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Im Bann und Zauber. Erster Band

Ernst Willkomm: Im Bann und Zauber. Erster Band - Kapitel 24
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typenarrative
authorErnst Willkomm
titleIm Bann und Zauber. Erster Band
publisherTheodor Thomas
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11.

Am andern Morgen fand Rudolph seine Mutter sehr leidend. Die Justizräthin hatte sie die ganze Nacht nicht verlassen und erklärte dem neuen Baron, daß sie es für besser halte, wenn sie einige Tage lang eine Mitbewohnerin seines Hauses bleibe. Mandelsdorf nahm dieses wohlwollende Anerbieten selbstverständlich mit Dank entgegen, nur ward er durch das Verbleiben der Justizräthin an jedem Zwiegespräch mit seiner eigenen Mutter verhindert.

Anfangs vermuthete der Diplomat keine versteckte Absicht hinter der warmen Theilnahme der Justizräthin, bald aber konnte er bemerken, daß Berechnung das eigentliche Motiv dieser Theilnahme war.

Diese Entdeckung verstimmte Mandelsdorf und machte ihn mißtrauisch gegen die Justizräthin. Er schwieg indeß und fügte sich, was er um so leichter konnte, als die Vorbereitungen zu seiner Abreise nach Paris, die binnen Monatsfrist stattfinden sollte, ihn sehr in Anspruch nahmen. Auch durfte er sich in seiner Stellung dem gesellschaftlichen Verkehr nicht dauernd entziehen, und so verging denn die Zeit unter mannigfachen Beschäftigungen und Zerstreuungen rascher, als Rudolph es wünschte.

»Sollten Sie morgen eine Stunde für mich allein erübrigen können, Herr Baron,« redete ihn in engerem Cirkel bei dem Diner, das der pensionirte General dem Attaché zu Ehren gab, der Justizrath Strahleck an, »so würde ich mich sehr freuen, wenn Sie den Thee bei mir nehmen wollten. Ihrer Frau Mutter geht es ja, wie ich mit Vergnügen höre, wieder um Vieles besser. Ich hoffe, nur starke Emotionen waren die wahre Veranlassung dieser krankhaften Symptome.«

Mandelsdorf sagte zu und stimmte in Bezug auf das leidende Wesen seiner Mutter dem Justizrathe vollkommen bei.

Um die übliche Theestunde fand sich der neue Baron in der Wohnung Strahleck's ein. Außer Justine und deren Mutter war kurze Zeit nur noch der Bankdirector Orlemann zugegen, der sich jedoch sehr bald, von Justine begleitet, entfernte. Der Justizrath erkundigte sich angelegentlich nach dem Befinden der Mutter des Diplomaten, und an die Antwort desselben anknüpfend, sagte er lächelnd:

»Gegen meine Frau hat die Geheimräthin sich offen über den Grund ihres Uebelbefindens ausgesprochen.«

»Diese Aussprache läßt mich hoffen, meine Mutter wahrscheinlich völlig hergestellt verlassen zu können,« erwiderte Mandelsdorf.

»Ich bedaure aufrichtig, daß die Zeit Ihrer Abreise so schnell heranrückt,« fuhr der Justizrath fort. »Man hat so Mancherlei noch zu besprechen, zu erörtern, und wie leicht vergißt sich da im Drange der Geschäfte gerade etwas recht Wichtiges. Es ist mir lieb, daß wir augenblicklich ungestört sind. Da können Sie mir vielleicht mit wenig Worten Aufschlüsse oder doch Winke geben, die ich beherzigen dürfte in der bekannten Erbschaftsangelegenheit, über welche mir der alte Brief das meiste Licht verbreitet hat. Irre ich mich nicht, so theilte ich Ihnen früher schon mit, daß sich die wirklichen Nachkommen der Ehrlich in Honest verwandelt haben. Da nun aber diese Familie eine sehr weit verzweigte ist, muß man äußerst vorsichtig verfahren. Gewissermaßen hängen ja auch Sie, Herr Baron, wenn auch nur durch sehr lockere, bereits seit längerer Zeit schon wieder gänzlich zerrissene Bande mit einem Geschlecht, das sich Honest nennt, zusammen. Darauf Bezug nehmend, möchte ich eine einzige Frage von Ihnen beantworten hören. Befand sich unter den Verwandten Ihres Großvaters mütterlicherseits, des Adoptivsohnes des Besitzers von Honesthof, eine Mirrha Honest?«

