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Im Gold- und Silberland

Mark Twain: Im Gold- und Silberland - Kapitel 38
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authorMark Twain
titleIm Gold- und Silberland
publisherRobert Lutz
seriesLehr- und Wanderjahre
volumeDritter Teil
printrunFünfundzwanzigste Auflage
translatorMargarete Jacobi / L. Ottmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Ritters Geschichte.

Gegen Ende des Jahres 186– brachte ich einige Monate in München zu. Im November war ich bei Fräulein Dahlweiner, Karlsstraße 1a, in Kost; meine Wohnung aber befand sich ein halbes Stündchen von dort entfernt, im Hause einer Witwe, welche an ledige Herren Zimmer vermietete und wo ich Gelegenheit fand, mich in der deutschen Sprache zu üben.

Eines Tages, während einer Wanderung durch die Stadt, besuchte ich eines der zwei Gebäude, wo die Obrigkeit die Leichname aufbewahrt und überwachen läßt, bis die Ärzte entscheiden, daß sie wirklich tot und nicht scheintot sind. Es war ein schauerlicher Ort, jener geräumige Saal. Mit den Rücken auf schrägen Brettern ausgestreckt, lagen sechsunddreißig Leichname von Erwachsenen in drei langen Reihen – alle mit wachsbleichen, starren Gesichtern, alle in weiße Leintücher gehüllt. An den Seiten des Saales waren tiefe Nischen, wie Bogenfenster, und in jeder lagen marmorbleiche Kinder, im ganzen vierzehn, – gänzlich verborgen und begraben unter Blumen; nur die Gesichter und die gekreuzten Hände waren zu sehen. Jede dieser fünfzig stillen Formen, groß und klein, hatte an einem Finger der rechten Hand einen Ring, von dem ein Draht zur Decke und von da zu einer Glocke in ein Wachtzimmer drüben ging, wo Tag und Nacht ein Wächter saß, um zur Hilfe herbeizueilen, sobald einer von jener bleichen Gesellschaft aus dem Todesschlaf erwachen und eine Bewegung machen sollte – denn jede, selbst die leiseste Bewegung bringt Draht und Glocke in Thätigkeit. Ich versetzte mich unwillkürlich in die Lage solch eines Totenwächters, der in einer stürmischen, finstern Nacht plötzlich aus dem Halbschlummer durch den Klang jenes unheimlichen Signals aufgeschreckt und bis ins tiefste Mark erschüttert wird. Wie – so fragte ich mich – wenn der Wächter beim Anblick des lebendig gewordenen Toten von einem Schlag getroffen würde? – und wenn dann der Mann, der eben noch ein Leichnam gewesen, seinem Totenwärter, der jetzt selbst im Verscheiden ist, liebreich Beistand leistete? Aber ich machte mir Vorwürfe an einem so feierlichen und traurigen Orte meine Phantasie mit so thörichten Fragen zu beschäftigen, und schlich von dannen.

Am nächsten Morgen erzählte ich der Witwe von meinem Besuch, worauf sie ausrief:

»Kommen Sie mit! Ich habe einen Zimmerherrn, der früher Leichenwärter dort war; der kann Ihnen über alles Auskunft geben.«

Er lag im Bette und sein Kopf war hoch auf Polster gebettet; sein Gesicht war abgezehrt und farblos; seine tief eingesunkenen Augen geschlossen; seine auf der Brust ruhende Hand sah aus wie eine Kralle, so knochig und langfingerig war sie. Die Witwe machte uns mit einander bekannt. Die Augen des Kranken öffneten sich langsam und funkelten grimmig aus ihren Höhlen; er runzelte finster die Stirne, erhob seine magere Hand und winkte uns gebieterisch weg. Die Witwe aber ließ sich dadurch nicht irre machen und sagte ihm, daß ich ein Fremder, ein Amerikaner sei. Das Gesicht des Kranken änderte sofort seinen Ausdruck, hellte sich auf und verriet eine lebhafte Neugierde; – im nächsten Augenblicke waren er und ich allein beisammen.

Ich begann in schwerfälligem Deutsch; er antwortete in fließendem Englisch; darauf ließen wir die deutsche Sprache fallen.

Dieser Schwindsüchtige und ich wurden gute Freunde. Ich besuchte ihn jeden Tag, und wir plauderten über alles Mögliche – ausgenommen Weiber und Kinder. Sobald jemands Weib oder Kind erwähnt wurde, erfolgte stets dreierlei: in den Augen des Mannes glänzte einen Moment das freundlichste, zärtlichste und liebevollste Licht; im nächsten Augenblick verschwand es und an seiner Stelle erschien jener grimmige Blick, den ich bemerkt hatte, als ich ihm zuerst in die Augen sah; und drittens enthielt er sich von nun an den ganzen Tag über gänzlich der Rede, lag schweigend, geistesabwesend und wie in Gedanken versunken da, nahm von meinem ›Adieu‹ keinerlei Notiz und sah und hörte offenbar nicht, wie ich das Zimmer verließ.

Als ich so zwei Monate lang der tägliche und einzige Vertraute Karl Ritters gewesen war, sagte er eines Tages plötzlich:

»Ich will Ihnen meine Geschichte erzählen!«

Das Bekenntnis eines Sterbenden.

»Ich habe nie weichgegeben, bis jetzt. Nun aber ist's aus mit mir. Ich muß sterben und zwar bald. Sie bemerkten, daß Sie demnächst wieder an den Mississippi zurückzukehren gedächten; – dies zusammen mit einem seltsamen Erlebnis der letzten Nacht hat mich zu dem Entschluß gebracht, Ihnen meine Geschichte zu erzählen – denn Sie werden nach Napoleon in Arkansas kommen, und ich bitte Sie um meinetwillen, dort anzuhalten und etwas für mich zu thun – Sie werden es gewiß gern thun, wenn Sie meine Erzählung gehört haben.

