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Im Bann und Zauber. Erster Band

Ernst Willkomm: Im Bann und Zauber. Erster Band - Kapitel 22
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authorErnst Willkomm
titleIm Bann und Zauber. Erster Band
publisherTheodor Thomas
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9.

Minna Orlemann empfing ihre Freundinnen mit sehr vergnügtem Gesicht. Jeder Einzelnen flüsterte sie in ihrer übermüthigen Laune zu: »Nachher sollst Du etwas Neues erfahren! Etwas, das Du gar nicht errathen kannst!«

Auch Justine ward von der Tochter des Bankdirectors mit dieser Bemerkung überrascht.

»Nun, dann will ich mir den Kopf nicht unnütz zerbrechen,« erwiderte diese. »Ich kann meine Neugierde schon einige Stunden bezwingen.«

»Aber Ihr sollt ja rathen!« entgegnete Minna. »Das soll uns ja gerade in fortwährender Spannung erhalten und uns köstlich amusiren.«

»Dich, lieb Herz, uns wohl nur sehr kurze Zeit,« meinte Justine.

»O Du bist heute auch gar nicht liebenswürdig,« sagte Minna schmollend. »Ich habe mich auf diesen Scherz den ganzen Tag schon gefreut. Und wenn ich Euch erst einweihe in mein Geheimniß, gerathet Ihr ganz außer Euch!«

»Also es betrifft Dich persönlich?« versetzte Justine, die Freundin schon neugieriger ansehend. »Dann möchte ich auf ein Herzensgeheimniß rathen.«

»Gefehlt, gefehlt!« rief Minna vergnügt. »O wie freut es mich, daß ich meine Absicht erreicht habe! Jetzt bist Du doch eben so neugierig, wie alle Uebrigen! – Ja, ja, liebe Seele! Widersprich, so viel Du willst, Du findest doch keinen Glauben bei mir!«

»Nun, dann will ich Dir aus Freundschaft den Gefallen thun, Dir nicht zu widersprechen,« sagte Justine, indem sie den Arm der geschmückten Freundin ergriff und mit derselben sich unter die lebhaft sprechenden andern jungen Damen mischte.

Die Gesellschaft war nicht sehr zahlreich, aber ausgesucht, da Bankdirector Orlemann nur die Spitzen der Gesellschaft eingeladen hatte. Etwas spät erschienen Justizrath Strahleck, der englische Consul und der Legationsrath Mandelsdorf. Die Mutter des Letzteren war von der Justizräthin und Justine schon früher abgeholt worden.

Beim Eintritte Rudolphs entstand eine lebhafte Bewegung unter den Anwesenden. Der junge Diplomat ward von Allen mit größter Auszeichnung begrüßt; denn bereits wußte es die ganze vornehme Gesellschaft, daß des talentvollen Mannes längst gehegter Wunsch, auf einen wichtigen Posten gestellt zu werden, an diesem Tage in Erfüllung gegangen sei. Mandelsdorf war zum Attaché des neuen Gesandten in Paris ernannt worden. Der Gesandte entstammte einer alten reichen Adelsfamilie, aus welcher eine Menge Diplomaten hervorgegangen war, deren Wirksamkeit allerdings ihrer Stellung nicht immer entsprochen hatte. Der Hof wußte das sehr wohl; eben so bekannt war ihm die Unbedeutendheit gerade des Mannes, der mit einer so wichtigen Mission betraut werden sollte. Allein es würde an vielen Orten sehr unliebsam bemerkt worden sein, hätte man den einmal viel Genannten und gesellschaftlich Gewandten übergehen wollen. Um dies zu vermeiden und etwaigen Gerüchten keinen Vorschub zu leisten, zog es der Hof vor, in der bedeutenden Persönlichkeit des jungen Mandelsdorf dem wenig befähigten wirklichen Gesandten eine zuverlässige Stütze zu geben. Als Anerkennung für dem Staate bereits geleistete Dienste war der Ernennung Mandelsdorfs zum Attaché das Adelsdiplom beigefügt worden.

Justizrath Strahleck gelang es, dieses wichtige Ereigniß seiner Familie geheim zu halten. Er wollte beobachten, welchen Eindruck es auf seine Tochter hervorbringen würde. Von diesem Eindrucke wollte er seine ferneren Entschließungen abhängig machen.