»Des Namens Mirrha erinnere ich mich,« erwiderte Mandelsdorf, »doch kann das Mädchen, welches ich dabei im Sinne habe, nicht eine Schwester des auf Java verstorbenen Josua gewesen sein.«

»Ich meines Theils habe mich dieser Annahme niemals zugeneigt,« fuhr der Justizrath fort. »Auch jetzt finde ich keinen Grund, mich eines Andern zu besinnen, wohl aber bin ich auf einen abseits führenden Gedanken durch eine Mittheilung des englischen Consuls geführt worden, der mich von Anfang an so uneigennützig unterstützte. Von diesem stets leidenschaftslosen Herrn erhielt ich vorgestern ein Schreiben, das mit dem Briefe Sara Honest's, den Sie, Herr Baron, augenblicklich in Verwahrung haben, auf das Engste zusammen zu hängen scheint. Es ist alt, vergilbt, wie alle Briefe aus dem schadhaften Kasten, rührt von einer Mirrha Honest her, ward an einen Michael Delft-Honest geschrieben und gelangte an demselben Tage, an welchem der Bankdirector Orleman unter Couvert die Worte Sara's erhielt, ebenfalls couvertirt an den englischen Consul.«

»Und was enthält dieser neue räthselhafte Brief aus dem Reiche der Todten?« fragte Mandelsdorf mit großer Spannung.

»Sie mögen sich selbst davon überzeugen,« sprach der Justizrath, indem er das alte Blatt Papier dem Attaché überreichte. Es war schwarz umrändert und enthielt folgende Worte:

»Lieber Cousin!

Kaum ist mein unglücklicher, mir so plötzlich entrissener Gatte der Erde übergeben, so erschrecken Sie mich durch die Nachricht Ihrer Flucht. Sie haben nicht recht gethan, so halsstarrig zu sein. Ihre Entfernung von Honesthof muß meiner guten Cousine das Herz brechen. Kehren Sie um, ich bitte Sie dringend darum! Ich kenne den Bruder des Vaters meines verstorbenen Gatten genau; er gibt nach, wenn er Widerstand findet. Eilen Sie daher, sobald diese Zeilen an Sie gelangen! Der Sicherheit wegen werde ich sie selbst zur Post tragen, ehe ich mich nach England, zum Onkel, einschiffe, wo ich fortan leben will. Vor meiner Abreise spreche ich wo möglich noch einmal die liebe, treue Sara. Ich werde das herzige Kind, das so fest an Ihnen hängt, im Sinne dieser Zeilen instruiren und sie auffordern, sogleich an Sie zu schreiben, damit Sie keine dummen Streiche machen und die Großmuth Sara's annehmen. In Herzensangelegenheiten hat das Herz immer die erste und letzte Stimme. Nur Muth, allzuhitziger Herr Cousin, und nicht vor der Zeit verzweifelt! Ich hoffe, in Jahr und Tag seid Ihr Beide ein glückliches Paar! Weshalb auch solltet Ihr Euch nicht heirathen? Adoptivgeschwister sind keine Geschwister! Alles Gutes, und Liebes Ihnen und Sara wünschend

Ihre aufrichtige Namens-Cousine
Mirrha Honest, geb. Ehrlich.«

»Was?« rief Rudolph Mandelsdorf ganz erstaunt. »Ihre Ehrlich haben sich mit den Honest verheirathet?«

»Das gerade ist's, was ich gern von Ihnen erfahren möchte,« fuhr der Justizrath fort. Meine Ehrlich – wie Sie zu sagen belieben – steckt zwar nicht in dieser Mirrha Honest, wohl aber könnte es eine Tochter von Elias Ehrlich sein, die mit seltenen musikalischen Talenten begabt war, sich zur Sängerin durch Hilfe bemittelter Freunde ausbildete und durch ihre Vermählung mit Peter Honest, dem Neffen von Michael Delft's Adoptivvater, eine gute Parthie machte.«

Der Attaché war aufgestanden und nicht im Stande, seine Bewegung länger zu verbergen.

