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Im Haus der Witwe

Robert Kohlrausch: Im Haus der Witwe - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Kohlrausch
titleIm Haus der Witwe
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierte Auflage
yearo.J.
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Zehntes Kapitel

Jawoll, jawoll, das is man einmal einem Dichter,« sagte Karoline zu der in ihrer Küche versammelten Gesellschaft und legte ein Buch aus der Hand, dessen letzte Seite sie eben vorgelesen hatte. Sie meinte mit dem Dichter aber nicht ihren ›lieben Assessor‹, wie sie ihn mit Rücksicht auf ihre eigenen Empfindungen und die ihrer Herrin für ihn zu nennen pflegte. Sie meinte Hans Herrig, den Schöpfer des Lutherfestspiels, das – einmal Mode geworden – auch in die alte, katholische Bischofsstadt seinen Weg gefunden hatte und von der protestantischen Einwohnerschaft mit Eifer zur Aufführung vorbereitet wurde. Jetzt eben hatte Karoline, die für das religiös-künstlerische Ereignis in heller Begeisterung war, ihren Genossen das Spiel von Anfang bis zu Ende vorgelesen, mit langsam-feierlichem Pathos, nur hie und da mit einigen Veränderungen, die sie der deutschen Sprache schuldig zu sein glaubte.

Der Kutscher Ferdinand hatte zuweilen gegähnt, was Karoline im Eifer des Lesens zum Glück übersehen hatte; sonst würde dieser erneute Beweis von Bildungsmangel die noch immer nicht festgesetzte Hochzeit des alternden Paares wieder ins Unendliche verschoben haben. Um so eifriger hatte das Stubenmädchen, obwohl es katholisch war, zugehört und mit ihren weitgeöffneten Fischaugen die Leserin angeschaut, deren wohlgemeinte Warnung: »Deinem Papste geht es dich aber schlecht« sie von der Teilnahme an dem ungewöhnlichen Kunstgenüsse nicht hatte zurückhalten können. Der Diener, der nun schon als Johannens erklärter Bräutigam galt, hatte sich die Zeit damit vertrieben, sie ab und an in die Arme zu kneifen, während das kleine Hannchen mit einem Ausdruck so reiner Begeisterung auf dem geröteten Gesichte dasaß, als wäre die Welt rings um sie her versunken. Es war vielleicht die erste Probe von Poesie, die in die Armut und Abgeschlossenheit ihres Lebens hineindrang, und Herrigs erzwungene Volkstümlichkeit mochte ihr wie die echte, reine Sprache des Herzens ins Ohr klingen.

Drei Personen befanden sich außerdem noch in der Küche. Aus der dämmerigen Ecke zur Rechten der Thür schauten die fröhlichen Gesichter von Martha Wernicke und Fritz Köhler herüber und nickten der Leserin jetzt einen freundlichen Dank. Seit jenem Abend im Athletenklub, als Martha ihrer Mutter so nachdrücklich ihr Wohlgefallen an dem Geliebten beteuert hatte, galten sie in der Familie für Stillverlobte, und wenn ihr Bund noch nicht war veröffentlicht worden, so erklärte sich das aus der Rücksicht auf die noch schwebende Untersuchung über die Vorfälle jenes Abends. Marthas Vater war dem fleißigen und braven Gesellen, der obendrein einmal ein ganz hübsches Vermögen zu erwarten hatte, wohlgeneigt, aber mit der Scheu des biederen Bürgers vor allem, was mit den Gerichten in Verbindung steht, erklärte er: »An sich habe ich gegen den Schwiegersohn nichts einzuwenden, aber zuerst muß die Geschichte von damals untersucht werden, und er muß frei ausgehen. Einem Menschen, der gesessen hat, gebe ich meine Tochter nicht.« Köhler lächelte schweigend über die Besorgnis des Alten, da sein gutes Gewissen ihm sagte, daß er in der Notwehr gehandelt habe, und betrachtete das geliebte Mädchen im stillen bereits als sein Eigentum. Sie protestierte lachend dagegen und erklärte, daß sie nun und nimmer einen Totschläger zum Manne nehmen könne, während die heimlichen Küsse und das Aufstrahlen ihrer Augen bei seinem Anblick die Rede ihres Mundes Lügen straften. Sie sah ihn noch immer vor sich, wie er an jenem Abend dagestanden hatte, eine leuchtende Siegfriedsgestalt, den hingestreckten Gegner zu seinen Füßen, und in ihrer Seele wohnte nur noch der eine Wunsch, diese Gestalt an ihrem Herzen halten zu dürfen, ganz nahe, ganz fest und für immer! Bald mußte sich's ja entscheiden, bald mußte Neuert, von dessen allmählicher, langsamer Besserung sie mit Spannung hörten, vernehmungsfähig sein, und dann – dann durften sie glücklich werden!

Eine Frauengestalt, noch neu in diesem Kreise, saß unweit von ihnen, dicht an das kleine Hannchen geschmiegt. Es war die Schwester Bäsmanns, aus der Ferne herbeigerufen durch die unerwartete Glücksnachricht von jener Erbschaft, die sie mit ihrem Bruder zusammen gemacht hatte. Sie saß gekrümmt, mit gebeugtem Kopf, als hätte die Last des Lebens sie vor der Zeit niedergedrückt. Körper und Gesicht waren von auffallender Magerkeit, eine gelbe, pergamentähnliche Haut spannte sich über die vortretenden Knochen. Dicke Schattenstriche liefen ihr von den Augenwinkeln schräg über die Backen, graues Haar legte sich glatt um die eingefallene Stirn. Die hellblauen Augen aber, die mit einem Ausdruck von Hilflosigkeit und Güte blickten, erwarben ihr Mitleid und Neigung. Ein einfaches, schwarzes Kleid sollte die Trauer um den Verstorbenen ausdrücken, dessen Tod ihr doch nur glückbringend gewesen war. Während der Vorlesung hatte sie häufig geweint und auch jetzt führte sie das Taschentuch noch einmal an die Augen. »Weshalb weinen Sie man bloß, Frau Müller?« fragte Karoline, halb verwundert, halb stolz auf die Wirkung ihres Vortrages, zu ihr hinüber blickend. »Ach, ich habe so viel an meine Mutter selig denken müssen,« gab Frau Müller mit kläglicher Stimme zur Antwort. In welcher Beziehung ihre Mutter selig zu Luther gestanden hatte, erklärte sie nicht, aber Karoline war befriedigt.

