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Im gewohnten Geleis

Ossip Schubin: Im gewohnten Geleis - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorOssip Schubin
titleIm gewohnten Geleis
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1901
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070903
projectid362b46c1
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Drittes Kapitel.

In dieser Nacht schob Marie ihren Kopf lange schlaflos über die Kissen hin und her.

Irgend etwas an den Kissen war ihr unliebsam.

Durch den feinen Irisduft des spitzenumsäumten Batistes drang der Geruch salziger Essenzen, welcher alle Stadtwäsche verdirbt.

Sie war sich dessen noch nie früher bewußt geworden; heute – spürte sie ihn deutlich.

Und zugleich kam ihr ein Wunsch, ein so seltsamer Wunsch, sich nur noch einmal ausstrecken zu dürfen in ihrem harten, schmalen Bettchen in Sanssouci – nur noch einmal auf dem nach Waldluft und Tau duftenden derben Linnen auszuruhen.

Erst gegen Morgen schlief sie ein. Sie hatte einen sonderbaren Traum.

Ihr träumte, daß ihr ein Paar großmächtiger Flügel gewachsen wären – mit denen schwebte sie zwischen Himmel und Erde durch eine duftgesättigte Frühlingsnacht. Unter ihr breitete sich ein wundersamer Garten aus mit blühenden Bäumen, in denen versteckt Nachtigallen schlugen, über ihr wölbte sich, von taufend Sternen durchglitzert, der dunkelblaue Nachthimmel. Es zog sie hinunter zu dem blühenden Garten, aber wie sie sich auch bemühte, ihn zu erreichen – es war vergeblich. Immer hoher und höher trugen sie die Flügel zu dem dunklen Himmelsgewölbe empor, an dem die Sterne glitzerten, und je höher sie die Flügel trugen, um so kälter wurde ihr.

Der blühende Garten wurde undeutlich grau – er versank wie eine Fata Morgana. Nur aus weiter Ferne hörte Marie die Stimme der Nachtigall ... dann erwachte sie.

Es war recht merkwürdig. Unten in dem alten Garten, der sich hinter dem Palast in der Wilhelmstraße ausbreitete, schlug die Nachtigall wirklich.

Das war, seit Marie den alten Palast bewohnte, noch in keinem Frühling geschehen.

Ihr wurde recht seltsam zu Mut, als ob ihr eine große Freude den Atem benommen hätte, eine Freude, aus der ein großer Schmerz herauswuchs.

Obwohl es noch recht früh war, hielt sie es nicht mehr aus im Bett. Sie klingelte der Kammerjungfer, die, nicht gewohnt zu dieser Morgenstunde gestört zu werden, mit einem mürrischen Gesicht eintrat. Marie verlangte ihr Bad, verlangte besonders kaltes Wasser. Sie tauchte unter in das kalte Wasser, sie kleidete sich rascher an als sonst. Während die Kammerjungfer ihr sodann das reiche Haar strählte, irrte ihr Blick etwas unstet in ihrem Schlafgemach umher und fiel dabei auf ein in altertümlich gepreßtes Leder gebundenes Buch, das sie gestern von ihrem Gatten geschenkt bekommen hatte.

Als sie es auf ihrem Geburtstagstisch entdeckt, hatte sie es für ein Erbauungsbuch gehalten. Graf Rheinsberg hatte ihr lachend versichert, als solches sei es auch gedacht. Wie sie es aber aufschlug, stellte es sich heraus, daß es lauter leere Blätter enthielt. Da erklärte ihr Rheinsberg: »Wenn Durchschnittsmenschen sich erbauen wollen, so müssen sie mit ihren Seelen in fremde Gedanken hineinschlüpfen. Du aber bist zu eigenartig geraten, um dich – besonders in den Momenten, wo du das Bedürfnis fühlst, dich zu sammeln – einem fremden Denken unterzuordnen. Darum habe ich dir das Buch geschenkt, damit du jedesmal, wenn du das Leben ernster, tiefer fühlst als gewöhnlich, deine Stimmung in einen Gedanken läutern, den Gedanken in einen Satz einfangen und mit dem entsprechenden Datum auf eines der leeren Blätter niederschreiben mögest. Es wird deine Art sein zu beten.«

Sie schlug das Buch auf. Sollte sie heute beginnen? ... Sie trachtete ihrer Stimmung auf den Grund zu kommen – dann schauderte ihr davor. ... Dennoch tauchte sie die Feder ein. Einen Augenblick ließ sie sie über dem Papier schweben, dann schrieb sie mit festen, energischen Zügen auf die erste Seite ihres Erbauungsbuches:

»Das Glück ist nicht die Hauptsache im Leben. Die Hauptsache im Leben ist, vor niemand die Augen niederschlagen zu müssen – weder vor einem Menschen, noch vor einer Erinnerung!

Berlin, 11. April 188..«

Sie trocknete das Blatt sorgfältig und schloß das Buch.

Ihr Herz klopfte heftig, sie hatte das Gefühl, als ob sie ein Todesurteil unterschrieben habe.

Das war ja Unsinn, sagte sie sich – und wieder versuchte sie sich über ihre Stimmung klar zu werden und wieder schauderte ihr davor.

Unten sang noch immer die Nachtigall in den kaum ergrünten Frühlingsbäumen, die nicht blühen konnten, weil sie von zu hohen Mauern beschattet waren.

Hans Ronsky saß unterdessen in seinem kleinen Wohnzimmer Unter den Zelten und schrieb ebenfalls, aber nicht in ein Erbauungsbuch, sondern an seine Schwester Leontine, und zwar folgendermaßen:

»Meine liebe Leontine!

Herzlichen Dank für Deine freundlichen Zeilen. Du fragst mich, ob ich bereits die berühmte Gräfin Rheinsberg kennen gelernt habe, die Du in längst vergangenen Zeiten einmal getroffen hast, als sie noch Marie Berg hieß und bettelarm war.

Nun ja, ich habe sie kennen gelernt, schließlich konnte ich nicht gut anders, und dann war ich ja auch neugierig.

Hm! Daß ich mit einer ausgiebigen Portion Antipathie an diese Bekanntschaft gegangen bin, weißt Du.

Der alte Mann, der das junge Mädchen heiratet, ist mir im allgemeinen ebenso widerwärtig, wie das junge Mädchen, das sich von dem Alten heiraten läßt.

Aber die beiden Rheinsbergs können nicht mit dem gewöhnlichen Maßstab gemessen werden, das habe ich nach sehr kurzem Verkehr mit ihnen festgestellt.

Er ist der geistreichste Mann, mit dem ich je gesprochen habe; das fällt schwer in die Wagschale neben einer so begabten Natur wie Marie.

Denn sie ist begabt, zu begabt für eine Frau, die nie aus Reih' und Glied herausgetreten, nie sozusagen von ihrem Jahrhundert als Genie abgestempelt worden ist. Wie soll ich sie beschreiben?

Sie ist so schön, daß man ihr beinahe ihren Geist verzeiht – beinahe, aber nicht ganz. Man möchte ihr doch etwas weniger helle Augen wünschen.

Es muß ja für sie selber traurig sein, die Menschheit immer in diesem grellen Magnesiumlicht zu sehen, das ihre Augen ausströmen, und für die Menschen, die das Licht auf sich fühlen, ist es schließlich auch nicht angenehm.

Gegen mich ist sie sehr gnädig – sie hat, denke ich, wirklich warme Sympathieen für mich – aber über diese Sympathieen hinüber beurteilt sie mich doch – und das ist und bleibt – wie soll ich mich ausdrücken – erkältend, ja manches Mal macht es mich nervös, fast ungeduldig.

Und trotzdem ist sie reizend; sie ist wie ein anregendes Buch, das einem zu denken giebt, auf welcher Seite man es auch aufschlägt.

Unwillkürlich fragt man sich: Hat sie je mit sich zu kämpfen gehabt? ... ist ihr Verstand eine Defensiveigenschaft, die sie nur ausgebildet hat, um ihr Herz besser zu bewahren?

So, wie er jetzt ist, dieser Verstand, würde er auf der Bresche stehen bleiben, selbst nachdem ihr Herz vor der Leidenschaft kapituliert hätte.

Es schwindelt einen bei der bloßen Vorstellung, daß man von so einer Frau geliebt werden könnte.

Natürlich, lockend wär's! – berauschend, nach mehr als einer Hinsicht ... und doch ... nein, ich wünsche es mir nicht...«

An diesem Punkt seines Briefes stockte Ronskys Feder. »In was für Betrachtungen verlier' ich mich?« fragte er sich ... »was erlaube ich mir für indiskrete, wahnsinnige Vermutungen? Geliebt werden von Marie Rheinsberg .. .!« Er fing an herzlich zu lachen. ... Dann las er seinen Aufsatz durch, wollte ihn erst zerreißen, überlegte sich's aber, der Stil gefiel ihm – er bewunderte seine Leistung.

