit, es eilt mir nicht, und eigentlich bin ich ja nur hergekommen, um noch ein wenig zu schwatzen. Ich kann nicht still sein, wenn ich neben anderen sitze, kaum, wenn ich allein bin, – da singe ich mir wenigstens ein Lied. Aber Vater sitzt und zeichnet, und Mutter liegt auf dem Sopha, wie immer, und liest einen Roman; da wurde mir's zu eng, und ich lief hinaus und da bin ich, und nun erzählt mir irgend eine schöne Geschichte!«

Sie hatte die Theekanne fortgestellt und schlug die Hände zusammen wie ein vergnügtes Kind. Der Kutscher rieb sich mit dem Mundstück seiner Pfeife das Knie. »Was man so Neues nennt, das wüßten wir nu just nicht,« sagte er bedächtig.

»Wenn man es nicht was Neues nennen will, daß der Herr Assessor heute abend wieder bei der Frau Regierungsrat sitzt und ihr vorliest oder sonst was.« Es war die hohe, klägliche Stimme des Stubenmädchens Johanne, die diese Worte sprach.

»Nicht klatschen, Johanne,« rief Martha und hob drohend einen Finger, während ihr freundliches Lachen die warnende Bewegung entkräftete. »Und am wenigsten über Ihre Herrschaft und über solche Dinge klatschen! Wenn sich zwei Menschen lieb haben, ich denke mir, das muß das Schönste auf der ganzen Welt sein, so schön wie der Frühling, oder wie Weihnachten, wenn man noch ein Kind ist. Und diese beiden, ihr wißt ja gar nichts Bestimmtes, aber warum sollten sie einander nicht lieb haben? Es ist ja doch schon drei Jahre her, seit der Regierungsrat gestorben ist, und sie ist noch so jung, eben sechsundzwanzig, da kann das Leben doch noch nicht zu Ende sein, so ganz zu Ende für immer. Nein, laßt sie nur glücklich werden, wenn der liebe Gott es will.«

»Gegen dem zu murren liegt mich ferne,« sagte Karoline, die wieder zu nähen begonnen hatte. »Aber wir haben da vorhin so allerlei geredet, alte Geschichten von dieses Haus –«

»Ihre Geistergeschichten wohl gar, Karoline?« rief Martha lachend. »Nein, lassen Sie die Geister ruhen. Es giebt keine Gespenster, und – was ist das?«

Ein Laut, wie aus der Tiefe der Erde unter ihr hervordringend, hatte sie jäh unterbrochen. Zuerst ein heftiger, scharfer Ton, wie von einem Sturz oder einem Schuß, dann ein gedämpfter, lang nachhallender, ersterbender und wieder erwachender Donner. Nun war es still, aber ein leises Zittern und Beben schien noch durch die Wände des Hauses zu gehen, und ein feines Knistern verriet das Niederrieseln des Kalkes von der Decke.

Alle die Leute, die in der Küche versammelt waren, standen aufrecht, horchend, mit angespannten Sinnen hinausforschend in eine dunkle Ferne, aus der das seltsame, unerklärte Geräusch zu ihnen gekommen war. Bleicher noch als die Frauen war der junge Diener geworden, aus dessen frischem Gesicht alle Farbe gewichen war, während die kleine Hanne die geleerte Schale an sich preßte, als könne sie ihr ein Schild sein in der Gefahr.

Als es ganz still blieb, und auch das Knistern des niedergleitenden Kalkes verstummt war, fand die Köchin zuerst den Mut zu erneuter Rede. »Da war ihm wieder,« sagte sie, und ihre Stimme bebte, zugleich aber klang ein leiser Triumph über die Bestätigung ihrer Erzählung von vorhin aus den Worten.

