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Im Gold- und Silberland

Mark Twain: Im Gold- und Silberland - Kapitel 23
Quellenangabe
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authorMark Twain
titleIm Gold- und Silberland
publisherRobert Lutz
seriesLehr- und Wanderjahre
volumeDritter Teil
printrunFünfundzwanzigste Auflage
translatorMargarete Jacobi / L. Ottmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Sechs Monate, nachdem ich unter die Journalisten gegangen war, begann die große Zeit des Silberlandes, wo es ›flott herging‹, und diese dauerte in unvermindertem Glanze drei Jahre lang. Alle Schwierigkeit, die Spalten mit Lokalnachrichten zu füllen, war nun vorüber; man hatte nur seine liebe Not, wie man die Unmasse von Begebenheiten und Vorkommnissen, die jeden Tag in unser litterarisches Netz gingen, unterbringen sollte trotz der Vergrößerung des Formats. Virginia hatte sich zur lebhaftesten Stadt entwickelt, die es in Amerika je gegeben, wenn man ihr Alter und ihre Einwohnerzahl in Betracht zieht. Die Gehwege wimmelten von Menschen – und zwar dermaßen, daß es meist keine leichte Aufgabe war, durch die Menschenflut hindurchzukommen. Die Fahrstraßen waren nicht minder gedrängt voll von Quarzwagen, Frachtwagen und sonstigen Fuhrwerken in endlosem Zuge. Das Gedränge war derartig, daß kleine Gefährte oft eine halbe Stunde lang warten mußten, bis es ihnen gelang, über die Hauptstraße hinüberzukommen. Vergnügt strahlten alle Gesichter; eine fast wilde Anspannung sprach aus jedem Auge und erzählte von den Plänen zum Geldmachen, die in jedem Gehirn kochten, und von den hochgeschwellten Hoffnungen, die aller Herzen erfüllten. Geld gab es wie Sand am Meer. Jeder einzelne hielt sich für reich, und eine trübselige Miene war nirgends zu sehen. Es gab Milizkompagnien, Spritzenkompagnien, Musikchöre, Banken, Hotels, Theater, liederliche Tanzböden, ›Hurdy-Gurdy-Häuser‹ genannt, weit offenstehende Spielhöllen, politische Klubs, Bürgeraufzüge, Straßenkämpfe, Mordthaten, Leichenbeschauungen, Tumulte, alle fünfzehn Schritt eine Schnapsbrennerei, einen Gemeinderat mit einem Bürgermeister, einen Stadtvermesser, einen Stadtingenieur, einen Direktor des Feuerlöschwesens mit einem ersten, zweiten und dritten Assistenten, einen Polizeidirektor, einen Stadtmarschall und eine starke Polizistenschar, zwei Kollegien von Kuxmaklern, ein Dutzend Brauereien und ein halbes Dutzend Gefängnisse und Polizeistationen in voller Arbeit; auch sprach man davon, eine Kirche zu bauen. Der Aufschwung war großartig in jeglicher Beziehung. Mächtige feuerfeste Backsteinhäuser stiegen in den Hauptstraßen empor, und die hölzernen Vorstädte breiteten sich nach allen Richtungen aus. Für Bauplätze in der Stadt erzielte man ganz erstaunliche Preise.

Die große Combstock-Erzader, reich an Edelmetall, erstreckte sich von Norden nach Süden durch die ganze Länge der Stadt, und ihre sämtlichen Gruben standen im fleißigsten Betriebe. Eine einzige dieser letzteren beschäftigte sechshundertfünfundsiebzig Mann, und bei Wahlen hieß es stets: »wie die Gould & Curry-Grube stimmt, so stimmt die ganze Stadt.« Der Tagelohn der Arbeiter betrug vier bis sechs Dollars; sie arbeiteten in drei Schichten oder Abteilungen, und das Sprengen, Hacken und Schaufeln ging Tag und Nacht ohne Unterbrechung fort.

Die Stadt Virginia thronte königlich auf halber Höhe des steil ansteigenden Mount Davidson 7200 Fuß über dem Meeresspiegel und war in der klaren Atmosphäre Nevadas bis auf fünfzig Meilen sichtbar. Ihre Bevölkerung betrug 15,000 bis 18,000 Seelen, und den ganzen Tag über schwärmte die Hälfte dieser kleinen Armee gleich Bienen durch die Straßen, die andere Hälfte dagegen schwärmte hundert und aber hundert Fuß tief unter eben diesen Straßen in den Schachten und Stollen der Combstock-Erzschicht. Oft fühlten wir unsere Stühle beben, während der schwache Knall einer Sprengung aus den Eingeweiden der Erde unter der Redaktion heraufklang.

Der Bergabhang war so steil, daß die ganze Stadt schräg wie ein Dach daran hinaufging. Die Straßen bildeten sämtlich Terrassen, von denen eine immer vierzig bis fünfzig Fuß über der anderen lag. Es war ein mühseliges Klettern selbst in dieser dünnen Atmosphäre, wenn man von der D-straße nach der A-straße hinaufsteigen mußte, und man kam keuchend und außer Atem oben an. Dagegen brauchte man sich nur umzudrehen, um wie ein Pfeil wieder hinab zu stiegen. Die Luft war in dieser Höhe so dünn, daß einem das Blut stets durch die Haut zu dringen schien, und eine Stecknadelschramme ernstliche Sorgen machen konnte, weil leicht ein gefährlicher Rotlauf daraus entstand. Aber zur Entschädigung dafür waren Schußwunden wunderbar schnell geheilt, und so hatte man wenig Aussicht, sich durch einen Schuß, der dem Gegner nur durch beide Lungen ging, dauernde Genugthuung zu verschaffen; man konnte beinahe sicher annehmen, daß er vor Ablauf des Monats wieder auf dem Damm war und sich nach einem umsah und zwar nicht mit einem Opernglase.

Von Virginias hoher Lage aus überschaute man ein mächtiges, weitumfassendes Panorama von Bergzügen und Wüsten, und ob nun der Tag hell und bewölkt war, ob die Sonne auf- oder unterging oder am Zenith stammte, ob es Nacht war und der Mond am Himmel leuchtete, immer hatte man einen schönen, unvergeßlichen Anblick. Über uns ragte der Mount Davidson mit seiner grauen Kuppel empor, während vor und unter uns eine wildzerrissene Schlucht sich öffnete und ein düsteres Thor bildete, durch welches der Blick auf die mattgefärbte, von dem Silberfaden eines Flusses durchzogene Wüste fiel. Die Ufer des Flusses waren mit Bäumen eingefaßt, die sich in der meilenweiten Entfernung nur wie eine zarte Franse ausnahmen. In noch weiterer Ferne erhoben die beschneiten Berge ihre langgezogene Schranke bis zum nebeligen Horizont hin – jenseits eines Landsees, der in der Wüste wie eine vom Himmel gefallene Sonne flammte, obwohl auch er fünfzig Meilen entfernt lag. Man mochte aus seinem Fenster blicken, wohin man wollte, stets bot sich ein bezauberndes Bild. Selten, sehr selten kam es vor, daß Wolken am Himmel standen, dann aber vergoldete, rötete und verklärte die sinkende Sonne dieses weitausgedehnte Landschaftsbild unfeiner geradezu verwirrenden Farbenpracht, welche das Auge wie mit Zaubergewalt fesselte und die Seele wie Musik ergriff.

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