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Im Haus der Witwe

Robert Kohlrausch: Im Haus der Witwe - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Kohlrausch
titleIm Haus der Witwe
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierte Auflage
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151007
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Dreizehntes Kapitel

Wie still und einsam es im Hause der Schatten an diesem Abend war! Wie das lautlose Schweigen lastend und schwer auf Treppen und Gängen ruhte, wie die Flammen in den Lampen mit einem ernsten, feierlichen Glanze zu leuchten schienen, wie leises Geknister gleich unterdrücktem Seufzen Holzwerk und Mauern des alten Gebäudes zuweilen durchlief, als stöhne es auf in der Ahnung dessen, was kommen sollte! Kein Ton einer menschlichen Stimme, kein Schritt, keine Bewegung, die eine Unterbrechung in diese große Stille gebracht hätten. Keine Spur von Leben, als das hastige, behutsame Hervorkommen der Mäuse aus ihren Löchern, um über die Dielen dahinzugleiten und mit schwarzen, verwunderten Augen umherzuschauen, wo jene blieben, vor denen sie zu entfliehen gewohnt waren.

Zwei Zimmer nur in dem ganzen Hause waren erleuchtet, oben im Giebel das eine, im zweiten Geschoß des hinteren Flügels das andere; Busenius und Doktor Jaksch waren die einzigen an diesem Abend, die ihre gewohnte Behausung nicht verlassen hatten. Aber auch bei ihnen war es still; kein Ton drang heraus, die Ruhe zu stören. Sie waren allein in dem großen Gebäude, durch wenige Mauern und Stiegen getrennt, und zugleich so fern von einander wie Gut und Böse, – oder doch nicht allein? Welch' ein Drittes war es, das aus den Tiefen der Erde emporstieg, aus ungekannten Gängen und Thüren hervorkam, die lautlose Finsternis lautlos durchschwebte, um dann in den Schein des Lichtes hineinzutreten und, von ihm geleitet, den Weg zu suchen, der in den Hinteren Flügel zu den Gemächern des Doktors hinanführte?

Doktor Jaksch war krank. Noch freilich gab er sich nicht für besiegt, noch kämpfte er mit dieser Krankheit, die sich ihm nahte, während er ihr Dasein bestritt, ihre Fortschritte leugnete und ihr mit bebenden Gliedern Widerstand leistete. Aber das Zittern des Körpers, das er nicht zu unterdrücken vermochte, die bleiche Farbe seines Gesichtes, die plötzlich hervortretenden feinen Falten in seiner Haut und die tiefen Schatten unter den Augen straften ihn Lügen, wenn er vor den Spiegel trat und von ihm ein Zeugnis der Gesundheit abzulesen versuchte. Er wollte nicht krank sein, und doch überlegte er, seit wann er die Spuren der Krankheit schon fühlte. Gestern auf der Straße war es gewesen, als er der Praxis nachging; da hatte er plötzlich die Empfindung gehabt, als wenn ihm der Boden unter den Füßen fortgezogen würde, und seitdem war er nicht Herr mehr über seinen Körper und seinen Geist. Er war erschrocken, wenn ein Wagen neben ihm vorüber fuhr; denn jedesmal hatte er das Gefühl gehabt, als müßte er auf den Fahrdamm hinunterstürzen, mit dem Hals gerade vor die rollenden Räder, und hatte sich ausgemalt, wie sie ihn köpften, zermalmten, dahinschleiften, um ihn dann als blutige, formlose Masse von sich zu schleudern und zurückzulassen.

Der Zustand hatte sich seitdem nur verschlimmert, und mit gewaltiger Anstrengung hatte er heute seine ärztlichen Pflichten erfüllt, indem er sich heimlich fortwährend beobachtete, ob er nicht Dinge spreche, die er nicht sagen wollte. Denn jetzt hatte die Angst sich seiner bemächtigt, er könne im Fieber ausschwatzen, was ihm verderblich war, und er hatte mit gefährlichen Worten gerungen, die sich ihm auf die Lippen drängten, wie er mit der Krankheit rang, die ihm solche Worte diktierte. Nur nicht auch dieser Versuchung noch erliegen, nachdem er so viel schon verspielt und verloren hatte!

Einige Mittel, die ihm für seinen Zustand angebracht schienen, hatte er angewandt, aber sie waren wirkungslos geblieben, und die Krankheit hatte sich immer mehr gesteigert: Die Unsicherheit, die Schwere in allen Gliedern und, nach und nach zunehmend, die reißenden, nagenden Schmerzen, die seinen Körper durchzuckten.

Mit einem Seufzer der Erleichterung hatte er die Thür hinter sich geschlossen, als er nach Hause zurückgekehrt war; in der Einsamkeit seines Zimmers hatte er Linderung und Ruhe zu finden gehofft. Aber die Krankheit kümmerte sich nicht um die Einsamkeit; sie trat neben ihn und verhöhnte ihn und bohrte ihm ihre Waffen in die wunden Glieder. Die Augen schmerzten ihn so sehr, daß er sie kaum offen zu halten vermochte. Und doch, wenn er sie schloß, lasteten wieder die Augenlider in den schmerzenden Höhlen wie scharfe, schwere Gewichte. Zuerst ging er auf und nieder, doch die Erschütterung erhöhte die Schmerzen, und er setzte sich in einen Lehnstuhl, halb abgewandt vom Lichte. Wohin er aber die Blicke richten mochte, überall fanden sie Dinge, deren Anblick ihm wehe that; wie Strahlen fuhren die Schmerzen durch seinen Kopf, um in den Zähnen, den Knochen, der Haut für einen Augenblick zu haften; sie wühlten, tanzten und zuckten durch seinen Körper. Er begann sie zu beobachten, die einzelnen zu prüfen, als könne er sie secieren und halte ein scharfgeschliffenes Messer in der Hand. Aber das Messer entglitt ihm, sprang seinen eigenen Weg, zersplitterte in eine unendliche Zahl neuer, spitziger Klingen, und jede von ihnen war ein besonderer Schmerz. Nun fing er an, mit ihnen zu sprechen, sie zu überreden, von ihm fort zu gehen; sie aber hörten nicht auf ihn, schwanden nicht, bohrten, schnitten und zerrten weiter an ihm.