An Stoff zur Unterhaltung fehlte es an diesem Abend nicht. Die bevorstehende Aufführung beschäftigte alle Geister, und wenn auch nur Martha und Köhler mit kleinen Rollen bedacht worden waren, so hatte doch Karoline es durchzusetzen gewußt, daß sie mit Ferdinand Elster und dem Diener zusammen als ›Volk‹ mitwirken durste. Da gab es endlose Debatten über Proben und Kostüm, und Karoline sah sich im Geiste schon in einem goldschimmernden Krönungsmantel, wie ihn die Königin Elisabeth in ›Maria Stuart‹ einmal im Sommertheater getragen hatte. »Du wirst ja bloß eine ganz einfache Bürgersfrau,« wandte Ferdinand ein, sie aber gab würdevoll zur Antwort: »Das is mich denn doch zweifelhaft.«

Eben wollte sie zu einer längeren Auseinandersetzung ausholen, als nach einem raschen und leisen Klopfen die Thür sich öffnete, und ein Gast hereintrat, so unerwartet und so geisterhaft anzuschauen in der Blässe seines Gesichtes, daß alle erschraken. Es war Neuert, nachlässig bekleidet, wie er von seinem Bett emporgesprungen war und die notwendigsten Kleider hastig übergeworfen hatte. »Können Sie mir mit ein wenig Brot und Milch aushelfen?« sagte er zu Karoline. »Ich bin zu kurz gekommen und habe niemanden, den ich schicken könnte!«

Rasch erhob sich die Köchin, ihrem guten Herzen gehorchend, und holte das Verlangte herbei, während sie zugleich ihre Verwunderung aussprach, daß Doktor Jaksch dem Kranken das Verlassen von Bett und Zimmer schon gestattet habe. »Den habe ich nicht gefragt, man muß doch endlich einmal wieder gesund werden,« gab Neuert in seinem alten, barschen Tone zur Antwort, zugleich aber verrieten seine Augen, die unruhig in dem Raume umherwanderten, um dann auf Köhler und Martha haften zu bleiben, daß etwas anderes ihn hierher getrieben hatte, als die Bitte um Milch und Brot. Die Sehnsucht nach dem geliebten Mädchen, das Verlangen, von ihm zu hören wenigstens, und das er nun wieder an der Seite des Mannes erblicken mußte, den er haßte!

Köhler hatte sich langsam erhoben und trat jetzt nahe zu ihm heran. »Kommen Sie her,« sagte er freundlich, »wir wollen uns wieder vertragen. In der Hitze des Gefechtes thut und sagt man ja manches, was einem hinterher leid ist. Wollen Sie? Da ist meine Hand.« Neuert hatte die Brauen zusammengezogen und starrte, während es um seine Mundwinkel zuckte, mit niedergeschlagenen Augen auf die dargebotene Hand. Aber jetzt war auch Martha zu ihm herangetreten, berührte ihn leise an der Schulter und sagte: »Seien Sie gut und verständig. Er hat es nicht böse gemeint. Und auch mir hat es sehr leid gethan, daß Sie so krank gewesen sind.«

Bei ihrer Annäherung hatte sein Körper gezittert, als wenn ein plötzlicher Frost ihn überlaufe; dann aber hatte er die Augen, aus denen dunkle Flammen hervorzulodern schienen, voll auf sie gerichtet. Und als er in ihrem Gesichte nichts fand als Güte und Mitleid, da erloschen auch diese Flammen in seinen Blicken, ein feuchter Schleier legte sich über die Augen, und mit rascher, kurzer Bewegung reichte er dem Feinde die Hand.

Die Begegnung der Männer hatte so sehr die Aufmerksamkeit gefesselt, daß niemand auf die seltsame Bewegung acht gegeben hatte, die bei Neuerts Anblick über die fremde Frau gekommen war. Ihre matten Augen hatten sich belebt, ihr gebeugter Körper hatte sich gehoben, jetzt war sie aufgestanden und trat mit ausgestreckten Händen auf den Schlosser zu. »Franz, Junge,« sagte sie mit thränenerfüllter Stimme, »sehe ich dich wirklich noch einmal wieder?«

Neuert wandte sich auf die unerwartete Anrede hastig zu der Frau, so daß er Auge in Auge ihr gegenüber stand. Sein Gesicht war noch etwas bleicher geworden als zuvor, und mit schwerer Zunge sagte er: »Sie sind es, Sie!« Er stockte einen Augenblick. »Nein, ich irre mich, und auch Sie müssen sich irren,« fügte er dann mit jähem Wechsel von Ton und Ausdruck hinzu. »Irgend eine Ähnlichkeit muß Sie getäuscht haben, wir kennen einander nicht.«

Er wandte sich zum Gehen, mit kummervollem Ausdruck aber schüttelte die Frau den Kopf. »Du brauchst nicht wieder davon zu laufen, wie du es schon einmal gethan hast. Ich will ja nichts von dir, und du bist ja jetzt auch ein Mann, der seine eigenen Wege geht. Aber ich habe doch einmal Mutterstelle an dir vertreten –«

Sie konnte nicht enden. Ein Laut wie ein unterdrückter Hilferuf drang von der Thür herüber, und wie zur Antwort auf diesen angstvollen Ton schrie Karoline jetzt leise auf. Gleich aber faßte sie sich wieder, eilte auf eine dunkle Frauengestalt zu, die, mit einer Ohnmacht kämpfend, sich an den Thürpfosten anklammerte und rief: »Seht man, seht man bloß – Fräulein Tietjens, – ihr wird ohnmächtig!«

