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Im Bann und Zauber. Erster Band

Ernst Willkomm: Im Bann und Zauber. Erster Band - Kapitel 25
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authorErnst Willkomm
titleIm Bann und Zauber. Erster Band
publisherTheodor Thomas
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12.

Justine ergötzte sich an dem Schmollen ihrer Freundinnen, die ihr doch nicht eigentlich zürnen konnten.

»Wenn Du es weißt, aus welchem Grunde willst Du uns denn länger auf die Folter spannen?« fragte Minna Orlemann. »Uebrigens wäre es doch sonderbar, wenn Du einen tieferen Einblick in die Geschäftsgeheimnisse meines Vaters besäßest, als ich.«

»Es steht Dir frei, darüber nach Deinem Belieben zu urtheilen,« erwiderte Justine. »Sobald ich die Erlaubniß erhalte, sprechen zu dürfen, wirst Du ja sehen, ob ich mich zu vielen Wissens rühme. Doch still! – Die Gesellschaft vergrößert sich, laß uns in den Salon treten!«

Arm in Arm begaben sich die beiden jungen Mädchen zur Gesellschaft, welche Justizrath Strahleck in seinem neu decorirten Landhause versammelt hatte. Die Meisten kannten die Veranlassung dieser Zusammenkunft der ersten Notabilitäten der Residenz. Schon in nächster Woche sollte Rudolph Mandelsdorf nach Paris abreisen, um wahrscheinlich sich für Jahre daselbst niederzulassen. Man wußte, daß seine Mutter den Attache begleiten werde, man unterließ aber auch nicht, an manche Vorkommnisse der letzten Monde anknüpfend, allerhand Gerüchte damit in Verbindung zu bringen. Unter diesen tauchte namentlich eins mit großer Bestimmtheit auf, seit Mandelsdorf in den Adelsstand erhoben worden war. Obwohl Niemand laut davon sprach, flüsterten sich doch sehr Viele heimlich zu, der Justizrath Strahleck gebe die Gesellschaft auf seinem Landsitze, zu welcher vierzehn Tage vorher schon die Einladungskarten herumgeschickt worden waren, nur deshalb, um der haute volée die Verlobung seiner Tochter Justine mit dem liebenswürdigen Manne und glücklichen Diplomaten anzuzeigen.

Livia, die Mutter Rudolphs, hatte sich wieder vollkommen von ihrem Schreck erholt. Sie war heute ungewöhnlich heiter, gesprächig und herablassend freundlich gegen Alle, Beweis genug, daß sie das Glück zu würdigen verstand, das ihrem einzigen Sohne beschieden war. Mit Justine unterhielt sich die ehrwürdige Matrone wiederholt angelegentlich, selbst eine Art Vertraulichkeit wollten scharfsichtige Beobachter zwischen der schönen Tochter des Justizraths und der sich ihrer Stellung wohlbewußten Mutter des einflußreichen Attache bemerken.

Die Unterhaltung war lebhaft und ungezwungen, so daß sich bald auch weniger Bekannte einander näherten.

»Kennst Du die Dame mit dem eigenthümlichen Toupé?« wandte sich Auguste, die Tochter des pensionirten Generals, fragend an Minna Orlemann. »Vor einer Viertelstunde habe ich sie noch nicht bemerkt, sie muß also erst kürzlich vorgefahren sein. Ich glaube wahrhaftig, sie hat sich Puder in's Haar streuen lassen!«

»Puder!« sprach Minna, ein Lächeln mühsam unterdrückend. »Wer mag in unsern Tagen sich pudern!«

»Nun, so gar übel wäre es doch nicht, wenn diese Mode wieder einmal aufkäme,« meinte Auguste. »Puder, ist für wiederspenstige Haare ganz dasselbe, was Schminke für einen unreinen Teint oder für unzeitig sich einstellende Fältchen auf noch jugendlichen Wangen! Wer wahrhaftig, die Dame trägt einen Reifrock à la Pompadour! Sieh', wie verbindlich sie lächelt! Wie gemessen sie sich vor dem Commandant verbeugt!«

»Minna! liebe Minna!« raunte jetzt Justine der Freundin zu. »Komm geschwind, ich muß Dich Cousine Mirrha vorstellen!«

»Mirrha?« wiederholte die Tochter des Bankdirectors.