»Ja, so war es damals auch,« fügte der Kutscher hinzu. »Nun habt ihr anderen es ja selber gehört.«

»Das haben wir,« sagte Martha, auf deren Lippen das gewohnte Lächeln schon wieder auflebte. »Aber darum glauben wir doch noch nicht an Schatten und Geister und Gespenster. Die Sache ist nicht abzuleugnen, aber ebendeshalb muß sie sich erklären lassen. Elster, machen Sie doch einmal das Fenster auf.«

»Das Fenster?«

»Jawohl, nach dem Hofe dort; es ist ja das einzige, über das wir verfügen, und von da schien mir der wunderliche Ton zu kommen.«

Der Kutscher schickte sich an, das Fenster zu öffnen, indem er bedächtig das grüne Rouleaux in die Höhe zog, zugleich aber sagte er: »Das wäre ebenso sonderbar, wie die Geschichte selber. Denn in den Hof kann um diese Zeit kein Mensch herein. Ich habe selber das Thor vorhin abgeschlossen, wie ich die Pferde besorgt hatte. Die machen keinen solchen Spektakel, und neben dem Stall ist ja nur noch der Schuppen, in dem es nichts giebt, wie altes Gerümpel. Aber wir können ja immer mal nachsehen.«

Er öffnete jetzt die beiden Flügel des Fensters, hakte sie fest und schaute hinaus. Martha und Karoline traten zu ihm und blickten gleich ihm in den beschneiten Hofraum hinunter, während das Stubenmädchen, der Diener und Hanne sich fern von ihnen um die Lampe scharten. Der Wind hatte noch nicht nachgelassen und schleuderte den Hinausblickenden feinkörnigen Schnee in die Augen, mit dem er auch den Boden der Küche überstreute. Die Gardine am Fenster bauschte sich auf und riß sich los, so daß sie wie eine weiße Fahne in den Raum hineinwehte. Das Heulen im Rauchfang schien in der tiefen Stille, die eingetreten war, zuzunehmen, aber kein anderer Ton, keine Wiederholung jenes drohenden, fremdartigen Geräusches drang herein.

Draußen war nichts Absonderliches zu erkennen. Es war ein viereckiger Hofraum, in den man hinunterblickte, nach der Straße zu durch ein hohes Eisengitter abgeschlossen, an den übrigen drei Seiten von Gebäudeteilen umgeben. An der einen erhob sich das Haus, in dem die Spähenden sich befanden; unmittelbar neben dem Küchenfenster zur Linken schloß ein altes, nur zweigeschossiges Bauwerk sich rechtwinklig an, gegenüber sah man die fensterlose Wand des Nachbarhauses. Nichts regte sich auf der weißen Fläche, die man überblicken konnte, wenn auch der fallende Schnee einen feinen Schleier vor die Augen breitete.

»Da is mich gar nichts,« sagte Karoline mit einem Seufzer der Erleichterung, und auch Martha schüttelte den Kopf. Nur Ferdinand Elster schaute länger hinunter als die anderen, dann wandte er sich halb zurück und fragte: »Riechen Sie nichts? Ich meine, es riecht nach Pulver oder so was.«

Noch einmal beugten die beiden anderen die Köpfe hinaus. Energisch aber trat die Köchin gleich wieder vom Fenster weg und sagte mit Nachdruck: »Meine Nase is gut, aber ich rieche nichts. Nu kommen Sie auch man wieder her un machen Sie dem Fenster zu; Sie wollen uns woll graulen machen un uns dem leibhaftigen Gottseibeiuns vormalen mit Schwefelgestank un Säure. Nee, vormachen lasse ich mich nichts.«

Der Kutscher gehorchte und schloß das Fenster, aber auf seinem breiten Gesichte blieb ein nachdenklicher Ausdruck zurück. Martha stand einen Augenblick überlegend, dann nahm sie hastig ihre Theekanne wieder auf und sagte: »Geben Sie mir schnell ein wenig Wasser, Karoline, wenn Sie so freundlich sein wollen. Ich will doch hinunter gehen und fragen, ob sie vorn hinaus auch etwas gehört haben. Vielleicht hat sich Mutter erschrocken, – danke schön, gute Nacht!«

Sie eilte fort, und es war fast, als werde es dunkler in dem Raum, als ihre hellen Augen nicht mehr darin glänzten. Langsam nahmen die Zurückgebliebenen ihre Plätze wieder ein, enger nebeneinander als zuvor.

