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Im Gold- und Silberland

Mark Twain: Im Gold- und Silberland - Kapitel 25
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authorMark Twain
titleIm Gold- und Silberland
publisherRobert Lutz
seriesLehr- und Wanderjahre
volumeDritter Teil
printrunFünfundzwanzigste Auflage
translatorMargarete Jacobi / L. Ottmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Vierundzwanzigstes Kapitel

Die ›flotten Zeiten‹ gingen inzwischen munter fort. Etwas mehr als zwei Jahre vorher hatten Herr Goodman und ein anderer Setzer sich vierzig Dollars geborgt und waren damit von San Francisco aufgebrochen, um ihr Glück in der neuen Stadt Virginia zu versuchen. Sie fanden dort das »Territorial Enterprise«, ein traurig hinsiechendes Wochenblättchen, das nach Atem schnappte und in den letzten Zügen lag. Sie kauften es: Typen, Einrichtung, Kundschaft, alles miteinander für tausend Dollars, die ihnen lange gestundet bleiben sollten. Redaktion, Zeitungsstube, Druckerei, Expedition, Schlafkammer, Wohnzimmer und Küche, alles war in ein Gemach zusammen gepreßt, und dies war nicht einmal groß. Die Redakteure und Drucker schliefen auf dem Fußboden, ein Chinese besorgte die Küche, und der Ausschießstein war die allgemeine Speisetafel. Wie anders waren die Verhältnisse jetzt. Das Blatt erschien täglich in großem Format, es wurde mit Dampf gedruckt, fünf Redakteure und dreiundzwanzig Setzer arbeiteten daran, der Abonnementspreis war sechzehn Dollars jährlich, die Einrückungsgebühren waren maßlos hoch, die Spalten stets gedrängt voll. Das Blatt warf monatlich zwischen sechs- und zehntausend Dollars ab und wurde in einem stattlichen feuerfesten Hause redigiert und gedruckt. Tag für Tag wurden fünf bis elf Spalten neuer Anzeigen wegen Überhäufung entweder zurückgelegt oder in Extrablättern zusammen veröffentlicht.

Die ›Gould & Curry-Gesellschaft‹stand im Begriffe, ein Riesenpochwerk mit hundert Stampfen zu errichten, dessen Herstellungskosten nicht viel unter einer Million Dollars betrugen. Die Kuxe dieses Bergwerks zahlten schwere Dividenden – ein seltener Fall, der nur bei den zwölf oder fünfzehn Parzellen vorkam, die über der Hauptader, dem Combstock, lagen. Der Direktor dieser Grube wohnte mietfrei in einem schönen Hause, das von der Gesellschaft gebaut und möbliert war. Er fuhr mit stattlichen Pferden, die ihm die Gesellschaft geschenkt hatte, und sein Gehalt betrug zwölftausend Dollars jährlich. Der Direktor einer anderen großen Grube reiste wie ein Fürst herum, hatte einen Jahresgehalt von achtundzwanzigtausend Dollars und beanspruchte später überdies noch auf dem Rechtswege ein Prozent der ganzen Silberausbeute als ihm zukommend.

