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Im Gold- und Silberland

Mark Twain: Im Gold- und Silberland - Kapitel 17
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authorMark Twain
titleIm Gold- und Silberland
publisherRobert Lutz
seriesLehr- und Wanderjahre
volumeDritter Teil
printrunFünfundzwanzigste Auflage
translatorMargarete Jacobi / L. Ottmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Sechzehntes Kapitel.

Irgendwo in der Nachbarschaft des Monosees, nahm man an, müsse Whitemans wunderbare Zementgrube liegen. Alle Augenblicke hieß es, Whiteman sei in totenstiller Nacht verstohlen und in Verkleidung durch Esmeralda gekommen; dann gab es jedesmal eine tolle Aufregung, denn natürlich steuerte er seiner geheimnisvollen Grube zu und da galt es, ihm zu folgen. Kaum drei Stunden nach Tagesanbruch waren dann alle Pferde, Maultiere und Esel in der Nachbarschaft aufgekauft, geliehen oder gestohlen, und die halbe Ortsgemeinde befand sich auf Whitemans Spuren unterwegs nach den Bergen. Allein Whiteman pflegte sich tagelang wie zwecklos in den Bergschluchten herumzutreiben, bis den Bergleuten die Lebensmittel ausgingen und sie wieder nach Hause gehen mußten. Ich habe es erlebt, daß es um elf Uhr nachts in einem großen Bergmannslager hieß, Whiteman sei soeben vorbei gekommen, und daß schon zwei Stunden darauf die sonst so stillen Straßen von Menschen und Tieren wimmelten. Einer wie der andere bestrebte sich dann, die Sache recht geheim zu halten, flüsterte aber trotzdem wenigstens einem Nachbar zu, Whiteman sei durchgekommen. Und lange vor Tagesanbruch – das letztemal mitten im tiefen Winter – ging dann die Hetzjagd los, das Lager war verlassen und die gesamte Bevölkerung auf der Suche nach Whiteman.

Der Sage zufolge waren bei der ersten Einwanderung vor länger als zwanzig Jahren drei junge Deutsche, Brüder, nachdem sie auf der Ebene bei einem von Indianern angerichteten Gemetzel mit dem Leben davongekommen, zu Fuß durch die Wüste gewandert, und hatten in der Hoffnung, Kalifornien zu erreichen, bevor sie vor Hunger umkamen, einfach die Richtung nach Westen eingeschlagen. Als sie eines Tages in einer Bergschlucht ausruhten, bemerkte einer von ihnen eine eigentümliche Zementader, die mit Klumpen eines schmutziggelben Metalls wie gespickt war. Sie sahen, daß es Gold sei und daß sich hier an einem einzigen Tage ein Vermögen erwerben lasse. Die Ader war etwa so breit wie eine Trottoirplatte und reichlich zwei Drittel derselben bestand aus reinem Gold. Jedes Pfund des wunderbaren Zements hatte einen Wert von nahezu zweihundert Dollars. Die Brüder nahmen so viel mit als sie tragen konnten, verwischten alle Spuren der Ader, machten eine rohe Zeichnung von der Örtlichkeit und den Hauptmerkmalen ihrer Umgebung und brachen wieder nach Westen auf. Aber ihre Not wuchs. Auf ihren Irrfahrten fiel der eine Bruder und brach das Bein; die andern mußten ihn in der Wildnis sterben lassen. Der zweite gab ermüdet und von Hunger erschöpft bald nachher die weitere Wanderung auf und legte sich gleichfalls zum Sterben nieder. Der dritte erreichte nach zwei oder drei Wochen voll unglaublicher Entbehrungen, entkräftet, körperlich und gemütskrank, die Niederlassungen Kaliforniens. Seinen Zement hatte er bis auf ein paar Bruchstücke weggeworfen, aber diese genügten, um alle Welt in die tollste Aufregung zu versetzen. Er selbst wollte indes mit der Zementgegend nichts mehr zu schaffen haben und ließ sich nicht bewegen, jemand dorthin zu führen. Er war ganz zufrieden, als Taglöhner auf einer Farm arbeiten zu können. Jedoch überließ er Whiteman seine Zeichnung und beschrieb ihm die Zementregion so gut er es vermochte. Damit übertrug er den Fluch auf ihn – denn als ich Whiteman zufällig in Esmeralda einen Augenblick sah, hatte er der verlorenen Grube unter Hunger, Durst, Armut und Krankheit ganze zwölf oder dreizehn Jahre nachgespürt. Manche glaubten, er habe sie gefunden, die meisten waren aber entgegengesetzter Meinung. Ich sah ein Stück Zement, so groß wie meine Faust, das Whiteman von dem jungen Deutschen bekommen haben sollte, und das war in der That recht verführerischer Natur. Klumpen von Jungferngold saßen darin so dicht wie die Rosinen in einem Napfkuchen. Eine einzige Woche lang eine solche Grube ausbeuten zu dürfen, würde einem Menschen mit vernünftigen Wünschen genügen. Ein neuer Geschäftsfreund von uns, ein Herr Higbie, kannte Whiteman von Ansehen recht gut, und ein anderer von unseren Freunden, ein Herr van Dorn, war nicht nur mit ihm bekannt, sondern hatte auch das Versprechen von ihm bekommen, er solle zu rechter Zeit im stillen einen Wink erhalten, damit er sich der nächsten Zementexpedition anschließen könne. Diesen Wink hatte van Dorn versprochen auf uns auszudehnen. Eines Abends nun kam Higbie sehr aufgeregt herein und sagte, er glaube ganz sicher, daß er oben in der Stadt Whiteman erkannt habe; er sei verkleidet und stelle sich betrunken. Nach einem Weilchen traf van Dorn ebenfalls ein und bestätigte die Nachricht; wir versammelten uns nun in unserer Hütte, steckten die Köpfe zusammen und berieten flüsternd unsere Pläne.

