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Im gewohnten Geleis

Ossip Schubin: Im gewohnten Geleis - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorOssip Schubin
titleIm gewohnten Geleis
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1901
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070903
projectid362b46c1
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Hans floh nicht so weit, sondern erst für ein Jahr nach Washington, dann nach Berlin.

Es war heute gerade acht Tage her, seitdem er seine Junggesellenwohnung in den Zelten bezogen hatte, und das Heimweh steckte ihm noch in allen Gliedern.

Er fand alles häßlich in Berlin, besonders die Frauen. Die anmutigen unter ihnen erinnerten ihn an zierlich einherhüpfende Störche, während die energisch einfachen eine entschiedene Aehnlichkeit mit Kadetten in Weiberröcken aufzuweisen schienen. Sein Freund, Graf Flintsch, trachtete ihm vernünftige Ansichten beizubringen. Flintsch hatte sich in Berlin eingelebt und fühlte sich glücklich da. Er war eine von den vergnügten, sanguinischen Naturen, die sich jede Situation zurechtzurücken wissen und immer ihre Rechnung dabei finden.

»Ich versichere dir, es wird dir hier noch sehr gut gefallen,« wagte er zu behaupten, »ganz besonders dir. Du bist nun einmal nicht danach angethan, dein Leben einzig mit Sport und Tänzerinnen zu verzetteln, was, ein paar Komtessenschwärmereien abgerechnet, in Wien nun mal unsere Hauptbeschäftigung ausmacht. Du willst etwas leisten, und ehe du dazu Gelegenheit findest, willst du mit gescheiten Leuten darüber reden – und ich versichere dir, daß, wenn es auch nicht so viele hübsche Komtessen hier giebt wie in Oesterreich, die Zahl der bedeutenden Frauen, mit denen man reden kann, größer ist!«

»Nun, schließlich giebt es immerhin auch bedeutende Frauen bei uns zu Hause,« sagte Hans.

Graf Flintsch erriet sofort, daß Hans an die Gräfin Leontine dachte, und Hans erriet, daß ihn Flinsch erraten habe. Die Augen der jungen Leute begegneten einander – sie fingen beide an zu lachen.

»Hm! wie zum Beispiel Gräfin Woronitzky,« bemerkte Gustl kaltblütig. »Es ist ja natürlich, daß die nächsten Anverwandten unserem Gedächtnis immer am gegenwärtigsten sind – aber ich versichere dir, das ist doch noch etwas anderes. Bei aller grenzenlosen Hochachtung, welche ich für Gräfin Leontine hege, würde ich sie doch nicht zu den Frauen rechnen, mit denen man reden, sondern eher zu jenen ... hm ... denen man zuhören kann!«

Wieder begegneten die Augen der beiden jungen Männer einander, und diesmal fingen sie wieder beide an zu lachen; aber sie lachten ganz kurz – denn Flintsch mußte natürlich aufhören, sobald Ronsky aufhörte, und Ronsky hörte nicht nur sehr bald auf, sondern nahm sogar einen staatsmännischen Ernst an. So mitten in seine unbefangene Jugendlustigkeit hinein kam ihm oft plötzlich der Gedanke, daß ein Mensch, der zum zukünftigen Ministerpräsidenten von Oesterreich auserkoren war, seine Würde wahren müsse, selbst den vertrautesten Freunden gegenüber.

»Bei wem bist du denn eigentlich schon gewesen, wen hast du bereits kennen gelernt?« fragte Flintsch weiter.

Ronsky zählte eine Reihe wohlklingender Namen auf.

Flintsch schüttelte den Kopf. »Und unter all den Menschen solltest du niemand gefunden haben, mit dem du dich hättest unterhalten können?«

»Niemand, mit dem ich mich wohl gefühlt hätte.«

»Nun, ich versichere dir, das wird noch kommen; die Berliner Gesellschaft ist interessanter als die Wiener, schon, weil sie nicht so abgesperrt ist, schon, weil man in ihr Menschen begegnet, die man in Wien höchstens durch den Operngucker zu sehen bekommt. In ganz Wien findest du keinen Salon wie den von Rheinsbergs – ebenso, wie du kaum eine Frau findest in der Art der Gräfin Rheinsberg.«

»Die ist zufälligerweise eine geborene Oesterreicherin," warf Hans ein.