Geld war in wunderbarer Fülle vorhanden. Es zu verdienen machte keine Mühe, Wohl aber, es auszugeben und loszuwerden. Und so traf es sich glücklich, daß gerade während jener Zeit der Draht die Nachricht brachte, daß eine große Sanitätskommission der Vereinigten Staaten gebildet worden sei, welche für die Soldaten und Matrosen der Union, die in den Spitälern des Ostens lagen, Geld brauche. Dieser Nachricht folgte die Kunde auf den Fersen, daß San Francisco sich an dem Werk in großartiger Weise beteiligt habe, ehe das Telegramm auch nur einen Tag alt gewesen sei. Virginia erhob sich wie ein Mann. Ein Sanitätskomitee wurde in aller Eile organisiert, der Präsident desselben bestieg einen leeren Karren in der C-straße und versuchte der ungeduldigen und lärmenden Menge begreiflich zu machen, daß die übrigen Mitglieder des Komitees aus Leibeskräften arbeiteten, und daß noch vor Ablauf einer Stunde ein Bureau eingerichtet, Bücher aufgelegt, und das Komitee bereit sein werde, Beiträge anzunehmen. Seine Stimme wurde übertäubt, seine Mitteilung ging in einem unaufhörlichen Jubelgebrüll und dem Verlangen, daß das Geld sofort angenommen werden solle, verloren; die Leute waren wie rasend, sie wollten nicht warten. Der Präsident machte Vorstellungen und suchte zu beweisen, daß das nicht angehe; aber taub gegen alle Bitten drängte sich die Menge an den Wagen, in den sie Goldstücke regnen ließen, worauf alle wieder abtrabten, um noch mehr zu holen. Hände voll Geld erhoben sich aus dem Gedränge. Unterstützt von dieser beredten Gebärdensprache hofften viele sich einen Weg bahnen zu können. Selbst die Chinesen und Indianer wurden von der Aufregung angesteckt und warfen ihre halben Dollars in den Karren, ohne zu wissen oder sich darum zu kümmern, zu welchem Zwecke. Sauber gekleidete Frauen stürzten sich in das Gedränge, kämpften sich mit ihrem Gelde bis zum Karren durch und tauchten dann nach einer Weile mit jämmerlich zerzaustem Anzüge wieder aus der Menge hervor. Es war der wildeste Auflauf, den Virginia jemals gesehen; als zuletzt die Wut nachließ und alle auseinander gingen, hatte keiner mehr einen Pfennig in der Tasche. Um in der eigenen Sprache der Leute zu reden: mit vollem Sacke kamen sie, und ausgebeutelt gingen sie hinweg.

Nun begann das Komitee in systematischer Ordnung zu arbeiten und wochenlang flossen die Beiträge wie ein Strom in seine Kasse. Einzelne Personen und ganze Genossenschaften legten sich eine regelmäßige Steuer für den Sanitätsfonds auf, die sich nach ihren Mitteln abstufte; als aber der berühmte ›Sanitätsmehlsack‹ zu uns kam, gab es einen zweiten großen allgemeinen Ausbruch. Die Geschichte des Sackes ist eigentümlich und interessant. In der kleinen Stadt Austin am Reeseflusse war ein früherer Schulkamerad von mir, Namens Reuel Gridley, Kandidat der demokratischen Partei für die Bürgermeisterstelle. Er kam mit dem republikanischen Gegenkandidaten dahin überein, daß der Unterliegende von dem Sieger mit einem fünfzig Pfund schweren Mehlsack beschenkt werden und denselben auf seiner Schulter nach Hause tragen sollte. Gridley unterlag und erhielt den Mehlsack von dem neuerwählten Bürgermeister. Er lud ihn auf die Schulter und trug ihn gegen zwei Meilen weit von Nieder-Austin nach Ober-Austin, begleitet von einem Musikchor und der ganzen Bevölkerung. Bei seiner Ankunft erklärte er, er brauche das Mehl nicht und fragte, was er nach der Meinung des Volkes am besten damit anfangen könnte. Eine Stimme rief:

»Verkaufen Sie es an den Meistbietenden zu Gunsten des Sanitätsfonds!«

Der Vorschlag wurde ringsum mit lautem Beifall begrüßt, und Gridley stieg auf eine Kiste, um die Rolle eines Auktionators zu übernehmen. Die Gebote gingen rasch in die Höhe, als die Leute sich mehr und mehr für die Sache erwärmten, bis der Sack zuletzt einem Müller zu zweihundertfünfzig Dollars zugeschlagen und dessen Anweisung in Empfang genommen wurde. Man fragte ihn, wo er das Mehl abgeliefert haben wolle, worauf er erwiderte:

»Nirgends, verkauft es noch einmal.«

Jetzt brachen donnernde Jubelrufe los, und die Menge geriet ins richtige Feuer. So stand Gridley bis zum Sonnenuntergang schreiend und schwitzend da, und als die Masse auseinanderging, hatte er den Sack an dreihundert verschiedene Leute verkauft und achttausend Dollars in Gold dafür eingenommen. Und noch immer war der Mehlsack in seinem Besitze.