Verzweifelt schaute er nach oben, und da schien es ihm, als wenn die Lampe, die ohne Licht in der Mitte des Zimmers niederhing, von ihm fortzuschweben beginne, weiter und weiter, und als wenn sie ihn nach sich zöge in eine dunkle, bodenlose Finsternis. »Unsinn!« rief er, indem seine Zähne aufeinander schlugen, und richtete seine Augen auf den Schreibtisch, neben dem er saß; aber nun erblickte er das umgekehrte Spiel, – das Schreibzeug fing an, sich zu ihm heranzubewegen, ganz langsam, langsam, aber ohne inne zu halten. Und dabei wurde es größer und größer, bis er den schmerzenden Kopf hintenüber werfen mußte, um an ihm emporblicken zu können. »Unsinn!« rief er von neuem und sprang in die Höhe. »Ich bin nicht krank, ich will nicht krank werden!«

Für eine kurze Weile meinte er im Umhergehen ein wenig Erleichterung zu finden, doch dann bemächtigte sich seiner eine neue Qual, die schrecklicher war als alle vorangegangenen. Er hatte das Gefühl, als sei er nicht mehr allein in dem Zimmer, als sei etwas hinter ihm, etwas Unbekanntes, Namenloses, Furchtbares, das ihm näher und näher kam und kalte Hände nach ihm ausstreckte, ihn zu berühren, zu ergreifen, zu erdrosseln. Wenn er alle Kräfte aber zusammenfaßte und sich umwandte, um dem Entsetzlichen ins Auge zu schauen, dann sah er nichts als die leere Luft, als das vertraute Gemach oder sein eigenes, bleiches Bildnis im Spiegel. Und doch, wenn er auch nicht zu sehen vermochte, was neben und hinter ihm war, allmählich meinte er es durch das Gefühl zu erkennen. Es war etwas Großes, Nebelhaftes, das sich ausdehnte und wieder zusammenzog und in raschem Wechsel die Gestalten von Menschen annahm, die er gekannt hatte in seiner Vergangenheit. Jetzt wußte er, daß ein Mädchen hinter ihm stand, jung und frisch, mit brennenden, leidenschaftlichen Augen, denselben Augen, die er in diesem selben Zimmer vor kurzem erst vor sich gesehen hatte, von Haß und Verachtung erfüllt. Er mußte sich an die Wand lehnen, weil er zu fühlen meinte, daß die Gestalt ihn an sich ziehen und erdrücken würde; aber selbst jetzt, mit der festen Mauer in seinem Rücken, konnte er sich von der Empfindung nicht befreien, daß jemand hinter ihm sei und jede seiner Bewegungen beobachte. Nur daß es diesmal eine männliche Gestalt war, vor der seine Glieder noch heftiger erbebten, als vor der anderen, verschwundenen, obwohl sie nichts that, als ihn anschauen mit großen, kummervollen Augen, deren Blick er empfand, ohne ihn zu sehen. Und jetzt neigte die Gestalt einen schönen, noch jugendlichen Kopf zu ihm her, ganz nahe an sein Ohr, um ihm etwas zu sagen. Er fühlte das alles geschehen, obwohl seine Augen ihn Lügen straften, und er wußte, daß eine zerschmetternde Anklage auf ihn niederfallen würde, wenn diese Lippen auch nur zu leisem Geflüster sich öffneten. Mit einem Stöhnen, das wie ein unterdrückter Hilferuf klang, entfloh er mit ein paar raschen, taumelnden Schritten von der Stelle an der Wand, wo er noch immer gestanden hatte, bis zur Mitte des Zimmers, warf sich in den Lehnstuhl, wo er zuvor schon gesessen hatte, und klammerte die Hände fest um die Lehnen.

Sein Gesicht war dem Fenster zugewandt, links von ihm stand der Schreibtisch, auf dem die Lampe mit ruhigem, friedlichem Lichte brannte. Um etwas anderes zu sehen, als diese Gestalten, die ihn ängstigten, richtete er wieder seine Augen zur Decke empor, wo die emporsteigende Wärme über der Lampe ein bewegtes Schattenspiel in dem hellen Lichtkreis dort oben erzeugte. Er sah das zarte Geringel, feinen, eilig verwehenden Rauchwölkchen gleich, aber indem er noch darauf hinblickte mit angespannten Sinnen, glaubte er zu bemerken, wie sich's verwandelte, zusammenballte, feste Formen gewann und die Gestalt eines menschlichen Gesichtes annahm. Eines bleichen, verzerrten, von Krankheit gezeichneten Gesichtes, das mit glühenden Augen zu ihm niederstarrte, den anderen ähnlich, vor denen er zuvor schon gezittert hatte. Die blutlosen Lippen schienen sich zu bewegen und schienen den Schmerzen in seinem Körper zuzurufen, ihn ärger zu quälen. Aber furchtbarer, als die Schmerzen, die mit erneuter Macht ihn überfielen, furchtbarer, als das drohende, zürnende, rachedürstende Gesicht dort oben, war das Gefühl, daß der Mensch, dem dieses Gesicht gehörte, zugleich hinter ihm sei und näher und näher komme. Er hatte sich vorgenommen, sich nicht mehr umzuwenden, denn er hatte erfahren, daß es vergeblich sei – auch jetzt noch in diesen Qualen rang er mit aller Anstrengung nach Klarheit des Denkens und Handelns – und doch war seine Empfindung diesmal noch stärker und wirklicher, sein Angstgefühl noch gewaltiger, tödlicher. Denn er meinte nicht nur zu fühlen, er glaubte auch zu hören. Es schien ihm, als wenn die Thür ganz leise geöffnet würde, als wenn ein kühler Lufthauch von draußen hereinkomme und sein Haar bewege, als wenn er das Atmen einer Menschenbrust vernehme. Nun ertrug er es doch nicht mehr und sprang empor. Und indem er sich umwandte zur Thür, erkannte er, daß er sich diesmal nicht getäuscht hatte, daß eine Gestalt dort vor ihm stand, an den Pfosten gelehnt, ihn anblickend mit den drohenden Augen des bleichen Gesichtes, das er oben an der Decke im Ringelspiel der heißen Luft gesehen hatte – Gestalt und Gesicht seines Sohnes!

Er hatte den Lehnstuhl mit rascher, angstvoller Bewegung zwischen sich und den Eingetretenen geschoben und stand nun dahinter, die Knäufe der Rücklehne fest umspannt haltend, um nicht niederzusinken.

»Was wollen Sie?« stammelte er, und die eigene Stimme klang ihm wie die eines Fremden.

»Dir gute Nacht sagen. Wir können einander doch du nennen, nicht wahr? Wir sind ja doch Sohn und Vater. Jawohl, ich weiß es, und darum bin ich hergekommen, dir gute Nacht zu sagen, ehe du zum letztenmal schlafen gehst, weißt du?«

Mehr der Ton der Worte, als ihr Inhalt – das Brausen des von Todesangst getriebenen Blutes in seinen Ohren war so stark, daß es die Menschenstimme fast übertönte – verriet dem Bebenden, daß eine Gefahr hier vor ihm stehe, leibhaftig und furchtbar. »Ich will nicht sterben!« sagte er leise, mit einem röchelnden Klang in der Stimme, während er zugleich mit den Blicken im Zimmer umhersuchte nach Ausweg und Rettung. Flucht war sein einziger Gedanke, Flucht vor diesem Menschen, dem er ein Leben gegeben hatte, und der nun gekommen war, wie seine Furcht ihm sagte, das seinige von ihm zu fordern. Er sah nicht mehr, was der Andere that, er hörte nur wie im Traum noch die höhnische Antwort: »Darum wird man nicht immer gefragt.« Ein plötzlicher Anfall von Wut und Verzweiflung gab ihm die Kräfte für einen Augenblick zurück, die ihm die Krankheit geraubt hatte. Er stürzte sich auf seinen Sohn, packte ihn fest und schleuderte ihn beiseite, daß er zu Boden fiel; dann stieß er die Thür auf und stürzte hinaus.

