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Im Bann und Zauber. Erster Band

Ernst Willkomm: Im Bann und Zauber. Erster Band - Kapitel 6
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typenarrative
authorErnst Willkomm
titleIm Bann und Zauber. Erster Band
publisherTheodor Thomas
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5. Im Circus.

Nach einigen Tagen verkündigten die Zeitungen das Benefiz der Signora Graziosa Feliciani. Es ward den Freunden nicht schwer, auch den Rittmeister zu bereden, dieser Vorstellung mit beizuwohnen. Von dem sonderbaren Gerücht, das über ihn umlief und ihn zu dem leidenschaftlichsten Anbeter der schönen Italienerin stempelte, war ihm nichts zu Ohren gekommen. Auch interessirte sich Birkenfeld wenig für die von so Vielen Belobte, da seine Gedanken auf Schloß Tannensee weilten, von wo auf seine letzten Briefe noch immer keine Antwort eingetroffen war.

Mit erwartungsvoller Unruhe dagegen sah Graziosa Feliciani dem Abend entgegen. Sie trug ein Gefühl in sich, das sie bald ängstigte, bald beglückte. Konnte diese Vorstellung für sie nicht verhängnißvoll werden? Wenn nun der Mann, der sich im Besitz ihres Miniaturporträts befinden sollte, sie wirklich liebte? ... Wenn er edel, großmüthig, vorurtheilsfrei war? ... Wenn es gelang, ihn näher kennen zu lernen, ihn zu sprechen? ... Eine Fluth von Möglichkeiten wogte durch ihre Gedanken und raubte ihr die Klarheit des Urtheils, das ihr sonst immer zu Gebote stand. – Sie war so allein, so verlassen in der Welt! ... Sie hatte keine Heimath, keine Verwandte, selbst einen wahrscheinlich erborgten Namen trug sie, weil ein grausames Schicksal sie von Jugend auf verfolgt hatte! ... Sie hätte es ja ein Glück nennen, für eine Fügung der Vorsehung ansehen müssen, wenn ein Mann von Herz und Charakter, bestochen und gefesselt durch den Reiz ihrer Erscheinung, den festen Entschluß zeigte, sie einem Wirkungskreise zu entreißen, dem sie nicht aus Neigung angehörte, den sie vielmehr nur ergriffen hatte, um das Leben zu fristen und die ihr verloren gegangenen Verwandten zu ermitteln. Es war vielleicht Thorheit, ja Wahnsinn, daß sie überhaupt diesem Gedanken sich noch hingeben konnte, aber die Papiere in dem Koffer! ... der namenlose Brief ihrer Mutter, die sie nie gekannt hatte ... der sein gearbeitete goldene Reif, dem die geheimnißvollen Worte »Bis in den Tod« nebst Datum und Jahreszahl, die der ihres Alters entsprach, eingegraben waren, konnte das Alles erfunden und ihr, der Verlassenen, von übelwollenden Menschen nur in der Absicht, sie recht gründlich elend zu machen, heimlich zugesteckt worden sein?

Graziosa konnte von dem Fenster des bescheidenen Zimmers, das sie bewohnte, das Zuströmen der Menschen beobachten, die heute alle Räume des Circus zu überfüllen drohten. Je näher die Stunde rückte, wo die Vorstellung beginnen sollte, desto banger ward ihr. Sie war nie ängstlich gewesen, wenn sie vor dem Publikum erscheinen sollte, heute aber klopfte ihr Herz ungestüm, und eine Unruhe, die zu besiegen sie sich vergebens anstrengte, erhielt volle Gewalt über sie. Wäre es möglich gewesen, Graziosa würde sich krank gemeldet haben, nur um nicht auftreten zu müssen.

Wie immer, machte Director Bianchi der jungen Signora in Person die Anzeige, daß die Vorstellung in wenigen Minuten ihren Anfang nehmen solle. Es war dies für Graziosa immer eine indirecte Aufforderung, ihr Zimmer mit dem Circus zu vertauschen.

»Sind alle Räume mit Zuschauern gefüllt?« fragte Graziosa, einen letzten Blick in den Spiegel werfend, und die Schleppe ihres langen Reitkleides von meergrünem Sammet aufnehmend.