So faltete er den beschriebenen Bogen sorgfältig zusammen, um ihn mit dem Datum versehen in seiner Briefmappe zu bewahren als zeithistorisches Dokument, das ihm in künftigen Zeiten Aufschluß über längst vergangene Stimmungen geben sollte. Er verlor sich in Gedanken.

Hierauf machte er sich daran, einen neuen Brief an seine Schwester zu verfassen – einen Brief, in dem er, von allen psychologischen Betrachtungen absehend, die Einrichtung der Rheinsbergschen Wohnung sehr genau beschrieb – dazu noch zwei von Maries Toiletten und das Menu des Diners, zu dem er eingeladen gewesen war.

Diesen Bericht stattete er mit einer schönen Unterschrift aus und sandte ihn sofort auf die Post.

Die Berliner Gesellschaft hatte etwas zu reden – sehr viel zu reden hatte sie.

Marie Rheinsberg hatte eine Flirtation, Marie Rheinsberg, die sich sonst nur mit den hervorragendsten Staatsmännern und wissenschaftlichen oder künstlerischen Kapazitäten abgab, hatte eine Flirtation – mit einem jungen Mann, dem man in Berlin vorläufig noch nichts Besonderes nachzurühmen wußte, als seine angenehmen Manieren und sein hübsches Gesicht.

Wann man auch bei ihr vorsprechen mochte, immer traf man den jungen Ronsky bei ihr – behauptete die Gesellschaft. Das war natürlich eine Uebertreibung – die aber, wie die meisten Uebertreibungen, aus einem Körnchen Wahrheit herausgewachsen war.

Wenn man ihn nicht immer bei Rheinsbergs traf, so traf man ihn dort doch sehr oft. Von dem Herrn wie der Dame des Hauses gleich wohlgelitten, kam und ging er, wie's ihm beliebte.

Man hatte ihn bei Rheinsbergs nicht nur aufgefordert, sich als Verwandter zu fühlen – man behandelte ihn auch als solchen, und in dem Winter, der auf sein Bekanntwerden mit Marie Rheinsberg folgte, war er bereits ganz das »Kind des Hauses.«

Wenn Rheinsbergs empfingen, so half er immer ein wenig die Honneurs machen, und wenn Rheinsbergs ein Diner gaben, so schickte ihn Marie zu Schmidt Unter den Linden, um den Blumenschmuck zu bestellen.

Sie überließ in solchen Fällen häufig alles seiner Eingebung. »Machen Sie Ihre Sache gut,« pflegte sie zu sagen – »und beeilen Sie sich.« Andere Weisungen gab sie ihm nicht mit auf den Weg. Gewöhnlich machte er seine Sache sehr gut, da er, wie viele Oesterreicher, unter den mancherlei Luxuseigenschaften, welche ihm die Natur geschenkt, auch die des guten Geschmacks ins Leben mitbekommen hatte. Aber zu anderen Malen wurde er geneckt und ausgelacht. Ob er geneckt, ob er gelobt wurde, immer befand er sich gleich wohl in dem reizenden alten Palais in der Wilhelmstraße – dem Palais im Barockstil mit den seltsam verschnittenen Buchsbaumbüschen in dem Hofraum, den nach der Straße zu ein altertümliches Eisengitter abschloß, und mit den alten Ulmen in dem Garten, der sich vor der Hinterseite des Gebäudes ausbreitete – den alten Ulmen, die so hoch und schmal hinaufwuchsen in ihrem vergeblichen Bemühen, über die hohen Mauern und die noch höheren Häuserrücken hinüber den Sonnenschein zu sehen.

Obwohl Hans von seinem altklugen und theoretischen Standpunkt aus die Exklusivität der österreichischen Gesellschaft eigentlich immer als etwas Unzeitgemäßes zu verurteilen pflegte, hatten ihm doch die sich frei gehen lassende Vornehmheit, sowie der verwöhnende, herzliche, vertrauliche Ton der Wiener Gesellschaft, in der jeder den anderen kannte, und in die kein Fremder je den Einlaß fand, in Berlin sehr gefehlt.

Seitdem er in dem Salon Rheinsberg heimisch geworden war, fehlte ihm nichts mehr. Die lustige Tratschkonversation mit den Vettern und Basen lernte er gern missen für das, was ihm bei Rheinsbergs geboten wurde.

Seit jenem denkwürdigen Debüt bei seiner Cousine, wo's ihm zum erstenmal in seinem Leben sehr klar gemacht wurde, daß er nicht der einzige gescheite Mensch in Berlin und den umliegenden Ortschaften sei, hatte er fortgefahren, ähnliche demütigende, aber nützliche Entdeckungen zu machen.

Marie wußte es so zu veranstalten, daß selbst die Demütigungen nicht ohne Reiz blieben, wenn sie von ihr kamen. Im übrigen überstürzte sie nichts. Nur ganz allmählich erweiterte sie seinen Horizont und leitete Licht in seine Seele – in alle Ecken und Winkel, wo es früher dunkel gewesen war; besonders in den Winkel der Selbsterkenntnis.

Vor fremden Zuhörern fing er an sehr vorsichtig zu werden; vor ihr ließ er sich noch zu begeisterten Auslassungen hinreißen. Er sprach nicht mehr von seinen Idealen, wie er überhaupt nicht mehr so viel von sich und seinem Standpunkt und seinen Ansichten sprach; aber von der sozialen Frage, von der Notwendigkeit, die Welt zu verbessern, von der Schändlichkeit, dieser Aufgabe gegenüber die Hände in den Schoß zu legen, sprach er noch oft und viel.

Marie wunderte sich manches Mal über die Naivetät, mit welcher er Plattheiten, die sie längst als überwundenen Standpunkt oder als eingebürgerte Gemeinplätze erkannt hatte, wie große Wahrheiten vorbrachte, die er wähnte entdeckt zu haben.

Und da erinnerte sie sich, daß er aus einer Welt stammte, an deren Grenze »große Wahrheiten« als Schmuggelware zurückgewiesen werden; nur ganz kleine, schwache Portiönchen werden manches Mal durchgeschmuggelt, und wer sich so ein Portiönchen zu eigen machte, der dachte, er habe wer weiß was Wunderbares erwischt.

Lachend machte Marie ihn darauf aufmerksam. Er stutzte einen Augenblick, dann lachte er auch und meinte, sie habe recht – er wolle sich bessern. Und er besserte sich. Nur wurde er dabei noch konfuser – beunruhigend konfus.

Aber es wehte ein Zug so frischer, echter, junger Begeisterung durch die große Konfusion, ein so aufrichtiges Trachten nach allem Schönen, womit man die ganze Welt beglücken konnte.

Was daraus werden würde? Manches Mal blickte Marie in den Kamin, in dem die lodernden Flammen so mächtig aus den großen Holzscheiten herausprasselten. Ganz allmählich wurden sie kleiner, stiller und stiller, dann ... nichts übrig von ihnen als ein wenig knisternde rote Glut, die langsam, kaum daß man den Uebergang merkt, in graue Asche versinkt.

Wenn das Gespräch am allerinteressantesten war, verabschiedete sie ihn gewöhnlich unter dem Vorwand, daß sie müde sei.

Aber wenn er gegangen, blieb sie noch längere Zeit in der Bibliothek, die Augen auf die Feuerstätte gerichtet, in der von den mächtigen Flammen nichts übrig geblieben war als ein wenig Asche.

Der Herbst ging vorbei und der Winter, Hans Ronsky war immer gleich wohlgelitten im Rheinsbergschen Hause – aber die Berliner Welt machte die Bemerkung, daß sich nichts wesentliches geändert habe in den Beziehungen zwischen Hans Ronsky und Marie Rheinsberg – und die Welt von Berlin hatte sich wahrlich auf eine leidenschaftliche Zuspitzung der Sachlage gefaßt gemacht. Aber nein, es war eben nur eine Flirtation! Nach einiger Zeit meinte die Welt, es sei vielleicht nicht einmal eine Flirtation, nur eine gegenseitige verwandtschaftliche Sympathie – gar nichts dahinter – so urteilte die Welt.

Die Welt urteilt fast immer falsch in solchen Dingen, nimmt ernst, was nicht ernst zu nehmen ist, und geht über tiefer liegende Dinge hinweg.

Am allerirrtümlichsten beurteilte Olga Ronitz, Maries Freundin, die Situation. Sie bildete sich ein, daß Hans Ronsky sich in einer hoffnungslosen Leidenschaft für Marie verzehre.

Diese Ansicht schöpfte sie aus dem Umstand, daß Hans immer so große Augen machte, wenn Marie irgendwo erschien – und so große Phrasen, wenn sie verschwand.

Sie war keine tiefe Psychologin, die Gräfin Ronitz, aber eine gute Seele war sie. Sie sagte einem jeden das, von dem sie wähnte, daß es ihm Vergnügen machen würde, und sie dachte, es würde Marie Vergnügen machen, wenn sie ihr gegenüber die Schwärmerei Hans Ronskys betonte.

