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Im gewohnten Geleis

Ossip Schubin: Im gewohnten Geleis - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorOssip Schubin
titleIm gewohnten Geleis
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1901
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070903
projectid362b46c1
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Hans kannte den alten Kutscher in der drapfarbenen Sommerlivree mit blauem Kragen. Er war ein Musterkutscher, fuhr wie der Teufel und war nie betrunken. Hans pflegte ihm sonst jedesmal etwas Freundliches zu sagen. Heute sah er ihn kaum an und erwiderte auf seine Frage nur trocken: »Ich habe keinen Diener mitgenommen. Ich denke nicht, mich lange in Wodanka aufzuhalten.«

»Das ist aber schad',« bemerkte der Kutscher mit der respektvollen Zutraulichkeit eines alten böhmischen Herrschaftsdieners. Dann betrachtete er den jungen Herrn kopfschüttelnd. »Dem ist was ›der quer gangen‹,« stellte er bei sich fest, worauf er, sobald sich Hans in den blauen Polstern des gelben Phaetons zurechtgesetzt hatte, die Pferde antraben ließ.

Der alte Kutscher hatte recht, es war ihm etwas »der quer gangen«. Er hatte Marie seinen Aufsatz eingeschickt – einesteils wirklich, um einen guten Rat in betreff der letzten Ausfeilung von ihr zu erhalten, hauptsächlich aber, um sich von ihr beloben, bewundern, wieder einmal so recht nach Herzenslust verhätscheln zu lassen.

Er hatte viel von seiner Flugschrift gehalten, hatte sich seines Erfolges sicher gefühlt. Ihr abfälliges Urteil hatte ihn ganz und gar niedergeschmettert, dann aber im höchsten Grade aufgebracht.

Wenn sie noch von ihrer persönlichen, unmaßgeblichen Meinung gesprochen hätte! Aber so mit voller Sicherheit ihn bestimmen zu wollen, auf die Veröffentlichung zu verzichten, darin verriet sich die Selbstüberhebung einer verwöhnten Frau – das war einfach unerhört!

Blaß vor Zorn hatte er den Brief Maries in tausend Fetzen zerrissen, dann, noch zitternd vor Erregung, ein paar Zeilen an seinen »Getreuesten« geschrieben, an den er sofort das Manuskript absenden ließ.

Ihm war, wie er dem »Getreuesten« mitteilte, darum zu tun, in dieser Angelegenheit das reife Urteil eines politischen Parteigenossen zu hören. Die Veröffentlichung wollte er von dem »Getreuesten« abhängig machen. Der Zorn der Enttäuschung, das gekränkte Selbstgefühl hatten ihm noch in allen Adern gepocht, als das Telegramm seiner Schwester aus Wodanka an ihn gelangt war. »Max wünscht dringend, dich in wichtigen Geschäftsangelegenheiten zu sprechen. Reise sofort!«

Nichts hätte ihm gelegener kommen können! Wenige Stunden später war er ins Eisenbahncoupé gestiegen. Der Weg von Katschow nach Wodanka war weit und drei Viertel davon war schlecht. Graf Miroslaw prozessiert bereits seit zwei Jahren mit drei Gemeinden, welche sich nicht entschließen wollten, die Straße herrichten zu lassen. Er wäre gewiß im vollsten Sinne des Wortes besser gefahren, wenn er, statt zu prozessieren, für die Ausbesserung selbst aufgekommen wäre. Aber wie viele Menschen, die im großen ganzen ein sehr anständiges Leben ohne alle Grundsätze führen, war er in Kleinigkeiten ein Prinzipienreiter erster Klasse.

Das Terrain war hügelig, bergauf, bergab ging's durch die Wälder, dann zwischen sumpfigen Wiesen dahin. Kurz vor Schluß kam noch ein Stück steil bergansteigender Straße.

Aber was war das? Dort, wo die Straße ihren Höhepunkt erreichte, stand eine weiße Martersäule, und daneben erblickte Hans eine weibliche Figur. Das Gesicht vermochte er nicht zu erkennen, aber das eine sah er genau, daß das Mädchen dort oben jung, hochaufgeschossen und schlank war und daß es rötliches Haar hatte, welches in der untergehenden Sonne wie Gold glänzte.

Sich mit der Hand die Augen schützend, spähte es nach der Richtung aus, von wo der Wagen kam. Als sich Hans aber vorbeugte, um es genauer zu mustern, wendete es sich rasch, fast heftig um und eilte, von der Straße abbiegend, querfeldein über eine Wiese davon. Und wieder verriet ihm jede Bewegung, daß die Fremde sehr jung war. Er konnte sich gar nicht satt sehen an der halb wilden Unbefangenheit, mit der sie vorwärts hetzte. Sie lief so rasch, daß ihr Kamm ihr aus der Frisur fiel. Ihr reiches Haar rollte herab und flatterte hinter ihr her wie eine lodernde Flammengarbe.

Rotgoldig zeichnete es sich ab gegen das Türkisblau des Abendhimmels. Er sagte sich's später oft, daß sein Herz damals Feuer gefangen habe an der züngelnden Flamme ihres im duftigen, feuchten Frühlingswind hinflatternden Haares. ... Wer konnte das sein? ... Wer anders als sein Mündel Nixa, die kleine Halbwilde, die am Tage seiner Promotion mit so heißer Begeisterung seine Hand geküßt – Nixa, die er zum letztenmal als unfertigen, unbeholfenen Backfisch kurz nach dem Tode seines armen Bruders gesehen hatte. Konnte sie sich so herrlich entwickelt haben?

Er merkte, daß sie im Laufen die Richtung nach dem Park zu eingeschlagen hatte, dessen mächtige alte Bäume man über eine niedrige weiße Mauer aufragen sah, und daß sie in einem Thürchen dieser selben Mauer verschwand.

Offenbar gehörte die Unbekannte zum Schloß. Ja, wer konnte es anders sein als Nixa!

»Willkommen, Hans! ... Hoffentlich gefällt's dir hier, und du hältst's recht lang bei uns aus!«

Mit diesen Worten empfing Graf Miroslaw den Vetter, dem er bis in die Durchfahrt entgegengekommen war. Er sah sehr schön und vornehm aus in einem hellen Anzug, der seine noch mit sechzig Jahren schlank gebliebene Figur gut kleidete. Er paßte zu der Treppe, auf der er seinen jungen Anverwandten hinaufgeleitete, einer breiten, hochüberwölbten Treppe. Die mit weißlicher Oelfarbe gestrichenen Wände waren durch allerhand merkwürdig halbrunde Fenster und Nischen unterbrochen, die alle mit reich entwickelten grünen Pflanzen verstellt und dort, wo sie bis an den Boden reichten, mit wundervoller, altväterischer Eisenarbeit vergittert waren.

»Hast du deine Gewehre mitgebracht? Es stehen dir drei starke Böcke gleich morgen zur Verfügung. Der Wildstand ist Heuer gut; ich bin froh, daß ich dir wenigstens das zu bieten hab'. Im übrigen wirst du's ledern finden bei uns!«

Graf Miroslaw war ganz Liebenswürdigkeit und Gastfreundschaft. Er hatte den Expreßbrief völlig vergessen und überhaupt, daß der Vetter eigentlich einer geschäftlichen Angelegenheit halber »dringend« nach Wodanka citiert worden war.

»Und wo ist dein Jäger?« fragte er, nachdem er ein paar Höflichkeiten mit Hans ausgetauscht hatte.