»Keine unzeitigen Scherze!« bat Auguste. Der Name gefällt mir nicht; er erinnert mich an Todte!«

»Thut nichts, liebes Herz,« erwiderte Justine. »Die Cousine heißt nun einmal Mirrha, und das Schreiben einer Verstorbenen ist Ursache geworden, daß sie gewissermaßen selbst wieder vom Tode auferstand. Es ist ja –«

Im Geräusch der plaudernden Gruppen überhörte Auguste den nur leise geflüsterten Namen, während sie Justine zu der offenbar steinalten Dame folgte, die Aller Augenmerk war.

Lange indeß konnte der Name dieser so auffallenden Persönlichkeit Niemand verschwiegen bleiben. Man erfuhr, es sei eine Cousine des Attaché, die sich Mirrha Mandelsdorf nenne, seit sehr langen Jahren in völliger Zurückgezogenheit von der Welt gelebt habe und ihrer Taubheit wegen sich auch von allem geselligen Verkehr zurückhalten müsse.

Bald wußten sämmtliche Anwesende, daß dieses Gerücht nicht auf müßiger Erfindung beruhe. Die greise Dame mit dem wunderlichen Toupé und dem stereotypen Lächeln auf den schmalen Lippen hörte wirklich keinen Laut, dagegen besaß sie ein scharfes Auge, das in der Ferne noch besser sah, als in der Nähe.

»Aber wie kommt es, daß man diese Person gerade heute hierher geholt hat?« sagte ein noch sehr junges Mädchen zu Auguste. »Sie sieht ja aus wie eine Ohreule und muß sich offenbar in dieser ihr ganz fremden Umgebung entsetzlich langweilen.«

»Meine Damen,« unterbrach der Justizrath die flüsternden Mädchen, »wenn es gefällig ist, möchte ich auch Sie der ehrwürdigen und verehrten Madame Mirrha Mandelsdorf, der ältesten Cousine des Herrn Baron, vorstellen. Die leider ihres Gehörs gänzlich beraubte Matrone ist unendlich glücklich, ihren jugendlichen Cousin so ausgezeichnet zu sehen, und auf ihren ganz besonderen Wunsch finde ich heute in meiner glücklichen Behausung so viele Freunde versammelt.«

Die Mädchen näherten sich schweigend der ebenfalls schweigenden Dame, die sich fortwährend lächelnd verbeugte und dabei ihre großen, kalt glänzenden Augen von einer Gruppe zur andern schweifen ließ.

Auguste schüttelte sich, als sie einige Schritte von der Greisin mit Justine zusammentraf.

»So stelle ich mir die Verfasserin des Liebesbriefes vor,« flüsterte sie der anmuthigen Freundin zu, »der uns so großen Spaß machte.«

»Wirklich?« erwiderte Justine lächelnd. »Mirrha ist auch nur um wenige Jahre jünger, als Sara Honest. Sie hat ihr fünfundachtzigstes Jahr vollendet.«

»Aber was soll man denn den ganzen Tag mit der stocktauben Person anfangen?« meinte Auguste.

»Cousine Mirrha Mandelsdorf wird, wie Euch Papa versichert hat, die eigentliche Ordnerin des heutigen Festes sein,« erwiderte die übermüthige Justine. »Gewiß, es ist nicht anders! Ihr müßt Euch unbedingt fügen und gute Miene zum bösen Spiele machen! Wenn doch endlich der gute Consul kommen wollte! Der Mann kann seine altenglischen Gewohnheiten doch nie ganz ablegen, obwohl er nun schon über zwanzig Jahre seinen jetzigen Posten in der Residenz bekleidet.«

In demselben Augenblicke trat der englische Consul ein, ward sogleich von dem Justizrath empfangen und unverweilt der Greisin, um die stets einige Damen beschäftigt waren, vorgestellt. Bald darauf gewahrten Mehrere den Justizrath in eifrigem Gespräche mit Orlemann und dem Consul. Auch Minna entging die Vertraulichkeit Strahlecks mit ihrem Vater nicht, und die Behauptung Justine's ward ihr von Minute zu Minute wahrscheinlicher.