»Wie er dich vergöttert, der arme Teufel!« begann sie einmal, da sie auf einen Sprung in das Palais Rheinsberg gekommen war, um mit Marie eine Wohlthätigkeitsangelegenheit zu besprechen. »Er läßt dich ja nicht aus den Augen, wenn du irgendwo erscheinst, und es amüsiert mich jedesmal, zuzusehen, wie er die Gelegenheit abpaßt, sich dir nähern zu können. Er hat Augen und Ohren für niemand anderes, wenn du mit ihm sprichst. Er liebt dich rasend!«

»Er liebt mich gar nicht!« entgegnete Marie herb. »Er kultiviert meine Bekanntschaft nur, weil er mit mir über die soziale Frage reden kann. Ihn interessiert ja überhaupt nichts als die soziale Frage.«

Graf Rheinsberg, welcher sich in diesem Winter viel wohler fühlte als im verflossenen Jahr, kehrte kurz nach diesem Gespräch von einem Ausgang nach Hause zurück. Bereits im Flur tönte ihm eine kräftig gespielte Fuge von Bach entgegen. Er erkannte den Anschlag seiner Frau. Sie spielte mit fast zornig betontem Rhythmus und ohne jegliche Vortragsschattierung.

Er wüßte, daß sie immer damit anfing, Bach zu spielen, wenn sie eine große Unruhe in sich bekämpfte.

Was konnte sie heute aufgeregt haben? fragte er sich.

Als er die Thür der Bibliothek öffnete, in der sich der Flügel befand, ließ sie die Hände von den Taften gleiten und hörte, etwas verdrießlich über die Störung, auf. Er trat auf sie zu, betrachtete sie nachdenklich, dann mit wohlwollendem Lächeln, aber forschendem Blick und fragte: »Hat dich etwas geärgert, Marie?«

»Was fällt dir ein, über was sollte ich mich geärgert haben?« fragte sie.

Ihre Stimme klang gereizt, und zwischen ihren schön geschwungenen Brauen zeichnete sich eine gerade scharfe Falte.

»Nun, kleine Anlässe findet man immer,« bemerkte Graf Rheinsberg, worauf er von dem Flügel hinweg auf den Kamin zuging, wo er sich in seinem Lieblingsfauteuil niedersetzte und eine Zeitung aufnahm. Aber anstatt zu lesen, blickte er abwechselnd auf die schöne, junge Frau an dem Flügel und auf die großen, von rasch zehrenden Flammen umloderten Holzklötze im Kamin. »Stör' ich dich?« fragte sie ihn einmal über ihre Schultern hinüber, ohne im Spiel innezuhalten.

Er erwiderte: »Nicht im mindesten,« und fuhr fort in die Flammen zu starren. Sie aber fuhr fort Bach zu spielen.

Er horchte aufmerksam.

Sie spielte ungleich, bald rasch, bald stockend. Graf Rheinsberg hatte gar nicht geahnt, daß die Musik des ehrwürdigen Johann Sebastian so leidenschaftlich klingen könne.

Was nur in ihr vorgehen mochte?

Nach und nach wurde ihr Spiel weicher – zum Schluß lauschten die Töne melodisch fließend dahin, wie ein Strom, dessen Fluten sich keine Hindernisse mehr entgegenstellen. Mit einer harten heroischen Fuge hatte sie angefangen, sie beendigte ihr Spiel mit einem träumerischen Menuett.

»Das hat wohlgethan!« rief sie, indem sie von dem Flügel aufstand und sich in einen Lehnstuhl ihrem alten Freund gegenübersetzte. »Ich hatte mich nämlich doch geärgert!« fügte sie hinzu. Sie schien zu erwarten, daß er sie nach dem Grunde ihres Aergers fragen würde; da er es unterließ, begann sie von selbst: »Ueber Olga Ronitz hab' ich mich geärgert. Sie schwatzt manchmal so dummes Zeug, wirft mir immer meine Eroberungen vor ... man muß sich ärgern!«

»Ach! Olga Ronitz kann man überhaupt nicht ernst nehmen. Aufrichtig gesagt, habe ich mich oft darüber gewundert, daß du dir gerade die zur Freundin ausgesucht hast,« bemerkte lächelnd der Graf.

»Freundin... ?« Marie zuckte die Achseln. »Freundin ist ein großes Wort,« sagte sie. »Sie ist mir bequem. Sie mischt sich in nichts, was sie nicht angeht. Ich bitte dich, sie ist mir nützlich. Eine Frau braucht man doch von Zeit zu Zeit.«

»Gewiß, und du hast merkwürdig wenig intime Freundinnen unter deinen Altersgenossinnen,« sagte etwas nachdenklich der Graf.

»Soll das ein Vorwurf sein, Wilhelm?« Sie stieß den eisernen Schürhaken zwischen die Holzklötze in die Feuerstelle.

»Durchaus nicht!« beeilte sich der Graf zu versichern. »Es ist nur bezeichnend für deine gerade, gesunde, selbständige Natur, die sich von aller unnötigen Mitteilsamkeit, allen vertraulichen Sentimentalitäten und konfusen Herzensergüssen instinktiv fernhält. Ein interessanter Ideenaustausch ist zwischen dir und den meisten jungen Frauen ausgeschlossen, sie sind dir nicht gewachsen. Mit den bedeutenden älteren Damen stehst du ja ausgezeichnet, was mich freut. Nein, nein, Marie es wäre mir nicht im Traum eingefallen Kritik an dir zu üben. – Erstens läge nicht der geringste Grund dazu vor – und zweitens ... thäte es ein vernünftiger Mensch einer Frau deines Kalibers gegenüber ... schon aus Klugheit ... nie!«

Marie saß etwas vorgebeugt auf einem niedrigen Sitz, den Ellbogen auf den Knieen, die Wange in die Hand gestützt. »Ja aus Klugheit ... nie,« murmelte sie ... »Du kannst recht haben!«

Sie schwiegen beide eine Weile, dann legte sich Graf Rheinsberg die Hand an die Stirn: »Das nennt man Gehirnschwund ... nun, c'est de mon âge. Ich wußte die ganze Zeit, daß ich dir etwas mitzuteilen hatte. Aber erst wollte ich dich in deiner Bach-Orgie nicht stören – dann vergaß ich die Sache. Ronsky, mit dem ich vor einer Stunde auf der österreichischen Botschaft zusammengekommen bin, bat mich, dir zu sagen, daß er heute abend nicht bei uns speisen kann ... du erwartetest ihn doch ...«

Marie hatte sich nämlich wie geistesabwesend die Augen gerieben ... »Ja, richtig,« sagte sie, und in etwas gezwungen scherzhaftem Ton setzte sie hinzu: »Ich hatte sogar Mandarineneis für ihn bestellt ... Nun, und warum kommt er nicht, hat er etwas Amüsanteres gefunden?«

»Den Verdacht hat er um dich nicht verdient,« erwiderte mit etwas malitiösem Lächeln Graf Rheinsberg. »Jedenfalls ist er unbegründet. Ronsky ist telegraphisch nach Venedig berufen worden, wo sein Bruder, wie er mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitgeteilt hat, in einem Duell schwer verwundet worden ist. ... Der arme Konrad! Seit er verheiratet ist, hat er immerfort Duelle gehabt. Es war vorauszusehen, daß ihm eines davon einmal den Rest geben würde.«

»Konrad? ... Wer ist Konrad?« Gräfin Marie Rheinsberg schob nachdenklich die Brauen in die Stirn. »Ich wußte gar nicht, daß Hans einen Bruder hat.«

»So! ... Das hat er dir nie mitgeteilt? Er ist in seinen Mitteilungen dabei stehen geblieben, daß er keine Schwester hat, nur eine Stiefschwester'« – trotz seiner siebzig Jahre gelang es dem alten Staatsmann vortrefflich, den sentimentalen Ton des jungen Diplomaten nachzuahmen oder vielmehr zu karikieren – »eine Stiefschwester, die ihn nicht versteht, dafür um so mehr quält mit Liebe und Bevormundung.«

»Seiner Stiefschwester hat er allerdings erwähnt,« bemerkte Marie, »es ist seltsam, wie er dir auf die Nerven fällt, der arme Hans!«

»Ich finde es viel seltsamer, daß er bei den langen Gesprächen, in denen er sich so sehr mit dir gefällt, nicht die Zeit gefunden hat, dir etwas von den wichtigsten Ereignissen in seiner Familie mitzuteilen,« erwiderte Graf Rheinsberg trocken. »Er scheint vollauf damit zu thun gehabt zu haben, von sich selber zu reden."