Sie stürzte auf die Wankende zu, die unhörbar die von Neuert bei seinem Eintritt nicht fest wieder geschlossene Thür geöffnet und die Küche betreten hatte. Eine häusliche Besprechung mochte sie hergeführt haben; jetzt aber suchte sie mit ihren erlöschenden, unsicheren Blicken nur noch die beiden Gestalten, die da inmitten des Raumes einander gegenüber standen, und machte in halber Bewußtlosigkeit eine Bewegung, als wolle sie die ihr dargebotene Hilfe von sich weisen. Von den vier Frauenaugen getroffen, die so angstvoll und gespannt auf ihm ruhten, stand Neuert einen Augenblick schweigend und schaute unschlüssig von der einen zur andern, um sich dann mit einem heftigen Zurückwerfen des Kopfes loszureißen, ein paar unverständliche Worte zu murmeln und mit leisen, hastigen Schritten die Küche zu verlassen. Noch einmal streckte Fräulein Tietjens die Hände nach ihm aus; es war, als wolle sie ihm folgen, ihn halten. Dann aber schienen ihre Kräfte sie zu verlassen, sie sank auf einen Stuhl und mit einem lauten, seltsamen Schluchzen, in dem Weinen und Lachen durcheinander klangen, schlug sie die Hände vor das Gesicht. – – –

Frau Henninger war mit ihrem stummen Begleiter eilig ihrer Wohnung zugeschritten, des Regens nicht achtend, der sanfter, aber ohne Aufhören fiel. In ihrem Zimmer hatte sie Licht gemacht und die Vorhänge vor den Fenstern herabgelassen; jetzt stand sie dem Taubstummen, im hellen Scheine der Lampe, deren Schirm sie absichtlich entfernt hatte, gegenüber. Sich trotz ihrer Erregung zu langsamer, deutlicher Bewegung der Lippen zwingend, sagte sie: »Der Mann vorhin war Ihnen bekannt; wissen Sie seinen Namen?«

Ohne zur Tafel zu greifen, die er bereits hervorgezogen hatte, gab ihr Bäsmann durch lebhaftes Kopfschütteln seine lautlose Antwort.

»Was wissen Sie von ihm?«

Jetzt begann er zu schreiben. »Ist ein schlechter Mensch. Ein Verbrecher. Sich vor ihm hüten. Sie nicht ins Unglück kommen!«.

Mit schmerzlichem Ausdruck nickte sie zu seinen Worten. »Berichten Sie mir alles, was Sie wissen,« sagte sie.

Er sann einen Augenblick nach, indem er den Griffel in seiner Hand aufmerksam betrachtete, um ihn dann wieder voll Eifer über den Schiefer dahingleiten zu lassen. In Weißen Linien traten die Worte auf dem dunklen Grunde hervor. »Bin kein Aufpasser, kein Zuträger. Habe aber gelernt, Worte von Lippen lesen. Habe zufällig einmal zwei Männer belauscht, die stritten um den Lohn für ein Verbrechen. War auf dem Wall, in den Anlagen. Saß auf einer Bank in der Nähe. Der vorhin war der eine von ihnen.«

»Ich kenne ihn und ich kenne auch das Verbrechen,« sagte Frau Henninger mit einer Stimme, in der Zorn, Abscheu und Scham sich mischten. »Den Namen des anderen aber muß ich erfahren um jeden Preis. Wenn Sie es gut mit mir meinen, so sagen Sie ihn mir.«

Ein dankbares Leuchten ging über sein häßliches Gesicht, und er hob die Hände, wie zum Zeichen, daß er den Segen des Himmels auf ihr Haupt herab rufen möge. »Alles für Sie!« schrieb er dann hastig. »Haben mein Hannchen gerettet. Alles für Sie!«

Ungeduldig schüttelte sie den Kopf. »Den Namen,« drängte sie, »den Namen!«

Nun zauderte er doch ein wenig und blickte scheu um sich her, ob niemand außer ihr Zeuge sei von dem, was er jetzt niederschreiben wolle. Doch dauerte sein Zögern nur ganz kurze Zeit; mit einem festen Griff, in dem sich Groll und Entschlossenheit ausdrückten, faßte er die Tafel, und in größeren, stärkeren Zügen, als die früheren Worte, schrieb er den Namen, den sie zu wissen begehrte. Da stand er vor ihr, nicht ungeahnt, aber nun doch mit kaltem Schrecken sie überrieselnd, der Name des Mannes, den sie verabscheut hatte mit dem Instinkt einer reinen Seele, und der nun in ihre Hände geliefert wurde als schuldiger, überführter Verbrecher: »Doktor Jaksch!«

Schweigend, mit großen, weitgeöffneten Augen starrte sie auf die beiden Worte da vor ihr. Ja, sie bezeichneten ihr den Schurken, der ihr den Bruder verführt hatte, der zwischen sie und das Glück ihrer Zukunft getreten war – sie empfand es mit wachsender, blendender Klarheit – der die Kluft hatte erbreitern helfen, die zwischen ihr und dem Geliebten lag. Sie gedachte des Winters und seiner Schmerzen, und ihre Hände ballten sich so fest zusammen, daß die Nägel sich in das Fleisch gruben.