»Sämmtliche Papiere, deren Sie bedürfen, befinden sich in dem Packet, das ich Ihnen zusendete,« sprach der Consul, einer Frage des Justizraths zuvorkommend. »Der Todtenschein des Methodistenpredigers liegt ebenfalls dabei.«

Strahleck dankte durch einen langen Händedruck, dann wandte er sich dem Bankdirector zu und sagte:

»Ich hoffe, man wird allseitig erkennen, daß namentlich auch Sie durch die Benutzung ihrer Verbindungen sich große Verdienste erworben haben.«

Die Männer trennten sich und die Gesellschaft unterhielt sich, wie es schien, vortrefflich. Erst nach aufgehobener Tafel schienen Einzelne unbefriedigt zu sein. Es waren dies jene, die in der bestimmten Erwartung die Einladung des Justizraths angenommen hatten, Zeugen der Verlobung Justine's mit dem Baron Rudolph Mandelsdorf zu sein, die seit einigen Tagen bereits für ein fait accompli galt. Allein keine Aeußerung Strahlecks deutete darauf hin. Stand das bestimmt erwartete gesellschaftliche Ereigniß wirklich bevor, so wollte es dem Anscheine nach der Justizrath wenigstens augenblicklich noch nicht öffentlich bekannt werden lassen.

Ganz unerwartet aber sah sich die Gesellschaft, welche Strahleck einlud, mit ihm auch einen Gang durch die übrigen Zimmer seines Landhauses zu machen, plötzlich in einem ziemlich großen Saale, an dessen oberem Ende eine grün überzogene Tafel stand. Auf dieser lagen zwischen zwei brennenden Wachskerzen verschiedene Papiere. Zu beiden Seiten des Saales standen Sessel und zwar genau so viele, als Personen zugegen waren. Hinter dem grünen Tische saßen zwei bekannte Notare, zwischen denen der Justizrath Platz nahm, indem er sofort folgende Worte an seine Gäste richtete:

»Ihre Gegenwart gibt mir Veranlassung, Sie, wie ich glaube, mit einer erfreulichen Mittheilung zu überraschen. Meines Wissens befindet sich Niemand unter uns, der nicht direct oder indirect von jenem Funde in R. berührt worden wäre, der so allgemeines Aufsehen machte. Es lag sehr nahe, daß alle diejenigen, denen eins jener veralteten Briefblätter mit oder ohne Couvert in's Haus flatterte, sich zu Besprechungen und, wo es nöthig schien, zu Berathungen zusammenfanden. Einige der erwähnten Briefe drohten durch ihren unheilvollen Inhalt, der sich in schwer zu ergründende geheimnißvolle Andeutungen und Behauptungen hüllte, über angesehene, makellos dastehende Familien Unglück, Trauer, ja Verderben zu bringen. Andere dienten zur Aufklärung getrübter Verhältnisse, zur Ermittelung Verschollener oder Vergessener, und wurden so Veranlassung zur Schlichtung unklarer, seit Jahr und Tag schwebender Untersuchungen.

»Ein Brief der letzteren Art kam nach langen und weiten Umwegen in meine Hände. Sein Inhalt führte zu weiteren Ermittelungen und diese brachten wieder Licht in die dunkeln Parthien gerade jener Schreiben, die ach, soeben als gefährlich bezeichnete, und das Glück, den Frieden, selbst die Ehre mehr als einer Familie zu zerstören drohten.«

»Von den noch lebenden Abkömmlingen dieser Familien,« fuhr der Justizrath mit erhobener Stimme fort, »bin ich ermächtigt worden, Ihnen den Ausgang jener Erbschaftsangelegenheit zu veröffentlichen, die so lange von sich reden machte. Der Erbe, der wahre und einzige noch lebende Erbe des auf Java verstorbenen Joseph Ehrlich ist aufgefunden und befindet sich mitten unter uns.«

In der Pause, welche hier der Justizrath machte, vernahm man das Athmen der gespannt lauschenden Zuhörer, während die Blicke der Neugierigsten von Einem zum Anderen irrten und, wohl Mancher sich bang die Frage vorlegen mochte, ob er nicht am Ende selbst der Glückliche sein könne, dem so unerwartet Millionen mühelos in den Schooß fallen sollten?