Als die Nachricht in Virginia eintraf, kam von dort ein Telegramm zurück:

»Schickt euern Mehlsack her.«

Sechsunddreißig Stunden darauf kam Gridley an; im Opernhause wurde eine Nachmittagsversammlung gehalten und die Auktion begann. Aber der Mehlsack war früher gekommen als man erwartete, die Leute waren noch nicht ordentlich ins Feuer geraten, und so schleppte sich der Verkauf matt hin. Bei Einbruch der Nacht hatte man erst fünftausend Dollars in Händen und es herrschte große Niedergeschlagenheit in der Gemeinde.

Indes war man nicht geneigt, die Sache damit ruhen zu lassen und dem Dorfe Austin den Sieg zuzuerkennen.

Bis spät in die Nacht hinein waren die vornehmsten Bürger am Werke, den Feldzug für den nächsten Tag vorzubereiten, und als sie zu Bett gingen, war ihnen wegen des Ergebnisses nicht mehr bange. Um elf Uhr am Vormittag fuhr ein langer Zug offener Wagen, begleitet von lärmenden Musikbanden und geschmückt mit wehenden Fahnen, die C-straße hinunter, wo sie bald in Gefahr gerieten, von einer Hurra rufenden Menschenmenge eingeschlossen und am Weiterkommen verhindert zu werden. Im ersten Wagen saß Gridley, welcher den mit goldenen Buchstaben verzierten und schön geschmückten Mehlsack so hielt, daß er recht ins Auge fiel, ferner der Bürgermeister und der Syndikus. Die anderen Wagen enthielten den Stadtrat, Redakteure und Berichterstatter und andere Leute von Ansehen und Bedeutung. Die Menge drängte nach der Ecke der C- und Taylorstraße, in der Erwartung, daß der Verkauf dort beginnen werde; allein sie täuschte sich und erlebte zugleich eine unaussprechliche Überraschung; die Kavalkade zog weiter, als käme Virginia überhaupt gar nicht mehr in Betracht und nahm ihren Weg auf die kleine Stadt Gold-Hill zu. Telegramme waren nach Gold-Hill, Silver-City und Dayton vorausgegangen, so daß deren Bevölkerung bereits in fieberhafter Erregung darauf wartete, sich ins Gefecht zu stürzen. Es war ein sehr heißer Tag und furchtbar staubig. Nach Verlauf einer kurzen halben Stunde stiegen wir unter Trommelschlag mit fliegenden Fahnen, von mächtigen Staubwolken umwallt, nach Gold-Hill hinab. Die ganze Bevölkerung, Männer, Weiber und Kinder, Chinesen und Indianer waren in der Hauptstraße versammelt, alle Flaggen der Stadt flatterten an den Masten und das Hurrarufen der Menge übertönte der Lärm der Musikbanden. Gridley erhob sich und fragte, wer auf den vaterländischen Sanitäts-Mehlsack das erste Gebot thun wolle. General W. erklärte: »Die Yellow-Jacket-Silberbergbaugesellschaft bietet tausend Dollars in Münze.«

Ein Beifallssturm folgte. Der Telegraph trug die Kunde nach Virginia, binnen fünfzehn Minuten war die ganze Einwohnerschaft auf der Straße versammelt und verschlang die Botschaft; es gehörte nämlich mit zum Programm, daß jeder Drahtbericht auf den Anschlagbrettern sofort bekannt gemacht wurde. Alle paar Minuten erschien ein neues von Gold-Hill her telegraphiertes Bulletin, und immer mehr wuchs die Aufregung. Nach Verlauf einer Stunde hatte die schwache Bevölkerung von Gold-Hill für den Mehlsack eine Summe gezahlt, welche Virginias höchste Begeisterung erweckte, als das Gesamtergebnis an den Plakatstellen zu lesen war. Nun rückte Gridleys Kavalkade weiter – erfrischt mit Strömen Lagerbiers, welches die Leute in verschwenderischem Maße an die Wagen brachten; nach weiteren drei Stunden hatte die Expedition Silver City und Dayton mit Sturm genommen und befand sich ruhmbedeckt auf dem Heimwege. Das alles war telegraphiert und veröffentlicht worden; als nun die Prozession um halb neun Uhr abends in Virginia einzog und die C-straße hinunterkam, war die ganze Bevölkerung auf den Straßen, Fackeln loderten, Flaggen wehten, Musikbanden spielten, Hurra auf Hurra erschütterte die Luft und die Stadt war bereit, sich auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Die Auktion begann; jedes Gebot wurde mit Beifallsausbrüchen begrüßt, und nach Verlauf von dritthalb Stunden hatte eine Bevölkerung von fünfzehntausend Seelen für einen fünfzig Pfund schweren Mehlsack eine Summe in Gold bezahlt, die in Staatsnoten fünfzigtausend Dollars betragen haben würde. Es kamen ungefähr drei Dollar auf jeden Kopf der Bevölkerung, Weiber und Kinder mitgerechnet. Das Gesamtergebnis würde zweimal so groß gewesen sein, aber die Straßen waren sehr schmal und Hunderte, die gerne mitgeboten hätten, konnten weder bis zum Platz des Auktionators gelangen, noch sich vernehmlich machen. Des Wartens überdrüssig gingen viele lange vor Schluß der Auktion wieder nach Hause. Dies war vielleicht der größte Tag, den Virginia jemals erlebte.