Warum er nicht nach unten entfloh auf die Straße hinab, das hätte er selbst kaum zu sagen vermocht. Vielleicht war es die gewohnte Scheu vor dem Urteil der Menschen, die ihn abhielt, sie zu Zeugen dieser Flucht und Verfolgung zu machen, vielleicht meinte er, den Andern irre zu leiten, wenn er nach oben flüchtete. Er eilte die Treppe empor, so hastig und leise er konnte; doch schneller, als er es für möglich gehalten hätte, mußte auch sein Sohn wieder aufgesprungen sein, um aus dem Zimmer hervorzustürmen und seine Spur zu verfolgen. Daß er sie gefunden hatte, daß doch ein Ton der flüchtigen Füße durch die tiefe Stille zu ihm hinuntergedrungen war, verriet dem Fliehenden der Klang der raschen, verfolgenden Schritte auf den Stufen, ein furchtbarer Laut für seine geängstigte Seele. Höher und höher ging die Verfolgung. Die Treppen hörten auf, die leiterähnlichen Stiegen begannen; sie schwankten, knirschten und krachten unter den Füßen der Männer, aber sie brachen nicht, hielten Stand und trugen die beiden empor, die nahe schon hintereinander an ihnen hinanklommen – den Fliehenden und den Verfolger, das Wild und den Jäger, Vater und Sohn!

Bis zur Höhe des dritten Bodenraumes war das Haus beleuchtet; hier endete das Licht, und schwarze Dunkelheit, in der die nächste Stiege rasch verschwand, blickte drohend von oben herunter. Jaksch prallte zurück und zauderte für die Dauer einer Sekunde, als er den Fuß auf die unterste Sprosse der Leiter gesetzt hatte, die weiter empor in die Finsternis führte. Nicht dort hinauf! Licht und Rettung schienen für ihn einander verwandt zu sein, und als nun ein Heller Strahl auch aus einer Thür hervordrang, die sich plötzlich aufthat und auf deren Schwelle ein hochgewachsener Mann erschien, da sprang Jaksch beiseite, entging den Händen, die schon nach ihm griffen, und stürzte hinein in das offene Gemach. Es war Busenius' Zimmer, das ihn aufnahm.

Doktor Jaksch blickte den Mann nicht an, in dessen Behausung er sich geflüchtet hatte, zur Ecke neben dem Fenster hinstürzend, schmiegte er sich fest in den Winkel, streckte flehend und abwehrend die Hände aus und stammelte: »Retten Sie mich, er will mich ermorden, retten Sie mich!«

Neuert war unmittelbar nach ihm ins Zimmer gedrungen, aber Busenius trat ihm entgegen, fest und kühn, mit so hoheitsvoller, Gehorsam heischender Haltung, daß der Wütende inne hielt und unwillkürlich zurückwich.

»Was wollen Sie von ihm?« fragte Busenius, nicht hastig und drohend, sondern ruhig und fest, während sein tiefes, melodisches Organ einen Widerhall an den weißen Wänden des kleinen Zimmers zu wecken schien. Und vor dem Ton dieser Stimme beruhigte sich die Angst des Verfolgten, während zugleich die seltsame Empfindung in ihm erwachte, als spreche nicht der Mann, den er vor sich sah, sondern eine der Schattengestalten, die in der letzten Stunde um ihn gewesen waren. Im Augenblick aber fürchtete er sie nicht mehr, denn sie schien ihm Schutz und Beistand zu verheißen.

»Das ist meine Sache,« gab Neuert auf Busenius' Frage zur Antwort, voll Trotz noch immer, aber nicht mehr so heftig, wie er zu sprechen gewohnt war. »Meine und seine Sache,« fügte er hinzu. »Das geht keinen dritten 'was an, was Vater und Sohn miteinander abzumachen haben.«

»Vater und Sohn?« wiederholte Busenius, während Schrecken und Staunen aus seinen Augen sprachen. »Und der Vater entflieht vor dem Sohne?«

»Weil er ein Hund ist, den man niederschlagen muß, wo man ihn findet. Wollen Sie wissen, was er an mir gethan hat? Von sich gestoßen hat er mich, als ich ganz klein war, und als er mich wiederfand, jetzt vor kurzem, und als er mich erkannte, mich, seinen Sohn, da hat er mich bestohlen und ist mit den Papieren zum Gericht gegangen und hat mich denunziert und hat mir die Polizei auf den Hals geschickt, um mich verhaften zu lassen, mich, seinen Sohn!«

Mit einer Art wilder Wollust wiederholte er die Worte, als bereite es ihm eine grausame Genugthuung, daß er, der Sohn, dem schändlichen Vater so als Richter und Rächer gegenüberstehe. Jaksch aber hatte, als er nicht mehr allein mit ihm war, die Fassung mehr und mehr wiedergewonnen, und etwas von dem kalten Hohn, mit dem er sonst zu reden verstand, war in seinen Worten, als er nun sagte: »Ein schöner Sohn, der so zu seinem Vater spricht!«

»Ein schöner Vater, der seinen Sohn dazu bringt!« rief Neuert mit zunehmender Wut, und jetzt richtete er seine Worte nicht mehr an Busenius, sondern an ihn selbst, seinen Vater.

»Wenn es nach dir gegangen wäre, dann läge ich jetzt im Gefängnis, und du wärest der stolze Herr geblieben, der du wärest. Aber ich bin rascher gewesen, wie deine Jagdhunde, und habe die Löcher in diesem alten, verfluchten Maulwurfsnest besser gekannt, wie sie. Ja, das alles habe ich dir noch erzählen wollen, damit du auch weißt, wo ich gewesen bin diese ganze Zeit. Du hast dir ja vielleicht Sorgen gemacht um deinen Sohn! Hier, unter deinen Füßen war ich, unter der Erde in dunklen Gewölben und habe mir hundertmal überlegt, ob ich das Dynamit noch spare, das da liegt, oder ob ich dich in die Luft schicken soll, daß du den Weg zum Himmel suchst, den du dir so reichlich verdient hast.«