Der in den Adelsstand erhobene junge Diplomat nahm die Glückwünsche, mit denen man ihn gleichsam überschüttete, mit gutem Anstande an. Sein Wesen zeigte sich in keiner Weise verändert. Er war derselbe, wie früher, nicht im Geringsten sich überhebend oder in die Brust werfend. Nur das glänzende Auge, das froh belebte intelligente Gesicht sagte Allen, daß er sich des Glückes aufrichtig freue, das er zumeist sich selbst zu verdanken hatte.

Auf Justine war der Eindruck von dieser Kunde ein überraschender, fast bewältigender. Sie verstummte, wechselte die Farbe und ein paar Thränen der Freude, des Entzückens traten in ihre Augen. Sie vermochte keinen lauten Glückwunsch über ihre Lippen zu bringen. Desto beredter waren die Blicke, die sie mit dem neuen Baron wechselte und welche dieser auch vollkommen verstand.

Diese Ueberraschung Justine's machte indeß sehr bald einer ungetrübt frohen Stimmung Platz, und wohl Keinem der Anwesenden konnte es entgehen, wie angelegentlich sich Mandelsdorf um die liebenswürdige Tochter des Justizraths bemühte. Was man längst schon in vielen Cirkeln sich leise zugeflüstert hatte, daß zwischen dem neuen Baron und Justine ein Herzensverhältniß bestände, das glaubte nunmehr Jeder bereits in den nächsten Tagen schon durch eine öffentliche Verlobungsanzeige bestätigt zu finden.

Ziemlich spät erst fand die Tochter des Hauses Gelegenheit, wieder auf ihr Geheimniß zurückzukommen. Endlich aber hatte sie diejenigen ihrer Freundinnen, die sie als solche besonders auszeichnete, zu ungenirter Unterhaltung um sich versammelt. Mit triumphirender Miene ging die Uebermüthige von einer zur andern, stumme Fragen an Alle richtend. Als sie sich überzeugt hatte, daß keine der Freundinnen um ihr Geheimniß wisse, bildete sie aus ihnen einen Kreis, stellte sich mitten hinein und fragte mit Pathos:

»Könnt Ihr auch reinen Mund halten?«

Alle bejahten natürlich.

»So wißt denn, daß mein heißester Wunsch in Erfüllung gegangen ist! Ich habe – Auguste, Du hörst ja nicht zu?«

»Ich höre, auch wenn ich spreche.«

»Meine Mittheilung ist aber von größter Wichtigkeit!«

»Wer von uns zweifelt denn daran?«

»Ihr erfahrt in dieser Stunde mehr, als Ihr in einem ganzen Leben lernen könnt!«

»Aber so endige doch endlich!« bat Justine.

Minna hob die Hand und ließ über ihrem brünetten Haar ein dunkles Papier sich bewegen.

»Wofür haltet Ihr das?« fragte sie mit schelmischem Lächeln.

»Für ein Stück Papier,« sagte die Tochter des pensionirten Generals. »Ich sehe jetzt, daß Du nur Deinen Spott mit uns treiben willst.«

»Es kann auch ein Brief sein,« meinte ein anderes junges Mädchen.

»Dann möchte ich nicht an Minna's Stelle sein,« erwiderte ein viertes.

»Im Gegentheil, Ihr würdet mich sehr beneiden,« fiel Minna ein, »und Ihr sollt es auch. Es ist wirklich ein Brief, den ich hier halte. Und welch' ein Brief! Die Hand, die ihn schrieb, sie war schön und lebenswarm vor siebenzig oder achtzig Jahren ...«

Auguste unterdrücke mit Mühe einen Schrei, indem sie aus dem Kreise trat und sich nach einem Sitze umsah. »Es ist ganz abscheulich von Dir, mich so zu erschrecken!« rief sie.

»Sei doch kein Närrchen, beste Auguste!« sagte begütigend die Tochter des Bankdirectors. »Was geht uns denn die Hand an, welche vor ewig langer Zeit diese Zeilen schrieb? Ich kenne sie nicht und Euch Allen wird es eben so gehen. Aber es macht mir ein unbeschreibliches Vergnügen, daß mir der Zufall gerade diesen Brief, der jedenfalls der wichtigste von allen ist, die man in dem alten, schadhaft gewordenen Briefkasten gefunden hat, in die Hände spielte.«

»Ein Brief von jenen alten?« rief Justine. »Wie kommst Du dazu?«

»Das sollt Ihr auf der Stelle erfahren,« versetzte Minna. »Doch ich sehe, die gute, schreckhafte Auguste kann sich noch immer nicht erholen. Nehmt Alle Platz und hört, wie ich Besitzerin dieses unschätzbaren Kleinodes ward!«

»Was enthält denn das Schreiben?« forschte Eine der Neugierigsten.

