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Im Gold- und Silberland

Mark Twain: Im Gold- und Silberland - Kapitel 36
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authorMark Twain
titleIm Gold- und Silberland
publisherRobert Lutz
seriesLehr- und Wanderjahre
volumeDritter Teil
printrunFünfundzwanzigste Auflage
translatorMargarete Jacobi / L. Ottmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Elftes Kapitel.

Die Vorlesung.

Nach mancher Irrfahrt befand ich mich endlich wieder zu Hause in San Francisco ohne Mittel und ohne Beschäftigung. Ich zermarterte mir das Hirn, um einen Plan zu finden, der mich retten könnte und verfiel zuletzt darauf, eine öffentliche Vorlesung zu halten. In fieberhafter Erregung setzte ich mich voll Hoffnung hin und schrieb einen Vortrag nieder. Ich zeigte ihn verschiedenen Freunden, aber sie schüttelten alle die Köpfe und meinten, höchst wahrscheinlich würde niemand kommen, um mir zuzuhören und ich würde beschämt wieder abziehen müssen. Aber selbst im Fall die Vorlesung zu stande käme, müßte sie schmählich mißlingen, da ich ja nie zuvor öffentlich gesprochen hätte. Das machte mich ganz trostlos. Endlich jedoch klopfte mir ein Redakteur vertraulich auf den Rücken und meinte: »Ich will Ihnen 'was sagen! Mieten Sie den größten Saal in der Stadt und fordern Sie einen Dollar Eintrittsgeld. Bange machen gilt nicht.«

Die Tollkühnheit des Vorschlags reizte mich, umsomehr als viel praktische Weisheit und Weltkenntnis darin lag. Auch ein Theaterbesitzer hielt den Rat für gut und bot mir sein großes neues Opernhaus für fünfzig Dollars an – die Hälfte des gewöhnlichen Preises. Aus reiner Verzweiflung ging ich darauf ein und mietete es auf Kredit – aus triftigen Gründen. In drei Tagen ließ ich nun für 150 Dollars Anzeigen und Zettel drucken und war wohl das verzagteste und geängstetste Menschenkind an der ganzen Küste des stillen Ozeans. Schlafen konnte ich nicht, das wäre wohl unter solchen Umständen niemand möglich gewesen. Wenn andern Leuten die letzte Zeile meines Anschlagzettels vielleicht scherzhaft erschienen ist, so hatte sie doch für mich einen sehr kläglichen Anstrich; mir war furchtbar beklommen zu Mute, als ich schrieb:

»Die Thüren werden um 7 ½ Uhr geöffnet.
Um 8 Uhr beginnt das Unheil.«

Der Satz hat manchem seither gute Dienste geleistet. Besitzer von Schaubuden haben ihn mir abgeborgt und einmal fand ich ihn sogar am Schluß einer Anzeige, durch welche den Schulzöglingen der Beginn des neuen Kursus nach den Ferien angekündigt wurde.

Während die drei Tage in peinlicher Erwartung langsam vergingen, wurde ich immer unglücklicher. Ich hatte zweihundert Eintrittskarten an meine persönlichen Bekannten verkauft, aber ich fürchtete, sie würden sämtlich fortbleiben. Meine Vorlesung, die mir zuerst humoristisch vorgekommen war, wurde von Stunde zu Stunde langweiliger und trübseliger, bis auch nicht mehr der Schatten eines Witzes darin zu entdecken war und ich bedauerte, daß ich nicht einen Sarg auf die Bühne bringen und die ganze Geschichte in ein Leichenbegängnis verwandeln konnte.

Zuletzt befiel mich eine solche Höllenangst, daß ich mich entschloß, drei alte Freunde – gutherzige Gemüter und wahre Riesengestalten – aufzusuchen, welche Stimmen besaßen, die dem Brüllen des Sturmwinds glichen.

»Hört einmal,« sagte ich zu ihnen, »ich falle gewiß mit der Sache durch; die Witze sind so tiefsinnig, daß kein Mensch sie verstehen wird. Würdet ihr mir wohl den Gefallen thun, euch ins Parkett zu setzen, um mir Beistand zu leisten?«

Als sie dies versprochen hatten, ging ich zu der Frau eines bekannten und beliebten Bürgers, die ich bat, mit ihrem Manne in der Loge links von der Bühne Platz zu nehmen, wo alle Welt sie sehen könne. Ich stellte ihr vor, wie sehr ich ihrer Hilfe bedürfe und machte mit ihr aus, ich würde mich jedesmal nach ihr hinwenden und lächeln, zum Zeichen, daß ich einen schwerverständlichen Witz losgelassen hätte; »dann aber grübeln Sie, bitte, nicht lange darüber nach,« fügte ich hinzu, »sondern folgen Sie meinem Wink.«

Sie gab mir ihre Zusage und ich entfernte mich. Auf der Straße begegnete mir ein Mann, den ich noch niemals gesehen hatte. Er war angetrunken und strahlte vor Gutmütigkeit.

»Mein Name ist Sawyer,« sagte er, »Sie kennen mich nicht, doch das ist einerlei. Ich habe keinen Cent in der Tasche, aber wenn Sie wüßten, wie gern ich einmal lachen möchte, so schenkten Sie mir sicherlich ein Billet. Na, was meinen Sie dazu?«

Statt der Antwort fragte ich: »Wie verhält es sich denn mit Ihren Lachmuskeln? Ich meine – platzen Sie leicht heraus oder sind Sie sehr wählerisch in betreff der Späße?«

Meine langsame, gedehnte Sprechweise kam ihm so komisch vor, daß er sogleich einige Proben seiner Lachkunst zum Besten gab; ich sah, es war gerade die Sorte, welche ich brauchte. So schenkte ich ihm denn ein Billet in der Mitte der zweiten Abteilung, für die er alle Verantwortlichkeit übernahm, und belehrte ihn darüber, wie er etwaige, undeutliche Scherze erkennen könne. Als wir uns trennten, kicherte er wohlgefällig über die Neuheit des Planes.

