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Im Haus der Witwe

Robert Kohlrausch: Im Haus der Witwe - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Kohlrausch
titleIm Haus der Witwe
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierte Auflage
yearo.J.
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Neuntes Kapitel

Ihm kuckt schon wieder ganz plaisierlich in der Welt,« sagte Karoline, die Köchin, und sie hatte recht. In kurzer Zeit hatte das kleine Hannchen sich wunderbar erholt; in die Haut war Spannkraft und Farbe gekommen, der vorzeitig alte Zug in dem Gesichte war verschwunden, sie hatte lachen und spielen gelernt wie andere Kinder. Die eigentliche Krankheit war schnell vorübergegangen, und jetzt erklang der Garten hinter dem Hause von der hell und fröhlich gewordenen Stimme. Sie war so hell und heiter wie der Sonnenschein, den der April gebracht hatte, und der die Welt schon beinahe sommerlich überflutete, als müsse der Frühling Verzeihung erwerben für den langen, trüben, schwermütigen Winter.

Zum erstenmale hatte das Kind erfahren, was es heißt, in gesundem Behagen zu leben und zu atmen. Mit unbegrenzter Dankbarkeit lohnte es seiner Wohlthäterin; sein Vater nicht minder, auch jetzt noch, nachdem unvermutet auch von anderer Seite ein Sonnenstrahl in sein Leben gefallen war. Ein entfernter Verwandter, ein Oheim seiner Mutter, war gestorben. Er hatte in derselben Stadt gelebt, war aber einmal von ihm mit so üblem Erfolg um eine Unterstützung angegangen worden, daß Bäsmann ihn seitdem aus der Reihe seiner Angehörigen, fast sogar aus dem Gedächtnis gestrichen hatte. Und nun war dieser Mann aus der Welt gegangen, ohne ein Testament zu hinterlassen, und das Gericht hatte in Bäsmann, seiner Schwester und seiner Tochter die einzigen überlebenden Verwandten ausgefunden. Die Erbschaft war an sich bescheiden, aber ein großer Besitz in den Augen der Leute, denen sie zufiel, da auch sie bescheiden waren. In kurzer Zeit sollte die Schwester des Taubstummen aus ihrer ferngelegenen Heimat herüberkommen, um mit dem Bruder alles endgiltig zu ordnen, und Bäsmann wiegte sich in goldenen Zukunftsträumen, während Hannchen – trotz erduldeter Armut noch unbekannt mit dem Werte des Geldes – mehr auf die Begegnung mit einer Verwandten sich freute, die sie nie gesehen hatte, die ihr aber durch liebevolle Briefe nahe gekommen war. Bis zu diesem wichtigen Tage, vielleicht auch noch darüber hinaus, sollte Hannchen in Frau Henningers Hause bleiben; erst wenn der Vater mit dem ererbten Gelde ein gesundes, helles Quartier gemietet hatte, sollte sie ihn begleiten in die neue Existenz.

Es war ein merkwürdig warmer Nachmittag, und Frau Ina hatte zum erstenmal in diesem neuen Frühling den Kaffee in den Garten hinausbringen lassen. Jetzt war das Geschirr wieder abgeräumt worden, und die beiden Damen – Frau Henninger und Fräulein Tietjens – saßen, mit Handarbeiten beschäftigt, an dem mit blauweißer Decke noch belegten Tische, während Hannchen ein Märchenbuch vor sich hatte, darüber hinweg aber oft auf den sonnigen Garten blickte. War alles doch so neu und so schön! Auch Frau Ina ließ die Arbeit sinken und schaute auf das frohe Bild des Lebens um sich her. Die mit Blüten und Blättern überdeckten Bäume standen wie in weiße, rötliche, grüne Schleier gehüllt, und auch die Schatten unter ihnen waren noch keine dunklen, kompakten Massen; sie lagen auf dem durchfeuchteten Boden gleich zarten Gittern, in deren Maschen der Sonnenschein spielte. Aus einem Gebüsch her dufteten Veilchen, von einem blühenden Kirschbaum sanken vereinzelte weiße Blätter zur Erde, ganz feine, kaum vernehmliche metallische Töne drangen aus der Goldschmiedswerkstatt herüber.

Frau Ina blickte um sich her und seufzte. Im Anschauen der breiten, sonnigen Lichtflächen auf Erde und Häusern, der weichen, duftigen, durchwärmten Schatten, im Vollgefühl des Frühlings um sie her kam ihr zugleich mit schmerzlicher Gewalt die Empfindung, daß keine Jahreszeit so sehr wie diese dem Menschen die Sehnsucht nach dem Glück erweckt. Eine Sehnsucht, so groß, daß sie zur stürmischen Forderung wird. Ein tausendfaches Geschenk wird ausgeschüttet über die Erde; der Pflanze, dem Vogel, dem Käfer werden die Bedingungen fröhlichen Daseins mit gnädigen Händen reichlich gewährt, und im Dufte der Blüten, im Gesang der kleinen Kehlen, im Surren blitzender Flügel offenbaren sich neue, glückliche Lebenskräfte. Soll der Mensch allein unbeschenkt bleiben in dieser Zeit des Gebens? Soll er die Hände vergeblich ausstrecken und nach flüchtigen, rasch vorübergleitenden Sonnenstrahlen greifen, um wehmütig zu erkennen, daß nur der Schatten zurückbleibt?