»Das eben ist ja der Spaß!« rief Minna Orlemann ausgelassen heiter. »Als stünden unsichtbare Geister bereit, jeden Wink, jeden Wunsch, jeden Gedanken, noch ehe ich mich desselben selbst ganz klar bewußt bin, zu vollziehen, hat der sonderbarste Zufall der Welt diese Liebeserklärung eines Mädchens, das jetzt unser Aller Großmutter sein könnte, gerade mir ausgeantwortet, was ich ja gleich damals mir wünschte, als uns Justine die erste Anzeige von dem gemachten Funde vorlas.«

»Eine Liebeserklärung!« riefen Mehrere wie aus einem Munde. »O bitte, laß hören!«

Minna gebot mit erhobener Hand Ruhe.

»Wie nennt sich denn das verliebte Kind, das schon lange nicht mehr existirt?« fragte in verdrießlichem Tone Auguste.

»Auch den Namen, meiner Liebenden will ich Euch nicht vorenthalten,« versetzte Minna, »vorher aber sollt Ihr zur Vermehrung Eurer Kenntnisse hören, wie man sich in jener weit zurückliegenden Zeit, welcher diese köstliche Epistel entstammt, zierlich und manierlich auszudrücken verstand. Merkt auf:

»Hoch- und werthgeschätzter, insonders wohlbelobter theurer Freund meiner Seele!«

»Prrr! welch' steife Anrede!« unterbrach die Lesende eine der Zuhörerinnen. »Dabei kann einem ja das Blut in den Adern gerinnen.«

»Erst höre, dann urtheile!« erwiderte Minna äußerst ernsthaft und nahm die Lectüre des Briefes wieder auf.

»Massen ich Dero geschätzte Epistolam auf bewußtem Wege richtig empfangen und selbige brünstiglich an mein hochklopfendes Herz gedrücket habe, fühle ich mich innerlichst gar wundersam süß beweget und gestehe mit schamhaftem Erröthen dem fernen Herzensfreunde meine Schwäche! – – Wäre es mir doch vergönnet, Ihme wissen zu lassen, wie hoch und erhaben ich von Dero Gaben und preislichen Worten denke! – – Aber ich bin umstellet von Stricken und Netzen und Fallen; die Fürsicht muß der Stern sein, dem ich folge! – Alcid würde wüthen und mich in das Verließ des alten Schlosses hinabstoßen, daß ich verkäme bei Kröten und Molchen, so er unsere Liebe ahnete! – Aber vertrauet mir und glaubet meinen heiligen Schwüren! Ich küsse die Strahlen des Mondes, daß er Euch umschmeichle mit dem Odem der innigsten Liebe! – – Spät vielleicht erhaltet Ihr dies Schreiben, denn der Weg ist weit und Martha muß auf eine gute Gelegenheit warten! – Könnt Ihr mir keine Kunde zukommen lassen von Euch, so bleibt es bei unserer Abrede! – Ich bin und bleibe Euch ewig treu, im Leben wie im Tode. Von süßen Träumen und glücklichen Erinnerungen zehrend, ruft Euch tausend zärtliche Grüße zu

Eure
in Liebe zu Euch ersterbende
Sara Honest.«

Es war Minna nicht ganz leicht geworden, die Lectüre dieses Schreibens ohne Unterbrechung zu beendigen. Von eigenem Lachreiz ergriffen, ward dieser noch bedeutend vermehrt durch das Gekicher der zuhörenden Freundinnen, die sich Alle, selbst Auguste nicht ausgenommen, köstlich amüsirten. Jetzt ging der Brief von Hand zu Hand, um genau bescheinigt, betastet, kritisirt zu werden. Justine war die Einzige, die nur einen flüchtigen Blick hineinwarf. Ihr lag wenig an dem Inhalte, den sie ziemlich unbedeutend fand, mehr interessirte es sie, die Veranlassung kennen zu lernen, welche gerade ihrer übermüthigen Freundin dies Schreiben zugeführt hatte.