Ich werde die Geschichte abkürzen, wo ich kann; es ist notwendig, denn sie ist lang. Sie wissen bereits, wie ich dazu kam, nach Amerika zu gehen und mich in jener einsamen Gegend im Süden niederzulassen; aber Sie wissen nicht, daß ich Weib und Kind hatte. Meine Frau war jung, schön, liebevoll und o! so göttlich gut, tugendhaft und edel! Und unser kleines Mädchen war die Mutter im kleinen. Wir waren die glücklichste aller glücklichen Familien.

Einstmals in der Nacht – es war gegen das Ende des Krieges – erwachte ich aus einer dumpfen Betäubung und fand, daß ich gebunden und geknebelt und die Luft mit Chloroform geschwängert war! Ich sah zwei Männer im Zimmer, von denen der eine dem andern in heiserem Tone zuflüsterte: »Ich sagte ihr, ich thue es, wenn sie Lärm mache, und was das Kind anbelangt, so – –«

Der andere unterbrach ihn mit leiser, weinerlicher Stimme:

»Du sagtest, wir wollten sie nur knebeln und berauben, aber nicht umbringen; sonst wäre ich nicht mitgegangen.«

»Hör' auf mit dem Gewinsel,« entgegnete der erstere; »ich mußte ja den Plan ändern, als sie aufwachten; du hast gethan, was du zu ihrem Schutze thun konntest, das laß dir genügen; und nun komm und hilf mir alles durchstöbern.«

Beide Männer waren maskiert und trugen grobe, zerlumpte ›Nigger‹-Kleider; sie hatten eine Blendlaterne bei sich, bei deren Lichte ich bemerkte, daß dem sanfteren der beiden Räuber der Daumen an der rechten Hand fehlte. Sie suchten eine Weile in meiner ärmlichen Hütte, dann flüsterte der Hauptbandit:

»Es ist Zeitverschwendung – er soll sagen, wo es versteckt ist. Nimm ihm den Knebel heraus und muntere ihn auf.«

»Ganz recht,« sagte der andere, »aber – keine Schläge!«

»Also keine Schlage – d.h. wenn er sich ruhig verhält.«

Sie näherten sich mir; da ließ sich plötzlich draußen ein Geräusch hören, der Schall von Stimmen und Pferdehufen; die Räuber hielten den Atem an und horchten; der Schall kam immer näher, und endlich hörte man einen Ruf:

»Heda, in dem Haus! Macht Licht, wir brauchen Wasser.«

»Des Hauptmanns Stimme, bei Gott!« sagte der größere der beiden Schurken, und beide Räuber flohen durch die Hinterthür.

Die Fremden riefen noch mehrmals und ritten dann weiter – es schien ein Dutzend Reiter zu sein – und ich hörte nichts mehr.

Ich bemühte mich aus allen Kräften, konnte mich aber nicht aus meinen Banden freimachen. Ich versuchte zu sprechen, aber der Knebel saß so fest, daß ich keinen Laut von mir geben konnte. Ich lauschte, um meines Weibes oder Kindes Stimme zu hören – lauschte lange und aufmerksam, aber kein Laut kam aus der andern Ecke des Zimmers, wo ihr Bett stand. Dies Schweigen wurde jeden Augenblick schrecklicher, unheilverkündender. Glauben Sie, daß Sie es eine Stunde lang ertragen hätten? Nein? Nun denn, so bemitleiden Sie mich, der ich deren drei auszuhalten hatte. Drei Stunden! – es waren drei Menschenalter! So oft die Uhr schlug, schien es mir, als ob Jahre verflossen wären, seit ich sie das letztemal gehört hatte! Während dieser ganzen Zeit mühte ich mich in meinen Banden ab, und endlich, gegen Tagesanbruch, gelang es mir loszukommen; ich stand auf und streckte meine steifen Glieder. Der Fußboden war mit allerlei Sachen bestreut, welche die Räuber während ihrer Suche nach meinen Ersparnissen umhergeworfen hatten. Der erste Gegenstand, der mir in die Augen fiel, war eines von meinen Papieren, das der rohere der beiden Schurken flüchtig betrachtet und dann weggeworfen hatte. Es trug die Fingerspuren des Mörders in blutiger Farbe! Ich wankte an das andere Ende der Stube. O, da lagen sie, die armen Wehr- und Hilflosen! Ihr Leiden war zu Ende, das meine hatte erst begonnen.

