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Im gewohnten Geleis

Ossip Schubin: Im gewohnten Geleis - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorOssip Schubin
titleIm gewohnten Geleis
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1901
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070903
projectid362b46c1
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Er sitzt ihr gegenüber, zwischen ihnen steht ein kleiner, runder, ehemals weißlackierter Gartentisch. Ihre Hand liegt darauf. Er greift danach und zieht sie innig an seine Lippen. »Marie! Ich war thöricht!« ruft er, »verzeihen Sie mir. Erinnern Sie sich an unsern ersten kleinen Konflikt, an den Klaps, den Sie mir erteilten, als ich zum erstenmal die Ehre hatte, in Ihrem Hause zu speisen?«

»Ja, ich erinnere mich« – sie nickt humoristisch – »und ich erinnere mich auch, wie freundlich und hochherzig Sie sich meinen etwas vorlauten Klaps haben gefallen lassen.«

»Sie sind einzig, Marie!« ruft er mit Begeisterung. »Sie haben sich gar nicht – aber rein gar nicht verändert. Gott sei Dank! Sie sind ganz die, die ich vor drei Jahren zum letztenmal in Berlin gesehen und auf die ich mich so wahnsinnig gefreut habe. Nun ich daran denke, Marie – unsre Bekanntschaft endete ein wenig plötzlich. Ich erinnere mich nicht mehr ganz genau, was der Grund war.«

Das Rot steigt Marie in die Wange, ihre Stimme klingt rauh. »Mein Mann war unwohl,« murmelt sie, »es wurde ihm von einem Tage zum andern Karlsbad verschrieben, und dann zogen mir aufs Land.«

»Ja, richtig!« murmelt Hans, »es machte sich gewiß ganz natürlich – aber denken Sie, Marie, mir war sehr leid, daß uns das Leben so auseinander gerissen hatte, ohne daß wir ein letztes Mal Gelegenheit gefunden hatten, uns so recht herzlich auszusprechen. In meiner Seele zitterte es eine ganze Weile weiter, als ob ein Lieblingsmusikstück von mir in der Mitte abgebrochen wäre. Es war ein so unbefriedigtes Gefühl in mir. Anfangs dachte ich – denken Sie, Marie, so vermessen war ich –-, Sie würden mir schreiben. Aber Sie schrieben nicht! Als ich hörte, Sie beabsichtigten nach Sanssouci zu kommen, freute ich mich unsinnig. Aber ich versichere Ihnen, ich fühlte mich Ihnen gegenüber ein wenig zaghaft, als ich herfuhr, Sie zu begrüßen. Ich hatte ... ohne recht sagen zu können, warum, das Gefühl, in Ungnade gefallen zu sein bei Ihnen!«

»Aber Hans!« ruft Marie aus und erschrickt selbst vor der Innigkeit des Tones.

Er aber überhört achtlos den verräterischen Klang ihrer Stimme, vergißt wenigstens, ihm irgend eine Wichtigkeit beizulegen.

»Ich fürchtete so, Sie könnten sich verändert haben,« fährt er fort, »besonders gegen mich. Aber nein, Sie sind ganz dieselbe geblieben; nach dem ersten Wort, das Sie zu mir sprachen, merkte ich, daß Sie ganz dieselbe geblieben sind, die ich vor drei Jahren so sehr in Berlin vermißt und auf die ich mich heute so innig, wenn auch zaghaft gefreut habe!«

»Haben Sie sich wirklich so sehr auf mich gefreut?« Sie lächelt ihr warmes, offenes Lächeln – niemand auf der ganzen Welt kann lächeln wie Marie Rheinsberg.

»Wie hätt' ich denn nicht sollen, Marie? Sie waren ja immer so gut gegen mich – wie eine Mutter waren Sie gegen mich!«

Er hat ihr etwas Liebes, Freundliches sagen wollen; warum ist ihr plötzlich, als stieße man ihr einen Dolch ins Herz? Sie schämt sich für ihre Unvernunft, nimmt sich zusammen, aber ein Frösteln durchschaudert sie doch mitten in der warmen Frühlingsluft.