»Da verleitet dich deine Antipathie doch zu einem falschen Urteil," erwiderte etwas gereizt Marie. »In den langen Gesprächen, in denen er sich, wie du soeben andeutest, mit mir gefällt, spricht er mit mir fast nur über die soziale Frage, wie ich heute Gelegenheit hatte auch Olga Ronitz mitzuteilen,"

»Hm! Meiner Ansicht nach beschäftigt er sich mit der sozialen Frage nur so intensiv, weil er ›unbewußt überbewußt‹ das Gefühl hat, daß ihn die Beschäftigung in ein schönes Licht stellt."

»Meinst du?" murmelte Marie. Sie hatte einen Fächer aufgenommen und hielt ihn aufgespannt zwischen sich und die Kaminglut.

Graf Rheinsberg beobachtete sie aufmerksam. Durch den Schatten, welchen der Fächer auf ihr Gesicht warf, glaubte er zu sehen, wie sie errötete. Ein Verdacht, der ihm bisher als gänzlich ausgeschlossen erschienen war, streifte ihn plötzlich wie ein nasser, kalter Fittich.

Indessen sagte Marie in einem fremden Ton, den ihr alter Freund wohl bei ihr kannte, den sie jedoch noch nie ihm gegenüber angeschlagen hatte: »Das ist ein Punkt, über den wir nun einmal verschieden denken, und da wir uns schwer darüber einigen werden, so teile mir lieber mit, was es mit dem wichtigen Familienereignis, das Hans mir verschwiegen, auf sich hat."

»Die Sache ist einfach genug," erwiderte der Graf. »Konrad Ronsky, der ältere Bruder deines Vetters – eigentlich ein Stiefbruder, Sohn derselben Mutter wie seine Schwester Leontine –, hat sich seiner Zeit mit einer russischen Cocotte verheiratet, und zwar nur einen Monat früher, als die besagte Dame mit einem Kind niedergekommen ist, das er für sein Kind hielt und wahrscheinlich noch hält. Sein Vater, der alte Ronsky, ein beschränkter Kopf, aber gerader Charakter, behauptete das Gegenteil. Hierauf strich er den Sohn aus seinem Herzen und verbot ihm, den Fuß über seine Schwelle zu setzen.

»Konrad, der natürlich infolge seiner bedauerlichen Heirat aus der Carriere treten mußte, führt seither ein ziemlich trauriges Dasein, an allen Orten, wo die Halbwelt mit der großen Welt fraternisiert. In die wirklich gute Gesellschaft ist es ihm nie gelungen, seine Gattin einzuführen. Infolgedessen hat seine Lieblingsbeschäftigung darin bestanden, auf diese Gesellschaft zu schimpfen und mit geschmackloser Spitzfindigkeit alle etwaigen Schwächen und Verirrungen, welche dort vorkommen, über welche aber die Gesellschaft aus Gründen, die ihr zu beurteilen freistehen, den Mantel christlicher Liebe breitet, ans Tageslicht zu ziehen. Man behauptet sogar, daß er manches Mal seine Entdeckungen in demokratische Zeitungen einrücken ließ.«

»So, das muß ja ein recht sympathisches Individuum sein,« murmelte Marie verächtlich.

»Ach, im Grunde ist er nicht schlechter als hundert andere – ein schöner, eleganter Mensch, sehr warmherzig, aber ein undisziplinierter Charakter, heftig und schwach. Als ich nach Petersburg kam, war er noch in der Carriere; ich hatte ihn recht gern. – Das Weib hat ihn ruiniert.«

»So, das Weib hat ihn ruiniert?« murmelte Marie, und ein eigentümlicher Schauder durchbebte ihre Stimme, fast, als fühle sie sich einem großen Geheimnisse gegenüber, vor dessen Enthüllung ihr graute, während sie doch nicht vermochte, ihre Neugierde davon loszureißen. »Das Weib hat ihn ruiniert. Ich möchte doch wissen, welcher Art die Frauen sind, für welche die Männer ihre ganze Existenz in den Staub treten?«

»Meistens sind es recht gewöhnliche Geschöpfe,« versicherte Graf Rheinsberg gleichgültig.

»Gewöhnliche Geschöpfe ...« wiederholte Marie. »Aber wie ist das möglich? Bedenke doch! Alles in die Schanze zu schlagen, wie es Konrad Ronsky gethan hat – Vater, Vermögen, Vaterland, seine gesellschaftliche Stellung – die Zukunft seiner Kinder – alles für ein Weib!«

Graf Rheinsberg lachte. »Ich kann dir nicht helfen, Marie, das Weib, für welches er alle diese Opfer brachte, war ganz und gar nicht interessant. Eine dicke, rothaarige Person mit allerdings blendend weißen Schultern und Armen, gutmütig ...«

»Ach, du hast sie persönlich gekannt, ja?«

»Ja ... gutmütig, eher beschränkt. Der große Zauber, welchen sie allerdings auf die Männer ausübte, gereicht meinem Geschlecht keineswegs zur Ehre.«

»Aber worin besteht er?« rief Marie leidenschaftlich und aufgeregt.

»Das ist ein Problem, bei dem sich weder die Neugier noch selbst die Entrüstung einer Frau, wie du eine bist, lange aufhalten sollte, Marie,« erklärte Graf Rheinsberg ernst. »Die Lösung liegt, gottlob, ganz außerhalb deines Verständnisses. Ich weiß übrigens gar nicht, was du hast. Die zugleich erhabene und unbefangene Gleichgültigkeit, mit der du bisher an allen schmutzigen Dingen im Leben vorüberzugehen pflegtest, hat mir immer so sehr an dir gefallen.«

Marie fühlte, wie ihr das Blut zu Kopfe stieg; sie schämte sich und war zugleich wütend darüber, daß sie sich schämen mußte. Sie war Fleisch und Blut wie eine andere. Für einen Augenblick haßte sie geradezu das hohe sittliche Piedestal, auf das ihr Gemahl sie gestellt hatte, ein Piedestal, von dem es kein Herabsteigen, nur ein Herabstürzen gab. Sie fühlte die übermäßig hohe Achtung, die er ihr zollte, wie einen hemmenden Druck. Es war, als habe man ihr ein Paar Handschellen angelegt.

»Du überschätzest mich,« sagte sie halblaut und heiser.

»Nein – aber manches Mal hättest du Lust, dich zu unterschätzen,« erklärte Graf Rheinsberg. »Ich kenne dich besser als du dich selbst!«»

»Ein Punkt, über den wir uns nicht einigen werden,« meinte mit müdem Achselzucken Marie. »Ueber all unser Philosophieren hab' ich vergessen, dich nach dem Wichtigsten zu fragen: Kennt Hans Ronsky seine Schwägerin, und hat er sich des Bruders angenommen nach dieser traurigen Heirat?«

»Wie es scheint – die Brüder standen in Briefwechsel, und merkwürdigerweise scheint der alte Ronsky Hans nach dieser Richtung freies Spiel gelassen – ja, die brüderliche Anhänglichkeit seines famosen Jüngsten für den mißratenen Nettesten mit Rührung belobt und bewundert zu haben. Es ist immerhin hübsch von Hans Ronsky, daß er sich von diesen unerquicklichen Verhältnissen nicht fern gehalten hat.«

»Wer weiß ...« murmelte Marie finster, »vielleicht hat's ihm die rothaarige Schwägerin auch angethan.«

Graf Rheinsberg betrachtete sie von oben bis unten, und während er sie anblickte, wurden seine Augen kleiner. »Sollte ich dich am Ende doch überschätzt haben?« Mit diesen Worten erhob er sich und verließ das Zimmer.

Und Marie, die soeben seine Achtung als einen Zwang, einen Druck empfunden, fühlte sich doch bis ins Innerste verletzt und aufgeregt, als er Miene machte, ihr auch nur das kleinste Teilchen dieser Achtung zu entziehen. Noch nie hatte er sie aus so kleinen Augen angesehen. Es war sehr unangenehm, aus kleinen Augen angesehen zu werden. Sie nahm es ihm übel.

Zeitweilig war offenbar kein Einverständnis zwischen ihr und ihm zu erzielen. Sie verzichtete darauf und zwar mit einer Art Trotz.

Von dem Tag an trat eine merkliche Entfremdung ein zwischen dem Grafen Rheinsberg und seiner jungen Frau.

Indessen rollte Hans Ronsky mißmutig seinem Reiseziel entgegen.

Viele Jahre warm verstrichen, seit Konrad, von seinem Vater verflucht, die väterliche Schwelle nicht mehr überschritten hatte. Seither hatten sich die Brüder im Leben nur zweimal getroffen. Das erste Mal durch Zufall in Florenz, da der damals siebzehnjährige Hans als Belohnung für seine vortrefflich bestandene Prüfung in Begleitung seines Hofmeisters auf eine Bildungsreise durch Italien gesandt worden war.

