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Im Gold- und Silberland

Mark Twain: Im Gold- und Silberland - Kapitel 24
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authorMark Twain
titleIm Gold- und Silberland
publisherRobert Lutz
seriesLehr- und Wanderjahre
volumeDritter Teil
printrunFünfundzwanzigste Auflage
translatorMargarete Jacobi / L. Ottmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Mein Gehalt wurde auf vierzig Dollars die Woche erhöht, aber ich ließ ihn mir selten auszahlen. Ich hatte eine Menge anderer Hilfsquellen; und was bedeuteten zwei Zwanzig-Dollarstücke für einen Mann, der die Tasche voll von solchen Dingern und zugleich blanke Halbdollarstücke in Überfülle hatte? Das Berichterstatten war einträglich, und in der ganzen Stadt war jedermann freigebig mit seinem Geld und seinen ›Fuß‹. Die Stadt und der ganze große Bergabhang war von Schachten durchlöchert wie ein Sieb. Es gab mehr Bergwerke als Bergleute. Allerdings lieferten kaum zehn von diesen Bergwerken Erze, die es verlohnt hätte, nach einem Pochwerk zu schaffen, aber jedermann sagte: »Wartet nur, bis der Schacht so weit hinunter kommt, daß die Ader gediegen wird, dann werdet ihr schon sehen!« So war kein Mensch mutlos. Die Gruben waren fast sämtlich taub und ohne allen Gehalt, über das glaubte damals kein Mensch. Jedermann war fest überzeugt, daß seine kleine taube Parzelle ebensogut an der ›Hauptader‹ sei, wie die ergiebigsten Combstockgruben, und unfehlbar tausend Dollars wert sein werde, sobald der Schacht ›aufs Gediegene komme‹. Die armen Kerls! Sie sollten diesen Tag nie erleben, und es war nur gut, daß sie blind dagegen waren.

So bohrten sich die tausend tauben Schachte Tag für Tag immer tiefer in die Erde, und jedermann war außer sich vor Hoffnung und Glück. Wie sie arbeiteten, prophezeiten, jubelten! Wahrlich, seit die Welt stand, hatte man etwas Ähnliches nicht erlebt. Von diesen Bergwerken – oder vielmehr diesen Löchern über eingebildeten Bergwerken – war ein jedes gesetzlich eingetragen und hatte hübsch mit Illustrationen verzierte Kuxe, und diese Kuxe waren verkäuflich. Mit fieberhafter Gier wurden dieselben Tag für Tag in den Maklerbanken verkauft und gekauft. Man konnte oben am Berge ein bißchen herumscharren, bis man einen Erzgang fand (es war kein Mangel daran), dann eine ›Bekanntmachung‹ mit einem prahlerischen Namen aufstecken, sich ›Anteilscheine‹ drucken lassen und ohne den mindesten greifbaren Beweis dafür, daß die betreffende Grube auch nur einen Pfifferling wert sei, das Papier auf den Markt bringen, wo es für Hunderte, ja Tausende von Dollars verkauft wurde. Geld zu machen, und zwar im Fluge, kostete nicht mehr Mühe, als ein Mittagsmahl zu verzehren. Jedermann besaß ›Fuß‹ in fünfzig verschiedenen tauben Gruben und betrachtete sich als reich. Man denke sich eine Stadt, in der es nicht einen einzigen armen Mann giebt. Man sollte meinen, als Monat auf Monat verging und immer noch keine einzige ›Wildkatzengrube‹ (so wurden alle nicht auf der Mutterader, d. h. der Combstock-Schicht, belegten Parzellen genannt) eine Tonne Erz geliefert hatte, die das Zerstampfen lohnte, die Leute hätten sich nachgerade gefragt, ob sie nicht am Ende doch zu fest an ihre vermeintlichen Reichtümer glaubten, – aber kein Gedanke daran. Sie wühlten die Erde weiter auf, kauften und verkauften und waren glücklich dabei.