»Ja,« gab Flintsch zu, »und noch obendrein eine Böhmin, aber sie hat sich im Ausland entwickelt! Du hast sie noch nicht kennen gelernt?«

»Nein...« Hans hatte sie noch nicht kennen gelernt, hauptsächlich deswegen nicht, weil ihm seine Schwester Leontine streng eingeschärft hatte, es nicht zu unterlassen. Leontine war nämlich eifersüchtig auf die Gräfin Rheinsberg, deren glänzender Geist und Schönheitsruf durch ganz Europa verbreitet war – und da sie eifersüchtig war, war sie natürlich auch neugierig.

Der Grund, weshalb er der Gräfin Rheinsberg bis dahin ausgewichen war, verschwieg Hans dem Freunde, er brachte nur etwas Allgemeines über seine Antipathie gegen Blaustrümpfe vor.

Flintsch zuckte die Achseln. »Warte, bis du sie kennen gelernt hast,« sagte er. Dann machte er Ronsky einen Vorschlag.

Er stand eben im Begriff, einen Bazar zu besuchen, zu dem ihn mehrere Damen gebeten hatten. Auf dem Bazar würde Hans einen kompendiösen Klavierauszug von ganz Berlin antreffen – wenigstens von dem weiblichen Teil Berlins. Warum sollte ihn Hans nicht begleiten?

Hans haßte Bazare – er hatte die Absicht gehegt, den Nachmittag, behaglich in einem Excelsiorfauteuil ausgestreckt, mit dem interessanten Studium von einem Band Toqueville zu verbringen. ... Er ließ sich bitten ... aber... er ließ sich erweichen.

Der Erlös des in Rede stehenden Bazars war als milder Beitrag zur Errichtung eines Kinderspitals bestimmt. Infolgedessen hieß er der »Spitalsbazar« – ja, viele nannten ihn kurzweg das »Spital«. Man hatte große Mühe gehabt, ihm irgend eine packende, die Neugierde des Publikums anregende Seite abzugewinnen. Es gab auch dies Jahr gar zu viel Konkurrenz in Bazaren!

Der einzige Bazar, welcher in diesem Jahr einen großen, unbestrittenen Erfolg aufzuweisen gehabt hatte, war der Frauengroschenbazar, welcher »grauer Frosch« genannt, unter der Präsidentschaft der Fürstin Bismarck im Kongreßsaal abgehalten worden war.

Die Präsidentschaft der Fürstin sicherte dem Unternehmen die Sympathieen des Fürsten. Er war an beiden Bazartagen eine volle Glockenstunde lang anwesend gewesen – und das machte den Erfolg des Unternehmens aus.

Das Publikum hätte sich totschlagen lassen, um den Reichskanzler zu sehen. Für das bloße Entree waren große Summen eingegangen – Kopf an Kopf hatten die Spießbürger den runden Tisch umstanden, an dem der Fürst zwischen zwei schönen Frauen mit herzhaftem Appetit sein Gabelfrühstück eingenommen hatte. Es war ein großartiger – ein historischer Moment, noch Kindern und Kindeskindern wollten sie's erzählen, daß sie den »Fürsten«, den »Reichskanzler« – daß sie »Bismarck« hatten Hummer essen sehen!

Ja, so etwas konnte das »Spital« der Menge nicht bieten.

Nach langem Hin- und Hersinnen hatte man sich dazu entschlossen, die ungarischen Zigeuner spielen zu lassen. Es war zwar nur ein recht mäßiger Ersatz für den Reichskanzler – aber immerhin etwas.

Uebrigens nicht nur was seine pièce de résistance anbelangt, sondern in jedem Detail war der arme Spitalbazar auf Hindernisse gestoßen – ganz besonders in Bezug auf das Lokal, in dem er sich niederlassen sollte. Keines der Ministerien hatte ihm ein Obdach gewährt. Nach langem Hin- und Herirren hatte man ihm den großen Saal der Kriegsakademie geöffnet, wo er sich dann schließlich etwas verschämt und kleinlaut niederließ.

Man hatte auch gar zu viele Bedingungen an seine Anwesenheit in der Kriegsakademie geknüpft. Zum Beispiel war eine Verordnung gekommen, daß die Komiteedamen nur eine Viertelstunde vor oder eine Viertelstunde nach zwölf Uhr die Haupttreppe benutzen durften, wodurch man einer Begegnung der Kriegsschüler mit den Komiteedamen vorzubeugen hoffte.

Ob man fürchtete, daß die Begegnung die Komiteedamen aufregen könnte oder die Kriegsschüler, blieb dahingestellt. Immerhin war die Verordnung demütigend.

Da, wie die Damen bald merkten, es mit den Zigeunern nicht gethan war, um dem armen Spitalbazar einen halbwegs zweckentsprechenden Erfolg zu sichern, hatte man schließlich eine glänzende Idee.