Bei Donay, während Hans mit seinem Hofmeister ein Glas Eis aß, merkte er, daß ein sehr vornehmer, etwas engbrüstiger Mann zwischen fünfunddreißig und vierzig Jahren ihn aufmerksam durch sein Monocle betrachtete. Dann begegnete er demselben Mann auf der Treppe des Hotel de la Paix, in welchem er einen Besuch abzustatten gehabt hatte. Schon wollte er sich erkundigen, wer denn der Fremde sei, an dem ihm irgend etwas so außerordentlich bekannt und vertraut vorkam, aber ein anderer Eindruck fuhr ihm dazwischen.

Eine Stunde später in der Loggia dei Lanzi, als gerade Hans dem konventionellen Enthusiasmus seines Hofmeisters über den Perseus von Benvenuto Cellini mit einer naseweis witzigen Bemerkung in die Rede fiel, hörte er hinter sich lachen, und als er sich umblickte, bemerkte er wieder den blaffen, engbrüstigen Fremden. Diesmal trat der Fremde einen Schritt naher an ihn heran, »Erkennst du mich nicht, Hans?« fragte er.

»Konrad!« rief Hans, und die Brüder reichten einander die Hand.

Dann bummelten sie eine Stunde allein miteinander; der Hofmeister hatte liebenswürdigerweise selber darauf bestanden, sie allein zu lassen. Er ging indessen in ein Kaffeehaus, um Zeitungen zu lesen.

Hans, der Heimweh hatte und, in Florenz bis auf zwei oder drei recht förmliche gesellschaftliche Beziehungen fremd, ausschließlich auf die ihm nicht immer kongeniale Gesellschaft seines Hofmeisters angewiesen war, freute sich über diese Begegnung. Nach einer Viertelstunde brach die Wand, welche die lange Trennung zwischen den Brüdern aufgerichtet hatte, gänzlich nieder – es war, als ob Hans erst gestern mit seinem kleinen Pony neben dem großen Pferd Konrads hingaloppiert wäre durch die rauschenden Wälder von Stiblin, der schönen Herrschaft im südöstlichen Böhmen, auf der sie beide ihre Jugend verlebt, und von der sie beide – Konrad hatte sich das noch nicht abgewöhnt – als von »zu Haus« sprachen. Allerhand kleine Erinnerungen tauchten in ihm auf: wie ihn Konrad einmal als sechsjährigen Knirps auf die Rebhühnerjagd mitgenommen und auf dem Rücken nach Hause getragen hatte, als sie beide von einem Gewitter überrascht worden waren – und bei der Erinnerung war's, als stiege ein Duft von nassen Wiesen und Quendel aus dem heißen Pflaster von Florenz zu ihm auf; – dann erinnerte er sich, wie ihn Konrad früh in den Marstall mitzunehmen pflegte und ihn auf die Pferde hob, und wie er einmal – er mochte damals sieben Jahre zählen –, als Konrad ihn »Hindernisse nehmen« lehren wollte, von seinem Pony herabgestürzt und für einen Augenblick, nicht bewußtlos, aber stumm vor Verwirrung und Schrecken liegen geblieben war. Obgleich er sich sehr weh gethan, hatte er nicht geweint. Er war ein strammer, kleiner Bengel, und der Umstand, daß die ganze Familie ihn wegen seiner verwegenen Reitkunst maßlos bewunderte und häufig allerhand Menschen in seinem Beisein Beispiele davon auftischte, befestigte ihn in dieser Eigenschaft. Er weinte nicht; aber Konrad, nachdem er den Jungen vom Boden aufgehoben, alle seine kleinen Glieder befühlt und sich davon überzeugt hatte, daß er sich nicht verletzt habe, war in Thränen ausgebrochen.

Er war noch heute ganz derselbe schneidige, heftige, schwache und gutmütige Mensch; ja er, der Verstoßene, Deklassierte, betrachtete seinen verwöhnten jüngeren Bruder, dem naturgemäß alles zufließen mußte, was er verscherzt hatte, mit einem zärtlichen Familienstolz, in den sich auch nicht ein Körnchen Eifersucht, viel weniger noch Neid mischte, und Hans, der bereits damals an jede Art von Bewunderung und Verzärtelung gewöhnt war, wärmte sich in der kalten Atmosphäre der Fremde an dieser überströmenden brüderlichen Herzlichkeit.

Konrad fragte nach allem, was er zu Hause zurückgelassen hatte, nach jedem Diener, jedem Tier, Zuletzt fragte er nach seinem Vater. Und als ihm Hans auch über diesen Auskunft gegeben hatte, schwieg Konrad; dann, indem er nachdenklich den Blick über den Arno hinschweifen ließ, an dem entlang er mit seinem jüngeren Bruder gewandelt war, sagte er: »Es war eine schöne Stund', Hansi – ich bin froh, daß ich dich getroffen hab'. Aber jetzt wird's wohl gescheiter sein, wir nehmen Abschied voneinander und ein jeder geht seiner Wege – ich möcht' nicht, daß du meinethalben Unannehmlichkeiten hättest – dem Papa wär's am Ende nicht recht, daß du mit mir verkehrst, und daß du's ihm verschweigst, könnte ich selber nicht wünschen.«

Darauf aber hatte Hans mit der Ueberschwenglichkeit der Jugend und der Gutmütigkeit aller Ronskys geantwortet: »Verschweigen werd' ich dem Papa nichts, gleich in dem nächsten Brief schreib' ich ihm, daß ich dich getroffen hab'. Aber verbieten laß ich mir den Verkehr auch nicht – weißt du, ich setze gewöhnlich meinen Willen durch beim Papa – ich versteh's, ihn bei seinen schwachen Seiten zu packen.«

Da hatte Konrad seinem jüngeren Bruder herzlich auf die Schultern geklopft und dabei gemurmelt: »Bist ein kleines Prachtexemplar, Hansi! – Na, 's ist nur recht, daß unser armer Vater wenigstens auf einen von uns stolz sein kann!«

»Aber, Konrad!« rief Hans, indem er den Aelteren zugleich mitleidig und zärtlich aus feuchten Augen anblickte. Er war tief gerührt – im übrigen war er es gewohnt, daß man ihn für ein Prachtexemplar erklärte, und fand das ganz in der Ordnung.

Abends speiste Hans bei seinem Bruder und seiner Schwägerin. Der Hofmeister war auch eingeladen worden, hatte aber, um sein pädagogisches Pflichtgefühl zu markieren, abgelehnt. Wenn er schon seinen Zögling nicht daran hindern konnte, mit Leuten zu verkehren, die seinem Brotherrn unliebsam waren, wollte er doch wenigstens beweisen, daß er in diesem Fall nicht mitgesündigt habe. Hans, der damals ein noch vom Leben ganz unberührter, unverdorbener Bursche war, empfand eine gewisse Neugier, die Schwägerin kennen zu lernen. Obgleich er noch nicht in die Einzelheiten der traurigen Familiengeschichte eingeweiht worden war, hatte er doch genug aus den an ihm vorbei geflüsterten Worten entnommen, um zu erraten, daß seine Schwägerin zu jenem weiblichen Typus gehörte, den Alexander Dumas der Jüngere so rührend in seiner » Dame aux camélias« geschildert hat. Er stellte sie sich lungensüchtig, warmherzig, vornehm und sympathisch vor.

Seitdem er heimlich, in der Sattelkammer versteckt, wo er durch die Protektion seines Freundes, des Oberkutschers, vor allen Störungen behütet worden war, die romantische Geschichte der Marguerite Gautier gelesen, hatte er sich brennend gewünscht, »eine Kameliendame« kennen zu lernen. Das Herz klopfte ihm sehr stark, als er abends in seinem Smoking – bis zu einem Frack hatte er es noch nicht gebracht –, aus dem ein prachtvoll gestärktes weißes Hemd hervorglänzte, ein Hemd, auf dem man hätte Schlittschuh laufen können, und in tadellosen Lackschuhen, ein Bild des wohlerzogenen, jungen Gentleman, in den Lift des Hotel de la Paix stieg, um sich in das Appartement Konrad Ronskys hinaufziehen zu lassen.

Der kleine Salon gehörte zu den bescheidensten des Hotels; denn da Konrad seit seiner Heirat auf sein von seiner Mutter ererbtes Vermögen angewiesen war, so waren seine Einkünfte, wenngleich ausreichend, keineswegs glänzend. Aber Hans, der in Bezug auf seine Einrichtung an eine etwas kahle und rechtwinklige Vornehmheit gewöhnt war, staunte darüber, wie geschmackvoll seine Schwägerin das kleine Gemach hergerichtet hatte. Ueberall Rähmchen mit Photographieen, Vasen mit Blumen, Nippes, golddurchwirkte Brokatlappen und Sofapolster von jeder Form und Größe – Sofapolster, in die man sich vergraben konnte –, dazu die Lampen alle mit riesigen spitzenumsäumten, rosa oder roten Seidenschirmen umschleiert, ein magisches, rötlich goldiges Helldunkel, die Luft nach Iris, Peau d'Espagne und frischen Rosen duftend.