Frau Ina seufzte, und Fräulein Tietjens antwortete mit einem harten, fragenden Blick. Aber die Frau, die von ihrem Glücke geträumt hatte, bemerkte ihn nicht. Ihr Auge hing an einer kleinen, fernen, sonnevergoldeten Wolke, und mit ihr zogen die Gedanken weit hinaus, einen gewohnten Weg, der nach Süden führte. Seit Georgs Abschied hatte sie keine Zeile von ihm erhalten; eine flüchtige Meldung an seinen Onkel allein hatte von der Ankunft in Mentone Kunde gegeben. Frau Ina dachte daran und seufzte zum zweiten Male. Plötzlich, mit raschem Entschluß erhob sie sich von ihrem Sitze, raffte die Arbeit zusammen und sagte: »Mir fällt ein, daß ich noch eine Besorgung zu machen habe. Sie achten wohl darauf, Fräulein Tietjens, daß die Kleine nicht zu lange draußen bleibt. Nicht wahr, Hannchen, du gehst zeitig schlafen? Du mußt dich noch schonen, damit du mir ganz gesund wirst.«

Sie strich mit sanfter Hand über das Haar des Kindes, das eifrig bejahte. Dann schritt sie aus dem Garten hinaus; es war ihr mit einem Male gewesen, als müsse sie ersticken in dieser engen, sonnigen Welt. Und wie es Georgs Art gewesen war in der winterlichen Zeit schwersten Ringens mit sich selbst, so verließ auch sie jetzt auf kürzestem Wege die Stadt, um in der Einsamkeit ihr sehnsuchtsvolles Herz zur Ruhe zu sprechen. Durch das glänzende Grün der Saaten, durch die ersten Blüten der Wiesen, durch kleine Wälder, die ihr mit brechenden Knospen entgegendufteten, machte sie einen langen Weg. Und erst als die Schatten sich langsam dehnten, als die weißen Nebel emporstiegen, und eine graublaue Wolkenwand am westlichen Horizonte sich rasch in die Höhe schob, machte sie sich auf den Heimweg. Es dämmerte bereits, als sie die Stadt wieder betrat, und rascher als sonst schien ihr die Dunkelheit zuzunehmen, bis ein erster, gedämpfter, zur Eile mahnender Donner ihr sagte, daß ein Frühlingsgewitter sich vorbereitete. Sie war im rascheren Vorwärtsschreiten eben auf den großen Domhof gelangt, als ein heulender Windstoß in das frische Grün der Bäume hineingriff, und ein plötzlicher, greller Blitzstrahl die Bernwardsgestalt auf dem Denkmal vor ihr in goldig-braunem Leuchten aufflammen ließ. Noch eiliger ging sie weiter, um dann doch zu erkennen, daß es zu spät sei, ihre Wohnung vor Ausbruch des Wetters zu erreichen; in großen, vereinzelten Tropfen, die mit dem Ton eines fernen Gewehrfeuers niederfielen, begann der Regen, und bald sprühte ein weißlicher Schaum über die Straßen hin, die eben noch sonnig und voll Staub gewesen waren.

Frau Ina hatte, als der Regen begann, die tiefe, gewölbte Durchfahrt erreicht, die vom Domhof zu der Straße Am Stein hinüberführt, und blieb nun stehen, um das Ende des zu wilderem Toben anschwellenden Wetters zu erwarten. Sie war hier allein; das rasche Heraufziehen der Wolken, das ihr Sinnen und Träumen sie hatte übersehen lassen, hatte die anderen Leute rechtzeitig heimgescheucht. Es war schon beinahe finster unter dem breiten Gewölbe; von den Straßen zu beiden Seiten drang ein feuchter Hauch wie ein kühler Nebel zu ihr herein, und ein schwarzer Wasserstreifen, einem lebenden, kriechenden Wesen vergleichbar, glitt langsam an ihren Füßen vorbei von einer Oeffnung zur anderen hinüber. Ein Frösteln überfiel sie nach der Wärme des Tages, und sie trat näher an die Mauer heran.

So stand sie vielleicht fünf Minuten, ohne daß die Kraft des Unwetters ein Erlahmen zeigte. Plötzlich aber mischte sich in das Klatschen des Regens, in das Pfeifen des Windes, der um die Domtürme spielte, in das auf- und abwogende Grollen des Donners noch ein anderer Ton. Dicht an ihrem Ohr, erschreckend nahe, der Ton einer Menschenstimme. »Ina,« klang es leise und flehend, aber sie hatte im ersten Moment kein Verständnis für den Ton der Bitte in dieser schwachen, heiseren, gebrochenen Stimme. In furchtbarem Schrecken – denn kein anderer Laut hatte ihr das Nahen eines Menschen angekündet – fuhr sie herum und griff mit den Händen hinter sich nach der kalten Wand, als könne sie ihr Schutz gewähren. Es war eine männliche Gestalt, die neben ihr stand, soviel konnte sie in der unsicheren Beleuchtung erkennen, eine Gestalt von mittlerer Größe, dem Anscheine nach sehr abgemagert und einfach, fast ärmlich gekleidet.

»Was wollen Sie von mir?« fragte sie mit einem vergeblichen Bemühen, ihren Worten Festigkeit zu geben.

Ein Schweigen folgte, nur durch das Geräusch des Unwetters unterbrochen. Dann als einzige Antwort, in demselben, bittenden, kummervollen Tone wie vorher, noch einmal ihr Name, das eine, kurze Wort ›Ina‹.

»Wer sind Sie?« fragte sie, und jetzt war schon mehr Staunen als Schrecken im Klang ihrer Rede. Wo hatte sie diese Stimme schon gehört? Es war ihr, als sei ein vertrauter Ton in diesen Lauten, die aus einer kranken, röchelnden Brust zu kommen schienen, ein Ton, der aus weiter Ferne zu ihr herüberdrang. Doch bevor sie länger überlegen, bevor der Mann ihr Antwort geben konnte, zerriß ein rötlicher Blitz Wolken und Dunkelheit, verbreitete blendende Helle auch hier unter der Wölbung und zeigte ihr das Gesicht, das flehend ihr zugewandt war. Und mit dem Wolkenschleier zugleich zerriß ein Schleier vor ihrer Seele, der ihr die Vergangenheit verborgen hatte. Aus den dunklen, brennenden Augen, aus den eingefallenen Zügen, aus der gelblichen Haut und dem gebleichten Haar sprach ein anderes Bild zu ihr, das sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte.