»Ich hab' ihn nicht mitgebracht,« erwiderte Hans. »Ich bin ja nur in aller Eile herübergerutscht auf Leontines Telegramm hin. Es scheint, daß es sich um wichtige Geschäftsangelegenheiten handelt.«

»Ach ja! ... Richtig! ... Die Geschichte wegen der Expropriation ... aber weißt du, Hans, besprechen müssen wir uns ja und eine Meinung abgeben; aber eigentlich geschieht das doch nur zur Parade. Wir werden schließlich alle beide den Ausweg erwählen, den uns der Hampe als den einzig richtigen darstellt. In jedem Fall bin ich froh, dich hier zu haben. Und jetzt entkommst du uns nicht so bald!«

»Aber ich hab' ja gar nichts veranlaßt zu Hause, gar nichts geordnet für eine längere Abwesenheit,« entgegnete Hans.

In diesem Augenblick wurde er der Schwester ansichtig, welche, mehr Maria Stuart als je, in dem weiten, luftigen Flur stand, auf den die Treppe ausmündete, und nun ihren Bruder mit einer Ueberschwenglichkeit umarmte, als ob er ein drei Jahre lang vermißter, endlich heimkehrender Nordpolfahrer gewesen wäre.

Im Salon kam ihm die Gräfin Klotilde entgegen, herzlich, gutmütig, wohlthuend.

Eine anheimelnde Atmosphäre durchströmte das ganze Haus. Hans wurde nach seiner Reise gefragt und wie er Natek verlassen. Der Hausherr streifte mit einer flüchtigen Frage seine angenehme Nachbarschaft, worauf er ihn in das für ihn hergerichtete Zimmer hinaufgeleitete, damit er sich zum Souper »sauber« mache. »Eigentlich konntest du bleiben, wie du bist – wir sind ganz unter uns,« hatte der Hausherr dem Gast mitgeteilt, »aber es wird dir vielleicht selber angenehmer sein, dich umzukleiden. Ich schick' dir den Franz!«

»Ganz unter uns ...« Während Hans sich des Eisenbahnstaubes entledigte und seinen Reiseloden mit einem Smoking vertauschte, fragte er sich, was dieses »unter uns« bedeute. Ob die goldhaarige Walküre, die er dort neben der Martersäule erblickt, am Ende doch nicht sein Mündel sei, ob sie vielleicht gar nicht zu den tafelfähigen Schloßbewohnern gehöre? Es war nicht zu denken – solche in Freiheit dressierte Rassefüllen wie die wuchsen nicht auf in der Enge einer Beamten- oder Inspektorswohnung.

Die dröhnende, tragisch mahnende Stimme eines Gongs schnitt seinen Gedankenfaden entzwei. Zugleich pochte jemand an seine Thür. Der alte Schloßwärter meldete, die Herrschaften hätten sich im Salon versammelt, das Souper sei bereit.

Es war im Gobelinsalon, wo sich die Herrschaften versammelt hatten. Sofort bei seinem Eintritt bemerkte Hans seine goldhaarige Walküre, sein jugendliches Mündel Nixa. Sie trug ein weißes Kleid, das bis zum Hals, ja mit seinem knappen gestickten Stehkragen bis an das Kinn hinaufreichte, die Arme bis an die Ellbogen freilassend. Die Arme waren zart, wunderschön geformt und weiß und glatt wie Alabaster. Das Haar, welches er vorhin hatte ungebunden im Winde wehen sehen, war jetzt zusammengerollt, aufgesteckt und wellig von Stirn und Schläfen zurückgestrichen. So machte es den Eindruck, fast zu schwer für den kleinen Kopf zu sein.

»Monika!« rief er herzlich, »da bist du ja! Hast du dich aber verwandelt! Alle Achtung! Ich freu' mich sehr, dich wiederzusehen!«

Monika senkte die Augen, sah verlegen aus und wurde rot.

Er imponierte ihr offenbar sehr. Ihre Schüchternheit rührte ihn. Allerhand ritterliche Instinkte tauchten in ihm auf. Er nahm die Hand, welche Nixa ihm mit einer etwas linkischen Bewegung gereicht hatte, und führte sie an seine Lippen. »Bist du es denn wirklich?« lachte er. »Die kleine Monika, die ich zum letztenmal vor drei Jahren sah, war dick, hatte einen kurzen Hals und unzählige Sommersprossen. Sie stand im unvorteilhaftesten Alter. Für jemanden, der die Uebergangsperiode nicht mitgemacht hat, wäre es wirklich schwer gewesen, die Kaulquappe von damals mit der Nixe von heute zusammenzureimen!« Er verbeugte sich lächelnd.

»O, wie galant du sein kannst! Ich hätte gar nicht geglaubt, daß ein so hervorragender Mann wie du sich zu so etwas hergibt!«

»Und wie du zu schmeicheln verstehst!«

»Schmeicheln! ... O, Onkel Hans ...!« Eine solche überzeugte Fülle von Anbetung sprach aus ihren zu ihm aufgeschlagenen Augen, daß es ihm durch Mark und Bein ging!

Doch da wurde die Flügelthür geöffnet: man begab sich zu Tisch.

Hans Ronsky war ungewöhnlich angeregt und gesprächig bei dem Souper. Das hübsche Speisezimmer mit der eichengetäfelten Decke und den spanischen Ledertapeten, von denen sich die in schmalen, altväterischen Goldrahmen gefaßten Familienporträts abhoben, war gut beleuchtet, das Essen vorzüglich, wenn auch eher österreichisch als französisch zubereitet. Nur die Weine waren französisch: alter Burgunder und weißer Bordeaux, herrlicher Yquem, dessen in Eis gekühltes Feuer eine einschmeichelnd aufregende Wirkung auf Hans ausübte. Er fühlte sich wie von einer Last erleichtert, von einer Fessel befreit, er hielt Vorträge über die politische Lage Oesterreichs und gebrauchte unaufhörlich seine Lieblingswendung: »Meines Erachtens etc. ...« Alle anwesenden Damen, von seiner Schwester angefangen, hörten ihm andächtig zu.

Plötzlich hörte er sich eine Phrase sagen, die besonders geistreich war, die dem Hausherrn ein lautes »ausgezeichnet« abgewann, und er ward sich bewußt, daß die Phrase gar nicht von ihm war, daß sie von Marie herrührte. Er schüttelte die Erinnerung von sich ab; aber von dem Augenblick an verhielt er sich stiller.

Ueber den sehr einfach, aber mit blendender Sauberkeit gedeckten Tisch hinüber bemerkte er Nixa, die ihn mit anbetenden Blicken anstrahlte, die Augen jedoch sofort auf ihren Teller senkte, als sie bemerkte, daß auch er ihr seine Aufmerksamkeit zuwendete. Er sah es genau, daß die Befangenheit des jungen Mädchens, anstatt abzunehmen, mit jeder Minute wuchs. Ein gerührtes Mitleid durchwärmte ihn. Er hätte sie in die Arme nehmen mögen, um sie zu streicheln, zu beruhigen, zutraulich zu machen und dann abzuküssen ... abzuküssen ...

»Weißt du, Nixa, daß ich dich heute bereits aus der Ferne erblickt habe?« bemerkte er nach einer Weile. »Du mich?«

»Ja, ich dich! Ich glaube nicht, daß man dich so leicht mit einer anderen verwechseln könnte. Du standest dort bei der Martersäule und spähtest die Landstraße hinauf. Offenbar hast du irgend was erwartet, den Postboten wahrscheinlich, der dir ein neues Kleid bringen sollte. Als du des Wagens ansichtig wurdest, schienst du sehr enttäuscht zu sein, denn du hast mit aller Geschwindigkeit die Flucht ergriffen.«

Nixa war feuerrot geworden. Niemand an der Tafel antwortete. Gräfin Klotilde wechselte einen Blick mit ihrer Cousine, worauf diese, man war beim Dessert, die Tafel aufhob.