»Es mußten Viele, die noch Einlaß begehrten, abgewiesen werden,« versetzte Bianchi. »Einige waren so zudringlich, daß es nicht den freundlichsten Wortwechsel gab.

»Ist die haute volée stark vertreten, auch die Damenwelt?«

»Signora können zufrieden sein.«

»Nun, und der bewußte Herr?« fragte sie leiser.

»Sie erkennen ihn an einer Granatblüthe im Knopfloche des schwarzen Rockes, den er bis an den Hals zugeknöpft trägt. Es ist der dritte Herr von der Säule C in der vordersten Sitzreihe.«

»Also es gab Streit?« fragte leicht hingeworfen Graziosa.

»Es wäre fast dazu gekommen,« versetzte der Director. »Es ist immer ärgerlich, wenn die Menschen deshalb mehr Nachsicht beanspruchen, weil der Zufall sie statt in einer Hütte in einem gräflichen Schlosse zur Welt kommen ließ.«

»Also ein Graf hat Sie belästigt?«

Die Musik fiel ein mit einem lebhaften, lärmenden Marsche. Bianchi, als Stallmeister gekleidet, knöpfte seinen Frack zu und zog sich die Handschuhe an.

»Ein Graf von Tannensee, glaub ich,« lautete. des Direktors Antwort. »Vornehm mag er wohl sein, darnach sieht er wenigstens aus, liebenswürdig aber fand ich ihn wahrhaftig nicht. Er gab sich Mühe, damit er nur ja mein Kleid nicht streifte, gerade als könne er durch eine Berührung mit mir unehrlich werden. Trotz seines barschen und herrischen Wesens mußte er sich doch mit einem Stehplatze begnügen. Er lehnt an der Säule F, dem Herrn, der Sie so merkwürdig auszeichnet, fast gegenüber. Ich würde ihn seinem Aeußern nach eher für einen Spanier als für einen Deutschen gehalten haben.«

»Es gibt auch Spanier, die deutsche Besitzungen haben. Vielleicht ist der Graf ein solcher. Wie hieß er doch?«

»Graf von Tannensee.«

»Tannensee?« wiederholte Graziosa. »Ist's mir doch, als hätte ich diesen Namen schon früher einmal nennen hören.«

Die Musik schwieg, dann vernahm man Trompetengeschmetter. Bianchi verbeugte sich vor Graziosa.

»Auf Wiedersehen, Signora, auf Wiedersehen!« sprach er pressirt. »Sie finden Alles in schönster Ordnung. Ihr Achilles ist mit einer Sorgfalt geschmückt worden, daß Ihnen beim Anblick des schönen, klugen Thieres das Herz aufgehen wird. Die fünfte Pièce – Sie wissen – länger darf ich das so zahlreich versammelte Publikum auf Ihr Erscheinen nicht warten lassen.«

Bianchi entfernte sich. Graziosa verweilte noch kurze Zeit, dann folgte sie zögernd, in einer Beklommenheit, die sie sich nicht recht zu erklären wußte, dem Vorangegangenen.

Als der Augenblick herannahte, wo sie sich als Amazone dem Publikum zeigen sollte, kehrte ihr Muth und Entschlossenheit zurück. Nur zu lächeln vermochte sie heute nicht. Sie saß wie eine bleiche Marmorstatue auf dem stolzen Thiere, das sie trug und das dem leisesten Druck ihrer Hand willig gehorchte. Mit stürmischem Jubel begrüßt, dankte Graziosa nur durch eine unnachahmlich vornehme Kopfbewegung.

Während ihrer Production musterte Graziosa die Reihen der Zuschauer mit scharfem Auge. Der Mann mit der Granatblüthe im Knopfloche war leicht zu finden. Graziosa mußte sich gestehen, daß er etwas Anziehendes habe. Seine Jugend, sein dabei doch ernstes Wesen, seine männlich feste Haltung machten einen sehr guten Eindruck. Ihr Blick kehrte wiederholt zu diesem Manne zurück, und ruhte einige Male, wenn sie dicht an ihm vorüberritt, fast mit wohlwollender Theilnahme auf ihm. Auch der Rittmeister schien von der höchst vortheilhaften Erscheinung der Reiterin geblendet zu sein. Er betrachtete sie mit mehr als neugierigen Blicken. Graziosa's Herz begann rascher zu klopfen.