Täglich wurden neue Stellen belegt und es herrschte dabei die freundliche Gepflogenheit, schnurstracks nach den Zeitungsredaktionen zu laufen, dem Berichterstatter vierzig oder fünfzig Fuß zu schenken, und ihn damit zur Besichtigung der Grube und zu einer Notiz über dieselbe zu gewinnen. Was man darüber sagte, war ihnen ganz eins, wenn man nur etwas sagte. So sagten wir gewöhnlich mit ein paar Worten, die ›Anzeichen‹ seien gut, oder die Gesteinschicht sei sechs Fuß breit, oder der Fels sähe dem Combstock ähnlich, was auch der Fall war, nur war die Ähnlichkeit nicht so groß, daß man vor Verwunderung darüber auf den Rücken fiel. Versprach das Gestein einigermaßen etwas, so folgten wir der Landesitte, brauchten starke Eigenschaftswörter und priesen dieses Wunder auf dem Gebiete der Silberentdeckung dermaßen, daß uns der Schaum vor den Mund trat. War die Grube schon abgeteuft und bearbeitet, ohne brauchbares Erz aufzuweisen (natürlich war überhaupt kein solches darinnen), so lobten wir den Stollen, über den wir in den höchsten Tönen faselten, ohne aber ein Wort über das Gestein selbst zu verlieren. Oder wir verschwendeten auch eine halbe Spalte voll Lobeserhebungen auf einen Schacht oder ein neues Drahtseil u. dgl., oder auch auf ›das vornehme und thatkräftige Auftreten des Herrn Obersteigers der Grube‹, wiederum ohne über das Gestein die leiseste Silbe zu verlieren; und doch waren jene Leute stets froh, stets befriedigt. Gelegentlich flickten oder lackierten wir unsern Ruf verständiger Prüfung und ernster, höchst genauer Beschreibung dadurch, daß wir für irgend eine alte aufgegebene Parzelle in die Trompete stießen, daß ihr die dürren Knochen hätten rasseln sollen, und dann pflegte irgend jemand dieselbe zu nehmen und sie auf die ihr so verschaffte vergängliche Berühmtheit hin zu verkaufen. Nichts, was die Gestalt einer Bergwerkparzelle trug, war unverkäuflich. Wir bekamen Tag für Tag Geschenke von ›Fuß‹. Brauchten wir hundert Dollars oder so etwas, so verkauften wir ein paar davon; wo nicht, so speicherten wir sie auf, überzeugt, daß sie einst tausend Dollars der Fuß wert werden mußten. Ich hatte meinen Koffer beinahe halb voll von Kuxen. Wenn eine Parzelle Aufsehen auf dem Markte erregte und hoch hinaufging, suchte ich mein Paket durch und sah nach, ob ich von den betreffenden Kuxen etwas hatte; gewöhnlich fand ich auch, was ich suchte.

Ich hatte aber nicht bloß als Gegenleistung für Zeitungsnotizen meine Kuxe geschenkt erhalten. Jedermann trug alle Taschen voll davon, und es war damals geradezu Landessitte, ungebeten kleine Quantitäten an seine Freunde zu verschenken, wie man diesen sonst Obst oder Zigarren anbietet. Höchstens ein ›Danke schön‹ erwartete man dafür, und selbst dazu war man nicht gesetzlich verpflichtet. Flotte Zeiten in der That! Ich dachte, sie würden ewig dauern, aber ich hatte niemals viel von einem Propheten an mir.