Und während Konrad ihn mit gerührter Herzlichkeit willkommen hieß, erschien plötzlich in dem halbdunklen Zimmer etwas Wunderbares, das dem siebzehnjährigen Hans wie durch Zauber heraufbeschworen zu sein schien – seine Schwägerin! Er hatte das Gefühl, als ob sie aus einer Versenkung emporgestiegen sei.

In Wahrheit hatte sie sich nur aus einem sehr tiefen Lehnstuhl erhoben. Sie war mittelgroß, mit rotblondem, sehr sorgfältig und malerisch zugleich aufgekräuseltem Haar, das Gesicht ziemlich voll, mit großen dunklen Augen, deren fast schwarze Wimpern und Brauen Hans im Gegensatz zu ihrem roten Haar als eine besondere Schönheit an ihr bewunderte. Sie trug ein loses, langschleppendes, pelzbesetztes Kleid aus schwarzem Atlas, das Hans für einen Schlafrock gehalten hätte, wenn es nicht durch seinen Halsausschnitt und seine langen, aber sonst fast bis an die Achselhöhlen geschlitzten Aermel an eine Soireetoilette erinnert hätte, und das in der That, wie Konrad dem Bruder mitteilte, ein Tea-gown war.

Diese Tracht war dem jungen Burschen, der die weiblichen Mitglieder seiner Familie fast immer nur fest eingeschnürt, entweder im Straßenkostüm oder im Ballkleid kannte, neu. Er fand sie ebenso entzückend als befremdlich, wie die ganze Erscheinung seiner Schwägerin.

Der Hals und die Arme der Gräfin Ronsky waren ebenso schön wie die der schönsten antiken Statue, welche er im Laufe seiner Reise bewundert hatte, und hoben sich mit mattem Alabasterweiß von dem glänzenden Schwarz ihres atlassenen Gewandes ab. Ebenso schön waren ihre weißen, vollen, sorgfältig gepflegten Hände, bei denen man nicht wußte, was mehr zu ihrem Schmuck beitrug, die Brillanten, mit denen sie besät waren, oder die schmalen, mandelförmigen, rosig schimmernden Nägel, in welche die Finger ausliefen.

Sie reichte Hans eine dieser zauberisch schönen Hände, und als Hans ganz verwirrt, huldigend mit seinen Lippen darüber fuhr, gab sie ihm einen herzlichen Kuß auf die Stirn und rief: » A la Russe n'est-ce pas!«

Dem armen Hans brannten die Ohren, und Konrad lachte.

Bald lernte Hans auch noch seine Nichte Monika kennen, ein kleines Mädchen in einem weitausgeschnittenen weißen Kleid und mit fast bis an die Kniee herabhängendem Haar, in dem es wunderschön blaßgoldig schillerte.

Dann begab man sich zu Tisch in ein kleines kahles Speisezimmer, welches aber mit Blumen so reich ausgeschmückt war, daß man es für ein Treibhaus hätte halten können. Es war alles so gut und wurde so freundlich geboten, daß Hans sich ganz außerordentlich befriedigt fühlte von diesem verwandtschaftlichen Beisammensein. Seine Nichte erschien ihm als das hübscheste kleine Mädchen, das er je gesehen, und was nun gar seine Schwägerin anlangte, so war die deutsche Sprache zu arm, um ihr ausnehmend sympathisches Wesen ebenso wie ihren bezwingenden Liebreiz zu schildern.

Als Hans gegen Mitternacht, von Konrad sehr herzlich bis an die Schwelle des Hotels, in dem Hans abgestiegen war, geleitet, zu seinem Hofmeister zurückkehrte, erklärte er diesem, er habe überhaupt noch nie eine so liebenswürdige Frau gesehen wie seine Schwägerin – eine Frau, die an alles dachte, was einem angenehm sein konnte. Wenn man rauchen wollte, so standen die Zigaretten schon da, und sie hielt einem lächelnd das angezündete Streichholz hin; und wenn man Durst hatte, las sie es einem auch an den Augen ab und mischte einem die merkwürdigsten Getränke aus Champagner und Fruchteis, und zu allem, was man sagte, lächelte sie so still mit so dunkelroten Lippen und blendend weißen Zähnen.

Wenn er später überlegte, was sie gesagt hatte, so konnte er sich der Worte zwar nicht erinnern, wohl aber des Tonfalls ihrer Stimme, eines gedehnten, schwermütig melodischen Tonfalls. Sie sprach französisch mit einem starken russischen Accent. Das war entzückend. Hans hatte noch nie so schön französisch reden hören. Und ihre Liebe zu Konrad war wirklich zu rührend, und was ihre Vergangenheit anlangte, so war alles eine abscheuliche Verleumdung. Genauer hatte Konrad die Sache natürlich nicht erörtert, nur von entsetzlichen Familienverhältnissen, trauriger Jugend, großer Leidenschaft und einem Schuft, der zwischen alledem eine teuflische Rolle spielte, hatte er etwas einfließen lassen, während er dem Bruder das Geleit gab.

Im übrigen war sie eine geborene Fürstin Napraxin, und Hans hatte sich's fest vorgenommen, seinem Vater das alles zu schreiben, und war überzeugt, binnen kürzester Zeit eine Versöhnung zwischen dem Familienoberhaupt und den Konrads herbeizuführen.

So faselte der junge Phantast dem Pädagogen vor bis um ein Uhr in der Nacht.

Doktor Schwarz, der ein praktischer Kopf und verläßlicher Mensch, wenn auch ein rabiater Politiker war, ließ ihn reden, so lang sein Atem anhielt. Als er fertig war, sagte er einfach: »Hm! Verzeihen Sie einem nüchternen Menschen, der das Leben kennt, das harte Wort – aber – – alles, was Sie mir da von Ihrer Frau Schwägerin vorphantasieren, imponiert mir gar nicht – und gefällt mir noch weniger! ... Hm! hm! – Frieden wollen Sie stiften zwischen Ihrem Herrn Vater und diesem traurigen Ehepaar? Das haben Sie sich fest vorgenommen? ... Nun, ich habe mir etwas anderes fest vorgenommen. Erraten Sie, was?«

Nein, Hans erriet es nicht.

»Daß wir morgen früh abreisen werden, das hab' ich mir vorgenommen. Sehen Sie sich nur um, es ist schon alles gepackt, mein junger Freund. Wenn Sie allein hier bleiben wollen, so ist mir's ja recht – aber das Geld hab' ich, und Ihrem Herrn Vater telegraphiere ich auch!"

Und dabei blieb's. Am nächsten Tage wurde gereist. – –

Es dauerte fünf Jahre, ehe Hans den Bruder wiedersah, und zwar diesmal in Brighton, wo sich die Brüder ein Stelldichein gegeben hatten.

Die Versöhnung mit seinem Vater hatte Hans indessen nicht zu stande gebracht. Hingegen hatte der alte Herr seinem Liebling großmütig gestattet, mit dem Bruder zu korrespondieren. Er wollte Konrad nicht von allen guten Einflüssen absperren, erklärte der alte Herr.

So schrieben denn die Brüder einander. Konrad schrieb öfter als Hans; er hatte immer das Talent gehabt, hübsche Briefe zu schreiben. Manchmal auch sandte er dem Bruder ein hübsches Geschenk: einmal einen Stoß sehr interessanter Photographieen aus Kairo, ein andermal, und zwar zu Hansens zwanzigstem Geburtstag, eine sehr geschmackvolle Krawattennadel, bei welcher Gelegenheit er hinzufügte, daß seine Frau sie ausgesucht habe, ein drittes Mal einen wunderschönen weißen russischen Bärenhund, wie sich ihn Hans lange gewünscht, und wie er nur durch die Protektion eines russischen Großfürsten zu erlangen war. Aber nie, obgleich ihn Hans des öfteren darum gebeten hatte, sandte er ihm eine Photographie seiner Frau.

Weniger lange ließ das Bild seines Töchterchens auf sich warten, und da dieses eine sehr große Aehnlichkeit mit Konrad aufwies, zeigte es Hans dem alten Herrn – vielmehr ließ er es samt dem Brief, der das Bild begleitet hatte, auf dem Tische liegen, an welchem der alte Herr soeben seine Patience gemacht hatte. Kurz darauf ging er aus dem Zimmer. Als er wiederkam, war der alte Herr verschwunden – Brief und Bild mit ihm.

Sie kamen auch nie mehr zum Vorschein, und so hoffte Hans noch immer auf eine Versöhnung. Er dachte sie sich etwas romantisch und außerordentlich rührend als ein großes, edles Familienfriedensfest.

