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Im gewohnten Geleis

Ossip Schubin: Im gewohnten Geleis - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorOssip Schubin
titleIm gewohnten Geleis
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1901
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070903
projectid362b46c1
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Zweites Kapitel.

Die Luft war kalt und die Sonne war krank – Marie fror beständig innerlich und äußerlich.

Das dauerte viele Monate so, man glaubte schon, sie würde der Mutter nachsterben. Aber die Jugend siegte schließlich über das Leid.

Die pekuniären Verhältnisse waren indessen derart traurig geworden, daß Baron Berg sich genötigt sah, seine Ausgaben nach allen Seiten hin einzuschränken, weshalb er eines schönen Tages Miß Smith, Maries Gouvernante, mitteilte, daß er leider nicht mehr in der Lage sei, seiner Tochter eine Erzieherin zu halten.

Aber die Engländerin verzichtete auf jedes weitere Honorar und blieb in Sanssouci.

Es war ein Glück für Marie. Sie hatte jahrelang kaum einen anderen Umgang. Die Folgen ihrer Einsamkeit wurden eine starke Verinnerlichung ihres Wesens und ein Hang zur Ueberspanntheit. Sie hatte etwas mehr gelernt als andere junge Mädchen und unberechenbar mehr gelesen. Sie war noch nicht hübsch – versprach es aber zu werden, und sie hatte einen großen Durst nach Glück, der sich in den verschiedenartigsten und unklarsten Wünschen äußerte. Den Traum, den alle jungen Mädchen träumen, einem geliebten Mann den Himmel auf Erden zu bereiten, träumte sie nicht.

Die Ehe ihrer Eltern, die nicht nur von Anfang an eine Liebesheirat gewesen, sondern es auch bis zum letzten Atemzuge der armen Baronin Berg geblieben war, hatte sie von allen sentimentalen Illusionen abgeschreckt. Sie hatte nur eine Sehnsucht – aus all der Enge ins Freie – aus dem Dunkel ans Licht – aus der Kümmerlichkeit in ein großes glänzendes Leben hinein!

Die Not, die einengende, drückende, verdunkelnde, lag über Sanssouci, dessen heiterer Name in dieses Sorgenwirrsal wie eine bittere Ironie hineinklang.

Einem bösen, jede Hoffnung brachlegenden Genius, gleich, kauerte sie um das Schlößchen, alle Auswege versperrend.

Es war die Not mit geflickten Schuhen und ausgewachsenen Kleidern, die demütigende, erniedrigende Not, die einen von dem Verkehr mit seinesgleichen abschließt – nirgends ein Lichtstrahl – das Gefühl, als ob man in einem enger und enger werdenden, finsteren Gang weiterkriechen müsse, bis zum Erfrieren, Ersticken oder Verhungern – das Gefühl des Lebendigbegrabenseins.

Seiner unbeholfenen, passiven Natur gemäß keines. Aufschwungs fähig, dazu durch seine verwöhnende Kavalierserziehung verweichlicht, durch die Nachsicht seiner Frau erschlafft, äußerte sich der einzige Versuch des Freiherrn, die Sachen zurechtzurücken darin, daß er sich einem ganz unvernünftigen Sparsystem hingab. Er verabschiedete alle seine höheren Beamten, um die Regie einzuschränken, aber anstatt die Fehlenden durch Anspannung seiner eigenen Kräfte zu ersetzen, streckte er sich auf seinem Diwan aus, brütete über sein trauriges Geschick und ließ die niedrigen Diener in unbeaufsichtigter Dummheit oder Gewissenlosigkeit wirtschaften und faulenzen, wie sie wollten.

Nur an den Samstagen im Sommer, den Tagen, wo die Auszahlung stattfand, schwang er sich zu einer Vorspiegelung unheimlicher, phantastischer Thätigkeit empor. Hinter einem mit Kleingeld belasteten Tisch saß er auf der Terrasse von Sanssouci und folgte, in Ermangelung des heroisch abgeschafften Verwalters, den Tagelöhnern eigenhändig den Lohn für ihre Wochenleistung aus.

Auf den Stufen der Terrasse hockten mit abgespannten Gesichtern und sonnverbrannten Händen die Tagelöhner und Tagelöhnerinnen – und auf der steinernen Balustrade, welche die Terrasse umschloß, grinsten steinerne Kobolde und Zwerge, allerhand an versteinerte Hofnarren erinnernde stilvolle Ungeheuer, höhnisch und belustigt um den letzten der Bergs herum. Manchmal amtierte er im Schlafrock und zu anderen Malen in einer verschlissenen Husarenuniform.

Was am schrecklichsten war an diesen Samstagen, das war die Aufregung, die ihnen voranging, dieses hilflose, auf den letzten Augenblick hinausgeschobene Haschen und Suchen nach barem Gelde. Alles, was in Sanssouci veräußerlich war, Maries von ihrer Mutter ererbter Schmuck, ein paar alte Bilder und des Barons vertrocknetes Riemen- und Sattelzeug – alles wurde nach und nach für die Samstage geopfert.

Als alle Zitronen um ihn herum ausgequetscht waren, that sich der Freiherr nach ergiebigeren Geldquellen um. Der Getreidehändler des nächsten Ortes trat in seine Rechte. Er verlangte sehr hohe Prozente, aber er war von einer fast unerschöpflichen Gefälligkeit.

Von Zeit zu Zeit kaufte er dem Freiherrn, immer noch aus Gefälligkeit, ein Stück Feld ab oder ein Stück Wald. So verschleuderte der Freiherr nach und nach alles, was von seinem Gute abtrennbar war, um einen Spottpreis. Er hatte nie rechnen können und bildete sich etwas darauf ein. Er war überhaupt sehr zufrieden mit sich, führte alle seine pekuniären Unbequemlichkeiten auf den Umstand zurück, daß er immer ein anständiger Mensch gewesen war, und nannte sich, da er überhaupt die Gewohnheit hatte, in der dritten Person von sich zu reden, mit Vorliebe den »letzten Ritter« – und manchmal den »letzten Kavalier«.

Und die Not wurde immer ärger. Aber manchmal schien die Sonne doch zwischen die alten Lindenkronen hinein, welche Sanssouci umschatteten. Die Regenbogen reichten bis zur Erde, und wilde Blumen schmückten die verwahrlosten Rasenplätze. Der Sturm rauschte über blühende Akazien hin, und die ganze Luft um Sanssouci herum duftete nach Träumen.

Wenn nur nicht der Winter gewesen wäre, der öde, zusammenkrampfende Winter – und der windige, kotige Herbst!

Der Sommer war immer schön in Sanssouci – aber die kalte Jahreszeit war nicht zum Aushalten traurig.

In den letzten Jahren vor Maries Heirat knauserte der Baron sogar mit Heizmaterial. Um Holz zu ersparen, heizte er mit den alten Rokokomöbeln.

Ein Zusammenbruch der gräßlichen Wirtschaft wurde täglich erwartet. Marie sehnte sich danach wie nach einer Befreiung.

Manchmal dachte sie daran, Schauspielerin zu werden. Sie hatte schon das halbe Gretchen und die ganze Jungfrau von Orleans auswendig gelernt. Aber sie hatte doch das Gefühl, daß aus dem allem nichts werden würde, daß es ihr an dem rechten Talent fehle.

Die einzige Kunst, zu der sie ebensoviel Neigung als Befähigung besaß, war die Musik. Sie scheute kein Opfer, um sich darin zu vervollkommnen. Zweimal in der Woche fuhr sie nach Prag, um Klavierstunden bei einer vorzüglichen Lehrerin zu nehmen.

