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Im gewohnten Geleis

Ossip Schubin: Im gewohnten Geleis - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorOssip Schubin
titleIm gewohnten Geleis
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1901
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070903
projectid362b46c1
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Fünftes Kapitel

Es war spät. Gleich nach der leichten Abendmahlzeit beeilte Marie sich zur Ruhe zu gehen. Der Kammerdiener schritt von einem Zimmer ins andre, schloß die Läden, prüfte deren Sicherheit und teilte seiner Herrin mit, daß er bereits zwei Nachtwächter gedungen habe.

»Wozu denn?« fragte Marie.

»Nun, zur Bewachung des Schlosses. Ich habe mich erkundigt, Excellenz, und es waren immer zwei Nachtwächter da!«

»Ja, zur Bewachung der Gold- und Silberfasane in der Voliere bei dem Bassin dort unten,« erklärte gleichgültig Marie. »Zur Bewachung des Schlosses war niemand nötig.«

»Excellenz!« rief Lenze entsetzt. »Excellenz, das Schloß war aber auch noch nie von einer einzelnen Dame bewohnt. Ich fühle mich für das Leben Eurer Excellenz verantwortlich!« – Dann fuhr er fort, Fensterläden zu verschließen und Thüren abzusperren mit wichtig zusammengezogenen Brauen und einem Kopfschütteln, das so viel sagen wollte als: Die Damen sind immer waghalsig – weil sie keine Ahnung haben von der Gefahr!

Marie ließ ihn gewähren. Ob er zwanzig Nachtwächter gedungen hatte oder keinen einzigen, war ihr ganz gleichgültig. Sie fürchtete sich vor keiner Gefahr, gegen die man sich mittels einer Gendarmeriepatrouille sichern kann, aber sie fürchtete sich ... vor was? ... das hätte sie selbst nicht zu sagen gewußt. Vielleicht wollte sie sich nicht klar werden darüber. Ihr eigenes Herz ist für die edle Frau ein Heiligtum, in das sie sehr selten das volle Tageslicht hineindringen läßt.

Ohne auf die umfassenden Verteidigungsmaßregeln des Dieners weiter zu achten, schritt sie auf ihr Schlafzimmer zu. Es war ziemlich hell erleuchtet, fast zu hell, so daß man seine ganze Herabgekommenheit ebenso wie die Poesie seiner ursprünglichen Ausschmückung wahrnehmen konnte. Die Wände waren mit mattblauem Gitterwerk bemalt, um das sich Kletterrosen rankten, über jeder Thür ein verblaßtes Blumenstück und in den Ecken die vier Jahreszeiten: der Sommer in sehr luftigem Gewand, schläfrig auf einem Haufen Garben hockend und mit einem Kranz von Mohnblumen auf dem Kopf; der Herbst, etwas berauscht, einen Becher schwingend und nur spärlich mit Rebenranken bekleidet: der Winter in einen weitläufigen blauen Mantel eingehüllt, dessen Kapuze er über den niedlichen Blondkopf gezogen hatte; der Frühling schlank und fein, über grüne Felder hinschwebend, eine Glocke in der Hand, die aus dem Kelch eines Schneeglöckchens gebildet war. Mit der Glocke wollte der Schalk offenbar alles in der Natur zum holdseligen Leben erwecken, was in der Winterkälte geschlafen hatte. Marie Rheinsberg wähnte das feine, verführerische Stimmchen dieses Glöckchens zu hören: »Tim – tim – tim – wach auf, der Frühling ist da!«

Sie lächelte dem Frühling zu und sah sich nach einer elektrischen Schelle um, dann lächelte sie über sich. Wer hatte je von einer elektrischen Schelle gehört in Sanssouci! Ein gestickter Glockenzug – Lilien und Rosen in Schmelz auf feinem Stramin ausgeführt – baumelte neben der Thür herunter. Marie kannte ihn gut, erinnerte sich, daß er das Geschenk einer armen Cousine gewesen war, die damit ihren Sommeraufenthalt bezahlt hatte. Als sie daran ziehen wollte, blieb er ihr in der Hand.

Sie fragte sich, wie man es ehemals anzustellen pflegte, um der Dienerschaft bekannt zu geben, daß man sie brauche. Es gab nur zwei Arten: schreien oder selber zu den Leuten laufen. Ehe sie sich noch darüber klar geworden war, welche dieser beiden Methoden in ihrem Fall die anwendbarere wäre, erschien die Kammerjungfer ungebeten und zwar von dem umsichtigen Lenze gesandt.

Noch sehr von der Reise mitgenommen, wenig von ihrer neuen Umgebung entzückt, klagte die Zofe ihrer Herrin sofort etwas vor von den zahlreichen Unbequemlichkeiten in Sanssouci. Die Oefen heizten nicht, die Fußböden schwankten einem unter den Füßen, und durch die Deckenkuppel im Saal drang der Regen. Der Förster selbst hatte es ihr erzählt, neulich bei einem Gewitter sei das Wasser in zwei dicken Schnüren heruntergeflossen, man habe Waschschüsseln unterstellen müssen, um es aufzufangen. Weder die Waschküche noch der Kohlenkeller hätten Schlösser, und das allerärgste war, die Leute in der Umgebung sprächen alle böhmisch! Fräulein Betty hatte sich nicht gedacht, daß die Menschen in Böhmen noch so weit hinter der Kultur zurückgeblieben seien; es war wirklich schrecklich!

Diesem Gejammer widmete Marie nur eine flüchtige, ironisch schattierte Aufmerksamkeit. Erst als die Zofe bemerkte: »Excellenz verzeihen die Frage – es ist nur – meinen Excellenz, daß es der Mühe wert sein sollte, die Koffer auszupacken? Excellenz werden es doch keinesfalls lange aushalten in diesem Eulennest,« da erwiderte Marie etwas scharf: »Packen Sie nur getrost aus, ich bin fest davon überzeugt, daß ich es ganz gut aushalten werde!«

»Excellenz,« bemerkte hierauf gereizt die Zofe, »wenn ich die Koffer auspacke, so muß ich doch wissen, wo ich die Sachen unterzubringen habe.«

»Nun, ich glaube, es gibt Schränke genug,« erwiderte Marie.

»Allerdings, Excellenz, aber sie sind voll alter Fetzen und Gerümpel.«

Sie öffnete einen; Marie war's, als habe man eine Thür in ihre Vergangenheit aufgerissen. In buntem Durcheinander lagen da in den Fächern armselige Dinge, die sie an ihre Mädchenzeit erinnerten: Wäschestücke, Blusen, ein paar alte Schuhe, obenauf ihr Brautkranz und ihr Schleier.

Nach ihrer Abreise mußte das Hausmädchen in Eile alles irgendwie fortgeräumt haben, dann war es so geblieben – vierzehn Jahre lang!

»Soll ich das Zeugs hinauswerfen, oder wollen Excellenz eine Auswahl treffen?«

»Ich werde mich darüber entscheiden – morgen... und jetzt können Sie gehen, Betty, ich brauche Sie nicht mehr.«

Während sie die Thür des Schlafgemachs ihrer Herrin hinter sich schloß, keimte in dem Herzen der Verabschiedeten bereits die Absicht, sich nach einem neuen Posten umzusehen. Sie war eine Schweizerin, stammte also aus dem Herzen der Kultur. Kein Wunder, daß sie es in diesem Bärenlande nicht aushalten konnte!

Marie war indessen stehen geblieben vor dem offenen Schrank. Ein kleinlicher Verdruß, eine kindische Scham darüber, daß die vornehme Zofe durch diese dürftigen Überbleibsel einen Einblick in die klägliche Armut ihrer Vergangenheit gethan, streifte ihre Seele.

Diese thörichten Anwandlungen machten bald anderen Gefühlen Platz, Von den zerrissenen, mühsam geflickten Hemdchen, den derben Schuhen, den verwaschenen Kleidchen wandte sich ihr Blick dem Brautkranz zu. Der hatte ihr den Ausweg geschaffen aus all der Kümmerlichkeit heraus – sie schloß das Schubfach.

Sie wollte an andere Dinge denken, an den Frühling, an die Zukunft. Aber ihr war's, als ob der welke, verstaubte alte Brautkranz wie ein böses Omen vor ihr aufgetaucht sei, etwas, das die Hoffnung hemmte, das die Fähigkeit brachlegte, Luftschlösser zu bauen. Und während sie den Kopf auf ihren Kissen hin und her schob, konnte sie, wie sehr sie sich auch bemühte, doch immer nur an dieselben zwei Dinge denken: an ihren Hochzeitstag und – an den Todestag ihres Gatten.

Gerade ein Jahr war es her. Sie waren heimgekehrt von einem langen Aufenthalt in Rom. Sie hatten den Abend recht heiter verplaudert. Er hatte sich viel wohler gefühlt als seit langem, und sie hatte sich aufrichtig darüber gefreut. Es war ihr ein Trost, daß sie sich gefreut hatte, daß sie seinen Wert nie so vollständig erkannt hatte wie in diesen letzten zwei Jahren, daß sie in ihm immer nur den Freund gesehen, der ihr mit unendlicher Zartheit über eine schwere Zeit hinübergeholfen hatte, und nicht den Riegel vor ihrem Glück.

Um elf Uhr trennten sie sich. Er küßte sie auf die Stirn und sagte ihr noch: »Du bist eine brave Frau, Marie – möge dir das Schicksal vergelten, was du mir in diesen letzten zwölf Jahren warst!«

Ihr war eigentümlich leicht ums Herz gewesen nach diesen Worten. Sie hatte in jener Nacht besser geschlafen als seit langem.

Da plötzlich hatte sie ein scharfes Pochen an die Thür geweckt. »Um Gottes willen, Frau Gräfin, mit seiner Excellenz steht es sehr schlecht!«

Sie war aufgefahren und mit einem Ruck in ihre Schuhe und Kleider hinein. Ihr Herz war stehen geblieben. Da lag er, hoch aufgerichtet in den Kissen, blau im Gesicht, mühsam röchelnd, vom Schlag gerührt. O, wenn er sie nur noch erkennen, ihr ein letztes Wort sagen wollte zum Abschied!

Sie hatte sich über ihn gebeugt und seinen Namen gerufen, und er hatte die Augen geöffnet und auf sie gerichtet; er hatte sie erkannt und hatte noch ein letztes Wort zu ihr gesprochen: »Dank ... Dank ...« Er wiederholte es immer wieder – es war das einzige, das er noch finden konnte.

Das Wort auf den Lippen war er gestorben – am zehnten April war's gewesen, an ihrem Geburtstage. Man hatte das Fenster seines Zimmers geöffnet, um Luft hereinzulassen. Und während sie noch ganz aufgelöst vor Schmerz neben seinem Bette gekniet, seine erkaltende Hand in der ihren, hatte sie aus dem Garten herauf die Nachtigall schlagen hören, und schaudernd hatte sie befohlen, man solle das Fenster schließen.

