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Im gewohnten Geleis

Ossip Schubin: Im gewohnten Geleis - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorOssip Schubin
titleIm gewohnten Geleis
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1901
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070903
projectid362b46c1
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Solche kleine Verletzungen wirken manchmal nach ... der Heroismus, mit dem man sie anfänglich einsteckt, hält nicht vor. Es war auch unnötig gewesen, ihn lächerlich zu machen – ... im übrigen ... was ging er sie an. Nur...

Vor dem Palais Rheinsberg angelangt, forderte Marie ihre Freundin auf, mit ihr hinaufzukommen und eine Tasse Thee zu trinken.

Aber die Freundin lehnte ab. »Es war ja ausgemacht, daß du noch zu uns hinaufkommst, Olga – mein Mann freut sich auf dich," behauptete Marie.

»Als es ausgemacht war, stand unsere Tiergartenspazierfahrt noch nicht auf dem Programm," erklärte Olga. »Die Theestunde ist vorüber – adieu, ein andermal! Wenn du sehr lieb bist, borgst du mir deinen Wagen zum Nachhausefahren!"

Das verstand sich natürlich von selbst. So schieden die Freundinnen. Während Marie die hell erleuchtete, nach verdampftem Lavendelwasser riechende Treppe hinaufstieg, hörte sie zu ihrem großen Erstaunen Klavier spielen. Es tönte aus der Bibliothek her, in welcher sie ihren Gatten verlassen hatte – der Bibliothek, in welcher sie sich mit Vorliebe aufzuhalten pflegte und in welcher auch ein Bechsteinscher Flügel stand.

Ganz deutlich hörte sie's – jemand spielte mit unbeholfenen Fingern halblaut den Trauermarsch aus der »Eroika".

Sie trat ein. Ihr Mann hatte seinen Platz neben dem Kamin verlassen. Aber jemand anders befand sich in der Bibliothek. Von dem Flügel aus auf sie zu kam Hans Ronsky.

Ein maßloses Erstaunen malte sich auf ihren Zügen. Er verbeugte sich lächelnd, etwas verlegen, worauf er sich beeilte, seine Anwesenheit oder, wie er es nannte, sein »Solo-Gastspiel« in der Bibliothek zu erklären.

»Eine ganz so unbeschreibliche Frechheit, wie Sie es zu vermuten scheinen, steckt nun doch nicht dahinter,« erklärte er. »Als ich vor einer Weile hier ankam, fand ich Graf Rheinsberg, und wir plauderten sehr lebhaft miteinander. Dann wurde er müde – wollte sich aber nur unter der Bedingung zurückziehen, daß ich mich, wie er freundlich verlangte, als Verwandter benehmen und einfach Ihre Rückkehr abwarten sollte – Sie und Ihre Freundin müßten gleich ankommen, behauptete er.«

»Ach!... es war sehr nett von meinem Mann, Sie dazubehalten – aber wie Sie sehen, ist die Freundin mir treulos geworden,« erklärte Marie. Als er aber hierauf nach seinem Hut greifen wollte, entgegnete sie ihm: »Seien Sie nicht thöricht, ich bin kein ängstlicher Backfisch, sondern eine sehr vernünftige Frau – eine Frau, die heute zweiunddreißig Jahre alt geworden ist –" fügte sie nicht ohne Ueberwindung hinzu, und dabei warf sie einen Blick nach dem Nebentisch, auf dem zwischen Maiglöckchen und Rosensträußen der Kuchen mit den zweiunddreißig Lichtern stand.

»Nebenbei bin ich eine hungrige Frau,« fügte sie hinzu, »ich werde sofort Thee trinken und mich freuen, wenn Sie mir dabei Gesellschaft leisten wollen.«

Dann nahm sie in dem Lehnstuhl Platz, den ihr Mann eben verlassen hatte. Ronsky setzte sich ihr gegenüber. Um weniges später tranken sie Thee und plauderten ungezwungen und lebhaft.

Für heute hatte er auch jede Spur von Pose und Prätension abgestreift, im Gegenteil zeigte sein ganzes Wesen etwas einschmeichelnd Einfaches, Bescheidenes, Knabenhaftes, fast Kindliches, das sehr für ihn einnahm.

»Ich wußte gar nicht, daß Sie so musikalisch sind,« sagte Marie unter anderem, auf seinen klassischen Klaviervortrag anspielend.

»Ich liebe alle Künste,« sagte er.

» Rather a sweeping assertion," lachte sie, und dann mit gutmütiger Bosheit fügte sie hinzu: »Sie lieben alles, was den idealen Inhalt des Lebens vermehrt!«

Ihre Augen begegneten einander. Er fing an zu lachen.

»Die Parodie ist Ihnen vortrefflich gelungen,« meinte er, »aber die Bosheit ist Ihrer nicht wert – Sie haben mich neulich ganz genügend abgetrumpft.«

»Eigentlich haben Sie recht!« gab Marie zu, »und denken Sie, es hat mir nachträglich leid gethan, Ihnen den kleinen Klaps versetzt zu haben!«

»Klein?« wiederholte Hans und zog humoristisch die Brauen in die Höhe.