Um zu zeigen, welch ein toller Geist in den Köpfen dieser Bergmannsgemeinde spukte, will ich bemerken, daß Parzellen sogar bei Kellerausgrabungen belegt wurden, wenn die Spitzhacke etwas bloßlegte, was einer Quarzader gleich sah. Und das waren nicht etwa Keller in den Vorstädten, sondern mitten im Herzen der Stadt; sofort wurden dann Anteilscheine ausgegeben und auf den Markt geworfen. Man kümmerte sich wenig darum, wem der Keller gehörte, die Ader gehörte dem Finder, und wenn sich nicht die Regierung der Vereinigten Staaten hineinmischte, die damals das Vorrecht auf Edelmetallgruben in Nevada besaß, so nahm man an, daß er wirklich das ausschließliche Recht habe, dieselbe auszubeuten. Nun stelle man sich vor, wie ein Fremder mitten unter den kostbaren Gewächsen unseres Vorgartens eine Stange mit der ›Bekanntmachung‹ aufpflanzt, daß er hier ein Stück Land zu einer Grube belegt habe, und in größter Seelenruhe sich anschickt, den Boden mit Hacke, Schaufel und Sprengpulver wüste zu legen! Das ist aber in Kalifornien häufig vorgekommen. Mitten in einer Hauptgeschäftsstraße Virginias belegte jemand eine Parzelle zu einer Grube und teufte einen Schacht darauf ab. Er gab mir hundert Fuß von derselben, die ich jedoch gegen einen feinen Anzug vertauschte, weil ich befürchtete, es könnte jemand in den Schacht fallen und uns auf Entschädigung verklagen. An einer anderen gleichfalls mitten in einer Straße belegten Parzelle war ich Miteigentümer; und um zu zeigen, wie einfältig die Menschen sein können, erwähne ich, daß die Kuxe der ›East India‹, wie die Grube hieß, sich ganz flott verkauften, obwohl ein alter Stollen unter der Parzelle hinlief, in dem sich jedermann ungehindert mit eigenen Augen überzeugen konnte, daß er keine Quarzschicht oder irgend etwas einer solchen nur von weitem Ähnliches berührte.

Eine Methode, plötzlich zu Reichtum zu gelangen, bestand darin, eine Wildkatzengrube zu ›salzen‹ und dann zu verkaufen, solange die Aufregung dauerte. Das Verfahren war einfach. Der Betreffende belegte eine wertlose Schicht, teufte einen Schacht darauf ab, kaufte eine Wagenladung von reichem Combstock-Erz, ließ einen Teil davon in den Schacht werfen und das Übrige daneben an der Oberfläche ausschütten. Dann zeigte er sein Besitztum einem Einfaltspinsel, der es ihm um hohen Preis abkaufte. Natürlich war jene Wagenladung reiches Erz alles, was das Opfer bei seinem Kaufe herausschlug.

Ein höchst merkwürdiger Fall von ›Salzung‹ war der, welcher bei der Grube ›Nord-Ophir‹ vorkam. Man behauptete, diese Ader sei eine entfernte Fortsetzung des eigentlichen ›Ophir‹, einer wertvollen Grube auf dem Combstock. Mehrere Tage sprach alle Welt von der reichen Ausbeute im ›Nord-Ophir‹. Es hieß, die Grube gebe vollständig reines Silber in gediegenen Klümpchen. Ich ging mit dem Besitzer an die Stelle und fand einen sechs bis acht Fuß tiefen Schacht und unten an dessen Sohle eine schlecht gesprengte Ader von dunklem, gelblichem, nichts versprechendem Gestein. Ebenso gut hätte man in einem Schleifstein Silber vermuten können. Wir holten eine Pfanne von dem Quark herauf und wuschen ihn in einer Pfütze aus und, wahrhaftig, in dem Bodensatze fanden wir ein halbes Dutzend runder Kügelchen von unzweifelhaftem, gediegenem Silber. Etwas derartiges hatte noch kein Mensch gehört; für die Wissenschaft war diese seltsame Neuigkeit ein völliges Rätsel. Die Anteilscheine stiegen auf fünfundsechzig Dollars für den Fuß und zu diesem Preise kaufte sich der weltberühmte Tragöde Kenn Buchanan einen bedeutenden Vorrat davon und beschloß wieder einmal – wie schon so oft – der Bühne zu entsagen. Auf einmal hieß es, die Grube sei ›gesalzen‹ worden, aber nicht etwa nach irgend einer abgedroschenen Methode, sondern in ungewöhnlich kecker, frecher, eigenartiger und schandbarer Weise. Man entdeckte nämlich auf einem der Klümpchen gediegenen Silbers Bruchstücke der Münzumschrift ›United States of America‹, und nun lag es klar am Tage, daß die Grube mit geschmolzenen Halbdollars ›gesalzen‹ worden war. Die so gewonnenen Klümpchen hatte man geschwärzt, bis sie gediegenem Silber im Urzustande glichen und sie dann mit dem losgesprengten Gestein auf dem Boden des Schachtes vermischt. Dies ist buchstäblich wahr. Natürlich fielen die Kuxe sofort auf Null und der Tragöde war ruiniert. Ohne diese Kalamität wäre Mc. Kean Buchanan uns für die Bühne verloren gegangen.

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