Das Komitee wendete sich an die Gräfin Rheinsberg mit der Bitte, sich an die Spitze des Unternehmens zu stellen.

Und die Gräfin Rheinsberg sagte zu. Von dem Augenblick an hob sich die Popularität des »Spitals«.

Gräfin Rheinsberg war zwar nicht so berühmt wie der »eiserne Kanzler«, aber eine Zugkraft war sie doch, und alles, was sie anrührte, gedieh. Es war kaum ruchbar geworden, daß sie dem Bazar ihr Interesse widmete, als bereits zwei Prinzessinnen von Geblüt ihre Mitarbeiterschaft an dem wohlthätigen Werk freiwillig anboten.

Diesen und noch anderen »Tratsch« erzählte Flintsch seinem ernst angelegten Freund auf dem Wege in die Dorotheenstraße, während er mit ihm die erschrecklich steile und gerade Treppe hinaufstieg, die in das Stockwerk führte, wo der Bazar einquartiert worden war. Hans hörte mit einem halben Ohr zu und lächelte mit einem Mundwinkel. Dann fing Flintsch an, von der Gräfin Rheinsberg zu schwärmen.

Da blieb Hans mitten auf der Treppe stehen und zog die Brauen zusammen.

»Du wirst sie entzückend finden!« versicherte Flintsch. Hans aber schüttelte die Zumutung ungeduldig duldig von sich ab.

»Bezaubernde Eigenschaften mag sie haben,« gab er spöttisch zu, »sie dankt ihnen ja ihre glänzende Existenz; aber ich werde mich nie mit dem Umstand abfinden, daß sie sich als zwanzigjähriges Mädchen an einen Greis verkauft hat!«

»Erstens war er, wenn auch ein älterer Mann, nichts weniger als ein Greis, da sie ihn heiratete,« verteidigte Flintsch die Gräfin, »zweitens hat sie ihre Pflicht an seiner Seite tadellos erfüllt – es ist auch nicht das Mindeste gegen ihren Ruf...«

Doch da hatten sie den Saal erreicht – Tische rechts, Tische links, Tische in der Mitte, die ganze Länge des Saales entlang Tische – alle mit züchtig drapierten Beinen und die heterogensten Gegenstände tragend: Kinderwäsche, Verbandzeug, Seife und Parfüms – Kaffee und Thee – Fleischkonserven – Schokoladebonbons – Blumen – Luxusgegenstände und so weiter.

Wie alle Wohlthätigkeitsveranstaltungen hatte der Bazar eine demokratische Verfassung, das heißt der aristokratische Aufputz ruhte auf plebejischer Basis, und an den vornehmsten Tischen machte sich irgend eine bürgerliche Intelligenz nützlich.

Unten gegen die Eingangsthür zu war alles bürgerlich – dort wurden auch meistens baumwollene Gegenstände und Küchengerätschaften verkauft – aber gegen den oberen Teil des Saales zu wurde die Sache immer exklusiver und gipfelte schließlich in dem sogenannten Prinzessinnentisch.

Neben der Eingangsthür saßen auf einer kleinen Estrade die Zigeuner. Sie feierten gerade eine Ruhepause und tranken Bier – das kleine Orchester im Schnürrock – der Dirigent, weizengelb mit pechschwarzem Haar und Bart – mehr malaiisch als zigeunerhaft anzusehen, in schwarzem Gesellschaftsanzug und Lackstiefeln.

Ein Summen wie in einem großen Vogelkäfig, in dem die Vögel frisch eingefangen sind, ging durch den ganzen Saal. Das weibliche Element war entschieden vorherrschend! Der Geruch von Treibhausblumen mischte sich mit dem Geruch von rotem Kattun.

Die beiden Freunde strebten dem Prinzessinnentisch zu. Zwei sehr niedliche, sehr vornehme Damen, denen die anderen vornehmen Damen besondere Ehrfurcht bezeigten, standen neben dem Tisch. Eine von ihnen blickte aufmunternd einem etwas geknickt einhergehenden, graubärtigen Mann ins Gesicht, der ihren Blick mit einem heftig abwehrenden: »Aber ich bitte, meine gnädigste Gräfin, ich habe schon ...« beantwortete.

Er hatte nämlich schon einer anderen von den Damen einen Tausendmarkschein übergeben und wehrte sich gegen weitere Plünderungen.