Mit Absicht zögerte der Justizrath eine kleine Weile, sich weidend an dem Ausdruck der Verwunderung, der Spannung, der unbefriedigten Neugierde, der sich auf den verschiedenen ihm zugekehrten Gesichtern malte. Dann ergriff er einen großen Bogen Papier, entfaltete ihn und las folgende Worte:

»Nachdem durch gewissenhafte Nachforschungen ermittelt und mittelst angefügter Documente rechtskräftig dargethan worden ist, daß von den Geschwistern des auf Java verstorbenen Tischlermeisters, Bauunternehmers und Pflanzers Josua Ehrlich nur ein einziger Abkömmling am Leben geblieben, wird selbigem die Verlassenschaft genannten Josua Ehrlichs und dessen verstorbener Tochter zugesprochen, und erhält, derselbe durch Ausantwortung aller auf diese Erbschaftsangelegenheit bezüglichen Papiere die Befugniß, in Person oder durch Bevollmächtigte die Erbschaft zu erheben und anzutreten. Der erwähnte Universalerbe ist die verwittwete Frau Mirrha Mandelsdorf, verwitwet gewesene Honest, geborene Honest, einzige Tochter von Mirrha Ehrlich, verehelichte Honest.«

Bei diesen Worten begegneten sich die Blicke Justinens und Minna's. Letztere, hob drohend den Finger, während Erstere, leicht erröthend, aber mit glücklichem Lächeln, das feurig blitzende Auge senkte.

Der Justizrath fuhr, ein anderes Papier ergreifend, fort:

»In Anbetracht ihres hohen Alters verzichtet genannte Mirrha Mandelsdorf für ihre eigene Person sowohl auf die ihr zugefallene Erbschaft wie auf deren Nutznießung, indem sie selbige, nämlich das von Josua Ehrlich und dessen Tochter ererbte Vermögen wie die Nutznießung desselben, zur Hälfte ihrem Sohne, dem Kaufmann Tobias Mandelsdorf, in Liverpool, zur anderen Hälfte ihrem lieben Cousin, dem Herrn Rudolph von Mandelsdorf, Attaché bei der ** Gesandtschaft in Paris, aus freier Entschließung für immer abtritt.«

Ein gepreßtes Ah! ließ sich in dem athemlos lauschenden Kreise der Versammelten hören und die glänzenden Augen mehr als einer Schönen flogen dem von so Vielen bewunderten Günstlinge des Glückes zu. Hätte der beneidenswerthe Erbe noch zu wählen gehabt, gewiß, die Wahl würde ihm sehr schwer geworden sein!

Schon strecken sich einige Hände aus, um den Baron zu beglückwünschen, als der Justizrath das wenige Augenblicke gesenkt gehaltene Papier nochmals erhob und in der begonnenen Lectüre fortfuhr.

»Die unterzeichnete Universal-Erbin des Nachlasses von Josua Ehrlich knüpft jedoch an diese Schenkung, soweit dieselbe den Herrn Baron Rudolph von Mandelsdorf betrifft, eine Bedingung, welcher sich dieser ohne Widerrede fügen muß, widrigenfalls die Schenkung null und nichtig sein soll.«

Wiederum ließ sich das Ah! der Erwartung, das leisere Athmen banger Verwunderung hören. Justizrath Strahleck las weiter:

»Baron Rudolph von Mandelsdorf muß sich verpflichten, unweigerlich derjenigen Dame seine Hand vor dem Altare zu reichen, welche seine großmüthige Cousine ihm zuzuführen gewillt sein mag. Selbst dann, wenn die Wahl derselben einen Gegenstand träfe, welcher dem Herrn Baron eher Abneigung als Zuneigung einflößen dürfte, soll dieser doch nicht das Recht haben, Einwendungen gegen die Wahl seiner Cousine zu machen, bei sofortigem Verlust der Schenkung. Nur, wenn Herr Baron Rudolph von Mandelsdorf sich durch Namensunterschrift und Siegel vor Zeugen verpflichtet, den namhaft gemachten Bedingungen sich ohne Widerrede zu unterwerfen, gilt die Schenkung für vollzogen!«

Der Justizrath legte das Papier vor sich nieder.

»Ich ersuche jetzt den Herrn Baron,« fuhr er fort, »in Anwesenheit dieser Zeugen und im Angesicht dieser vereidigten Herren Notare seine Erklärung und freie Willensmeinung abzugeben.«

Der Attaché zögerte nur wenige Augenblicke. Dann trat er festen Schrittes an den Tisch, ergriff eine Feder und unterschrieb ohne weiteres Bedenken die Schenkungsurkunde. Während auch die Notare unterzeichneten, blickte Mandelsdorf zurück auf die lautlose Gesellschaft. Diesmal sah er nur scheu gesenkte Mädchenköpfe und mißbilligende Blicke einzelner Herren. Der englische Consul flüsterte lächelnd mit dem Bankdirector.