»Die Herren können sich noch ein wenig beim Wein unterhalten,« meinte die Dame des Hauses. »Wir werden uns ohne sie im Salon behelfen. Meinem Mann macht es ein besonderes Vergnügen, wenn er ein wenig ›tischeln‹ kann, und ihr hättet die beste Gelegenheit, eure langweiligen Geschäftsfragen zu erörtern.«

Hans war aufgestanden, um den Damen die Thür zu öffnen. Als Nixa an ihm vorüberkam, suchte er ihren Blick zu erhaschen, aber sie hielt die Augen eigensinnig zu Boden gesenkt ...

Er fühlte es deutlich, daß es ihm verdrießlich war, zu seinem Vetter und den Weinflaschen zurückzukehren, um so mehr, als er merkte, daß er den Vetter vom »Tischeln« nicht so leicht würde loszureißen vermögen.

Es war das eine englische Sitte, welche Graf Miroslaw kennen und lieben gelernt hatte, als er noch Attaché in London war. Als echter österreichischer Edelmann hätte er es gänzlich unstatthaft gefunden, sich bis zu irgend einem unästhetischen Grade zu betrinken, das war gut für Rekruten oder Studenten. Hingegen liebte er es, seine Lebensanschauungen mittels eines Glases starken Burgunders optimistisch zu stimmen, sich überhaupt in eine gute Laune »hineinzupiepeln«, wie er es nannte.

»Noch ein Glas?« sagte er jetzt, indem er dem Vetter den Chambertin hinüberschob.

Hans goß sich pro forma ein paar Tropfen ein.

»Du weißt nicht, was gut ist,« versicherte Miroslaw und streckte die Arme ein wenig von sich, »mir ist geradezu zu Mute, als hätte ich Sonnenstrahlen im Leib, und ein Wohlwollen fühl' ich gegen meinen Nächsten – nicht zu beschreiben! Ich möcht' die ganze Welt umarmen!«

Er schenkte sich noch ein Glas ein, dann mit einem lustigen Augenblinzeln zu dem Vetter hinüber: »Hast du die arme Nixa in Verlegenheit gebracht!«

»Aber wieso?« fragte Hans.

»Na, als du ihr erzähltest, daß du sie dort bei der Martersäule bemerkt, wie sie dir entgegenspähte! ... Du gabst freilich vor, zu denken, daß sie die Post erwartet haben müsse. Aber das war durchsichtig.«

»Max, ich versichere dir ...« beteuerte Hans.

Der Hausherr fing an zu lachen. »Solltest du wirklich an die Postsehnsucht geglaubt haben?« rief er. »Nein! Bist du naiv! Du ... unter uns –– cela ne tire pas à conséquence. Die Nixa hat ja geradezu eine tragische Leidenschaft für dich. Wir haben sie neulich dabei betroffen, wie sie ein Briefcouvert geküßt hat, nur weil es mit deiner Handschrift verziert war.«

»Max!«

»Thatsache ... Thatsache, mein Lieber!« versicherte Miroslaw. »Nun, sterben wird Nixa an dieser Schwärmerei nicht – für irgend etwas schwärmen junge Mädchen immer. Früher hat sie für einen Tenor geschwärmt. Wie hieß er nur? ... Macaroni oder Salami. So etwas Italienisches! Die Schwärmerei datiert übrigens sehr weit zurück. Sie muß noch in kurzen Kleidern gesteckt haben, als sie sein Bild im Medaillon um den Hals trug. Ist das dumm ... ein junges Mädchen! ... Und es gibt Männer, die sich gern mit so etwas abgeben. Mir ist das unbegreiflich! Zum Anschauen sind ja die Mädel mitunter recht hübsch – aber man kann mit ihnen nicht reden, sie sind zu langweilig. Und immerfort muß man sich in acht nehmen, daß man sich nicht vergaloppiert. Ich habe mein ganzes Leben nur mit einem jungen Mädchen gesprochen – das war die Klotilde, und mit der eigentlich auch erst, als ich schon mit ihr verheiratet war.«

Hans fing an zu lachen, worauf der Hausherr des Lapsus, dessen er sich schuldig gemacht hatte, gewahr wurde und ebenfalls lachte. Zu gleicher Zeit klopfte er sich auf die Stirn und dann der Flasche Chambertin auf den Stöpsel. »Ich glaube, es ist Zeit, daß wir uns in den Salon verfügen, sonst muß ich meinen Verstand in der leeren Flasche suchen. Mein Geist und der Chambertin dürften die Plätze gewechselt haben.«

Um das reizende Schlößchen von Sanssouci herrschte eine bleierne, verschlafene Müdigkeit, als ob die, welche es bewohnte und die Seele des Ganzen gewesen war, alle Teilnahme am Leben verloren hätte.

Seit mehr als einer Woche erwartete sie ihn jeden Tag, jede Stunde – er kam nicht. Die hohen alten Faulbäume hatten ihre schwül duftenden Blüten abgestreift, der Boden unter ihnen war mit zarten weißen Blättchen wie mit Schnee bestreut. Und über den Fliederbüschen lag ein gelbbraunes Welken, als ob eine Flamme versengend darüber hingezogen wäre.

Zwischen den schwertförmigen Irisblättern, die scharf und spitz eine grüne Mauer um das Bassin vor dem Schloß aufbauten, streckten sich grünviolette, flachgepreßte Knospen hervor, ja an vielen Stellen prangten die Irisblumen schon in der vollen Pracht ihrer veilchenblauen, gelben oder weißen Anmut. Die Vielfarbigkeit des jungen Frühlingslaubes hatte sich in ein allgemeines helles Grün verwandelt, das, besonders an den Linden- und Kastanienbäumen, etwas grell und unvermittelt gegen das Schwarz der Baumrinden an Stämmen und Aesten abstach.

Der schönste Augenblick des Frühlings, die vielverheißende Unfertigkeit, war vorüber. Das ausgeführte Bild war nicht so schön wie die Skizze, und es lagen auch schon zu viel welke Blüten im Gras.

Marie sah bleich aus und war zusehends abgemagert.

Durch die Dienerschaft hatte sie erfahren, daß Hans für ein paar Tage verreist war, aber das erklärte nichts. Eine rasende Unruhe rüttelte an ihrer Seele, zehrte an ihrer Gesundheit. Wie sie die Sache auch hin und her drehen mochte, sie fand doch für sein langes Ausbleiben nur eine Erklärung: er hatte ihr ihre Aufrichtigkeit übel genommen.

Anfangs hatte der Aerger über seine thörichte Empfindlichkeit sie dermaßen erfüllt, daß sie darüber die Sehnsucht nach ihm vergessen hatte. Es ist doch nicht möglich, daß ich einen so eitlen, kleinlichen Menschen liebe, hatte sie sich ein über das andere Mal gesagt. Es ist ja gut, sehr gut, daß ich ihn zu rechter Zeit als das erkannt habe, was er ist.

Aber in kurzer Zeit fiel der Zorn, und die Sehnsucht kam wieder. Sie fand tausend Entschuldigungen für ihn. Sie hätte zartere Worte finden sollen, um seinen schönsten Traum zu zertrümmern, um eine Hoffnung, auf die er seinen ganzen Lebensplan aufgebaut hatte, hinzurichten!