Ob ich das Gericht anrief? – Was hilft's dem durstigen Armen, wenn der König für ihn trinkt? O nein, nein, nein – ich verschmähte die Einmischung des Gesetzes. Die Gesetze und der Galgen konnten diese Schuld nicht sühnen. Ich wollte den Schuldner schon finden und die Schuld eintreiben. Wie das anstellen, fragen Sie, da ich doch weder die Gesichter der Bösewichter gesehen, noch ihre unverstellte Stimme gehört, noch irgend eine Idee hatte, wer sie sein könnten? Nichtsdestoweniger war ich meiner Sache gewiß – ganz gewiß, ganz zuversichtlich – ich hatte eine Spur – eine Spur, auf die Sie vielleicht keinen Wert gelegt hätten – eine Spur, mit der selbst ein Detektiv nichts anzufangen gewußt hätte, weil er das Geheimnis, wie sie zu verwerten sei, nicht erriet. Doch, davon später. Zunächst wollen wir die Dinge in ihrer gehörigen Reihenfolge betrachten. Ein Umstand war vorhanden, der mir gleich zu Anfang einen Fingerzeig in einer bestimmten Richtung gab: Jene zwei Räuber waren offenbar als Landstreicher vermummte Soldaten, und zwar keine Neulinge mehr im Militärdienst, sondern alte Soldaten – wahrscheinlich von der Linie; sie hatten sich ihre militärische Haltung, Gebärden und Benehmen nicht in einem Tage oder Monat, noch in einem Jahr angeeignet. So dachte ich, sagte aber nichts. Und einer von ihnen hatte gesagt: »Des Hauptmanns Stimme, bei Gott!« – es war der, den ich suchte. In einer Entfernung von etwa einer Stunde lagerten mehrere Regimenter Infanterie und zwei Schwadronen Kavallerie. Als ich erfuhr, daß der Hauptmann Blakely von der 8. Schwadron in jener Nacht an unserem Hause vorbeigeritten war, und zwar mit einer Begleitung von zehn Mann, sagte ich nichts, beschloß aber, in jener Schwadron meinen Mann zu suchen. Im Gespräch bezeichnete ich die Räuber absichtlich beständig als Landstreicher, und unter dieser Klasse stellten die Leute nutzlose Nachforschungen an. Keiner außer mir beargwöhnte die Soldaten. Mit vieler Mühe flickte ich mir in nächtlicher Arbeit aus verschiedenen Tuchstücken und Kleiderfetzen eine Verkleidung zusammen; im nächsten Städtchen kaufte ich mir eine blaue Staubbrille. Als das Lager endlich aufgehoben und die dritte Schwadron zwanzig Meilen weiter nordwärts nach Napoleon beordert wurde, versteckte ich meinen kleinen Geldvorrat im Gürtel und machte mich in der Nacht auf den Weg. Als die dritte Schwadron in Arkansas ankam, war ich bereits dort; ja, ich war dort, in einem neuen Beruf – als Wahrsager. Ich befreundete mich mit allen dort liegenden Truppen und sagte allen ihre Zukunft voraus; meine Hauptaufmerksamkeit aber widmete ich der dritten Schwadron. Gegen die Leute dieser Schwadron war ich grenzenlos zuvorkommend; sie konnten keine Gefälligkeit von mir verlangen, mir nichts zumuten, dem ich mich nicht willig unterzogen hätte. Ich wurde die geduldige Zielscheibe ihrer oft rohen Spaße, und das erhöhte meine Popularität: ich wurde allgemein beliebt.

Ich entdeckte bald einen Gemeinen, dem ein Daumen fehlte – welche Freude für mich! Und als ich fand, daß ihm allein von allen Angehörigen der Schwadron der rechte Daumen fehlte, verschwand mein letzter Zweifel: ich war überzeugt, daß ich die rechte Spur gefunden hatte. Dieser Mann war ein Deutscher Namens Krüger, es waren neun Deutsche bei der Schwadron. Ich beobachtete Krüger, um seine etwaigen Vertrauten ausfindig zu machen; aber er schien keine besonders vertrauten Freunde zu haben. Von nun an wurde ich sein Vertrauter und gab mir alle Mühe, unsere Intimität so viel als möglich zu befestigen. Manchmal dürstete ich so nach Rache, daß ich mich kaum enthalten konnte, auf die Kniee zu fallen und ihn zu bitten, mir den Mann, der meine Lieben ermordet hatte zu nennen; aber es gelang mir, meine Zunge im Zaum zu halten. Ich wartete meine Zeit ab und fuhr fort wahrzusagen, wie die Gelegenheit sich bot.

Mein Geschäftsapparat war sehr einfach: ein bißchen rote Schminke und ein Stückchen weißes Papier. Kam einer zum Wahrsagen, so nahm ich seinen Daumenballen, bemalte ihn, nahm einen Abdruck davon auf dem Papier, studierte diesen in der Nacht und prophezeite am nächsten Morgen des Betreffenden Schicksal. Was ich mir bei diesem Unsinn dachte, fragen Sie? Nun, das Folgende: Als ich noch ein junger Mensch wer, kannte ich einen alten Franzosen, der dreißig Jahre lang Gefängniswärter gewesen war, und der mir gesagt hatte, jeder Mensch habe etwas an sich, was sich von der Wiege bis zum Grabe nie andere – die Linien im Daumenballen; und er hatte weiter gesagt, daß diese Linien sich niemals bei zwei Personen ganz genau gleich vorfänden. Heutzutage photographieren wir den angehenden Verbrecher und hängen sein Bild zum etwaigen späteren Gebrauch in der ‹Spitzbubengalerie‹ auf; jener Franzose aber pflegte seiner Zeit von jedem Neuangekommenen Gefangenen einen Abdruck des Daumenballens zu nehmen und diesen Abdruck zum späteren Gebrauch aufzubewahren. Er sagte immer, daß Bilder nichts taugen – spätere Verkleidungen könnten sie nutzlos machen. »Der Daumen ist das einzig sichere,« sagte er, »den kann man nicht verkleiden.« Und die Richtigkeit seiner Theorie erwies sich auch an meinen Freunden und Bekannten; seine Theorie hatte stets Erfolg.

Ich wahrsagte weiter. Jede Nacht schloß ich mich ganz allein ein und studierte die während des Tages erlangten Daumenabdrücke mit einem Vergrößerungsglas. Stellen Sie sich die verzehrende Begierde vor, mit der ich über den labyrinthartigen roten Spiralen brütete; neben mir jenes Papier aus meiner Hütte, das den Abdruck des Daumens und Zeigefingers des Mörders trug, gefärbt mit dem für mich teuersten Blute, das je auf Erden vergossen wurde! Wie oft mußte ich enttäuscht dieselbe Bemerkung wiederholen: »Werden sie denn nie übereinstimmen?«

Endlich aber wurde mein Warten belohnt; mein Lohn bestand in dem Daumenabdruck des 34. Mannes der dritten Schwadron, den ich untersucht hatte – des Gemeinen Franz Adler. Eine Stunde vorher kannte ich weder den Namen des Mörders, noch seine Stimme, Gestalt, Nationalität oder seine Züge; jetzt aber wußte ich das alles und glaubte meiner Sache sicher zu sein.

