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Im gewohnten Geleis

Ossip Schubin: Im gewohnten Geleis - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorOssip Schubin
titleIm gewohnten Geleis
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1901
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070903
projectid362b46c1
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Viertes Kapitel.

Seither war Hans dem Bruder nicht mehr begegnet, hatte sich auch nicht mehr nach einem Wiedersehen gesehnt.

Um seine kleine Nichte freilich that es ihm leid. In trüben Farben hatte er seiner Schwester Leontine nicht nur das Schicksal des kleinen Mädchens geschildert, sondern ihr auch die Zukunft ausgemalt, welche dem unglücklichen jungen Geschöpf drohte, falls es nicht dauernd von der Mutter getrennt werden sollte.

Leontine, wie immer zu allem Heroischen geneigt, außerdem sehr bereit, sich ihrem jüngeren Bruder zu verpflichten, gab Hansens dringenden Bitten nach und lud Monika zu sich, worauf sie dieselbe später in einem guten Pensionat unterbrachte. Von nun an kehrte Monika nur noch auf kurze Besuche zu ihren Eltern zurück.

Ronsky hatte die Kleine nur am Tage seiner Promotion wiedergesehen, damals, wo sie ihm wie ein verliebter – nein ... (er strich in Gedanken das Beiwort) wie ein begeisterter Irrwisch entgegengesprungen war. Er mußte lächeln, wenn er ihres jugendlichen Ungestüms gedachte. Armes Ding! Schade um sie, eine reich begabte, aber ungezügelte Natur! Nun, Leontine würde schon das Ihrige dazu thun, sie glatt zu hobeln.

Aber was sollte später mit ihr werden?

Eine Art Ungeduld überkam ihn. Von dem frischen, gemütszarten jungen Burschen, der damals in Florenz ein höheres Wesen in seiner Schwägerin verehrt hatte, einen gefallenen Engel, das heißt die interessanteste Art aller Engel, bis zu dem von der Welt abgeschliffenen Diplomaten, der ohne eine Thräne im Auge, ohne eine gerührte Regung in der Seele dem sterbenden Bruder entgegenreiste, war ein weiter Weg.

Wie hatte sich Konrad sein Leben so verderben können, fragte er sich immer wieder verdrießlich, wie konnte ein anständiger Mensch überhaupt »so etwas« heiraten! Denn wenn auch über Saschas Vergangenheit rätselhafte Schleier schwebten, wenn man auch nie ganz sicher festgestellt hatte, ob sie eine Cocotte oder nur ein »entgleistes« Mädchen gewesen – daß sie nichts Anständiges gewesen, das war sicher. Und Hans begann sich damit zu beschäftigen, welcher Art die Frau sein müßte, der er einmal unter allen das erhabene Amt einer Hüterin seines Heims anvertrauen wollte.

Seltsam! Das erste, was ihm die Phantasie vormalte, war nicht eine Frau, sondern ein Hausflur, ein schöner, eichengetäfelter Hausflur, mit Waffen und alten Bildern geschmückt, ein Hausflur, in dessen Teppichen die Tritte geräuschlos versanken, und den ein Duft von verdampftem Lavendelwasser durchwehte.

Er mußte lachen über sich – es war der Flur des Rheinsbergschen Palais. Daraufhin fragte er sich, ob eine Frau wie Marie Rheinsberg ihm zu seiner zukünftigen Lebensgefährtin passen würde. Er sah sie in ihrer Schönheit, in ihrer vornehm lässigen Anmut, die doch bei allen offiziellen Gelegenheiten der korrektesten Haltung Platz machte, ihre leuchtenden Augen, ihre weiche Stimme, ihren durchdringenden Geist – alles vergegenwärtigte er sich.