Er war einer der reichsten Bankiers von Berlin und ging immer so geknickt einher, als ob er die Menschen um Verzeihung bitten wollte, daß er so viel Geld habe. In dieser übertriebenen Bescheidenheit bildete er ein Gegenstück zu einer jungen Frau, auf welche Flintsch seinen Freund Ronsky aufmerksam machte. Sie stand, erdrückt von ihren unverdienten Vorzügen, mit beständig niedergeschlagenen Augen da und – so behauptete Flintsch – pflegte ihren Freunden mit Vorliebe zu versichern: »Ich kann ja nichts dafür, daß mich der liebe Gott so schön gemacht hat!«

Der einzige Unterschied zwischen diesen beiden Helden der Bescheidenheit war, daß Herr Schwarz das Geld, für welches er sich entschuldigte, wirklich besaß, während die Schönheit der Frau von Binder mehr eine eingebildete Krankheit war.

An dem Prinzessinnentisch machte sich Flintsch sehr liebenswürdig – er stellte seinen Freund vor, erzählte ein paar boshafte Anekdoten und kaufte einen Fächer, der von einer der Prinzessinnen gemalt worden war.

Seinen Zweck aber erreichte er nicht: Marie Rheinsberg befand sich in dem Augenblick nicht an dem Prinzessinnentisch, infolgedessen konnte er ihr seinen Freund auch nicht vorstellen. Sein Blick schweifte durch den Saal. Von dem Blumenstand aus, der sich knapp neben dem Prinzessinnentisch befand, kamen zwei Mädchen auf ihn zu und reichten ihm lachend die eine einen Strauß Tulpen, die andere einen Strauß Veilchen. Ehe er ihnen die Blumen abnehmen konnte, war Hans ihm zuvorgekommen. Er reichte jeder der jungen Damen ein Zwanzigmarkstück, wobei er sich tief verbeugte und bat, vorgestellt werden zu dürfen.

Nun wurde er umringt, aus allen Weltgegenden kamen schlanke Mädchenhände, die ihm Blumen anboten.

»Der reinste Parzival,« murmelte Flintsch. Hans fing es an schwül zu werden – auf eine so gründliche Ausplünderung war er nicht gefaßt gewesen. Schon wollte er sich unter einem höflichen Vorwand und mit einer bescheidenen Schlußspende losmachen, als er plötzlich bemerkte, daß vom anderen Ende des Saales ihn ein Paar seltsam leuchtende Augen beobachteten. Die Augen standen unter einer weißen, von kastanienbraunem Haar umwellten Stirn. Stirn und Augen waren das Merkwürdigste in dem Gesicht, in dem übrigens alles schön war, die gesunden, aber zarten Farben, ebenso wie die Züge – eher große Züge, die in die Ferne ebenso wie in der Nähe wirkten und an die schönsten Köpfe von Burne Jones erinnerten; dazu eine volle Gestalt, etwas klassisch Harmonisches in allen Verhältnissen, und doch in der ganzen Erscheinung so viel Geist und Leben sprühende, echt moderne Vornehmheit. Ein pelzverbrämtes, dunkelblaues Sammetkleid, auf dem kastanienbraunen Haar auch irgend etwas Pelzverbrämtes, das einen Hut darstellen sollte und mit einem Busche von Reiherfedern und einer altertümlichen Diamantagraffe geschmückt war. Ohne sich erklären zu können, wie das kam, erriet Hans sofort, daß diese ausnehmend schöne Person die Gräfin Rheinsberg sein mußte, die arme Marie Berg, die sich an den reichen norddeutschen Edelmann verkauft hatte.

Ein Wunsch, an ihr herumzumäkeln, befiel ihn, welcher Wunsch sofort von einem anderen abgelöst wurde – dem Wunsch, Eindruck auf sie zu machen. Vorbei war's mit Vorsicht und Mäßigung. Er zog seine Börse und schüttelte, ohne zu zählen, den ganzen goldenen Inhalt derselben in die Hände des ihm am nächsten stehenden jungen Mädchens aus, wobei er lachend sagte: »Einer für alle, so weit es reicht,« hierauf aber den ihm von allen Seiten aufgedrängten Blumenreichtum in die Arme nahm und mit einer ritterlichen Verbeugung auf den Prinzessinnentisch niederlegte.

»Sehr gut! Damit hast du dir deinen Platz in der Berliner Gesellschaft erobert,« flüsterte ihm Flintsch zu. »Ein bißchen aufs Effektmachen müssen wir abzielen, besonders im Anfang!«

Hans runzelte die Stirn. Er war einer von jenen, die es nicht lieben, wenn man die Dinge brutal beim Namen nennt. Sein Blick schweifte nach der Schönheit im pelzbesetzten blauen Sammetkleid – er merkte, daß ihre Augen ihm Beifall zollten.