Sie hatte ihn unsagbar betrauert, unsagbar entbehrt! Erst sehr langsam hatte sich ihr Herz von neuem den Sonnenseiten des Lebens zugewandt – der einen großen Hoffnung. So lange sie Hans nicht wieder gesehen, war die Hoffnung groß und stark.

Heute aber schien's als ob sie doch nicht recht Wurzel fassen wollte. In ihrem Herzen schrie's auf: er liebt dich ja doch nicht, er wird dich nie lieben, du bist zu alt für ihn, und er wird es nie vergessen, daß du die Gattin eines Greises gewesen bist. Flieh, so lange es noch Zeit ist, flieh, bevor du dein Ich ganz verloren hast!

Sie nahm sich vor zu fliehen. Aber sie floh nicht.


Den nächsten Tag fand sich Hans Ronsky zum Gabelfrühstück ein. Sie besprachen zusammen das Nötigste, um Marie den Aufenthalt in Sanssouci erträglich zu gestalten. Die Dachdecker, die provisorische Herrichtung des Stalles, ein paar Pferde und einige Milchkühe wollte Hans verschaffen. Um den Koch wurde nach Berlin telegraphiert, die Küchenmädchen sollten aus Natek geschickt und der Kutscherposten dem dicken Joseph verliehen werden, auf seine dringende Bitte. Dies alles deutete auf einen längeren Aufenthalt. Marie erklärte sich von dem Fleckchen Erde entzückt, bekannte die Absicht, das alte Schlößchen neu herrichten, nach Möglichkeit konservieren zu wollen. Da man ihm aber keine neuen Bequemlichkeiten abzwingen oder einfügen konnte, ohne sein ganzes altmodisch malerisches Gepräge zu vernichten, gedachte sie ein neues, modernes Wohnhaus, ein englisches Cottage in den Park hinein zu bauen und suchte einen geeigneten Platz dafür.

Hans half ihr suchen, half ihr wirtschaften; sie half ihm politisieren und utopistische Luftschlösser bauen.

Immer peinlicher und deutlicher fühlte sie sich von dem Bewußtsein beunruhigt, daß er einen falschen Weg wandle, daß er den falschen Weg noch obendrein ohne Ueberzeugung ginge, infolgedessen bald diesen, bald jenen Seitenweg versuche, daß er vor lauter Hin und Her nirgends ankommen, sondern eines schönen Tages, wegmüde oder wegverdrossen, über ein unbedeutendes Hindernis stolpernd, stecken bleiben und den Rest seines Lebens, die Hände in den Taschen, das Jahrhundert an sich vorüberfließen lassen werde, wie es eben konnte, wie es eben mochte.

Aber sobald ihr der Verstand so herbe Dinge über ihren Abgott zu sagen begann, hieß sie ihn schweigen. Für den Augenblick war der Verstand in den Bann gethan, das Herz allein hatte das Wort. Ein Tag mußte kommen, wo der geknebelte Verstand seine Fesseln sprengen, sich an Marie fürchterlich für die ihm aufgezwungene Passivität rächen würde. Aber der Tag war noch fern ...

Die Boten flogen nur so hin und her zwischen Natek und Sanssouci – Boten mit freundlichen Sendungen seinerseits, Sendungen von Treibhausblumen, Treibhauserdbeeren und früh getriebenem Gemüse, Boten mit freundlichen Dankbriefchen, mit zuvorkommend geliehenen und empfohlenen Büchern ihrerseits. Er schickte seine Gärtner, Blumenbeete vor dem Schloß auszustechen und mit Primeln, Levkojen, großblühenden Stiefmütterchen und anderen freundlichen Frühlingskindern zu bepflanzen. Er kam fast alle Tage, um selber nachzusehen, kam zum Lunch, zum Nachmittagsthee, manchmal zum Diner um acht. Dann plauderten sie immer noch ein Weilchen in dem alten Kuppelsaal. Rings um sie eine Art bernsteinfarbiger Dämmerung, in die die Lampen zwei vereinsamte kleine weißliche Lichtinseln bohrten, und durch die hindurch die Schäfer und Schäferinnen an der Wand gespensterhaft undeutlich, aber mit einer Undeutlichkeit, die ihnen Leben verlieh, den Gesprächen zwischen der schönen Frau mit den leuchtenden blauen Augen und den leicht ergrauten Schläfen und dem jungen lebhaften Manne zu lauschen schienen. Seltsame Gespräche, in denen volltönende Namen, wie Karl Marx, Ferdinand Lassalle und Herbert Spencer aufklangen. Die Schäfer und Schäferinnen an der Wand mochten auf andere Dinge gefaßt gewesen sein zwischen einem jungen Mann und einer schönen Frau. Aber sie wurden enttäuscht! Zärtliche Regionen streifte das Gespräch nie.

Vielleicht waren die Schäfer und Schäferinnen nicht die Einzigen, die sich enttäuscht fühlten. Vielleicht kochte mehr als einmal ein Gefühl des Verdrusses in dem Herzen Marie Rheinsbergs auf. Merken freilich ließ sie sich's nie.

Manchmal auch erschrak sie über die Konfusion in seinen Ansichten, über das zu weite Ausholen kleinen Fragen gegenüber. Es schwebte ihr auf der Zunge, ihm etwas darüber zu sagen, ihn zu warnen. Aber im letzten Augenblick fehlte ihr der Mut. Sie hob sich ihre Warnungen, ihre Ratschläge bis später auf.

Und so ging alles seinen Gang und ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, hatte sie ihn langsam in den schönen Wahn hineingetäuscht, daß sie alle seine Absichten zweckentsprechend finde, ihn selbst als ein großes politisches Genie betrachte.

Er fühlte sich unendlich wohl in ihrer Nähe, freute sich von einemmal zum anderen auf die Stunden, die ihn mit ihr zusammenführen würden, und sagte ihr das oft in knappen, innigen Worten.

Und sie freute sich an seiner Herzlichkeit mit einer Freude, in der allerdings etwas Unbefriedigtes war. Aber dieses unbefriedigte Gefühl beruhigte sich mehr und mehr. Sie dachte nicht über den Augenblick hinaus – der Augenblick war schön.

Daß Ronsky ihr alle Tage unentbehrlicher wurde, ahnte sie nicht, weil sie ihn alle Tage begrüßen durfte, alle Tage stundenlang mit ihm verkehrte, weil jeder Abschied nur der Quartiermacher für ein neues Wiedersehen war, weil nie der Schatten einer anderen Frau zwischen ihn und sie trat, sie fest überzeugt war, daß sie unter allen für ihn am höchsten stand, daß, wenn er sie nicht heiratete, er überhaupt nie heiraten würde.

Manchmal kam ihr der Gedanke, daß die Welt ihren regen Verkehr mit einem jungen Manne in dieser völligen Einsamkeit mißdeuten dürfte, die Absicht, eine Freundin einzuladen, streifte ihre Seele. Olga Ronitz käme gleich, aber ... jede Störung wäre ihr unerträglich gewesen. Eine Freundin, die entweder lästig mit dabei säße, während sie und Hans zusammen plauderten, oder die sich gar mit schelmischer Diskretion zurückziehen würde ... nein, entsetzlich! ... lieber sollte die ganze Welt sie mißverstehen – so lange sie nur ihrer eigenen Achtung sicher war. Was lag daran!


Heute hatte sie ihn in Natek besucht. Es war der bedeutungsvolle Sonntag seiner Vorlesung. Es war eigentlich gar keine Vorlesung, sondern ein freier Vortrag, den er in einem auf seine eigenen Kosten erbauten Saal hielt – ein Vortrag zur Verherrlichung des Handwerks. Er hielt ihn stehend, die Hand leicht auf eine Tischplatte gestützt, die schlanke Gestalt hochaufgerichtet, den braunen Kopf stolz zurückgeworfen, die dunkeln Augen blitzend von Begeisterung, der ihm eigenen, leicht entzündbaren Begeisterung. Die böhmische Sprache, ein Gemisch von weich hinsingenden Vokalen und fast abstoßend harten Konsonanten, flog in stürmischen Wogen von seinen Lippen. Sein Organ klang so weich und voll und warm, daß die, welche der böhmischen Sprache nicht mächtig waren, hätten denken können, er trage Liebesgedichte vor. Aber es war nicht von Liebesdingen die Rede.

Angefangen hatte er den Vortrag mit der Versicherung, daß kein Mensch sich dessen zu schämen brauche, ein Handwerker zu sein. Die Handwerker zerfielen in zwei Kategorieen, in die Kategorie der nützlichen Handwerker, welche, wenn sie ihren Beruf mit dem nötigen Ernst handhabten, als Handlanger der Wissenschaft bezeichnet werden könnten; und in die Kategorie jener anderen, welche zur Verschönerung des Lebens dienten. Beide Kategorieen seien demnach berufen, den idealen Inhalt des Lebens zu erweitern und zu vertiefen. Diesmal, so erklärte er weiter, wolle er sich nur mit der zweiten Kategorie beschäftigen.

Hierauf breitete er einen Stoß Photographieen vor den Seifensiedern, Maurerpolieren, Tischlern, Schmieden und Zimmerleuten aus, die sein Publikum bildeten, und zeigte ihnen den Dogenpalast, den Petersdom und sehr viele Abbildungen moderner und antiker Goldschmiedekunst, darunter natürlich auch Abbildungen der Meisterwerke Benvenuto Cellinis. Er schloß seine mehr oder minder freie Improvisation mit den Worten: »Und hiermit glaube ich bewiesen zu haben, daß die Kunst nichts weiter ist als das in den Adelstand erhobene Handwerk!«

Bei dieser Phrase, welche ihm besonders gut zu gefallen schien, hatte er die Augen Maries gesucht, und hierbei war ihm eine gewisse Enttäuschung zu teil geworden. Die Augen wichen ihm aus, und was mehr war, Maries ganzes Gesicht hatte einen unruhigen, nicht recht zufriedenen Ausdruck.

Das war verdrießlich, und darüber konnten ihn die massenhaft geschrieenen » Slávás« der ehrsamen Handwerker und ihrer Gattinnen, an welche seine Expektorationen gerichtet waren, nicht trösten. – –

Jetzt saß er mit Marie im Schloßhof von Natek unter einer großen Linde, deren dünner Laubansatz freilich nicht genügt hätte, Schatten zu spenden; aber das Schloß half der Linde dabei und verhinderte die Sonne, die beiden Menschen irgendwie ungebührlich zu behelligen. Ein Krug leichten, kunstvoll gekühlten Champagners und eine silberne Schüssel voll ausgezeichnet schöner Glashauserdbeeren stand zwischen Marie und dem jungen Mann. Sie hatte sich einige vorgelegt, aber sie beeilte sich nicht damit. Irgend etwas schnürte ihr die Kehle zu – die Feigheit. Sie wußte, daß er von ihr hoffte, sie würde ihm etwas Anerkennendes über seinen Vortrag sagen. Aber was hätte sie ihm denn sagen können, das zugleich anerkennend und aufrichtig gewesen wäre, als daß er sehr schön ausgesehen hatte beim Reden und daß seine Stimme gut geklungen hatte?