Daß sie ihn kränken, eine Verstimmung heraufbeschwören würde, hatte sie nicht nur gefürchtet, sondern erwartet. Sie hatte sich zu einer stürmischen Auseinandersetzung gewappnet. Aber daß er plötzlich, ohne ein erklärendes Wort, aus ihrem Leben heraus verschwinden würde, darauf war sie nicht vorbereitet gewesen. Wie sie sich auch Vernunft predigte, ihre Zeit wie sonst mit ernsten oder nützlichen Beschäftigungen auszufüllen trachtete, sie konnte ihre innere Unruhe nicht bemeistern. Es lag ihr schwer auf der Brust, mit jedem Atemzug wähnte sie einen Zentner zu heben. In ihren Adern floß das Blut heiß, bald langsam, bald stürmisch, immer schmerzlich, als wolle es ihre Adern sprengen. Sie war zugleich matt und rastlos. Sie hätte Lust gehabt, sich auf ihr Lager auszustrecken und sich nie mehr zu rühren. Aber sobald sie sich niederlegte, war ihr, als habe sie sich auf lodernde Flammen gebettet; und sie richtete sich auf, um von neuem, aber vergeblich eine Zerstreuung zu suchen. Doch sie fand sie nicht, da alle ihre Gedanken immer wieder zurückstrebten nach demselben Punkt, von dem sie dieselben nicht loszureißen vermochte. Die schöne und starke Fähigkeit, sich für die vielfältigsten Dinge zu interessieren, die sonst eine ihrer bezeichnendsten Eigenschaften ausgemacht hatte, war gänzlich gelähmt. Wenn sie sich eine Stunde lang zum Lesen oder zum Musizieren zwang, wußte sie nachher nie, was sie gelesen, was sie gespielt hatte. Und wenn man vor ihren Augen eine der alten Linden vor der Terrasse umgehauen hätte, die sie so liebte – sie hätte es nicht gemerkt, oder es wäre ihr gleichgültig gewesen.

Ihr ganzes Sein war nur noch ein gespanntes Sehnen und Lauschen. Immer horchte sie auf das leichte Räderrollen, das ihr sein Kommen verkünden mußte. Aber es war nichts zu hören, nichts als das leise Flüstern der Bäume, das Singen der Vögel, das Summen und Schwirren der Insekten: der ganze volle Jubelaccord des Frühlings, in den das Fallen welkender Blüten hineinknisterte.


Seit Ronskys Ankunft in Wodanka sind heute vierzehn Tage vergangen. Anfangs war die Verlängerung seines Besuches für ihn mit Skrupeln verbunden. Aber die Skrupel haben sich bald verflüchtigt. Er amüsiert sich ausgezeichnet, und das Gefühl des Wohlbehagens, das ihn gleich in der ersten Stunde nach seiner Ankunft unter dem Dach seiner Verwandten umfangen hat, ist noch im Steigen.

Es ist ein sehr schöner Frühlingstag, ein warmer, duftiger, von kühlenden Winden durchspielter Maitag.

Die Gräfin Leontine steht an einem offenen Fenster ihres Schlafgemaches und blickt, hinter einer Gardine verborgen, aufmerksam hinunter auf ein junges Paar, welches um das große, mit Rosen bepflanzte Rundell vor der Schloßfront ein Radwettrennen veranstaltet: Hans und Nixa, beide, wie sie vom Lawntennis-Platz gekommen sind, in hellen, schmaldurchstreiften Wollanzügen und mit fast gleichen Matrosenhüten. Sie sehen beide sehr angeregt aus und scheinen gegenseitig an ihrer Gesellschaft viel Freude zu finden.

Nixa fährt unendlich besser als ihr junger Vormund. Nachdem sie das Rennen glänzend gewonnen, gönnt sie sich das Vergnügen, ihn durch die merkwürdigsten Kurven und andere komplizierte Figuren, die sie mit ihrem Rade in den gelben Sand hineinzeichnet, zu verblüffen. Zu dem Fenster, von dem aus Leontine die beiden heimlich beobachtet, tönen herzliche Lachsalven, bewundernde und warnende Ausrufe hinauf.

»Teufelsmädel! ... Famos! ... Um Gottes willen, brich dir nicht den Hals!« Und wie graziös sie dabei aussieht, wie leicht und anmutig sie ihre Kunststücke macht! Was unsere Zeit alles erlebt, Nixen auf dem Velociped! Ich hätte gar nicht geglaubt, daß das verdammte Rad eine Frau so gut kleiden könnte!

»Hör mal, Nixa, das ist zu arg!« erklärte Hans schließlich mit komischer Entrüstung. »Meine männliche Würde leidet es nicht, mich dermaßen von dir in den Schatten stellen zu lassen! Ich muß dir deine Künste ablernen, um dich, sobald es irgend angeht, darin zu übertreffen!«

Aber mit dem Uebertreffen schien es noch gute Wege zu haben. Wie viele vorzügliche Reiter, manipulierte Hans mit dem Zweirad schwerfällig und ungeschickt. Als er, Nixas Beispiel nachahmend, die Arme auf dem Rücken verschränkte, behauptete er sich nur mit Mühe, und als ihm plötzlich ein laut bellender Spitz entgegensprang, machte er bei dem Versuch, dem Spitz auszuweichen, eine so ungeschickte Bewegung, daß er samt seinem Rade zu Boden und zwar gegen eine weißlackierte Gartenbank fiel.

»Um Gottes willen, Onkel Hans!« Ehe er sich's versah, war Nixa von ihrem Rade heruntergesprungen und reichte ihm beide Hände, um ihm beim Aufstehen zu helfen. Ihre Besorgnisse gutmütig verlachend, schnellte er zwar ohne ihre Hilfe empor, dabei aber stellte es sich heraus, daß er auf den linken Fuß nicht recht gut auftreten konnte. »Es ist nichts ... ich habe mir nur ein wenig den Knöchel verstaucht!« rief er, »gebrochen ist er nicht; es hätt' schlimmer ausfallen können. Das kommt vom Ehrgeiz, Kleine!«

»Ja,« versicherte Nixa, »das kommt vom Ehrgeiz. ... Ach, der Ehrgeiz ist überhaupt ein gräßlicher Unruhstifter und Quälgeist. Ich kann den Ehrgeiz nicht leiden!«

»Hast recht! Bist ein großer Philosoph sans le savoir, wie übrigens alle echten Philosophen!«

Sie saßen jetzt beide auf der weißen Gartenbank, gegen die Hans so ungeschickt mit seinem Fahrrad angeprallt war. Plötzlich legte der Vormund seinem Mündel väterlich den Zeigefinger unter das Kinn. »Was ist denn das, Nixa? ... Thränen?« Und er tippte einen großen Tropfen von der Wange des jungen Mädchens weg. »Wo kommen denn die her, Nixa?«

»Es war nur ... ich bin so fürchterlich erschrocken, als ich dich auf dem Boden liegen sah,« schluchzte Nixa. »Ich hatte Angst, du habest dir am Ende das Bein gebrochen – wie August Schönberg im vorigen Jahre.«

»Kleiner Narr!« rief Hans, »ich hätte gar nicht geglaubt, daß Nixen so warmherzig sein können.« Er nahm ihre Hand, streichelte sie leicht und führte sie an seine Lippen. »Und es wär' dir sehr leid gewesen um mich, wenn ich mir das Bein gebrochen hätte, was?«

»Natürlich, sehr!« erklärte sie, während sie sich mit dem Rücken ihrer Hände die nassen Augen trocken rieb. »Aber es wär' doch auch wieder sehr schön gewesen – ich hätte dich von früh bis spät gepflegt.«

»Kleiner Narr! ... Kleiner, rührender Narr!« murmelte Hans.

Während er noch aufrichtig bewegt dem jungen Mädchen in die thränenglänzenden großen Augen sah, den schieferblauen Augen der Rothaarigen, kam der alte Kammerdiener auf den großen, im Halbkreis mit Rokokostatuen besetzten Platz vor dem Schloß und meldete: »Frau Gräfin lassen sagen, es sei Besuch gekommen.«

»Wer ist denn gekommen?« erkundigte sich etwas ärgerlich über die Störung Nixa.

