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Im Gold- und Silberland

Mark Twain: Im Gold- und Silberland - Kapitel 15
Quellenangabe
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authorMark Twain
titleIm Gold- und Silberland
publisherRobert Lutz
seriesLehr- und Wanderjahre
volumeDritter Teil
printrunFünfundzwanzigste Auflage
translatorMargarete Jacobi / L. Ottmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Vierzehntes Kapitel.

Als wir endlich nach Esmeralda abritten, bekam unsere Gesellschaft einen Zuwachs in der Person des Kapitäns John Nye, eines Bruders des Gouverneurs. Er hatte ein gutes Gedächtnis und die Zunge saß ihm am rechten Fleck; das sind Eigenschaften, welche der Unterhaltung ein ewiges Leben verleihen. Während der ganzen hundertzwanzig Meilen unserer Reise ließ der Kapitän das Gespräch nie matt werden oder stocken. Außer seiner Unterhaltungsgabe besaß er noch zwei ganz besondere Vorzüge. Der eine bestand in seiner außerordentlichen Anstelligkeit, die ihm zu allem und jedem Geschick verlieh, vom Abstecken einer Eisenbahn oder der Organisierung einer politischen Partei bis herab zum Annähen eines Knopfes, zum Beschlagen eines Pferdes, zum Einrichten eines gebrochenen Beins oder zum Setzen einer Henne. Der andere bestand in der Fähigkeit, sich jederzeit der Bedürfnisse, Verlegenheiten und Schwierigkeiten seiner Mitmenschen anzunehmen und mit bewunderungswürdiger Leichtigkeit und Geschwindigkeit Abhilfe zu schaffen, weshalb er stets leerstehende Betten in überfüllten Gasthäusern und eine Fülle von Vorräten in den leersten Speisekammern fand. Und endlich, wo er Mann, Weib oder Kind in einem Lager, einer Schenke oder mitten in der Wüste begegnete, immer kannte er entweder die Leute persönlich oder er war mit einem Verwandten derselben bekannt gewesen. Ein solcher Reisegefährte war uns bis dahin noch nicht vorgekommen.

Ich kann nicht unterlassen, hier eine Probe von der Art mitzuteilen, wie er Schwierigkeiten beseitigte. Am zweiten Reisetag langten wir sehr müde und hungrig vor einem kleinen ärmlichen Wirtshaus in der Wüste an, wo man uns sagte, das Haus sei voll, Lebensmittel seien nicht vorhanden, kein Heu oder Gerste für die Pferde da – wir müßten weiter gehen. Wir andern wollten eilig weiter, solange es noch hell war, da der Kapitän aber darauf bestand eine Weile Halt zu machen, stiegen wir ab und traten ein. Kein einziges Gesicht bot uns Willkommen. Der Kapitän ließ seine Zauberkünste spielen und hatte binnen zwanzig Minuten folgendes zustande gebracht: in drei Fuhrleuten alte Bekannte gefunden, entdeckt, daß er mit der Mutter des Wirts in die Schule gegangen, in dessen Frau eine Dame wieder erkannt, deren durchgegangenes Pferd er einst in Kalifornien aufgehalten und ihr dadurch das Leben gerettet hatte, einem Kinde sein zerbrochenes Spielzeug ausgebessert und damit die Gunst von dessen Mutter gewonnen, dem Hausknecht beim Aderlaß eines Pferdes geholfen, und einem andern Pferde, welches das Würgen hatte, etwas verschrieben, die ganze Gesellschaft dreimal am Schenktisch des Wirtes frei gehalten, eine neuere Zeitungsnummer, als irgend jemand sie seit einer Woche zu Gesicht bekommen hatte, zum Vorschein gebracht, sich hingesetzt und sie den höchst gespannten Zuhörern vorgelesen. Das Ergebnis aber war in Summa folgendes: Der Hausknecht fand Futter in Fülle für unsere Pferde, wir bekamen ein Abendessen von Forellen mit nachfolgender überaus gemütlicher Unterhaltung, wir erhielten gute Betten, fanden des andern Morgens ein überraschend feines Frühstück und bei unserm Abgang jammerte alle Welt, daß wir schon fort wollten. Der Kapitän hatte einige schlimme Eigenschaften, allein er besaß auch ungemein schätzenswerte Züge, die er dagegen in die Wagschale werfen konnte.

Esmeralda war in vielen Beziehungen ein zweites Humboldt, jedoch bereits etwas weiter entwickelt. Die Bergwerksanteile, für die wir Zuschüsse bezahlt hatten, waren völlig wertlos, wir gaben sie auf. Der bedeutendste lag auf einem Hügel von vierzehn Fuß Höhe, in den die schlauen Direktoren einen Stollen trieben, um auf die silberhaltige Ader zu kommen. Derselbe würde siebzig Fuß lang geworden sein, um dann die Ader in einer Tiefe zu treffen, die man mit einem zwölf Fuß tiefen Schacht erreicht hätte. Die Herren Direktoren lebten von den ›Zubußen‹. Sie spürten durchaus kein Verlangen, jene Ader zu finden; denn sie wußten Wohl, daß sie so wenig Silber enthielt wie eine Trottoirplatte.

Wir belegten verschiedene Parzellen, auf denen wir Schachte und Stollen in Angriff nahmen, ohne aber je einen solchen fertig zu machen. Auf jeder derselben mußten wir eine gewisse Arbeit geleistet haben, um als Inhaber zu gelten, widrigenfalls jeder andere nach Ablauf von zehn Tagen unser Eigentum in Besitz nehmen konnte. Stets jagten wir neuen Parzellen nach, auf denen wir etwas Weniges arbeiteten, um dann auf einen Käufer zu warten, der sich aber niemals einstellte. Nie fanden wir Erz, das mehr als fünfzig Dollars die Tonne gegeben hätte, und da die Pochwerke für die Verarbeitung des Erzes und Ausscheidung des Silbers genau ebensoviel verlangten, schmolz uns das Geld aus der Tasche fortwährend weg, ohne daß anderes dafür kam. Wir bewohnten eine kleine Hütte, in der wir eigene Küche führten, und hatten im ganzen ein saures, wenn auch hoffnungsvolles Leben, – denn wir hörten keinen Augenblick auf, ein Vermögen für uns und einen plötzlich sich einstellenden Käufer für unsern Besitz zu erwarten.

Zuletzt, als das Pfund Mehl auf einen Dollar stieg und Geld auf die beste Sicherheit hin nicht unter acht Prozent monatlich zu haben war (mir fehlte es überdies an der Sicherheit), ließ ich den Bergbau fahren und widmete mich dem Pochwerkbetrieb, d. h. ich wurde gewöhnlicher Taglöhner in einem Quarzpochwerk für zehn Dollars die Woche außer der Kost.

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