»Oskar,« sagte sie leise, »bist du es wirklich, Oskar?«

»Ich bin es, Ina, dein unglücklicher Bruder.«

Sie griff nach seinen Händen, und als sie fühlte, wie kalt sie waren, nahm sie das leichte Tuch, das sie um ihre Schultern geschlungen hatte, und umhüllte sie damit. Es war ein kleiner, bescheidener Liebesdienst, aber der Mann, dem die Liebe ein fremdes, verlorenes Gut geworden war, beugte sich über die Hände, die ihn hilfreich berührten, und küßte sie. Eine Thräne fiel dabei darauf nieder und diese eine Thräne genügte, um in Inas Seele alle Erinnerung an Schuld, Undankbarkeit und Frevel, mit denen der Bruder sich belastet hatte, vergessen zu machen. Das Mitleid allein blieb in ihrem Herzen zurück, ein so reines und tiefes Mitleid, wie gute Menschen es mit rettungslos Kranken empfinden.

»Nach so langer Zeit,« sagte sie, »nach so langen, langen Jahren!« Sie vermochte nicht weiter zu reden; auch ihr hemmten hervorbrechende Thränen die Worte. Bald aber faßte sie sich und strich mit der Hand über die Augen. »Es ist nicht recht, daß ich weine,« sagte sie. »Es ist ja doch eine so große Freude, daß ich dich wiedersehe. Aber nun sollst du bei mir bleiben, – warum hast du nichts von dir hören lassen? Du scheinst mir nicht gut auszusehen, auch in deiner Kleidung nicht, – mein Gott, am Ende hast du gar Not gelitten! Warum hast du nicht an mich geschrieben, warum hast du dich nicht an mich gewandt?«

Er zögerte einen Augenblick und sah vor sich nieder auf die Spitze des Fußes, den er ein wenig vorgeschoben hatte. »Weil ich mich schämte,« sagte er dann, »und weil ich Grund dazu hatte!«

»Vergiß das, oder sprich wenigstens heute nicht davon. Du bleibst nun in meiner Nähe –«

»Ich kann nicht bleiben und ich bin nur hergekommen, um von den Dingen zu sprechen, über die ich mich schämen muß. Das habe ich immer gewußt: Wenn ich überhaupt noch einmal zu dir käme, bevor ich stürbe, dann müßte ich dir alles sagen.«

»Was sprichst du vom Sterben?«

»Du würdest das nicht fragen, wenn du mich deutlich sehen könntest, wie ich bin. Und es ist gut, daß es nun bald so weit ist; ich habe es verdient, und ein verlorenes Leben, wie meins, hat keinen Wert für irgend einen Menschen. Nein, nicht einmal für mich selbst. Wenn nur das Sterben nicht so lange dauerte, so entsetzlich lange! Ich habe an manchem Krankenbette gestanden und habe dies letzte, endlose Ringen angesehen mit dem kalten Herzen des Arztes, dem auch der Tod nur ein wissenschaftliches Objekt ist. Nun muß ich es erfahren, was Sterben heißt, ein langsames, wochenlanges, monatelanges Sterben.« –

Ein gewaltsam hervorbrechender Husten unterbrach ihn, der an der Wölbung über ihnen ein hohles Echo weckte und mit herberem Nachdruck, als Worte es vermocht hätten, die Wahrheit seiner Rede bestätigte. Frau Ina faltete die Hände in hilfloser Angst, solange der Anfall dauerte, dann legte sie den einen Arm um die Schultern des Bruders, dessen Körper unter dem wilden Ansturm des Leidens erzitterte. Als der Husten schwieg, sagte der Kranke, laut und mühevoll atmend: »Ich muß mit dir sprechen, aber wo uns niemand hören kann. Ich habe mein Wort gegeben, niemals hierher zu kommen, und keiner darf uns sehen. Wohin können wir gehen?«

»Ist dir meine Wohnung nicht recht?«

»Nein, nein, dorthin nicht! Nur dorthin nicht!«

Sie sah erstaunt zu ihm hin, aber sie fragte nicht weiter. Dann sagte sie: »Komm', ich weiß einen stillen Platz, es ist nicht weit von hier.«

Der Regen hatte ein wenig nachgelassen, und sie trat unter der Wölbung hervor, um nun an der Häuserreihe des Seminars, die der nördlichen Langseite des Doms gegenübersteht, in mäßiger Eile dahinzugehen. Ihr Bruder folgte, dicht an die Mauern gedrückt, und sah nicht empor zu den Gebäuden, die ernsthaft und abgeschlossen, aber altertümlich behaglich auf ihn niederblickten. An einem der großen, braunen Thore, von denen mehrere in der langhin sich dehnenden Häuserwand sich finden, machte sie Halt und öffnete eine kleine, eckige Thür in dem mächtigen, bogenförmig geschlossenen Thorweg. Beide traten hinein, und leise schloß Inas Begleiter hinter ihnen die Thür. Sie befanden sich in einer gewölbten Durchfahrt, ähnlich der anderen, in der sie zuvor gestanden hatten; aber hier war die eine Seite geschlossen, Wind und Feuchtigkeit drangen nicht so ungestüm herein. Auch war an diesem Platze keine Störung zu befürchten; die Durchfahrt öffnete sich dort, wo keine Thür sich befand, auf einen gartenähnlichen, viereckigen Hof, der rings von Gebäuden in zierlicher, farbig bemalter Holzarchitektur umgeben war. An einer Seite sprang der Chorschluß einer kleinen, gothischen Kapelle aus diesen Fachwerkbauten hervor und gab dem weltentrückten Orte noch mehr den Charakter friedvoll-feierlicher Abgeschlossenheit. Auf dem Rasenplatz in der Mitte des Hofes aber tranken die frischen Spitzen des Grases begierig den noch immer fallenden Regen, und ein paar mit Krokus bepflanzte Beete brachten Helle, freudige Farben in das junge Grün.

Inas Bruder betrachtete schweigend einen Augenblick den stillen Platz, während er den braunen, zerknitterten Hut vom Kopfe nahm und die Wassertropfen abspritzte, die sich darauf gesammelt hatten. »Hier waren wir einmal zusammen,« sagte er dann. »Als wir Kinder waren, weißt du es noch? Hier auf dem Rasenplatze haben wir gespielt, mit zwei kleinen, schwarzen Katzen, meine ich. Sieh', dort ist noch eine davon, – man könnte meinen, man wäre wirklich noch ein Kind, und alles andere wäre nur geträumt.«

Er hatte es in bitterem, schmerzlichem Tone gesagt, und seine Schwester fand nicht gleich eine Antwort. Sie folgte mit den Blicken seiner erhobenen Hand und sah wirklich ein schwarzes Kätzchen, das, vor dem Regen geschützt, in ruhiger Betrachtung auf einer hölzernen Balustrade saß.

