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Im Gold- und Silberland

Mark Twain: Im Gold- und Silberland - Kapitel 19
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authorMark Twain
titleIm Gold- und Silberland
publisherRobert Lutz
seriesLehr- und Wanderjahre
volumeDritter Teil
printrunFünfundzwanzigste Auflage
translatorMargarete Jacobi / L. Ottmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Achtzehntes Kapitel.

Etwa um sieben Uhr an einem sengend heißen Morgen – es war jetzt Hochsommer – nahmen Higbie und ich das Boot und brachen zu einer Entdeckungsreise nach den beiden Inseln auf. Schon oft hatten wir uns danach gesehnt, uns jedoch durch die Furcht vor Stürmen abschrecken lassen; denn diese waren häufig und stark genug, um ein gewöhnliches Ruderboot wie das unsrige ohne große Schwierigkeit umzustürzen, und einmal umgeworfen, war selbst der tüchtigste Schwimmer dem Tode verfallen; denn das giftige Wasser hätte ihm wie Feuer die Augen ausgefressen und das Innere verbrannt, wenn die Flut über ihn ging. Man sagte, es sei in gerader Linie bis zu den Inseln zwölf Meilen weit – eine lange und heiße Ruderfahrt, aber der Morgen war so ruhig und sonnig und der See so glatt, so glashell und totenstill, daß wir der Versuchung nicht zu widerstehen vermochten.

So füllten wir denn zwei große Feldflaschen mit Wasser (wo die angeblich auf der großen Insel befindliche Quelle liege, wußten wir nicht) und brachen auf. Unter Higbies kräftiger Hand schoß das Boot rasch vorwärts; trotzdem hatten wir am Ziele das Gefühl, als hätten wir eher fünfzehn als zwölf Meilen weit gerudert.

Wir legten an der großen Insel an und stiegen ans Land. Als wir das Wasser in unseren Flaschen versuchten, war es durch die Sonne ungenießbar geworden. Wir gossen es aus und suchten nach der Quelle; denn der Durst nimmt rasch zu, sobald man nichts hat, um ihn zu löschen. Die Insel war ein langer, mäßig hoher Aschenhügel, nichts als Bimsstein und graue Asche, in die wir bei jedem Schritte knietief einsanken, und über den ganzen Kamm des Hügels zog sich eine dräuende Wand von versengten und verbrannten Felsen hin. Als wir von oben über diese Mauer hinabstiegen, fanden wir nichts als ein seichtes, ausgedehntes Becken, das mit Asche wie mit einem Teppich bedeckt war, aus welchem hie und da ein Fleckchen feinen, weißen Sandes hervorschaute. An einzelnen Stellen quollen malerische Dampfstrahlen aus Ritzen hervor, zum Beweise, daß, obwohl dieser alte Krater sich zur Ruhe gesetzt hatte, ihm doch das Feuer im Ofen noch nicht ganz ausgegangen war. Dicht bei einem dieser Dampfstrahlen stand der einzige Baum der Insel, eine kleine Fichte von zierlicher Gestalt und untadeligem Ebenmaß, die im saftigsten Grün erglänzte, denn der unaufhörlich durch ihre Zweige strömende Dampf hielt sie stets feucht. Sie stach so seltsam von ihrer toten, unheimlichen Umgebung ab, diese kräftige, schöne Verbannte, wie ein heiterer Geist in einem Trauerhause.