Nach einer stummen Pause begann Karoline wieder zu reden. »Nichtsdestoweniger is es ja eigentlich Unsinn, an so was zu glauben, un es steht nichts von ihm in die Bibel, un der Herr Regierungsrat selig hat es mich auch so un so oft gesagt, aber wenn ich mich so bedenke, daß er nu schon selber drei Jahre tot is, un was da vorhergegangen is, du lieber Gott, da könnte man manchmal glauben, daß er doch vielleicht selber –«

»Karoline!« Der Kutscher sagte es würdevoll und mit Nachdruck, sie aber schüttelte lebhaft den Kopf. »Nee, Ferdinand, ich weiß woll, bis jetzt habe ich nur mit Sie von die Geschichte gesprochen un mit keine Seele sonst, aber wo das nu heute wieder passiert is, man kann doch nich wissen, was einem von die anderen mal begegnet, un denn können sie noch nich mal sagen, was der Sache bedeutet.«

»Karoline, Sie sollten es lieber unterwegs lassen,« warnte Elster noch einmal, doch sie ließ sich nicht Ruhe gebieten. »Nee, wirklich, so 'ne Sache muß man auf 'n Grund gehen, so ganz bis unten hin, was die Tage sind, ehbevor der Herr Regierungsrat gestorben is. Mein Lebtag habe ich ja so was nich gesehen von Liebe, wie zwischen den un seine Frau. Ich denke, sie stirbt mich unter'n Händen, wie wir ihn fanden am Morgen, un er war ganz alleine gestorben in die Nacht, weil wir doch gedacht hatten, es ginge zum Besseren. So 'ne vier Tage vorher hatten wir ja schon geglaubt, es wäre mit ihm am Ende, un da is es ja auch gewesen, wie er von seine Frau sich hat in der Hand versprechen lassen, daß sie nie wieder heiraten thäte. Na, menschenfreundlich war das nu grade nich von ihn, so was zu verlangen, wo sie doch noch so jung war, eben dreiunzwanzig damals; aber wenn einen der Tod an die Kehle sitzt, denn kann man woll keine große Menschenfreundlichkeit verlangen sein, un richtet nich, auf daß ihr nich gerichtet werdet! Un jedenfalls hat sie ihn allens versprochen, wie er es hat haben wollen; einige sagen, sie hätte es ihn schwören müssen, ordentlich mit 'n heiligen Eid. Na, ich bin nich dabei gewesen un kann keine Genauigkeit darüber sagen, aber die dem Ding so erzählen, die wollen ja auch noch allerlei anderes wissen –«

Sie hatte zuletzt immer leiser gesprochen und warf einen scheuen Blick nach der Thür. Das Stubenmädchen riß die vorquellenden Augen immer weiter auf, und die Kleine, die ihre Schale jetzt fortgesetzt hatte, schmiegte sich fest an die Lehne des Holzstuhles, auf dem die Köchin saß, während die hageren, blutlosen Hände sich angstvoll in die Falten ihres Kleides hineinkrampften. Als Karoline jetzt fortfuhr, kamen die Worte nur noch geflüstert aus ihrem Munde.

»Wissen wollen sie, daß er gesagt hat, wenn sie jemals ihn vergäße un 'n anderen lieb gewönne un dem heiraten thäte, denn wollte er, was der Regierungsrat war, aus seinen Grabe wiederkommen un als Schatten sich zwischen den beiden hinstellen. Un denn sollten sie so 'n Gruseln kriegen, daß sie die Lusten ans Heiraten verlören. Jawoll, das sagen sie, un wenn ich mich nu bedenke, wie sich doch da offenbarlich was anspinnt zwischen die Frau Regierungsrat un den Assessor, un sie hat ja auch gesagt, er erinnerte ihr so an den Seligen, was ich nu nich finden kann, aber ich habe ihn ja auch nich so nahe gestanden, da meine ich doch, man muß die Augen offen halten. Die Augen un die Ohren, denn gesehen haben wir ja bis jetzt noch nichts, aber gehört, un wenn es nu vielleicht dem Geist von den Herrn Regierungsrat wäre, wo sich so ankündigt, un dem Donner und Rumoren wäre nur 'n Vorspiel von andere sichtbarliche Dinge, die uns noch bevorständen, un es ginge wirklich los mit so 'ne Erscheinung hier in unser Haus, denn –«