»Aber es ist ja kein Traum,« begann der Mann von neuem. »Es ist Wirklichkeit, und von ihr muß ich sprechen. Ganz heimlich bin ich hergekommen, um dich noch einmal zu sehen; ich darf dir nicht einmal sagen, wo ich in der letzten Zeit gewesen bin. Jahrelang habe ich so hingelebt, ohne mich um dich zu kümmern, ja, ich habe kaum an dich gedacht – ich sage dir's ganz offen. Aber jetzt! Es muß wohl sein, daß der Tod die Menschen besser macht, oder wenigstens ihnen den Weg zeigt, den sie immer hätten gehen sollen. Gestern schon bin ich gekommen, aber erst heute gegen Abend habe ich mich herausgewagt. Ein glücklicher Zufall hat mich dich finden lassen; ich sah dich von weitem und bin dir nachgegangen.«

Er sprach schnell und erregt, wie jemand, der viele Worte macht, um nur das eine nicht zu sagen, das er sagen muß. Dann aber hob er seine zusammengesunkene Gestalt mit einem Ruck empor und fuhr mit größerem Nachdruck, aber zugleich bedachtsam fort, als müsse er von jedem Worte Rechenschaft ablegen, das er jetzt sprach. »Es ist nicht seit heute, daß mir diese alten Dinge auf der Seele brennen. Seit ich durch meine Krankheit einsam geworden bin – was wollen die Gesunden von den Kranken wissen! – hat es angefangen, mich zu quälen und zu ängstigen. Ich glaube jetzt an eine Vergeltung schon auf Erden, und auch dies gräßliche Hinsterben habe ich mir verdient. Einmal war ich schon so weit, daß ich die Last auf meinem Herzen nicht mehr ertragen konnte, aber ich hatte noch nicht den Mut, mich dir anzuvertrauen. Ich schrieb damals an deinen Mann –«

»An meinen Mann?«

»Es muß nicht sehr lange vor seinem Tode gewesen sein. Hat er dir niemals etwas davon gesagt?«

»Niemals – niemals.« Sie sagte es gedankenvoll, mit ihrer Seele in der Vergangenheit suchend. Nach einer kleinen Pause schüttelte sie den Kopf und wiederholte noch einmal dasselbe Wort.

»Er mag gefürchtet haben, dich zu sehr zu betrüben, aber es wäre mir lieber gewesen, wenn er gesprochen hätte. Dann brauchte ich selbst es jetzt nicht zu thun.« Er hatte den Hut noch nicht wieder aufgesetzt, als sei ihm zu heiß trotz der kühlen Regenluft; jetzt strich er sich mit der Hand einmal über Stirn und Kopf, ganz hinüber bis zum Nackenwirbel, während er die Augen geschlossen hielt. Dann begann er ohne Einleitung und Uebergang zu erzählen. »Es sind jetzt mehr als fünf Jahre, daß ich kein anständiger Mensch mehr bin, – nein, nein, sag' nichts, ich weiß es und kenne mich Aber man spricht heute so viel von Suggestion, Hypnose und allen diesen Dingen. Wie die Sache heißt, ist mir gleich, doch das habe ich erfahren, daß es Menschen giebt, die eine große, unheimliche Macht über andere ausüben können. Ich habe einen Mann gekannt, – er hat mich so sehr zum Knechte seines Willens gemacht, daß ich zuletzt nicht viel anderes mehr war, als sein Schatten, der sich bewegte und handelte, wie er es wollte und that. Es ist nicht zur Entschuldigung, daß ich das sage; ich weiß sehr gut, daß ich die Verantwortung und die Strafe für das zu tragen habe, was ich gethan habe, und ich trage sie ja auch!«

Ein plötzliches Frösteln überfiel ihn; er setzte den Hut wieder auf, drückte ihn tief in die Stirn und schlug den Kragen des Rockes in die Höhe. Die Schwester schlang den Arm fest um die Schultern des Bebenden und zog ihn nahe zu sich heran, als könne sie Wärme und Lebenskraft von sich in ihn Hinüberströmen lassen. Eine Frage that sie nicht mit den Lippen, nur mit den Augen.

»Damals schrieb ich dir noch, zuweilen wenigstens; du weißt also, daß es mir drüben nicht gut ergangen ist von Anfang an. Ich hatte den Hang zum guten Leben und nicht die Mittel dazu. Da gab es Schulden und Verlegenheiten aller Art. Aber zum Verbrecher wäre ich doch wohl nicht geworden –«

»Verbrecher?« Sie war ein wenig von ihm hinweg getreten und hatte die Hände abwehrend erhoben.

»Es ist das richtige Wort. Ich will und darf nichts mehr beschönigen. Zum Verbrecher also wäre ich wohl kaum geworden, wenn nicht der Mann, von dem ich gesprochen habe, mich dazu gemacht hätte. Er hat einen abscheulichen Verrat und einen ebenso abscheulichen Betrug begangen, und ich habe ihm dabei geholfen.«

Er verstummte nach diesem Geständnis für einen Augenblick, aber auch Ina sprach nicht, und man hörte unter dem dämmerigen Gewölbe nur das rasche, röchelnde Atmen des Kranken und von draußen her das schwächer werdende Plätschern des Regens.