Gridley verkaufte den Sack in Carson City und in verschiedenen Kalifornischen Städten; dann nahm er ihn mit nach dem Osten und brachte ihn endlich nach St. Louis, wo ein Sanitätsbazar abgehalten und eine große Summe eingenommen wurde. Um die Begeisterung zu erhöhen, hatte man dort die aus Nevadas Schenkung erzeugten stattlichen Silberbarren ausgestellt. Zuletzt ließ Gridley das Mehl in kleine Kuchen backen, die er einzeln zu hohen Preisen verkaufte. Die Kosten seiner ungeheuren, mühevollen Expedition hatte der treffliche Mann wenn nicht ganz, so doch größtenteils aus eigener Tasche bezahlt.

Als die Mission des Mehlsacks beendet war, schätzte man die Gesamtsumme, für die derselbe verkauft war, auf hundertfünfzigtausend Dollars in Papier. Dies ist wahrscheinlich der einzige Fall, den die Geschichte verzeichnet, in welchem gewöhnliches Brotmehl auf offenem Markte zu dreitausend Dollars das Pfund verkauft worden ist.

*

Bevor ich diesen Teil meiner Erinnerungen beschließe, will ich noch einer kleinen Episode gedenken. Dieselbe betrifft

meine erste Begegnung mit Artemus Ward.

Dieser berühmte, jetzt verstorbene Komiker und Humorist bereiste damals, als ich in Virginia City Redakteur war, die Städte im fernen Westen, um Vorlesungen zu halten, und kam bei dieser Gelegenheit auch in die genannte Stadt. Ich hatte ihn noch nie gesehen. Er brachte mir Empfehlungsbriefe von gemeinsamen Freunden in San Francisco und lud mich ein, mit ihm zu frühstücken. Im Bereich der Silberminen galt es fast als eine heilige Pflicht, vor solcher Mahlzeit einen Whiskey-Cocktail zu trinken. Mit echt kosmopolitischer Gesinnung pflegte sich Artemus stets nach den Sitten des Landes zu richten, in welchem er sich gerade befand; so bestellte er denn auch jetzt drei von den abscheulichen Schnäpsen, Higston, sein Reisebegleiter, war auch zugegen. Ich sagte, ich wolle lieber keinen Whiskey trinken, er würde mir zu sehr zu Kopfe steigen und mich in zehn Minuten so verdreht machen, daß ich keinen klaren Gedanken mehr fassen könne. Mich vor Fremden wie ein Verrückter zu gebärden, sei nicht nach meinem Sinn. Auf Artemus Wards freundliches Zureden trank ich aber dennoch das tückische Gebräu, obgleich mit Widerstreben und in dem Bewußtsein, daß ich etwas thue, was mich alsbald reuen würde.

In kürzester Frist kam es mir vor, als umnebelten sich meine Sinne. Ich wartete daher mit großer Angst auf den Beginn der Unterhaltung und hoffte im stillen, daß sich meine Befürchtung als unbegründet erweisen und ich doch noch bei Verstande sein würde.