Eine Weile herrschte tiefes Schweigen, nur in dem weichen Lindenlaub rauschte es leise, und von Zeit zu Zeit knisterte der grobkörnige Kies, mit dem der Hof bestreut war, unter den Schritten von ein paar Menschen, die mit tiefen Bücklingen und neugierigen Blicken an Marie und Hans vorbei dem Park zustrebten.

»Es ist außerordentlich großmütig und menschenfreundlich von Ihnen, Hans, dem Publikum jeden Sonntag freien Eintritt in den Park zu gestatten,« begann Marie.

»Das ist doch wirklich das geringste, was ich thun kann,« versicherte Hans; »ich schäme mich ohnehin, daß ich den armen Leuten nicht alle Tage den Eintritt gewähre, besonders im Sommer, wo der Park der einzig kühle Ort in der Umgebung ist.«

»Das ist sehr schön und hochherzig gedacht,« murmelte Marie.

»Hm! ... Aber ... Ihnen schwebt ein ›Aber‹ auf den Lippen,« sagte er, »heraus damit!«

»Ich ...« – sie zwang sich zu einem großen Aufrichtigkeitsanlauf – »ich finde, daß Sie bei all Ihren philanthropischen Veranstaltungen zu weit gehen!«

Sie verstummte verlegen, hierauf begann sie erst die Glashauserdbeeren über alle Maßen zu loben, dann die schöne Form der Linde, unter welcher sie saßen.

Hans Ronskys Gesicht verdüsterte sich immer mehr: »Lassen wir das, Marie! Sie machen mich nervös – mir ist momentan etwas anderes wichtiger, als daß mein Gärtner gute Glashauserdbeeren zu ziehen versteht. Hm! ... Marie ... Sie haben mir bis jetzt noch gar nichts über meinen Vortrag gesagt. Ich erwarte ja keine Komplimente von Ihnen; aber etwas Interesse, eine aufrichtige Meinungsäußerung kann ich doch von Ihnen verlangen!«

»Ach, Hans, es fällt mir so schrecklich schwer, darüber zu sprechen! Sie meinen alles so gut, so edel. Und wenn Sie fehlen, so fehlen Sie doch nur aus den schönsten Absichten – aus purer hochherziger Ueberspanntheit!«

»Hm!... hm!« Hans trommelte nachdenklich auf der Tischplatte ... »Sie sind sehr liebenswürdig, Sie verzuckern die Pille, so gut Sie können; aber Sie finden, daß ich fehl gehe!« Seine Stimme klang heiser, und sein Gesicht war blaß geworden.

»Hans! ... Bitte, nehmen Sie mir's nicht übel!« In ihrer Aufregung und Herzlichkeit faßte sie ihn bei beiden Händen – »so gut ich's versteh', gehen Sie fehl. Was war Ihre Absicht, als Sie den Vortrag hielten?«

»Nun, das Selbstgefühl des Handwerkerstandes zu stärken. Ich denke, das sollte ich Ihnen deutlich gemacht haben!« rief Hans.

»Mir haben Sie das allerdings deutlich gemacht ... aber ... aber ich glaube, es ist ganz unnötig, das Selbstgefühl des Handwerkerstandes in der Weise zu stärken, wie Sie es zu thun versuchen! Sie fingen Ihren Vortrag mit den Worten an: ›Niemand braucht sich zu schämen, ein Handwerker zu sein!‹ Ja, Hans, gottlob ist es noch gar keinem wackeren böhmischen Handwerker eingefallen, sich seines Gewerbes zu schämen, und daß er deshalb getröstet werden müßte, ein Handwerker zu sein, geht im ersten Augenblick einfach über sein Verständnis. Er denkt darüber nach – warum bedauert mich der Herr ... und schließlich bedauert sich der Handwerker selbst! ... Hans, Hans! Sie säen ja Unzufriedenheit und Mißgunst mit vollen Händen, alles aus übertriebenem Edelmut, alles, weil Sie sich einbilden, ein jeder Handwerker in Natek müsse so fühlen, wie Hans Ronsky fühlen würde, wenn er an seine Stelle verschlagen würde. Sind Sie mir sehr böse, Hans?«

»Ich bin Ihnen gar nicht böse,« erklärte er. »Es thut weh, aber es war gewiß notwendig, mich aufzuklären!«

»Ganz genau hab' ich Ihnen nicht folgen können,« fing sie von neuem an, »ich habe zwar meine Muttersprache seiner Zeit gut gesprochen, aber etwas habe ich sie doch verlernt, wenngleich ich immer trachtete, im Auslande jedes bedeutende böhmische Buch zu lesen, das neu erschien.«

»Nun, in vierzehn Tagen halte ich den Vortrag noch einmal deutsch,« meinte Hans, »wenn Sie die Geduld hätten ...«

»Natürlich werde ich mich einfinden! Mich persönlich hat ja Ihre Rede außerordentlich angesprochen. Ich fand sie sehr geistreich, lebendig ... nur, wie gesagt. Sie überschätzen Ihr Publikum!«

Sein Gesicht fing an, sich aufzuhellen. »Und unterschätzen Sie es nicht ein wenig, mein Publikum, Marie? Soll man dem Volke nicht das Beste bieten, was man zu bieten hat?«

»Gewiß, aber mit Auswahl. Das dünkt Ihnen kleinlich, aber ich habe doch recht! Ich habe ja weder Ihre Bildung noch Begabung, Hans, aber wir Frauen haben mitunter einen gewissen praktischen Sinn, der den großen männlichen Idealisten abgeht – wir wirken manchmal gut als Bremse.«

»Marie! Sie sind ein Engel!« rief Ronsky, »wenn Sie sich die Mühe nehmen wollen ...!«

In diesem Augenblick trat der Kammerdiener Ronskys an den kleinen Tisch unter der Linde. »Ich bitt', gräfliche Gnaden, der Förster von Cin ist da, möcht' mit gräflichen Gnaden sprechen.«

»Sie verzeihen, Marie ...« Hans erhob sich, um mit dem Förster zu reden.

Nach einer Weile kehrte er zurück. »Der Zajiz« (so hieß der Förster) »teilt mir soeben mit, daß die Birkhähne auf der Rowina noch balzen. Er fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, morgen früh auf die Balz zu gehen. Sie sagten mir neulich, Sie wären seit Ihrer Mädchenzeit nicht mehr auf der Birkhahnbalz gewesen und hätten Lust, das Aufwachen des Waldes wieder einmal mit anzusehen. Soll ich Sie um halb Drei abholen? Die Rowina grenzt an die Wälder von Sanssouci.«

Als Marie kurz darauf, nachdem in betreff des morgigen Jagdvergnügens alles Nötige besprochen worden war, nach Sanssouci fuhr, freute sie sich, daß alles noch so gut abgelaufen war, und lobte Hans in ihrem Innersten dafür, daß er die Wahrheit so gut vertragen habe. Wie viel Schmeichelei sie aufgewendet hatte, um dieses Resultat zu erzielen, wie klein sie sich gemacht hatte, um ihn nicht zu demütigen, darüber vermied sie genauer nachzudenken.

»Es ist so viel Schwung, so viel jugendlicher Heroismus in seinem ganzen Wesen. Mein Gott, es gibt ja Menschen, die allenfalls über ihn lachen könnten, es gibt auch Menschen, die über den Don Quijote lachen; und doch ist der Don Quijote für mich die rührendste Figur, in welcher je ein Dichter die Uebertriebenheit des Edelmuts, die Ablehnung alles Gemeinen, die sich ewig von neuem schaffende Illusion synthetisiert hat!«


Marie war seit ihrer Mädchenzeit nicht mehr auf der Birkhahnbalz gewesen und freute sich deshalb wie ein Kind auf dies Vergnügen. Sie legte sich um neun Uhr nieder, um Eins klopfte die verdrießliche Kammerjungfer weckend an ihre Thür. –

Marie stand auf, lustig wie ein Vogel, Sie sang, während sie sich wusch und ankleidete – ein derbes warmes Lodenkleid ... einen Lodenhut – ganz weidgerecht.

Dann setzte sie sich in den Saal, dessen Fensterläden alle verschlossen waren, an einen Tisch, auf dem eine vereinzelte Lampe stand, aß Sandwiches, trank ein Glas Portwein und wartete.

Sie forderte den alten Lenze auf, die Holzläden vor der Thür zurückzuschlagen. Lenze aber hatte Angst, das durch die Scheiben schimmernde Licht könne Räuber anlocken. Sie lachte ihn aus und fragte ihn, ob er sich einbilde, daß Räuber wie die Motten nach dem Lichte flatterten. Der Alte schüttelte den Kopf, folgte zwar ihrem Befehl, aber offenbar nur mit großem Widerstreben. Lichter anzünden und Fensterläden zurückschlagen um zwei Uhr in der Nacht in einem einsamen Waldschlößchen, das erschien ihm, dem Stadt- und Schutzmanngewohnten, als eine haarsträubende Herausforderung des Schicksals.

Draußen war es noch fast dunkel, der Widerschein der Lampe spiegelte sich rot in einer schwarzen Fensterscheibe.

Marie war zu früh aufgestanden – sie mußte warten. Ihr dicker, zobelbesetzter Reisepelz lag neben ihr. Sie fragte den Diener, ob er den Fußsack vorbereitet habe.

Es war ihr sonderbar, so mitten in der Nacht dazusitzen in diesem stillen, einsamen Schloß. Sie fing an unruhig zu werden. Hatte Ronsky die Zeit verschlafen, hatte er die Verabredung überhaupt vergessen? Sie griff nach einem Roman und las. Er war nicht aufgeschnitten, das Zertrennen der Blätter tönte in die Stille der Nacht hinein wie das Rauschen eines Windstoßes – unheimlich laut.

Endlich hörte man leise, leise das sich allmählich verstärkende Rollen von Wagenrädern. Es hielt vor dem Schloß. Jetzt pochte jemand an eine Fensterscheibe. Angstvoll trat der Kammerdiener an die Glasthür, öffnete sie behutsam und meldete Marie, daß der Herr Graf Ronsky draußen warte.

Marie schlüpfte in ihren Pelz und trat hinaus, Ronsky kam ihr entgegen, begrüßte sie vergnügt und half ihr in den Wagen.

»Ich habe ein leichtes Gewehr für Sie mitgebracht,« rief er, »wenn Sie schießen wollten.«

Marie dankte ... das wollte sie sich noch überlegen, meinte sie.