»Aber ich kenne ihn doch nicht,« sprach es in ihr; »ich habe ihn nie zuvor gesehen, nie gesprochen! ... Mein Bild kann, es müßten denn Wunder geschehen, in der Hand dieses – interessanten Mannes nicht ruhen!«

Fast, gegen das Ende ihrer Production gedachte Graziosa wieder des Grafen, mit welchem der Director des mangelnden Raumes wegen in Wortwechsel gerathen war. Sie suchte jetzt die Säule F und entdeckte hier auch wirklich den Fremden.

Hatte der Anblick des Rittmeisters ihr wohl gethan, ihr bis zu einem gewissen Grade Vertrauen eingeflößt, so erschreckten sie die stieren, durchbohrenden, nahezu beleidigenden Blicke des Grafen von Tannensee. Er war groß und hager, sah, finster und hart aus, konnte aber trotzdem noch immer für einen pikant schönen Mann gelten. Nicht Jugendlichkeit und offene Züge fesselten an ihn, sondern eine moqante Vornehmheit, die Alles gering achtet und aus dieser Nichtachtung gewiß ist, Siege, wenigstens Vortheile, zu gewinnen. Bianchi hatte Recht. Der Fremde, der sich gegen dm Director so auffällig wegwerfend benommen hatte, sah unbedingt einem Südländer ähnlich. Sein Gesicht war von jener südlichen Blässe, die dem seinen Teint der Südländer einen bisweilen goldig schimmernden Anhauch verleiht. Sein Haar war noch voll und stark, begann aber schon zu ergrauen. Er trug einen offenbar künstlich gefärbten Schnurrbart. Sein Auge folgte der Reiterin unverwandt, aber fortwährend mit einem Ausdrucke, als zürne er und habe ein Recht, allenfalls auch mit ihr zu schelten.

Graziosa ward ganz unheimlich, so oft sie an diesem bewegungslos an die Säule gelehnten Fremden vorüberritt, und um nicht von seinem stechenden Blicke getroffen zu werden, wendete sie sich, so gut es sich thun ließ, bei jedesmaligem Vorüberreiten von ihm ab. Erst im vollen Carrière die Bahn durchfliegend, kehrte Graziosa dem Grafen ihr von der Anstrengung des Rittes sanft geröthetes Antlitz wieder zu, faßte ihn scharf in's Auge, und glaubte zu bemerken, daß er vor ihrem so großen fragenden Blicke die graue Wimper senkte.

Als Graziosa den Circus verließ, begleitete sie lauter Jubelruf der Zuschauer, und aus den hintersten Reihen des ersten Ranges flogen einige Kränze in die Bahn. Sie hatte zuletzt wieder den Rittmeister scharf beobachtet, und es war ihr aufgefallen, daß er nicht das geringste Beifallszeichen von sich gab. Dies Schweigen konnte sie günstig und ungünstig für sich deuten. Es lag darin entweder Gleichgiltigkeit und Zerstreutheit, oder ein tieferes Gefühl, das sich selbst zu verrathen und zu entweihen glaubte, wenn es mit einstimmte in den profanen Ruf der Menge.

Director Bianchi ließ von einem seiner Leute die Kränze aufsammeln und überreichte sie, begleitet von den verbindlichsten Dankesworten, der in tiefes Sinnen verlorenen Signora.

»Sie erobern heute mehr als Ein Herz,« setzte er hinzu. »Möge es Ihnen gelingen, eins davon auch glücklich zu machen!«

Graziosa schwieg, übergab das keuchende Thier dem Groom und verließ den Circus, um sich wieder auf ihr Zimmer zurückzuziehen und hier so lange zu verweilen, bis man sie später, wenn sie abermals dem Publikum sich zeigen sollte, wieder rufen würde.

