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Im Gold- und Silberland

Mark Twain: Im Gold- und Silberland - Kapitel 20
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authorMark Twain
titleIm Gold- und Silberland
publisherRobert Lutz
seriesLehr- und Wanderjahre
volumeDritter Teil
printrunFünfundzwanzigste Auflage
translatorMargarete Jacobi / L. Ottmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Neunzehntes Kapitel.

Ich komme jetzt zu einer seltsamen Episode – der seltsamsten, wie mir scheint, die ich bisher in meinem trägen, unnützen und sorglosen Lebenslauf zu verzeichnen gehabt. Gegen das obere Ende der Stadt zu besaß eine der ›Weite Westen‹ genannte Gesellschaft ein aller Welt bekanntes Quarzlager, aus dessen Schacht Gestein von ziemlich gutem, wenn auch keineswegs außerordentlichem Silbergehalte gefördert wurde. Ich bemerke hier, daß, während dem unerfahrenen Fremden aller Quarz aus einem bestimmten Bezirke gleichartig vorkommt, ein alter Ansässiger jeden Brocken Gestein von dem andern unterscheiden und mit größter Leichtigkeit sagen kann, aus welcher Grube derselbe stammt.

Eine ungewöhnliche Aufregung machte sich plötzlich in der Stadt bemerkbar. Der ›Weite Westen‹ war auf eine reiche Ader gestoßen. Jedermann wollte sich die neue Entwicklung der Dinge ansehen und mehrere Tage lang drängte man sich um den Schacht wie zu einer Volksversammlung. Man sprach, man dachte und träumte von nichts anderem mehr, als von dem reichen Funde. Ein jeder nahm sich eine Probe mit, die er im Mörser zerstampfte und in seinem Hornlöffel ausspülte, und stierte dann sprachlos das wunderbare Ergebnis an. Es war schwarzes, verwittertes, bröckeliges Zeug, das, wenn es auf ein Papier gelegt wurde, eine starke Beimischung von Gold und gediegenen Silberteilchen aufwies. Higbie brachte eine Handvoll davon in die Hütte mit, und als er es ausgewaschen hatte, spottete sein Staunen jeder Beschreibung. Die Kuxe des ›Weiten Westens‹ stiegen wie auf Adlerflügeln in die Höhe. Wiederholt seien tausend Dollars für den Fuß geboten worden, sagte man, aber ganz vergebens. Ich war tief unglücklich; die Welt kam mir hohl, das Dasein erbärmlich vor. Ich verlor den Appetit und nahm an nichts mehr Anteil. Trotzdem mußte ich Ärmster dableiben, um den Jubel der andern mit anzuhören, weil ich lein Geld hatte um fortzukommen. Dem Wegtragen von ›Proben‹ setzte die Gesellschaft bald ein Ziel, und mit Recht; denn von dem Erz hatte jede Handvoll einen erheblichen Wert. Dasselbe wurde ganz wie es aus dem Schachte kam zu einem Dollar per Pfund verkauft und hundertfünfzig Meilen weit über das Gebirge auf Maultieren nach San Francisco geschafft, und dabei rechnete der Käufer noch auf ein gutes Geschäft. Der Faktor erhielt strengen Befehl, außer den eigenen Arbeitern keinem Menschen unter irgend welchen Umständen das Einfahren in die Grube zu gestatten. Ich verblieb bei meinen schwarzen Träumereien, während Higbie ebenfalls fortwährend seinen eigenen Gedanken nachhing; diese waren aber anderer Art. Er grübelte hin und her über das Gestein, prüfte es mit einem Vergrößerungsglase, untersuchte es bei verschiedenem Lichte und von verschiedenen Gesichtspunkten, um nach jedem Versuche im Selbstgespräch stets dieselbe Meinung in der immer gleichen Formel kundzugeben:

»Das ist kein Gestein aus dem ›Weiten Westen!‹«

Um seiner Sache sicher zu sein, war er entschlossen, einen Blick in den Schacht zu thun, und sollte ihm dafür der Garaus gemacht werden. Mir in meiner Niedergeschlagenheit war es einerlei, ob er einen Einblick bekam oder nicht. Nach mehrmaligen vergeblichen, halsbrechenden Versuchen kroch er schließlich auf Händen und Füßen bis an den Rand des Schachts, ergriff, nachdem er schnell um sich geblickt, das Seil und glitt daran in die Tiefe. Als er unten eben im Dunkel eines Seitenganges verschwand, erschien oben am Schachtloch jemand mit dem Rufe: »Hallo!«, er antwortete jedoch nicht und blieb nun ungestört. Nach einer Stunde trat er in die Hütte, glühend heiß und beinahe platzend vor unterdrückter Aufregung.

»Ich wußte es ja! Wir sind reiche Leute! Es ist ein blinder Gang!« rief er in theatralischem Flüsterton.

Mir war, als wankte die Erde unter mir – Zweifel – Überzeugung – wiederum Zweifel – Jubel – Hoffnung, Staunen, Glaube, Unglaube, alle denkbaren Empfindungen schossen mir in tollem Wirbel durch Herz und Kopf, und ich war keines Wortes mächtig. Nachdem dieser geistige Erregungszustand kurze Zeit gedauert hatte, rüttelte ich mich zurecht und sagte:

»Sagen Sie es noch einmal.«

»Es ist ein blinder Gang.«

»Donner und Dona. Es ist zum verrückt werden. Ich möchte gleich unser Haus anzünden – oder jemand totschlagen! Wir wollen hinausgehen, wo Platz genug ist, um Hurra zu schreien! Aber, wozu? Es ist viel zu schön, um wahr zu sein!«

»Es ist ein blinder Gang – wette um eine Million! Hängende Wand – Fußwand – Thonumhüllung – alles, was dazu gehört!«

Er schwenkte seinen Hut und stieß ein dreimaliges Freudengeschrei aus; ich schickte nun meine Zweifel gleichfalls in alle Winde und stimmte aus Leibeskräften mit ein; ich war ja Millionär und scherte mich um keinen Teufel mehr.

Unter einem ›blinden Gang‹ versteht man eine Gesteinsschicht oder Ader, welche nicht zu Tage tritt, auf die man aber beim Treiben eines Stollens oder beim Senken eines Schachts oft zufällig stößt. Higbie kannte das Gestein des ›Weiten Westens‹ so genau, daß er bei jeder Prüfung der neuen Ausgrabungen fester zu der Überzeugung gelangte, daß dieses Erz nicht aus der Ader des ›Weiten Westens‹ stammen könne. So war er allein auf den Gedanken gekommen, daß unten im Schacht ein blinder Gang laufe und daß die Leute vom ›Weiten Westen‹ dies selbst nicht ahnten. Er hatte recht. Unten im Schacht fand er, daß der blinde Gang ohne Zusammenhang mit der Ader des ›Weiten Westens‹ diagonal durch diese durchging und seine eigene Umhüllung von Gestein und Thon hatte. Folglich war er öffentliches Eigentum. Da die beiden Erzschichten vollständig von einander abgegrenzt waren, konnte jeder Bergmann leicht unterscheiden, welche zum ›Weiten Westen‹ gehöre und welche nicht. Wir hielten es für zweckmäßig, uns einen einflußreichen Freund zu sichern und holten deshalb noch in jener Nacht den Faktor des Metten Westens' in unsere Hütte, um ihm die große Überraschung zu offenbaren. Higbie sagte:

»Wir werden von diesem blinden Gange Besitz nehmen; unser Eigentumsrecht feststellen und eintragen lassen und dann der Gesellschaft vom ›Weiten Westen‹ die weitere Ausbeutung von Erzen in diesem Gange untersagen. Sie können Ihrer Gesellschaft in dieser Angelegenheit nicht helfen, niemand kann ihr helfen. Ich werde mit Ihnen in den Schacht anfahren und Ihnen in überzeugender Weise darthun, daß es wirklich ein blinder Gang ist. Nun schlagen wir Ihnen vor: wir nehmen Sie zum Teilhaber an und belegen den blinden Gang im Namen von uns dreien. Was sagen Sie dazu?«

Was sollte jemand sagen, dem eine Gelegenheit geboten wurde, bei der er nur die Hand auszustrecken brauchte, um sich ein Vermögen zu verschaffen, ohne das Geringste zu wagen und ohne jemand unrecht zu thun oder seinen Namen mit dem geringsten Flecken zu verunehren? Er konnte nur sagen: ›Einverstanden!‹

Noch dieselbe Nacht wurde unsere Bekanntmachung angeschlagen und vor zehn Uhr in das Buch des Syndikus eingetragen. Wir belegten jeder zweihundert Fuß, im ganzen sechshundert; das kleinste und doch wertvollste Grubenfeld im ganzen Bezirk, dessen Ausbeutung überdies am wenigsten Mühe machte.

Es wird wohl niemand so unverständig sein, zu glauben, wir hätten in jener Nacht geschlafen. Ich ging mit Higbie um Mitternacht zu Bett, aber nur, um völlig wach da zu liegen, zu träumen und Pläne zu machen. Die ungedielte baufällige Hütte wurde uns zum Palast, die zerrissenen grauen Wolldecken zu Seidenteppichen; in unserem Hausgerät sahen wir Rosenholz- und Mahagonimöbel. Bei jedem neuen Prachtstück, das an der Oberfläche meiner Zukunftsträume erschien, wälzte ich mich im Bette umher oder schnellte auf, wie von einer elektrischen Batterie getroffen. In abgerissenen Bruchstücken flog die Unterhaltung zwischen uns hin und her.

»Wann gehen Sie nach Hause – nach den Staaten?« ›Staaten‹ – die Staaten im Osten. fragte Higbie.

»Morgen!« schrie ich, während ich mich ein paarmal umdrehte und dann aufsetzte. »Na – nein, aber spätestens nächsten Monat.«

»Wir wollen mit demselben Dampfer gehen.«

»Einverstanden.«

Pause.

»Mit dem Dampfer vom Zehnten?«

»Ja – nein vom Ersten.«

»Ganz recht.«

Wieder eine Pause.

»Wo werden Sie sich später niederlassen?«

»In San Francisco.«

»Ganz mein Fall.«

Abermals eine Pause.

»Zu hoch, zu viel Kletterei!« sagte Higbie dann.

»Was ist zu hoch?«

»Ich dachte an den Russenhügel – wollte mir dort ein Haus bauen.«

»Zu viel Kletterei? werden Sie sich denn nicht Wagen und Pferde halten?«

»Ach natürlich; daran dachte ich nicht.«

Pause.

»Was für 'ne Art Haus wollen Sie sich bauen?«

»Dachte eben daran. Drei Stock hoch und ein Dachgeschoß.«

»Aber welches Material?«

»Ja nun, das Weiß ich noch nicht genau; vermutlich Backstein.«

»Backstein – Schnack.«

»Warum? Was meinen Sie denn?«

»Vorderseite brauner Sandstein – Fenster französisches Spiegelglas – Billardzimmer hinter dem Speisesaal, Bildsäulen und Gemälde – Grasplatz, zwei Morgen groß, und Strauchwerk dabei – Gewächshaus – ein eiserner Kandelaber am Fuß der Treppe – Schimmel – Landauer und ein Kutscher mit einer Kokarde am Hut.«

»Himmeldonnerwetter!«

Lange Pause, dann fragte ich Higbie:

»Wann gehen Sie nach Europa?«

»Je nun, daran hatte ich noch nicht gedacht. Wann gehen Sie?«

»Im Frühjahr.«

»Wollen den ganzen Sommer fort bleiben?«

»Den ganzen Sommer? Ich bleibe drei Jahre fort.«

»Nein – wirklich in allem Ernst?«

»Ei freilich.«

»Dann geh' ich mit.«

»Nun, natürlich gehen Sie mit.«

»Nach welchem Teil Europas gehen Sie?«

»Nach allen Teilen. Nach Frankreich, England, Deutschland – Spanien, Italien, der Schweiz, Syrien, Griechenland, Palästina, Arabien, Persien, Ägypten – allenthalben – überall hin.«

»Ich thue mit.«

»Recht so.«

»Das muß aber einen Prachtausflug geben!«

»Vierzig bis fünfzigtausend Dollars wollen wir dran rücken, damit es einer wird.«

Wieder große Pause.

»Higbie, wir sind dem Fleischer sechs Dollars schuldig und er hat gedroht, uns nichts mehr –«

»Zum Henker mit dem Fleischer!«

»Amen.«

Und so ging es fort. Um drei Uhr fanden wir, daß es mit dem Schlafen doch nichts sei; so standen wir auf, spielten Cabbage und schmauchten unsere Pfeifen, bis es hell wurde. Ich hatte diese Woche das Kochen zu besorgen. Das war mir stets zuwider gewesen – jetzt war es mir ein Greuel.

Die Kunde von unserem Glück hatte sich über die ganze Stadt verbreitet. War die Aufregung zuvor schon groß gewesen, so war sie jetzt noch größer. Froh und glücklich wandelte ich durch die Straßen. Ich hörte von Higbie, dem Faktor wären für sein Drittel an der Grube zweimalhunderttausend Dollars geboten worden. Ich versetzte darauf, zu solch einem Preis zu verkaufen, fiele mir auch nicht ein. Na hatte ich schon eine andere, höhere Vorstellung von der Sache. Mein Preis war eine Million. Und ich glaube erst noch allen Ernstes, hätte man mir diesen Preis geboten, es würde nur die Wirkung gehabt haben, daß ich meinen Anteil behalten hätte, um noch mehr dafür zu bekommen.

Ich fand ein großes Vergnügen daran, reich zu sein. Man bot mir ein Pferd für dreihundert Dollars an gegen ein einfaches Zahlungsversprechen meinerseits ohne jede Bürgschaft. Dies gab mir ein deutlicheres Gefühl als alles andere, daß ich wirklich und zweifellos ein reicher Mann sei. Zahlreiche Beweise ähnlicher Art kamen nach, unter denen ich die Thatsache hervorhebe, daß der Fleischer uns zweimal so viel lieferte als wir bestellten, ohne ein Wort von der Bezahlung zu reden.

Nach den im Bezirke geltenden Vorschriften waren diejenigen, welche eine Erzschicht belegten, oder in Anspruch nahmen, verpflichtet, auf ihrem neuen Eigentum binnen zehn Tagen vom Datum der Belegung ab ein ordentliches Stück Arbeit zu thun, andernfalls war das Eigentum verfallen und jeder, der wollte, konnte hingehen und es für sich nehmen. Wir beschlossen deshalb, den nächsten Tag ans Werk zu gehen. Im Lauf des Nachmittags begegnete ich einem Bekannten Namens Gardiner, der mir mitteilte, Kapitän John Nye liege auf seinem Gute gefährlich krank und seine Frau sei allein nicht im Stande, ihm die dringend erforderliche Pflege und Aufmerksamkeit zu widmen. Ich erklärte ihm, wenn er einen Augenblick warten wolle, so würde ich mitgehen, um bei der Pflege des Kranken zu helfen. Ich lief nach der Hütte, um es Higbie zu sagen. Dieser war nicht da, ich ließ deshalb auf dem Tisch einen Zettel für ihn zurück und fuhr ein paar Minuten darauf in Gardiners Wagen aus der Stadt.

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