»Lieber will ich mit der schwierigsten und delicatesten diplomatischen Mission betraut werden, als den Ausgang aus diesem Namenslabyrinthe suchen helfen!« rief er aus. »Wäre das alte Posthaus doch mit sammt den unseligen Briefen, die jetzt Verwirrung über Verwirrung anstiften, und am Ende noch Trauer und Jammer über uns selbst verhängen, schon längst verbrannt!«

»Vor vierzehn Tagen nahmen Sie diese Ansicht von mir an,« erwiderte der Justizrath, »jetzt habe ich meine Ansicht geändert; denn ich zweifle nicht, daß die vermaledeiten alten Briefe mich zum schwerreichen Manne machen!«

»Lieber als Bettler sterben, als von gespenstischen Schatten verfolgt, von Händen, die nicht existiren, gestreichelt, von Augen, in denen keine Pupille mehr leuchtet, bezaubert, von Lippen, die längst verwelkt sind, mit Liebesfloskeln überschüttet zu werden!« rief Mandelsdorf aufgeregt.

»Im Ernst denken Sie anders, Herr Baron,« entgegnete Strahleck, »und wenn Sie die Dinge erst von meinem Gesichtspunkte aus betrachten wollen, werden Sie auch weiter kein Unglück darin erblicken. Wir haben nur zwei oder drei Fragen noch zu beantworten, was sich thun lassen wird, sobald einige wenige Thatsachen constatirt sind. Die Mittel zu Beiden glaube ich so ziemlich in den Händen zu haben.«

Mandelsdorf hatte wieder neben dem Justizrathe Platz genommen.

»Ich müßte mich schämen, die diplomatische Carriere eingeschlagen zu haben,« sagte er in seinem gewöhnlichen, etwas legèren Tone, »wenn ich die Hoffnung aufgeben wollte, Licht in diese Räthsel zu bringen. Wenn ich mich unbehaglich dabei fühlte, so liegt dies vorzugsweise an der Stimmung meiner guten Mutter, die ein entsetzliches Verbrechen wittert und es sich nicht einreden lassen will, daß diese ihre Annahme auf einem Irrthume beruhe. Leider aber vermag ich nicht zu beweisen, daß sie sich irrt, daß wirklich nichts dahinter steckt, als entweder eine unhaltbare Verläumdung oder die beabsichtigte Prellerei eines habgierigen Domestiken, der sich für angeblich geleistete Dienste nicht genügend belohnt glaubte.«

»Die Frau Geheimräthin hatte bisher alle Ursache, hinter unklaren Angaben höchst betrübende Begebenheiten zu vermuthen,« entgegnete der Justizrath. »Durch Mirrha's Schreiben lichtet sich, wie ich hoffe, wahrscheinlich die trübe Aussicht in eine weit zurückliegende Vergangenheit. Ich verdanke es dem schönen Vertrauen Ihrer Frau Mutter, daß ich diese Hoffnung fassen kann. Wenn Sie diesen Brief, ebenfalls ein Gefangener des alten Briefkastens, gefälligst aufmerksam durchlesen und seinen Inhalt mit den Worten des Schreibens vergleichen wollen, das Ihnen kürzlich zuging, das aber ursprünglich für Ihren Großvater bestimmt war, so werden Sie zu der Ueberzeugung kommen, daß wir der Lösung dieses Räthsels, welches die Correspondenz Verstorbener uns aufgegeben hat, bedeutend näher gekommen sind.«

So sprechend überreichte der Justizrath dem Attaché das Schreiben Paul Wittebooms, das vor einigen Tagen in die Hände Livia's gelangt war.