Der kalte Schrecken, der Doktor Jaksch bei diesen Worten von neuem überlief, erhöhte nur noch die wütende Freude seines Sohnes, ihn so vor sich zu haben. »Und ich will dir auch sagen, wer mir dies elende Leben gefristet hat, während du schon hofftest, ich wäre tot und verfault. Meine Mutter hat es gethan, die deine Geliebte gewesen ist, die du mit Füßen getreten hast, wie mich, und die dich jetzt haßt und verachtet, wie ich dich hasse und verachte, ich, dein Sohn!«

Wieder schleuderte er ihm das Wort entgegen, als sei es die schärfste Waffe, die er gegen ihn gebrauchen könne. Nur eines Atemzuges Länge aber schwieg er, um die Wirkung seiner Rede zu beobachten, dann fuhr er mit gleicher Leidenschaft fort: »Bis unter die Erde zu den toten Heiligen haben mich deine Bluthunde gehetzt. Es ist nur gut, daß ich dort besser Bescheid wußte, als die dummen Laffen mit den blanken Knöpfen. Sie haben sich ihre dicken Schädel beinahe eingerannt an den Wänden, um die Thür zu suchen, durch die ich entwischt war. Ja, es giebt Thüren, die sie alle nicht kennen, die klugen Herren, und es giebt einen Gang, der unter der Erde hinführt bis unter dieses Haus! Heute kann ich es dir ja erzählen, denn du wirst keine Gelegenheit mehr haben, es auszuschwatzen.«

Er machte wieder eine Pause, um zu sehen, wie diese neue Todesdrohung den bleichen Mann in der Ecke erschütterte, dann fuhr er fort: »Darum habe ich ja das Vergnügen gehabt, mit dir unter einem Dache zu wohnen, weil wir diesen alten Rattenkasten entdeckt hatten, in den man hinein konnte, ohne durch die Hausthür zu gehen. Du interessierst dich ja so für uns Anarchisten, – erzähl' es doch den hohen Herren von der Polizei, daß hier unter ihren Füßen eine ganze anarchistische Werkstatt besteht mit Bomben und Dynamit und all den schönen Dingen, vor denen sie zittern. Gelacht haben wir oft, wenn wir davon sprachen, daß gerade der vornehmste Heilige ihrer frommen Stadt uns ein Obdach gewährte in seiner Gruft, damit wir hübsch in Gemütsruhe verabreden konnten, wie wir am besten euch alle in die Luft sprengten mitsamt eurer sogenannten gesellschaftlichen Ordnung, – deren herrlichstes Produkt du selber bist!«

»Sie werden Ihrem Vater nichts zuleide thun.« Klar und ruhig, wie ein reiner Akkord nach wilden Disharmonien, so klang Busenius' Stimme in das momentane Schweigen hinein, das Neuerts letzten Worten gefolgt war. Er hatte dem Rasenden seine linke Hand auf die Schulter gelegt, und mehr noch unter dem Blick der Augen, denen er aufschauend begegnete, als unter dieser Berührung, zuckte der Tobende zusammen und wich zurück.

»Das werden wir sehen; ich weiß, was er verdient hat,« gab er kurz zur Antwort, aber eine verlegene Scheu, ein instinktives Gefühl der Ohnmacht vor geistiger Ueberlegenheit ließen ihn seine Stimme dämpfen und einen halb ehrfurchtsvollen Blick dem Manne zuwerfen, der hoch aufgerichtet ihm gegenüberstand.

»Das zu entscheiden, ist keines Menschen Sache. Sie brauchen ihn nicht zu strafen, er hat sich die Strafe schon selbst erworben.«

»Ich besorge meine Geschäfte gern in eigener Person. Es dauert mir zu lange, bis der Teufel sich die Mühe macht, ihn zu holen.« Er sagte es mit höhnischem Lachen, aber etwas von der Scheu, mit der er kämpfte, sprach doch noch aus seinen Worten und seiner Haltung.

»Das künftige Leben, das er sich bereitet hat, wird schlimmer sein, als die Hölle. Er wird elender sein, als Sie es gewesen sind durch seine Schuld. Ist Ihnen das nicht Strafe genug?«

»Ich frage nicht nach dem künftigen Leben und weiß nichts davon. Ich liebe es, sicher zu gehen in dem, was ich vorhabe, und gebe Ihnen mein Wort, daß dieser Mensch hier heute noch sterben wird.«

Jaksch machte eine Bewegung, als wenn er sprechen wolle, doch seine Lippen blieben stumm; er trat nur aus seiner Ecke hervor bis zu dem großen, von einer Lampe beschienenen Tisch, auf den er sich stützte. Das Gefühl der Beruhigung, das er in Busenius' Nahe und beim Klang seiner Stimme empfunden hatte, war wieder geschwunden; er hatte die dumpfe Empfindung, als lauere neben den wilden Drohungen seines Sohnes noch etwas anderes, das er mehr fürchtete als sie, ohne in seinen verwirrten Gedanken es benennen zu können. Es war ihm, als schwebte eine dunkle, drohende Gewitterwolke über ihm, die den Blitz noch zurück hielt.

»Und wenn er hundertmal den Tod verdient hätte,« rief Busenius, »Sie sind sein Sohn, Sie dürfen ihn nicht richten. Um Ihrer selbst willen gehen Sie nicht weiter, damit Sie nicht dereinst noch schwerer leiden müssen, als Sie schon gelitten haben. Und wenn Ihr gegenwärtiges Dasein Sie gleichgiltig und stumpf gemacht hat gegen sich selbst, dann denken Sie darüber nach, ob Sie nicht doch ein einziges Wesen auf der Welt noch haben, das Sie lieben –«

Er verstummte jäh vor dem wilden, unverständlichen Rufe tierischer Wut, der über Neuerts Lippen kam. Er hatte linderndes Oel auf eine Wunde legen wollen, und hatte es dafür in ein loderndes Feuer gegossen, das nun mit verdoppelter Glut verzehrend emporflammte. Vor Neuerts Augen wiederholte sich die Scene, die er am vergangenen Abend hatte sehen müssen. Es war ihm, als stehe er noch einmal im Hofe drunten vor dem Fenster des behaglichen Gemaches im Erdgeschoß und presse das Gesicht gegen die Scheiben, um aus der Dunkelheit ins Licht zu schauen und Zeuge des Glückes zu werden, das er so heiß begehrt hatte, und das nun ein anderer an seiner Stelle genoß. Er meinte Marthas Antlitz zu sehen, von Freude und Hoffnung strahlend, um dann jäh zu erbleichen, indem sie mit ihren Augen seinen Blicken begegnete. Und als er sich diese Wirkung seines unverhofften Erscheinens auf das Mädchen zurückrief, das für ihn ein guter, hilfreicher Geist hätte werden können, das mit dem Wink eines Fingers – das meinte er zu fühlen, – ihn aus den dunklen Tiefen hätte hervorrufen können, in die sein Lebensweg ihn immer weiter hinuntergeführt hatte, da ging dies Gefühl wie ein schneidiger Dolch ihm durch die Seele und tötete alles, was noch menschlich und gut in ihm geblieben, war. Auch die Erinnerung an seine Mutter, deren er sonst mit Dankbarkeit gedachte für das, was sie heimlich für ihn gethan hatte in der letzten Zeit, starb und erlosch in diesem Augenblick, hinweggeweht von dem Sturmwind einer mächtigeren Empfindung.