Wir suchten allenthalben nach der Quelle, wir durchschritten die ganze Länge der Insel (zwei bis drei Meilen) und gingen zweimal quer über dieselbe, geduldig Aschenhügel erklimmend, von denen wir auf der anderen Seite sitzend wieder hinabrutschten, wobei erstickende Wolken grauen Staubes aufgerührt wurden. Allein wir fanden nichts als Einsamkeit, Asche und beängstigendes Schweigen. Zuletzt bemerkten wir, daß sich ein Wind erhoben hatte, und nun vergaßen wir unsern Durst über einer Sorge von größerer Wichtigkeit, – da der See ruhig gewesen war, hatten wir uns keine Mühe gegeben, das Boot festzumachen. Wir eilten zu einem Punkte zurück, von dem aus man unseren Landungsplatz überschaute und siehe da – keine Worte vermögen unsern Schreck zu schildern: das Boot war weg. Ein zweites Boot gab es auf dem ganzen See nicht. Unsere Lage war keine behagliche, sie war vielmehr geradezu entsetzlich. Wir waren Gefangene auf einem öden Eilande, obendrein ganz nahe bei Freunden, die zur Zeit völlig außer stande waren, uns zu helfen. Die Vorstellung, daß wir weder Nahrung noch Wasser hatten, machte die Sache noch unbehaglicher. Aber bald erblickten wir das Boot. Etwa fünfzig Schritt vom Ufer trieb es langsam dahin, geschaukelt von schaumgekrönten Wellen. Es trieb und trieb immer weiter, aber stets in der gleichen Entfernung vom Lande. Wir hielten am Ufer immer Schritt mit ihm und warteten auf einen günstigen Zufall. Nach Verlauf einer Stunde näherte sich das Boot einem kleinen Vorgebirge; Higbie lief dorthin und stellte sich am äußersten Rande sprungbereit auf. Wenn es mißlang, war alle Hoffnung für uns dahin. Das Boot trieb jetzt stetig dem Strande zu, aber die Frage war, ob es auch nahe genug herantreiben würde, um es von jenem Punkte aus erreichen zu können. Als es Higbie bis auf dreißig Schritte nahe kam, glaubte ich vor Aufregung meinen eigenen Herzschlag zu hören. Während das Boot dann langsam heranschwamm und nur noch ein paar Schritte außer unserem Bereiche war, meinte ich, das Herz stehe mir still; wie es dann aber gar an ihm vorbeikam und davonzuschwimmen begann, und er selbst immer noch wie eine Bildsäule dastand, fühlte ich wirklich, daß mein Herz nicht mehr schlug. Aber im nächsten Augenblick that er einen großen Sprung, der ihn in das Hinterteil des Bootes brachte, und ich stieß ein Freudengeschrei aus, daß die Einöde weithin wiederhallte.

Es dämpfte meine Begeisterung freilich bedeutend, als er mir sagte, daß es ihm ganz gleichgültig gewesen wäre, ob das Boot auf Sprungweite herankam oder nicht; er würde einfach mit geschlossenem Mund und Augen die kurze Strecke durchschwommen haben. In meiner Dummheit hatte ich gar nicht daran gedacht, daß nur bei langem Schwimmen ernstliche Gefahr drohte.

Der See ging hoch und der Sturm nahm zu. Auch wurde es spät – drei oder vier Uhr nachmittags. Ob wir uns nach dem Festlande hin wagen sollten, war eine Frage von Wichtigkeit. Allein der Durst setzte uns dermaßen zu, daß wir uns zu dem Versuche entschlossen; und so machte sich Higbie ans Rudern, während ich das Steuer ergriff. Als wir mühsam eine Meile weit vorwärts gekommen waren, befanden wir uns augenscheinlich in Gefahr; denn der Sturm war viel heftiger geworden, die Wogen hatten Schaumkämme und gingen sehr hoch, der Himmel hing voll schwarzer Wolken, der Wind blies mit großer Wut. Wir wären jetzt umgekehrt, allein wir wagten das Boot nicht zu drehen, denn sobald es in die Tiefe zwischen zwei Wogen geriet, wäre es natürlich umgeschlagen. Unser einziges Heil lag darin, daß wir mit dem Bug gegen die Wellen steuerten. Bei dem fortwährenden Heben und Senken des Bootes war dies ein schweres Stück Arbeit. Wenn zuweilen eines der Ruder von einer Welle erfaßt wurde, und zur Seite geschlagen, so wurde das Boot durch das andere Ruder trotz meines mühsamen Steuerns halb herumgeworfen. Der Gischt durchnäßte uns fortwährend und das Boot schöpfte manchmal Wasser. Wie stark Higbie auch war, so erschöpfte ihn doch allmählich die Anstrengung und er hätte gern den Platz mit mir gewechselt, um ein wenig ausruhen zu können. Allein ich erklärte ihm, daß dies unmöglich sei, denn wurde das Steuer beim Wechseln der Plätze auch nur einen Augenblick los gelassen, so drehte sich das Boot im Kreise, geriet zwischen die Wellen, schlug um, und ehe fünf Minuten vergangen waren, hatten wir hundert Gallonen Lauge im Leibe, die uns so geschwind zerfressen hätte, daß wir nicht einmal bei unserer eigenen Leichenschau zugegen sein konnten.