Nachdem sich Graziosa eine kurze Ruhe gegönnt hatte, kleidete sie sich um, dann öffnete sie den kleinen Koffer und nahm aus den dann befindlichen Papieren einen vergilbten Bogen. Es war dies jener Brief ihrer Mutter, die sie nie gekannt hatte, deren Namen sie nicht einmal wußte. Obwohl sie die wenigen Zeilen schon hundert Mal sich eingeprägt, las sie dieselben doch immer wieder von Neuem. Sie kannte die Stelle, wo jedes Wort in diesem ihr so theuren Briefe stand, der sie doch nur beunruhigte, weil sie ja stets in ein unlösbares Räthsel blickte, so oft sie ihn entfaltete. Dieser Brief lautete:

»Der Segen Deiner Mutter möge stets auf Dir ruhen, geliebte Tochter! Bewahre diese Zeilen, die eine Sterbende niederschreibt, als ein heiliges Vermächtniß. Es ist Alles, was eine Namenlose Dir hinterlassen kann. Niemand wird dies werthlose Vermächtniß Dir rauben, Dich aber kann es kräftigen, in der Noth ermuthigen, im Glück zur Demuth ermahnen. Du bist eine Waise, und doch berechtigt, dereinst einen hochgeachteten Namen zu führen. Aber Du mußt Geduld haben, nicht ungestüm werden und sehr, sehr vorsichtig sein. Diejenigen, welche Dich pflegen und schützen sollten, haben Dich verstoßen, und dennoch, dennoch bist Du ihnen nicht gleichgiltig. Nur der Tod kann Dir geben, was Du nicht besitzest, ohne den Tod auch nie besitzen wirst. Leb' wohl, geliebtes Kind, leb' ewig wohl! Ein Eid bindet mich, Dir meinen Namen zu nennen, allein früher oder später wirst Du ihn erfahren.« Hier endigte der Brief.

Wie oft hatte Graziosa schon über diesen Worten gebrütet! Wenn die Hand, die sie vor vielen Jahren niederschrieb, nicht eine ihr feindliche war, welche Hoffnungen ließen sich dann an diese dunkeln Andeutungen knüpfen! Die jugendliche Phantasie erhielt durch sie den weitesten Spielraum, und es gab keinen noch so hochfliegenden Gedanken, den Graziosa zu fassen nicht berechtigt gewesen wäre.

Seit einigen Jahren begannen allerdings Zweifel sie zu ängstigen. Sie hatte bereits das zwanzigste Jahr zurückgelegt und stand jetzt in der blühendsten Fülle schöner Jugendlichkeit. Aber das Leben lag vor ihr als endlose Oede. Nirgends sah sie ein Ziel oder nur einen Ausruhepunkt. Die Wirbel der Welt, die sie erfaßten und denen sie wider Willen folgen mußte, ließen sie nicht wieder los, wenn die Nachforschungen nach ihrem Ursprünge kein Resultat lieferten oder wenn ihr kein Retter erstand.

Bisweilen hatte sie an Bianchi gedacht. Dieser Mann, dem auch kein beneidenswerthes Loos gefallen war, zeichnete sie vor Allen aus und behandelte sie mehr wie eine Gebieterin als wie eine Untergebene. Sie wußte, es bedurfte ihrerseits nur eines leisen Entgegenkommens, und Bianchi bot ihr seine Hand. Es wäre ein Ausweg gewesen, der ihr Ruhe und Beruhigung geben konnte, wenn sie jeden Wunsch, jede Hoffnung für immer begrub. Das aber vermochte sie nicht, und darum blieb sie Bianchi gegenüber immer das abweisend stolze und verschlossene Mädchen, das ihren übernommenen Verpflichtungen gewissenhaft und pünktlich, selten aber freundlich nachkam.