»Das hat mir gefehlt,« sagte er ganz leise, nur zu sich selbst, und als er den Kopf jetzt emporrichtete, sprach eine so finstere, grausame Entschlossenheit aus seinen Zügen, daß auch Busenius erschrak.

»Lassen Sie mich mit ihm allein,« fügte Neuert seinen unverständlich gemurmelten Worten laut hinzu. Aber nun flammten Busenius' Augen auf. »Ich gehorche keines Menschen Befehlen, und am wenigsten Ihnen, der Sie ein Feind der Menschen und ihrer Gesetze sind.«

»Die Gesetze sind da, um gebrochen zu werden, und die Menschen sind da, um zu sterben. Lassen Sie mich allein mit ihm!«

»Sie sprechen umsonst, ich bleibe.«

»Auch Sie sind ein Mensch und können sterben.«

»Ich weiß es, aber ich weiß auch, daß dies Leben nur ein einziges von Tausenden ist, und daß ein anderes mir dafür zu teil wird, das ich besser anzuwenden hoffe, als dieses.«

Er hatte seine Stimme zu mächtiger Stärke anschwellen lassen, und umklungen vom Nachhall seiner prophetischen Worte, umwallt von dem langen, faltigen, fremdartigen Gewande, mit einem Leuchten in seinen Augen, das aus einer anderen Welt zu stammen schien, übte er einen so mystischen Zauber aus, daß auch Neuert ihm nicht zu trotzen vermochte. Er hatte das jähe Gefühl, in Gegenwart dieses Mannes nicht ausführen zu können, was er sich vorgesetzt hatte, doch zu feige oder zu stolz, eine bessere Regung einzugestehen, verbarg er sie unter einem cynischen Lachen.

»Dann thue ich Ihnen ja noch einen guten Dienst, wenn ich Ihnen möglichst rasch dazu verhelfe, nicht wahr? Und wenn Sie gern mit ihm zusammen bleiben wollen, mit diesem Menschen, der mein Vater war, und dem ich jetzt zum letzten Male sage, daß er ein Hund und ein Schurke ist, so will ich Ihnen dabei nicht im Wege sein. Die Folgen davon kommen auf Sie! Aber machen Sie nicht zu lange, wenn Sie sich noch mit ihm unterhalten wollen.«

Mit dem letzten Worte war er zur Thür hinaus, die er von außen verschloß. Doktor Jaksch war zu tief in sich versunken, um den leisen Ton des Schlüssels zu vernehmen, und Busenius achtete nicht darauf. Die beiden waren allein, und für einen Augenblick war es so still im Zimmer, als seien sie schon gestorben. Jaksch war, von Fieberschauern geschüttelt, auf den Stuhl vor dem Tische gesunken, Busenius war stehen geblieben und schaute mit einem ernsten, traurigen Blick auf ihn nieder. Nach einer Weile trat er näher zu ihm, stellte sich ihm zur Seite und sagte in einem Ton, der zu dem Ausdruck in seinen Augen paßte: »Nun sieh mich an!«

Jaksch warf mit einer Bewegung des Entsetzens den Kopf zurück und richtete die brennenden, schmerzenden Augen auf ihn. Er wollte emporspringen, aber er sank hilflos auf seinen Stuhl zurück. Da war der Blitz aus der Wolke, die über ihm geschwebt hatte, da war das Verderben, das auf ihn niederfuhr und ihn zerschmetterte. Die zweite der Gestalten, mit denen das Fieber ihn geängstigt hatte, war lebendig geworden und stand leibhaftig vor ihm da. Die Schatten seiner Vergangenheit und seiner Thaten wurden zu drohenden, machtvollen Wesen, die sich vereinigten, ihn zu vernichten.

Er erkannte den Mann, den er einstmals Freund genannt hatte, den er zum Lohn für Liebe und Sorgfalt betrogen und verraten hatte, und die ganze Kette dessen, was geschehen war, rollte sich mit rasender Geschwindigkeit in einem einzigen Augenblick noch einmal vor ihm ab. Er fühlte, daß seine Verbrechen offen am Tageslicht da lagen, und daß die Stunde der Vergeltung gekommen war. Zu sprechen vermochte er nicht, nur ein gurgelnder, häßlicher Laut, als wenn er ersticken müsse, kam aus seiner Kehle.

»Erkennst du mich?« fragte Busenius ebenso milde und traurig wie zuvor. Und jetzt brachte Jaksch mit peinvoller Anstrengung eine Antwort über seine Lippen. »Ja, ich erkenne dich,« stöhnte er.

»Ich bin schon lange in deiner Nähe,« fuhr Busenius fort, und seine Stimme wurde noch weicher. »Wenn du jemals in vergangenen Tagen Freundschaft für mich gefühlt hättest, so wäre wohl ein Rest von dieser Empfindung in dir zurückgeblieben und hätte dir verraten, daß ich dir nahe war. Aber deine Freundschaft war ja nur eine Lüge, wie vieles andere eine Lüge gewesen ist. Und wenn dein Gefühl dich nicht zu mir führte, deine Augen konnten mich nicht erkennen. Wir sind einander nur wenig begegnet, und die Krankheit, die dir bei deinem Betrüge behilflich war, hat mich so sehr verändert, daß meine eigene Mutter mich nicht erkannt hätte.«

Bei dem Worte Betrug war Jaksch zusammengezuckt und hatte mit ohnmächtig bittender Bewegung die Hand erhoben. »Muß ich dir erst sagen, daß ich dir vergeben habe?« fragte Busenius. »Ich gebrauche das Wort nicht gern, denn der Mensch hat nichts zu vergeben. Er soll die Thaten der anderen nicht wägen, er soll sie nur beobachten und als Samen betrachten, der in einem weiteren, kommenden Dasein aufgeht.«

In die tödliche Angst und in den Wirbelstrom wild kreisender Gedanken, die in seinem fiebernden Hirn zu bunten Gestalten wurden, die ihn umtanzten, mischte sich unter diesen tröstlichen Worten und unter dem Klang dieser milden Stimme bei Jaksch ein wachsendes, mächtiges Erstaunen. Er hatte die reine Seele des Mannes gekannt, den er seinen Freund hatte nennen dürfen, aber der jetzt vor ihm stand und zu ihm sprach, war doch wieder ein anderer, ein Wesen höherer Existenz, zu der er emporgedrungen schien über steile, dornige Pfade. Schweigende Verachtung vielleicht hatte er von ihm erwartet für den Fall, daß er seine Thaten entdeckte, nicht diese bescheidene und doch hoheitsvolle Vergebung.