Dann, mit den Fingern über die Stirn hinstreichend, die sich in zornige Falten gezogen hatte, begann sie wieder zu sprechen. »Schweigen sie gegen alle,« sagte sie langsam und nachdrücklich. »Der Mann, den Sie vorhin bei mir gesehen haben, war mein Bruder.«

Erschreckt, bestürzt, in seinem Gefühl, ihr einen Dienst erwiesen zu haben, scheinbar getäuscht, griff Bäsmann mit unruhigen Händen in die Luft, um seinen Kummer und seine Reue der verehrten Beschützerin des geliebten Kindes auszudrücken. Sie aber legte beschwichtigend die Hand auf seinen Arm und sagte mit der ruhigen Freundlichkeit, die sie wiedergefunden hatte: »Grämen Sie sich nicht, ich wußte schon alles von meinem Bruder; und Sie haben mir wirklich einen großen Dienst erwiesen. Ich danke Ihnen. Gehen Sie jetzt, und wenn Sie mir noch behilflich sein können, bitte ich Sie zu mir.«

Die Sorge verschwand bei ihren Worten aus seinen Zügen, er faßte ihre Hand, die sie ihm gütig reichte, und ging zur Thür, um sich dort noch einmal umzuwenden und Frau Ina geheimnisvoll und freundlich zuzuwinken. Als er draußen war, barg er die Tafel, die ihm Stimme und Sprache war, sorgsam wieder auf der Brust unter dem Rock; indem er aber nun der Treppe zuschritt, die nach unten führte, ergriff ihn die Erinnerung an das eben Geschehene mit erneuter Macht, und die Fäuste ballend schüttelte er sie drohend nach der Richtung des Hauses, wo er Doktor Jaksch vermutete.

Vielleicht hätte er die Hände nicht so zornig erhoben, wenn er gewußt hätte, was dort im Augenblick geschah. Doktor Jaksch mußte vor kurzem erst heimgekommen sein. Er saß, den leichten Ueberzieher noch auf dem Körper, an seinem Schreibtisch; den Hut hatte er vor sich hingelegt, dicht neben die Lampe, die er entzündet, aber nur mit dem Cylinder, nicht mit der Kuppel bedeckt hatte. Die hielt er in den Händen, wie gelähmt für einen Augenblick durch die Erscheinung, die so plötzlich vor ihn getreten war, durch die Worte, die auf ihn niederfielen, wie ein Gewitterschauer. Er hatte das verzerrte, wuterfüllte Gesicht, das nun wirklich dem eines raubgierigen, mordlustigen Tieres glich, der Frauengestalt neben dem Tische zur Linken zugewandt, und das unverhüllte Licht ließ die Bosheit und Tücke seiner Züge, von denen die glatte Maske jetzt herabgefallen war, deutlich hervortreten.

»Mein Sohn, jawohl, mein Sohn,« sagte die Frau, indem sie mit der rechten Hand auf ihre Brust schlug, in einem Tone, dessen stammelnde, atemlose Wut schrecklicher war, als ein lautes Geschrei. »Mein ist er gewesen von Anfang an, denn du hast ihn gehaßt und verleugnet seit dem ersten Tage. Er hätte mein Glück werden können, und du hast ihn mir genommen! Du hast ihn hinausgestoßen zu Fremden, wo die Liebe der Mutter ihm fehlte, von wo das Heimweh ihn forttrieb in die weite Welt. Aber das war es ja, was du wolltest. Ermorden konntest du ihn nicht – es war nicht die Liebe, nicht die Tugend, nicht dein Vatergefühl, was dich davon zurückhielt, es war nur die ganz gemeine Furcht vor Strafe und Entehrung, – so hast du ihn verschwinden lassen, ganz heimlich, ganz ohne Geräusch und ohne einen Tropfen Blut zu vergießen.«

Er hatte sich während ihrer Rede erholt von dem Schrecken, den ihr plötzliches Auftauchen in dem halbdunklen Zimmer bei seiner Heimkehr ihm verursacht hatte; die verdammten Nerven spielten ihm jetzt manchmal einen Streich! Aber nun hatte er sich wiedergefunden, und mit der ruhigen Kälte, die er ihr gegenüber zu zeigen pflegte, schaute er, ein wenig lächelnd. zu Fräulein Tietjens hinüber. Dann stand er auf, deckte die Kuppel auf die Lampe, daß mattere Helle sich über das Zimmer breitete, zog langsam den Ueberzieher aus, hing ihn an einen Kleiderhalter neben der Thür und sagte, zum Schreibtisch zurückkehrend: »Wenn es dir möglich ist, so laß uns die Sache etwas weniger theatralisch behandeln.«

Ohne auf ihn zu hören, fuhr sie fort in ihrer leidenschaftlichen Rede; der Zorn allein, der ihr in der Brust emporquoll, hatte sie für einen Augenblick verstummen lassen. »Aber du hast dich getäuscht, wenn du gemeint hast, er wäre so gefällig gewesen, zu verschwinden auf immer. So wahr ich selbst in diesem Augenblick vor dir stehe, mein Sohn lebt!«

Er hatte vom Tisch eine feine Pincette aufgenommen und zupfte damit an den langen, rötlichblonden Haaren, die auf den Außenseiten seiner Hände wuchsen. »Das ist ja interessant,« sagte er höflich und kühl.

»Jawohl, er lebt! Und nicht so weit von dir, wie du es wünschen möchtest, nein, ganz in der Nähe, in dieser selben Stadt, in diesem selben Hause!«

Wenn sie gemeint hatte, Ueberraschung und Schrecken auf seinem Gesichte zu lesen bei diesen Worten, so hatte sie sich getäuscht. Sie sah auch jetzt wieder das glatte Lächeln auf seinen Zügen, und dieser Anblick vermehrte noch ihre Wut. »Du hast ihn von dir gestoßen, aber er ist doch wieder zu dir zurückgekommen. Der Zufall, – oder soll ich es Schicksal nennen dir zum Aerger, du meineidiger, glaubensloser, frivoler Bube? – ja, das Schicksal hat ihn hierher gebracht unter das Dach dieses Hauses!«

»Etwas leiser, wenn ich bitten darf. Du wirst die Leute hierher schreien, und ich dachte, es wäre dir nicht erwünscht, wenn man von unserem Verkehr erführe.«

Sie hatte nun wirklich die Stimme zu lautem Drohen erhoben, die Worte, die zuerst einzelnen, schweren Regentropfen geglichen hatten, strömten jetzt fessellos hervor in ungehemmter, mächtiger Flut. Auch seine höhnische Warnung brachte sie nicht zum Schweigen oder zur Mäßigung.