Jetzt endlich, nach langem Harren und fruchtlosem Suchen schien ihr das Glück doch mehr lächeln zu wollen. Das Duell des Rittmeisters, dessen schuldlose Veranlassung sie gewesen war, konnte einen Anknüpfungspunkt geben, wenn es ihr nur gelang, diese von selbst sich darbietende Gelegenheit klug zu benutzen. Sie hatte den Mann, der – wie so Viele behaupteten – aus Liebe zu ihr sich mit einem Andern zu schlagen kein Bedenken trug, gesehen, und sie gestand sich, daß er ihr schon jetzt nicht mehr völlig gleichgiltig war. Wie aber sollte sie ihm zu erkennen geben, daß in ihrem Herzen für ihn Gefühle des Dankes sich regten? ... Durfte sie zudringlich sein? ... Ein zu herzlicher, offener Blick konnte ja diesen schwärmerischen Mann verwunden und für immer verscheuchen! ... Und dennoch – ein Blick wenigstens Auge in Auge, in dem vielleicht ein gegenseitiges tiefes Erkennen lag, war erwünscht und sogar gerechtfertigt. Dem Rittmeister war sie – das sagten ja so Viele – ein Gegenstand der Verehrung. Einem Manne, der ihr Bild auf dem Herzen trug, konnte sie unmöglich gleichgiltig sein ... Und der Rittmeister? ... Mußte er nicht längst ahnen, daß sein auffallendes Rencontre sich herumsprach, daß es, wenn auch noch so sehr entstellt, auch im Circus zuletzt seinen Widerhall fand? ...

Im Grübeln und Sinnen erhitzte sich Graziosa bis zu leidenschaftlicher Erregtheit, ohne daß es ihr gelingen wollte, einen bestimmten Entschluß zu fassen. Da trat der Director wieder in ihr stilles, kleines Zimmer. »Ich komme, um Sie nach dem Circus zu geleiten, Signora,« sprach er ehrerbietig, mit wohlgefälligem Blicke die fein gegliederte, schlanke Gestalt musternd, die in der kleidsamen, etwas koketten Anzüge eines florentinischen Blumenmädchens Jeden fesseln mußte. Auf dem reich gelockten glänzenden Haar saß ein sehr feiner, ungewöhnlich breitkrempiger italienischer Strohhut. Ein rosaseidenes Band, das Wangen und Kinn leicht umfing, hielt ihn fest. Breite lange Bänder von gleicher Farbe flatterten bis über die Brust herab und verschlangen sich hier wieder zu einer lose gebundenen Schleife. Unter diesem Hute erhielt das edel geschnittene Profil Graziosa's einen wunderbar fesselnden Reiz, von dem selbst die Damenwelt entzückt wurde.

Bianchi trug ein schön geflochtenes, mit blauer Seide gefüttertes Körbchen, das er jetzt auf den Tisch stellte. Es war bis zum Rande mit den frischesten Blumensträußchen angefüllt. Zwischen aufspringenden Centifolien, feurigen Nelken, süß duftenden Veilchen und Heliotrop sah Graziosa auch einige köstliche Granatblüthen glühen.

Ein glückliches Lächeln verklärte ihr Gesicht. Ein erheiternder Gedanke oder eine selige Rückerinnerung mußte durch ihre Seele geflogen sein. Sie streckte ihre Hand nach dem Körbchen aus, nahm es an sich und sog den würzig süßen Blumenduft in langen Zügen ein, indem sie Bianchi's Anrede mit der kurzen Frage beantwortete:

»Hat es auch Eile?«

Der Director bat das Blumenmädchen, auf die Klänge der Musik zu hören, die nach kurzer Pause so eben wieder begann. Graziosa kannte, diese Töne. Es war ein Musikstück, das ihren Namen trug, und das ein junger Musiker ihr zu Ehren componirt hatte. Seitdem ward es regelmäßig gespielt, wenn Graziosa als Blumenverkäuferin von Florenz auf milchweißem, mit Purpur aufgezäumten Zelter im Circus erschien.

»Gehen wir,« sprach sie mit drängender Hast. »Ich wünschte, das Spiel wäre schon zu Ende, darum will ich keine Minute länger zögern, als nöthig ist.«

Die Begrüßung Graziosa's von Seiten der Zuschauer war laut und stürmisch. Sie begann noch einmal, als die Italienerin schon ihren Zelter in Bewegung gesetzt hatte und sich jetzt auf ein Knie niederließ, um ihre duftenden Blumenspenden beliebig an die Zuschauer zu vertheilen.