Um kein Aufsehen zu erregen, sollten wir die Stadt nach Mitternacht in zwei oder drei kleineren Abteilungen ruhig verlassen und uns im Morgengrauen auf der Wasserscheide über dem Monosee, acht bis neun Meilen weit entfernt, treffen. Der Aufbruch sollte ganz geräuschlos vor sich gehen und unterwegs kein lautes Wort gesprochen werden. Diesmal, meinten wir, wisse man in der Stadt nichts von Whitemans Anwesenheit und ahne nichts von dessen Vorhaben. Um neun Uhr ging unser Konklave auseinander, worauf wir uns eifrig und in tiefem Geheimnis an die Vorbereitungen machten. Um elf Uhr sattelten wir unsere Pferde, banden sie mit ihren langen Riatas oder Lassos fest und brachten dann eine Speckseite und einen Sack Bohnen, ein Säckchen Kaffee, etwas Zucker, hundert Pfund Mehl in Säcken, ein paar Blechtassen, einen Kaffeetopf, eine Bratpfanne und einige sonstige notwendige Gegenstände herbei. Dies alles wurde dem Handpferd auf den Rücken geladen; wer aber das Packen nicht von einem spanischen Sachverständigen gelernt hat, soll nur alle Hoffnung aufgeben, es durch natürliches Geschick fertig zu bekommen. Higbie besaß wohl einige Erfahrung darin, aber ein Meister war er nicht. Nachdem er die Sachen auf dem Packsattel aufgeschichtet hatte, schnürte er sie mit dem Strick zusammen, machte hier und da einen Knoten und zog manchmal so fest an, daß dem Tier die Flanken einsanken und es nach Atem schnappte; dabei wurde jedesmal der Strick an einer anderen Stelle locker. Vollkommen brachten wir die Ladung nicht fest, schließlich mochte es aber doch zur Not gehen; so brachen wir denn auf, einer immer dicht hinter dem andern, ohne ein Wort zu sprechen. Es war eine dunkle Nacht. Wir hielten uns in der Mitte der Straße und schritten langsam an den Hüttenreihen vorüber; so oft einer der Bergleute unter seine Thür trat, zitterte ich vor Furcht, daß das Licht uns bescheinen und Neugier erregen könnte. Aber es ereignete sich nichts. Wir begannen den langen gewundenen Weg aus der Schlucht hinaufzusteigen; bald wurden die Hütten seltener und die Strecken zwischen ihnen immer länger, so daß ich schließlich etwas freier atmete und mir nicht mehr ganz wie ein Dieb und Mörder vorkam.

Ich ritt zu hinterst und führte das Packpferd. Als der Anstieg steiler wurde, wollte diesem seine Last nicht mehr behagen; manchmal versuchte es an seiner Riata zu zerren, so daß eine Verzögerung entstand. In der Finsternis verlor ich meine Gefährten aus den Augen. Ich wurde ängstlich und schmeichelte und drohte dem Gaul so lange, bis er zu traben anfing; allein jetzt erschreckte ihn das Klappern der Blechtassen und Pfannen und er setzte sich in Lauf. Da seine Riata um meinen Sattelknopf geschlungen war, riß er mich vom Sattel, worauf die beiden Tiere munter ohne mich weiter liefen. Doch blieb ich nicht allein – die locker gewordene Ladung des Packpferdes purzelte herunter und fiel dicht neben mich. Es war fast unmittelbar vor der letzten Hütte. Ein Bergmann trat heraus mit dem Ruf: »Holla«.