»Na, dort ist sie!« rief Flintsch.

»Wer?« fragte scheinbar arglos Hans.

»Nun sie – Gräfin Rheinsberg – dort neben dem Tisch mit den Fußsocken und wollenen Bettdecken steht sie. Sie ist nämlich ein schrecklicher Wohlthätigkeitsfex – aber ohne Ostentation, das muß man ihr lassen! Komm, Hans!«

»Ja, wenn dir ein Gefallen damit geschieht!«

Die beiden jungen Leute näherten sich der schönen Frau. Ein neugieriges Gemurmel surrte hinter ihnen drein. Flintsch kannte man seit zwei Jahren. Er war allgemein beliebt, war überall gern gelitten – aber er hatte nie Aufsehen erregt. Er war in jedem Sinn des Worts mittelgroß, paßte überall hinein und ragte nirgends hervor. Er war der Attaché, wie er im Buche steht – auch in seinem Aeußeren vom Kopf bis zu den Füßen Durchschnittsware des männlichen österreichischen Luxusartikels. Ronsky dagegen mußte auffallen, wo er erschien. Das ungarische Blut, welches er von seiner Mutter hatte, schlug stark bei seiner Erscheinung durch. In seine moderne Vornehmheit mischte sich irgend ein Element ritterlicher Romantik, das für die Frauen etwas Unwiderstehliches hatte.

Er trug die Haare um ein Spürchen länger als die meisten seiner Standesgenossen und einen leichten, lockigen Bart um das schmale, auffallend feingeschnittene Gesicht. Dazu war er um einen Kopf größer als Flintsch. Kein Wunder, daß ihm alle Blicke folgten, und daß alle hoffähigen jungen Damen von Berlin sich nach seinem Her- und Auskommen erkundigten.

Als die Gräfin Rheinsberg merkte, daß die beiden jungen Männer auf sie zuschritten, wurde sie plötzlich zerstreut – und aus Zerstreutheit kaufte sie ein halbes Dutzend wollener Decken und ein ganzes Dutzend baumwollener Nachtjacken. Sie hatte den Handel gerade abgeschlossen, als Flintsch vor ihr stehen blieb.

»Gestatten Sie mir, Ihnen meinen Freund Graf Ronsky vorzustellen, einen Landsmann!«

»Und wenn ich nicht irre, eine Art Vetter,« bemerkte die Gräfin und heftete freundlich lächelnd den Blick auf ihn. Ihr Lächeln hatte ebensoviel Glanz wie ihre Augen. Dabei reichte sie dem jungen Mann die Hand, eine Auszeichnung, die er mit einem ehrerbietigen Lippenstreifen erwiderte.

»An mir war es nicht. Sie an unsere Verwandtschaft zu erinnern, Gräfin!« sagte er. Sein Ton war sehr höflich, aber etwas gezwungen.

Ein Schatten zog durch ihre hellen Augen. Offenbar hatte sie das Gefühl, ihre Liebenswürdigkeit an einen Unwürdigen oder, was noch ärger ist, an einen Undankbaren verschwendet zu haben. Nun sind wir Menschen einmal derartig geraten, daß uns auf der Welt keine Verschwendung mehr gereut als verschwendete Liebenswürdigkeit. Sie änderte sofort Ton und Haltung, sprach von den gleichgültigsten Dingen so unverwandtschaftlich wie möglich.

Die ungarischen Zigeuner hatten ihre musikalische Thätigkeit von neuem begonnen – sie spielten jetzt »Im Grunewald ist Holzauktion!« – einen entsetzlichen Gassenhauer, dessen Popularität seiner Zeit ebenso unanzweifelbar als unerklärlich und nervenangreifend war. Man konnte ihm nicht entgehen. Alle Gassenbuben plärrten, alle Studenten pfiffen, alle Leierkästen grunzten »die Grunewalder Holzauktion« – nicht einmal bei der Tafelmusik des Kaisers fehlte sie, und wenn ein Mensch sich um viele Jahre später daran erinnerte, was er in jenem Jahre genossen oder gelitten, so trommelte gewiß ein Stückchen Holzauktion in seiner Erinnerung mit.

»Unerträglich!« murmelte Gräfin Rheinsberg. »Daß nicht einmal die Zigeuner von dieser musikalischen Epidemie verschont geblieben sind! Die Zigeuner hielt ich für immun. Ich hoffte, sie würden endlich etwas Ungarisches spielen!«

»Und haben sie das bis jetzt nicht gethan?« fragte Ronsky.