»An einem Freunde hat er den Verrat begangen, und seine Schuld ist dadurch noch größer als meine. Sie hatten sich hier in Deutschland kennen gelernt und waren noch zusammen auf der Universität gewesen, obwohl sie nicht von gleichem Alter waren. Der Mann, der mich in seine Macht bekam, war der jüngere. Er war arm, und sein energischer, ich muß wohl sagen, tapferer Kampf um eine Existenz imponierte dem anderen, der vermögend, wenn auch nicht reich war. Wie es dem Schurken gelungen ist, das Herz dieses Mannes so ganz zu gewinnen, – ob er in jenen jüngeren Jahren weniger verderbt und noch fähig war, einen Freund sich zu verdienen, ich weiß es nicht. Vielleicht war auch etwas von der Macht, von dem wunderbaren Einfluß im Spiele, den ich später an mir erfahren habe.«

»Darf ich die Namen der beiden Männer nicht wissen?«

»Nein, Ina, von mir wirst du sie nicht erfahren. Ein gegebenes Wort will ich nicht auch noch brechen, selbst wenn ich es nur einem Lumpen gegeben habe. Hör' mich also an: Der ältere der beiden faßte den Entschluß, nach Amerika zu gehen. Er war ein merkwürdiger Mensch, eine Art von Diogenes, der Menschen suchte und sie drüben eher zu finden glaubte als hier. Soviel ich weiß, ist er mit der bestimmten Absicht hinübergegangen, nie wieder hierher zurückzukommen, und ich glaube auch nicht, daß er es jemals gethan hat. Vor seiner Abreise aber hatte er Anstalt getroffen, um für den Fall seines Todes die Zukunft des ärmeren Freundes zu sichern. Sein Vermögen verschrieb er ihm nicht, weil er nicht wußte, wieviel davon er drüben in einem unruhigen Wanderleben aufbrauchen würde, wohl aber versicherte er sein Leben zu Gunsten des Freundes mit einer hohen Summe, – es waren fünfmalhunderttausend Mark. Ich kenne die Zahl, denn ich habe einen Teil davon erhalten.«

»Also ist er gestorben, der andere, der gütige?«

»Wir haben ihn sterben lassen.«

»Oskar!«

Es war wie ein Schrei, und sie wich bis in die äußerste Ecke der Durchfahrt zurück, wo sie sich in den Winkel zwischen Thor und Wand hineinpreßte.

»Wir haben ihn nicht ermordet, aber wir haben ihn sterben lassen, – sterben bei lebendigem Leibe.«

»Das kann ich nicht verstehen.«

»Ich verstand es auch nicht gleich, als er mir den Plan zuerst auseinandersetzte, aber ich habe es verstehen lernen! In Amerika wurde der andere krank, so krank, daß er hier in seiner Heimat schon tot gesagt wurde. Er hatte an seinen Freund geschrieben, gleich zu Anfang der Krankheit, und hatte ausgesprochen, daß er sich dem Tode nahe fühlte. Als dann kein weiterer Brief kam, war der natürliche Gedanke, daß er wirklich gestorben wäre. Im Geist erhob der Zurückgebliebene schon die große Summe, die zu seinen Gunsten war versichert worden, und als nun endlich nach vielen Wochen doch wieder ein Zettel von der Hand des Kranken kam, da hatte er ihn in seinen wachen Träumen schon hundertmal sterben lassen. Damals ist der Plan entstanden, den er mit meiner Hilfe dann ausgeführt hat. Er kam nach drüben und suchte mich auf, da er gehört hatte, daß ich den Kranken behandelte. Wir kannten uns schon von Deutschland her, und er mochte sich des Einflusses bewußt sein, den er immer auf mich ausgeübt hatte.«

»Kenne ich ihn auch, und ist er hier in der Stadt?« Mit bebenden Lippen, leise und zögernd that Ina die Frage.

»Von mir wirst du es niemals erfahren, frag' mich nicht mehr.« Seine Stimme war hart und schroff, indem er die Worte sprach; gleich aber verfiel er wieder in den scheuen, gedämpften Ton, in dem er die Geschichte seiner Schuld bis hierher erzählt hatte. »Zuerst forschte er mich aus, es war nicht schwer, denn ich machte dem Landsmann gegenüber kein Geheimnis aus meiner Lage; so erfuhr er, daß ich mit Widerwärtigkeiten aller Art zu kämpfen hatte, daß die Exekutoren mir das Haus einliefen. Auch über seinen Freund – er nannte ihn wirklich noch seinen Freund! – hörte er von mir alles, was er wissen wollte. Daß er sehr krank gewesen war, und daß es sehr lange dauern würde, bis er als halbwegs gesund wieder gelten könnte. Schritt für Schritt hat er mich dann weiter in sein Netz gezogen. Ich will nur kurz dir sagen, was geschehen ist; mir ist die Erinnerung furchtbar, und ich fühle, daß meine Kräfte nicht weit mehr reichen.«

»Was habt ihr ihm gethan?« Sie trat wieder einen Schritt näher heran, ein edler Zorn flammte in ihren Augen auf, und ihre Stimme klang drohend und dumpf.

»Wir haben ihn tot gesagt, obwohl er noch lebte, die Versicherungssumme ist ausgezahlt worden, und der Mann, der an einer reinen und großen Freundschaft Verrat geübt hat, lebt in Freuden von dem erschlichenen Gelde.«

»Wie war das möglich?« Unwillkürlich entfuhr ihr die Frage; selbst ihre Entrüstung schwieg für einen Augenblick vor den Zweifeln an der Möglichkeit dieses Verbrechens.