Eine Stunde zu Wagen, eine Stunde Bahn und dann noch das Zufußlaufen in der Stadt! Aber sie war tapfer. Es focht sie nichts an. Die Musikstunden waren der Fleck blauen Himmels in ihrem von Sorgen verfinsterten Leben.

Ein Tag kam, an dem Baron Berg erklärte, die Klavierstunden und das Hineinfahren in die Stadt sei ein Luxus, den sie sich »vergehen lassen müsse«.

Ihr war's, als hätte man neben ihr das letzte Licht ausgelöscht. Von nun an tappte sie gänzlich im Dunkeln.

Und wie einem plötzlich Erblindeten zauberte ihr die von nun an ausschließlich auf sich selbst angewiesene Phantasie die herrlichsten Bilder vor. Ihre Mutter hatte ihr oft von der Pracht ferner Länder, von den wunderbaren Kunstschätzen Italiens, von den durch den Hintergrund einer tropischen Vegetation erhöhten Reizen der Architektur in Südspanien, von dem dämonischen Blendwerk der französischen Hauptstadt erzählt, Herrlichkeiten, die die Mutter nur flüchtig als junges Mädchen kennengelernt. Sie hatte Marie erläuternde Bilder gezeigt.

Die Bilder hatten sich Maries Seele eingeprägt, sie glitten vor ihrem Auge hin wie eine Fata Morgana, in der köstlich reine Quellen unter schattenden Palmen hinrieseln – vor den Augen eines Verdurstenden.

Sie war wie ein feuriges junges Tier, das man mit einem Strick an einen Pflock festgebunden hatte.

Sie riß und zerrte an dem Strick, ungeduldig zu Anfang, als noch die Verzweiflung im Kampf mit der Hoffnung lag. Dann aber ging auch das zu Ende, eine gänzliche Stumpfheit war über sie gekommen, ein gleichgültiges, von einem Tag zum anderen Hinleben, als sich plötzlich die Sachlage änderte, und zwar durch eine Schwester des Barons Berg, die als ein gutmütig geschäftiger Deus ex machina in der Gegend auftauchte.

Sie war eine der wenigen Angehörigen des Barons Berg, die sich nicht von ihm zurückgezogen hatten. Er hatte nämlich nie versucht, von ihr Geld zu borgen. Und als Graf Rinkberg zum Oberst befördert und in eine von dem Schlößchen Sanssouci kaum eine Stunde entfernte Garnison versetzt worden war, lag nichts vor, was dem Verkehr der Schwäger verstimmend entgegengetreten wäre.

Die Oberstin nahm sich sofort Maries an, that, was sie konnte, sie »aufzumischen«, versuchte natürlich auch Marie zu verheiraten. Damit aber ging es nicht so flott von statten, als es die gutmütige Oberstin eigentlich gehofft. Im »Regiment« fand Marie keinen Anklang. Die Offiziere fanden sie zu ernst, zu gescheit, sie war ihnen, wie sie sich ausdrückten, »zu hoch«.

Außerdem hatte sie kein Vermögen, und wenn man schon eine uneigennützige Dummheit beging, so beging man sie lieber für eine üppige und ungebildete Müllerstochter, die man kompromittiert hatte und für die man sich schließlich nach Ostgalizien versetzen ließ.

Außer der Zukunft Maries machte der gutmütigen und lebenslustigen Oberstin nur noch ein einziger Umstand Sorge, und zwar ihre täglich zunehmende Korpulenz. Sie hatte einmal eine so schöne Figur gehabt.

Ihr Arzt, den sie wegen ihrer sich bedenklich ausbreitenden Körperfülle zu Rate zog, schlug Marienbad vor, und dorthin begab sie sich und zwar in Gesellschaft ihrer Nichte. Und seltsam, Marie, die bei dem Offiziercorps in Bukow gar keinen Erfolg gehabt hatte, für die man bei den kleinen Regimentsfesten hatte Tänzer anwerben müssen, damit sie nicht sitzen blieb, wurde hier der Mittelpunkt einer interessanten Gesellschaft – ja, die Gräfin Rinkberg verdankte ihrer Nichte bald das Entgegenkommen von in- und ausländischen vornehmen Persönlichkeiten, welche sich sonst nie um die gutmütige, aber ziemlich gewöhnliche Oberstin gekümmert hätten. Herren und Damen wunderten sich über den Geist und die Haltung der Nichte einer Tante, welche trotz ihres Titels so ganz den Typus der einfachen, in Provinzgarnisonen herumsiedelnden Offiziersfrau aufwies.

Unter den Persönlichkeiten, mit welchen sich Marie besonders gut unterhielt, war ein älterer Herr, ein Diplomat, der eine große Stellung unter seinen Standes-, sowie Berufsgenossen einnahm und mehr als einmal bestimmend in die Weltgeschichte eingegriffen hatte.

Er machte opinion publique für das junge Mädchen, indem er in Gegenwart aller maßgebenden Persönlichkeiten behauptete, etwas Aehnliches an Geist, Bildung, Lebhaftigkeit der Interessen, Anmut der Erscheinung, Gesundheit des Charakters und Unverdorbenheit der Phantasie sei ihm noch gar nicht vorgekommen.

Man fing an, sich nach den Eltern Maries zu erkundigen, die berühmte Fürstin X. erinnerte sich sogar, daß Maries Mutter eine weitläufige Cousine von ihr gewesen war, daß sie sie als Mädchen sehr gut gekannt, worauf sie Marie und die Oberstin, nachdem letztere ihre Kur glücklich überstanden hatte, nach ihrem wenige Bahnstationen von Marienbad entfernten Schloß einlud.

Hier war Marie in ihrem Element. Während die Oberstin inmitten dieses raffiniert ausgeklügelten Komforts, dieser mit jedem künstlerischen Reiz ausgestatteten Umgebung ihre berühmte widerstandsfähige gute Laune verlor und ärgerlich bald über dies, bald über das lamentierte, fühlte sich Marie wohl wie ein junger Fisch, den man, nachdem er sich längere Zeit aussichtslos auf dem Grase herumgequält, endlich ins Wasser geworfen hätte.

Die Großmut der Tante und ihr eigener, fast unbegreiflich guter Geschmack hatten ihr den entsprechenden Toilettenrahmen für ihre in dieser Umgebung täglich herrlicher aufblühende Schönheit geliefert.

Sie wurde gefeiert, auf Händen getragen. Etwas im Hintergrund ihrer anderen vielfachen Verehrer, wohlwollend aufmunternd, aufmerksam beobachtend, hielt sich Graf Rheinsberg.

Nach vierzehn Tagen war der Zauber vorbei.

Marie saß mit ihrer Tante im Eisenbahncoupé. Die Oberstin atmete auf – wie korpulente Persönlichkeiten aufatmen, nachdem sie sich eines zu engen Korsetts entledigt haben.

»Na, ich bin froh, daß es vorbei ist,« sagte sie; »ich freu' mich auf meinen Schlafrock und mein Stück Rindfleisch mit Sardellensauce!«

Marie sagte nichts.

Und nun folgte eine böse Zeit. Die Stumpfheit – die letzte Zuflucht der Hoffnungslosen – war Marie benommen. Sie fühlte jeden Nadelstich in ihrer Existenz. Sie haderte gegen ihr Schicksal mit einer Bitterkeit, die sich bis ins Unwürdige verlor.

Und wenn die nicht nur gutmütige, sondern durch und durch edle Miß Smith ihr Vorstellungen darüber machte, so brach sie in Thränen aus, schämte sich, ohne die Kraft in sich finden zu können, ihrer Unzufriedenheit Einhalt zu thun.