»Klein oder groß – er hat mich gereut,« fuhr Marie fort. »Ich dachte mir, Sie hätten mir ihn doch übel genommen, und der Umstand, daß Sie so lange zögerten, bei uns zu erscheinen, sei auf meine Bemerkung zurückzuführen.«

»Allerdings in gewissem Sinn,« erklärte Hans lächelnd, »aber nicht darauf, daß Sie mir die Rüge erteilt, sondern darauf, daß ich sie verdient hatte.«

»Ja, wenn Sie die Sache so auffassen wollen, da werden wir sehr gute Freunde sein!« erklärte Marie und reichte ihm die Hand.

»Sie müssen mir helfen, Ihrer Freundschaft würdig zu werden,» sagte er ernst, indem er die weiße Hand an seine Lippen führte.

Wenn er, was seine politischen Führerfähigkeiten betraf, gegen die Meinung, welche seine Standesgenossen davon hegten, zurückstehen mochte, so besaß er hingegen ein Talent, das noch lange nicht genug anerkannt war – das Talent, sich bei Frauen einzuschmeicheln.

»Wir wollen sehen, was sich thun läßt,« erwiderte sie gerührt.

Und er fuhr fort, auf sich zu schimpfen, was häufig die geschickteste Art ist, sich in ein glänzendes Licht zu stellen.

»Ich habe mich neulich doch gräßlich patzig gemacht,« sagte er. »Wissen Sie, Gräfin, die Tonart, in welcher bei Ihnen die Konversation geführt wird, war mir neu. Sie waren alle so schrecklich gescheit, da wollte ich mich auch etwas bemerklich machen. Wie es ausgefallen ist, haben Sie mit erlebt,«

»Ach, es war nicht so arg!« versicherte sie ihm. »Außerordentlich komisch war mir's nur zuzuhören, wie mein Mann Ihnen Opposition machte – wie er mit Nüchternheiten renommierte aus Widerspruchsgeist.«

»Das hatte ich eben nicht begriffen,« sagte Hans mit drolliger Treuherzigkeit, »jetzt kommt mir das ungewöhnlich dumm von mir vor. Was ist Graf Rheinsberg doch für ein merkwürdiger, großartiger Mann! Sie glauben gar nicht, wie viel neue Lichter mir aufgegangen sind in der halben Stunde, die ich heute abend mit ihm verplauderte. Es freute mich, Gelegenheit zu haben, mein Peccavi auch ihm gegenüber abzubeten. Wir sind sehr gut auseinander gegangen!«

»Das scheint, sonst hätte er Sie nicht aufgefordert, mich zu erwarten.« »Er ermutigte mich, wie schon gesagt, dazu, mich ganz als Verwandter zu fühlen in seinem Hause,« begann Hans mit Nachdruck. »Aber ich warte natürlich noch Ihre Erlaubnis dazu ab.«

»Es soll mich freuen ... Hans,« sagte sie. »So heißen Sie doch,« und dann setzte sie hinzu: »ich heiße Marie.«

Indem schlug die Uhr am Kamin Mitternacht.

Marie stand auf. »Wollen Sie es Ihrer Cousine sehr verübeln, wenn sie Sie jetzt hinauswirft?« fragte sie lächelnd. – »Auf Wiedersehen!« fügte sie hinzu, und er wiederholte: »Auf Wiedersehen!«

Dann war er fort. Marie stieg die Treppe hinauf in ihr Schlafgemach. An der Thür des Zimmers ihres Mannes blieb sie stehen. Durch das Schlüsselloch drang Licht – sie pochte leise an die Thür.

»Wer ist's?« tönte es von drinnen.

»Ich, Marie!«

»Sehr willkommen!«

Marie trat ein. Durch Kissen hoch aufgestützt, lag Graf Rheinsberg in seinem Bett und las. Als seine Gattin eintrat, legte er das Buch weg. »Es ist sehr freundlich von dir, daß du dich noch hereinbemühst, mir gute Nacht zu wünschen,« meinte er.

»Ich wäre schon längst gekommen,« erklärte sie, »aber du hattest mir unten einen Besuch zurückgelassen, dem ich mich widmen mußte. Ich habe ihn soeben fortgeschickt.«

»Ah!... Hoffentlich hat er dich nicht gestört,« bemerkte Rheinsberg, »ihm schien schrecklich darum zu thun, dich noch zu sehen ...«

»Er ist ein komischer Kindskopf,« lachte Marie.

»Ja, das ist das Sympathischste an ihm,« murmelte der alte Graf. »Der unbewußte Charlatan war heute ganz verschwunden, und an seine Stelle war ein famoser Junge getreten. Ich hab' ihn entschieden ein wenig zu hart beurteilt. ... Ich hoffe, wir werden recht viel von ihm sehen. Hm! Aber eine Regeneration des österreichischen Staatswesens erwarte ich noch immer nicht von ihm. Einer, der seinen Namen mit fetten Buchstaben in die Weltgeschichte schreibt, ist er nicht!«

»Du magst recht haben. ... Gute Nacht!« Damit verschwand Marie. Diese letzte Bemerkung ihres Mannes fand sie unnötig.

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