»Und sind Sie ordentlich verpackt?« fragte er.

Sie deutete auf ihren Pelz. Der alte Lenze und Ronskys Jäger bemühten sich gemeinschaftlich, ihr in den Fußsack zu helfen – und fort ging's durch den totenstillen Park, durch die dunkelgraue Nachtluft, in welche die Wagenlaternen zwei schmale, blasse Lichtstreifen zeichneten.

Der Kammerdiener machte hinter Marie die Thür zu und verschloß sorgfältig die Fensterläden.

»Was ist denn das eigentlich für ein Vergnügen, zu dem ein junger Mann eine Dame, die's auch noch nicht aufgegeben hat, jung zu sein, um zwei Uhr in der Nacht abholt?« fragte die Kammerjungfer.

»Das ist ein Vergnügen, bei dem die Herrschaften in einem in die Erde gegrabenen Loch sitzen und auf einen mißtrauischen Vogel schießen, der sich ihnen nur zum Schuß naht, weil er aus Verliebtheit dumm geworden ist,« erwiderte der Kammerdiener, der in seiner Jugend Büchsenspanner gewesen war.

»Was Sie sagen! ... Und wie lange sitzen sie in dem Loch beisammen?«

»Manchmal zwei bis drei Stunden,« erwiderte Lenze ärgerlich. »Was geht Sie das übrigens alles an, Fräulein Betty?«

»Es muß eben ein sehr großes Vergnügen sein, mit so einem jungen Herrn zwei Stunden lang in einem Loch zu sitzen,« sagte die Kammerjungfer bissig.

»Und ich finde es ein eigentümliches Vergnügen, über seine Herrschaft loszuziehen, besonders über so eine Heilige wie unsere Frau Gräfin, hören Sie's, Fräulein Betty, und wenn das noch einmal geschieht, so ...«

Aber die Kammerjungfer war verschwunden – die Drohung blieb dem alten Lenze im Halse stecken. –

Indessen trabten die leichten Jucker Ronskys die breite Straße entlang, welche zwischen den hohen Bäumen des Parks in die Wälder führte. Der Weg war sandig, der Hufschlag der Pferde klang gespenstig leise; es war nur wie ein Huschen, das die tiefe Nachtstille unterbrach.

Die Luft war köstlich frisch, vom Tau gekühlt, vom Duft der sich im Schlafe kräftigenden Waldbäume gewürzt. Ringsum alles weder dunkel noch hell, nicht form- aber farblos, eine in großen, halbverwischten Zügen gehaltene Kohlenzeichnung, kein Bild.

Steil hinauf geht's zu einer Lichtung, auf der einzelne Riesenkiefern ihre Stämme in den Himmel strecken und wo Quendel und Ginster angefangen haben zu blühen und zu duften. Man sieht die Blüte nicht, aber man genießt den Duft.

Der Boden ist braungrau, die Wälder sind schwarz, der Himmel bedeutend heller als die Landschaft, zwischen zerrissenen Wolken blinken einzelne Sterne, ihr Licht dringt nicht herunter auf die Erde.

Jetzt fährt der Wagen aufs freie Feld, über eine weite, von Wäldern vielfach umdunkelte Heide. Im Westen über einer niedrigen Hügelkette sieht man die Mondscheibe in einer Insel von grünlich-gelblichem Licht zwischen finsteren Wolken sich dem Horizont zuneigen. Bald darauf ist der Mond verschwunden, die Welt noch um eine Schattierung dunkler geworden. Dann ein schlafendes Dorf, dessen weiße Mauern durch die Dämmerung schimmern.

Ein Hund schlägt an, ein Hahn kräht gedehnt und traurig. Dann liegt auch das Dorf hinter ihnen. –

Sie sind wieder in einen Wald eingebogen. Der Weg ist noch sandiger; sie können kaum vom Fleck; die Kraft der Pferde erlahmt.

Jetzt hält der Wagen. Neben einer Schneise steht der Förster des Reviers mit seinen beiden Hegern, um die Herrschaften bis zu dem »Schirm« zu geleiten.

Ronskys Jäger springt vom Bock, um Marie behilflich zu sein, teilt sich mit den beiden Hegern in das Tragen der von Marie und Ronsky abgelegten Pelze, des Fußsacks, der Gewehre.

Sie gehen eine ganze Strecke durch den Wald, dann am Waldrand entlang, dann über eine Lichtung. Aus einem an die Lichtung stoßenden Brachfeld ragt etwas, das in der verwischenden Dämmerung fast wie eine indianische Federkrone in vielfach vergrößertem Maßstabe aussieht – dort eine Wiederholung desselben Undings ... und dort ...

Es sind die »Schirme«, in das Brachfeld gegrabene Löcher, um die man Fichtenzweige in die Erde gesteckt hat. Der Förster zeigt den Herrschaften den am günstigsten gelegenen Schirm, hilft ihnen sich unterbringen, übergibt Hans Ronsky die Gewehre und zieht sich mit seinen Trabanten zurück.

»Wappnen Sie sich mit Geduld, Marie, wir werden warten müssen!« sagt Ronsky. »Es ist schon spät im Jahre, und sehr ergiebig wird die Sache auf keinen Fall sein.«

»Ja, ja, ich weiß schon, gar so sehr aus der Stadt bin ich doch nicht,« erwidert sie ihm.

»Wollen Sie eine Zigarette?«

»Ja, mit Vergnügen!«

Nachdem sie ein paar Züge gethan hat, wirft sie sie weg. »Es ist schade, den Morgenduft zu verderben. Riechen Sie den Tau, Hans?« fragt sie.

»Ja ... herrlich!«

»Das Wundersamste, was es gibt!« murmelt sie. »Tau auf jungem Gras!« Sie thut einen tiefen, genießenden Atemzug.

Er folgt ihrem Beispiel. »Herrlich!« murmelt er noch einmal, dann schweigen sie beide.

In ihrem Pelz geborgen, genießt sie die herbe, feuchte Frische um sich herum. Uebernächtig, wie sie ist, fühlt sie sich ganz befangen in einer behaglichen Müdigkeit, die etwas wie einen dämpfenden Nebel über alle ihre Empfindungen zieht, ein Zustand, in dem sich die Gegenwart mit Träumen und Erinnerungen mischt. Manchmal fragt sie sich, warum sie sich gar so wohl fühlt. Es ist schön, dazusitzen und dem langsamen Erwachen der Natur zuzusehen, ist schön, allein zu sein in dieser köstlichen Morgenfrische – mit ihm!

Er ist ungeduldiger; der Jäger ist wacher in ihm als der Mensch. Gespannt lauscht er dem Birkhahn entgegen.

Manchmal klingt aus der Ferne herüber etwas Undeutliches, leicht pochend Schauderndes. Da flüstert er: »Der Birkhahn ... er kommt!« ... und dann beugt er sich vor, aber der Birkhahn kommt nicht.

»Es ist schon zu spät im Jahre,« klagt er immer wieder und setzt hinzu: »vielleicht wird sich überhaupt keiner mehr zeigen.« Und dann murmelt er: »Zu dumm! Lohnte auch wahrlich, Sie für so ein verfehltes Unternehmen aus den Federn zu scheuchen!«

Sie antwortet nicht; sie lächelt nur.

Die Dämmerung lichtet sich etwas. Die Farben freilich sind immer noch nicht zu erkennen; nur ein unruhiges Weiß durchspielt das gleichmäßige Grau. In Wald und Feld wird es langsam lebendig. Zwischen den eintönig klagenden Ruf der Brachschnepfe auf den Feldern, klingt das zärtliche Girren der Waldtaube aus dem Forst heraus, dann wieder das heisere Krächzen des Fasans, dem jedesmal ein schaudernder, plusternder Flügelschlag folgt. – Ein seufzender Windhauch streicht durch den Wald und trägt den Duft der Fichten zu dem Taugeruch auf dem Brachfeld. Und in diese Naturlaute hinein tönt aus einem fernen Dorf, das man nicht sieht, das melancholische Horn eines Nachtwächters.

Vier Uhr. ... Der Birkhahn meldet sich noch immer nicht. »Das wird mir zu dumm!« brummt Hans Ronsky. »Bitte, sagen Sie es mir, wenn Ihnen die Geduld ausgegangen ist!«

»Aber sie ist mir gar nicht ausgegangen,« versichert sie.

»Hm! ... Sie sind wirklich fabelhaft gutmütig!« meint er, »jede andere Frau hätte mich mit Insulten überhäuft wegen des mißlungenen Unternehmens ... aber ... pst ... vielleicht. ... Nein, es ist nichts,«

Marie lacht leise.

»Wie, Sie lachen, Marie! Mir war's, als girre eine Waldtaube neben mir.« Wieder schweigen sie beide; aber sie fühlt's, daß sein Blick durch die Dämmerung hindurch ihr Antlitz sucht.

Er räuspert sich ... fängt einen Satz an und bleibt stecken ...

»Was haben Sie auf dem Herzen? Beichten Sie!« neckt sie ihn.

»Marie!« flüstert er.

»Nun?«

»Werden Sie sehr böse sein, wenn ich Sie etwas ganz Ungebührliches frage?«

Ihre Augenbrauen zucken ein wenig. »O ... ich bitte!« murmelt sie.

»Ich – ich möchte nur wissen ... ob Sie ... eine so ... o, ich erspare Ihnen die Beiwörter – eine Frau wie Sie durchs Leben gegangen sind ohne einen Roman?«

»Es scheint so ...« Sie zuckt die Achseln. Ihr Mund ist trocken geworden, und plötzlich kommt ihr eine Hoffnung, eine Ahnung. Sie erwartet etwas Wunderbares, das über ihr Leben entscheiden muß.

»Nun, dann kann ich Ihnen nur gratulieren, Marie. Ihre Unerreichbarkeit muß felsenfest gestanden haben, denn Sie müssen doch sehr oft vergeblich geliebt worden sein.«

»Meinen Sie wirklich?« flüstert sie.

»Aber Marie!« unwillkürlich beugt er sich vor, »Sie müssen doch wissen, daß Sie anbetungswürdig sind!«

Maries Herz klopft so laut, daß sie Angst hat, er könne es hören. Sie möchte von neuem anfangen zu reden, nur damit er es nicht schlagen hören sollte. Aber es fällt ihr nichts ein, sie schweigen beide.

Eine Waldtaube girrt in der Ferne, und die Wälder rauschen dazu. Es ist jetzt bedeutend heller geworden, die weißliche Unruhe in der grauen Luft wird stärker.

Mit einemmal hebt sich's wie leicht bewegte Schleier von der Erde empor. Ein grüner Schimmer taucht aus der Farblosigkeit des Bodens auf. Kurz darauf kann man die einzelnen Hälmchen erkennen, müde auf der Erde niedergestreckt unter ihrer Last von Tau. In den Wäldern wird es immer unruhiger, eine Stimme antwortet der andern. Und jede Stimme ist ein Lockruf der Liebe oder eine Antwort darauf.