Da, an einem unfreundlichen Septembertag, einem Tag, an dem der kalte von Regengüssen durchstrichene Wind zwischen einer sich in Rot auflösenden Erde und einem hinter Wolken verborgenen Himmel hinstrich, kam Marie aus Prag zurück, wo sie ein paar notwendige Besorgungen gemacht hatte. Ganz erdrückt von einer Last der verschiedentlichsten Pakete stieg sie aus. Sie konnte unmöglich alles selber tragen. Ein Packer half ihr. Der Wind fuhr ihr in ihren dünnen, zerknitterten, ausgewachsenen Mantel hinein.

Zu hübschen Sommer- und Abendtoiletten hatte die Großmut der Tante gereicht – aber vor der Anschaffung neuer Winterkleider war sie stehen geblieben.

Zwei Offiziere mit gelb paspelierten braunen Paletots, Bekannte aus dem Regiment ihres Onkels, grüßten sie, ohne sich ihr zu nähern. Vielleicht waren sie zu zartfühlend dazu... Marie schämte sich unsinnig, das war kindisch von ihr – aber natürlich. Hinter der Station saß Baron Berg in einem über und über mit Rot bespritzten Phaethon – auf dem Bock ein Kutscher mit rot aufgedunsenem Gesicht, Flecken an seinem drapfarbenen Paletot und Grünspan an den Knöpfen.

Baron Berg verhandelte von seinem Wagen aus heftig mit dem Getreidehändler, welcher diesmal Schwierigkeiten machte und auf die Vorschläge des Gutsbesitzers nicht mehr eingehen wollte. Berg war übellaunig und aufgeregt, er fuhr Marie an, als er sie mit ihren Paketen erblickte. Die Pakete wurden irgendwie in dem Wagen untergebracht und auf dem Kutschbock, wie's gerade ging.

Beschämt kroch Marie in den Wagen, drückte sich in den geringen Raum zurück, den der umfangreiche Pelz ihres Vaters ihr frei ließ, ein Kleidungsstück, das er so sehr liebte, daß er es jedes Jahr einen Monat zu früh aus der Kiste ziehen ließ, wo es den Sommer über in Kampfer und Insektenpulver einbalsamiert lag. Der Packer verlangte ein Trinkgeld – Marie hatte nichts mehr, und der Freiherr forderte ihn auf, zum Teufel zu gehen. Die Unterredung mit dem Getreidehändler spann sich fort.

»Ist das Ihr letztes Wort, Herr Baron?« rief der Händler.

»Ja!«

»Dann bleibt's auch bei meinem, ich bin nur ein armer Geschäftsmann, aber ein gewissenhafter – und wenn der Herr Baron ...!«

Er hatte die Hand auf das Kotleder gestützt und steckte seinen zugleich gierig und unterthänig grinsenden Kopf in den Wagen hinein.

Der Baron ließ zufahren, der Händler prallte mit dem Dach des Wagens zusammen und fiel der Länge nach in eine Pfütze.

»Um Gottes willen!« rief Marie.

»Geschieht ihm recht, dem Hund,« grollte der Baron, indem er sich selbstzufrieden den Schnurrbart streichelte.

Er freute sich offenbar darüber, dem Geschäftsmanne einen Schimpf angethan zu haben. Er gefiel sich in seiner Rolle als »letzter Ritter«.

Der Wagen rempelte gegen einen Prellstein. Baron Berg merkte, daß der Kutscher betrunken war. Er machte ihm heftige Vorwürfe – der Betrunkene antwortete. Es kam zu einem lauten Wortwechsel, bei dem der Freiherr dem Kutscher verschiedene Ochsen und Schweine an den Kopf schleuderte, schließlich aber dem Rüpel gegenüber immerhin den kürzeren zog, da ihm dieser die Zügel hinwarf und mit den in flämischer Sprache herausgeplärrten Worten: »Die schöne Equipage kann sich der Herr Baron selber kutschieren!« vom Bock heruntersprang.

Baron Berg bestieg nun selber den Kutschbock in seinem geliebten, mit einem flatternden Kragen ausgestatteten und mit Biber ausgeschlagenen Bojarenpelz und seiner mottenzerfressenen Bibermütze.

Die Scene trug sich auf dem Marktplatz zu, gerade vor dem Offizierskasino – die beiden Offiziere, welche Marie bereits am Bahnhof salutiert hatten, gingen vorüber und lächelten. Marie hätte unter die Erde sinken mögen.

Endlich kam man zu Hause an. In der schlecht verwahrten, von Zuglüften durchschnittenen Wohnung konnte sich Marie nicht erwärmen. In ein dickes Tuch eingehüllt, saß sie Miß Smith gegenüber an dem Mittagstisch, während ihr Vater die mitgebrachte Posttasche durchstöberte.

Obgleich ihm die Post fast nie etwas anderes als die eingelaufenen Rechnungen und die Zeitung brachte, harrte er dem Postsack doch stets mit derselben Spannung entgegen, prüfte dessen Inhalt mit derselben Aufmerksamkeit, als ob er darin die Nachricht zu finden erwarte, daß er das große Los gewonnen habe.

»Ein Brief für dich,« sagte er, indem er, verdrießlich über die sich alle Tage erneuernde Enttäuschung, den Postsack wegwarf. »Von wem?«

Marie kannte die Schrift nicht. Etwas unruhig riß sie den Brief auf. »Graf Rheinsberg,« murmelte sie, die Unterschrift entziffernd. Dann begann sie zu lesen. Plötzlich wurde sie erst rot, dann weiß.

»Was ist dir?« fragte der Vater.

Sie legte die Hand an die Stirn. »Nichts, nur – Graf Rheinsberg fragt mich, ob ich mich entschließen könnte, seine Frau zu werden.« – –

Sechs Wochen später wurden sie getraut, Marie von Berg und Wilhelm Graf Rheinsberg, in der kleinen Kapelle im Park von Sanssouci, und zwar an einem kalten Novembertag, kurz vor dem Advent. Ein paar Blätter klammerten sich noch verzweifelt an die Aeste, wehrten sich gegen den Herbststurm, der die Bäume her und hin bog. Aus einer bleigrauen Wolke fielen Schneeflocken, die den Weg zur Erde nicht finden konnten.

Marie stand in ihrem Schlafzimmer vor einem alten, blinden Stehspiegel, der alles schief zog, hinter ihr die Tante und die alte Kammerjungfer, die ehemals ihre Kinderfrau gewesen war. Das Brautkleid wollte nicht sitzen, Tante und Kammerjungfer zupften daran herum. Marie ließ sie gewähren, warf nur hie und da einen Blick in den Spiegel, um sich über das Resultat ihrer Anstrengungen zu unterrichten, zuckte die Achseln und murmelte: »Sonderbar.«

»Was soll sonderbar sein?« fragte die Tante.

»Daß Graf Rheinsberg mich heiraten will,« erwiderte Marie. Sie sprach von ihrem weißhaarigen Bräutigam als Graf Rheinsberg bis an die Stufen des Altars.

»Und warum soll das sonderbar sein?« fragte etwas ärgerlich die Tante. Auf ihren Lippen schwebte es: »Viel sonderbarer finde ich, daß du ihn heiraten willst.« Diese Bemerkung aber verschluckte sie.

»Warum es mir sonderbar vorkommt?« murmelte Marie. »Weil ich nicht begreife, was ihm an mir gefallen kann.«

»Was ihm an dir gefallen kann?« wiederholte die Tante. Und wieder drängten sich eigentümliche Bemerkungen auf die Lippen der älteren Frau, und wieder schwieg sie, weil sie fühlte, daß, wenn sie einmal anfing zu reden, sie zu viel sagen würde.

Hinter Tante und Kammerjungfer stand Miß Smith in einem uralten, dünnen, raschelnden, grauen Seidenkleid, das nach Kampfer, Lavendel und Moder roch, und wischte sich verlegen ganz kleine Thränen von beiden Seiten ihrer scharf geschnittenen Nase herab.