»Es war fein ausgedacht, und die Zustände drüben begünstigten die Ausführung. Wir verabredeten alles bis auf das kleinste, dann fuhr er« – der Ton seiner Worte schon verriet, von wem er sprach – »nach Deutschland zurück, ohne daß der andere etwas von seiner Anwesenheit in Amerika erfuhr. Nach einiger Zeit schrieb er von Deutschland aus an den Newyorker Bankier, der das Vermögen des Kranken verwaltete und bis dahin auch die Zahlung der jährlichen Prämien an die Versicherungsgesellschaft besorgt hatte, er selbst wollte jetzt diese Zahlungen übernehmen. Die Versicherung sei zu seinen Gunsten geschehen, er sei durch ansehnlichen Verdienst in der Lage, die Zahlungen von nun ab zu leisten, während sein Freund, wie er gehört habe, leidend und vielleicht gar in pekuniärer Verlegenheit sei. Er bat, dem Kranken Mitteilung von der veränderten Sachlage zu machen, wenn er noch am Leben sein sollte. Auch er selbst würde ihm schreiben, doch wäre ihm die gegenwärtige Adresse nicht genau bekannt. Der Bankier hatte keinen Grund zum Verdacht, er strich die Zahlungen, und so war die Verbindung zwischen Deutschland und Amerika, die zur Entdeckung hätte führen können, abgeschnitten. Die Versicherungs-Gesellschaft war hier in Deutschland, sie hat von diesen Vorgängen niemals etwas erfahren; denn bald nach der letzten Zahlung einer Prämie durch den Newyorker Bankier ist dann geschehen, was wir verabredet hatten.«

Seine Stimme war noch leiser und heiserer geworden, und jetzt kam ein Stöhnen über seine Lippen, als wenn er einen großen körperlichen Schmerz empfände. »Ich habe es mir doch nicht so schwer gedacht, es dir zu sagen,« fuhr er kaum mehr vernehmlich fort. »Ich hatte gehofft, es würde mir Erleichterung bringen, aber nun fühle ich erst, wie die ganze Last meiner That auf meine Seele Mt. Du mußt mich verdammen, du Gute, du Rechtschaffene.« – Seine Worte erstickten in Thränen, die er nicht mehr zurückhalten konnte. Frau Ina machte eine Bewegung, als wollte sie ihn trösten und besänftigen, aber ein Schauder überlief sie, und sie vermochte es nicht, ihn zu berühren.

Sich gewaltsam fassend, begann er von neuem: »Ich habe den Totenschein gefälscht, der nötig war, um die versicherte Summe zu erheben. In Amerika läßt sich so etwas machen, man nimmt es dort nicht so genau mit einem Menschenleben. Auch war ich Arzt im Hause des deutschen Konsuls, der den Schein zu bestätigen hatte. Ich genoß sein Vertrauen, und er unterschrieb auf meine Aussage hin ohne Ueberlegung und Prüfung. Auch die Versicherungsgesellschaft war keine der sorgfältigsten, sie hat ohne Anstand auf diesen Totenschein hin die große Summe ausgezahlt. Eine direkte Benachrichtigung des Newyorker Bankiers haben wir gleichfalls zu hintertreiben gewußt, und damit war unser Plan ausgeführt und geglückt.«

»Aber er, er selbst, – der Kranke, der Betrogene?«

»Ich hatte den Zeitpunkt für jene Fälschung so gewählt, daß er gerade in der Rekonvalescenz war. Ein Klimawechsel, den ich im Interesse seiner Gesundheit ihm vorschlug, war ihm willkommen, und so reiste er an demselben Tage ab, von dem ich den falschen Schein datierte. Die Krankheit hatte ihn so verändert, daß ich ihn nicht wiedererkannte, wenn ich an den Menschen von ehemals dachte; er konnte für tot und begraben gelten, wie wir es wollten.«

»Wenn er es nun aber erfuhr, wenn er Verdacht schöpfte?«

»Die Gefahr war nicht groß. Er lebte in dem Glauben, daß die Zahlungen in Deutschland selbst weiter geleistet würden, und er hatte die Absicht, nie wieder zurückzukommen. Aber selbst wenn es geschehen wäre, wenn er alles entdeckt hätte, – sieh, das ist das Abscheulichste von allem, und der Gedanke daran hat mir zuerst die Augen über meine eigene That geöffnet. Wenn er alles entdeckt hätte, er würde niemals einen Mann ins Verderben gestürzt haben, den er einmal seinen Freund genannt hatte. Auf seine Güte, auf seinen Edelmut war in letzter Linie der Plan gegründet, und das ist es, was ich dem anderen und mir selbst niemals verzeihen kann, was ich niemals büßen kann durch alles Elend, das über mich gekommen ist!«

Frau Henninger schaute, in tiefes Nachdenken verloren, vor sich hin, sie hatte die Unterlippe zwischen die Zähne gepreßt und hielt die Augen starr auf eine abgerissene Krokusblüte gerichtet, die am Boden lag. Dann hob sie den Kopf empor, sah ihrem Bruder voll und ernst ins Gesicht und sagte: »Nur dann hat die Reue Wert, wenn sie zur That werden kann. Das ist nun das nächste für uns: wieder gut zu machen, was du gefehlt hast.«

»Wie kann das geschehen?«

»Zuerst muß der Gesellschaft das Geld ersetzt werden, das ihr durch Betrug genommen ist.«

»Das Geld? Woher soll ich es nehmen?«

»Von mir.«

»Ina!«

»Ich habe wenig Wert darauf gelegt, daß ich reich war nach der Schätzung der Welt. Heute zum erstenmal danke ich Gott dafür aus vollem Herzen.«

»Es ist eine große Summe.«

»Es ist fast alles, was ich besitze, wenn ich sie gebe. Aber ich thue es heute noch, sobald du mir sagst, wem du sie schuldest. Ich kann arbeiten um meinen Lebensunterhalt; und ich habe genügend gesehen, daß Geld und Glück zwei verschiedene Dinge sind. Das eine gebe ich nun fort und das andere werde ich vielleicht niemals besitzen.« Ein Seufzer hob ihre Brust und machte sie für einen Augenblick verstummen, dann fuhr sie fort: »Auch ich habe den Namen getragen, den du besudelt hast! Es ist der ehrliche Name unserer guten Eltern, er muß wieder rein sein vor unserem Gewissen.«

»Das ist Wahnsinn, Ina! Und selbst wenn ich es zugeben wollte, – bedenke, daß nur ein kleiner Teil des erschlichenen Geldes auf mich gefallen ist. Ein erbärmlich kleiner Teil, du kannst es mir glauben. Er hat versucht, auch den mir vorzuenthalten, bis ich den Rest meines Besitzes zusammenraffte und herüberkam. Es war das letztem«!, daß ich hier war, und du fandest mich sehr verändert.«