»Der Herr Graf Doppelberg und der Herr Major aus Kralow mit Frau Gemahlin!« Damit zog sich der Kammerdiener zurück.

»Wer ist denn der Major?« fragte Hans.

»Ein gewisser Müller, seit drei Monaten Müller von Ahnenreich genannt ... man konnte ihn, scheint's, ganz gut leiden, solang er ledig war. Seitdem er geheiratet hat und überall seine Frau vorstellen will, wünscht man ihn an das Ende der Monarchie.«

»Wen hat er denn geheiratet ...?«

»Ach, irgend jemand,« erklärte Nixa hochmütig, »sie heißt Schulze, infolgedessen nennt man das Paar Müller und Schulze. Ein bißchen Geld hat sie, auch ein bißchen Bildung. Mit beidem macht sie sich unbeliebt.«

»Von wem weißt du denn das alles?«

»Doppelberg hat mir's erzählt,« erwiderte Nixa.

»Hm! Und Doppelberg ist ...?«

»Ach!« – sie errötete ein wenig – »Doppelberg ist ein Oberleutnant.«

»So!« ... Hans sah das junge Mädchen von der Seite an. Nicht ohne Spannung, ja nicht ohne geheime Unruhe wartete er auf das, was sie über Doppelberg sagen würde. »Ein Oberleutnant ... und weiter nichts ...?« drang er in sie.

»Ach, nebenbei ist er ein ganz anständiger Mensch, der famos Lawntennis spielt und mich heiraten will!« »So ... so ... heiraten will er dich – was sich so ein Gelbschnabel alles erlaubt! Dann interessiert er mich natürlich lebhaft, da muß ich mir ihn sogleich ansehen,« scherzte Hans und machte Miene aufzustehen. Dabei jedoch stellte es sich heraus, daß ihn der Fuß doch bedeutend mehr schmerzte, als er anfangs angenommen hatte. Er verzog ein wenig den Mund und stieß ein ärgerliches »Zu dumm!« heraus, um sich dann von neuem niederzusetzen.

»Ich werde dich bitten müssen, mir einen Diener zu schicken, auf den ich mich stützen kann,« bemerkte er, worauf Nixa, energisch den Kopf schüttelnd, erwiderte: »Warum? Du kannst dich auf mich stützen, wenn du durchaus ins Schloß willst. ... Aber eilt's denn gar so ... ich versichere dir, es ist hier viel hübscher als im Salon.«

»Wohl möglich, aber ich brenne vor Neugierde, Doppelberg kennen zu lernen,« versicherte Hans mit jener scherzhaften Übertreibung, hinter der sich die Wahrheit mitunter zu verstecken liebt. »Gefällt er dir? Als Theresianisten hab' ich ihn gekannt, aber davon, wie er jetzt aussieht, hab' ich keine Ahnung. Ist er hübsch?«

Sie zuckte die Achseln und streifte aus niedergeschlagenen Augen sein Gesicht mit einem raschen, schlauen Blick, den er nicht merkte. Hierauf sagte sie: »O ja, er gefällt mir ganz gut. Er ist hübsch und gut gewachsen, reitet vorzüglich – o, famos reitet er! Hindernisse versteht er zu nehmen! Er tanzt auch sehr gut ... und liebt mich rasend.«

»Nun ...« Hans Ronskys Brauen zogen sich immer finsterer zusammen. »Mehr kann man nicht verlangen!«

»Eigentlich nicht – das sag' ich mir auch,« seufzte Nixa und sah zu Boden.

Eine längere Pause trat ein. In den Bosketts, die aus den Rasenplätzen aufragten, zwitscherten die Vögel verliebte Duette, dazwischen hörte man die Spritze des Gärtners, welcher die Rosenbäumchen abwusch. Hans nahm zuerst den Faden des Gesprächs wieder auf. Seine Stimme klang ganz verändert, als er fragte: »Hat er sich dir schon erklärt, Monika?«

Sie warf etwas ärgerlich den Kopf zurück. »Vor allem bitte ich dich, mich nicht Monika zu nennen, ich werde dir gar nichts verraten, wenn du mich Monika nennst!«

»Ja, aber du heißt doch so!«

»Wie man mich getauft hat, hab' ich selber fast vergessen,« erwiderte sie, »aber wie man mich nennt, das weiß ich ganz gut. Die Leute, die mir fern stehen, nennen mich Monika; die, die mir näher stehen, nennen mich Nixa ... und du ... wenn du mich gern hast ... Onkel Hans ... wenn du mich gern hast, nennst du mich Nix.«

»Aber ich hab' dich ja immer gern,« versicherte er, sich zu ihr niederbeugend und ihre Hand in die seine nehmend. Was für eine weiße, glatte, seidenweiche Hand es doch war! Wie süß die Vögel in den Bosketts zwitscherten und wie würzig der Duft des frisch begossenen Rasens sich mit dem Geruch des jungen Laubes mischte! Wie herrlich sind doch Frühling und Jugend, die erste, unreife, so viel versprechende Jugend!

»Ich hab' dich ja immer gern,« versicherte er noch einmal, ihre Hand etwas fester in die seine hineindrückend.

»Ja,« sagte sie, mit dem Kopf nickend, »aber manchmal hast du mich lieber!« Sie warf den Kopf zurück und lachte. Dabei öffneten sich ihre frischen roten Lippen über den gesunden, blendend weißen Zähnen, und ihre goldschimmernden, nicht sehr dunklen, aber dichten und langen Wimpern senkten sich über ihre glänzenden Augen. »Onkel Hans,« bettelte sie, »nenn mich Nix! Nenn mich immer Nix!«

»Wir wollen schon sehen!« erklärte er, »wir wollen's uns gut überlegen – wenn du sehr brav bist! ... Aber sag mir, wie nennt dich Doppelberg?«

»Der! Gräfin Monika nennt er mich – wie sollte er mich denn anders nennen?«

»Und er hat sich noch nicht erklärt?«

»Nein – ich habe ihn noch nicht zu Worte kommen lassen,« behauptete Monika, wobei sie einen sehr langen Hals machte und die Mundwinkel etwas hochmütig herunterzog.

»Ja, meine liebe Monika!«

Sie sprang auf und machte Miene davonzulaufen. Er hielt sie an einer Kleiderfalte fest. »Also, meine liebe Nix, wenn du es durchaus willst ... meine liebe Nix ... wenn er sich noch gar nicht erklärt hat, so hängt ja die ganze Geschichte in den Wolken, und du bildest dir's am Ende gar nur ein, daß er dich heiraten will!«

»Hm! Onkel Hans!« – und ihre Augen nahmen einen harten, finstern Ausdruck an – »du scheinst zu denken, daß es einem Mann sehr schwer fallen müßte, sich zu entschließen, mich zu heiraten!«

»Aber, Nix!«

»Ach, Onkel Hans, du weißt doch, daß ich die Wahrheit sag'. Uebrigens hast du recht – sehr recht im großen ganzen – aber nicht was Doppelberg anlangt. Ich hab' immer Verehrer gehabt, aber Doppelberg ist der erste, der's ernst meint. Woher ich das weiß? Er klagt und seufzt ja bei allen unseren Bekannten über seine Gefühle und fragt, ob man glaube, daß er Chancen habe, und dann wird mir das wieder zugetragen, und ich werde gefragt.«

»Und was hast du bis jetzt geantwortet?« »Irgendetwas, das die Sache hinausschiebt, das mir Zeit gönnt, mir's zu überlegen.«

»Also du überlegst dir's doch!« rief Hans. »Wenn ein Mädchen anfängt, in solchem Fall zu überlegen, so ist sie eigentlich schon entschlossen, zu heiraten ohne Liebe. Denn die Liebe schließt die Ueberlegung aus. Nix, Nix! Wärst du so etwas im stande?« Seine Stimme klang zugleich scharf und erregt.