Doch alles nimmt schließlich ein Ende. Gerade mit Einbruch der Nacht schossen wir, den Bug voran, ans Land. Higbie ließ sein Ruder fallen, um Hurra zu schreien und ich ließ das meine fallen um ihm dabei zu helfen; da gab der Sturm dem Boot einen Ruck und – pardauz – schlug es um!

Der Höllenschmerz, den das Alkaliwasser an Beulen, Abschürfungen und aufgerissenen Händen verursachte, war unaussprechlich und nur durch vollständiges Einsalben mit Fett zu lindern; aber trotzdem schmeckte uns Essen, Trinken und Schlaf ganz vortrefflich.

Unter den Eigentümlichkeiten des Monosees hätte ich erwähnen sollen, daß in gewissen Zwischenräumen am Rande desselben malerische, turmartige Massen und Gruppen von einem weißlichen, grobkörnigen Gestein stehen, das wie hartgetrockneter Mörtel aussieht. Bricht man ein Stück davon ab, so findet man im Innern der Masse vollkommen wohlgebildete, durch und durch versteinerte Seemöveneier eingelagert. Wie diese wohl dahin kommen? Ich erzähle einfach die Thatsache und überlasse es dem in der Geologie bewanderten Leser, die Nuß nach Belieben zu knacken und das Rätsel zu lösen, wie er will.

Nach einem mehrtägigen Ausflug in die Sierras, wo wir in einem kleinen See am Fuße des schneebedeckten Castle Peak fleißig Forellen angelten, kehrten wir zum Monosee zurück; da wir hier fanden, daß die Aufregung wegen Whitemans Zementgrube für diesmal vorüber war, packten wir auf und kehrten nach Esmeralda zurück. Herr Ballon rekognoszierte eine Weile; dann machte er sich, da ihm die Aussichten nicht gefielen, allein nach Humboldt auf.

In diese Zeit fällt ein kleines Ereignis, das stets ein gewisses Interesse für mich gehabt hat, weil es um ein Haar Anlaß zu meinem Begräbnis gegeben hätte. Zur Zeit eines drohenden Indianerangriffs hatte einer unserer Nachbarn sechs Dosen mit Flintenpulver in der Bratröhre eines alten, abgedankten Kochofens verborgen, der unter freiem Himmel in der Nähe eines Bretterschuppens stand; dies war später aber vollständig vergessen worden. Nun hatten wir uns, um die Wäsche zu besorgen, einen halbzahmen Indianer gemietet, der mit dem Waschzuber sein Quartier unter dem Schuppen aufschlug, während der alte Ofen auf sechs Fuß Entfernung von seiner Nase der Ruhe pflegte. Der Indianer kam schließlich auf den Gedanken, heißes Wasser würde besser sein als kaltes; er ging hinaus, machte Feuer unter dem vergessenen Pulvermagazin, stellte einen Kessel mit Wasser auf und kehrte an seinen Zuber zurück. Bald nachher trat ich in den Schuppen, warf noch mehr Wäsche hin und wollte eben etwas sagen, als der Ofen mit einem gewaltigen Krach aufflog und spurlos verschwand. Volle zweihundert Schritt davon fielen Bruchstücke desselben in den Straßen nieder. Fast ein Drittel des Schuppendachs über unseren Köpfen war zerstört; einer der Ofendeckel schnitt einen kleinen Pfosten vor den Augen des Indianers halb entzwei, sauste zwischen uns durch und schlug ein Loch in die Bretterverschalung. Ich war weiß wie eine Kalkwand, schwach wie ein Kind und keines Lautes mächtig. Der Indianer dagegen verriet weder Angst noch Schreck, nicht einmal Unbehagen. Er hörte einfach mit Waschen auf, beugte sich vor, um den reingefegten Boden einen Augenblick zu betrachten, und sagte dann: »Hm! verdammter Ofen – sehr viel weg!« – worauf er sein Geschäft so gelassen wieder aufnahm, als wäre das Aufstiegen bei Öfen etwas ganz Gewöhnliches.

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