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Im Bann und Zauber. Erster Band

Ernst Willkomm: Im Bann und Zauber. Erster Band - Kapitel 4
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authorErnst Willkomm
titleIm Bann und Zauber. Erster Band
publisherTheodor Thomas
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3. Aus der Vergangenheit des Grafen von Tannensee.

»Graf Erhardt von Tannensee soll ein sehr stolzer, dabei aber auch sehr lebenslustiger Mann sein,« hub der Premier-Lieutenant seine Mittheilung an. »Leute, welche oft mit ihm verkehrten, bezeichneten beide Eigenschaften als vorherrschende Fehler seines Charakters. Sie, Herr Rittmeister, werden am besten beurtheilen können, ob dem Gerücht in dieser Beziehung Glauben zu schenken ist oder ob es, wie so häufig, übertreibt.«

Diese Frage war so direct an Birkenfeld gerichtet, daß er eine ebenfalls bestimmte Antwort darauf nicht schuldig bleiben konnte.

»Mir steht in diesem Punkte kein Urtheil, nicht einmal eine Meinung zu,« erwiderte der Rittmeister.

»Wie!« riefen Mehrere der Anwesenden zugleich, ihre Blicke Birkenfeld zuwendend, während der Premier-Lieutenant erstaunt sagte:

»Wie kann dies möglich sein!«

»Die Erklärung ist leicht,« fuhr der Rittmeister fort. »Graf von Tannensee befindet sich schon seit langen Jahren auf Reisen, mithin konnte ich ihn trotz meines öfteren Verkehrs in Schloß Tannensee nicht persönlich kennen lernen. Gerade diese Abwesenheit des Grafen verzögert auch das Bekanntwerden meiner Verlobung.«

»Weilt der Graf noch immer im Auslande?« fiel Baron von Hohenort ein.

»Sein letzter Brief, welcher mir die Hand der Comtesse Bianca zusichert,« versetzte Rittmeister Birkenfeld, »war aus Adorno datirt. Der Graf kehrt von einer Reise durch Italien, Sicilien und einen Theil Aegyptens zurück, und erst in den nächsten Wochen erwartet man ihn.«

»Armer Freund!« sprach lächelnd Baron von Hohenort. »Darum mußten Sie so lange hangen und bangen in schwebender Pein? Wenn nur Ihre Verlobte, die schöne Comtesse Bianca, vor Sehnsucht während dieser schweren Prüfungszeit nicht auch melancholisch geworden ist, wie ihre Mutter!«

Birkenfeld entgegnete in scherzhafter Weise und bat sodann den Premier-Lieutenant, seine ergänzenden Mittheilungen wieder aufzunehmen.

»Eigentlich scheint mir dies nach dem so eben Gehörten fast überflüssig zu sein,« versetzte dieser. »Die langjährige Abwesenheit des Grafen erklärt die trübe Stimmung seiner Gemahlin vollkommen, wenn wir annehmen, was doch wohl keinem Zweifel unterliegt, daß die Gräfin ihrem Gatten in treuer, zärtlicher Liebe anhängt. Es ist die Sehnsucht nach dem Abwesenden, welche Gräfin Mathilde verzehrt. Der Wunsch, den theuren Mann ihrer Wahl wiederzusehen, preßt der einsam, von Welt und Gesellschaft zurückgezogen Lebenden Seufzer aus, und so entstanden ganz natürlich alle die anderen Gerüchte, die sich anfangs wohl nur ein paar phantasievolle Personen von der Dienerschaft zuflüsterten, die aber später auch außerhalb des Schlosses sich verbreiteten und hier natürlich sehr gläubige Hörer fanden.«

»Wie dem auch sein mag, werther Herr Waffenbruder,« sagte der Rittmeister, »ich als zukünftiger Schwiegersohn des Grafen interessire mich ungemein für alle über denselben umlaufende Gerüchte, mögen diese nun wahr oder unwahr sein, und gerade weil ich Graf Tannensee nicht von Person kenne, auch mir nicht ein einziges Wort von diesen Gerüchten bis jetzt zu Ohren gekommen ist, wünsche ich dieselben kennen zu lernen. General von Haustein ist eine so lautere Quelle, daß Sie aus ihr zu schöpfen keinen Anstand nehmen dürfen. Ihre Bemerkungen scheinen mir ohnehin wohl begründet zu sein, wenigstens muß ich bestätigen, daß ich die Mutter meiner Verlobten noch niemals lachen sah, ja ich möchte darauf schwören, daß nicht einmal ein heiterer Zug in ihre feinen und noch immer schönen Züge Leben und Bewegung brachte.«