Die Notare hatten unterschrieben und ersuchten jetzt den Diplomaten um seinen Siegelring. Diesen reichte ihnen Rudolph Mandelsdorf, mit sarkastischem Lächeln das weitere Thun der Notare beobachtend. Bald war auch diese Förmlichkeit beendigt und der Justizrath überreichte dem Glücklichen die Schenkungsurkunde.

»Wenn ich nun aber ledig bleibe?« sprach er jetzt, sein heiteres Gesicht der Versammlung wieder zukehrend.

»Ihre großmüthige Cousine wird einen solchen Entschluß, der übrigens einer Auflehnung gegen ihren bestimmt ausgesprochenen Willen gleich käme, nicht in Ihnen zur Reife gedeihen lassen,« erwiderte der Justizrath. »Als entschlossene Frau und wohl wissend, daß ihre Tage gezählt sein dürften, ist sie gewillt, Ihnen, Herr Baron, noch vor Ihrer Abreise nach Paris Ihre zukünftige Gemahlin zuzuführen. Sie erlauben, daß ich Sie zu Mirrha Mandelsdorf geleite.«

Der Attaché konnte und durfte nicht zaudern. Eine Minute später schon stand er der Greisin gegenüber, die mit Hast seine Hand ergriff, dann auf die neben ihrer Mutter sitzende Justine zeigte und ruhig, aber fest sprach:

»Diese Jungfrau soll Dein sein, ich will es!«

Was Rudolph auf diese Worte erwiderte, verstand Niemand der Anwesenden, die plötzlich, als wäre ein bannender Zauber gelöst worden, unter lebhaftem Gespräch ihre Ansichten gegenseitig einander mittheilten. Das glückliche Brautpaar ward umdrängt, beglückwünscht, von Einzelnen wohl auch heimlich beneidet. Lama Strahleck und Livia Mandelsdorf aber, diese beiden glücklichen Mütter, umarmten sich gerührt und vergaßen die trüben Tage, die sie unter Bangen und Sorgen, nur Entsetzliches ahnend, mit einander durchlebt hatten.

»Sind Sie jetzt zufrieden, ein Wissender geworden zu sein?« sagte der Justizrath zu seinem künftigen Schwiegersohn, als dieser mit Justine zu ihm trat.

»Sobald ich auch das Licht empfangen habe,« versetzte Mandelsdorf. »Der Herr Bankdirector ist uns noch immer eine Aufklärung schuldig. Wem sollte der Brief Sara's übersendet werden?«

»Ihrem Cousin, Herrn Tobias Mandelsdorf in Liverpool,« versetzte Orlemann, eins der auf dem grünen Tische liegenden Packete ergreifend und es dem Attaché überreichend. »Die Briefe wurden, wie Sie aus dem Inhalt dieses Schreibens ersehen können, zufällig falsch adressirt, indem der Postbeamte die Couverts verwechselte. Sara's Brief war nach England bestimmt, da man glaubte, nur dort könne ein Verwandter der Honest, an den das alte Schreiben gerichtet war, leben. An mich sollte diese letztwillige Aufzeichnung Sara Honest's gelangen, welche für die Firma meiner Vorgänger bestimmt und an diese adressirt war. Sie enthält wenig, aber Wichtiges; denn nicht nur ernennt sie die Nachkommen ihres Jugendgeliebten, Michael Delft-Honest, zu Erben ihres in der Bank von England niedergelegten kleinen Vermögens, von dessen Vorhandensein Paul Witteboom entweder gar keine Ahnung hatte, oder das er zum Theil an sich zu bringen gedachte, es ist dieser letztwilligen Verfügung auch noch eine kurze Selbstbiographie beigefügt, die Sara Honest, der hoffnungslos Liebenden, Entsagenden, und Duldenden, nur zur höchsten Ehre gereichen kann. In Ihren Händen, Herr Baron, wird das Vermögen, in denen Ihrer Fräulein Braut die Herzensgeschichte einer treu liebenden Seele wohl aufgehoben sein.«.

Spät, aber in heiterster Stimmung verließ die Gesellschaft das Landhaus des Justizraths. Wenige Tage später wurde die Verlobung der Glücklichen publicirt. Im Herbst desselben Jahres feierte Mandelsdorf seine Vermählung mit Justine, die als die jugendlich schöne Gattin eines der reichsten Diplomaten am Hofe der Tuilerien mehrere Jahre eine höchst glänzende Rolle spielte.

 

Ende des ersten Bandes.

 

 

Druck von Gebrüder Katz in Dessau.

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