»Nein – ich hatte die größte Mühe, sie daran zu verhindern, die Tannhäuserouverture vorzutragen – wozu mir das kleine Orchester nicht geeignet schien – aber besser als die Holzauktion wär's doch noch gewesen!«

»Bringen Sie Ihre Wünsche doch Herrn Janos Bela persönlich vor,« meinte Flintsch, »er widersteht Ihnen gewiß nicht!«

Marie näherte sich dem Dirigenten und fragte ihn, ob die »Ungarischen Tänze«, welche von Brahms für Klavier bearbeitet worden sind, auf seinem Repertoire stünden.

Von Brahms hatte er gehört – und daß einige ungarische Tänze für das deutsche Publikum zurecht geschrieben worden waren, wußte er. Die Frau Gräfin solle nur die Melodie summen, dann würde er sofort sagen, ob er aufwarten könne.

Sie summte die ersten Takte von Nummer vier.

Der Ungar nickte verständnisvoll. Er strich die ersten Takte der zauberischen Melodie über seine Geige. »Kenn' ich, kenn' ich, schönes ungarisches Lied – traurige Worte!« Er murmelte die Worte ungarisch, vor sich hin.

»Wie lauten die Worte?« fragte die Gräfin Rheinsberg.

»Ronsky, du sprichst ja ungarisch ...« bemerkte Flintsch.

Der Ungar wiederholte die Worte.

Marie heftete den Blick auf den jungen Oesterreicher. Eine tödliche Verlegenheit hatte sich seiner bemächtigt. »Die Worte ...« sagte er und ließ sie sich noch einmal von Janos wiederholen, dann übersetzte er: »Mein Schatz ist weit – ich darf ihn nicht lieben ...«

Janos aber war mit dieser sehr freien Übersetzung keineswegs zufrieden. »Nein, nicht mein Schatz,« erklärte er eifrig, »mein Mann – mein Mann ist zu alt, ich kann ihn nicht lieben!«

Ein Kreis hatte sich indessen um die schöne Frau gebildet, wie immer und überall, wo sie sich länger aufhielt. Sie fühlte, daß sich in diesem Moment alle Äugen auf sie richteten, daß sie sozusagen am Pranger stand. Sie behauptete ihre Haltung. »Zu alt – ist das ein Grund?« fragte sie mit einem flüchtigen Lächeln – aber dann, und das sah man ihr an, wußte sie doch, daß die geistreichste Antwort der Welt sie nicht vor den Glossen oder dem Mitleid der sie Umgebenden retten würde. So ließ sie die Sache über sich ergehen.

Kurz darauf tönte der erste Geigenstrich durch den Saal. Sie begab sich zu dem Prinzessinnentisch zurück, wo bereits eine große Gruppe von Verehrern ihrer harrte und ihr alle die Huldigungen entgegenbrachte, an welche sie gewohnt war. Aber sie blieb zerstreut. Mehr als einmal suchten ihre Augen den jungen Vetter, der ihr eine Demütigung hatte ersparen wollen und der sie offenbar gerichtet, ehe er sie gekannt hatte.

Den Erfolg gönnen uns unsere Mitmenschen nur, wenn sie an dessen praktischem Nutzen ihren Anteil finden.

Keine Frau hatte, ohne aus einem vornehmen Privatleben herauszutreten, mehr Erfolg gehabt als Marie Gräfin Rheinsberg, geborene Freiin von Berg, und da sie doch nicht alle Menschen in den Lichtkreis aufnehmen konnte, der ihre Persönlichkeit umstrahlte, so gab es sehr viele, die ihr die Bevorzugungen des Schicksals übel nahmen. Mit einem Wort, sie hatte sehr viel Neider.

Jeder weiß, daß Neid und Mißgunst die Eltern übler Nachrede sind. Und so war es auch in diesem Fall. Was Neid und Mißgunst ersinnen konnten, um Marie Rheinsberg in den Staub zu treten, das thaten sie. Sie nannten sie kaltherzig, berechnend, hochmütig. Etwas Schlimmeres konnten sie ihr freilich nicht nachsagen – einen schlechten Ruf wagten nicht einmal Neid und Mißgunst ihr anzudichten. Daß sie als ganz junges Mädchen einen Mann von nahezu sechzig Jahren geheiratet und durch diese Heirat eine glänzende Stellung erworben hatte, war im Grunde genommen das Einzige, was man gegen sie vorbringen konnte. Daß ihr Leben an der Seite des greisen Gatten ein tadelloses geblieben war, das konnte selbst der Neid nicht bezweifeln – nur verkleinerte der Neid natürlich ihr Verdienst dadurch, daß er ihre tadellose Lebensführung mit der Trockenheit und Nüchternheit ihrer Naturanlage erklärte.