Diese Hoffnung dauerte bis zu dem nächsten Wiedersehen der Brüder, das in Brighton stattfand, wo sich Konrad bereits seit mehreren Jahren niedergelassen hatte. Als Hans, und zwar im Herbst vor seiner Promotion, nach England hinübergereist war, um sich dort ebenso wie in Schottland ein wenig Rast zu gönnen, nahm er mit großer Freude eine Einladung Konrads an, der ihn in rührend bescheidenen Worten aufforderte, ihn in seinem kleinen Heim in Brighton zu besuchen. Obgleich Hans alle Taschen voll Einführungen und Empfehlungsbriefe hatte und bereits zu den glänzendsten Grouse-Jagden in Schottland eingeladen war, so fühlte er sich doch gern bereit, seinem Bruder eine Woche von den für den Ausflug bestimmten zwei Monaten zu widmen. Er freute sich aufrichtig auf das Zusammensein mit dem Bruder – aber das Wiedersehen bot ihm eine sehr große Enttäuschung.

Nichts war von dem alten Konrad übrig geblieben als die warme, rührende und neidlose Anhänglichkeit an den jüngeren Bruder. Im übrigen war alles in seinem Wesen verwildert, erschlafft und verzerrt ...

Noch auffälliger verändert hatte sich die Schwägerin Sascha, wenigstens glich sie noch weniger dem Bilde, welches Hans jahrelang von ihr in seiner Erinnerung herumgetragen hatte. Teilweise mochte das wohl auf den Umstand zurückzuführen sein, daß Hans sie, anstatt in einem rosig durchschimmerten Halbdunkel, jetzt bei Tageslicht sah und infolgedessen deutlich bemerken konnte, wie stark sie geschminkt war. Auch zeigte sich ihre Gestalt in enganliegenden Morgenkleidern bereits ziemlich schwerfällig, besonders um die Hüften herum. Im übrigen hatte sie noch immer ihren angenehmen Tonfall in der Stimme und ihre schönen, weichen, weißen Hände mit den vielen blitzenden Brillantringen und den rosig schimmernden, mandelförmigen Nägeln – aber...

Die ersten Tage waren geradezu langweilig. Die Konrads wohnten in einem kleinen Hause mit einer engen Treppe, das übrigens hübsch eingerichtet war, viel sorgfältiger und appetitlicher, als es Hans in Oesterreich, selbst in größeren Häusern, gesehen hatte. Besonders gefiel ihm das ebenerdige Wohnzimmer, welches auf die See hinaussah, mit seinem großen Erker, mit seinem hellen Teppich, seinen grünen Topfpflanzen, seinen leichten, bequemen, verschiedenfarbigen Möbeln.

Der ganze Haushalt machte eher einen spießbürgerlichen Eindruck. Das Essen war schlecht, und Sascha beklagte sich beständig über ihre Dienstboten.

Man machte einen Spaziergang auf den Pier, das heißt die beiden Brüder machten ihn; denn Hans entdeckte sehr bald – und es war ihm eine unangenehme Ueberraschung – daß Konrad es sorgfältig vermied, sich außerhalb seines Hauses mit seiner Frau zu zeigen.

Abends kehrte die kleine Monika von einem Besuch bei Freunden zurück. Sie kam auf Hans zugeschossen wie ein Blitz und küßte ihm die Hand – eine Zärtlichkeit, die er dadurch erwiderte, daß er sie in die Arme nahm und tüchtig abherzte. Ohne eine regelmäßige Schönheit zu sein, war sie eigentümlich und zog, wovon Hans bald Gelegenheit haben sollte sich zu überzeugen, bereits damals, kaum dreizehnjährig, die Blicke der Männer auf sich.

Von der Mutter schroff behandelt, vom Vater verzogen, in ihrer Bildung sehr zurück für ihr Alter, that sie Hans leid. Gleich den ersten Tag schloß er ein Schutz- und Trutzbündnis mit ihr, und sein größtes Vergnügen bestand darin, mit der Kleinen auszureiten.

Hans hatte noch nie ein Kind so reiten sehen! Ein Kind ...? Trotz ihrer gänzlich unentwickelten Figur hatte sie bereits damals etwas bezaubernd Weibliches an sich. Hans konnte nicht aus ihr klug werden, und eben darum interessierte sie ihn.

Im übrigen wurde ihm sein Aufenthalt bei den Konrads täglich unerquicklicher. Den ersten Tag kam niemand. Den zweiten Tag kamen drei Gäste, den dritten Tag zählte er sie nicht mehr. Es kamen nur Männer; sie spielten Karten mit Konrad. Offenbar hatte sie Konrad dem Bruder zu Ehren anfänglich fern halten wollen, dann aber nicht die moralische Kraft dazu gefunden, seine Lieblingsbeschäftigung zu entbehren.

Freilich hatte er die ersten zwei Abende nur Whist spielen lassen; aber schon am dritten hatte man angefangen, sich Hazardspielen zuzuwenden. Auf allen Tischen standen Gläser mit heißem Grog. Der Geruch von Spirituosen mischte sich mit dem Duft von Iris und Peau d'Espagne, dessen sich Hans von Florenz her erinnerte.

Und in dieser schwülen Atmosphäre bewegte sich Sascha des Abends ganz wie in Florenz mit ihrem schwermütig schleppenden Tonfall in der Stimme und mit ihrem malerisch losen Tea-gown. Sie hatte noch immer das alte Geschick, ihren Gästen alle ihre Wünsche vom Gesicht abzulesen und träg hingleitend immer mit derselben schwermütig apathischen Anmut für Bequemlichkeit und Bewirtung zu sorgen.

Aber die Zuvorkommenheit, welche Hans im höchsten Grade entzückt hatte, als er ihr einziger Gast gewesen, infolgedessen in ihrer Bereitwilligkeit, ihn zu bedienen, eine halb mütterliche, halb schwesterliche, ihn persönlich auszeichnende Verwöhnung gesehen – dieselbe Zuvorkommenheit stieß ihn ab, als er bemerkte, daß sie sich auf alle Gäste erstreckte. Es lag etwas von einer odaliskenhaften Willfährigkeit darin.

Sie spielte nie; wenn sie die Herren bedient hatte, so lehnte sie sich bequem in einen recht weichen Fauteuil zurück, rauchte eine Zigarette nach der andern und legte sich die Karten oder schnitzelte an ihren Nägeln. Manchmal las sie einen Roman dabei oder blätterte in einer illustrierten Zeitung.

Hans erschrak, welche Art von Lektüre sie liebte und welcher Art die Abbildungen in den Journalen waren, die sie unbefangen herumliegen ließ.

Sie hatte eine große Vorliebe für alles Sentimentale, dabei aber nicht den elementarsten Begriff von irgend einer Moral oder Anstandsgrenze. Am groteskesten waren ihre Ansätze zu einer umständlichen und weit ausholenden Prüderie, welche sie offenbar zur Auferbauung des jungen Schwagers von Zeit zu Zeit zum besten gab.

Das alles war, Hans äußerst widerwärtig – am widerwärtigsten wegen des jungen Mädchens, der Tochter Konrads, die fröhlich und unbefangen zwischen all dieser Liederlichkeit herumschwirrte.

Er wunderte sich darüber, daß ihm nicht sofort die lasciven Chromolithographieen und wollüstigen Aquarelle und Ölskizzen aufgefallen waren, welche an den Wänden hingen und ihm als ein ganz unstatthafter Wandschmuck erschienen in einem Hause, in welchem ein junges Mädchen heranwuchs.

Eines Abends nach dem Diner, da Sascha die Brüder nach englischer Sitte allein gelassen hatte, machte er Konrad darauf aufmerksam. Aber Konrad, der sich jetzt jeden Tag bei Tisch in eine aufgeregte Gemütsstimmung hineintrank, antwortete ihm auf seine Bedenken mit einem ebenso unsinnigen als heftigen Ausfall gegen gezierte Komtessenerziehungen, und mit schauerlichen Schilderungen der Resultate, welche man durch diese blödsinnigen sittlichen Verkümmerungssysteme erreiche. Er hatte eine große Sammlung unsauberer Geschichten auf Lager, die alle Zeugnis ablegten für die verheimlichte Immoralität der jungen Mädchen und Frauen aus der guten Gesellschaft. Ein häßliches Wort jagte das andere – es war wie ein Strom von Kot, der ihm von den Lippen floß.

Als er sich müde geschimpft hatte, begegneten seine Augen denen des Bruders. Er wurde totenblaß, seufzte tief, als ob er etwas Versöhnliches, Entschuldigendes vorbringen wollte, blieb jedoch stumm und verließ mit gesenktem Kopf und schleppendem Schritt das Zimmer.

Den nächsten Tag, als Hans in den Salon herunterkam, waren die unanständigen Bilder zugleich mit der leichtfertigen Litteratur verschwunden.

Zur Unbehaglichkeit des Hauswesens trug noch beträchtlich der Umstand bei, daß es schon nach den ersten zwei Tagen, während deren eine feierlich langweilige Paradestimmung geherrscht, fast bei jeder Mahlzeit zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Gatten kam, und die Gleichgültigkeit, mit der Monika diesen Lärm um ihre Ohren herumsausen ließ, ohne sich auch nur im geringsten in ihrer Eßlust stören zu lassen, bewies, daß solche Auftritte bereits seit längerer Zeit zu den alltäglichen Ereignissen gehörten.