Das Stubenmädchen, das mit dem Gesichte nach der Thür zu gesessen hatte, stieß einen schrillen Angstschrei aus und sprang empor. Ohne daß man einen Schritt auf dem Gange draußen vernommen hätte, war die Thür plötzlich aufgerissen worden, und eine männliche Gestalt war auf der Schwelle erschienen. Der neue Ankömmling war nicht groß und nicht stark, aber von fester, sehniger Gestalt. Er war einfach gekleidet, wie ein Handwerker am Feierabend, unter dem schwarzen Jackett sah man noch die blaugestreifte Arbeitsblouse. Er war barhäuptig, und sein dichtes, dunkles Haar stand kurzgeschnitten empor. Die Farbe des edelgeformten, nur etwas zu kleinen Gesichtes mit gerader Nase und schön gemeißelter, zurücktretender Stirn war auffallend bleich, als hätte er einen Schrecken oder eine große Erregung gehabt, die schwarzen Augen brannten unter dunklen und starken Brauen. Um die linke Hand hatte er ein rotes, baumwollenes Tuch gewickelt und preßte sie gegen die Brust. So blieb er in der Thür stehen, als banne der Schrei, der ihm entgegengeklungen war, ihn dort fest. Auch die Sprache fand er nicht gleich; wortlos blickte er einen Augenblick auf die erschreckte Schar.

Wieder war es die mutige Köchin, die nach der plötzlichen Ueberraschung zuerst Worte fand. »Sie sind's, Herr Neuert?« sagte sie mit einer gewissen Strenge im Ton. »Das is mich ja 'ne seltene Ehre in meine Küche, un anklopfen thut man sonst bei mich auch. Aber glauben Sie nich, daß wir uns vor Sie erschrocken haben; das war nur, weil wir eben –«

»Ich wollte Sie um etwas bitten,« sagte er; seine Stimme klang rauh, und sein Atem ging rasch, obwohl er es zu verbergen suchte.

»Na, denn bitten Sie man zu,« entgegnete Karoline kürzer, als sonst ihre Art war.

»Ich komme eben von der Arbeit nach Haus und bin in Gedanken, und wie ich die Hühnerleiter zu meinem Zimmer hinaufklettern will, da trete ich fehl. Und wie ich mich halten will am Geländer, da packe ich in einen großen Nagel, der da vorsteht, und an dem ich mir neulich auch den Rock zerrissen habe. Wollte ihn schon lange mal herausziehen. Da habe ich mir nun eine ganz gehörige Wunde gerissen und wollte fragen, ob Sie mir etwas altes Leinen geben könnten; ich habe nur den Baumwolllappen da.«

»Nu natürlich!« rief Karoline, sprang empor und riß die Schublade des Tisches auf, um ein Packet altes Leinen hervorzuholen. Hilfsbereit ging sie auf den Verletzten zu, der nur einen Schritt weiter in die Küche hereingetreten war, ohne die Thür zu schließen, und hob die Hand, seine Wunde zu untersuchen. »Kommen Sie her, ich will Ihnen verbinden,« sagte sie mitleidig, er aber wehrte ihr und wich zurück.

»Nein, nein, ich danke,« sagte er kurz und hastig. »Das kann ich schon selbst, ich will Sie nicht weiter bemühen. Geben Sie mir nur, bitte das Leinen, ich werde schon allein fertig.«

»Wie Sie beliebt.« Sie reichte ihm das Verlangte und wandte sich ab, ungehalten über die schroffe Ablehnung ihrer Hilfe. Langsam war der Kutscher herangetreten und hatte den Vorgang beobachtet.

»Sie haben aber heute lange gearbeitet,« sagte er zu dem anderen, der sich bereits zum Gehen gewandt hatte. »Wenn Sie doch sagen, daß Sie eben erst nach Haus gekommen sind –«

»Es ist viel zu thun jetzt,« war die kurze Antwort.