»Du vergiebst mir?« fragte er leise, und wenn es eine Stelle in seinem verderbten Herzen gab, die unter all' dem Bösen unberührt und schuldlos geblieben war, wie eine reine, verschüttete Quelle, so wurde sie frei in diesem Augenblick und öffnete sich für eine kurze Zeit dem Lichte, das aus der Seele des anderen in die seine herüberströmte.

»Ja, ich vergebe dir,« entgegnete Busenius, »wenn du das Wort von mir hören willst, das ich nicht sprechen sollte. Sieh, ich bin hergekommen um deinetwillen; ich erfuhr von dem, was du gethan hattest, als ich Deutschland betrat, um der Verkündiger eines Glaubens zu werden, der mich selbst beglückt und erhoben hatte. Mit Schrecken sah ich, wie weit du schon abwärts getaumelt wärest, und ich kam hierher, zu dir, in dieses selbe Haus, um deinen weiteren Weg zu beobachten und zu sehen, ob es nicht möglich wäre, dich wieder mit aufwärts zu führen. Denn es ziemt dem Menschen nicht, allein zu streben. Ich habe geduldig die Stunde abgewartet, bis das Leben selbst dir zeigte, daß dein frevelhaftes Ringen vergeblich war. Heute ist nun dieser Augenblick gekommen. Alles um dich her ist zusammengebrochen, und ich darf zu dir treten und dir meine Hände entgegenhalten, um dich emporzureißen aus dem Abgrund. Komm' her zu mir, versuch' es, dein Leben noch einmal neu zu beginnen.« Er hatte die Hände ausgestreckt und blickte fast angstvoll auf Jaksch, als sehe er ihn vor seinen Augen versinken und untergehen. Mit noch eindringlicherem Ton, der aus den Tiefen des Herzens zu dringen schien, fuhr er dann fort: »Du hast ja erfahren, wohin dein Weg dich geführt hat; hier auf dieser Stelle hat vor wenigen Minuten dein Sohn gestanden, der dich beschimpfen und verfluchen durfte, ohne daß du ihm widersprechen konntest. Und auch vor mir wirft dein Gewissen dich in diesem Augenblick in den Staub. Komm' her, es ist Zeit! Du bist nicht mehr jung, und wenn jemals in deinem Leben eine Stunde war –«

Er kam nicht zu Ende. Ein schrecklicher Ton, als fahre ein Wetterstrahl aus dem sternenreichen Frühlingshimmel auf das Haus der Schatten nieder, es zu zerschmettern, gab ihm Antwort und ließ ihn verstummen. Der Boden des Zimmers erbebte und senkte sich, die Wände rissen auseinander, ein Kalkregen fiel von der Decke herab, und eine dichte, graue, erstickende Wolke von Staub qualmte plötzlich empor. In Splitter zerrissen durchflogen die Scheiben der Fenster den Raum, von einem Luftstrom zertrümmert, so gewaltig und furchtbar, einer riesenhaften Meereswelle so ähnlich, daß er die beiden Männer beiseite schleuderte und an die wankenden Mauern preßte. Ein Krachen, wie von einer berstenden Gewitterwolke, zerriß die Luft, und wie das Grollen eines Erdbebens dröhnte es nach.

Aber der Boden des kleinen Gemaches hielt Stand, die Wände stürzten nicht ein, und Jaksch, der halb zu Boden gesunken war, konnte sich wieder erheben. »Was war das?« stammelte er, nach Atem ringend, beinahe erstickt von dem emporqualmenden Staub, der auch das Licht der Lampe, das nicht erloschen war, mit einem dichten Schleier umhüllte. »Vielleicht, was wir Menschen den Tod nennen,« entgegnete Busenius. Er sprach so ruhig wie sonst, und jetzt zu dem Tische herantretend, der ein paar Schritte von der Wand hinweggeschleudert war, betrachtete er den Streifen darüber mit dem Worte ›Excelsior!‹ Er hatte sich an der einen Seite von der Mauer gelöst und hing nun inmitten der grauen Staubwolke nieder wie eine goldig-regenbogenfarbige Fahne, die von einem Trauerflor umhüllt ist.

Jaksch hatte nicht auf seine Antwort gehört, er war zum Fenster gestürzt, hatte es aufgerissen und hinuntergeschaut, um nun mit einem Schrei des Entsetzens zurückzufahren. »Sieh doch, steh dort hinaus!« Er wollte es rufen, laut, voller Verzweiflung, aber heiser, fast nur geflüstert kam es heraus.

Langsam ging nun auch Busenius zum Fenster; der Boden des Zimmers hatte sich so sehr gesenkt, daß er auf ihm hinabsteigen mußte, wie auf einer sanften Bergeslehne, um zu der Außenwand zu gelangen. Er beugte sich weit hinaus und sah im Schein hin und her wandelnder Lichter in den Fenstern der Nachbarhäuser, was Jaksch mit so tödlichem Schrecken erfüllt hatte. Auch er erkannte, daß sie verloren waren, und daß jeder Augenblick ihnen den Tod bringen konnte.

Eine furchtbare Explosion, die gerade unter ihren Füßen geschehen sein mußte, hatte die Hälfte des Hauses zum Einsturz gebracht. Vom ersten Geschoß bis zur Mitte des Giebels war es senkrecht auseinandergerissen worden. Die eine Hälfte hatte der gewaltigen Erschütterung getrotzt und stand aufrecht, wenn auch schwer beschädigt da. Der nach rückwärts gelegene Teil der Giebelseite aber war eingestürzt, vom ersten Stockwerk bis unmittelbar unter das kleine Gemach, in dem die beiden sich befanden; die äußere Langwand allein, die stehen geblieben war, – zum Teil nur im Holzwerk, seiner Füllungen beraubt, – und ein paar feste, senkrechte Balken verzögerten hier den Einsturz. Das alles erkannte Busenius durch die übelriechenden Wolken von Staub und Schutt hindurch, die noch immer emporqualmten und sich nur langsam verzogen. Er sah, daß ihr kleines Zimmer fast haltlos in der Lust schwebte über dem tiefen Abgrund, in dem ein gewaltiger Berg von Trümmern sich chaotisch emportürmte, von zersplittertem Holzwerk überragt, das den Gliedern eines mächtigen Gerippes glich, von dem das Fleisch heruntergerissen war.