Erst nach einiger Zeit merkte Hans, daß die Eifersucht Konrads die Ursache dieser heftigen Ausbrüche war. Einmal kam er dazu, wie Konrad seine Frau am Oberarm gepackt hatte und sie wie wahnsinnig gegen ein Möbel stieß. Als er den jüngeren Bruder erblickte, ließ er die Frau los und wies sie nur mit einer herrischen und verächtlichen Gebärde zur Thür hinaus. Dann sein Gesicht mit den Händen bedeckend, warf er sich in einen Stuhl, und beide Ellbogen auf den Tisch stützend, schluchzte er wie ein Verzweifelter.

Wie ein Blitz tauchten in Hans allerhand Erinnerungen an kleine Einzelheiten auf, die er bis dahin hatte unbemerkt an sich vorübergehen lassen. Er entsann sich eines großen, blonden, schönen jungen Menschen, der öfter als die anderen gekommen war, mit dem er sich besser als mit den anderen Stammgästen des Hauses vertragen und den er für einen besonderen Freund Konrads gehalten hatte. Er war weitaus der anständigste in der ganzen Gesellschaft, ein junger Mensch aus sehr gutem Hause: Lord Edward Medway.

Nach einer Weile hob Konrad den Kopf und begann zu reden, explosionsweise, immer ein Stoß Worte und dann ein Fluch – eine widerliche Anschuldigung nach der andern häufte er auf seine Frau.

Hans war wie versteinert. Zweiundzwanzig Jahre alt und in kerngesunden Familienverhältnissen aufgewachsen, hatte er sich seine Lebensansichten etwas konventionell, aber doch grundanständig gestaltet. In schnurgeraden Linien liefen sie über Stock und Stein auf ein würdiges Ziel, ohne mit dieser Schwäche zu paktieren oder gegen jene die Augen zu schließen.

Für ihn gab es in diesem Fall nur ein Entweder – oder.

»Wenn das, was du sagst, wahr ist,« sagte er, sich verlegen räuspernd, als sein Bruder geendigt hatte, »so hast du nur eins zu thun: dich so bald als möglich scheiden zu lassen. Ich glaube, daß es für dich in jedem Fall das Beste, ja daß es das Einzige ist, was dir eine Rückkehr ins Vaterhaus ermöglichen kann. Die Scheidung ist geboten; denn solche Auftritte wie der, von dem ich soeben das Unglück hatte, Augenzeuge zu sein, die sind keines anständigen Menschen würdig!«

»Anständiger Mensch ...« murmelte Konrad; dann sich über die rotgeweinten Augen fahrend: »du hast ganz recht. Eine Scheidung ist das einzig Mögliche. Ich werde noch heute mit ihr« – er preßte in das Wort so viel Verachtung hinein, als Platz darin hatte – »ich werde noch heute mit ihr darüber reden!«

Die Scene hatte am Vormittag stattgefunden. Hans erklärte seinem Bruder, er werde, um ihm Zeit zu gönnen, sich ungestört über diese unangenehme Angelegenheit mit Sascha auszusprechen, nach London fahren und erst gegen Abend zurückkehren. »Das Beste ist, ihr beide, du und die Kleine, reist dann mit mir nach Böhmen. Daß euch der Papa sofort aufnehmen wird, darf ich euch nicht versprechen – aber Leontine wird sich gewiß herzlich freuen, euch bei sich zu sehen. Und ich bin überzeugt, wenn der Papa einmal einsieht, daß deine ganze Ehe als eine schwere, traurige, aber überstandene Krankheit hinter dir liegt, so wird er dir verzeihen und dich mit offenen Armen empfangen."

Konrad sagte »ja« und streckte sich erschöpft auf einem Sofa aus. Dabei fing er an, die Augen schließend, wie jedesmal, wenn auf seine Jugend die Rede kam, von schönen, längst vergangenen Dingen zu sprechen: von Eichenwäldern, von dem Geruch frischer Kirschenblüten im Frühling und von dem Duft welkender Erdbeerblätter im Herbst – von allem, was rein und unschuldig war ...

Hans ließ ihn reden, bis die Worte ihm gleichmäßiger von den Lippen fielen und der Atem seine Brust regelmäßiger auf und ab hob. Dann sagte er ihm adieu und stieg in sein Zimmer hinauf, um sich zurecht zu machen und nach London zu fahren.

Hans war sehr aufgeregt. Er lunchte im Savoy-Hotel oder vielmehr bestellte er sich dort ein Lunch, das er stehen ließ. Dann verfügte er sich in die Nationalgalerie; aber auch hier schleppte er sein aufgeregtes Gefühl mit und ging ebenso unempfänglich an den Kunstgenüssen vorbei, als er appetitlos vor seinem Gabelfrühstück gesessen hatte. Seine jugendliche Einbildungskraft zauberte ihm die fürchterlichsten Bilder vor. Er erschrak vor jedem Stückchen roter Farbe, das sich durch ein unheimliches Spiel seiner Einbildungskraft sofort zu einer Blutlache vergrößerte.

Eine unaussprechliche Angst schnürte ihm die Kehle zu. Er ahnte tragische Katastrophen: irgend jemand mußte der schwülen Stimmung in dem kleinen Haus in Brighton zum Opfer fallen.

Schließlich setzte sich die Angst vor einem Doppelselbstmord in ihm fest. Er konnte es nicht mehr aushalten in London, nahm den ersten Zug, den er erreichen konnte – einen viel früheren, als er es anfangs vorgehabt hatte.

Als er bei dem Hause, welches die Konrads bewohnten, angelangt war, erwartete er die äußeren Anzeichen von etwas Unheimlichem wahrzunehmen: eine Menschengruppe, die sich mit vorgestreckten Hälsen etwas Schreckliches erzählte, offene Thüren, herabgelassene Stores ...

Aber nein – die Hausthür war geschlossen, die Fenster blinkten unverdunkelt auf den Strand hinaus.

Immer noch hochklopfenden Herzens und mit von dumpfem Angstgefühl wie zusammengeschnürten Handgelenken schellte er.

›Ist mein Bruder zu Hause?‹ fragte er das Hausmädchen, welches ihm die Thür öffnete.

›Yes Sir! You'll find him in the drawingroom!‹

Eine Erleichterung überkam Hans – etwas wie eine aufatmende Dankbarkeit gegen das Schicksal. Er öffnete die Thür des ebenerdigen Wohnzimmers – auf demselben Sofa, auf dem er vor wenigen Stunden den Bruder ausgestreckt gesehen hatte, zermartert von erbitterter Verachtung gegen das Weib, dem er seine Existenz geopfert hatte – auf demselben Sofa erblickte er jetzt nebeneinander sitzend, eng und zärtlich umschlungen, Konrad und Sascha. Ihr zerzauster blonder Kopf ruhte wie ermattet mit halbgeschlossenen Augen an seiner Schulter, und beide hatten rotgeweinte Augen und rotgeküßte Lippen.

Konrad sah auf; die Augen der Brüder tauchten ineinander. Blutrot vor Scham wendete sich Konrad ab. Hans trat zurück – sein ganzer junger Organismus pochte vor Ekel und Empörung.

Allerhand tragische Möglichkeiten hatte seine Phantasie ihm vorgemalt – die eine, fürchterlichste, tragischste nicht: die entwürdigende Versöhnung! ...

Obgleich es ein kühler Tag war, lief er hinunter zum Strand, um ein Seebad zu nehmen. Das Wasser war kalt, und die Wellen gingen hoch. Dennoch schwamm er weit hinaus, weiter, als es von der vorsichtigen Strandpolizei erlaubt war.

Er freute sich an dem Kampf mit der schäumenden Flut, welche kühlend um seine jungen Glieder schlug, freute sich an dem Gefühl der erwärmenden Anstrengung, das aus all dieser sausenden, brausenden Kälte herauswuchs. Mit einemmal kam es wie eine ermattende Beruhigung über das Meer; es war, als ob eine laue Strömung hindurchgezogen wäre, und ehe sich's Hans versah, hatte er die Spannkraft in seinen Gliedern abgestreift und sich aufatmend ausgestreckt auf den Wellen, von denen er sich nun willenlos tragen und schaukeln ließ, während sie ihn mit schwermütigen Schlummerliedern umrauschten. Aber mitten in seinem Behagen erschrak er vor diesem angenehmen Erschlaffen. Ein Frösteln durchzog ihn. Sollte der Keim der zur Verweichlichung neigenden Trägheit, welche an Konrads Erniedrigung schuld war, auch in seinem Blute stecken?

Rasch schwamm er ans Land.

Noch denselben Abend verließ er Brighton.

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