»Wo haben Sie denn Ihren Hut gelassen? Bei dem Wetter läuft man doch so nicht gern in der Welt herum.«

»Meinen Hut? Ich weiß nicht, – ich muß ihn verloren haben. Vorhin beim Ausgleiten auf der Treppe. Ich will ihn gleich suchen. Und schönen Dank noch einmal.«

Ohne weiter Rede zu stehen, ging er hinaus, zog die Thür hinter sich zu und entfernte sich mit denselben lautlosen Schritten, mit denen er gekommen war.

»Die Sache scheint mir nicht ganz in der Ordnung,« sagte Ferdinand Elster nachdenklich.

»Mich auch nich,« bestätigte Karoline und legte die fleischige Rechte auf die volle Brust, »mich wahrhaftig nich! Un dem ganzen Leinen hat er auch mitgenommen.«

»Wer war denn det egentlich?« fragte der neue Diener.

»Der Franz Neuert war es, der oben auf dem Boden im Giebel sein Stübchen hat, noch nicht ganz so hoch freilich wie der alte Kauz, der Herr Busenius,« antwortete mit kokettem Augenaufschlag das Stubenmädchen, dem der frische Bursche, an dem noch ein Rest von militärischer Schneidigkeit hängen geblieben war, zu gefallen anfing. »Ach, ich hätte den Tod haben können von solchem Schrecken! Ich bin nämlich so nervös!«

»I, wer wird denn!« gab er keck zur Antwort. »Mir sollen die Jeister mal kommen, ick will ihnen schon weisen, wat en Berliner Junge is!« Er rief es um so lauter, je angstvoller er selbst vor einer Viertelstunde dreingeschaut hatte.

Aber die Köchin ließ ihm nichts durchgehen. »Wissen Sie,« sagte sie und trat dicht vor ihn hin, »mit den Berlinertum von Sie is das nu nich weit her. Sie sind aus Peine zu Hause, un von so 'n paar Jahr Soldatenspielen wird man, Gott sei Dank, noch keinem Berliner, wenn man auch vielleich allerlei dumme Streiche lernt. Un was Ihren Mut anbetrifft, dem haben Sie sich noch ganz wo anders geholt, als wie in Peine. Ich habe Ihnen ganz genau im Auge gefaßt vorhin, wie Sie gebibbert haben an die ganze Persönlichkeit un wie Sie blaß gewesen sind wie 'n Bettlaken. Nee, Jungchen, nich aufspielen, wenn wir gute Freunde bleiben sollen in meine Küche. So, un nu is es zehne, un nu gehen wir zu Bette, un denn schließt Ferdinand dem Hause zu. Vor dir is das auch schon spät geworden, Hannchen. Sag' gute Nacht un geh' zu Vater.«

»Ja, zu Vater,« murmelte die Kleine, die noch immer wie erstarrt vor Schrecken dagestanden hatte. Mit zitternden Fingern setzte sie einen zerknitterten, braunen Strohhut auf – ein gar schwacher Schutz in dieser Nacht voller Wind und Schnee – legte ein dünnes, gehäkeltes Tuch um die Schultern und gab der Köchin zum Abschied ihre kalte, bebende Hand.

»Schönen Dank auch und gute Nacht auch,« sagte sie und ging hinaus, nachdem sie den anderen zugenickt hatte.

»Wenn mich der Wurm nur nich krank wird,« sagte Karoline mit wehmütigem Kopfschütteln. »Es is 'n Elend! Mit die Zähne hat sie ja ordentlich auf einander geklappert, wie sie eben gegangen is.«

Rasch aber sollte sie erfahren, daß es nicht Krankheit war, was die Kleine so zittern gemacht hatte. Ein lautes, klägliches Weinen ertönte vom Korridor her, und gleich darauf stürzte Hannchen heftig schluchzend wieder herein. Sich an die Köchin anklammernd rief sie: »O bitte, bitte, Fräulein Karoline, lassen Sie mich nicht allein! Ich kann nicht, kann da nicht allein vorbeigehen!«

»Na, na, was is dich denn begegnet? Was is denn da draußen so Fürchterliches, was hast du denn gesehen?«