Marie hatte nie viel darüber nachgedacht, auf was ihre streng sittliche Lebensführung sich stützte, ob auf ein anerzogenes Prinzip oder einen angeborenen Instinkt. Es war nun einmal so, sie machte sich kein besonderes Verdienst daraus – aber sie war doch eher zufrieden mit sich und hegte halb unbewußt die Ueberzeugung, daß ihr Leben allen denen, welche je gewagt, ihr einen Vorwurf aus ihrer Heirat zu machen, den Mund stopfen mußte.

Und heute zum erstenmal war ihr das Bewußtsein gekommen, daß dem nicht so war, daß der Umstand den Menschen immer noch zu kritteln und zu spötteln gab – daß er etwas war, an dem die Welt zartfühlend vorüber schwieg.

Zum erstenmal hatte sie sich vor einem Menschen dafür geschämt, daß sie ihre junge Schönheit an einen Greis verkauft – zum erstenmal hatte sie ihre Handlung in diesem häßlichen Licht gesehen.

Als sie an jenem Abend in das Palais in der Wilhelmstraße zurückkehrte, welches sie mit ihrem Gatten bewohnte, fand sie ihn leicht erkältet. Er hatte sich niederlegen müssen – sie verbrachte den Abend neben seinem Bett, las ihm vor, schenkte ihm Thee ein und versäumte zwei Soireen, bei denen sie sehnsüchtig erwartet worden war.

An diesem Abend war sie froh, einen Grund zu haben, sich von der Welt fern zu halten, den Menschen auszuweichen.

Gegen zehn Uhr verließ sie den Grafen Rheinsberg, nachdem sie sich ganz besonders bemüht hatte, ihn durch die Schilderung alles dessen, was sie im Laufe des Tages erlebt, zu zerstreuen.

Sie zog sich in ihr Zimmer zurück – sie war müde. Aber der Schlaf blieb ihr fern. Sie dachte an vielerlei – sie dachte an alles, was sie im Leben erreicht hatte – und vielleicht zum erstenmal, seit sie verheiratet war, dachte sie auch an das, was sie im Leben versäumt. Sie hielt sich nicht auf bei dem Gedanken – er kam als ungebetener Gast und wurde verscheucht – aber gekommen war er doch.

Ruhelos schob sie den Kopf auf dem Kissen hin und her. Der Eindruck der schönen, glänzenden Gegenwart wurde verwischt, unklar – längst vergessene Sorgen schlichen an ihr vorüber und längst verglommene Träume tauchten in ihr auf. Die Träume blieben länger als die Sorgen.

Sonst war es anders gewesen.

Jahrelang hatte sie nur der Schattenseiten ihrer Jugend gedacht. Die Erinnerungen an jene Zeit waren immer mit einer Art lähmenden Entsetzens verbunden gewesen. Heute zum erstenmal mischte sich in das Entsetzen eine Art Sehnsucht. Sie hörte den Frühlingswind durch die alten Linden schaudern im Park von Sanssouci – dem halb verfallenen böhmischen Rokokoschlößchen, in dem ihre Wiege gestanden, aus dem, heraus sie ihrem Gatten in die Welt gefolgt war. Der Duft der Erde, wenn sie im Frühling neuer Lebenslust entgegenstrebt, zog durch ihre Seele. Sie sah das junge Gras mit frischen Frühlingsblumen besät und über all dem ein Funkeln und Flimmern wie geschmolzenes Gold, in das man Brillanten und Rubine gemischt hätte. So sah die Welt aus nach einem Regenguß, der noch vor wenigen Augenblicken aus einem pechschwarzen Himmel heruntergeströmt, nach einem Sturm, der wie eine Geißel durch die ganze Natur hingetobt war, peitschend und heulend. Aber er war vorüber und alles war wieder schön – schöner als vor dem Unwetter. Es war eben im Mai!

Ah!...

Sie runzelte die Brauen. Wie thöricht war es, sentimental zu werden!

Das, was ihr schön in ihrer vergangenen Jugend erschien, waren ein paar flüchtige malerische Momente – von den drückenden, demütigenden Sorgen hatte sie täglich schwer gelitten. Aber sie war doch jung gewesen und frei – und jede Sorge war gewesen wie eine häßliche graue Puppe, aus der heute oder morgen ein Schmetterling herausflattern kann.