»Ich danke dem Himmel für jedes Goldstück, das der Schurke dir vorenthalten hat! Aber wenn du mir seinen Namen nicht sagst, wenn du mir die Möglichkeit nicht giebst, ihn zur Rechenschaft zu ziehen und ihn selbst zum Ersatz zu zwingen, dann bleibt die Sache dieselbe, und wir beiden, du und ich, wir haften für die volle, die ganze Summe. Sag' mir den Namen, sag' mir alles, was du weißt!«

»Ich kann es nicht, Ina!«

»Du kannst es, du mußt es! Sieh', von heute ab werde ich das Gefühl haben, daß kein Pfennig von meinem Vermögen noch mir gehört, daß ich selbst von gestohlenem Gelde lebe, wenn du mir nicht hilfst, mich von dieser Gewissensnot zu befreien, die du mir aufgebürdet hast!«

»Du zerbrichst mir das Herz! O, daß ich niemals hierher gekommen wäre! Sieh' doch, versteh' es doch, daß ich's nicht kann und darf. Soll ich zu aller Schuld auch noch den Wortbruch auf mich laden?«

Ina zuckte zusammen unter diesem Wort, als falle ein schwerer Hammer auf sie nieder. Der Wortbruch! Da war es wieder, das Gespenst, das ihr Leben beängstigt hatte in diesem letzten Winter des Schmerzes. Ein Wortbruch lastete schon aus ihr selbst und hatte ihr bitteres Leid in Fülle gebracht. Sie hatte sich die Seele frei gerungen, aber unter welchen Qualen und welcher Not! Sollte sie vom Bruder fordern, daß er ein gleiches Elend, dessen Gefühl mit plötzlicher Gewalt in diesem Augenblick sich ihr erneuerte, um ihretwillen erdulden solle? Sie rang die Hände in hilfloser Verzweiflung, ein lautes Schluchzen, wie ein Ruf um Rettung aus dieser Pein kam aus ihrer Brust, und sich an die gebrechliche Gestalt des Bruders anklammernd flüsterte sie wilde, unverständliche, von Thränen erstickte Worte. Bis mit einem Male der Mann zusammenfahrend einen halblauten Schrei ausstieß und sie weit von sich hinwegschob.

Die Thür nach der Straße zu hatte sich geöffnet, und eine hohe, dunkle Gestalt war hereingetreten, vor der Inas Bruder in jähem Erschrecken bis zum Ausgang der Durchfahrt zum Hofe zurückwich. Dort stand er, vom scheidenden Lichte noch klar beleuchtet, und starrte den Eintretenden an mit weit geöffneten Augen. Der hatte gleichfalls einen Moment gestutzt, jetzt aber begrüßte er Frau Henninger mit höflichem Gruß, den sie schweigend erwiderte; sie wußte, daß Worte vergeblich waren, denn sie hatte Bäsmann, den Taubstummen, rasch erkannt. Er wollte an ihnen vorübergehen, als er, den Blick auf Inas Bruder heftend, plötzlich Halt machte. Eine rasche Veränderung ging in seinem Gesichte vor; seine Augen begannen drohend zu funkeln, er hob die Hände zu hastiger Geberdensprache, und aus dem weit geöffneten Munde drangen häßliche, unverständliche Laute. Und als verkörpere sich in dieser unheimlichen Gestalt seine Schuld und sein Gewissen, so bebte der kranke Mann zusammen, flüchtete, sich an der Wand entlang schiebend, vor ihr dem Ausgang zu, um dann mit einem raschen Sprunge die Thür zu gewinnen und in dem Regenschleier draußen zu verschwinden. Ein Lebewohl zu sagen, war er gekommen; ohne das Wort gesprochen zu haben, war er gegangen.

Ina eilte ihm nach bis zum Ausgang und schickte sich an, ihm weiter zu folgen; aber sie sah ihn fliehen mit einer Hast, die es ihr unmöglich machte, ihn einzuholen, und auch der Gedanke an die Begegnung, deren Zeugin sie eben gewesen war, hemmte ihr den Fuß. Mit einem Seufzer trat sie zurück, schritt in den helleren Hof hinaus und stellte sich dem Taubstummen gegenüber, indem sie mit dem Finger auf ihre Lippen zeigte, damit er ihre Bewegung verfolge. »Kennen Sie diesen Mann?« fragte sie leise, langsam, mit sorgfältiger Betonung jeder Silbe.

Bäsmann nickte ein paarmal lebhaft und ballte die Fäuste. »Gehen Sie jetzt,« fuhr Frau Henninger fort mit einem Blick auf die Korbflechterei, die der Taubstumme trug. »Bringen Sie Ihre Arbeit ins Haus. Dann kommen Sie wieder und gehen Sie mit mir. Wollen Sie?«

Die stumme Bejahung war noch lebhafter als die vorige. Mit eiligen Schritten ging Bäsmann über den Hof, während Frau Henninger unter die Wölbung zurücktrat. Hier stand sie und wartete und blickte in schmerzlichem Sinnen auf die Stelle, wo sie ihren Bruder – sie fühlte und wußte es – zum letztenmal in diesem Leben gesehen hatte. In diesem Leben, das ihn weiter, unwiderbringlicher von ihr getrennt hatte, als der Tod es jemals vermochte. – –

 

Am selben Abend und um dieselbe Stunde saß auf einer der alten, zerfallenen Mauern, die den Gipfel des Felsens von Monaco umziehen, die Gestalt eines Mannes. Eine gewaltige Flut von Licht wogte rings um ihn her; die Sonne neigte sich erst zum Gipfel des Tête de chien, hinter dem sie verschwinden mußte. Der Duft von Blüten und Pflanzen, deren Namen er nicht zu nennen gewußt hätte, stieg zu dem einsamen Manne empor und umspielte seine Stirn. Er blickte unverwandt in die Ferne, zu dem verblassenden, dunstigen Streifen hinüber, wo Meer und Himmel sich zu berühren schienen. Seine Lippen bewegten sich leise, als halte er Zwiesprache mit Gestalten, die um ihn waren, und die nur er erblickte.