Ja gewiß, wenn er eine zweite finden könnte, das wäre genau die Frau, die er brauchte. Kaum hatte er das festgestellt, so überkam ihn ein unruhiges, widerspenstiges Gefühl, als ob er schon morgen mit ihr hätte vor den Altar treten sollen. Ein fast gereiztes Aufbäumen gegen die ihm von ihr abgeforderte geistige Anstrengung!... Nein, er verehrte Marie Rheinsberg rasend, aber so eine Frau heiraten?... Und wieder wie damals in Brighton, als er in das Meer hinausschwamm und eine laue Strömung die Wellen beruhigte, fühlte er eine angenehme Abspannung seiner zum Widerstand bereiten Muskeln, eine träg hinsinkende Mattigkeit. Aber ehe sich die Angst hineinmischte, war er eingeschlafen. Durch seine Träume glitt irgend etwas Weibliches, Weiches, Warmes, Rosiges und Goldiges, das keine bestimmte Form annahm.

In Wien, wo er keinen direkten Anschluß, dafür einen sehr langen Aufenthalt hatte, versäumte er wieder einmal den Zug. Er hatte den Aufenthalt dazu benutzen wollen, zwei Freunde zu besuchen, und sich in der Zeit verrechnet; infolgedessen kam er erst am Abend seines zweiten Reisetags in Venedig an.

Die Luft war lau, der Frühling hatte hier einen Vorsprung gegen Berlin. Ein leiser Wind, der duftete, als habe er am Gardasee soeben die Rosen abgeküßt, durchspielte die Atmosphäre, aber aus den Lagunen stieg ein fauler Hauch. Von Wolken verschleiert, schwebte hoch oben am Himmel der Mond. Manchmal blickte er zwischen den Wolken heraus. Aber seine Scheibe war gelb und verwischt und von einem großen Dunstkreis eingefaßt. An beiden Seiten der Kanäle waren auf krummen, aus dem Wasser herauswachsenden Pfosten kleine Lämpchen angebracht, die lange, von dem Spiel der kleinen flachen Lagunenwellen unterbrochene Lichtstreifen über das schwärzliche Wasser warfen. Und neben dem Wasser ragten schattenhaft die alten Paläste, die feine Spitzenarbeit ihrer verschnörkelten Marmorfassaden undeutlich erkennbar, in der Dämmerung. Nur hie und da schimmerte ein bleiches Licht über die Fenster einer der alten Prachtbauten. Im übrigen war die Farbe, mit der das Mauerwerk in den unruhigen wolkigen Nachthimmel hineingezeichnet war, ein eintönig stumpfes Grau.

Der ganze Anblick hatte etwas unwahrscheinlich Romantisches und zugleich abgestorben Trauriges. Es war wie das Gespenst einer toten Stadt. Zuweilen schien es Hans, als ob seine Gondel stehen bliebe, und die Paläste glitten an ihm vorbei, langsam, feierlich hinschwebend zwischen dem monddurchschimmerten Frühlingshimmel, der nach Rosen duftete, und dem schwarzen Kanal, aus dem ein Hauch widerlicher Fäulnis aufstieg.

Trauriges Schweigen ringsumher, nichts zu hören als das ängstliche, wimmernde Plätschern des Wassers, das um die abbröckelnden Grundpfeiler der alten Patrizierhäuser leckte, dann, in die tote Stille hinaustönend, der melancholisch langgedehnte Warnungsruf eines Gondoliers, worauf um die Ecke eines Kanals etwas Langes, Schmales, Schwarzes, Phantastisches glitt: ein Gespensterschiff, eine Gondel, und ehe sich's Hans versah, war auch die wieder verschwunden, nur die langsamen, feierlichen Ruderschläge klangen leiser und immer leiser zu ihm herüber.

Da, aus der Ferne – erst nur wie ein Seufzer – drang's an sein Ohr, dann deutlicher, aber immer noch verschleiert... der nach Rosen duftende Wind trug's über den sumpfigen Kanal – ein Liebeslied mit Guitarrebegleitung gesungen: » lo son felice, t'attendo in ciel!«

Es war magisch und wie alles Magische schauerlich.

Näher und näher kam's – jetzt glitt's an der Mündung des Kanals vorbei, den die Gondel Hansens durchschiffte, eine Barke, von farbigen Lämpchen umleuchtet – vorbei – nur aus der Ferne tönte noch einmal: » lo son felice, t'attendo in ciel!«

Das Lied war süß, aber man hörte deutlich, wie eine Saite der begleitenden Guitarre sprang ...