»Mögen Sie's erfahren, ich frage nicht mehr danach. Ich selbst, ja, ich selbst möchte es ihnen entgegenrufen: ich bin in Schmach und Jammer, aber hier ist der Mann, der mich zu dem gemacht hat, was ich bin! Um seinetwillen habe ich Ehre, Familie und Heimat verloren, um seinetwillen habe ich im Schatten der Sünde gelebt seit vielen Jahren. Und was hat er mir gegeben für meine Opfer? Hohn und Verachtung, Spott und Mißhandlung. Er hat nicht gegeben, er hat nur genommen. Den Sohn, den ich liebte, der mir hätte ersetzten können, was ich verloren hatte, – von der Brust hat er ihn mir gerissen und ihn seiner Mutter entfremdet!«

Mit einer Stimme, scharf und hart wie das Metall, das er noch immer in der Hand hielt, unterbrach sie der Mann. »Du schwärmst und phantasierst. Es wäre nützlicher für dich und mich und vielleicht auch für einen dritten, wenn du mit vernünftigen Worten mir sagtest, was du erfahren hast, wann, wie und wo du es erfahren hast.«

»Ich will es dir sagen,« gab sie mit ungeminderter Leidenschaft zur Antwort; »weil ich nicht glaube, daß es ihm Schaden bringen kann, und weil es dir zeigen soll, daß es ein Schicksal und eine Vergeltung giebt. Oder ist es vielleicht keine Kette von Ursache und Wirkung, wenn dieselbe Frau, durch deren Hilfe du den Sohn von dir und mir losreißen wolltest, hierher kommen muß in dieses Haus durch deine Schuld, um den Verlorenen wiederzuerkennen nach vielen Jahren? Ich sage: durch deine Schuld! Hättest du einem kranken, schutzlosen Kinde die Hilfe nicht verweigert, die du ihm und seinem Vater zu vielen Malen versprochen hattest, niemals hätte das Kind hier eine Zuflucht gefunden, niemals hätte jene Frau, die ihm verwandt ist, die Schwelle dieses Hauses betreten.«

»Was ist das für eine Frau, von der du redest?« Er hatte die Pincette jetzt auf den Tisch gelegt, den Kopf zurückgeworfen und schaute sie mit kalten Blicken gebieterisch an.

»Dieselbe, der du den Knaben übergeben hast, und der er entlaufen ist. Ich kenne sie, du weißt es, denn in der ersten Zeit hattest du es mir erlaubt, mein Kind noch zuweilen zu sehen, und als du es mir verboten hattest, bin ich noch einmal heimlich dort gewesen. Es ist zu lange her, und mein Sohn war zu klein, als daß ich ihn jetzt hätte wiedererkennen können, wenn er mir begegnete, hier, in diesem Hause! Aber die Frau ist hierher gekommen, ich habe sie gesehen, und sie ist eine zuverlässige Zeugin, wie du anerkennen wirst.«

Er war aufgestanden und ging auf der Schattenseite des Zimmers ein paarmal auf und nieder. Dann stellte er sich, ein böses, gefährliches Lächeln auf dem Gesicht, nahe vor Fräulein Tietjens hin. »Nun, meine Teure, ich sehe, du bist ganz gut unterrichtet. Aber ich bin doch immer noch ein wenig rascher und besser au fait, als du mit deiner Frauenzimmerklugheit. Was du mir da als ein großes, neu entdecktes Geheimnis auskramst, ich habe es schon seit vierzehn Tagen gewußt.«

»Du hast es gewußt?« stammelte sie, von Ueberraschung für einen Moment gelähmt.

»Und du selbst wärest so gütig, mir auf die Spur zu helfen.« Er hatte die Schublade seines Schreibtisches geöffnet, das kleine Gebetbuch, das er bei Neuert gefunden hatte, herausgenommen und warf es nun mit einer nachlässigen Bewegung auf die Platte des Tisches.

»Dies Buch? Ich verstehe dich nicht, – ich habe es ihm gegeben, als er noch klein war, als ich ihn das letztemal besuchte.«

»Und ich habe es bei ihm gefunden, als er ein großer Schlingel geworden war.«

Sie blickte schweigend in das Buch hinein, das sie emporgehoben und geöffnet hatte, las die Worte, von ihrer eigenen Hand auf die erste Seite geschrieben, und als sie nun wieder sprach, hatte die haltlose Leidenschaft einer ruhigen Würde Platz gemacht. »Du hast es also gewußt! Und hast es über das Herz gebracht, mir nichts davon zu sagen, obwohl es dir nicht fraglich sein konnte, daß unser Sohn das einzige Band war, das es zwischen uns noch gab. In der Hoffnung, mit deiner Hilfe ihn doch vielleicht noch einmal wiederzufinden, bin ich in deiner Nähe geblieben, in der Nähe eines Mannes, den ich verachtete. Um dieses Sohnes willen habe ich dich nicht verlassen, wie ich es lange gesollt hätte, und habe Spionendienste bei einer Frau verrichtet, die du begehrtest, – denn du kennst keine Liebe. Ja, ich will dir das Letzte noch sagen: im Herzen habe ich einen Traum genährt, es könnte vielleicht an unserem Lebensabend, wenn du alle äußeren Ehren erreicht hättest, die du erstrebtest, eine gemeinsame Aufgabe für uns werden, das Glück unseres wiedergefundenen Sohnes zu fördern. Heute hast du mir auch diesen Traum genommen. Es giebt nun keine Verbindung mehr zwischen dir und mir. Meinen Sohn aber fordere ich für mich. Geh' du deines Weges und laß' mich meinen gehen, aber vorher soll dieser unglückliche, kranke, verlassene Mensch dort oben erfahren, daß er noch eine Mutter hat.«