An dem letzten der drei schicksalsschweren Tage aß ich keinen Bissen – ich litt nur Qualen. An diesem Tage sollte der Verkauf der reservierten Logenplätze stattfinden. Als ich mich gegen vier Uhr nachmittags an die Theaterkasse schlich, um zu sehen, ob Eintrittskarten gelöst worden seien, fand ich sie verschlossen – der Billetverkäufer hatte sich entfernt. Ich mußte heftig schlucken, denn das Herz schlug mir bis in den Hals hinauf. »Also, gar nichts verkauft,« sagte ich mir; »das hätte ich vorher wissen können.« Ich dachte in vollem Ernst daran, die Flucht zu ergreifen, Krankheit vorzuschützen, oder einen Selbstmord zu begehen, so erbärmlich war mir zu Mute. Aber natürlich mußte ich mir das alles aus dem Sinn schlagen und meinem Schicksal die Stirne bieten. Es war mir unmöglich, bis halb 7 Uhr zu warten, ich mußte dem Greuel ins Angesicht sehen und damit fertig werden. Ähnliche Gefühle mag ein Mensch haben, der gehängt werden soll.

Um sechs Uhr ging ich auf Nebenwegen nach dem Theater und trat durch eine Hinterthür ein. Ich stolperte an Reihen von Leinwandkoulissen vorüber nach der Bühne und sah den Zuschauerraum düster und stumm, in entsetzlicher Leere vor mir liegen. Darauf zog ich mich wieder in das Dunkel hinter die Koulissen zurück und verharrte dort anderthalb Stunden, in Grauen und Entsetzen versunken; für die ganze übrige Welt war mir jedes Bewußtsein geschwunden.

Plötzlich vernahm ich ein Geräusch, das sich immer mehr steigerte; lauter und lauter wurde das Gemurmel und endete mit einem Krach, in den sich Hochrufe mischten. Der wahrhaft betäubende Lärm erhob sich jetzt ganz in meiner Nähe und ich fühlte, daß mir die Haare zu Berge standen. Nun folgte eine Pause, dann kam ein abermaliges Hoch und gleich darauf ein drittes. Ehe ich noch recht wußte, wie mir geschah, befand ich mich mitten auf der Bühne, vor mir wogte ein Meer von Gesichtern, der helle Glanz der Lichter verwirrte mich und ich zitterte an allen Gliedern vor tödlichem Schrecken. Das ganze Haus war gedrängt voll, selbst die Gänge zwischen den Sitzreihen.

Es dauerte eine volle Minute, bis sich meine Aufregung in Kopf, Herz und Beinen beruhigt hatte und ich meine Selbstbeherrschung einigermaßen wieder gewann. Ich las Wohlwollen und Freundlichkeit in allen Gesichtern, meine Furcht verschwand allmählich und ich begann zu sprechen. Schon nach drei bis vier Minuten fühlte ich mich ganz behaglich und zufrieden. Meine drei Hauptverbündeten waren mit drei Gehilfen zur Hand; sie saßen beieinander im Parkett mit Knotenstöcken bewaffnet und kampfbereit, um beim geringsten Scherzwort zum Angriff zu schreiten. Bei jedem Witz, den ich zum Besten gab, stießen sie mit den Stöcken gewaltig auf den Boden und verzogen den Mund von einem Ohr zum andern. Sawyer, dessen treuherziges Gesicht sich mitten in der zweiten Abteilung rötlich abhob, stimmte in ihr Gelächter ein und das ganze Haus wurde zum Beifall fortgerissen. Selbst die mittelmäßigsten Witze erzielten eine nie geahnte Wirkung.

Nach einer Weile kam ich an eine ernsthafte Stelle, die ich mit großer Salbung vortrug; es war mein Leibstück und die Zuhörerschaft lauschte in atemlosem Schweigen, was mir wohlthuender war als der rauschendste Beifall. Bei dem letzten Wort meiner Einschaltung wandte ich mich zufällig und begegnete dem aufmerksam und erwartungsvoll aus mich gerichteten Auge der Frau K. – Mein neuliches Gespräch mit ihr fiel mir plötzlich ein und wie sehr ich mich auch zusammennahm', ich konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Sie hielt dies für unser verabredetes Zeichen und brach sogleich in ein wohlklingendes Gelächter aus, von welchem sich die ganze Zuhörerschar anstecken ließ. Die Explosion, die nun erfolgte, bildete den Triumph des ganzen Abends. Ich fürchtete schon, der wackere Sawyer würde vor Lachen ersticken, und die Knotenstöcke arbeiteten, als gälte es Pfähle einzurammen. Mein armes bißchen Pathos war freilich zu Grunde gerichtet; man hielt es in gutem Glauben für einen beabsichtigten Witz und zwar für die Krone der ganzen Unterhaltung. Ich war natürlich klug genug, den Irrtum nicht aufzuklären.

Alle Zeitungen brachten am andern Morgen freundliche Besprechungen; meine Eßlust kehrte zurück und ich hatte Geld in Hülle und Fülle. Ende gut – alles gut.

Anhang.

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