Am nächsten Morgen nahm ich Krüger beiseite, als er dienstfrei war; und an einem Orte, wo uns niemand sehen oder belauschen konnte, sagte ich eindringlich zu ihm:

»Ein Teil eures Schicksals ist so ernst und bedeutsam, daß ich es für das Beste hielt, es euch insgeheim zu sagen. Ihr und noch einer von eurer Schwadron, dessen Schicksal ich letzte Nacht erforschte, – der Gemeine Adler, – habt eine Frau und ein Kind ermordet! Ihr werdet verfolgt: innerhalb von fünf Tagen werdet ihr beide gemeuchelt werden.«

Ganz außer sich vor Schreck fiel er auf die Kniee nieder und stammelte fünf Minuten immer dieselben Worte wie ein Geistesabwesender, und in derselben weinerlichen Weise, deren ich mich von jener Mordnacht her noch so gut erinnerte:

»Ich that's nicht – bei meiner Seele, ich that's nicht; und ich wollte auch ihn davon abhalten – ich wollte es, Gott ist mein Zeuge. Er that es allein.«

Das war alles, was ich wissen wollte, und ich wollte mich nun des Elenden entledigen; er klammerte sich jedoch an mich und flehte mich an, ihn vor dem Meuchelmörder zu retten. Er sagte:

»Ich habe Geld – zehntausend Dollars – versteckt, die Frucht der Dieberei und Plünderung; rettet mich – sagt mir, was ich thun soll, und ihr sollt es haben – bis auf den letzten Pfennig. Zwei Drittel davon gehören meinem Vetter Adler; aber Sie dürfen meinetwegen alles nehmen. Wir versteckten es, sobald wir hieherkamen; aber ich versteckte es gestern an einem neuen Platz, ohne ihm etwas davon zu sagen – er soll es auch nie erfahren. Ich wollte desertieren und das Ganze mitnehmen. Es ist lauter Gold – zu schwer, um es mit sich zu schleppen; aber ein Weib, das ich ins Vertrauen gezogen, sollte mit dem Gelde nachfolgen. Ich hatte mit ihr verabredet, wenn ich keine Gelegenheit fände, ihr das Versteck zu beschreiben, so wollte ich ihr meine silberne Taschenuhr in die Hand gleiten lassen oder sie ihr senden; sie wüßte dann, woran sie wäre. Im Rücken des Uhrgehäuses sei ein Stück Papier, das alles Nötige besage. Hier nehmt die Uhr! Sagt mir, was ich thun soll!«

Er wollte mir durchaus seine Uhr aufdrängen, nahm das Papier heraus und erklärte es mir, als plötzlich Adler, etwa ein Dutzend Schritte von uns entfernt, auftauchte. Ich sagte zu dem armen Krüger:

»Steckt eure Uhr ein, ich will sie nicht. Ihr sollt nicht zu Schaden kommen. Geht jetzt; ich muß Adler wahrsagen. Ich werde euch bald wissen lassen, wie ihr dem Meuchelmörder entgehen könnt. Sagt Adler nichts von der Sache – auch keinem andern.«

Der arme Teufel entfernte sich, erfüllt von Furcht und Dankbarkeit. Ich wahrsagte Adler seine Zukunft – absichtlich so ausführlich, daß ich nicht ganz zu Ende kommen konnte; versprach, in der Nacht auf Wache zu ihm zu kommen und ihm den wahrhaft wichtigen Teil seiner Zukunft – den tragischen Teil, sagte ich – zu erzählen; wir müßten deshalb außerhalb des Bereiches von Horchern sein. Es wurde stets eine Feldwache außerhalb der Stadt aufgestellt, – bloß der Disziplin und Form wegen, da kein Feind in der Nähe war.

Ich erfragte die Losung, und gegen Mitternacht machte ich mich auf den Weg nach der einsamen Gegend, wo Adler auf Posten stehen sollte. Es war so dunkel, daß ich fast auf eine undeutliche Gestalt gestoßen Ware, noch ehe ich ein Wort hervorbringen konnte. Der Anruf des Postens und meine Antwort erfolgten in demselben Augenblick, ich fügte hinzu: »Ich bin's – der Wahrsager.« Dann schlich ich mich an den Menschen heran und stieß ihm, ohne ein Wort zu sagen, meinen Dolch in das Herz! So, lachte ich, das war der tragische Teil deines Schicksals! Indem er vom Pferde fiel, griff er nach mir, und meine blaue Brille blieb ihm in der Hand; das Pferd galoppierte davon mit seinem toten Reiter. Ich floh durch die Wälder und entkam glücklich, die mich anklagende Brille in des Toten Hand zurücklassend.