Ich war dreißig Schritt von ihm weg und wußte, daß er mich nicht sehen konnte, da es im Schatten des Berges sehr dunkel war. So blieb ich ruhig liegen. Ein zweiter Kopf erschien im Licht unter der Hüttenthür und bald schritten die beiden Leute auf mich zu. Zehn Schritt von mir blieben sie stehen und der eine machte: »Bst! Horch!«

Wäre ich vor den Dienern der Gerechtigkeit geflohen und ein Preis auf meinen Kopf gesetzt gewesen, ich hätte mich in keiner traurigeren Lage befinden können. Jetzt schien mir, daß die Leute sich auf einen Felsblock setzten, obwohl ich nicht genau zu unterscheiden vermochte, was sie thaten. Der eine sagte:

»Ich habe ein Geräusch vernommen, es war ganz deutlich. Dort herum muß es gewesen sein!«

Ein Stein sauste an meinem Kopfe vorbei. Ich drückte mich so flach in den Staub wie eine Postmarke und dachte bei mir, wenn er das nächstemal ein klein wenig besser ziele, könne er wohl noch ein Geräusch zu hören bekommen. In meinem Innern verfluchte ich jetzt die heimlichen Expeditionen. Dies sollte meine letzte sein, und hätten auch die Sierras so viele Zementadern, wie der menschliche Körper Rippen. Nun sagte der eine von den Männern:

»Ich will dir 'was sagen. Walch wußte, was er sagte, als er heute behauptete, er hätte Whiteman gesehen. Ich habe Pferde gehört – das war das Geräusch. Ich laufe spornstreichs hinunter zu Walch!«

Sie gingen, und ich war froh. Wohin sie gingen, war mir einerlei, wenn sie nur gingen. Mochten sie immerhin Walch aufsuchen; je eher, desto besser. Sobald sie die Thür der Hütte schlossen, tauchten meine Gefährten aus der Dunkelheit auf, sie hatten die Pferde aufgefangen und gewartet, bis die Luft rein war. Wir legten die Ladung dem Packpferd wieder auf und machten uns auf den Weg; mit Tagesanbruch erreichten wir die Wasserscheide und vereinigten uns mit van Dorn. Dann wanderten wir hinab in das Becken des Sees und hier fühlten wir uns sicher genug, um Halt zu machen und das Frühstück zu kochen, denn wir waren müde, schläfrig und hungrig. Drei Stunden darauf zog die ganze Bevölkerung von Esmeralda in langem Gänsemarsch über die Wasserscheide und verbreitete sich um den See herum, wo wir sie allmählich aus den Augen verloren.

Ob mein Unfall dies veranlaßt hatte oder nicht, haben wir nie erfahren, eins aber war sicher – das Geheimnis war heraus und Whiteman wollte sich diesmal auf das Suchen nach der Zementgrube nicht einlassen, was uns bitter verdroß.

Wir hielten Rat und beschlossen, aus unserm Mißgeschick den möglichsten Nutzen zu ziehen und eine Woche Ferien an den Ufern des seltsamen Sees zu verleben. Derselbe wird bald Mono, bald das ›Tote Meer von Kalifornien‹ genannt. Er ist einer der wunderlichsten Schrullen der Natur, aber kaum jemals schon in Büchern erwähnt und höchst selten besucht, weil er abseits von der gewöhnlichen Heerstraße liegt und überdies so schwer zu erreichen ist, daß meist nur Leute, die an die stärksten Strapazen gewöhnt sind, die Beschwerlichkeit eines Ausflugs dahin auf sich nehmen mögen.

Am Morgen des zweiten Tages zogen wir nach einer entfernten und besonders wildromantischen Stelle am Seeufer, wo ein Bach mit frischem, eiskaltem Wasser aus dem Berge hervorsprudelte und sich in den See ergoß, und schlugen dort ein regelrechtes Lager auf. Von dem zehn Meilen weiter weg wohnenden Besitzer eines einsamen Ranchos mieteten wir ein großes Boot und zwei Schrotflinten. An Behagen und Zerstreuung konnte es uns nun nicht fehlen und bald waren wir mit dem See und allen seinen Eigentümlichkeiten gründlich bekannt.

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