»Ein hübscher Abgang,« sagte der Doktor, »du würdest einen Applaus haben, wenn du mit dieser Rede von der Bühne abträtest. Aber hier sind wir im Leben, nicht auf der Bühne, und darum muß ich dir sagen, daß deine Sentimentalitäten diesem Burschen gegenüber durchaus nicht angebracht sind. Wir wollen nicht darüber streiten, von wem er seine vortrefflichen Eigenschaften geerbt haben mag, – jedenfalls hat er sie mit Virtuosität ausgebildet. Er ist keineswegs ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft geworden.«

»Hast du etwa versucht, es aus ihm zu machen?«

Ohne auf ihre Unterbrechung zu achten, fuhr er fort. »Nein, er ist Überhaupt kein Mitglied der Gesellschaft mehr. Er hat sich selbst von ihrer Gemeinschaft ausgeschlossen. Er ist, – ich habe die Beweise dafür in Händen – ein Feind der öffentlichen Ordnung, ein Mann des Umsturzes, er ist, ich muß es mit Bedauern aussprechen, ein Anarchist geworden.«

Eine plötzliche, furchtbare Veränderung ging mit ihr vor. Ihr Gesicht verzerrte sich und wurde einer weißen, schmerzentstellten Totenmaske gleich. Ihre Augen ruhten für einen Augenblick auf dem Buch und einigen Papieren, die der Doktor mit ihm zugleich auf den Tisch gelegt hatte, dann hefteten sie sich mit einem Ausdruck steinernen Entsetzens auf sein Gesicht. Sie hob die Hände hoch empor und griff mit den Fingern, die sich zusammenkrampften, in die leere Luft. Er glaubte zuerst, sie wolle sich auf ihn stürzen, und faßte nach einem scharfen, ärztlichen Instrument, das in seiner Nähe lag, aber sie berührte ihn nicht. Auch dauerte das tiefe Schweigen, das entstanden war, nur einen kurzen Moment. Dann kam ein Schrei aus ihrer Brust, ein wilder Ton des Abscheus und der Verzweiflung, und indem sie ihm zurief: »Jetzt weiß ich, was du mit ihm vor hast!« ergriff sie das Buch und die Papiere, drückte sie an ihre Brust und stürzte an dem Doktor vorüber zur Thür, die sie aufriß und laut hinter sich zuwarf.

»Teufel!« murmelte er. Ein kurzes Nachdenken fesselte ihn noch an seinen Platz, dann griff er eilig nach seinem Hut, eilte gleichfalls zur Thür und stürmte die Treppe hinunter. –

Abwärts führte ihn sein Weg, aufwärts glitt ihre Gestalt über die knarrenden, ausgetretenen Treppen des alten Gebäudes. Aufwärts, bis sie im Giebelraum vor Neuerts Zimmer Halt machte und einen Augenblick Atem schöpfte nach ihrem eiligen Lauf. Dann klopfte sie leise an die Thür des kleinen Gelasses, das ihr Sohn bewohnte.

»Wer ist da?« fragte er mürrisch, halblaut. Sie gab keine Antwort, sondern wiederholte nur ihr Klopfen, bis ein müder, schlürfender Schritt sich näherte, und die Thür von innen geöffnet wurde. Erstaunt trat Neuert in das Zimmer zurück, als er Fräulein Tietjens vor sich erblickte. Sie hatten noch nie, solange sie gemeinsam in diesem Hause lebten, ein Wort mit einander gewechselt, und auch jetzt standen sie im ersten Moment schweigend, nach einem Anfang suchend. Der Schlosser hatte angekleidet auf seinem Bette gelegen, vom Gang über die vielen Treppen ermüdet, den er zum ersten Male wieder gemacht hatte. Mißgelaunt blickte er auf seine ungeordnete Kleidung und zerrte an den Knöpfen seines Rockes.

»Lassen Sie mich hinein,« sagte sie leise und sanft; es war ihm, als klängen Thränen in ihrer Stimme. Und vor diesem ungewohnten Tone wich er zurück, trat beiseite und gab den Eingang frei. Sie schloß die Thür behutsam, ohne Geräusch, um nun, ihm gegenüber, vergeblich nach Worten zu ringen.

»Ich habe Ihnen etwas zu sagen,« begann sie endlich; »es handelt sich um Sie selbst, um Ihre Freiheit, Ihr Leben vielleicht. Aber es handelt sich auch noch um jemand anderes, um eine Frau, die Sie noch nicht kennen, obwohl sie Ihnen näher steht, als irgend ein Wesen sonst in der Welt, – ja, Franz, es handelt sich um deine Mutter!«

»Meine Mutter?« Es war nur Erstaunen und Zweifel, keine Hoffnung und keine Liebe in seiner Frage, mit der er Antwort gab auf ihre letzten, schluchzend hervorgestoßenen Worte.

Sie aber ergriff seine Hand, zog sie an ihre Brust und küßte sie unter Thränen. »Gieb mir deine Hand; sieh, ich habe sie gehalten und geküßt, als sie ganz klein und hilflos war, vor vielen, langen Jahren. Du bist aufgewachsen ohne die Liebe einer Mutter, aber es war nicht meine Schuld, glaube mir, es war nicht meine Schuld!«

»Sie also behaupten, meine Mutter zu sein?« Er betrachtete sie aufmerksam, das Mißtrauen aus seinen Augen war noch nicht geschwunden. »Wo sind denn die Beweise dafür?«

»Die Frau, die dich erkannt hat, vorhin, als ich dazu kam, bei der du aufgezogen bist in den ersten Jahren deines Lebens, wird dir bezeugen, von wem sie dich empfing, und wer dein Vater ist. Dann aber wird er nicht mehr leugnen können, was du ihm bist, und was ich ihm gewesen bin.«

»Ein schöner Vater, wie mir scheint,« sagte er mit bitterem Lachen, sie aber hörte nicht auf ihn.