Das war vor fünfzehn oder sechzehn Jahren. Seit dieser Zeit bin ich ziellos in der Welt umhergewandert, manchmal beschäftigt, manchmal müßig, manchmal mit, manchmal ohne Geld, aber immer des Lebens müde und den Tod herbeisehnend, denn meine Mission hienieden war mit jener nächtlichen That beendigt, und das einzige Vergnügen, der einzige Trost und die einzige Genugthuung, die ich in allen jenen langwierigen Jahren hatte, lag in dem täglichen Gedanken: »Ich habe ihn getötet!«

Vor vier Jahren begann meine Gesundheit mich im Stiche zu lassen. Ich war in meiner zwecklosen Weise nach München gewandert. Da ich ohne Geldmittel war, suchte ich Arbeit und fand sie auch; that ein Jahr lang treu meine Pflicht und erhielt die Stelle des Nachtwächters dort in jenem Leichenhause, das Sie kürzlich besuchten. Ich wanderte stundenlang unter jenen starren Leichnamen umher und sah in ihre bleichen Gesichter. Der Ort gefiel mir; er paßte zu meiner Gemütsstimmung. Ich war gerne bei den Toten – war gerne allein mit ihnen; je später die Stunde, desto ergreifender war es; die Stunden nach Mitternacht waren mir die liebsten. Manchmal schraubte ich die Gasflammen tiefer herab; das gab Perspektive, wissen Sie, und die Phantasie bekam freies Spiel; die trüben, im Hintergrund sich verlierenden Reihen der Toten erfüllten mich stets mit seltsamen fesselnden Vorstellungen. Vor zwei Jahren – ich war damals ein Jahr lang dort gewesen – saß ich ganz allein im Wachtzimmer ('s war eine stürmische Winternacht), erkältet, fast erstarrt, unbehaglich, und war nahe am Einschlafen; das Heulen des Windes und das Auf- und Zuschlagen ferner Fensterläden drang jeden Augenblick schwächer und schwächer an mein Ohr, als plötzlich jene Totenglocke über meinem Haupt ein Geläute begann, das mir das Blut in den Adern erstarren ließ. Die Erschütterung lähmte mich beinahe, denn es war das erstemal, daß ich die Glocke hörte.

Ich raffte mich zusammen und eilte in den Leichensaal. Etwa in der Mitte der äußern Reihe saß eine mit Leintüchern umwickelte Gestalt aufrecht da und neigte langsam den Kopf von einer Seite zur andern – ein schauerlicher Anblick! Er hatte mir die Seite zugewandt; ich eilte hinzu und sah ihm ins Gesicht: guter Gott! es war Adler!

Können Sie erraten, was mein erster Gedanke war? In Worte gebracht Folgender: »Es scheint also, du bist mir doch entkommen; diesmal soll es anders gehen!«

Jener Mensch litt offenbar unendliche Schreckensqualen. Stellen Sie sich vor: mitten in der lautlosen Stille aufzuwachen und eine grimme Totengemeinde zu überschauen! Welche Dankbarkeit glänzte in seinem knöchernen weißen Gesicht, als er ein lebendes Wesen vor sich sah! Und wie die Glut dieser stummen Dankbarkeit sich erhöhte, als seine Augen auf die lebenspendenden Stärkungsmittel fielen, die ich in den Händen trug! Und dann stellen Sie sich das Entsetzen vor, das über ihn kam, als ich diese Herzstärkungen wegstellte und höhnend sagte:

»Sprich doch, Franz Adler – ruf' diese Toren an. Sie werden dich ohne Zweifel hören und Mitleid mit dir hüben; sonst wirst du schwerlich jemand rühren.«

Er versuchte zu sprechen, aber jener Teil des Leintuchs, der seine Kinnladen zusammenhielt, hielt fest und erlaubte es ihm nicht. Er versuchte stehend die Hände zu erheben, aber sie waren ihm auf seiner Brust gekreuzt und zusammengebunden.

»Rufe doch, Franz Adler!« sagte ich, »daß die Schläfer in den fernen Straßen dich hören und Hilfe bringen. Rufe doch – und verliere ja keine Zeit, denn du hast wenig zu verlieren. Was? Du kannst nicht. Das ist schade; aber es macht nichts, denn es bringt ja doch nicht immer Hilfe. Als ihr, du und dein Vetter, in einer Hütte in Arkansas ein Weib und ein Kind ermordetet – mein Weib war's und mein Kind! – da riefen sie auch um Hilfe, wie du dich erinnerst; aber es nützte nichts; du erinnerst dich dessen, – nicht wahr? Deine Zähne klappern ja – warum kannst du denn nicht rufen? Mache doch die Bandagen mit den Händen los – dann geht's. Ah, ich sehe – deine Hände sind gebunden, sie können dir nicht helfen. Wie seltsam sich nach langen Jahren die Dinge wiederholen; denn auch meine Hände waren in jener Nacht gebunden, nicht wahr? Ja, fast ebenso gebunden wie die deinen – wie sonderbar das ist! Ich konnte mich nicht loszerren. Es fiel dir nicht ein, mich loszubinden, und mir fällt es nicht ein, deine Bande zu lösen. Pst! ein Fußtritt! er kommt hier vorüber. Horch, wie nahe er ist! Man kann die Schritte zählen – eins – zwei – drei. Da – es ist gerade da draußen. Jetzt ist es Zeit. Ruf', Mann, ruf'! – es ist die allereinzige Gelegenheit zwischen dir und der Ewigkeit! Ah, du siehst, daß du zu lange gezögert hast – sie ist vorbei. Du – der Schall erstirbt; es ist aus! Denke daran – denke darüber nach – du hast zum letztenmale den Schall menschlicher Schritte gehört. Wie seltsam es sein muß, einem so gewöhnlichen Schall wie diesem zu lauschen und zu wissen, daß man nie wieder seinesgleichen hören wird!«

O, mein Freund, die Todesqual in jenem tücherumhüllten Gesicht zu sehen, war die höchste Wonne für mich! Ich erdachte eine neue Folter und wendete sie an, mit etwas lügenhafter Erfindung als Beihilfe.