Wieder schoß aus ihren niedergeschlagenen Augen ein Blick zu ihm hinüber, ein Blick, den er nicht bemerkte. Dann murmelte sie: »Geh nicht zu scharf ins Gericht mit mir, Onkel Hans. Was soll aus so einem Mädchen wie ich werden, wenn es sitzen bleibt? Er ist ein anständiger Mensch. Manchmal sage ich mir, greif zu! Deine Zeit ist kurz, du bist keine von denen, die man noch heiratet, wenn sie verblüht sind. Und vielleicht hätt' ich mich entschlossen, wenn ... wenn ich nicht ...« Sie senkte den Kopf und wendete sich von ihm ab.

»Wenn nicht ... wenn du nicht einen anderen gern hättest. Hab' ich's erraten, Nix ... mein armer, kleiner Nix?« Er nahm sie bei beiden Händen und zog sie an sich heran. »Wer ist's? Nix, beicht's deinem alten Vormund, wer? Wirst du mir's sagen?«

»Nie!« rief sie aus.

»Hast du denn gar kein Vertrauen zu mir, Nix?« drang er weiter in sie, und plötzlich eine kalte, gekränkte Miene annehmend, setzte er hinzu: »Nun, wie's dir beliebt!« und dabei ließ er ihre Hände aus den seinen gleiten. Da sprang sie auf, schlang einen ihrer jungen, warmen Arme um seinen Hals, küßte ihn auf die Stirn und rannte davon.

»Nix! Nix!« rief er ihr nach, »laß mich doch nicht so erbärmlich im Stich, Nix! Hast du denn vergessen, daß ich ein Krüppel bin?«

Aber sie wendete sich nicht, sondern floh über die Rasenplätze, so rasch sie ihre jungen Glieder tragen konnten.

Wie wunderschön elastisch so eine junge Gestalt ist! 's ist doch was Herrliches um so einen frischen, unberührten Menschenfrühling! dachte Hans bei sich, während er ihr nachstarrte.

Im ersten Stock schließt sich ein Fenster, ohne daß er es merkt. Es ist das Fenster, hinter welchem seine Schwester die kleine Scene, die sich soeben zwischen ihm und seinem Mündel abgespielt, aufmerksam beobachtet hat.

»Hm! ... hm!« macht Gräfin Leontine, indem sie sich in ihren Lieblingsfauteuil zwischen ihrem Schreibtisch und ihrem improvisierten Reisealtar setzt. Und sie faltet die Hände und verfällt in ein tiefes Nachdenken, aus dem sie erst der Gong weckt, der die Schloßbewohner von Wodanka zu dem Diner herbeiruft, das wie gewöhnlich um halb Zwei aufgetragen wird.

Major und Majorin waren zum Diner eingeladen worden. Denn wenn auch Graf Miroslaw den Major seit dessen Verheiratung Gott weiß wohin wünschte, so war er doch noch immer sehr höflich gegen ihn und zwar aus zwei Gründen. Erstens aus allgemeiner Menschenfreundlichkeit, welche, mochte er von sich sagen, was er wollte, einen Hauptzug seines Charakters bildete, und zweitens ... ja, zweitens, weil man trachten mußte, das Regiment bei guter Laune zu erhalten, »dem Fery zulieb«.

Fery war der jüngste Sprößling des Grafen: ein bildschöner Junge, ebenso intelligent wie faul, was teilweise die Schuld seines Vaters war, welcher den Schulfleiß als eine überflüssige Abnützung der geistigen Fähigkeiten betrachtete.

»Lern nur gerade so viel, daß du durchkommst!« hatte er ihm von Kindheit an eingeprägt, und danach hatte sich Fery, bis dahin gehalten. Er war nie durchgefallen, außer im letzten Jahr, und dies auch nur dank der Unvorsichtigkeit eines Professors, welcher ihm eine Frage gestellt hatte, auf die er nicht vorbereitet war. Von da an mußte er die Studien etwas ernster nehmen und sogar den Sommer im Miroslawschen Palais auf der Kleinseite zwischen zwei Hofmeistern verbringen, die in ihn hineintrichterten, was das Zeug hielt, das heißt so viel, als er sich irgendwie gefallen ließ; denn das Freiwilligenjahr nahte heran, und darauf mußte man vorbereitet sein. Im Herbst sollte Fery in das derzeit in Kralow stehende Dragonerregiment eintreten, da mußte man sich doch liebenswürdig gegen den Major zeigen!

Uebrigens auch ohne sich durch Ferys Zukunft bestimmen zu lassen, wäre einem nicht viel anderes übrig geblieben, als die Müllers zu Tisch einzuladen. Die Majorin hatte sich gleich nach ihrer Ankunft herzzerbrechend über die schlechten Wege geäußert, ja sogar erklärt, wenn sie eine Ahnung davon gehabt hätte, wie schlecht und wie weit der Fahrweg zwischen Kralow und Wodanka sei, hätte sie die Tour nicht unternommen; in einem Tag sei die Partie gar nicht auszuführen!

Worauf der Major ihr etwas hastig in die Rede gefallen war: »Ach, meine Liebe, du verstehst das nicht – wenn die Pferde zwei, drei Stunden ausgeruht haben, so laufen sie wieder wie der Teufel.«

Aber unter drei Stunden geht's nicht, und so wurden denn der Herr und die Frau Major Müller von Ahnenreich zum Diner eingeladen. Daß unter diesen Umständen auch Graf Doppelberg zum Bleiben aufgefordert wurde, verstand sich von selbst.

Hans Ronsky wurde reichliche Gelegenheit geboten, den Verehrer seines Mündels zu beobachten, und nicht ohne heimlichen Verdruß mußte er feststellen, daß eigentlich selbst der anspruchsvollste Vormund gegen diesen Bewerber schwerlich etwas einwenden konnte. Schlank, hoch aufgeschossen, schmal in den Hüften, schmal im Gesicht, mit aristokratischer Hakennase und etwas konventionell zuvorkommendem Leutnantslächeln, stillen, freundlich anspruchslosen Manieren, ohne jegliche Spur von Affektation oder Prätension, war Doppelberg vom Kopf bis zu den Füßen der normale österreichische Kavallerieoffizier. Sehr gutmütig im gewöhnlichen Leben, praktisch, in seinem militärischen Beruf tüchtig, sonst nicht von nervenbeunruhigenden geistigen Interessen geplagt, schien er wie geschaffen zu einem rücksichtsvollen Ehegatten, umsichtigen Familienvater und verträglichen Hausgenossen. In Bezug auf Namen und Vermögen bot er mehr, als was Monika eigentlich erwarten durfte.

Unter diesen Umständen war es kein Wunder, daß Graf Miroslaw, nachdem die Gäste weggefahren waren, seinem Vetter Ronsky im Rauchzimmer, wo die beiden Herren eine »Erholungszigarre« rauchten, zurief: »Die Nixa hat wirklich ein unverschämtes Glück! Der Doppelberg ist in sie verliebt wie ein Narr! Und da überlegt sie sich's noch!«

Hans lag mit stark geschwollenem Knöchel auf einer Chaiselongue ausgestreckt und hörte schweigend zu.

»Und da überlegt sie sich's noch!« wiederholte, neben dem Vetter stehen bleibend, Graf Miroslaw.