»Ein Mann! Da hinten, da unten! O bitte, bitte, bleiben Sie bei mir!«

»Nu sei man ruhig, dich soll niemand nich was thun. Un allein gehen sollst du auch nich; bis an die Hausthür wenigstens geht einer mit dich, un draußen thust du dich doch nich fürchten, was? Du läufst ja des Abends oft genug allein durch die Straßen.«

»Nein, da nicht, draußen nicht. Aber hier im Haus, auf dem Gange da, wo der Mann ist! O bitte, bitte –«

»Sei man ganz stille. Wer von die Mannsbilder will denn die Hanne runterbringen?«

Keiner von den Männern schien Lust zu haben, den Auftrag zu erfüllen. Der Kutscher gab den Rat, das Mädchen gleich dazubehalten und in der Küche am Herde schlafen zu lassen, der junge Diener aber lachte gezwungen auf und sagte: »Aber so en Angsthase! So wat wäre in Berlin nich möglich. Nu muß man sie erst recht allein jehen lassen, daß sie det Fürchten verlernt.«

Jetzt aber erhob sich Karoline Menter zu ihrer vollen, allerdings nicht bedeutenden Höhe. »Also ihr wollt nich? Na, denn will ich euch wenigstens zu Gute Nacht noch sagen, wovor ich euch estimiere: vor Bangebüchsen estimiere ich euch! Un da macht es keinem Unterschied, ob einer mit Pferde umzugehen weiß, oder ob er bei die Gardedragoner Berlinsch gelernt hat. Schämen sollten gewisse Leute sich was. Un wenn ich mich heute abend in meine Küche umsehe un mir frage, wer denn eigentlich die Hosen anhat, da is mich die Antwort denn doch sehr zweifelhaft. Komm, Hanne, nu bringe ich dir selber an der Thür.«

Sie nahm das Mädchen bei der Hand und zog die Widerstrebende mit sich fort. Wenige Schritte hatten sie erst in dem schmalen Gange gethan, auf den die Küchenthür mündete, und der sich nach der linken Seite hin lang ausdehnte, als die Kleine von neuem heftig zu zittern und zu weinen begann. Sie streckte die Hand aus und deutete auf einen dunklen Fleck an der Wand zur Linken unmittelbar über der Erde. »Der Mann da, der Mann!« flüsterte sie angstvoll.

»Un das is allens?« fragte Karoline ein wenig entrüstet, »Nu komm aber un sei keine Ape! Das is dich doch nur 'n Bild, un du hast ihm oft genug gesehen bei Abend un bei Tage. Kuck her, das is dich nichts weiter, wie 'ne große Ofenklappe; wie man die Zimmer noch von außen geheizt hat, da war der Loch hier offen, un nu, wo das nich mehr die Mode is, da haben sie 'ne Thür davor gemacht un haben dem Bilde dazu genommen. Komm her, es is dich man blos 'ne alten, toten Ritter, der beißt dich keine lebendige kleine Kinders.«

Ein auf Holz gemaltes Bildnis hatte hier in der That solch' seltsame Verwendung gefunden. Von altersdunklem Grunde hob sich der Oberkörper des Ritters in seinen Umrissen nur undeutlich ab; Augen und Panzer aber blitzten, eine blutrote Schärpe legte sich über die Brust. Eine erregte Phantasie konnte meinen, der Mann sei plötzlich aus dem Boden emporgestiegen und werde gleich völlig hervortreten, um Kunde zu geben von vergangenen Tagen.

Lachend zog die Köchin das bebende Kind an dem Bilde vorüber und führte es die schmale, winklige, ungleiche Treppe hinab, in deren Mitte eine Thür unversehens den Weg verlegte. Nun standen sie auf dem Flur, der gleich dem übrigen Hause mäßig, aber freundlich erhellt war, und mit einem letzten, beinahe zärtlichen ›Gute Nacht, Hanne‹ schob die freundliche Beschützerin das Kind hinaus auf die Straße. Die Hausthür fiel zu, der Schlüssel drehte sich im Schloß, die Kleine trat hinein in das matte Schneelicht der Nacht, und der Himmel schüttete seinen weißen Winterstaub über sie aus.

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