»Und wenn es eines äußeren Beweises bedarf, hier ist er, in diesem Buche. Mit meiner eigenen Hand –«

Er ließ sie nicht zu Ende reden. Mit einem wilden Laute des Zorns entriß er ihr das Buch so heftig, daß auch die anderen Papiere, die sie gehalten hatte, zur Erde fielen. Und als er diese erblickte, warf er das Buch beiseite, um, mit den Knieen hart auf den Boden niederstürzend, die verstreuten Blätter an sich zu raffen. »Das ist mir gestohlen!« schrie er, heiser vor Wut. »Gestohlen, geraubt, während ich hier im Fieber gelegen habe und wehrlos war!« Von einem plötzlichen Gedanken gepackt, eilte er in die Ecke des Zimmers, schob mit wütendem Eifer die Kiste von ihrem Platz und schlug die Fingernägel in den Spalt der Dielen, das lockere Brettstück von seinem Platze hebend. »Wer hat das gethan?« schrie er auf, als die Oeffnung frei geworden war, und er erkannte, daß eine fremde Hand seinen geheimen Besitz berührt hatte. Mit einem einzigen Griff riß er die Papiere heraus, die in der Höhlung lagen, und streute sie um sich her in wildem Suchen. »Hier hat das Buch gelegen,« rief er, in die leer gewordene Oeffnung hinunterstarrend, »und hier haben diese Schriften gelegen, die der Hund mir gestohlen hat. Nur einer kann es gethan haben, nur einer ist hier gewesen, solange ich krank war!«

»Er hat es gethan!« Sie sagte es ruhig und kalt, ohne Zögern und Ueberlegen.

Noch auf den Knieen liegend hob Neuert die geballten Fäuste. »Er soll es mir büßen, der Lump, der hinterlistige Hund! Mit schönen Worten hat er mir geschmeichelt, mein Vertrauen hat er gewinnen wollen, und wie es ihm nicht gelungen ist, hat er mich bestohlen wie ein gemeiner Dieb!«

Er war aufgesprungen und rang nach Atem mit keuchender Brust; Schweißtropfen hingen ihm am verwirrten Haar. Um ihn her aber auf dem Boden lagen die verstreuten Blätter, und inmitten der Papiere, deren jedes ein Werkzeug der Revolution hatte werden sollen, stand der verzweifelte Mann wie ein geschlagener Feldherr, um den seine Armee gefallen ist.

Langsam trat seine Mutter näher zu ihm heran. »Du weißt noch nicht alles,« sagte sie leise, mit Nachdruck, »der Mensch, der dich beraubt hat, ist dein Vater.«

Er antwortete mit keinem Laut, die Arme sanken ihm am Körper herab, der ganze Leib schien zu erstarren, in den Augen allein blieb Leben zurück. In diesen Augen aber malte sich ein Entsetzen, ein Abscheu, ein Haß, für die es keine Worte gab, die nur in schweigender That sich offenbaren konnten. Sein Verstummen in diesem Augenblick bedeutete ein Gelöbnis, das Gelöbnis erbarmungsloser Rache an dem Manne, der ihm das Leben gegeben hatte, um ihn dann von sich zu stoßen aus seiner Nähe und mit Verrat und Diebstahl an ihm zu enden.

Sie war es, die zuerst wieder das drohende, furchtbare Schweigen brach. »Ich fürchte, es ist keine Zeit zu verlieren,« sagte sie hastig und angstvoll, mit einem Blick auf die Thür, als wenn sie erwarten müsse, behorcht zu werden. »Du weißt nun, wie er an dir gehandelt hat. Er wird auf dem Punkte nicht stehen bleiben, wo er jetzt ist. Wie ich ihn kenne, ist er in diesem Augenblick schon dabei, die Mittel gegen dich zu gebrauchen, die er besitzt. Es bleibt dir nichts übrig, als zu entfliehen, jetzt gleich. Du mußt fort,« – sie warf einen Blick auf seine hagere, von der Krankheit verwüstete Gestalt, auf seine Augen, in denen die Glut des Fiebers wieder zu erwachen schien, und die Sorge um seine Rettung erstarb für einen Augenblick in mütterlichem Mitgefühl – »so schwach, so hilflos, so ganz allein hinaus in die Welt! Mein Franz, mein Junge, sag' mir, wie ich dir helfen kann!«

Unaufhaltsam brachen ihr die Thränen hervor, und ihn mit den Armen umfassend, zog sie ihn fest an ihre Brust. Und unter dem Beweis einer Liebe, die er nicht gekannt hatte bis zu dieser Stunde, schloß er für ein paar Sekunden die Augen und öffnete, den Kopf in sanfter Erschlaffung zurücklehnend, mit einem fremden, kindlichen Lächeln die Lippen, während der Strom einer zugleich milden und gewaltigen Empfindung seinen erbebenden Körper zu durchfluten schien. Dann aber schob er die Mutter wieder von sich und riß sich los aus der Umschlingung eines schönen, lähmenden Gefühls.

»Dafür ist es jetzt zu spät,« sagte er kurz, aber nicht hart. »Ich muß fort, es ist wahr.«

»Laß' uns überlegen, wohin du gehst. Ich gebe dir Geld, so viel ich habe. Es wird besser sein –« Sie brach ab und wandte das Gesicht horchend zur Thür.

»Was giebt's?« fragte er. Sie trat, ohne zu antworten, zum Ausgang des Zimmers, öffnete leise und spähte hinaus in die Dunkelheit. Gedämpft kam von unten der Ton durcheinander redender Männerstimmen zu ihr herauf, dazwischen der Klang von schweren Schritten auf hölzernen Stufen. Sie wandte sich in das Gemach zurück und lehnte die Thür an, ohne sie fest zu schließen. »Es ist zu spät, er ist rascher als wir,« sagte sie in einem Tone, der Haß und Hoffnungslosigkeit zugleich verriet.