Er merkt es nicht, ist er doch nie ein scharfer Beobachter gewesen. Einen ruhigeren Ton anschlagend, sagt sie: »Und nun erzählen Sie mir weiter von ihren schönen edlen Plänen! Sie finden gewiß auf der Welt keine aufmerksamere Zuhörerin als mich.«

»Marie, darf ich wirklich? Fall' ich Ihnen nicht zu sehr zur Last mit meinem thörichten Gerede?"

»Weiß Gott nicht!« erwidert sie und spricht die Wahrheit.

Nach einigem Zögern ist er in vollem Zug. Was er alles vorhat, erzählt er ihr, was alles anders werden muß.

Manchmal flicht sie eine kleine Bemerkung in seinen Vortrag ein, eine kleine, sanfte, teilnehmende Bemerkung; ihn durch einen scharfen Geistesblitz zu verwirren, einzuschüchtern, hütet sie sich.

Er betrachtet Natek als sein Königreich, ein winziges Königreich, gerade groß genug, um darin zu experimentieren. Und manchmal sieht es Marie genau, daß sein Vorhaben verkehrt ist, sieht es mit ihrem immer wachen Verstand, der durch nichts zu betäuben ist, nicht einmal durch die Leidenschaft. Sie möchte ihm in die Zügel fahren, aber sie hütet sich, hütet sich aus Angst, ihm seine Zutraulichkeit zu nehmen, aus Angst, ihn zu verscheuchen. Wenn sie sieht, daß er sich vor den Menschen bloßstellen, sich ernstlich schaden könnte durch seine Überspanntheit, dann, so sagt sie sich, ja, schwört sich's feierlich zu, dann soll es ihr an Mut nicht fehlen, ihn zu warnen. Aber jetzt ... warum ihn kränken, warum eine Verstimmung herbeiführen in den ersten Stunden ihres Wiedersehens?!

Er spricht und spricht, und sie hört zu – unermüdlich, freut sich an seinem jugendlichen Feuer, freut sich an seiner jungen, warmen Stimme, seinem schönen, belebten Antlitz, an seiner Nähe, freut sich an ihm, wie sie sich an dem Frühling freut. Er gehört mit zum Frühling für sie.

Die Sonne ist längst untergegangen, der Mond steht über den alten Linden voll und glänzend, sein bleicher Schein schimmert auf den Rasenplätzen, die der Nachttau befeuchtet hat. Er versilbert alle Vorsprünge der Bäume und Büsche, alles, was durchsichtig aus den kompakten Schattenmassen hervorragt.

Die Vögel schweigen. Durch die alten Linden zieht sich ein seltsames zärtliches Zittern und Schauern, teilt sich den zart belaubten jungen Fliederbüschen mit und selbst den langen Halmen auf dem verwilderten Rasen. Es ist, als ob die ganze Welt in einer Art sehnsüchtiger Angst befangen läge...

Durch die drei Glasthüren des Saales schimmert gelbes Licht, der Kammerdiener tritt auf die Terrasse.

»Excellenz, wo soll angerichtet werden?«

Wie aus einem Traum geweckt, sehen sie beide auf. » »Um Gottes willen, wie spät es geworden ist!« ruft Hans. »Verzeihen Sie mir, Marie – es plauderte sich zu gut!"

»Ich habe mich sehr gefreut, mit Ihnen zu plaudern,« erklärt Marie, und nach einem leichten Zögern fügt sie hinzu: »Wenn es nicht so spät wäre, hätt' ich Sie aufgefordert, mit mir zu soupieren, aber ich ... bin etwas müde. ... Kommen Sie morgen zum Gabelfrühstück. Wollen Sie?!«

»Ob ich will ... Adieu, Marie – es war zu schön bei Ihnen!«

Dann machte er ein paar Schritte in der Richtung des Stallhofes, der, von dem Schlößchen ganz abgetrennt, dem Walde zu gelegen war. »Zahradka!« rief er. Eine andere Art, den Wagen zu bestellen, gab es nicht in Sanssouci.

Zahradka fuhr vor. »Also adieu, Marie, auf gute Nachbarschaft!«

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