Mandelsdorf überlas es mehr als einmal, ohne äußerlich die geringste Erregung zu zeigen. Nur seine Hand glitt einige Male über die Stirn, als wolle sie die leichten Falten, die sich von selbst darauf bildeten, verwischen.

»Wäre auch dieser Brief mir zugekommen,« sagte er dann, ihn vor sich hinlegend, »so würde meine arme Mutter nicht so schwere Tage verlebt haben. Nun erst verstehe ich ganz ihre kummervolle Miene, die mich in der letzten Zeit, auch wenn sie sich heiter stellte, erschreckte, und ich begreife vollkommen, daß der Name Sara Honest einen so erschütternden Eindruck auf sie machte.«

»Theilen Sie die Befürchtungen der Frau Geheimräthin?« fragte Strahleck.

»Ich kenne nicht die Gedanken meiner Mutter, aber ich kann sie jetzt errathen.«

»Und was halten Sie davon?«

Der Attaché warf nochmals einen Blick in den Brief Wittebooms und stützte sinnend die Stirn in seine Hand.

»Es ist sehr schwer, sich schnell ein Urtheil zu bilden,« sagte er nach einer Weile. »Die Gleichheit der Namen, die sich seltsam kreuzen und von denen sich nicht mit Bestimmtheit behaupten läßt, daß sie immer echt sind, d. h. daß ihre Träger von Natur berechtigt waren, sie zu führen, droht bei vorschnellem Urtheil die schon vorhandenen Wirren noch immer verwickelter zu machen. Ich vermuthe, es haben hier Namensverwechselungen stattgefunden, und diese Verwechselungen sind wieder Anlaß geworden zu Voraussetzungen, die, weil man sie für wahr hielt, zu weiteren Trugschlüssen, zu ungerechten und völlig unhaltbaren Beschuldigungen führten.«

»Um diesen betrübenden Irrungen ferner zu entgehen, die entschieden eingetreten sind,« versetzte der Justizrath, »müssen wir, wie ich bereits gethan habe, ein Namensverzeichniß entwerfen, um immer genau zu wissen, mit welcher Person wir es zu thun haben. Erlauben Sie, daß ich Ihnen diese Liste jetzt mittheile?«

Rudolph Mandelsdorf machte eine zustimmende Bewegung. Der Justizrath entnahm seinem Taschenbuche ein Papier und blickte, während er sprach, dann und wann hinein.

»Wir haben es zuvörderst,« begann er, »wie aus den verschiedenen schriftlichen Ausweisen ersichtlich wird, mit drei Familien, welche alle Honest heißen, zu thun.«

»Mit drei?« fiel der Attaché ein. »Sollte diese Annahme nicht abermals auf einem Irrthume beruhen? Ich sehe nur zwei Familien dieses Namens.«

»Derselben Meinung war auch ich, bis mir der englische Consul den Brief der jungen Wittwe behändigte,« fuhr der Justizrath fort. »In ihm erblickte ich den eigentlichen Retter aus aller Noth, denn er hilft mir die falschen Ansichten berichtigen, zu denen Jeder durch die übrigen Schriftstücke gedrängt werden mußte. Es gibt also, wie ich beweisen werde, drei Familien Honest. Zwei derselben sind nahe Verwandte, indem sie sich auf zwei Brüder zurückführen lassen. Die dritte Familie entstand durch eine Namensübersetzung. Sie hieß ursprünglich Ehrlich, und die etwa noch vorhandenen Nachkommen derselben sind die Erben des von Josua Ehrlich herrührenden colossalen Vermögens. Ich nenne die uns bekannt gewordenen Namen dieser Honest. Sie heißen: Eduard und Gustav Honest, welche beide Brüder waren, durch Verheirathung aber zwei besondere Zweige bildeten. Der ältere Bruder von beiden hatte einen Sohn, Peter, der sich Mirrha Ehrlich, der Tochter des jüngsten Bruders von Josua Ehrlich auf Java, vermählte. Diese Mirrha ist unsere junge Wittwe, welche ihrer Freundin Sara so kluge Rathschläge gibt.«