Neuert sah mit wilden Blicken im Zimmer umher, als suche er nach einem neuen Ausgang, nach einem Versteck, in dem er sich vor seinen Verfolgern verbergen könne. Die Mutter trat zu ihm heran und legte den Arm um seine Schultern. »Sie sollen dich nicht fassen, ich helfe dir. Hör' mich an.«

Als ständen die Häscher bereits vor der Thür und könnten jede Silbe vernehmen, die drinnen gesprochen wurde, so begann sie nun zu flüstern, dicht an seinem Ohr, ihm selbst kaum vernehmlich. Aber er mußte sie trotzdem verstehen, denn er nickte zuweilen zu ihren Worten, und als sie geendet hatte, drückte er ihr die Hand. Dann begann auch er, ihr zuzuflüstern, halblaute, hastige Worte, bei denen etwas wie Genugthuung und Hoffnung in ihren Augen aufblitzte. »So wird es gehen,« sagte sie, als er schwieg. »Hier ist Geld für den Anfang, und wir bleiben ja in Verbindung.«

Sie hatte ein Portemonnaie hervorgezogen, das sie ihm reichte und das er eilfertig zu sich steckte. »Es ist Zeit, es ist Zeit!« drängte er sie, nun auch gespannt nach unten horchend. Sie wollte noch etwas sagen, aber sie fand keine Worte, und mit einem halberstickten Schluchzen zog sie den gefundenen und schon wieder verlorenen Sohn noch einmal an sich, um ihn zu küssen. Dann gab sie ihn frei, glitt aus der geräuschlos geöffneten Thür und stieg, anstatt in die unteren Räume des Hauses zurückzukehren, wo sie den sich nähernden Männern begegnen mußte, die leiterähnlichen Treppen hinan, die weiter in den Giebel emporführten. Schwere Dunkelheit lag dort oben, nahm sie in ihre Schleier und ließ sie verschwinden.

Jetzt klopfte es an Neuerts Thür, und bevor er noch antworten konnte, wurde sie aufgerissen. Mit Lichtern in den Händen standen ein paar Polizeibeamte davor, deren Führer ins Zimmer hineintrat und dem Schlosser einen Verhaftsbefehl entgegenhielt.

»Sie sind der Schlosser Neuert, nicht wahr?«

»Bis jetzt bin ich unter diesem Namen gelaufen,« gab Neuert mit grimmigem Lächeln zur Antwort, in dem die Erinnerung an sein Recht, einen andern Namen zu beanspruchen, drohend aufleuchtete.

»Das genügt. Ich habe den Auftrag, Sie zu verhaften.«

»Weshalb, wenn ich fragen dürfte?«

»Wegen dringenden Verdachts, einer anarchistischen Vereinigung anzugehören.«

Neuert warf einen Blick auf die Papiere, die am Boden lagen; er hatte sich vorhin, während er ein paar andere Gegenstände zu sich steckte, nicht die Mühe gemacht, sie von neuem zu verbergen. Er wußte, daß er ohnedies verloren war, daß es einen Zeugen gab, dem die gestohlenen Schriften genügt hatten, ihn zu vernichten.

»Ich werde mich doch wohl erst ankleiden dürfen?« fragte er kurz.

Der Beamte schaute flüchtig auf seine ungeordnete Kleidung. »Das können Sie, aber machen Sie schnell,« gab er zur Antwort.

»Ich bin krank gewesen, Herr!« sagte Neuert mit einem Wiedererwachen seines alten Trotzes.

»Das wissen wir; sonst hätten wir Sie uns schon eher geholt. Beeilen Sie sich.«

Während einer der Beamten, die ihrem Führer in das Zimmer gefolgt waren, auf seinen Wink die Papiere und was sonst noch an verdächtigen Gegenständen vorhanden war, an sich nahm, machte Neuert von der ihm gewordenen Erlaubnis Gebrauch. Aber war es die Krankheit, war es die Erregung des Augenblicks, war es absichtliches Zögern, – wie der Polizeibeamte ihm vorwarf, – die Finger wollten ihm nicht gehorchen, er warf die Kleidungsstücke hierhin und dorthin, und es dauerte geraume Zeit, bis er seinen Anzug vollendet hatte.

Endlich war er fertig, die Polizeileute hatten auch die zurückgelassenen Kleidungsstücke noch an sich genommen, der Marsch konnte beginnen. Der Führer mit einem der Beamten setzte sich an die Spitze, Neuert folgte, zwei Mann gingen hinter ihm. So bewegte der Zug sich aus dem Zimmer hinaus, die Treppen hinunter in ruhigem, gleichmäßigem Tempo. Nur einmal, auf einer der Treppen, machte Neuert für einen Augenblick Halt und klammerte sich an das Geländer an, als verließen ihn die Kräfte. Rasch aber raffte er sich wieder empor und ging weiter, doch war zwischen ihm und den beiden Vordermännern, fast ohne daß sie es bemerkten, ein Zwischenraum von einigen Schritten entstanden.

So hatte der Verhaftete mit seinen Hütern das erste Stockwerk des Hauses erreicht, als dicht an einer Thür, die in einer Vertiefung der Wand lag, Neuerts Hand ein Gegenstand entglitt, der mit hartem Klang auf den Boden aufschlug. »Was ist da gefallen?« fragte der führende Beamte, indem er stehen blieb.

»Er hat etwas von sich geworfen,« rief einer der hinter Neuert befindlichen Polizisten.

»Suchen Sie,« lautete der Befehl, der als Antwort kam, und »Suchen Sie doch!« klang es wie ein lautes, höhnisches Echo aus Neuerts Munde, so laut, daß es selbst den Kommandoton des führenden Mannes übertönte. Aber als wäre dieses Wort ein Signal für eine unsichtbare Kraft gewesen, so öffnete sich unmittelbar darauf leise die Thür in der Vertiefung der Wand, und während einer der Polizisten mit niedergesenktem Licht am Boden umhersuchte, stieß Neuert einen anderen, der sich unmittelbar neben ihm befand, mit wohlberechneter Bewegung vor die Brust, daß er zurücktaumelte, und schlüpfte gewandt in den dunklen Spalt hinein, der sich hinter ihm schloß.

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