In gemäßigtem Trabe den Circus umreitend, gab sich Graziosa den Anschein, als werde sie von zu großer Helle geblendet. Bald schirmte sie ihre Augen mit der Krempe des Hutes, bald durch Vorhalten ihrer blendend weißen Hand. Zögernd und wählend langte sie dann in das blumengefüllte Körbchen und zog nach kurzem Prüfen die Hand wieder zurück, als wisse sie nicht recht, wozu sie sich entschließen solle.

Auf einen leichten Wink begann die Musik in schnellerem Tempo zu spielen, der Gang des stolzen weißen Zelters beschleunigte sich ebenfalls, und nun streute Graziosa mit bewundernswürdiger Gewandtheit, während der Lauf des Pferdes immer rascher werdend, einen wahren Blumenregen über die Zuschauer aus. Es war vorauszusehen, daß eine Anzahl von Händen nach, den von der reizenden Blumenspenderin geworfenen Sträußchen haschen und daß ein von Verschiedenen ergriffenes in mehrere Theile zerrissen werden würde. Am eifrigsten griffen die anwesenden Herren nach den Hereinstiegenden Gaben der Italienerin, und zwar mit solcher Hast, daß bald an verschiedenen Punkten der Sitzreihen ein starkes Drängen entstand.

Graziosa achtete genau auf Diejenigen, welche sich besonders eifrig im Auffangen der geworfenen Sträußchen zeigten. Es hätte sie beinahe verletzt, daß gerade Rittmeister von Birkenfeld nicht den geringsten Theil auch an diesem heitern Spiel zu nehmen schien. Er saß still, mit verschränkten Armen, auf seinem Platze, und schien nur Auge für das edle Thier zu haben, das die Blumenspenderin trug. Daß ihr selbst dieser klare, ruhige Blick gelten könne, glaubte sie nicht, weil der Rittmeister sonst doch wohl eines der Sträußchen, deren mehrere dicht bei ihm niederfielen, würde aufgehoben haben.

Da ergriff, halb im Zorn und doch von unwiderstehlichem Drange erfaßt, Graziosa die schönste der im Körbchen liegenden Granatblüthen, und reichte im Vorüberjagen diese Blüthe dem Rittmeister. Ueberrascht von dieser unerwarteten Handlung der schönen Fremden, ergriff er das dargereichte Geschenk, erfaßte gleichzeitig aber auch die Spitzen ihrer Finger, wodurch Graziosa das Gleichgewicht verlor. Noch aber hielt sie sich – sie sah, wie Birkenfeld die schöne Blüthe in eins der Knopflöcher steckte, während er die, welche er schon beim Betreten des Circus trug, zerpflückte. Ihr Herz jubelte, aber auch um ihre Geistesgegenwart war es geschehen. Einem unsichern kurzen Schwanken folgte ihr Sturz und zwar gegen die Barriere, so daß sie im Fallen von dem schnell weiter galoppirenden Pferde noch einen starken Schlag empfing. Diesen Sturz begleitete ein allgemeiner Angstschrei der Zuschauer, welcher das seiner schönen Bürde so Plötzlich entledigte Thier verwirrt machte, es mitten in der Bahn umkehren und in mäßigen Sätzen dem Ausgange zueilen ließ. Zum Glück fiel dem gut geschulten Zelter hier ein Groom in die Zügel und brachte ihn sofort zum Stehen.

Inzwischen hatten Mehrere der Anwesenden die niedrige Barrière übersprungen, um Graziosa zu Hilfe zu eilen. Man fürchtete, da sie sich Anfangs kaum bewegte, das Schlimmste. Sie erhob sich jedoch mit Leichtigkeit, konnte aber, da der Fall oder der Schlag ihres Thieres sie stark am linken Fuße beschädigt hatte, nicht auftreten, und wäre jedenfalls sofort wieder zusammengebrochen, hätten nicht ein Paar starke Arme sie erfaßt. Als sie aufblickte, sah sie in ein Paar tiefliegende, glühende schwarze Augen. Der fremdländisch aussehende Fremde, in dessen Nähe der Unfall sich ereignet hatte, hielt sie umfangen. Sie zitterte heftig und wollte sich ihm entziehen.