Und mit einemmal kommt es Marie zum Bewußtsein, daß die ganze Natur um sie herum nur nach einem strebt, nach dem verklärenden, erwärmenden Zauber, der das Leben schafft, jedes Pflänzchen sehnt sich der Blüte entgegen, aus der die Frucht reift. Nicht nur die Vögel in den Bäumen, die Bäume selbst, ja die gärende Frühlingserde atmet Liebe, schlafende Kräfte wachen auf, und vergessene Keime drängen ans Licht. Ihr wird sonderbar zu Mute, es ist, als ob das große Fieber sich auch ihrer bemächtigt habe, sie fühlt den Schmerz des Lebens wie noch nie, und sie weiß, daß sie das Glück mit derselben Kraft würde empfinden können. Es ist ganz nah, es mischt sich mit dem Schmerz, wie sich der nahende Morgen rings um sie herum mit der fliehenden Nacht mischt. Sie trachtet ihrer Empfindung einen festen Umriß abzuzwingen, aber nein, das Denken verscheucht den Umriß. Wozu denken, warum nicht den Augenblick genießen! Sie merkt, wie der junge Mann von neuem anfängt, sie zu betrachten, und zwar mit einem Ausdruck sich immer steigernder, erwärmender Bewunderung ...

Sie sieht ihn an mit einem hilflosen, durch Thränen leuchtenden Blick, der ihm alles verraten müßte, wenn er zu lesen verstünde.

Eine köstliche und doch beunruhigende Ahnung streift ihn – –

Plötzlich lenkt etwas feine Aufmerksamkeit ab. Er wendet den Kopf ... es gibt ihr einen Stich ... »Sehen Sie dort die Henne?« murmelt er.

Richtig ... dort, kaum sechzig Schritte entfernt von den beiden, trippelt ein schlanker Vogel mit einem schmalen, spitz zulaufenden Schweif über das graugrün schimmernde Feld. In seinen Bewegungen ist eine sonderbare, wichtigthuerische Feierlichkeit.

»Jetzt muß der Hahn kommen ... hören Sie ihn?« flüstert Hans.

Durch die kühle, herbe Morgenluft schwebt, zwischen allen anderen Vogelstimmen deutlich vernehmbar, ein klagender, einschmeichelnder, sehnsüchtiger Laut, etwas zwischen einem Girren und einem Trillern, dann eine fast regelmäßig gebildete, aufwärts steigende Tonleiter, dann wieder dasselbe Girren, heißer, dringlicher, voll demütig flehender Leidenschaft.

»Sehen Sie ihn?« murmelt Hans mit stockendem Atem. Ja, sie sieht ihn ... er kommt näher, schlägt mit seinem großen schwarzen Stoß ein Rad, hebt und senkt die Flügel. ... Er scheint über sich hinauszuwachsen, schwebt über der Erde, gleitet wieder nieder, fängt von neuem an zu girren, zu trillern, zu bitten ...

Hans legt seine Büchse an. ... Ein überwältigendes Mitleid ergreift Marie. ... Er drückt los – der Schuß geht fehl ... im entscheidenden Augenblick hat Marie den Freund beim Arm gepackt.

»Aber, Marie!« ruft er etwas unwirsch, »was ist Ihnen denn eingefallen?«

»Mir war leid um den Vogel,« murmelt sie ... »es war mir entsetzlich, daß er sterben sollte im schönsten Augenblick seines Lebens!«

»Dem schönsten ...?«

»Ja, dem Augenblick vor dem Glück,« seufzt sie.

Aber er ist nicht zu besänftigen. »Nun, das ist ja alles sehr poetisch; aber wenn man so sentimental sein wollte, müßte man jeden Sport aufgeben. Ich wußte gar nicht, daß Sie so sind. Jetzt haben wir unsere Zeit umsonst verloren!«

»Haben wir wirklich unsere Zeit so ganz und gar verloren?« frägt sie träumerisch mit einem Blick nach Osten. – In der Lücke der dunklen Waldmauern, welche den Horizont umgrenzen, hat es angefangen, dunkelrot zu glühen, der mit leichtem Gewölk bedeckte Himmel schillert im seltsamsten Farbenspiel. Es ist, als ob blaßviolette und rosa Wellen über einen türkisgrünen Untergrund zögen. Der Tau auf den Grashälmchen schimmert wie Quecksilber ... ein kalter, nach Erde riechender Hauch schaudert über das Brachfeld hin.

Da, mit einemmal ... rein, verklärend und jauchzend von oben schwebt es herunter, eine große Befreiung, wie klingendes Licht ... die Lerchen haben angefangen zu singen, und die ganze Erde wird hell.

Ueber den schwarzen Wäldern, breit und rot, steigt die Sonne, fächerförmig von ihrem Mittelpunkt ausgehend, strecken sich ihre Strahlen über den Tau, erst kupferfarbig, dann golden; goldene Streifen, von silbernen Schleiern umhüllt. Das Gold vermischt sich mit dem Silber, breiter und breiter werden die Streifen, die Schatten verscheuchend, von der Erde Besitz ergreifend, bis sie im allgemeinen Licht der langsam höher steigenden Sonne verschwinden. –

Die Lerchen jubelten und trillerten noch, die ganze Himmelskuppel schien aus dieser hellen, schwebenden, sozusagen leuchtenden Musik aufgebaut; und von dem silbernen Klanghintergrund hoben sich alle die anderen Stimmen des Frühlingsmorgens ab – eine nach der anderen.

»Haben wir wirklich unsere Zeit verloren?« fragte sie noch einmal.

»Nein!« sagte er, aber seine Stimme klang nicht überzeugt.

Zwischen den Schatten der Wälder, die sich lang hinstreckten über das Brachfeld, sah man jetzt den alten, breitschulterigen Förster schreiten, von seinem Hund und seinen Trabanten begleitet.

»Na, ich ... gratuliere, Gräfliche Gnaden, hatte schon Angst, es würde sich kein Hahn mehr zeigen... aber...«

»Mein lieber Kembitzky ... es ist nichts zu gratulieren... ich habe den Hahn gefehlt,« erklärte Hans.

»Aber, Gräfliche Gnaden!... das ist doch nicht möglich, er kam ja auf fünfzig Schritt ... ein Schütz wie der Herr Graf...«

»Sie müssen sich hineinfinden, Kembitzky! Ihr Schüler hat Ihnen heute wenig Ehre gemacht,« versicherte Hans und zündete sich eine Zigarette an.

Der alte Förster war verblüfft, daß Graf Hans Ronsky, dem er vor zwanzig Jahren zum erstenmal das Gewehr zwischen die Hände gelegt hatte, und der seitdem einer der sichersten Schützen Oesterreichs geworden war, einen Birkhahn auf fünfzig Schritt gefehlt hatte! Sein Blick schweifte von ihm zu der schönen Frau. Dann begaben sie sich zu dem wartenden Wagen. Die flinken Pferde zogen an; Hans und Marie waren beide still. Die Luft erwärmte sich; Marie streifte ihren Pelz ab, Hans half ihr dabei. Sie merkte, daß er sie unaufhörlich betrachtete. Die Farbe kam und ging auf ihren Wangen. Und so fuhren sie weiter durch den Duft des Waldes, den kräftigen, herben und doch wundersam süßen Morgenduft, durch das helle, leuchtende und doch von einer dämpfenden Feuchtigkeit verschleierte Licht. Rings um sie herum jauchzende Vogelstimmen und seiner Entfaltung zustrebendes zartes Grün.

Endlich hielt der Wagen vor dem Schlößchen. Alles schlief noch ... der Jäger mußte klopfen, ehe der Schloßwärter, sich die Augen reibend, die Thür öffnete.

»Haben Sie mir verziehen, Hans?« fragte Marie.

»O, Marie! es ist an Ihnen, mir zu verzeihen!« rief er. »Es war ja wunderschön – und ich war ein Tropf, ich hatte die Poesie der Stunde nicht gleich erfaßt.«

Sie reichte ihm die Hand, von der sie, ohne sich selbst davon Rechenschaft zu geben, wohl nur um die Morgenluft darüber hinstreichen zu fühlen, den Handschuh heruntergezogen hatte.

Er drückte einen langen, innigen Kuß darauf. »Marie! Mir ist, als hätte ich Sie erst heute kennen gelernt!... Marie...«

»Adieu!« rief sie, ihm die Hand entziehend.

Ehe er sich's versah, war sie im Schloß verschwunden; die Thür war hinter ihr zugefallen.


»Wäre es möglich, daß sie mich liebt?« Das war die Frage, welche sich Hans Ronsky immer und immer wieder vorlegte, während er aus dem Walde nach Hause fuhr. Sein Herz jauchzte ihm die Antwort zu. »Ja, sie ist mein, sie liebt mich – sie – und sie ist eine einzige, herrliche Frau!"

Ein Gemisch von Seligkeit und Begeisterung erfüllte ihn ganz. Aber schon im Laufe seiner Fahrt von Sanssouci nach Natek fiel die Temperatur seiner Gefühle. Er hatte an die Möglichkeit einer leidenschaftlichen Zuneigung Maries für ihn nie oder doch nur einen längst vergangenen kurzen Augenblick lang gedacht. Jetzt, da er knapp davorstand, empfand er ihre Liebe mehr als eine Auszeichnung denn als ein Glück. Daß seine Beziehungen zu Marie nicht mehr auf der alten Basis bestehen konnten, daß sie nunmehr einem Ziel zustreben durften, hatte er heute einsehen gelernt. Der Gedanke, daß sie um fünf Jahre mehr zählte als er, streifte ihn, war ihm aber weiter nicht unangenehm. Er war nicht der erste, der eine ältere Frau zum Altar führte! Und sie war noch immer bildschön, dabei eine unvergleichlich vornehme Erscheinung. Der alte Ehrgeiz, der ihm seit seiner Jugend herrliche, wenn auch immer weiter in die Zukunft rückende Ziele vorgezeichnet, meldete sich. Sie würde vorzüglich repräsentieren in einer hohen offiziellen Stellung, und welche Gehilfin er an ihr haben würde!

Aber gerade bei diesem Gedanken durchzog ihn eine etwas unangenehme Empfindung, als ob ihm jemand einen Zügel hätte anlegen wollen. Er dachte an ihren unbefriedigten, unruhigen Blick während seiner Vorlesung in Natek und dann nach der Vorlesung an ihr ablehnendes Urteil. Und doch, mit wie viel Anerkennung war dieses sanft ablehnende Urteil verbunden gewesen, wie hoch stand er trotz allem in ihrer Achtung!