»General von Haustein ist ungefähr von gleichem Alter mit Graf Erhardt von Tannensee,« nahm jetzt der Premier-Lieutenant wieder das Wort. »Wie er mir sagte, kannten sie sich in der Jugend, wo sie Beide einige Jahre zusammen im Cadettenhause verweilten. Damals lebte der Vater des Grafen noch. Dieser starb aber plötzlich und dieser Todesfall nöthigte den Sohn, seine militärische Carrière aufzugeben, um die ihm zugefallene reiche Erbschaft anzutreten. Die Mutter Erhardt's war eine stille, fromme Dame, Viele nannten sie zu fromm, und weil ihr einziger Sohn eine ganz entgegengesetzte Richtung verfolgte, bestand zwischen Mutter und Sohn nicht immer das beste Einvernehmen. Graf Erhardt wollte sein Leben genießen und war deshalb der Ansicht, es könne ihm nur förderlich sein, wenn er, sobald das Nöthigste in den Erbangelegenheiten, die ohnehin nicht sehr verwickelt waren, geordnet sein würde, einige Jahre auf Reisen gehe. Die Gräfin Wittwe widersetzte sich mit nie an ihr gewohnter Energie diesem Vorhaben des Sohnes, und da Erhardt noch nicht majorenn war, so konnten seinen Neigungen leichter Zügel angelegt werden. Die Mutter traf Vorkehrungen, denen Erhardt sich fügen mußte. Er that es, aber knirschend vor Zorn und Aerger. Sein heftiger Charakter wurde für die Mutter bald zu einer Quelle schwerer Leiden. Zwar behandelte Graf Erhardt die fromme Frau mit gebührender Aufmerksamkeit und Ehrfurcht, es geschah dies aber so förmlich, so höfisch kalt, in so höhnischem Tone, daß die unglückliche Dame beinahe wahnsinnig darüber ward. In ihrer Herzensangst fiel sie auf den Gedanken, der unkindliche Sinn ihres Sohnes werde sich ändern, wenn er sich vermähle, und so wurden die geeigneten Schritte gethan, um den jungen Grafen zu fesseln. Erhardt errieth den Plan seiner Mutter und widersetzte sich ihm nicht. Er ließ Alles geschehen, was man in der Stille anordnete, und so fand er sich denn bald von einem Kreise der anmuthigsten jungen Damen umschwärmt. Von Stund' an nahm Graf Erhardt's Betragen gegen seine Mutter einen ganz andern Charakter an. Er zeigte sich wieder liebevoll, zärtlich, gehorsam, und die wieder auflebende Gräfin glaubte schon ihr Ziel erreicht zu haben. Es fehlte nur noch an einer entscheidenden Wahl. Diese nun sollte Graf Erhardt ganz nach Belieben treffen. In einer besonders glücklichen Stunde, wo der Graf ungewöhnlich heiter und hingebend zu sein schien, trug die zagende Mutter ihm ihre Wünsche vor. Auch jetzt widersprach der Sohn nicht.

»Wählen Sie, gnädige Mama,« sagte er mit devotester Ehrerbietung.

Die Mutter machte zwei Schwestern namhaft, von denen sie selbst nicht wußte, welcher von Beiden sie den Vorzug geben sollte.

»Sie kommen meinen Wünschen entgegen, gnädige Mama,« lautete Graf Erhardt's Antwort. »In einigen Tagen werde ich mich entscheiden. Nur habe ich eine Bedingung dabei zu machen.«

»Ich bin gern bereit, in allen billigen Dingen auch Dir entgegen zu kommen, mein Sohn,« versetzte die jetzt vollkommen beruhigte Mutter.