»Das ist ihre Sache,« bemerkte Hans nun endlich ziemlich trocken, indem er einen langen Zug aus seiner dunkelbraunen Havanna that, worauf er nachdenklich eine Reihe zierlicher blauer Rauchringe vor sich hin blies.

»Meinst du? ... Da bin ich nicht ganz deiner Ansicht,« ereiferte sich der leicht erregbare Graf Max. »Ganz und gar nicht deiner Ansicht, Ich finde, in solchem Fall haben doch ältere, erfahrenere Leute die Jugend darauf aufmerksam zu machen, was vernünftig ist. Und das kannst du der Nixa schriftlich geben, daß sich ihr eine solche Gelegenheit ein zweites Mal nicht bieten wird.«

»Kann man nicht wissen!« murmelte Hans. Die Rauchringe flogen ihm jetzt etwas hastiger von den Lippen, und ihre Form war nicht mehr so präzis rund wie früher.

»Aber, mein lieber Hans!« Graf Miroslaw unterbrach seinen Spaziergang, um sich rittlings auf einen Rauchsessel an dem Kopfende der Chaiselongue, auf der Ronsky ausgestreckt lag, niederzulassen. »Aber, mein lieber Hans, bedenke nur die Nebenumstände! Die Mutter der Nixa – mag sie zehnmal eine russische Fürstin gewesen sein, wie man behauptet – eine Petersburger Demimondlerin war sie gewiß!«

»Onkel Max!« fuhr Hans auf, »Ich bitte dich, laß das! ... Schließlich war sie die Frau meines Bruders!«

»Beruhige dich nur, mein Alter, wir sind ja ganz unter uns! Vor der Welt würde ich natürlich diesen Punkt niemals berühren. Aber du begreifst doch, daß all meine Diskretion die Welt nicht hindern wird, an die Antecedenzien deiner Schwägerin zu denken. Daß der Umstand die Heirat Monikas erschwert, läßt sich wohl nicht leugnen. Herrgott! Wenn einer meiner Buben ... aber das gehört nicht hierher! Doppelberg hat Vermögen und keine Eltern, die ihm etwas dreinreden könnten. Du solltest froh sein, sie anzubringen. Ich bitte dich, red ihr doch zu, stell ihr die Sache vor – schau, daß sie zugreift!«

Aber Hans erwiderte nur: »Fühle mich nicht berufen, mich hineinzumischen.«

Max Miroslaw schob seine buschigen Brauen in die Höhe und betrachtete den Vetter aus seinen krystallklaren, dunkelblauen Augen aufmerksam. »Hast du etwas gegen Doppelberg, Hans?«

»Nein,« entgegnete dieser mit immer deutlicher zu Tage tretender Verdrießlichkeit, »persönlich habe ich gegen ihn nichts einzuwenden. Ich fürchte nur, daß er Monika nicht gewachsen sein wird!«

Graf Miroslaws helle Augen öffneten sich für einen Augenblick sehr weit, dann schlossen sie sich ganz. Ein kaum merkliches Lächeln huschte über seine Lippen, er brach keine Lanze mehr für Doppelberg, ergab sich überhaupt von da ab einem gedankenvollen Schweigen. Nach einer Weile stand er auf, trat in eine der tiefen Fensternischen und fing an leise vor sich hinzupfeifen – irgend einen Donizettischen Gassenhauer, den er vor vierzig Jahren von der Grisi oder von Mario im Kärnterthortheater gehört haben mochte. Wäre es vielleicht doch möglich, daß Nixa eine bessere Partie machen könnte, als Doppelberg ist? dachte er. Auf so etwas war Graf Max allerdings nicht gefaßt gewesen.

Das blasse, glanz- und schattenlose Grau eines Frühlingsabends zwischen Sonnenuntergang und Mondaufgang liegt über dem Park von Wodanka, über seinen zierlich abgezirkelten und verschnörkelten Blumenbeeten in der nächsten Umgebung des Schlosses, über seinen sich weit hinziehenden, von wundervollen alten Baumgruppen unterbrochenen Wiesen, dort, wo sich der Garten in den Park verläuft, über seinem sich terrassenförmig abstufenden französischen Garten mit den scharfkantig verstutzten Laubmauern, zwischen denen man grüne Sandsteinstatuen von Göttern und Göttinnen aufschimmern sieht.

In dem Gobelinsalon sitzt Gräfin Klotilde Miroslaw und spielt halblaut, mit großer Verve und etwas steifen Fingern Walzer von Strauß, teils zur Zerstreuung des maroden Hans Ronsky, der in einem bequemen Excelsiorfauteuil lehnt, während sein geschwollener Fuß, vorsichtig von dem zu Hilfe gerufenen Landarzt bandagiert, vor ihm ausgestreckt auf einem Sessel ruht.

»Hab' ich den Walzer gern getanzt!« ruft die Gräfin, während sie nach Beendigung der »Geschichten aus dem Wiener Wald« die Hände vom Klavier zieht.

»Hast du überhaupt je viel getanzt?« fragt Hans.

»Gewiß und mit Passion! Besonders die ersten zwei Jahre nach meiner Heirat, Meinem Alten war's gar nicht recht, er hatte eigentlich schon ausgetanzt, als ich anfing, aber das war kein Grund für mich, aufzuhören! Einmal, als er mir ins Gewissen predigte, erklärte ich ihm: Weißt du, Max, ich seh' wirklich nicht ein, weshalb ich mich ausruhen sollte, nur weil du keinen Atem mehr hast. ... Nun ... dann sind die Kinder gekommen ... da hab' ich selber den Atem verloren.«

»So!« Hans Ronsky scheint nachzudenken. »Max ist bedeutend älter als du – nicht wahr?«

»Um vierzehn Jahre!«

»Die Ehen, bei denen der Mann bedeutend älter ist als die Frau, fallen oft gut aus," murmelt er, »während umgekehrt – bereits ein geringes Uebergewicht an Jahren bei der Frau dem Mann gegenüber störend wirkt. Meinst du nicht?«

»Im Durchschnitt und bei Durchschnittsmenschen wohl,« gesteht die Gräfin Klotilde zu, »nichtsdestoweniger weiß ich Fälle, in denen geradezu ideale Ehen ...« Sie bricht plötzlich ab und beschäftigt sich mit einer Lampe, die blakt. »Es ist nicht zum Aushalten – der Cylinder steht schief ... Mein alter Waschaty wird sich sein Lebtag nicht in die Petroleumlampen finden,« erklärt sie. »Er ist noch aus der Oelzeit, und das Aergste ist, wenn ich ihm einen Vorwurf mache, nimmt er's übel. Soll ich dir etwas vorlesen, Hans, oder eine Partie Halma mit dir spielen? Du armer Invalid!«

»Du bist die Einzige, die sich meiner ein wenig annimmt« bemerkt Hans mit einer durch seinen Zustand keineswegs gerechtfertigten Erbitterung. »Für die anderen existier' ich nicht einmal. Wo sind sie denn alle?«

»Max und Leontin' gehen im Park spazieren.«

»Ja, und ...« Er stockt.

»Und Nixa ... wo die steckt, das kann ich dir selber nicht sagen. Wahrscheinlich schreibt sie an ihrem Tagebuch. Wenn man ein junges Mädchen nicht finden kann, nehm' ich immer an, daß sie an ihrem Tagebuch schreibt.« – –

Aber Monika schreibt nicht an ihrem Tagebuch, sie ist mit interessanteren Dingen beschäftigt. Während sie im Begriffe stand, im Garten unten spazieren zu gehen, hat sie durch eine der scharfkantigen, dichten grünen Mauern des sogenannten französischen Gartens hindurch ihren Namen nennen hören, worauf sie, behend und leicht wie eine Katze sich der grünen Mauer nähernd, folgendes vernommen hat.