Nach Natek zurückgekehrt ließ er dem Gärtner auftragen, in dem Warmhaus von allem, was gerade blühte abzuschneiden, was am schönsten war. Diese blühenden Schätze wollte er ihr selber bringen, wenn er nach Sanssouci fuhr, um... Dann frühstückte er mit großem Appetit – an ein Ausschlafen dachte er nicht. Ihm verschlug es nichts, seine Nachtruhe um ein paar Stunden zu kürzen.

Mittlerweile lief die Post ein. Er empfing sie stets mit Vergnügen, brachte sie doch zumeist schwärmerische Aeußerungen von Studiengenossen, die seine Lebensführung bewunderten und nicht aufgehört hatten, Großes von ihm zu erwarten. Das thut immer wohl, so lange man nämlich selber noch nicht aufgehört hat, Großes von sich zu erwarten. Diesmal aber bereitete Hans das Lesen der Briefe kein ungeteiltes Vergnügen.

Einer seiner Getreuen, und zwar der Getreueste, welcher bereits seit mehreren Jahren im politischen Getriebe Oesterreichs eine untergeordnete, aber gewissenhaft durchgeführte und – zum mindesten in den Augen seiner Parteigenossen – nützliche Rolle spielte, schrieb ihm:

»Mein teurer Freund!

Du weißt, wie ich auf Dich baue, auf Dich hoffe, an Dich glaube! Von Jugend an habe ich in Dir eine Kraft gesehen, die dazu berufen sein sollte, dem Zerfall unserer zusammenbröckelnden Monarchie, unseres lieben, kranken Oesterreichs, Einhalt zu thun. Ich habe Dich immer gleich bewundert, während Du als junger Diplomat Deinen Ideenkreis erweitertest, es lerntest, unsere Angelegenheiten von einem allem Parteihader entfremdeten objektiven Standpunkt anzusehen, und jetzt, wo du, mutig einer glänzenden Laufbahn entsagend, dich mit größter Aufopferung dem Studium unseres Volkes widmest. Ich sehe mit der größten Spannung dem Moment entgegen, wo Du es endlich für geboten halten wirst, aufzutreten, Dein ganzes Genie nutzbringend zu entfalten. In meinen Augen ist Deine letzte öffentliche Meinungsäußerung, Deine Broschüre ›Es muß anders werden!‹ nicht nur von hohem litterarischem Wert, sondern auch von unabsehbarer politischer Bedeutung. Leider gibt es Menschen, die anders urteilen. Diese behaupten, Du decktest nach allen Weltgegenden hin so viele Uebelstände auf, daß es nicht abzusehen sei, aus welcher Richtung Du das Heil erwartest. Außerdem bliebest Du zu sehr an Einzelheiten haften und könnest infolgedessen keine Synthese ziehen. Du identifiziertest Dich so vollständig mit allen Parteien, daß es Deinen Lesern unmöglich würde, herauszubringen, ob Du ein Hoch-Tory (verzeih den ungebildeten Ausdruck, ich gebrauche ihn als Citat) – also, ob Du ein Hoch-Tory seiest oder ein Anarchist. Auf diesen lächerlichen Unsinn erwiderte ich: ›Du seiest vor allem ein Idealist!‹ Worauf man mir zur Antwort gab: damit sei nichts gesagt, die Idealisten seien vorläufig keine politische Partei; und Dein Onkel Miroslaw, welcher dieser Diskussion beiwohnte, setzte sogar hinzu: ›Gott sei Dank!‹ Ein anderer unserer Parteigenossen äußerte sich sogar: ›Hm! Selbst ein Idealist hat manchmal gewußt, was er will; und der Teufel hol mich, wenn Ronsky das weiß!‹ Auf diese Blasphemie erwiderte ich nur: ›Die zweite Broschüre, welche mein Freund soeben unter der Feder hat, wird euch darüber aufklären!‹ Nach dem hier Aufgezeichneten wirst Du wohl den Zweck dieses Schreibens erraten haben. Zögere nicht länger, die Zeit drängt! Je rascher die Veröffentlichung Deiner neuen Flugschrift vor sich geht, desto besser!«

Außer dieser Epistel hatte die Post Hans Ronsky noch zwei Briefe gebracht, und zwar einen von seinem böhmischen Hofmeister, der Chefredakteur einer offiziellen, in böhmischer Sprache erscheinenden Zeitung geworden und einen von seinem deutschen Hofmeister, der jetzt Professor und Reichsratsabgeordneter, und zwar mit ausgesprochen deutscher Färbung, war.

Beide verlangten einen kurzen Auszug der neuen, bereits vor ihrem Erscheinen so hohes Interesse erregenden Broschüre.

Nur der Ungar hatte sich nicht eingestellt. Der stand auf festem politischen Boden und bettelte nicht um Unterstützung bei schwankenden politischen Geistern.

Die drei offenen Briefe lagen vor Hans auf dem Schreibtisch, als der Gärtner an seine Thür klopfte und auf ein zerstreutes »Herein« eine Garbe von duftenden, taufrischen Lilien, sowie einen mit Moos ausgepolsterten Korb voll wundersamer dunkelroter Rosen herbeitrug. Er hatte darauf gehalten, dem Herrn eigenhändig seine Produkte zu unterbreiten, um das ihm rechtmäßig gebührende Lob einzuernten.

Hans starrte ihn groß an. »Was, zum Teufel, ist Euch eingefallen, mir mein halbes Warmhaus kahl zu scheren!« schrie er. So ganz und gar hatte er bereits seinen Auftrag, den er vor kaum einer Stunde gegeben, vergessen.

Mit einem Gefühl unerklärlicher Wonne und Seligkeit war Marie aus dem Wald in das Schlößchen zurückgekehrt. Sie sagte sich, daß, wenn sie Hans nicht ins Wort gefallen wäre, ihre Verlobung bereits stattgefunden hätte. Im Innersten fühlte sie sich eigentlich schon als verlobt.

Sie hatte sich sogleich, nachdem Hans fortgefahren war, niedergelegt und war fest eingeschlafen. Als sie aufwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel, es bereitete ihr eine unangenehme Ueberraschung, feststellen zu müssen, daß sie sich müder fühlte als am Morgen, ehe sie sich niedergelegt hatte. Sie erinnerte sich, daß, wenn sie als Mädchen nach einer durch solche Birkhahnbalz gestörten Nacht zwei Stunden geschlafen, sie frisch wie ein Reh aufgewacht, die Lücke in ihrer Ruhe gar nicht mehr empfunden hatte.

»Die Jugend ist eben vorüber!« sagte sie sich: Sie stellte die Thatsache fest mit einer gewissen ruhigen Sachlichkeit, aber zugleich auch mit einer ihr am Herzen nagenden Verzweiflung, Das Gefühl von Wonne und Seligkeit, mit dem sie aus dem Wald zurückgekehrt war, konnte sie nicht mehr finden, wenigstens war es nicht ungetrübt. Allerhand Zweifel und Bedenken schoben sich in ihr Glück. Es war, wie wenn Wolken über einen blauen Sommerhimmel zögen und die Sonne verdeckten. Aber die Sonne drängte sich doch wieder durch ...

Warum war sie ihm ins Wort gefallen? fragte sie sich immer wieder verdrießlich, warum hatte sie, von einer unerklärlichen Scheu getrieben, sein Geständnis verhindert? Etwas in ihr sagte ihr, daß es gut so gewesen war, daß es der Loyalität ihres Charakters widersprochen hätte, sich eine flüchtige Erhitzung seines Herzens – sie gehörte zu den Frauen, welche das Wort »Sinne« nicht einmal in Gedanken aussprechen – zu nutze zu machen, um ihn an sich zu binden.

»Wenn er mich wirklich liebt, kommt er heute noch und hält um mich an, ruhig und ernst, ohne Ueberstürzung, wie sich's in unserem Fall geziemt,« sagte sie sich.

Sie erhob sich von ihrem Lager, konnte sich jedoch nicht entschließen, nach der Kammerjungfer zu klingeln, und kleidete sich ohne deren Hilfe an. Sie hatte den dringenden Wunsch, allein mit ihren Gefühlen zu sein. Sie fühlte sich schwer und müde, fühlte die Last ihres Körpers mehr als gewöhnlich. Ihr war's, als ob sie ein Glas zu starken Weines genossen oder den allzu betäubenden Duft einer Blume eingeatmet hätte. Halbvergessene Melodieen schlichen durch ihre Seele, die Melodieen, mit denen Mühlen damals vor vier Jahren in dem Berliner Konzert den Frühling wach gesungen hatte.

Den Frühling ... sie dachte an ihre nächtliche Fahrt mit Olga Ronitz im Tiergarten. »Das war kein Frühling – nur die Sehnsucht nach dem Frühling hat Mühlen geweckt. Der Frühling ist tot geblieben,« sagte sie sich, »der rechte, unbändige, alles umstoßende, alles belebende, alles berauschende, alles bethörende Frühling! Aber jetzt muß er kommen!«

Es war, als sollte ihr Herz, das sie in ihrer Jugend grausam und rücksichtslos begraben, verklärt und selig auferstehen. Aber sie vermochte nicht, sich der neuen Seligkeit mit der Unbefangenheit der Jugend hinzugeben. Ein Schwindel, ein Gefühl der Unsicherheit und der Unruhe, der Angst mischte sich erst ganz leise, dann immer deutlicher in das Glück, ihr war's, als habe sie plötzlich ihren sittlichen Halt verloren. Sie schwebte zwischen Himmel und Erde und suchte vergebens den Boden unter den Füßen.

Ihr altes »Ich« kämpfte gegen ihr neues Glück, und wenn sie für einen Augenblick aufhörte zu kämpfen, so hatte sie sofort, wie in jener heiß durchkämpften Nacht in Berlin, das erleichternde, aber erschlaffende Gefühl des Herabschwebens, des Sinkens. Ihr war's, als sollte sie in einem Meer von Wonne untergehen.

Sie trat ans Fenster. In wundervoller Schönheit breitete sich der Park vor ihr aus, der weiße Fliederbusch vor ihrem Fenster blühte. Alles war Duft, Sonnenschein, Vogelgezwitscher, leuchtende, klingende Schönheit. Rings um sie herum jauchzte der Frühling – immer lauter, immer einschmeichelnder pochte er an ihr mühsam verschlossenes Herz, ungestüm, siegessicher.

Sie atmete mühsam, faltete krampfhaft die Hände und murmelte vor sich hin: » Ridona mi la calma ... ridona mi la calma

Sie nahm sich zusammen, sagte sich, daß eine vernünftige Frau schließlich noch etwas anderes auf der Welt zu thun habe, als vor einem offenen Fenster zu stehen und einen blühenden Fliederbusch anzustarren.

Sie begab sich in den kleinen Salon, in dem sie sich gewöhnlich aufzuhalten pflegte – ein kleines trauliches Zimmer, dessen Wände mit einer alten Tapete verkleidet waren, auf der verschiedene Chinesen unter aufgespannten Sonnenschirmen um allerhand Türme und Tempelchen herumtanzten.