»Dann werden Sie gestatten, daß ich vor meiner Vermählung meine Volljährigkeit abwarte und nach der Hochzeit mit meiner Gattin eine längere Reise antrete.«

Dies Verlangen schien der frommen Dame unter ganz veränderten Umständen so verständig zu sein, daß sie gern darein willigte. Inzwischen verging ein Tag nach dem andern, ohne daß Graf Erhardt auf die doch so wichtige Angelegenheit zurückkam. Er sah die beiden Schwestern, unter denen er wählen sollte und wollte, Tag für Tag; er spielte und tanzte mit ihnen, er ritt gemeinschaftlich mit ihnen aus, er sagte Beiden die zartesten Schmeicheleien, erwies Beiden eine gleich große Aufmerksamkeit.«

»Die Mutter zögerte, um den ungestümen Sinn ihres Sohnes, der nur besänftigt, nicht gebrochen war, nicht wieder zu wecken. Endlich aber hielt sie es doch für nöthig, abermals auf den wichtigen Gegenstand zurück zu kommen. Sie glaubte bemerkt zu haben, daß die Schwestern, früher schalkhaft und heiter, beide seit Kurzem ernster und stiller geworden waren, und sie fürchtete nicht mit Unrecht, die auffallenden Huldigungen, welche ihr Sohn Beiden in gleicher Weise darbrachte, könnten in den Herzen derselben eine unselige Leidenschaft entzünden, die statt Segen nur Fluch in ihrem Gefolge zu haben pflegt. »Wenn Beide Erhardt liebten?« rief es in dem geängstigten Mutterherzen. Wenn die unseligste Eifersucht zwei innig liebende Geschwister für immer einander entfremdete? Noch ist es Zeit, wenn Erhardt eine schnelle Wahl trifft! Gewiß, mein Sohn hat sich noch nicht entschieden ... Mit dem bestimmt ausgesprochenen Worte ist der Zauber gelöst, der Mathilde und Flora umstrickt.«

»Mathilde?« wiederholte der Rittmeister. »Graf Erhardt von Tannensee reichte also wirklich einer jener Schwestern die Hand?«

»Seine Wahl fiel nach abermaligem Anmahnen der Mutter auf die jüngste Schwester, das Freifräulein Mathilde von Hammerstein.«

»Meine künftige Schwiegermutter!«

»Und Flora?« fragte Baron von Hohenort.

»Flora wünschte ihrer Schwester mit thränenden Augen Glück zum Bunde mit Graf Erhardt von Tannensee, doch fügte sie diesem Glückwunsche die Worte hinzu, welche wie Feuerfunken in Mathildas Seele fielen: Dein Glück bricht mir das Herz! – Erhardt hatte unter den Schwestern zu spät gewählt.«

»Und dieses Wort,« fiel der Rittmeister ein, »machte es einen so tiefen Eindruck auf die glücklichere, von Graf Erhardt bevorzugte Schwester, daß es dieser die Ruhe raubte?«

»Das wohl nicht,« erwiderte der Premier-Lieutenant. »Flora war edel, großdenkend, uneigennützig. Sie wollte das Glück ihrer Schwester nicht stören. Sie fügte sich in das ihr zugefallene traurige Schicksal und wohnte der bald darauf stattfindenden Vermählung des jungen Paares voll Schmerz bei. Tags darauf hielt sie sich verschlossen in ihrem Zimmer; am zweiten Tage fand man nur noch einen Brief von ihr vor, in welchem sie mit wenigen Worten erklärte, daß sie das Leben nicht ertragen könne und deshalb freiwillig aus einer Welt scheide, die ihr nichts mehr zu bieten vermöge.« »Die Aermste nahm sich das Leben?« rief der blonde Fähndrich.

»Man hat nie etwas Näheres über das Schicksal der spurlos Verschwundenen in Erfahrung gebracht,« sagte der Premier-Lieutenant, »doch nimmt man allerdings an, daß sie ihren verzweifelten Vorsatz ausgeführt habe. Alle Nachforschungen der Familie blieben erfolglos, aus Schloß Tannensee aber war mit Flora von Hammerstein auch der Engel des Friedens gewichen. General von Haustein –«

»Von ihm rühren diese Mittheilungen her?« unterbrach Birkenfeld den Erzähler.

»Er war zum Theil Zeuge der erwähnten Vorgänge,« antwortete der Premier-Lieutenant. »Als Jugendgenosse Erhardt's von Tannensee wurde er von diesem zur Vermählungsfeier eingeladen, ja er war – so behauptet der jetzige General – Augenzeuge einer Scene in Schloß Tannensee, die seinem Gedächtniß bis an's Ende tief eingeprägt bleiben wird.«

»Ich bin sehr begierig, auch diese Scene von Ihnen schildern zu hören,« sagte der Rittmeister, sich noch ein Glas Champagner einschenkend.