O, es war alles gut, wie es gekommen war – sie sagte sich's wieder, immer wieder – aber im innersten Herzen blieb sie unruhig.

Wie durch einen Nebel hindurch sah sie die Vergangenheit. Der Nebel lüftete sich, alles trat deutlicher hervor.

Das alte ebenerdige, sich lang hinziehende Rokokoschlößchen, das sie mit ihren Eltern Sommer und Winter bewohnt hatte – die geistvollen Züge der Mutter – ihre großen dunklen Augen, aus denen der Optimismus einer sanguinisch romantischen Natur durch alle ihre Existenz verdunkelnden Sorgen siegreich hindurchleuchete – die gutmütige, vom Schicksal etwas verängstigte Physiognomie und vierschrötige Gestalt des Vaters, in den sich die geistvolle Frau verliebt hatte, als er noch ein schlanker Husarenoffizier gewesen war – der Vater, der immer so guten Willen hatte und alles verkehrt machte, der im Leben wie in einer großen Dunkelheit umhertappte. Er war nämlich geschäftsblind, wie andere Menschen farbenblind sind.

Das wäre an und für sich kein großes Unglück gewesen, wenn sich nicht zu dieser Unfähigkeit ein unabweisbarer Trieb gesellt hätte, sich beständig in allerhand Unternehmungen zu mischen. Die traurigen Resultate, welche seine geschäftsblinde Veranlagung unter solchen Umständen für ihn und seine Familie zur Folge haben mußten, blieben nicht aus.

Die Eltern hatten einander aus Leidenschaft geheiratet, der Vernunft zum Trotz. Sie hatte kein Geld – er hatte Schulden – was that's – sie liebten einander! Was daraus wurde? Nun, Marie hatte es mit angesehen!

Solange Maries Mutter lebte, ging alles noch so leidlich. Die Mutter hielt den kümmerlichen Haushalt zusammen, wie sie konnte, und leitete mit Hilfe einer sehr gebildeten englischen Dame die Erziehung Maries.

Die Bergs standen auch damals noch mit der ganzen Nachbarschaft in Verkehr. Die Baronin war eine ebenso beliebte als hochgeachtete Persönlichkeit, und ihr Gatte war überall wohl gelitten; teilweise weil er ein vorzüglicher Schütze war und auch weil seine Gattin es verstand, ihn daran zu hindern, Indiskretionen zu begehen.

Nach ihrem Tode wurde die Sachlage demütigend. Fast alle Bekannten der Bergs zogen sich von ihnen zurück.

Und das hatte seine besonderen Gründe.

Eine geistreiche Frau, der man einmal ihre große Beliebtheit rühmte, erwiderte hierauf: »Ja, ich habe sehr viele Freunde – und was mehr ist, ich behalte sie; und wissen Sie den Grund davon?«

Man wußte natürlich tausend Gründe und die allerschmeichelhaftesten. Sie aber winkte lachend ab und sagte: »Unsinn! Der einzige Grund, warum ich alle meine Freunde behalte, ist der, daß ich nie etwas von ihnen verlange!«

Der Grund, weshalb Baron Berg alle seine Freunde verlor, war, daß er von allen etwas verlangt hatte.

Kaum, daß seine Frau unter der Erde lag, that er sofort, von dem Mitleid, welches ihm alle seine Bekannten in seinem verwitweten Zustand bewiesen, dazu verleitet, dasjenige, vor dem ihn die Verstorbene stets so dringend gewarnt hatte – er ging einen nach dem anderen unter seinen Bekannten darum an, ihm entweder Geld zu borgen oder wenigstens seine Wechsel zu acceptieren.

Auf diesem Ohre aber hörten sie nicht.

Daß der Abfall der Freunde mit dem fast plötzlich durch eine heftige Lungenentzündung hervorgerufenen Tod der Mutter zusammenfiel, und worauf ihre gänzliche Vereinsamung zurückzuführen sei – darüber wurde sich Marie erst viel später klar.

Anfangs fühlte sie nur den Verlust der Mutter – darüber hinaus war sie empfindungslos.

Wenn man sie späterhin gefragt hätte, wie ihr nach dem Tode der Mutter zu Mute gewesen war, so hätte sie geantwortet: »Als ob das Dach über meinem Kopf eingestürzt wäre und mich betäubt hätte!«

Und als sie aus der Betäubung erwachte, da war ihr's, als ob nun nicht nur das Dach gefallen wäre, sondern als ob man dazu noch alle Mauern eingerissen hätte, so daß der kalte Herbstwind von allen Seiten zu ihr hereindrang.

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