So saß er lange Zeit auf dem riesenhaften, felsigen Thron, den die Natur in das Meer hinausgeschoben hat. Endlich riß er den Blick von der Ferne los und ließ ihn an den grauen, zerklüfteten Steinwänden abwärts gleiten. Durch das wilde Gestrüpp von Kaktus und Aloe hindurch bis zum Meere, das wie ein gewaltiger blauer Mantel sich um den Fuß des Felsens legte, von weißem Schaum, wie von einem Hermelinstreifen umsäumt. Das Geräusch der Brandung tönte kaum mehr herauf, die schimmernde Fläche des Meeres erschien so ruhig und sanft wie die milde Flut des Lichtes darüber her.

Stumm nickte der Mann vor sich hin, und ein Ausdruck des Friedens kam in sein Gesicht, das von Seelenkämpfen erzählte. Dann zog er behutsam, mit einem Blick zur Seite und mit flüchtigem Erröten vor sich selbst ein beschriebenes Heft hervor, in das er sich nun vertiefte. Seine Wangen färbten sich rot, während er las, aber der Ausdruck des Friedens verstärkte sich. »Wenn es möglich wäre!« sagte er leise und warf einen Blick zum Himmel empor, der hier so gnadenvoll niederschaute. Dann, als er das letzte Blatt umgewandt hatte, ließ er das Heft wieder sinken; seine Gedanken durchmaßen noch einmal die Zeit, die ihn gelehrt hatte, dies zu schreiben.

Er dachte des qualvollen Winters, des qualvollen Scheidens, des Beginns dieser Reise, die er so arm an Hoffnungen angetreten, und die dann doch eine Heilwirkung an ihm geübt hatte, die ihm selbst kaum erklärlich war. Ina hatte recht gehabt trotz alledem! Der Mensch ist zu klein, um sich der besänftigenden Kraft einer großen Natur zu entziehen, wenn er empfänglich genug ist, sie zu fühlen. Bei der Fahrt über den Gotthardt war dies erlösende Gefühl zum erstenmal über ihn gekommen. Bis dahin war er gefahren, fast ohne zu hören und zu sehen, ganz eingesponnen in das dichte Netz des Schmerzes. Nun aber, während er in der Nacht hinüberfuhr über den kühnen Felsenweg, und die Berge um ihn emporstiegen, riesenhaft, schwarz, wie dunkle Kolosse vor dem sternenhellen, mattleuchtenden Himmel sich erhebend – da hatte zum erstenmal das Gefühl der Befreiung sich in ihm geregt, und er hatte der Worte gedenken müssen, die Busenius zu ihm gesprochen hatte: »Sehen Sie nach den Sternen!« Und er hatte zu Sternen und Bergen emporgeblickt, unablässig, unermüdet, mit dankerfülltem Herzen.

Tage des Rückfalls waren gekommen, schmerzerfüllt, öde und hoffnungslos. Aber die Sonne Italiens hatte auf ihn niedergeschaut, und er hatte zuletzt empfinden gelernt, daß auch für ihn eine Sonne schien. Das Glück, das höchste, köstlichste, herrlichste, war unwiderbringlich dahin, aber im tiefsten Herzen regte sich leise die Frage: »War das ganze Leben nun ausgelöscht und vorbei?« Und seltsam, – auf diese Frage schienen Gestalten ihm Antwort geben zu wollen, die in der Einsamkeit sich zu ihm gesellten, schattenhaft und verschwommen zuerst, dann klarer und schärfer, deutlich zu unterscheiden. Er sah sie und hörte sie, und ein Verlangen ergriff ihn, sie zu halten, nicht wieder von sich zu lassen. Und eines Tages saß er vor dem Papier, die Feder flog darüber hin, er wollte versuchen, die freundlichen Geister zu fesseln, die trostvoll zu ihm gesprochen hatten.

Sollte ihm endlich zum Segen werden, was er so oft als Fluch seines Lebens empfunden hatte? Sollte dies Ringen und Arbeiten einer unermüdlichen Phantasie, diese Empfindlichkeit gegen die Außenwelt, dies Nachhallen und Widerklingen in seinem Innern doch zuletzt noch eine Kraft bedeuten, die ihn über andere erhob? Sollte er jetzt nach so langer Zeit eine göttliche Stimme in seiner Brust verstehen lernen, die ihm den Weg zur Selbstbefreiung, vielleicht zur Größe zeigte? So fragte und forschte er, um dann wieder Fragen und Forschen beiseite zu schieben und unterzutauchen in die Arbeit, in eine freie, schöne, selbstgewählte, begeisternde Arbeit. Er schrieb und schrieb, und Blatt gesellte sich zum Blatt. Als aber die Frühlingssonne Italiens mit sommerlicher Kraft zu strahlen begann, da lag das Manuskript vollendet, abgeschlossen vor ihm: sein erstes Werk, sein erster Roman!

Jetzt eben hatte er die letzten Kapitel noch einmal gelesen, hier oben im Angesichte des blauen Himmels, der Zinnen, Mauern und Türmchen des alten Felsennestes, der duftenden Wildnis rotblühender Geranien. Er faltete die Papiere zusammen, barg sie wieder in der Tasche seines Rockes und erhob sich von seinem Sitz. »Ein Dichter?« murmelte er leise vor sich hin im Tone zaghafter Frage. Dann aber hob und reckte sich seine Gestalt, er öffnete seine Augen weit, und indem er die leuchtende Welt umher mit einem einzigen Blicke umfaßte – diese weithin ausgespannte Kette von Buchten und Vorgebirgen, an deren äußerstem, fast schon zum Schatten gewordenem die weißen Häuser von Bordighera gleich reinen, vom Meere herangespülten Perlen lagen – diese marmorgleißende Sündenwelt von Monte Carlo, deren Blut und Schmach die allmächtige Sonne doch mit einem einzigen Lächeln auslöscht, um nur den Stempel unvergänglicher Schönheit zurückzulassen, – indem er das alles mit einem Blitzen des Auges sich gleichsam unterjochte und zu eigen machte, sprach er noch einmal ein ähnliches Wort wie zuvor, aber lauter, freudiger und stolzer: »Vielleicht doch ein Dichter!«

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