»Du mußt beichten und uns die ganze Wahrheit sagen,« sprach Justine ernsthaft. »Du hast es versprochen, und ohnehin kann man doch immer nicht wissen, ob Du auch berechtigt bist, den Brief, der Dich offenbar gar nichts angeht, zu behalten. Hast Du ihn gefunden?«

»Ja und Nein, wie Du willst,« erwiderte Minna in ungetrübter Heiterkeit. »Er ward dem Vater überbracht; da er mit solchen einer längst verschwundenen Zeit angehörenden Herzensergießungen eines liebesiechen Mädchens doch nichts anfangen konnte, warf er das Blatt in seinen Papierkorb. Aus diesem hab' ich es – um ehrlich und aufrichtig zu sein – stibitzt.«

»So andächtig?« sprach jetzt, die Thür öffnend, eine Männerstimme, und der Bank-Director Orlemann warf einen heitern Blick auf den Kranz blühender Mädchen, die zu ernster Berathung zusammengetreten zu sein schienen. »Ich will nicht stören,« setzte er hinzu, »doch möchte ich um baldige Rückkehr zur Gesellschaft bitten, unter denen sich Einzelne bereits nach Ihnen, meine Damen, erkundigt haben.«

»Still!« bat Minna. »Papa darf nicht wissen, daß ich den Brief besitze. Er würde mir ihn nicht lassen.«

»Sara heißt die Liebende?« fragte Auguste.

»Sara Honest,« erwiderte Minna.

»Eine Engländerin,« meinte Justine.

»Die aber deutsch versteht,« warf Minna ein.

»Vielleicht eine Deutsche von englischen Eltern,« fuhr Justine fort. »Gibt es eine Familie Honest, die Euch bekannt ist?«

»Hier wohl schwerlich,« sagte Minna.«

»Wie konnte dann Dein Vater zu diesem Briefe kommen?« meinte Auguste.

»Das kann ich mir sehr leicht erklären,« erwiderte die Tochter des Bankdirectors. »Mein Vater erhält täglich ganze Briefpackete von allen Enden der Welt. Auf der Post hat er, wie sämmtliche bedeutende Correspondenten, sein besonderes Brieffach. Jedenfalls ist nun durch einen verzeihlichen Irrthum der einem Andern bestimmte Brief mit in das Fach des Vaters und so in dessen Hände gekommen.«

»Meinst Du wirklich?« sagte Auguste.

»Gewiß, Liebe, es kann gar nicht anders sein!«

»Mir kommt Deine Erklärung sehr unwahrscheinlich vor,« versetzte Justine. »Die Adresse des Briefes muß ja doch den Namen Deines Vaters getragen haben, sonst hätte er den Brief gewiß nicht geöffnet.«

»Wo denkst Du hm!« rief Minna. »Beim Eröffnen von Briefen geht es häufig sehr eilig zu – ich weiß es – und da kann leicht ein Mißgriff passiren.«

Justine schüttelte den Kopf, indem sie ernsthaft sagte:

»Einen Mißgriff macht ein so gewissenhafter Mann, wie Dein Vater, sobald er ihn merkt, sofort wieder gut.«

Abermals ließ sich die Stimme des Bankdirectors hören, die diesmal seinem Kammerdiener galt. Er ertheilte diesem einen Auftrag und öffnete dann zum zweiten Male die Thür des Zimmers, wo Minna ihre vertrautesten Freundinnen versammelt hatte.

»Wenn es den jungen Damen gefällig ist,« sprach er freundlich, »so möchte ich jetzt meine vorige Bitte wiederholen. Ich habe für Sie alle eine Ueberraschung bereit, die Ihnen Vergnügen und viel zu Lachen geben wird. Später können Sie mit Ihren hier in so großer Heimlichkeit geschmiedeten Plänen zur Unterhaltung meiner lieben Gäste ungestört hervortreten.«

Er entfernte sich, einen langen Blick seiner Tochter zuwerfend, die schnell den gefundenen Brief verborgen hatte.

»Es wäre unartig, wollten wir länger zaudern,«' sagte Justine. »Laß uns gehen, Minna!«

Diese legte den Finger auf ihre Lippen und erwiderte mit einem Blicke des Einverständnisses, der von einer ihrer Freundinnen zur andern glitt:

»Reinen Mund, Ihr Lieben! Später sprechen wir mehr davon.«

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