»In der That, so ist es!« sprach Mandelsdorf überzeugt. »Was aber fangen wir mit der zweiten Mirrha an, die ebenfalls Ehrlich heißt?«

»Für uns, bester Herr Baron, hat diese keine weitere Bedeutung,« erwiderte Strahleck, »nachdem ich in Erfahrung gebracht habe, daß sie kinderlos gestorben ist. Sie ehelichte einen Witteboom.« –

»Einen Bruder unseres Paul?«

»Dessen Onkel vielmehr.«

»Und Paul Witteboom kannte seine Familienverhältnisse?«

»Ein Schreiben, das erst gestern an den Bankdirector Orlemann gelangte, und zwar aus ***, läßt keinen Zweifel übrig, daß der fügsame Kammerdiener verschiedener Herren seinem Verwandten das ihm zugefallene Glück beneidete, und daß, als er sich selbst hinfällig werden fühlte, er zu einem gewöhnlichen Kunstgriffe seine Zuflucht nahm, der jedenfalls seine Wirkung verfehlt haben würde, hätte der Spalt im Briefkasten nicht die Rolle eines Escamoteurs gespielt und beide Briefe spurlos verschwinden lassen. Da indeß auch Witteboom kinderlos starb, so macht er mir in der Ehrlich'schen Erbschaftsangelegenheit ebenfalls nichts zu schaffen.«

»Und woher wollen Sie jetzt den dritten Zweig der Honest holen?«

»Dieser dürfte, dünkt mich, von allen der glücklichste sein weil er in frischester Blüthe steht und seiner eine Zukunft von Glanz und Ehre wartet,« versetzte mit Ausdruck der Justizrath. »Nur müssen wir auch hier wieder sehr vorsichtig zu Werke gehen und gleichsam exegetisch verfahren. Halten wir also an der Thatsache fest, daß Eduard Honest Vater zweier Kinder, eines Sohnes und einer Tochter, war.« –

»Alcid und Sara,« fiel Mandelsdorf ein, »Sara, deren Brief meine Mutter fast um die Besinnung brachte.«

»Diese Sara besaß einen Pflege- oder Adoptivbruder, welcher Michael hieß, mit seinem ganzen Namen aber Michael Delft-Honest genannt wurde.«

»Mein eigener Großvater mütterlicherseits.«

»Dieser vermählte sich später, als das mit seiner Adoptivschwester angeknüpfte Verhältniß von ihm aufgegeben werden mußte, mit Florinde Morhausen.«

»So hieß die erste Gattin meines Großvaters,« sagte Mandelsdorf. »Die Ehe war keine glückliche und wurde schon nach wenigen Jahren getrennt.«

»Michael Delft-Horst ging nun auf Reisen,« fuhr Strahleck fort, »begleitet von seinem vertrauten Diener Paul Witteboom, dessen Abstammung wir bereits ermittelt haben. Unterwegs traf er wieder mit Sara zusammen und vielleicht wäre es zu einer Erklärung zwischen Beiden gekommen, hätte der Zufall diese nicht Unmöglich gemacht. Der jugendliche Wittwer erfuhr unmittelbar nach einer ersten Zusammenkunft mit Sara, daß sie versprochen sei, und man nannte ihm auch den Namen des Mannes, dem sie ihr Schicksal anvertrauen wollte.«

»Paul Witteboom nennt ihn Mandelsdorf,« sprach der Attaché verdüstert.