Ein köstlicher Duft von frischen Blumen schlug ihr entgegen. Sie sah sich um und bemerkte auf dem Tisch neben einer der tiefen, braun ausgetäfelten Fensternischen einen Korb voll Lilien und Rosen.

Ihr Herz schlug stark, sie eilte auf die Blumen zu, suchte ein Billet, irgend einen Zettel ... umsonst. Hierauf läutete sie. Schon längst hatte Hans Ronsky einen seiner Mechaniker aus Natek herübergesendet, um das einsame Waldschlößchen mit elektrischen Schellen zu versehen.

Der alte Lenze trat ein.

»Lassen Sie die armen Blumen doch nicht verdursten!« rief sie ihm zu, »bringen Sie ein paar Vasen! Wo kommen die Blumen übrigens her?«

»Der Herr Graf aus Natek hat sie geschickt.«

»So ... und war kein Billet dabei?«

»Nein, Excellenz, nur ein Päckchen. Da mir der Bote das als etwas sehr Wichtiges übergeben hat – ich mußte den Empfang unterschreiben –, so habe ich es in meinen Schrank verschlossen. Excellenz wollten wir nicht wecken, wir dachten, Excellenz hätte die Ruhe nötig nach der anstrengenden Jagdpartie.«

Marie runzelte ein klein wenig die Brauen. »Bringen Sie mir das Päckchen,« befahl sie.

Lenze brachte es. Es war ziemlich dick. Marie merkte sofort, daß es ein Manuskript enthielt, also keine – Liebeserklärung.

Ein Widerwillen überkam sie plötzlich vor den Blumen, die sie noch vor kurzem so liebevoll betrachtet hatte. Sie überließ es dem alten Lenze, sie in den Vasen zu ordnen, und zog sich in das kaum verlassene Schlafzimmer zurück, um das Paket zu öffnen.

Als sie es geöffnet hatte, wurde sie totenblaß, das Manuskript entfiel ihren Händen – – einen kurzen Augenblick drehte sich alles mit ihr – vor ihren Füßen schien sich ein Abgrund aufgethan zu haben, der ihren Traum verschlang.

Sie faßte sich bald.

Außer diesem Manuskript enthielt die Sendung noch den Brief des »Getreuesten« und einen Zettel folgenden Inhalts:

»Liebe Marie, verehrte teure Freundin!

Es drängte mich eigentlich, heute noch selbst zu Ihnen hinüberzufliegen, um zu sehen, wie Ihnen unsere mißglückte Birkhahnbalz bekommen ist. Leider macht mir der Posteinlauf einen Strich durch die Rechnung. Ich habe die verschiedensten wichtigen Briefe zu beantworten, unter anderen den meines Freundes, Eugen Binsky, den ich zu Ihrer Orientierung beigelegt habe.

Erst wollte ich, ohne weiter zu zögern, meine Flugschrift in die Druckerei schicken. Dann aber kam mir doch der Wunsch, vorher Ihr Urteil darüber zu vernehmen. – Vielleicht sind Sie so gut, das Manuskript durchzufliegen, und deuten mir freundlichst an, wo sie eine Aenderung erforderlich finden. Es wird sich wohl nur um Kleinigkeiten handeln! ...

Bitte, machen Sie mir kleine Bleistiftzeichen, wo Sie nicht einverstanden sind, und schreiben Sie mir überhaupt, wie Ihnen mein Essay gefällt.

Die Sache eilt sehr! Verzeihen Sie, daß ich Sie damit behellige, aber ich setze das unbedingteste Vertrauen in Ihre Freundschaft! Mit tausend Handküssen.

Ihr Ronsky.

Verzeihen Sie mir den Ausdruck ›mißglückte Birkhahnbalz‹. Er ist schlecht gewählt. Ich habe Ihnen den gefehlten Hahn längst vergeben. Es war doch wunderschön!«

Marie wurde so zornig, daß sie Lust hatte, ihm das Paket ungelesen zurückzusenden. Dann langsam legte sich der kleine Zorn und machte einem großen Schmerze Platz.

Sie schloß sich in ihr Zimmer ein, um nicht gestört zu werden, und setzte sich zu eingehendem Studium zurecht, worauf sie zuerst den Brief des »Getreuesten« aufmerksam durchlas. Dann versenkte sie sich in das Manuskript.


Sie las und las – mit kurzen Unterbrechungen – bis in den Abend, bis in die tiefe Nacht hinein.

Anfangs las sie eine Stelle oft vier-, fünfmal, um deren Sinn ganz in sich aufzunehmen. Sie legte Papierstreifen mit kleinen Anmerkungen zwischen die Blätter. Aber als sie weiter vorgedrungen war, hörte sie auf, sich mit einer eingehenden Kritik der Arbeit zu plagen. Die Sätze wurden immer verworrener, die kundgegebenen Ansichten immer widersprechender. Hie und da eine sehr hübsch ausgefeilte Phrase, ein poetisches Gleichnis, ein interessanter Gedanke; aber nichts, was für die zeitgenössische Politik einen Wert gehabt, nichts, was auf nur eine einzige der die Welt bewegenden Fragen ein neues Streiflicht geworfen hätte.

Eine erdrückende Menge von Belesenheit, eine verwirrende Vielseitigkeit, die jedem Standpunkt gerecht werden wollte, eine tötende Ausführlichkeit bei Einzelheiten – und Phrasen! Phrasen!... Eine naive Art, prätentiös hergerichtete Gemeinplätze als etwas ganz Neues auf dem politischen Präsentierteller herumzureichen.... Das war das Erschreckendste von allem! – –

Nie Nacht war hereingebrochen, als Marie mit dem Lesen dieses Machwerkes zu Ende war. Sie sah ratlos um sich, ein unsäglich warmes, mütterliches Mitleid mit ihm, mit der Unzulänglichkeit seiner Begabung oder seiner Ausdrucksmittel quälte sie, der innigste Wunsch, ihn zu schützen, ihn vor dem schonungslosen Urteil seiner Zeitgenossen zu bewahren. Diese Flugschrift durfte nicht veröffentlicht werden! – –-

In jener Nacht legte Marie sich nicht nieder – nicht einen Augenblick – sie dachte und dachte. Und dabei ging sie auf und ab, bis die Füße unter ihr schwankten.

Armer Hans! Er schien seiner Sache so sicher, es war schrecklich, ihn aus allen seinen Himmeln reißen zu müssen! Würde er ihr die Demütigung, die sie ihm anthun mußte, je verzeihen? Gab es einen Mann, der einer Frau etwas Derartiges verzieh?

Dann aber sagte sie sich herb, daß es darauf nicht ankomme; die Hauptsache war, ihn vor der Veröffentlichung seines mißglückten Aufsatzes zu bewahren, und es hieß nun überlegen, wie dies am besten zu bewerkstelligen sei.

In seinem Brief hatte er ausdrücklich gebeten, ihm zu schreiben, was sie von seiner Flugschrift halte. Dagegen bäumte sich alles in ihr auf. Sie wollte ihn zu sich rufen, ausführlich mit ihm reden. Aber nach kurzem Kampf sagte sie sich, daß es doch besser sei, zu schreiben.

»Ich würde den Mut zur Aufrichtigkeit nicht finden, wenn ich ihm in die Augen sähe, ich würde mit dem zweiten Wort aufrichten, was ich mit dem ersten niedergerissen hätte. Es ist besser, daß ich schreibe,« entschied sie.

Die Lampe, welche die ganze Nacht über gebrannt hatte, flackerte trübe und ging plötzlich aus; das blasse Morgenlicht drang in grauen Streifen durch die Ritzen in den Fensterläden. Marie schlug die Läden zurück und öffnete ein Fenster: durch das blasse, glanzlose Morgenlicht schimmerte der weiße Fliederbusch und grüßte sie mit seinem Duft. Sie dachte an gestern um dieselbe Zeit ...

Das vielfarbige Geglitzer der ersten Sonnenstrahlen lag über dem Tau der Rasenplätze von Sanssouci, als sie die Feder zur Hand nahm und an ihren jungen Freund schrieb.

Aber nichts wollte ihr genügen; wohl zehnmal vernichtete sie das Geschriebene. Der Tag war voll hereingebrochen, als sie endlich ein paar Zeilen zusammengebracht hatte, die sie zweckentsprechend fand.

»Lieber Hans!

Ich habe Ihre Flugschrift gelesen und zwar mit dem größten Interesse. Ich finde vieles darin sehr schön! Wenn Sie jedoch auf mein Urteil den geringsten Wert legen, werden Sie Ihre Arbeit nicht veröffentlichen. Talent verrät sie ja auf jeder Seite, und der ideale Zug, der mich in Ihrem Wesen so sympathisch berührt, der mir selbst Ihre Fehler lieb macht, läuft durch die ganze Schrift. Aber das zielbewußte Wollen, die deutlich ausgesprochene Tendenz fehlt.

Wenn Sie sich die Mühe nehmen möchten, im Laufe des Tages zu mir herüberzufahren, so könnten wir die ganze Sache noch genauer durchsprechen. Vorläufig nur so viel von Ihrer Ihnen treu und herzlich ergebenen

Marie Rheinsberg.«

Sie legte den Brief zu dem Manuskript, siegelte es eigenhändig ein und übergab es dem alten Lenze mit dem Bedeuten, es augenblicklich durch einen sicheren Boten nach Natek befördern zu lassen. Nachdem das geschehen war, schloß sie sich in ihrem Zimmer ein, legte sich auf ihr Bett und weinte, wie sie in ihrem Leben noch nicht geweint hatte.


Graf Miroslaw hatte bereits so viele Geschäftsbriefe uneröffnet liegen lassen, daß sich auf seinem Schreibtisch unter dem langgestreckten Bronzejagdhund, den er als Briefbeschwerer benutzte, ein ganz ansehnliches Häuflein dieser, wie er sich auszudrücken beliebte, »lauernden Feinde« angesammelt hatte. Aber heute war einer angekommen, den er trotz alles inneren Widerstrebens hatte aufmachen müssen, denn es war ein Expreßbrief gewesen, und es hatte »dringend« darauf gestanden.

Sein erster Ausruf, nachdem er ihn durchflogen, war: »Hab' ich nicht recht, wenn ich behaupte, man solle nie Geschäftsbriefe lesen, man ärgert sich doch nur darüber!?«

Ein Helles Auflachen seiner liebenswürdigen Gattin, an die er sich mit seiner gewagten Behauptung gewendet hatte, antwortete dem eigenartigen Ausspruch.