»Und ich beeile mich, diesem Wunsche nachzukommen,« entgegnete der Premier-Lieutenant. »Mathilde, Gräfin von Tannensee, nannte ihren Gatten den Mörder ihrer Schwester; Erhardt erbleichte – es fielen harte, zürnende Worte ... Die Mutter des Grafen eilte bestürzt herbei ... Der Zorn des Sohnes wandte sich von der Gattin auf die Mutter. – Diese entsetzte sich vor Erhardt's an Wildheit grenzender Heftigkeit, stürzte zu Boden und brachte sich im Fallen eine so gefährliche Verwundung an der Schläfe bei, daß sie wenige Tage später an den zusammenwirkenden Folgen dieses Falles und des Schreckens starb. Gleich nach der Bestattung seiner Mutter verließ Erhardt, ohne Abschied von seiner jungen Gattin zu nehmen, Schloß Tannensee. Er mochte in den Räumen nicht leben, die ihm so unheimlich geworden waren. Vielleicht auch zog ihn der Schatten Flora's hinaus in die weite Welt, denn man wollte wissen, das schöne Freifräulein habe in noch höherem Grade Erhardt's Liebe besessen, als die jüngere, seine Gattin gewordene Schwester. Er kehrte nicht eher zurück, als nachdem er Kunde erhalten, daß Mathilde ihm eine Tochter geboren habe. Bei der Taufe dieser Tochter, der einzigen Frucht dieser trübseligen Ehe, sah man den Grafen zuerst wieder auf seinem alten Stammsitze. Aber er hatte sich dergestalt verändert, daß selbst seine Gattin ihn kaum wiedererkannte. Man wollte wissen, daß er in den größten Hauptstädten Europas unter lustigen Altersgenossen ein wild bewegtes, verschwenderisches Wüstlingsleben geführt habe.« »Genug!« fiel Rittmeister von Birkenfeld ein. »Sie haben Ihren Gewährsmann genannt, Herr Premier-Lieutenant, Sie werden also gewiß nicht Anstand nehmen, in Gegenwart des Generals von Haustein das, was die Herren hier von Ihnen über die angebliche Vergangenheit des Grafen Erhardt von Tannensee vernommen haben, zu wiederholen.«

»Wenn Sie es wünschen, Herr Rittmeister, so erkläre ich mich dazu bereit, obwohl ich nicht begreife –«

»Keine Einwendungen, mein Herr Premier-Lieutenant!« unterbrach diesen abermals der Rittmeister. »Ich halte Sie für einen Edelmann alten Styls. Damit ist zugleich auch gesagt, daß ich Ihnen die Kenntniß der Gesetze zutraue, welche von der edelmännischen Ehre dictirt werden.«

Er leerte sein Glas und stand auf.

»Auf Wiedersehen, meine Herren!« sprach er mit vollkommen ruhiger Stimme. »Wenn Sie erlauben, Herr Premier-Lieutenant, so hole ich Sie morgen um zehn Uhr zu einer Visite ab, die wir gemeinschaftlich Sr. Excellenz dem General von Haustein, meinem ehemaligen Chef, machen wollen.«

Birkenfeld ging und die Zurückbleibenden sahen ihm mit Blicken nach, in denen sich die verschiedensten Empfindungen aussprachen. »Der fatale Champagner!« sagte der Baron von Hohenort, sein noch ungeleertes Glas auf den Fußboden gießend. »Er macht die Zungen doch immer beredter als gut ist.«

»Schimpfen Sie nicht auf den Wein, Herr Baron,« fiel Appenzell ein, sich mit ernstester Miene den Schnurrbart drehend. »Er verdient eher Lob als Tadel, denn er bringt Geheimnisse an's Licht des Tages und lehrt uns Freund und Feind kennen.«

Der Premier-Lieutenant ergriff den Arm des Fähndrichs, als sich Alle zum Aufbruch rüsteten.

»Wollen Sie mir einen Gefallen thun, Appenzell?« fragte er den jungen Militär im Fortgehen.

»Zehn für einen,« lautete des Fähndrichs Antwort.

»Seien Sie mein Secundant, wenn der Rittmeister Lust zeigen sollte, einen Gang mit mir zu machen.«

Der Fähndrich gab mit freundlichem Händedruck bereitwillig seine Zusage.

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