»Siehst du's, siehst du's?« flüsterte Jaksch. »Um Gottes willen, bewege dich nicht! Wir hängen ja in der Luft; alles hier unter uns ist fort, auch die Treppen, die uns retten könnten, und jede Erschütterung muß uns hinunterstürzen. Sieh her, ich setze mich auf diesen Stuhl, und du bleib' am Fenster dort und beweg' dich nicht. Es kommt ja nur darauf an, daß wir Zeit gewinnen. Sie werden uns ja retten, nicht wahr? Sie werden uns nicht verlassen in dieser furchtbaren Lage! O ja, ich weiß es, sie kommen, sie kommen, sie kommen!«

Er hatte sich auf den Stuhl gekauert, der mit dem Tische zusammen weit in das Zimmer hinein war geschleudert worden, und saß nun da mit niederhängenden Armen, den Kopf auf die Brust geneigt, seine letzten Worte unablässig wiederholend wie ein Gebet oder eine Zauberformel. Busenius war am Fenster stehen geblieben und schaute ruhig hinunter auf das, was weiter geschah. Gerade unter ihm war ein großer Garten, daneben zur Linken die Straße, auf der sich allmählich eine Menschenwoge heranwälzte, mehr und mehr anschwellend, die natürlichen Dämme durchbrechend und auch den Garten überflutend, dessen Gänge und Beete sie füllte. Zuerst war es ziemlich dunkel, denn die Laternen waren durch den Luftdruck erloschen, und der Staubschleier hemmte den Blick noch immer, plötzlich aber sah Busenius, wie die emporschauenden Gesichter der Menschen von einem aufzuckenden, hellen Schimmer übergossen wurden, und weiter sich vorbeugend, erkannte er, daß eine neue Gefahr, furchtbarer, als die bisherige, ihnen entstanden sei. Aus dem Schutthaufen zu seinen Füßen züngelte es empor, blau, gelb und rot, auftauchend und wieder verschwindend, wachsend und sich vereinigend, von einem bläulichen Qualm umwallt, den es zerriß und durchleuchtete, das mächtige, mörderische Feuer! Zuerst waren es nur kleine Flammen, die hier und dort so plötzlich erschienen; als liefen sie über den Trümmerberg hin, dann aber hafteten sie an einzelnen Stellen, schufen sich Luft, griffen nach Nahrung und loderten weit empor. Und über dieser wachsenden Glut, hoch oben, fast ohne Stütze, schwebte das kleine, halb schon zertrümmerte Gemach mit den beiden, bisher geretteten Menschen. Busenius war jetzt von unten bemerkt worden, und lautes, angstvolles Geschrei zerriß die Lust, während Hunderte von Händen nach oben deuteten, wo die Züge des Mannes am Fenster heller und heller beleuchtet wurden von der roten, qualmenden Glut, deren Flammenarme gierig nach seinem Leben griffen.

Jaksch hatte von der Erhöhung der Gefahr noch nichts bemerkt; er saß wie zuvor und murmelte wieder und wieder: »Sie kommen, sie kommen!« Nun aber, als das angstvolle Rufen von unten lauter und lauter empordrang, als das Rasseln der Feuerwehrwagen dazwischen tönte und in neuer Erschütterung auch das schwebende Zimmer erbeben ließ, da blickte er auf und sah gerade vor sich an der Wand, wo das ›Excelsior!‹ niederhing, einen ersten, rötlichen Widerschein der aufzüngelnden Flammen.

»Da, an der Wand, – was ist das? Hier das Rote, was ist das?« stammelte er, und als er, zu Busenius hinüberschauend, erkannte, daß auch dessen Gestalt in einen roten, leuchtenden Mantel gehüllt schien, da vergaß er die Furcht, sich zu bewegen, und stürzte von neuem zum Fenster. Jetzt schrie er nicht auf, die Angst erstickte ihn, er sank in die Kniee und schlug seine Nägel in die Brüstung. Seine Stimme war kaum mehr vernehmlich, als er nun sprach: »Das ist ja Feuer! Sind denn die Menschen wahnsinnig, daß sie das thun? Sag' ihnen, daß sie toll geworden sind, daß ich es nicht leiden will, hörst du? Aber nicht wahr, das alles ist gar nicht da, ich irre mich, weil ich krank bin? Darum bilde ich mir ein, das Feuer zu sehen, hier unter unseren Füßen. Man sieht ja manches, wenn man Fieber hat. Sag' mir, – du bist ja mein Freund gewesen und wirst mich nicht elend verbrennen lassen – sag' mir, daß es kein Feuer ist!«

Eine gewaltige Rauchwolke, jetzt graugelb gefärbt, mit losgerissenen Flammen untermischt, die gerade vor dem Fenster in die Luft emporstieg, antwortete ihm, noch bevor Busenius sprach. Der wandte sich langsam ins Zimmer zurück und sah ihn an. »Es ist, was du sagst, und deine Hand hat es angezündet.«

»Meine Hand? Bist du toll, bist du rasend?«

»Oder die Hand deines Sohnes, der durch dich geworden ist, was er war. Das Blut aus deinen Adern floß auch in seinen, und du hast keinen Finger gerührt, ihn von dem Wege zurückzuhalten, den er gegangen ist. Durch deine Schuld ist alles dies geschehen, und deine eigene Schuld büßest du jetzt mit dem Tode.«

»Was sprichst du vom Tode? Ich will nicht sterben, – verstehst du, ich will nicht sterben!« Er war vor ihn hingetreten und schüttelte die geballten Fäuste dicht vor seinem Gesichte. Dann aber, von einer plötzlichen Eingebung getrieben, wandte er sich von ihm hinweg und stürzte zur Thür, um mit einem neuen, tierischen Laut ohnmächtiger Wut zurückzufahren, als er fühlte, daß sie verschlossen war.

Er fand kein Wort mehr, um sein Entsetzen auszudrücken, er sank wieder auf seinen Stuhl und begann zu weinen, indem er die Hände vor die Augen schlug, um nichts mehr zu sehen, und den Oberkörper hin und her wiegte in seiner wahnsinnigen Angst. Busenius trat zu ihm und berührte ihn leise am Arm.

»Du siehst, wohin du gekommen bist. Es sind die Schatten deines Lebens, von dir selbst geschaffen und von dir selbst heraufbeschworen, die dich heute zur Verzweiflung treiben. Dieses Schicksal aber, das uns jetzt bedroht, und vor dem du zitterst, ist nur der Schatten dessen, was die gegenwärtige Menschheit sich selbst bereitet – ein Schatten der Zukunft. Für die anderen ist Umkehr noch möglich, wenn sie erkennen, wohin sie treiben, für dich ist die Frist verstrichen, wie mir scheint, und dir bleibt nur eine kurze Zeit noch zur Reue.«

»Ja, ja, ich will bereuen!« schrie der Elende auf. »Ich habe schon gebetet, vorhin, für mich allein, – du hast es nicht gehört, aber ich habe gebetet. Ich bin nicht so schlecht gewesen, wie du denkst, und wenn ich bereue, werde ich gerettet, nicht wahr? Komm', hilf mir, sag' mir, wie ich es machen muß, daß ich gerettet werde!«

»Nicht um deiner Rettung willen sollst du bereuen. Denk' an deine Zukunft, denk' an deine Seele!«