Gräfin Leontine, welche zugegen war, lachte auch, dann fügte sie hinzu: »Du bist einzig, mein lieber Max – wirklich einzig! Ha – ha – ha!« Worauf der Graf, den der Expreßbrief in eine sehr üble Laune versetzt hatte, ausrief: »Ich weiß schon, Leontine, ich weiß schon, du bewunderst mich wieder einmal ... aber darum handelt es sich momentan gar nicht!«

»Um was handelt es sich denn eigentlich?« fragte Gräfin Klotilde. Sie war soeben im Begriff gewesen, mit ihrer Cousine vierhändig zu spielen, und erfaßte die Gelegenheit, sich vom Flügel loszumachen. Es war nämlich einigermaßen ermüdend, mit Leontine vierhändig zu spielen. Sie berief sich so oft auf »ihre Auffassung«, besonders bei der Neunten Symphonie von Beethoven. Es war gewiß die allerbeste Auffassung, das hatte Bülow der Gräfin Leontine selbst bestätigt – ja, er hatte beim Dirigieren an einer oder zwei Stellen sogar sich nach ihrer Auffassung gerichtet – aber es war doch ermüdend.

»Du spielst mir zu gut,« versicherte Gräfin Klotilde mit ihrem freundlichen Phlegma.

Und Gräfin Leontine strich das Kompliment mit derselben herablassenden Würde ein, mit der sie eben alle Komplimente als bare Münze einzustreichen pflegte.

Es war vormittags; die Herrschaften befanden sich nicht in dem kleinen, freundlichen, mit Cretonne überzogenen Wohnzimmer, in welchem die Gräfin Leontine so eifrig an ihrem Meßgewand gestickt hatte, sondern in dem sogenannten Musiksalon, einem feierlichen, um zwei Meter höheren Raum, der sich im Mittelbau des Schlosses befand und mit alten Gobelins austapeziert war. Im übrigen hatte er weder viel Zierat noch viel Möbel aufzuweisen, außer einem roten Marmorkamin, der erst vor drei Jahren hereinpraktiziert und ganz und gar mißraten war. Trotzdem hatte der Raum etwas vornehm Anheimelndes an sich. Nur die endlos hohen Fensternischen sahen kahl und nüchtern aus, obgleich sie mit weißer, von Goldleisten geschmückter Holzvertäfelung verziert waren. Man hatte sich seit zwanzig Jahren noch nicht einigen können über die Farbe der Vorhänge. Es paßte immer nichts zu den Gobelins, und selbst die zahlreich gespendeten Ratschläge der Gräfin Leontine hatten noch keine Entschlüsse zur Reife gebracht.

Der Graf war mit seinem Expreßbrief wie eine Bombe in das feierliche Gemach hereingestürzt, mitten in das Andante der Neunten Symphonie.

»Um was handelt sich's denn, Alter?« fragte noch einmal die Gräfin Klotilde.

»Ach, um nichts ... das heißt um alles ... um alles!« schnaubte der Graf. »Die Kommission behandelt unsere noch nicht parzellierten Gründe als Ackerland und bietet einen Gulden pro Quadratklafter ... einen Gulden! Es ist geradezu zum Lachen! Hans scheint das mit einer Gleichgültigkeit hinzunehmen.... Du hast nichts mehr mit den Gründen zu thun, Leontine, wie ...«

»Nein – gar nichts, ich habe meinen Anteil noch bei Lebzeiten meines Mannes an Hans abgetreten.«

»Ja, richtig ... richtig! Wir sind die ausschließlichen, glücklichen Besitzer!« brummte der Graf, »Hans und ich! Aber Hans ist unbegreiflich! Nach dem, was mir der Doktor Hampe schreibt, ist ihm alles Wurst ... alles ... er will sich nach mir richten ...! Das ist unerträglich, wenn sich die Leute nach einem richten wollen – ich will mich nach den anderen richten! Der Hampe behauptet, mir müßten es auf einen Prozeß ankommen lassen, es gäbe keinen anderen Ausweg!« »Jedenfalls wäre es besser, du besprächest dich noch vorher mit Hans,« meinte Gräfin Klotilde.

»Ja, ja! Du hast ganz recht,« versicherte ihr Gatte, »ich muß ihm sofort schreiben. Wir müssen uns ein Rendezvous geben.«

Die Gräfin Leontine, welche indessen fortgefahren hatte, halblaut Motive aus der »Neunten« zu klimpern – wenn sie die »Neunte« einmal aufgeschlagen hatte, konnte sie sich nie losreißen von ihr –, zog jetzt plötzlich die Hände von den Tasten. Ihr Gesicht nahm einen nachdenklichen, dann einen beruhigten Ausdruck an, wie das eines Feldherrn, dem plötzlich ein glänzender Schlachtplan eingefallen ist.

»Aber warum muß es denn in Prag sein?« fragte sie, worauf sie hinzusetzte: »Ich werde ihn ganz einfach auffordern, herzukommen. Noch heute will ich ihn einladen.«

Die Gräfin Leontine that alles selbst, sie lud sogar unaufgefordert Gäste ein in fremde Häuser.

Gräfin Klotilde lächelte nur vor sich hin, dem Hausherrn aber war die Geduld gerissen. »Ich danke dir vielmals für die Mühe, die du dir um meinetwillen geben willst. Aber ich kann deine Freundlichkeit nicht annehmen. Ich habe die schlechte Gewohnheit, meine Gäste selber einzuladen.«

Diesem Ausfall war selbst das mit Eisen gepanzerte Selbstgefühl der Gräfin Leontine nicht gewachsen. Sie erhob sich und streckte sich zu ihrer vollen Höhe empor. »Wie du wünschest, lieber Max!« Dann verließ sie mit dem herrlichen Anstand, der bei allen Hoffesten an ihr gerühmt wurde, das Gemach – jeder Zoll eine Königin.

Ein peinliches Schweigen folgte ihrem Abgang. Graf Miroslaw war selber betroffen von dem, was er angerichtet hatte. Er wußte es ganz genau, was nun folgen würde. Die Gräfin Leontine würde mit ihrer Abreise drohen, sie würde alle zehn Koffer, mit denen sie stets zu reisen pflegte, in ihre Appartements bringen lassen, dann würde sie der Kammerjungfer Ratschläge in betreff des Packens erteilen, Klotilde würde sich zu ihr hinaufbegeben und eine Stunde lang an ihr herumtrösten müssen – und dann würde sie wieder bleiben und weiter regieren; man würde nur vorsichtiger mit ihr umgehen, ihr noch mehr Rechte einräumen müssen als früher. Einen Gast, und mochte er noch so nervenangreifend sein, unhöflich behandelt zu haben, war eine Sünde, für die man büßen mußte, besonders wenn der Gast eine Frau und der Sünder ein Gentleman war. Fatal!

Der Graf sah sich ratlos nach seiner Gattin um, wie jedesmal, wenn ihm das Leben Schwierigkeiten in den Weg warf. Sie machte ein bekümmertes Gesicht, um ihn recht zu ängstigen.

»Aber, Klotilde,« fragte er beklommen – »war's denn wirklich so arg? War ich wirklich grob?«

Gräfin Klotilde brach in ein herzliches Lachen aus. »Ja ... ich kann's nicht leugnen,« erwiderte sie.

Er fing an unruhig auf und ab zu gehen. »Fatal! ... Sehr fatal! ... Es wär' mir recht leid, wenn Leontine es ernstlich übel genommen hätte, denn ... trotz all ihrer Schrullen bleibt sie doch eine hervorragende Frau! ... Zu dumm!«

Erdrückt von der Last seines Schuldbewußtseins, setzte er sich nieder und versank in tiefes Nachdenken. »Und an allem ist dieser infame Expreßbrief schuld! Daß man auch jetzt keine Stunde des Tages mehr vor der Post sicher sein kann! Telegramme sind arg genug, aber noch Expreßbriefe! ... Ich nehme keinen Expreßbrief mehr an! ... Hab' ich übrigens nicht recht, daß es unnütz ist, Geschäftsbriefe zu lesen? Es ist doch nur eine Formalität! Der Anwalt hat seine vorgefaßte Meinung, bei der er bleibt und gegen die er keinen Einwand aufkommen läßt. Zu was die Schreiberei! Verflucht! ... Ich hätte mich doch nie so hinreißen lassen, wenn ich mich nicht früher über den Expreßbrief blau und grün geärgert hätte! Glaubst du wirklich, daß die Leontin' abreisen wird?«

»Keine Spur! Beruhige dich ... und ein andermal sei ein wenig vorsichtiger!« lachte die Gräfin Klotilde, dann nach einer Pause fügte sie hinzu: »Warum willst du denn deinen Vetter nicht einladen?«

»Warum?« fuhr der Graf auf, »warum? Ich hab' ja nichts dagegen – nicht das geringste ... aber schließlich find' ich doch wirklich, daß man mir so etwas in meinem eigenen Hause selber überlassen kann.«

»Nun, das ist gewiß auch ein Standpunkt, und wenn du ihn hättest behaupten wollen, ohne ein Ungewitter herauszubeschwören, so hattest du nichts weiter zu thun, als an Leontines übergefälliger Proposition vorübergehend zu sagen: ›Du hast recht, Leontin' – ich werd' mich sehr freuen, Hans zu sehen – ich schreib' ihm gleich!‹ ... Jetzt, nachdem du die Sachen auf die Spitze getrieben hast, bleibt dir wohl nichts anderes übrig, als klein beizugeben.«

Graf Miroslaw fuhr fort, unruhig auf und ab zu wandern. »Du hast recht, Klotild', wie immer,« versicherte er. »Hm! Könntest du nicht zu Leontin' hinaufschauen und ihr sagen ... hm! ... was du willst – du wirst schon etwas finden zu meiner Entschuldigung!«

»Ja! ja! Alterl ... ich werde ihr sagen, daß der Expreßbrief an allem schuld war!«

»Das ist ja auch ganz richtig ... und dann kannst du sie bitten, den Brief an Hans zu schreiben, oder sie soll ihm telegraphieren, das klingt noch dringlicher!«

»Nun, wir wollen's schon machen, irgendwie wird's wohl gehen,« versicherte Gräfin Klotilde aufmunternd.

»Du bist die Vernunft in Person,« lobte der Graf. »An dem Tage, an dem ich um dich anhielt, hab' ich das gescheiteste Stückl in meinem Leben ausgeführt!« Er nahm ihre kleine, volle weiße Hand in die seine und tätschelte sie zärtlich.

»Nun, es wär' wohl auch gegangen ohne mich, du hast nur eine schlechte Gewohnheit ... du kutschierst zu schnell um die Ecken herum!«

»Ja, ohne dich hätt' ich schon verschiedene Räder an verschiedenen Ecken verloren – das steht fest!«

»Hat der Herr Graf seinen Jäger mitgebracht, oder kommt der vielleicht mit dem nächsten Zug?« So fragte der alte Kutscher des Grafen Miroslaw Hans Ronsky, dem er nach Katschow, der Bahnstation, von der aus man nach Wodanka fuhr, entgegengekommen war. »Es ist auch eine Britzka da für das Gepäck!« setzte er hinzu.

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