»Eine Verwechselung der Namen, die uns nicht zum ersten Male begegnet,« nahm der Justizrath kaltblütig wieder das Wort. »Meine Erkundigungen geben den Schlüssel zu all diesen scheinbaren Widersprüchen. Auch das Schreiben Wittebooms, der, nachdem Sara bemerkt hatte, daß er ihres Vertrauens nicht würdig sei, ihn aus ihren Diensten entließ, enthält Winke, die wir vorzugsweise beherzigen müssen. Da Pauls Brief an Michael Delft-Honest mit der geschickt erdachten Fabel, die ihm Geld einbringen sollte, unbeantwortet blieb, wandte er sich mit directer Anklage an die Cousine ihres Herrn Vaters, jene Mirrha, die, von England zurückgekehrt, sich mit Eugen Mandelsdorf vermählte. Dieser Mandelsdorf lebte damals mit Sara Honest in demselben Hause und galt für ihren Bruder Alcid, dem er an Alter und Gestalt ziemlich gleichkam. Paul mag wirklich Verdacht geschöpft und seinen eigenen Herrn in jenem Manne gesehen zu haben glauben, der im Halbdunkel mit Sara über Corridore und Treppen wandelte, um in Mirrha's Zimmer zu schlüpfen. Wenn Sie diese Papiere einsehen wollen, die ich vor wenigen Stunden erst durch den englischen Consul zugeschickt erhielt, so wird Ihnen Alles klar werden. Paul Witteboom täuschte sich theils selbst, theils wollte er täuschen. Er verstand es, Gerüchte zu verbreiten, die viel später nicht nur Sara ihrer Cousine Mirrha entfremdeten, sondern auch den Gemahl derselben gegen dessen Verwandten, den verstorbenen Geheimrath, auf das Heftigste erbitterten.«

Der Baron stand nicht an, die dargebotenen Papiere begierig zu durchblättern. Es waren verschiedene Briefe von Alcid Honest und Eugen Mandelsdorf an ihren Verwandten in England, bei welchem Eugens spätere Gattin Mirrha, verwitwete Honest, einige Jahre zubrachte, ehe sie in zweiter Ehe sich mit Eugen vermählte. Aus diesen Briefen, die sämmtlich im Spalt des Briefkastens verschwunden, mithin niemals an ihre Adresse gelangt waren, erklärte sich das Geheimniß, welches der eigennützige, ungebildete und berechnende Paul Witteboom zu seinem Vortheil auszubeuten gedachte. Eugen Mandelsdorf erzählte dem wohlhabenden Cousin in England die Abenteuer, welche seiner Werbung um Mirrha vorausgegangen waren und ihm damals zur Belustigung gedient hatten. Pauls Neugierde veranlaßte den sehr muntern Herrn sogar zu Mummereien, welche dem argwöhnischen Diener nur mehr Nahrung zu verdächtigen Annahmen geben mußten. Er kleidete sich wie Michael Delft-Honest und ahmte sogar dessen Stimme nach, dabei aber behielt er seinen Namen Mandelsdorf bei. Später, d. h. nach Mirrha's Vermählung mit Eugen, ging Sara ins Ausland. Sie war immer traurig, lebte sehr eingezogen und hüllte sich ihren Umgebungen gegenüber in tiefes Schweigen. Gerade darauf und wohl auch auf manche unbedachtsam hingeworfene Aeußerung Sara's mochten sich die Vermuthungen Paul Wittebooms stützen, die in seiner Seele festere Gestalt annahmen, als mehrere Jahre nach Mirrha's Vermählung mit Eugen Mandelsdorf ein blühender Knabe kurze Zeit bei Sara eintraf, den die immer trauernde Dame mit mütterlicher Zärtlichkeit pflegte. Paul Witteboom wollte in den jungen Zügen dieses Knaben, der Mandelsdorf hieß, eben so große Aehnlichkeit mit seiner Gebieterin wie mit Michael Delft-Honest erkennen, was ihn ein verhängnißvolles Familiengeheimniß annehmen ließ. Die Briefe Eugens, die sich scherzend über alle Familienverhältnisse, sowohl der Mandelsdorf wie der Honest aussprachen und selbst Tage namhaft machten, an die sich interessante Vorkommnisse knüpften, waren nach ihrer Auferstehung aus dem Briefkasten an ihre Adresse nach England befördert worden, von dort aber, da man sie nicht unterbringen konnte, an den englischen Consul zurückgekommen, von dem man annehmen durfte, daß es ihm eher gelingen werde, eine Person ausfindig zu machen, für welche diese Aufzeichnungen einigen Werth haben könnten. Der Consul überreichte sie dem Justizrath Strahleck, in dessen Beisein die Siegel gebrochen, und so eine Menge Räthsel mit einem Male befriedigender Lösung nahe gebracht wurden.