»Child, child, don't believe, what that wretched glass tells you!« rief sie ihrer Schülerin zu – »you look most intestring, – und in kurzer Zeit wirst du eine Schönheit sein!«

Maries Augen leuchteten auf. »Ach, wenn's nur wirklich der Fall wäre, Miß Smith!« rief sie. »Schön sein, reich sein, reisen, die Welt kennen lernen! ah! Wer von uns hätte wohl geglaubt, daß mir ein solches Glück noch beschieden sein sollte!«

Die Erzieherin und die Tante wechselten einen Blick und blieben beide stumm.

Die Erzieherin und die Tante schämten sich beide für Marie.

Marie erriet ihre Empfindung nicht. Sie dachte nur, die beiden alten Damen verübelten es ihr, daß sie nicht sentimental that und weinte über den Abschied.

Wie sollte sie sich grämen über den Abschied von zu Hause?! Sie sah sich um ... und da bemerkte sie plötzlich vieles, was schön war und an dem sie bis dahin achtlos vorübergeblickt – die reizende Form des Zimmers mit seinen abgerundeten Ecken und seinem halb gewölbten Plafond, die Malereien an den Wänden, blaue Gitter, an denen sich Rosenknospen emporzogen, die großen Thüren aus geschnitzter brauner Eiche – die Fensternischen aus demselben Material. Die Malereien an den Wänden waren verblaßt und von mancherlei häßlichen Krällern verunstaltet – das Eichenholz an Thüren und Fensternischen war wurmstichig. Aber es war doch schön und stimmungsvoll – und – mit einemmal heimelte es Marie an. Nur einen Augenblick zog's über ihr Herz hin wie ein kalter Schauer – dann, durch eine der dunkel vertäfelten Fensternischen, blickte sie hinaus in die märchenblaue Ferne, die sie zwischen den im Herbstwind zitternden Resten der alten Linden aufschimmern sah – nichts Deutliches, nur etwas zauberisch Duftverwischtes, über dem das Gold eines schönen Herbstsonnenstrahles lag ...

Indem hörte man Wagen rollen.

Der Bräutigam kam von der Bahn. Miß Smith, vor Aufregung bebend, trat an ihre Schülerin heran, küßte sie eilig und murmelte: » God bless you child!«

Die Tante machte ihr das Zeichen des Kreuzes auf die Stirn.

Es pochte an ihre Thür. Der Vater war's. »Marie, bist du fertig?« rief er. »Rheinsberg ist da, und der Pfarrer wartet schon.«

Gäste waren keine gekommen – nur die Trauzeugen – Graf Rinkberg und Graf Miroslaw für Marie – zwei ganz gleichgültige, fremde Menschen, von denen Marie längst die Namen vergessen hatte, für den Bräutigam.

»Ja, gleich,« erwiderte Marie mit einer ruhigen, zuversichtlichen Stimme.

»Nur einen Augenblick,« bat die Kammerzofe.

Plötzlich fühlte Marie einen scharfen Stich im Kopf. Sie stieß einen kurzen Schmerzenslaut aus. »Was machst du denn, Pepi?« rief sie.

»Ach, Baronesse! ich habe nur den Brautkranz festgesteckt – es ist stürmisch draußen, ich dachte, er könnte herunterfallen!« entschuldigte sich die treue alte Person.

»Der fällt nicht herunter – ich glaube, du hast ihn angenagelt,« meinte Marie humoristisch. »Er thut mir weh!« Marie hätte ihn gern umstecken lassen. Aber die Zofe weigerte sich.

»Besser er thut weh, als er fällt herunter!« meinte sie, und Marie fügte sich.

Mit hocherhobenem Kopf und unbefangenem Blick kam sie dem Bräutigam entgegen, der mit den Zeugen und Baron Berg in dem freskenbemalten Kuppelsaal stand, und zwar um einen Tisch herum, auf dem sich zwischen zwei Tellern Biskuits etliche Weingläser und eine Flasche Bordeaux befanden.

Baron Berg rühmte diesen Bordeaux als etwas ganz Besonderes, Marie merkte, daß sowohl die Trauzeugen als auch der Bräutigam nur daran nippten und den Wein unter irgend einem Vorwand wegstellten. Und plötzlich kam ihr ein rasendes Mitleid mit dem vierschrötigen Vater, der alles verkehrt gemacht hatte im Leben – der bei ihrer Hochzeit erschien in einem fadenscheinigen Ueberrrock mit glänzenden Nähten und seinen Gästen Wein vorsetzte, auf den er stolz war, und den sie nicht trinken konnten.

In die Kapelle betrug der Weg vom Schlößchen aus nur fünfzig Schritt, aber die fünfzig Schritt mußten gegangen werden. Man hatte Bretter gelegt vom Schloß bis zur Kapelle und über die Bretter Teppiche. Es war kalt, Marie trug um die Schultern einen Hermelinkragen, der noch von ihrer Mutter stammte. Seltsamerweise hatte sie, die doch ihrer Vergangenheit ohne jegliche Gefühlsduselei gegenüberstand, nichts von den Sachen anthun wollen, die ihr der Bräutigam geschenkt, ehe sie seinen Namen trug.

Es war kalt draußen, und die Besorgnisse der alten Kammerjungfer um den festen Halt des Brautkranzes zeigten sich gerechtfertigt. Der Wind that, was er konnte, um den Kranz vom Kopfe der jungen Braut zu reißen, aber der Kranz saß fest, und der Schleier wehte hinter Marie her, wie von einem unsichtbaren Schutzengel getragen, der ihn von jeder schmutzigen Erdenberührung fern hielt.

Die weiße Schleppe trug Marie selbst. Von allen Seiten drängten sich die Leute aus den naheliegenden Dörfern, um die Baronesse in die Kirche gehen zu sehen. Marie war stets gut gewesen gegen die Armen. Noch am Tage zuvor hatte sie für die Kinder aus der Umgebung ein Fest veranstaltet, ihnen verfrühte Christbäume angezündet. Die Oberstin fragte sich, ob die schlanke, junge Dame, die so unbefangen neben dem alten Bräutigam in die Kirche schritt, dieselbe war wie das junge Mädchen von gestern, das voll warmherziger Zärtlichkeit kleine Bälge auf den Arm genommen, damit sie sich selber das Zuckerwerk vom Christbaum langen sollten.

»Pan buh pozehnej!« klang es von allen Seiten, und Marie lächelte den anhänglichen, wohlbekannten Gesichtern zu. Aber plötzlich überkam sie etwas Sonderbares. ... Die Blicke, welche die Tante mit Miß Smith gewechselt, hatte sie nicht enträtselt. Aber auf den naiven Gesichtern ihrer Armen stand das Mitleid zu deutlich, als daß sie es nicht hätte lesen können. Und da schlich ihr's ganz langsam durch die Adern wie eine Unruhe – eine Angst. Ehe sie sich dessen versah, kniete sie bereits vor dem Altar. Der Sturm rüttelte an den Fenstern – eine große Kälte drang von allen Seiten in die kleine Kirche hinein. Marie fror bis ins Mark. Auf die Fragen, die der Priester an sie richtete, antwortete sie wie im Traum. – –

Das bindende Wort war gefallen – der Priester sprach seinen Segen.