Artemus ließ zuerst einige unbedeutende Bemerkungen fallen, nahm dann eine ganz übermenschlich ernste Miene an und hielt folgende erstaunliche Rede:

»Noch etwas möchte ich Sie zuvörderst fragen, ehe ich es vergesse. Sie sind nun schon zwei oder drei Jahre hier in Nevada, im Silberland, und Ihre Stellung bei der Tagespresse hat es natürlich mit sich gebracht, daß Sie in die Bergwerke eingefahren sind, um sich über alle Einzelheiten zu unterrichten; der ganze Silberbergbau wird Ihnen daher genau bekannt sein. Was ich nun gerne wissen möchte, ist – wie die Erzlager eigentlich beschaffen sind. Ich fasse es zum Beispiel so auf – die Ader, welche das Silber enthält, liegt zwischen zwei Granitschichten eingeschlossen, wie das Fleisch in einer belegten Buttersemmel; sie läuft im Erdboden weiter, erstreckt sich aufwärts und ragt in die Höhe wie ein Meilenstein. Nehmen wir nun an, die Ader hätte eine Mächtigkeit – sagen wir – von vierzig Fuß oder achtzig oder auch meinetwegen hundert – und Sie führten einen Schacht senkrecht darauf hinab, oder gingen mit Hilfe eines Stollens, wie man's nennt, hinunter bis zu einer Tiefe von fünfhundert Fuß oder auch nur zweihundert Fuß, wenn Sie wollen, aber jedenfalls tief hinab – nun wird die Ader immer schmaler, wo die sie einschließenden Granitschichten dichter beisammen sind oder sich einander nähern, wenn man's so ausdrücken will – das heißt, wenn sie wirklich näher zusammenrücken, was natürlich nicht immer der Fall ist, besonders nicht an Stellen, wo sie der ganzen Natur der Formation nach weiter auseinander gehen als anderwärts, wofür die Geologie bisher vergebens eine Erklärung gesucht hat, obwohl in dieser Wissenschaft alles auf den Beweis hinausläuft, daß bei gleichen Verhältnissen es so sein würde, wenn es nicht wäre, und gewiß nicht so sein würde, wenn es wäre – und dann sind sie es natürlich. Ist das nicht auch Ihre Meinung?«

Ich dachte bei mir selbst:

»Also richtig – ich wußte ja, daß es so kommen würde. Der Whiskey hat mich ganz benebelt und keine Auster ist jetzt so schwer von Begriffen wie ich.«

Dann sagte ich laut:

»Ich – ich – vielleicht – wenn es Ihnen nicht zu viel Mühe macht – hätten Sie wohl die Güte – das noch einmal zu sagen. Ich sollte freilich –«

»O gewiß, mit Vergnügen. Sie sehen, ich bin mit dem Gegenstande gar nicht vertraut und drücke mich daher viel zu undeutlich aus, – aber ich –«

»Nein, nein – o nein – Sie haben die Sache völlig klar auseinandergesetzt, aber, wissen Sie, der Whiskey macht mich etwas verwirrt. Ich verstehe Sie ja im übrigen ganz gut, wenn Sie mir aber die Sache noch einmal vortragen wollten, würde es mir am Ende doch begreiflich werden – diesmal will ich besser acht geben.«

»Das, worauf es mir ankommt,« sagte er, »ist einfach Folgendes: (Er sprach jetzt mit noch weit größerem Nachdruck und betonte die einzelnen Punkte ganz besonders, indem er sie an den Fingern herzählte.) Diese Ader, dieser Streifen, diese Schicht oder wie Sie es nennen wollen, liegt zwischen zwei Lagern von Granit, wie das Fleisch zwischen den beiden Hälften der Buttersemmel. So weit gut. Nun gehen Sie senkrecht hinunter, volle tausend Fuß, vielleicht sogar zwölfhundert Fuß, – darauf kommt es wirklich nicht an – ehe Sie den Stollen hineintreiben, einige Gänge quer über die Ader, andere in Längsrichtung, wo die Sulfurate – ich glaube, man nennt sie Sulfurate, obgleich ich nicht recht weiß, warum man es thut, in Anbetracht dessen, daß, worauf es dem Bergmann hauptsächlich ankommt, nicht so liegt, wie einige behaupten, ohne doch völlig beweisen zu können, daß sie nicht weiterlaufen, solange noch eine Spur oder ein Bruchstück desselben Erzes weder hier noch dort in gleicher Weise enthalten ist; wogegen unter andern Umständen selbst die Unerfahrensten unter uns es nicht entdecken könnten, wenn es wäre, oder es möglicherweise übersehen, wenn es anginge oder den bloßen Gedanken daran mit Hohn zurückweisen würden, wenn man es ihnen auch noch so handgreiflich als solches vor Augen stellte. Habe ich nicht recht?«