Rudolph Mandelsdorf gab dem Justizrath in feurigen Worten seinen Dank zu erkennen.

»Diese neuesten Papiere,« fügte er hinzu, »geben meiner schwer geängstigten Mutter ihre Seelenruhe wieder. Jetzt segne ich den glücklichen Zufall, welcher vor so langen Jahren verschwundene Briefe doch ans Tageslicht brachte, und willig erkenne ich an, daß die Oeffentlichkeit dem Geheimhalten und Verbergen, selbst wenn eine gute Absicht damit verbunden wird, doch weit vorzuziehen ist.«

Er wollte aufbrechen, um seiner Mutter die frohe Kunde zu überbringen. Der Justizrath hielt ihn jedoch zurück.

»Sie werden die Frau Geheimräthin bei Ihrer Nachhausekunft von Allem unterrichtet finden,« sprach er. »Die Freude mußte ich meiner Frau schon gönnen, daß sie der geehrten Freundin zuerst die Botschaft dieses Glücksfalles überbringen durfte. Hoffentlich gelingt es nun auch, die Frau Geheimräthin ihrer bejahrten Cousine Mirrha Mandelsdorf zu versöhnen.«

Der Baron hielt Strahlecks Hand noch immer fest.

»Mir ist sonderbar zu Muthe,« sprach er, »wenn ich an meine so nahe bevorstehende Abreise denke. Nie ist mir das Scheiden so schwer geworden und nie habe ich schmerzlicher empfunden, daß ein abhängiger Mensch sich selbst doch eigentlich immer nur zur Hälfte besitzt. Wie sehr sind gegen uns Diener des Staates und der Staatsregierung alle Geschäftsleute zu beneiden, namentlich wenn ihnen so reiche Geldmittel zu Gebote stehen, wie unserm wackern Bankdirector!«

»Dem wir wegen scherzhafter Publication des interessanten Briefes ebenfalls sehr verpflichtet sind,« fiel der Justizrath ein.

»Weiß man noch nicht, wie es zuging, daß gerade Orlemann die Liebesseufzer eines unglücklichen Mädchens erhalten mußte?« fragte Mandelsdorf. »Bestimmt war Sara's Schreiben doch sicherlich einer andern Person.«

»Ohne Zweifel habe ich das Vergnügen, verehrter Herr Baron,« sprach Strahles mit vielsagendem Lächeln, »Sie nächsten Sonntag in meiner bescheidenen ländlichen Besitzung zu sehen. Ich habe sie etwas aufputzen lassen zu – zu gewissen Zwecken, von denen ich zur Zeit noch nicht sprechen will. Sie werden nur Freunde bei uns finden. Im Kreise dieser Freunde mag dann der letzte Schleier fallen, der Sie augenblicklich noch hindert, alle Verhältnisse von durchsichtiger Klarheit umflossen erkennen zu lassen.«

»Wozu aber so lange warten, wenn es in Ihrer Macht steht, mich sogleich wissend zu machen?«

Der Justizrath lächelte.

»Ich bin ein Freimaurer,« gab er auf diese Frage des Diplomaten zur Antwort, »und so viel ich gehört habe, sind Sie Willens, demnächst ebenfalls in diesen großen Bund edel strebender Menschen zu treten. Haben Sie wirklich diese Absicht, so müssen Sie auch Geduld und Ausdauer mitbringen; denn wissend wird in dieser die ganze Welt umfassenden Verbrüderung nur derjenige, der ohne Hast, aber auch ohne Rast um die Erkenntniß und das Verständniß des Lichtes sich bemüht, das er empfängt.«

Mandelsdorf ließ sich durch diese eben so freundlichen als nachdrucksvoll gesprochenen Worte des Justizraths beschwichtigen und schied mit dem Versprechen, des verheißenen Wissens sich in jeder Hinsicht würdig zeigen zu wollen.

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