»Leontin', ich warne dich ... Hans steht im Begriff, sich in Monika zu verlieben.«

Monika erkennt die Stimme des Grafen Miroslaw. Durch ihre Augen blitzt ein seltsames, schwüles Wetterleuchten, mitten in die allgemeine Glanzlosigkeit hinein. Die eine Hand fest auf ihr hochschlagendes Herz gepreßt, mit der anderen vorsichtig die verräterisch raschelnden Röcke an sich haltend, den Kopf vorgebeugt, in der ganzen, halbgebückten Gestalt den Ausdruck lauernden Lauschens, schleicht sie an der grünen Laubwand entlang, hinter der Graf Miroslaw mit seiner Cousine auf und nieder wandelt. Die Antwort der Gräfin Leontine kann sie nicht vernehmen, vielleicht hat die Gräfin gar nicht geantwortet, aber sehr deutlich hört und versteht sie das, was der Graf weiter spricht: »So unwahrscheinlich meine Behauptung klingt, stützt sie sich auf sehr genaue Beobachtungen. Und die Nixa kokettiert mit ihm, daß es nur so wettert ...!«

»Darin irrst du. Sie gibt sich einfach, wie sie ist. Sie ist viel zu unbefangen. Heute vor dem Gabelfrühstück mußte ich ihr eine kleine Rüge erteilen,« erwidert jetzt die Gräfin Leontine.

»Hm!« brummt Graf Miroslaw, »das wird in diesem Fall nichts nützen. Das Einzige, wodurch du der Gefahr allenfalls vorbeugen könntest, wäre, unter irgend einem Vorwand aufzupacken und mit Nixa fortzureisen. Wir würden dich zwar entsetzlich entbehren,« fügt er gefühlvoll hinzu, »aber natürlich, wenn es heißt, einer solchen Kalamität vorzubeugen ...«

»Kalamität ...« Gräfin Leontine wiederholt das Wort gedankenvoll ... »Kalamität!«

»Nichts auf Erden wäre mir unwahrscheinlicher vorgekommen, als daß Hans sich in Nixa verlieben könnte – ein Mensch, der bis vor wenigen Tagen unter dem Einfluß einer so hervorragenden Frau wie Marie Rheinsberg gestanden hat. Es ist einfach komisch!«

Dann hört Nixa wieder eine Weile nichts. Anfangs denkt sie, daß der jetzt leise zwischen den Blättern herumstreichende Nachtwind sie am Horchen hindert, daß die beiden zu leise reden, um von ihr verstanden zu werden. Aber nein, es ist nur eine Pause in dem Gespräch eingetreten – ein langgezogener Gedankenstrich. Gräfin Leontine nimmt den Faden von neuem auf. »Max! Heute früh, als ich merkte, welchen Eindruck Nixas unbefangene und kindliche Zuthunlichkeit auf meinen Bruder übte, bin ich erschrocken; nun mir aber deine Bemerkungen die zweite Gefahr vor Augen führen, die Hans droht, denke ich ruhiger über die Sache. Wenn ich zwischen zwei Kalamitäten wählen muß, der, ob Hans Marie Rheinsberg heiratet oder Monika – dann wähl' ich die zweite. Wenn er Monika heiratet, bleibt ihm wenigstens eins gesichert, mein unbegrenzter Einfluß auf seine Frau, und – ich will mich nicht überschätzen – aber ich glaube, daß unter den obwaltenden Umständen dieser Einfluß das Wichtigste für Hans ist. Er hat sich mir entfremdet, er entzieht sich meinem Rat. Ich kann ihm nur noch auf Umwegen beikommen – durch seine Frau! Und wenn er Nixa heiratet, hab' ich ihn ganz in der Hand. Sie ist mir blind ergeben, sie denkt nur durch mich ...«

»Ja, was ist das?« fragt stehen bleibend Graf Miroslaw, indem er einem plötzlichen Aufrascheln weiblicher Kleider und einem davoneilenden Schritt nachhorcht.

»Ein aufgescheuchter Vogel!« erklärt die Gräfin Leontine.

»Das müßte ein sehr großer Vogel gewesen sein! Wenn mich nicht alles täuscht, hat deine dir blind ergebene kleine Freundin wieder einmal gehorcht. Es ist nicht das erste Mal, daß ich sie darauf ertappe. Ich muß sagen, daß das eine Gewohnheit ist, die ich für mein Teil der zukünftigen Frau meines Bruders lieber abgewöhnen möchte.«

»Was dir nur einfällt, Max! Ich begreife gar nicht, wie du auf einen solchen Gedanken kommen kannst! Die Person dort war gewiß ein Hausmädchen, das von einem Stelldichein mit einem Reitknecht nach Hause lief. Der Stall liegt nach der Richtung ...«

Indessen tritt Monika in den Salon, in welchem sie ihren Vormund in übellaunige Verdrossenheit vertieft antrifft. Gräfin Klotilde hat sich entfernt, um, wie jeden Abend persönlich, in Regierungsangelegenheiten mit Koch und Haushälterin zu verhandeln, ein Umstand, der Monika keineswegs unbekannt ist.

Mit sittsam niedergeschlagenen Augen und befangener Haltung geht sie an Hans vorbei und versenkt sich in die Betrachtung einer Anzahl illustrierter Journale, die auf einem eingelegten Tischchen liegen.

»Monika!« ruft Ronsky ärgerlich.

Sie rührt sich nicht.

»Nix!«

Da sieht sie sich um.

»Komm doch näher!«

Sie erhebt sich, macht ein paar Schritte, jedoch ohne sich ihm so weit zu nähern, daß er die Hand nach ihr ausstrecken könnte, –

»Was ist denn in dich gefahren, Nix?« ruft Hans ärgerlich. »Du bist ja wie ausgewechselt seit heute früh, machst die Musterkomtesse, sagst nicht A noch B. Ich versichere dir, so gefällst du mir gar nicht!«

»Ach, Onkel Hans ... Onkel Hans ...«

»Schließlich mußt du wissen, daß es nicht zum größten Vergnügen gehört, mit einem verstauchten Knöchel stundenlang auf einem Fleck sitzen oder liegen zu müssen. Ich hatte gehofft, daß mir meine kleine Nix ein wenig Gesellschaft leisten würde, aber keine Spur!«

»Ach, Onkel Hans, wenn du wüßtest...«

»Nun, was denn, Schatz?«

Wieder tritt sie um einen Schritt näher, aber immer noch nicht nahe genug, daß er sie berühren könnte. »Onkel Hans! Ich schäme mich so ... so ... Tante Leontine hat uns heute zugesehen – heute vormittag, und auch gesehen, daß ich dich ... daß ich dich auf die Stirn geküßt habe, und sie hat mir Vorstellungen gemacht ... ach, gezankt hat sie mit mir wie noch nie! Sie sagt, ich sei kein Kind mehr ... ich dürfe mich dir gegenüber nicht so gehen lassen. Und ich schäme mich so!«

Jetzt ist sie ihm ganz nahe. Er greift nach ihrer Hand. – »Meine kleine Nixe, mein armer kleiner Schatz – wie haben sie dich nur so quälen, so unnütz, so geschmacklos einschüchtern können!« Noch ehe er sich's versieht, hat sie sich von ihm losgerissen und ist zum Zimmer hinausgeeilt. Er bleibt allein mit einem rot und gelben Flimmern vor den Augen und einem schwindeligen Gefühl im Kopf – auf den Lippen das Brennen eines ungelöschten Durstes.

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