»Der arme Krüger wollte mein Weib und Kind retten, zum Dank leistete ich ihm einen guten Dienst, als Zeit und Gelegenheit kamen. Ich beredete ihn, dich zu berauben, und ich und ein Weib halfen ihm, als er desertierte und brachten ihn in Sicherheit.«

Eine Miene des Triumphes gleichsam, und der Überraschung glänzte einen Augenblick trübe durch die Angst im Gesichte meines Opfers. Ich war erregt, beunruhigt, und sagte:

»Was hast du – entkam er denn nicht?«

Ein verneinendes Kopfschütteln.

»Nicht? Was geschah denn?«

Die Genugthuung in dem verhüllten Gesicht war noch deutlicher. Der Mann versuchte einige Worte zu murmeln – es gelang ihm nicht; versuchte mit den behinderten Händen etwas auszudrücken – auch das mißlang: wartete einen Augenblick und neigte dann in bedeutsamer Weise sein Haupt gegen den Leichnam, der ihm am nächsten lag.

»Tot?« fragte ich. »Entkam nicht? – wurde gefangen und erschossen?«

Verneinendes Kopfschütteln.

»Was dann?«

Wieder versuchte der Mann etwas mit den Händen zu thun. Ich beobachtete ihn genau, konnte aber seine Absicht nicht erraten; ich beugte mich über ihn und beobachtete ihn noch genauer. Er hatte einen Daumen herumgedreht und zeigte damit auf seine Brust.

»Ah – erstochen meinst du?«

Bejahendes Nicken, von einem so teuflisch-gespensterhaften Lächeln begleitet, daß ein grelles Licht in meinem stumpfen Gehirn aufblitzte und ich rief: –

»Hab' ihn also irrtümlich für dich gehalten und erstochen? denn jener Stoß war nur dir zugedacht.«

Der zum zweitenmale dem Tode geweihte Schurke nickte so zufrieden, als seine schwindende Kraft es auszudrücken vermochte. Ich begrub schluchzend das Gesicht in den Händen.

»O ich Elender!« rief ich, »der ich die mitleidige Seele erschlug, die als Freund zu meinen Lieben stand, als sie hilflos waren, und sie, wenn es möglich gewesen, gerettet hätte! O, ich Elender!«

Ich glaubte das dumpfe Gurgeln eines höhnischen Lachens zu hören; ich nahm die Hände vom Gesicht und sah, wie mein Feind auf sein schräges Brett zurücksank.

Sein Todeskampf währte eine befriedigend lange Zeit: er besaß eine wunderbare Lebenskraft, eine staunenswerte Konstitution. Ich holte mir einen Stuhl und eine Zeitung, setzte mich neben ihn und begann zu lesen. Gelegentlich nahm ich einen Schluck Branntwein: das war notwendig der Kälte wegen; ich that es aber teilweise, weil ich sah, daß er zuerst bei jedem Schluck erwartete, ich würde ihm auch ein wenig davon geben. Ich las laut: hauptsächlich erdichtete Berichte von Leuten, die durch einen Löffel voll Branntwein und ein warmes Bad vom Grabesrand zurückgerissen und dem Leben zurückgegeben wurden. Ja, er hatte einen recht langwierigen, harten Todeskampf – drei Stunden sechs Minuten von der Zeit an, da er die Glocke läutete.

Die schaurige Kälte des Leichensaales war mir durch Mark und Bein gedrungen; sie verursachte und beschleunigte einen Rückfall in die Krankheit, die mich schon öfter befallen hatte, aber bis zu jener Nacht immer wieder rasch vorüber gegangen war. Jener Mann mordete mein Weib und Kind, und in drei Tagen von heute an werde ich meinen Lieben nachfolgen. Thut nichts – Gott, wie köstlich ist die Erinnerung daran! – ich hatte ihn erfaßt, wie er seinem Grabe entfliehen wollte, und ihn wieder in dasselbe zurückgeworfen.

Nach jener Nacht war ich eine Woche lang an mein Bett gefesselt; sobald ich aber wieder auf den Beinen war, schlug ich in den Leichenhausbüchern die Adresse des Hauses auf, in dem Adler erkrankt war. Es war eine elende Herberge. Ich dachte, Adler werde als Krügers Vetter dessen Habseligkeiten in Besitz genommen haben. Ich wollte mir womöglich Krügers Uhr verschaffen. Aber während ich krank darniederlag, waren Adlers Sachen verkauft und überallhin zerstreut worden – alle bis auf einige alte Briefe und wertlose Kleinigkeiten. Mittels jener Briefe aber spürte ich einen Sohn Krügers auf – den einzigen Verwandter, den er hinterließ. Er ist jetzt ein Mann von dreißig Jahren, seines Zeichens ein Schuhmacher, ein Witwer mit mehreren kleinen Kindern, und wohnt zu Mannheim, Königsstr. Nr. 14. Ohne ihm einen Grund zu sagen, habe ich seitdem stets zwei Drittel zu seinem Lebensunterhalt beigesteuert.

Was nun jene Uhr angeht, so hören Sie nur, was für seltsame Dinge geschehen. Ich suchte länger als ein ganzes Jahr mit Mühe und Kosten in ganz Deutschland nach ihr – und fand sie endlich. Bekam sie und war unsäglich froh; öffnete sie und fand nichts drin. Hätte mir freilich sagen können, daß jenes Stückchen Papier nicht die ganze Zeit hindurch darin bleiben würde. Ich hatte damals die Uhr mitsamt dem Schatz verschmäht – jetzt hätte ich das Geld gerne für Krügers Sohn gehabt.