Von draußen durch den sausenden Sturm tönte ein Vokalquartett – eine Aufmerksamkeit, welche der sehr musikalische Schulmeister des nächsten Dorfes für die Tochter des Barons Berg in Scene gesetzt hatte. Sie machten einen eigentümlichen und rührenden Eindruck, die dünnen, herben, aber frischen Stimmen, die so rein und tapfer in den zerstörenden Herbstlärm hineinsangen, und Marie fing plötzlich an zu weinen. Sie richtete den Blick auf eines der schmalen Kirchenfenster, und hinter den kleinen, durchsichtigen Scheiben sah sie braune Bäume, die ihre kahlen und dürren Aeste in die finsteren Wolken streckten, und sie erinnerte sich plötzlich, daß sie die Bäume gesehen hatte, blütenbeladen, duftumweht. Ja, das war im Frühling gewesen – der war vorüber.

Aber er würde wiederkommen ... wiederkommen. Eine harte, anklagende Stimme in ihr sagte ihr, daß der Frühling wiederkommen würde für die Bäume draußen – für ihr Herz nie mehr. Und sie selbst war schuld, sie hatte es nicht besser gewollt.

Vorbei! ... ein für allemal vorbei! ... Mit einer Art Furchtsamkeit hob sie die Augen zu ihrem ihr nunmehr angetrauten Gemahl. Er war ein schöner Mann, schlank wie eine Tanne, von vollendeter Haltung, mit geistreichen, hellen blauen Augen, aristokratischem Profil und grauem Vollbart. Aber er war sechzig Jahre alt. Sie sagte sich, daß sie immer eine Stütze an ihm finden, daß sie würde stolz sein können auf ihn ...

Aber es war doch der Winter, dem sie sich angetraut hatte.

Miß Smith sowohl als die Gräfin Rinkberg machten beide betrübte Gesichter, als sie dem Wagen nachblickten, der mit den Neuvermählten auf die Bahn rollte. Was sollte daraus werden? – –

Die Sache entwickelte sich besser, als man es hätte erwarten können.

Derjenige, der um Jahre später am meisten darüber staunte, daß ihm das Kunststück gelungen, war Graf Rheinsberg selbst.

Ich habe wahrlich unverschämtes Glück gehabt, pflegte er sich selber des öfteren zu sagen, wenn er nach Verlauf einiger Jahre an seine Trauung mit dem jungen Mädchen in der kleinen, verfallenen Kapelle gedachte.

Mit zu dem Glück gehörte, daß seine spät auflodernde Leidenschaft von kurzer Dauer war. Wenn sich dieselbe weitergeschleppt hätte, so wäre Marie vielleicht trotz aller Charakterfestigkeit nicht im stande gewesen, ihre Existenz würdig durchzuführen.

Die Ehe hatte ihr sehr unangenehme Ueberraschungen geboten.

Von einer strengen, prüden, alten englischen Vestalin überwacht, im übrigen eine von jenen herben, in sich abgeschlossenen Naturen, denen die geschwätzigste Geschlechtsgenossin keine vertraulichen Mitteilungen zu machen gewagt hätte, war sie schwindelfrei und blind durchs Leben gewandert und schließlich zweiundzwanzig Jahre alt neben dem grauhaarigen Staatsmann an den Altar getreten, ohne eine Ahnung davon zu haben, zu was sie die Ehe verpflichtete.

Wenn sie jünger gewesen wäre, hätte ihre Tante gewiß nicht verfehlt, sie aufzuklären – so nahm diese an, daß es nicht nötig sei. Die ersten Zeiten nach Maries Heirat gehörten infolgedessen nicht zu ihren glücklichsten. Da sie aber in altmodisch sittlichen Traditionen aufgewachsen und im übrigen keine ungesund grüblerische Natur war, so nahm sie ihr Los hin, wie es genommen werden mußte, ohne sich unnötige Gedanken darüber zu machen, und fast, ehe sie sich dessen versah, war der Druck von ihr genommen – die unglückliche Ehe hatte sich in eine sehr glückliche Freundschaft verwandelt, eine Freundschaft, die mit jedem Jahr inniger wurde und beiden Teilen von Tag zu Tag mehr innerliche Befriedigung bot.

Von da an genoß Marie nicht nur unbefangen alle Vorteile, welche Rheinsbergs glänzende Stellung ihr einräumte, nein, sie freute sich immer verständnisvoller an dem Verkehr mit dem ungewöhnlich geistvollen Manne, sie fühlte sich gehoben durch seine Sympathie, spannte alle Kräfte an, um die gute Meinung, welche er von ihr hegte und welche sie übertrieben fand, zu rechtfertigen.

Aus der glänzenden europäischen Hauptstadt, wo er eine sehr hohe diplomatische Stellung eingenommen, führte ihn der Dienst des Vaterlandes nach Berlin zurück.

Die Berliner haben eine Vorliebe für alles Exotische. Marie wurde mit Begeisterung aufgenommen, gefeiert, gehätschelt, bewundert. Man war neugierig, in welcher Weise sie die ihr gebotene Gastfreundschaft erwidern würde. Die Neugier wurde befriedigt und allgemeiner Beifall gezollt. Der Salon der Gräfin Rheinsberg war einfach ein Unikum, ein Mittelpunkt nicht nur aller hervorragenden Männer und vornehmen Frauen ihres eigenen Kreises, sondern auch Sammelpunkt aller Berühmtheiten. Junge Künstlerinnen fanden bei ihr Stütze und Anregung – junge Künstler und Litteraten fanden bei ihr zugleich einen Sporn und – einen Zügel. Man konnte Berühmtheiten kennen lernen, ohne aus dem innersten Kern der guten Gesellschaft herauszutreten. Es war merkwürdig – zu merkwürdig! Die Mitglieder der guten Gesellschaft fanden den Salon Rheinsberg nicht zu excentrisch und die Künstler nicht zu flach. So etwas konnte nur die Gräfin Rheinsberg zusammenbringen, behaupteten die Freunde der schönen Frau. Dort, wo Marie Rheinsberg herrschte, blieb alles in jenen Grenzen, welche die Schönheitslinie um all ihr Thun und Lassen zog. Nie wurden unter ihren Augen jene Begeisterungsorgien gefeiert, durch welche andere Weltdamen ihre künstlerischen Sympathieen entheiligen lassen. Jeder Mann wußte, daß er seine häßlichen Wünsche und Triebe vor ihrer Thür lassen mußte, ehe er bei ihr eintrat, gerade wie er wußte, daß er verpflichtet war, sich den Schmutz von den Stiefeln zu putzen, falls er zufällig zu Fuße gegangen war und den Straßenkot bis vor ihre Schwelle geschleppt hatte. Aber zugleich wußte ein jeder, daß für ein fein zugeschliffenes Witzwort, eine halsbrecherische Paradoxe Marie das empfänglichste Publikum war. Jeder gab sein geistig Bestes, wenn er mit ihr zusammenkam.

Sie führte ein herrliches Leben. Daß doch etwas fehlte bei all dieser Herrlichkeit, empfand sie nicht, und welchen Preis sie dafür gezahlt, hatte sie längst vergessen, es war ihr nicht eingefallen, daß andere Leute daran denken konnten, überhaupt je daran gedacht hatten.

Das hämische Raubtierlächeln Verös Mischkas und die zartfühlende List ihres jungen Vetters, welcher die Worte des Zigeuners frei übersetzt hatte, um ihr eine Demütigung zu ersparen, hatten sie eines anderen belehrt. Heute zum erstenmal hatte sie erfahren, daß es Menschen gab, die sie bedauerten, und Menschen, die sie beinahe verachteten.

Der Zorn stieg ihr in die Wangen. Wie durfte sich jemand das erlauben? dachte sie. Mochte ihr Mann fünfzig, mochte er hundert Jahre älter fein als sie selbst, niemand hatte darüber mit den Wimpern zu zucken, sie hatte ja stets ihre Pflicht gethan. Da kam ihr plötzlich etwas sehr deutlich zum Bewußtsein: daß sie ihre Pflicht durchführen mußte bis zum äußersten – bis zum letzten Atemzug, wenn sie nicht ihrer eigenen Verachtung zum Opfer fallen wollte.