»Ich frage nicht nach meiner Seele, wenn mein Körper verbrennt! Du scheinst blind zu sein und nicht zu sehen, was geschieht.« Er packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn, während er ihn mit weit hervorquellenden Augen anstarrte, aus denen der Wahnsinn sprach. »Ich will dir's sagen, damit du's versteht. Hier unter uns ist das Feuer, und wir verbrennen bei lebendigem Leibe, wenn du uns nicht rettest. Sollen wir denn hier stehen, ohne uns gegen den Tod zu wehren?«

»Ich stehe und warte auf ihn. Er ist nur eine Pforte, durch die ich in ein neues Leben eingehe, und ich flehe zu dem ewigen Geiste, von dem ein Fünkchen auch in meiner unvergänglichen Seele wohnt, daß ich dies künftige Leben zum Guten nütze für mich und andere.«

»Du bist wahnsinnig, – so wahnsinnig, wie die Menschen da unten, die nichts für uns thun!«

In seiner Todesangst stürzte er noch einmal zum Fenster und blickte hinaus. Unter ihm war jetzt ein einziger, mächtiger Flammenherd, von dem der Qualm gleich schwefelfarbenen Gewitterwolken empor sich wälzte und mit den helleren Massen von Dampf sich mischte, die durch die Arbeit der Spritzen erzeugt wurden. Gleich wallenden Fahnen wehten in der ruhigen Abendluft an einzelnen Pfosten und Balken die gelbroten Flammen, die höher und höher ihr Zerstörungswerk ausdehnten und auch schon das Fachwerk der noch stehenden Langwand benagten. Der Boden des Zimmers war glühend heiß geworden, und aus seinen Fugen stieg in feinen Wölkchen ein erstickender Qualm hervor. Bis zu der Höhe des Fensters schlugen einzelne der mächtigsten Flammen heran, und mit einem Schmerzenslaut fuhr Jaksch zurück, als er die glühende Brüstung berührte. Der Strahl der Spritzen durfte nicht auf den Giebel gerichtet werden, weil die Erschütterung ihn herabstürzen mußte; nur unten durfte man versuchen, zu löschen und so das Leben der dort oben Eingeschlossenen zu fristen. Aber jetzt machte man auch noch einen anderen Versuch, sie zu retten, – der Mann am Fenster bemerkte es mit einem Rufe der Freude, der wie ein Schluchzen klang. Ein paar mutige Leute hatten sich gefunden, die mit Gefahr ihres Lebens versuchen wollten, zu den Bedrohten hinanzusteigen. Man hatte die längsten Leitern zusammengebunden, und nun wurden sie aufgerichtet, langsam, schwankend, von den brausenden Flammen so hell beleuchtet, daß ihre Sprossen zu glühen schienen. Ein plötzliches, atemloses Schweigen, wie es die Augenblicke höchster Gefahr zu begleiten pflegt, hatte sich über die Menschenmenge dort unten gebreitet, und inmitten dieses feierlichen Schweigens richteten sich die Leitern allmählich empor, höher und höher, um sich dann gegen die Feuerstätte zu neigen und einen Augenblick schräg in der Luft zu schweben. Aber es war umsonst gewesen, – sie reichten nicht hinan bis zu diesem mächtigen Giebel! So langsam, wie sie emporgestiegen waren, sanken sie wieder zurück, und als er diese letzte Brücke zu Leben und Rettung vor seinen Augen zusammenbrechen sah, da warf Doktor Jaksch sich gegen die glühende Brüstung und brach in ein Wutgeheul aus, das nichts Menschliches mehr besaß.

War es Einbildung, war es Wirklichkeit? Hatte eine Stimme von unten ihm geantwortet, hatte sein Geheul ein Echo geweckt, ein wildes, wahnsinniges Lachen, das aus der schweigenden Menge emporstieg und über Qualm und Gluten hinweg bis an sein Ohr drang? Er verstummte vor diesem Ton und spähte hinab, und durch einen Riß in dem Schleier aus Rauch und Flammen meinte er aus einem Frauengesicht ein paar schwarze, glühende Augen auf sich gerichtet zu sehen, dieselben Augen, die ihn schon einmal an diesem Abend in seinen Phantasten verfolgt hatten. Der dritte der Schatten, die neben ihm gewesen waren in den vergangenen Stunden beginnender Qual – wie schwach und machtlos erschien sie ihm jetzt in diesem Augenblick höchster Todesnot! – hatte Gestalt und Leben gewonnen und stand dort unten, sich an seiner Verzweiflung zu weiden.

Vor diesen Augen und vor den Gluten, die immer rascher und gewaltiger empordrangen – der Qualm selbst schien jetzt Feuer zu fangen und zu brennen, – stürzte er in das Zimmer zurück. Er vermochte Busenius kaum mehr zu erkennen, so dicht lagerte auch hier eine graublaue Rauchwolke; doch als er seine Gestalt entdeckt hatte, eilte er zu ihm hin, sank neben ihm in die Kniee und umklammerte seine Hand.

»Rette mich, rette mich! O mein Gott, ist denn niemand da, der mir hilft? Ich will ja nur leben, ich will nicht sterben, will diesen gräßlichen, gräßlichen Tod nicht leiden! Rette mich, rette mich!«

Busenius antwortete ihm nicht mehr. In seiner vollen Größe stand er da, gestützt und gehalten durch seinen Glauben, der – mochte er Wahn oder Wahrheit, oder ein Schatten der Wahrheit sein – ihm Kraft und Mut verlieh, dem Tod ohne Beben ins Auge zu sehen. Wenn eine emporschlagende Flamme auch die Rauchwolke im Zimmer mit rotem Licht erfüllte, dann tauchte sein Gesicht für einen Augenblick aus dem grauen Schleier hervor, und auf seinen Zügen leuchtete ein Ausdruck seligen Friedens und hoffnungsvoller Erwartung. So glich er einem der glaubensstarken Märtyrer, die aus Schmerz und Flammen hervorlächelnd, hinüberblickten in ein herrliches Land der Verheißung.

Noch einmal stammelte Jaksch sein: »Rette mich, rette mich!« noch einmal schrie er auf in seiner wahnsinnigen Angst, aber die Antwort, die ihm wurde, klang in sein Ohr wie der Donner des Gerichts. Ein erneutes, furchtbares Knistern und Krachen ging durch das brennende Gebäude, der Giebel neigte sich, schwankte ein paarmal hin und her, wie ein Schiff im Sturm, ein Angstgeschrei vieler Menschenstimmen tönte noch einmal von unten herauf, dann war es geschehen! Was noch gestanden hatte vom Hause der Schatten, das war zusammengestürzt mit seiner menschlichen Last, war niedergesunken in den flammenden Herd der Vernichtung, und bis zum Himmelsgewölbe schienen die Gluten im wilden Triumph emporsteigen zu wollen, die diese neue Beute begrüßten.

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