»Sie sind beschädigt, Signora,« sprach Graf von Tannensee in reinem Italienisch. »Gestatten Sie mir, daß ich Ihnen behilflich sein darf, Sie aus dem Circus zu geleiten.«

»Herr Graf von Tannensee,« versetzte darauf der bereits herbeigeeilte Director, »Signora Feliciani dankt Ihnen verbindlichst!«

Er reichte Graziosa den Arm, die sich auch willig darauf stützte. Der Graf trat zurück und verbeugte sich mit seinem Lächeln. In diesem Moment erschien der Rittmeister in Begleitung des Fähndrichs Appenzell, der nicht weniger als drei Sträußchen in der Hand hielt. Hatte die Italienerin ihren Sturz auch nur einer Unvorsichtigkeit schuld zu geben, die Birkenfeld persönlich durch sein Verhalten gewiß nicht provocirte, so trieb ihn jetzt doch ein rein menschliches Mitgefühl zu der Schönen, um sich zu überzeugen, daß der unangenehme Vorfall wenigstens keine gar zu ernsten Folgen für dieselbe haben werde.

Graziosa erröthete, als sie in des Rittmeisters Auge sah, doch senkte sie den Blick nicht, nur ein Murmeln der Entschuldigung spaltete ihre Lippen und traf in weichem Lispelton das Ohr des ehemaligen Militairs.

»Wunderseltsam!« sprach beim letzten Klang dieser Worte und bei dem festen Blick in das Antlitz Graziosa's der Ueberraschte. »Solche Aehnlichkeit ist ja fast unheimlich!«

»Herr Graf von Tannensee, meinen verbindlichsten Dank!« lispelte gleichzeitig die Signora, während ihr dunkles Auge noch einmal schwärmerisch den Rittmeister streifte. Ein herbeigebrachter Lehnsessel nahm die Verwundete auf. Sie ward fortgetragen. Rittmeister von Birkenfeld sah den Fremden unter der Menge, welche jetzt die ganze Bahn erfüllte, verschwinden.

»Graf von Tannensee?« wiederholte Appenzell.

»Wenn die Signora sich nicht geirrt hat, muß er es sein,« sagte Birkenfeld.

»Ihr künftiger Schwiegervater?«

»Der Vater meiner theuern Verlobten, mit welcher diese Sirene eine so beunruhigende Aehnlichkeit besitzt!«

Dem Fähndrich flimmerte es vor den Augen. Er faßte die Hand des Rittmeisters.

»Pardon!« sprach er in geflügelter Eile. »Sie tragen das Miniaturbild einer Dame auf der Brust?«

»Das Conterfei der Comtesse Bianca von Tannensee.«

»Und das – ähnelt – der –«

»Signora Graziosa Feliciani könnte sich für ihre Zwillingsschwester ausgeben und ich fürchte, es würde mir schwer fallen, sie nicht für meine Verlobte zu halten. Gerade diese wunderbare Aehnlichkeit machte mich beim Anblick dieser Circe ganz stumm. So oft sie an mir vorüberschwebte und ich ihren Blick auffangen konnte, mußte ich stets Bianca in ihr sehen! Ich gestehe, daß ihre Aehnlichkeit mich im hohen Grade frappirt hat, und daß, wäre dieser Unfall nicht dazwischen gekommen, ich am Ende der Vorstellung mich bewogen gefühlt hätte, um die Erlaubniß einer Unterredung mit Graziosa zu bitten. In meinem Auge mag etwas von der Kraft des bösen Blickes gelegen haben, und der Zauber dieses mal' occhio verursachte ihren Sturz ... Aber, was haben Sie denn, Appenzell? Sie wollten ja doch den Abend mit mir zubringen? ... Ist Ihnen unwohl? ... Sie machen ja wahrhaftig Grimassen, als würden Sie von der Cholera befallen!«

»Pardon, lieber Rittmeister, Pardon!« rief der erschrockene Fähndrich ihm zu, mit stürmischer Hast sich gewaltsam Bahn brechend aus dem Circus. »Eine Angelegenheit von größter Wichtigkeit ruft mich ab ... Morgen, übermorgen stehe ich Ihnen Rede ... Dann sollen Sie Alles erfahren! ...«

Er verlor sich unter der Menge, ehe es dem weniger ungestümen Rittmeister gelang, das Freie zu gewinnen.

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