In der letzten Nacht fühlte ich, daß ich bald sterben würde. Ich verbrannte alle wertlosen Papiere; und siehe da! aus einem Briefbündel Adlers, das ich vorher nicht genau genug durchforscht hatte, viel jener langersehnte Zettel! Ich erkannte ihn augenblicklich; er lautete wie folgt:

»Pferdestall aus Backsteinen mit steinernem Fundament, Mitte der Stadt. Ecke der Orleansstraße und des Marktplatzes; Ecke gegen das Gerichtshaus zu – vierte Reihe, dritter Stein. Stecke Benachrichtigung dorthin mit der Angabe, wieviele kommen werden.«

Da, nehmen Sie's, und heben Sie es gut auf. Krüger sagte mir, daß jener Stein entfernt werden könne und daß er in der nördlichen Mauer des Gebäudes sei, in der vierten Reihe von oben, der dritte Stein von Westen her. Das Geld sei dahinter versteckt. Er sagte, der Schlußsatz sei eine Finte um irrezuführen, falls das Papier in unrechte Hände geraten sollte. Diese Finte scheint Adler gegenüber ihren Zweck erreicht zu haben.

Und nun bitte ich Sie, wenn Sie Ihre beabsichtigte Reise den Mississippi hinab thun, dieses versteckte Geld ausfindig zu machen und an Adam Krüger unter der oben erwähnten Adresse zu senden. Es wird ihn zu einem reichen Manne machen, und ich werde sanfter ruhen in meinem Grabe, wenn ich weiß, daß ich mein Möglichstes gethan habe für den Sohn des Mannes, der mein Weib und Kind retten wollte – obgleich meine Hand ihn erschlug, wahrend der Antrieb meines Herzens dahin gegangen wäre, ihn zu beschirmen und ihm dienstlich zu sein.

*

»Das war Ritters Geschichte,« sagte ich zu meinen Freunden Rogers und Thompson, mit denen ich bald nach meiner Rückkehr von Europa den Mississippi hinabfuhr. Als ich geendet hatte, folgte eine tiefe, eindrucksvolle Stille, die beträchtliche Zeit dauerte; dann brachen beide in ein wahres Kreuzfeuer von erregten und bewundernden Ausrufen über die seltsamen Episoden der Erzählung aus, das anhielt, bis sie fast ganz außer Atem waren. Dann begannen meine Freunde kühler zu werden und sich unter dem Schutze gelegentlicher Salven in Schweigen und abgrundtiefe Träumerei zurückzuziehen. Etwa zehn Minuten lang herrschte Stillschweigen; dann sagte Rogers träumerisch –:

»Zehntausend Dollars,« und nach einer langen Pause fügte er hinzu: »Zehntausend – 's ist ein Haufen Geld.«

Gleich darauf fragte Thompson:

»Werden Sie es ihm sogleich senden?«

»Ja,« sagte ich. »Eine seltsame Frage!«

Keine Antwort. Nach einer Weile fragte Rogers zögernd:

»Alles? – Das heißt – ich meinte nur –«

» Gewiß, alles.«

Ich wollte mehr sagen, hielt aber inne, durch einen Ideengang dazu veranlaßt, der in mir auftauchte. Thompson sprach, aber meine Gedanken waren anderswo, und ich erfaßte nicht, was er sagte; doch hörte ich, wie Rogers antwortete:

»Ja, das scheint mir so. Es sollte vollständig genügen, denn ich finde nicht, daß er dabei etwas gethan hat.«

Sogleich fiel Thompson, der Dichter, ein:

»Bei Licht betrachtet, ist es mehr als genügend. Denke nur – fünftausend Dollars. Ei, er könnte das Geld in seinem ganzen Leben nicht ausgeben! Und es könnte ihm leicht schaden, ihn vielleicht zu Grunde richten – das ist wohl zu beachten. Wer weiß, wie lang es dauert, bis er alles durchgebracht hat? Dann macht er seine Bude zu, fängt vielleicht an zu trinken, mißhandelt seine Kinder, gerät auf andere Abwege und sinkt tiefer und tiefer – –«

»Ja, das ist's,« unterbrach ihn Rogers voller Feuereifer, »ich habe das hundertmal – ja, öfter als hundertmal gesehen. Wenn du einen solchen Mann gänzlich zu Grunde richten willst, brauchst du ihm bloß Geld in die Hand zu geben; ja, gieb ihm nur Geld in die Hand – das ist alles, was dazu gehört; und wenn es ihn nicht herabzieht, ihm alle Würde, alle Selbstachtung u. s. w. raubt, dann kenne ich die menschliche Natur nicht – ist's nicht so, Thompson? Und selbst wenn wir ihm ein Drittel davon geben; ei, in weniger als sechs Monaten – –«

»Weniger als sechs Wochen, sage lieber,« sagte ich, mich erwärmend und einfallend. »Wenn die dreitausend Dollars nicht in sicheren Händen wären, wo er sie nicht anrühren könnte, so würde er ebensowenig sechs Wochen damit reichen, als – –«

»Natürlich nicht,« sagte Thompson; »ich habe Bücher geschrieben für die Sorte von Leuten; sobald sie ihre Hände auf ein Besitztum legen – auf dreitausend Dollars etwa, oder auf zweitausend – –«

»Ich möchte wissen, was dieser Schuster mit zweitausend Dollars soll?« fiel Rogers ernsthaft ein; »ein Mann, der vielleicht jetzt dort in Mannheim, umgeben von seinesgleichen, ganz zufrieden ist; der sein Brot mit dem Appetit ißt, den Mühe und Fleiß allein geben können, und ehrlich, aufrichtig und reinen Herzens sich seines bescheidenen Daseins freut; und begnadet – ja, ich sage begnadet ist vor all' den vielen Tausenden, die in Sammet und Seide einhergehen und in dem hohlen, leeren Treiben der Gesellschaft umhergewirbelt werden – aber man führe diesen Mann nur einmal in Versuchung, lege nur fünfzehnhundert Dollars vor ihn hin und – –«