Aber es war ja nicht schwer, ihre Pflicht zu thun – eine Versuchung erschien ihr unwahrscheinlich, eine Niederlage unmöglich.

Und doch, was war das für ein beklemmendes, zusammenkrampfendes Gefühl, als ob sie irgendwo in einem Kerker eingeschlossen sei. Es war ein schöner, großer Kerker – aber es war doch ein Kerker, und die Mauern, welche der Luxus um sie gezogen, waren höher als die, welchen die Not um sie aufgerichtet hatte in Sanssouci. Aus der Not hatte es ein Entrinnen gegeben – aus dem Luxus gab es keins.

In den Tagen, die auf den Spitalbazar folgten, sah Marie Rheinsberg jedesmal, wenn sie von ihrer Nachmittagsspazierfahrt heimkehrte, mit ganz besonderer Aufmerksamkeit die indessen eingelaufenen Visitenkarten durch. Die Visitenkarte, die sie erwartete, stellte sich im Laufe der korrekten Frist ein und wurde mit einer Dinereinladung erwidert.

Es war ein ganz kleines Diner, zu dem Marie Rheinsberg ihren Vetter einlud – nur sechs Personen – eine Dame von der österreichischen Botschaft, die mit Marie befreundet und deren Mann gerade auf Reisen war – Gräfin Olga Ronitz – außerdem eine geniale, kürzlich von ihrem Mann geschiedene Klavierspielerin und ein Historiker mit klassischem Profil und einer berühmten Vergangenheit.

Der Historiker imponierte Hans am meisten; er hatte im Laufe seiner Studienzeiten den Namen desselben stets nur mit Andacht ausgesprochen – der Ruhm des Geschichtschreibers, der in Berlin eigentlich nur mehr ein Nachruhm war, grünte in Oesterreich noch frisch.

Nach kurzer Zeit lenkte der Hausherr Ronskys Aufmerksamkeit von dem Historiker ab. Es ließ sich nicht leugnen, daß Graf Rheinsberg interessanter als der Gelehrte war.

Hans hatte sich mit heftigen Vorurteilen gegen den alten Herrn zu Tisch gesetzt. Wenn er eine Verachtung gegen junge Mädchen hegte, die es über sich gewinnen konnten, alte Lebemänner zu heiraten, so empfand er auch eine recht ausgiebige Abneigung gegen die alten Sünder, welche sich bereit zeigen, die Vergnügungssucht der herzlosen, aber schließlich häufig recht unerfahrenen Mädchen auszunützen.

Merkwürdigerweise wurde es ihm, nachdem er eine halbe Stunde mit Rheinsberg beisammen gewesen war, nicht mehr möglich, seine auf breiter theoretischer Basis ruhenden Gehässigkeiten festzuhalten.

Er hatte einen Greis zu finden erwartet, in dem ein Wüstling versteckt war, den Greis hatte er gefunden, den Wüstling nicht – sondern statt des Wüstlings einen sehr geistreichen, außerordentlich unterrichteten alten Herrn, der im höchsten Maße fördernd auf die intellektuelle Entwickelung seiner jungen Frau gewirkt haben mußte und in einem durchaus edlen Freundschaftsverhältnis zu ihr stand.

Mit seiner Antipathie gegen den Mann fiel auch seine Verachtung der Frau.

Anregend war das kleine Diner im höchsten Maße. Die Konversation bewegte sich auf geistigen Höhen, die in Oesterreich nur in ganz besonderen Verhältnissen erklommen werden und auf denen sich Hans nicht mit voller Schwindelfreiheit behaupten konnte.

Natürlich wollte er sich nicht verblüffen lassen und seinen Mann stellen. Er brachte das Gespräch auf sein Steckenpferd, die soziale Frage – er sprach über weitläufige Weltverbesserungen, die notwendig wären und mit denen er in Österreich anfangen wollte. Kopfschüttelnd hörte ihm Graf Rheinsberg zu, und als Ronsky von einer Radikalkur der kranken Zivilisation sprach, fing er an zu lächeln.

»Allen Respekt vor Ihrem jugendlichen Ungestüm, aber ich glaube an keine Radikalkur des Weltalls und der Zivilisation. Ich glaube, daß beide an einer durchaus unheilbaren, durch einen Fehler im Schöpfungsplan entstandenen Krankheit leiden.«

»Ja, aber wir können doch nicht einfach stehen bleiben und der Ausbreitung des Uebels ruhig zusehen!« rief Ronsky.

»Im Gegenteil müssen wir unser Möglichstes thun, die Ausbreitung des Uebels einzudämmen,« entgegnete Graf Rheinsberg.

»Aber wenn Sie an keine Heilung glauben?« sagte kopfschüttelnd Ronsky.

»Mein Gott . . . Heilung! ... Es giebt viele unheilbare Leiden, die ein langes Leben nicht ausschließen. Die Krankheit unserer sozialen Zustände gehört dazu. Man muß einfach trachten, durch Palliative die Schmerzen der unheilbaren Krankheit zu lindern. Das ist meine Ansicht!« erklärte Rheinsberg.

»Ich teile ganz Ihre Ansicht, Excellenz!« erklärte der Geschichtsforscher, »Ich bin immer für Palliative. Schon die alten Aegypter...«

Ein Diener, der ihm ein besonders vorzügliches Hummersoufflée reichte, unterbrach seine Betrachtungen über die alten Aegypter.

»Die soziale Frage kann überhaupt nicht gelöst werden ohne Hilfe der Religion,« begann Hans von neuem. »Ach, laßt unseren Herrgott aus dem Spiel, wenn es sich um die Staatskunst handelt,« erklärte Graf Rheinsberg. »Hier auf Erden muß man schauen, wie man ohne ihn fertig wird.«

»Ich wundere mich, daß eine solche Weltanschauung Sie nicht mutlos gemacht hat, Excellenz,« bemerkte Hans. »Ich begreife nicht, daß Sie überhaupt so tapfer für das Wohl Ihrer Mitbürger gearbeitet haben, wenn Sie der Menschheit und unserem ganzen Leben keine tiefere Bedeutung beimessen.«

Graf Rheinsberg zuckte die Achseln. »Ein Zahnschmerz hat auch keine tiefere Bedeutung,« erklärte er, »deswegen wird doch jeder demjenigen dankbar sein, der ihn von dieser Qual befreit. Unsere ganze Existenz ist eine Reise aus dem Dunkel ins Dunkel – aber was schadet's, daß man nicht genau weiß, wo man ankommt. Immerhin ist es gut, den vielen Reisenden, die den Schwindel mitmachen müssen, die Reisebedingungen so angenehm als möglich zu gestalten. Daran müssen alle vernünftigen Menschen arbeiten. Die Religion hat damit nichts weiter zu thun. Die ist eine Sache für sich und soll nicht in sozialpolitische Probleme hineingezogen werden, um uns die Lösung zu erleichtern, oder vielmehr eine Scheinlösung herbeizuführen.«

»Diesen Standpunkt möchte ich nicht einnehmen im Leben,« warf Hans ein, »ich kann nicht existieren ohne ein Ideal, und für mich ist die Religion der große Jungbrunnen aller Ideale, wenn nicht deren Urquell!«

Er hörte sich reden, seine volltönende Phrase gefiel ihm. Als er sich aber nach Beifall umsah, begegnete sein Blick nur gleichgültigen oder spöttischen Gesichtern.

Mit einemmal fing Marie an zu lachen, ganz leicht, eher gutmütig.

»Dürfte ich Sie fragen, wodurch ich Ihre Heiterkeit erregt habe, gnädigste Cousine,« wendete er sich nicht ohne Empfindlichkeit an sie.