Ich sagte mit trübseliger Miene: »Wirklich, Herr Ward, ich muß mich vor mir selber schämen; ich weiß, ich sollte eigentlich alles verstehen, was Sie sagen, aber der abscheuliche Whiskey ist mir so in den Kopf gestiegen, daß jetzt der einfachste Satz über mein Verständnis geht. Ich habe es Ihnen ja vorausgesagt.«

»O, nicht doch, nicht doch – es liegt höchst wahrscheinlich einzig und allein an mir – zwar habe ich lange darüber nachgedacht und glaubte es klar genug –«

»Verlieren Sie, bitte, kein Wort darüber. Sie haben es so anschaulich dargestellt, daß es jedem sonnenklar einleuchten müßte, der nicht mit Blödsinn behaftet ist. Nur der verwünschte Whiskey ist an allem schuld.«

»Bewahre, wo denken Sie hin. Ich will noch einmal ganz von vorn anfangen und Sie werden sehen –«

»Ums Himmels Wille, thun Sie das doch ja nicht; ich sage Ihnen, mein Kopf ist in solcher Verfassung, daß ich nicht auf die einfachste Frage Bescheid geben könnte, die man an mich richtet.«

»Seien Sie ganz unbesorgt. Diesmal will ich es so schlicht und deutlich ausdrücken, daß Sie gar nicht umhin können, zu verstehen, was ich meine. Fangen wir ganz von Anfang an.« (Er lehnte sich über den Tisch zu mir herüber, in seinen Mienen war der felsenfeste Vorsatz zu lesen, sich verständlich zu machen, und er hielt den Finger bereit, um seinen Worten beim Aufzählen jedes einzelnen Punktes noch besonderen Nachdruck zu verleihen. Ich selbst beugte mich in peinlicher Erregung weit vor, entschlossen, ihn zu begreifen, oder zu Grunde zu gehen.)

»Sie wissen, daß die Ader, die Schicht, das Ding, welches das Metall enthält, dadurch zum Medium aller andern Kräfte wird, der zunächstliegenden wie der entferntesten Wirkungen, die so beschaffen sind, daß sie die ersteren zu Gunsten der letzteren, oder die letzteren gegen die ersteren, oder alle oder beide beeinflussen, sofern es den relativen Unterschied betrifft, der innerhalb des Radius besteht, von dem aus die verschiedenen Grade der Ähnlichkeit sich entwickeln, in welchen –«

»Hol' der Henker meinen Blechschädel,« fuhr ich heraus, »ich mag mich anstrengen wie ich will – aber ich verstehe nicht das Geringste. Je klarer Sie mir die Sache auseinander setzen, um so weniger begreife ich, worauf Sie hinauswollen.«

Jetzt hörte ich ein verdächtiges Geräusch hinter mir und als ich mich rasch umwandte, sah ich gerade noch, wie Hingston sich hinter ein Zeitungsblatt duckte und vor Lachen bersten wollte. Ich blickte wieder nach Ward hin – seine feierliche Miene war verschwunden und er lachte gleichfalls.

Da merkte ich, daß er mir einen Streich gespielt hatte, daß ich das Opfer eines Schwindels geworden war. Seine Rede bestand aus einer Reihe an einander gefädelter Sätze, die einzeln ganz verständlich klangen, aber im Zusammenhang auf der Gotteswelt keinen Sinn hatten.

Artemus Ward war einer der besten und umgänglichsten Menschen unter der Sonne. Man behauptet, er habe keine fließende Unterhaltung führen können, aber, wenn ich an obiges Erlebnis zurückdenke, bin ich anderer Meinung.

Lehr- und Wanderjahre.

IV.

Im Gold- und Silberland.

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