Und Hans, welcher Venedig nicht kannte, war von dem gespenstischen Zauber der Stadt ganz benommen, zugleich begannen ihn allerhand unheimliche Ahnungen zu durchfrösteln: die Guitarre, deren Saite sprang mitten in der Begleitung eines Liebesliedes, die schwarze Gondel, die an ihm vorüberschwebte, gerade als er an den Bruder gedacht und sich gefragt hatte, in was für einem Zustand er ihn wohl antreffen würde.

Bis dahin hatte ihn im Lauf seiner ganzen Reife eine gereizte Ungeduld begleitet. Seit jenem unerquicklichen Beisammensein mit dem Bruder in Brighton war ihm jedes Gefühl für die verwandtschaftliche Zusammengehörigkeit mit Konrad entschwunden. Und als er das Telegramm erhalten hatte in Berlin, das ihn an das Sterbebett des Verwundeten rief, war es ihm gewesen, als ob er aus allen seinen angenehmen und anheimelnden Lebensbedingungen herausgerissen worden wäre, um einen Fremden sterben zu sehen.

Aber jetzt mit einemmal überkam ihn etwas von seiner alten brüderlichen Zuneigung, verschärft durch ein Gefühl der Reue.

Warum hatte er den Zug versäumen müssen in Wien, warum hatte er so vielerlei unternommen – nur, weil es ihm langweilig gewesen war, ruhig auf den Anschluß zu warten! Er würde am Ende Konrad nicht mehr am Leben finden, und es würde seine Schuld sein. Nun ja – Konrad nicht mehr am Leben zu finden, darüber hätte er sich getröstet, aber daran schuld zu sein, das wäre gräßlich gewesen; er gab sich keine Rechenschaft darüber, aber es war so.

Er hätte den Augenblick seiner Ankunft hinausschieben mögen, aber noch eine Wendung der langen, schwarzen Gondel, und man war angekommen.

Herr Walter, der freundliche Wirt des Hotels Britannia, trat ihm auf dem kleinen, hölzernen Uferdamm entgegen. Hans nannte seinen Namen; er dachte, der Wirt würde ihm daraufhin sofort die Mitteilung machen, vor der er sich fürchtete. Aber der Wirt versicherte nur, es sei ein Zimmer vorbereitet für den Herrn Grafen, und der Hausknecht bemächtigte sich seines Gepäcks. Dann ging Hans durch den großen, flachen Flur, der zugleich den beliebtesten Zusammenkunftsraum für die Gesellschaft des Hotels bildete und in dem zwischen steifen grünen Fikus und rosigen, nach bitteren Mandeln riechenden Oleanderbäumen, um blank polierte Tischchen herum, lustig plaudernde Menschen, Männer im Gesellschaftsanzug, Damen in hellen Kleidern, gruppiert waren. Ein sehr junges Mädchen las einem jungen Mann den Charakter aus der Hand, wobei sie forschend mit ihrem zarten Zeigefinger der Lebenslinie nachtippte. Der junge Mann hatte sehr rote Ohren und sah verlegen aus.

Ringsumher tönten Lachsalven. Es durchschauerte Hans; dann sagte er sich, die Leute würden nicht so laut lachen in einem Hause, wo ein Toter lag. Aber dieser Trost galt nichts, er wußte ja, daß in einem Gasthof der Tod verleugnet wird wie eine Sünde.

An dem Portier vorbei, dessen großmächtiger Schreibtisch am äußersten Ende des Flurs, knapp neben der Thür des verglasten Lichthofes stand und der soeben für zwei Touristen den besten Zug nach Padua in seinem Kursbuch suchte, trat er in Begleitung des Wirtes, auf den Lift zu. Dort endlich entschloß er sich zu bemerken: »Eh' ich in mein Zimmer geh', möcht' ich bei meinem Bruder vorsprechen. Wollen Sie mich in seine Wohnung führen?«

Und erst als der Wirt in gleichgültig sachlichem Ton erwiderte: »Wie der Herr Graf befehlen!« sagte er: »Geht's besser?«

Der Wirt zuckte etwas mutlos die Achseln: »Immer im Gleichen!«

Hans atmete auf: Konrad lebte!

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