»Sie scheinen so fest davon überzeugt, der einzige hier anwesende Idealist zu sein,« entgegnete sie ihm; »zufällig ist mein Mann auch einer, aber er hat den stummen Idealismus.«

»Das ist der einzig echte,« erklärte der Historiker. Es war das erste kluge Wort, das im Laufe des Diners von seinen Lippen gefallen war. Berühmte Schriftsteller geben sehr selten etwas Geistreiches umsonst.

Und Hans schwieg; er fühlte sich plötzlich sehr jung, sehr grün, sehr unbedeutend. Er war noch nie in die Schranken gewiesen worden, und seine erste Erfahrung nach dieser Richtung hin war ihm nicht angenehm. Aber er war doch zu wohl erzogen, sich seinen Verdruß anmerken zu lassen. Seine Selbstbeherrschung wurde ihm nach Tisch durch besondere Liebenswürdigkeit Maries gelohnt. Uebrigens gewann er durch seine nachträgliche Haltung ihre Sympathie.

Ehe er sich empfahl, teilte sie ihm mit, daß sie hoffe, ihn nun öfters zu sehen. Auf seine Frage, ob sie keinen Empfangstag habe, erwiderte sie, das sei nicht der Fall. Bei Tage sei sie überhaupt selten zu treffen, aber des Abends sei sie oft zu Hause und würde sich sehr freuen, wenn er sich einfinden wollte.

»Ich werde es jedenfalls sehr bald versuchen," versicherte er, und sein Blick war so einschmeichelnd, seine Stimme klang so warm, daß Marie darüber vergaß, daß er bei Tisch Dummheiten gesagt hatte.

Als die Gäste gegangen waren und Marie sich mit ihrem Gatten allein befand, fragte sie ihn, was er von ihrem Landsmann halte.

Rheinsberg erwiderte hierauf: »Was soll ich von ihm halten – er ist, soweit ich zurückdenken kann, von allen Oesterreichern, mit denen ich je zusammen gekommen bin, der erste, der Phrasen gemacht hat. Uebrigens lege ich ihm keine besondere Wichtigkeit bei.«

»Seine Landsleute scheinen anderer Meinung zu sein,« entgegnete ihm Marie, »er hat glänzend studiert, gilt in Österreich für eine geistige Leuchte und ist die Hoffnung der konservativen Partei...«

»Die arme konservative Partei!« seufzte Graf Rheinsberg. Hierauf fügte er hinzu: »Uebrigens erklärt mir das, was du sagst, vieles. Er ist ein wenig Charlatan wie alle Propheten, das heißt wie alle Menschen, die unter dem Bewußtsein leiden, von der Mitwelt überschätzt zu werden – schade.... Nun ich's überlege, abgesehen von seinen kindischen Wichtigthuereien, hat er etwas Sympathisches an sich. Es spricht für ihn, daß er dir deinen Klaps nicht heftiger verübelt hat. ... Hm! . ... ein hübscher Mensch ist er, und ich habe selten ein so einnehmendes Organ gehört. Er wäre wie geschaffen, auf Volksversammlungen zu wirken, die Massen zu rühren; aber – die Massen zu lenken, wenn sie aufgerührt sind – das wird er nie im stande sein!"

Bald darauf schieden die beiden. Marie war ein wenig unzufrieden mit ihrem Gatten – sie fand, daß er ihren Landsmann und Vetter zu streng beurteilte.

Das Diner war am zweiten April gewesen. Auf den zehnten fiel Marie Rheinbergs Geburtstag. Sie wurde an diesem Tage zweiunddreißig Jahre alt.

Der Geburtstag wurde immer sehr festlich gefeiert, die junge Frau mit Geschenken überschüttet.

Die Feier blieb diesmal aus, da der alte Graf, durch einen Gichtanfall an seinen Lehnstuhl gefesselt, keine Gäste um sich versammeln konnte. Die Geschenke waren glänzender als gewöhnlich.

Inmitten des Aufbaues stand ein Kuchen mit zweiunddreißig brennenden Wachskerzen besteckt. Das erste, was Marie that, nachdem sie den Geburtstagstisch in Augenschein genommen hatte, war – die Kerzchen auszulöschen. Aus seinem Lehnstuhl heraus beobachtete sie Graf Rheinsberg neugierig – mit einer Neugierde, in die sich eine Spur von Unruhe mischte.

Marie hatte sonst immer eher mit ihrem Alter geprahlt, heute schien es sie zu ärgern, daß man ihr die Zahl ihrer Jahre ins Gedächtnis gerufen hatte.

Von dem Geburtstagskuchen schweifte ihr Blick zu den umliegenden Gegenständen – einem rosig schimmernden Perlenhalsband und einer Last von alten venetianischen Rosenspitzen zwischen einem Wald von frischen Blumen, Marie hatte Vorliebe für Schmuck und alte Spitzen. Heute aber hielt sie sich nur kurz bei der Betrachtung dieser Kostbarkeiten auf und ging sofort zu den Blumen über.

Wie viele Blumen und wie schön! Keine müdgereisten italienischen Blumen, sondern deutsche Rosen, Gardenien und Maiglöckchen, im Glashaus getrieben freilich. Immer und immer wieder beugte sie sich über die zartgefärbten Blüten und atmete deren Duft. Der Duft stieg ihr zu Kopf, es kam über sie wie eine holde Betäubung – die Betäubung, in der die Träume gedeihen.

Den ganzen Tag hatte sie, die energische Marie Rheinsberg, etwas Schleppendes in ihrem Gang und halbverschlossene, an der Wirklichkeit vorbeisehende Augen. Sie war müde und konnte es doch nirgends lange aushalten – nicht auf diesem Fleck noch auf jenem. Und wenn sie unten das Thor gehen hörte, sah sie sich um.

»Fehlt dir etwas, Marie?« fragte Graf Rheinsberg.

»O nichts ... nichts ... nur ein wenig Frühlingsfieber,« murmelte sie.

Er wiederholte das Wort sehr nachdenklich, zweimal hintereinander... »Frühlingsfieber... Frühlingsfieber!«

»Es ist immer so, wenn der Frühling zu bald kommt, da macht er einen matt!« sagte sie.

»So – findest du?« erwiderte der Graf. »Ich finde, der Frühling wirkt am aufreizendsten, wenn er sich verspätet hat. Dann kommt er plötzlich und blüht zu stark!«

Da sie hierauf nichts antwortete, begann er nach einer Weile von neuem und diesmal mit einer etwas ärgerlichen Stimme: »Du littest doch sonst nicht an derlei Nervositäten; ich habe es bis jetzt nie gemerkt, daß der Frühling einen Eindruck auf dich macht!«

»Es war auch in den letzten Jahren niemals der Fall,« gab sie ihm unbefangen zurück, »es ist das erste Mal, seitdem ich ein junges Mädchen war, daß ich das Frühlingsfieber spüre!«

Der Graf sagte nichts mehr. Er wendete sich dem Kamin zu und fing an das Feuer zu schüren.

Marie war es zu heiß gewesen, sie hatte die Fenster öffnen lassen.

Ihm war kalt. – –

Im Laufe des Nachmittags fragte sie den Grafen, ob er etwas dagegen habe, wenn das Diner um eine Stunde vorgeschoben würde. Olga Ronitz, dieselbe, welche Hans Ronskys erstes Diner in der Wilhelmstraße mitgemacht, hatte soeben bei ihr anfragen lassen, ob sie nicht mit ihr ein Konzert besuchen wolle, und zwar ein Mühlen-Konzert. Mühlen sang zum letztenmal in dieser Saison

Der Graf hatte nichts dagegen, er hatte nie etwas dagegen, wenn sich Marie unterhalten wollte.