»Fünfzehnhundert Teufel!« rief ich, » fünfhundert würden seine Grundsätze ausrotten, seinen Fleiß lähmen und ihn in den Schnapsladen zerren, von da in die Gosse, von da ins Armenhaus, von da in – –«

»Weshalb uns dieses Verbrechen aufbürden, meine Herren?« unterbrach mich der Poet ernst und stehend. »Er ist glücklich, wo und wie er ist. Jedes Gefühl der Ehre, der Menschenliebe und des hohen, heiligen Wohlwollens ermahnt, bestürmt und befiehlt uns, ihn in Ruhe zu lassen. Das ist echte, wahre Freundschaft.«

Nach einigem weiteren Geplauder wurde es indessen ersichtlich, daß jeder von uns in seinem innersten Herzen einige Zweifel bezüglich dieser Erledigung der Sache hegte. Wir fühlten offenbar alle, daß wir dem armen Schuster irgend etwas senden sollten. Dieser Punkt wurde lange erwogen, und endlich beschlossen, daß wir ihm ein Farbendruckbild senden wollten.

Nun aber, da alles ganz zur Zufriedenheit geordnet schien, tauchte eine neue Schwierigkeit auf: es wurde mir klar, daß die beiden erwarteten, ich werde das Geld zu gleichen Stücken mit ihnen teilen. Das fiel mir gar nicht ein; ich sagte, sie könnten von Glück sagen, wenn sie zusammen die Hälfte bekämen. Rogers sagte darauf:

»Wer würde überhaupt etwas erhalten haben, wenn ich nicht gewesen wäre? Ich machte die erste Andeutung – sonst hätte der Schuster alles bekommen.«

Thompson sagte, daß er in demselben Augenblicke daran gedacht hätte, als Rogers die erste Andeutung machte.

Ich erwiderte, daß mir der Gedanke bald genug und ohne jede Beihilfe gekommen sei, »Ich denke vielleicht langsam,« sagte ich, »aber auch sicher.«

Unsere Erörterung entwickelte sich zu einem Zank, dann zu einem Faustkampf, bei dem wir alle stark mitgenommen wurden. Sobald ich mein Äußeres wieder einigermaßen präsentabel gemacht hatte, begab ich mich (in recht verdrießlicher Stimmung) aufs Oberdeck. Dort fand ich den Kapitän und redete ihn so freundlich wie möglich folgendermaßen an:

»Ich bin gekommen, um Abschied zu nehmen, Kapitän; ich möchte bei Napoleon landen.«

»Wo landen?«

»Bei Napoleon.«

Der Kapitän lachte, da er aber sah, daß ich nicht zum Scherzen aufgelegt war, fügte er ernster werdend hinzu:

»Ist das Ihr Ernst?«

»Mein voller Ernst.«

Der Kapitän blickte zum Lotsenhaus hinauf und sagte:

»Er will bei Napoleon landen!«

»Bei Napoleon

»So sagt er.«

»O Geist des großen Cäsar!«

Der Lotse kam auf uns zu, und der Kapitän sagte:

»Onkel, unser guter Freund hier will bei Napoleon landen.«

»Na, da – –«

»Nun, was soll das?« unterbrach ich ihn. »Kann man denn bei Napoleon nicht ans Ufer gehen, wenn man will?«

»Ei, zum Henker, wißt Ihr's denn nicht? Es giebt kein Napoleon mehr, seit Jahren nicht mehr. Der Arkansas River brach durch, riß alles in Stücke und schwemmte es in den Mississippi!«

»Nahm die ganze Stadt mit? – Banken, Kirchen, Gefängnisse, Zeitungsdruckereien, Gerichtshaus, Theater, Feuerversicherungsgebäude, Mietställe – alles

»Alles. Just das Werk einer Viertelstunde. Ließ weder Haut noch Haar, weder einen Stein oder Balken noch einen Dachziegel übrig – einen Schuppen und einen Kamin aus Backsteinen ausgenommen. Das Boot hier fährt jetzt gerade da, wo die Mitte der Stadt war; dort ist der Kamin – alles, was von Napoleon übrig ist. Diese dichten Wälder zur Rechten waren sonst eine gute Stunde hinter der Stadt, Seht euch einmal um – blickt stromaufwärts – nicht wahr,, jetzt erkennt ihr die Gegend nach und nach wieder?«

»Ja, ich erkenne sie jetzt. Das ist das Wunderbarste, was ich je gehört habe – weitaus das Wunderbarste und – Unerwartetste.«

Mittlerweile waren meine Freunde Thompson und Rogers mit ihren Ränzchen und Regenschirmen angekommen und hatten dem Kapitän schweigend zugehört. Thompson drückte mir einen halben Dollar in die Hand und sagte leise:

»Für meinen Anteil an dem Farbendruck.«

Rogers folgte seinem Beispiel.

Ja, es war erstaunlich, den Mississippi zwischen unbevölkerten Ufern und gerade über den Ort sich hinwälzen zu sehen, wo ich vor zwanzig Jahren eine gute, große, behäbige Stadt zu sehen gewohnt war – eine Stadt, die der Hauptort eines umfangreichen und blühenden Bezirks war; eine Stadt, wo ich das hübscheste und liebreizendste Mädchen aus dem ganzen Mississippithal gekannt hatte; – jetzt keine Stadt mehr, verschlungen, verschwunden, eine Beute der Fische! nichts übrig als ein Stück von einem Schuppen und ein verfallender Backsteinschlot!

Und wo sind die zehntausend Dollars?

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