So fuhr sie in das Konzert. Es wurde in der Singakademie gegeben. Mühlen sang den ganzen Abend, und sein musikalischer Zwillingsbruder, Hans Schmidt, begleitete ihn.

Raimund von Zur Mühlen stand damals in seiner vollen Blüte und war im reinsten Sinne des Wortes die klingende Seele seiner Zeit.

Seine Stimme war voll und weich, dabei von wunderbarer, sich jedem Gefühl anschmiegender Ausdrucksfähigkeit. Durch seinen Gesang schwebte der unwiderstehliche Reiz eines starken subjektiven Empfindens, das doch (und hierin birgt sich das Geheimnis des echten Künstlertums) von einer unbestechlichen Selbstkritik tyrannisch im Zaum gehalten wurde.

In jedem echten Genie steckt ein Autokrat, der seine Begabung unbarmherzig knechtet.

Dieser Autokrat steckte auch in Mühlen, und er zog um die ganze Glut und Leidenschaft, um den Schmerz und den Jubel seiner Leistung jene unerbittliche Schönheitslinie, deren Uebertretung für Marie ein unverzeihliches Verbrechen war – vielleicht das einzige unverzeihliche.

Fast alles, was er sang, hatte auf den Frühling Bezug. Er sang die »Alten Laute« von Schumann, er sang Rubinsteins abgedroschenes, weil so wunderschönes: »Es blinkt der Tau in den Gräsern der Nacht«, er sang Tschaikowskys: »Warum ... ach, warum sind die Veilchen so blaß!« – und wie er alles wach gesungen, was die Menschenherzen im Frühling unruhig macht, endigte er mit zwei traurigen, die Hoffnung und Sehnsucht zum Tode verurteilenden Liedern, dem wundersamen Lied von Brahms: »Ach fänd' ich nur den Weg zurück, den holden Weg ins Kinderland« und einer minderwertigen Komposition von Tosti, die er aber mit so erschütternder Gewalt zum Ausdruck brachte, daß kein Auge trocken blieb, Ridona mi la calma, ridona mi la calma! lauteten die letzten Worte.

Es war still in dem Konzertsaal wie in einer Kirche, und die Männer und Frauen lauschten wie auf eine Offenbarung – besonders die Frauen. Sie waren dem großen Künstler dankbar dafür, daß er alles in die Welt hinausgesungen, gejauchzt und geklagt hatte, was sie empfanden und was sie verschweigen mußten.

Nachdem die letzten murmelnden Worte von Ridona mi la calma verklungen waren, blieben die Menschen einen Augenblick still, dann brauste ein endloser Beifallssturm durch den Saal, ein Beifallssturm, der zugleich dankte und verlangte. Die Menschen wollten sich noch nicht zufrieden geben, sie wollten nicht mit einem traurigen Eindruck von dem Sänger scheiden.

Sie riefen ihn immer und immer wieder zurück. Und endlich that er ihnen den Willen.

Mit dem ganzen Schmelz seiner von heftiger Empfindung warm gesungenen Stimme jauchzte er's ihnen zu, das Lied von Henning von Koß, das mit den Worten schließt: »Mach deine Arme auf, damit es Frühling werde...«

Da dankten sie ihm ein letztes Mal und gingen ihrer Wege, schöner konnte es doch nicht mehr werden.

Unten in der zugigen Vorhalle harrte Marie mit der sie begleitenden Dame des Dieners, der ihnen den Wagen melden sollte. Marie war zerstreut. Ihr Blut pochte noch nach dem Rhythmus der verklungenen Lieder. Auf die enthusiastischen Ausrufungen der Bekannten, die an ihr vorüberkamen, auf die: »Das war wieder einmal fabelhaft – wunderbar – herrlich!" – antwortete sie nur mit einem zerstreuten Kopfnicken, und als eine ganz besonders fanatische Enthusiastin – eine bekannte Sportsdame und Wagnerschwärmerin – ausrief: »Das war geradezu niederträchtig schön!« lächelte sie nur, ohne sich ausführlicher zu äußern.

Da trat der Diener im hellen drapfarbenen Mantel, den Hut knapp neben dem Ohr haltend, an seine Herrschaft heran und meldete den Wagen. Die beiden Damen traten hinaus.

Die Luft war lind und roch nach Veilchen.

»Olga!« wendete sich Marie an ihre Begleiterin, »wenn wir noch eine Rundfahrt durch den Tiergarten machten, ehe wir nach Hause zurückkehren?« Und die Freundin war's zufrieden.

Marie gab dem Diener den entsprechenden Befehl. »Aber es ist ausgemacht, daß wir beide schweigen,« erklärte sie hierauf der Freundin in ihrer etwas despotischen Art, der sie jedoch so viel Liebenswürdigkeit beizumischen verstand, daß niemand sie ihr übelnahm.

Und so rollten sie denn schweigend aus der dumpfen Stadt in den Tiergarten, über den der Frühling seine ersten durchsichtigen grünen Laubschleier zu breiten begann. Man konnte weder die Blätter noch die Farbe erkennen, nur daß die Umrisse der alten Baumriesen weich und verschwommen zu werden begannen, sah man.

Hie und da warf eine Laterne ihre gelben Strahlen in die Bäume und zeigte genau den Stand der Dinge, sonst erschien der ganze Tiergarten unter dem sternbesäten und von einer noch schmalen Mondsichel beleuchteten Himmel fiederig, silberig, grau. Der Stadtlärm tönte herüber, verstärkt durch die Wohllaute der Frühlingslust. Es klang wie rastloses Meeresbrausen, in das sich das Geläute ferner Kirchenglocken mischt.

Aus der Erde dampfte ein feuchter aufreizender Geruch von üppiger, ans Licht hinausdrängender Fruchtbarkeit, huschende Schatten glitten zwischen den Bäumen dahin, manchmal hörte man einen Kuß.

Die Freundin Maries sagte: »Unerhört!« Es war das einzige Wort, durch welches sie das ihr feierlich auferlegte Stillschweigen brach. Sie hatte es durchaus nicht zurückhalten können.

Marie sagte gar nichts. Die leise hingleitenden Schatten unter den frühlingstrunkenen, der Blüte entgegenstrebenden Bäumen stimmten sie nachdenklich. Wer mochten sie sein, die sich küßten? Irgend ein Handwerker mit einem Dienstmädchen, das sich für eine halbe Stunde frei gemacht hatte; ein kleiner Commis mit einer Ladenmamsell; eine schlecht erzogene, alleinstehende Lehrerin – Leute, für die Marie im gewöhnlichen Leben, trotz ihrer überquellenden theoretischen und praktischen Humanität, eine Art Mitleid empfand, das mit der Verachtung sehr nahe verwandt war – Menschen, die bei näherer Betrachtung, und jeder einzeln genommen, gar nichts Interessantes oder Anziehendes an sich hatten, aber die ihr doch momentan überlegen waren. Sie waren fähig, in dem großen Wahn aufzugehen – dem Wahn, der sie einen für den anderen in Engel verwandelt hatte und die Erde in ein Paradies.

Und dieser Wahn war das Glück. Und plötzlich – den Zusammenhang zwischen ihrer früheren Unruhe und dem Gedanken hätte sie selber nicht zu finden gemußt – fiel ihr der junge österreichische Vetter ein. Acht Tage waren verstrichen, seitdem er bei ihr zu Mittag gegessen, und seither war er noch nicht erschienen, hatte von ihrer freundlichen Aufforderung, an einem etwaigen freien Abend bei ihr vorzusprechen, noch keinen Gebrauch gemacht ... Vielleicht hatte er noch keinen freien Abend gehabt ... vielleicht hatte er es ihr nachträglich verübelt, daß er von ihr abgeklapst worden war.

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