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Im Bann und Zauber. Erster Band

Ernst Willkomm: Im Bann und Zauber. Erster Band - Kapitel 2
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authorErnst Willkomm
titleIm Bann und Zauber. Erster Band
publisherTheodor Thomas
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Der Graf von Tannensee.

1. Nach der Vorstellung.

Vor dem Circus drängten sich neugierige Gruppen. Die so eben beendigte Vorstellung gehörte zu den vorzüglichsten Leistungen der Gesellschaft, welche sich nunmehr schon seit zwei Monaten in der Residenz aufhielt. Der Director derselben zeichnete sich vor seinen Collegen vortheilhaft aus durch den feinen Geschmack, den er in den Arrangements seiner Schaustellungen entfaltete, und die Mitglieder der Truppe, ihrer trefflichen Leistungen sich wohl bewußt, trugen mit Würde einen gewissen Künstlerstolz zur Schau. Am meisten Aufsehen erregte die junge Signora Graziosa Feliciani, ein Mädchen von seltener Schönheit. Graziosa trat wöchentlich nur zweimal auf, als müsse sie sich schonen, wenn sie aber im Circus erschien, wollte der Jubel der Zuschauer, der mehr noch ihrer bezaubernden Erscheinung, als ihren künstlerischen Leistungen zu gelten schien, gar kein Ende nehmen.

Es konnte nicht fehlen, daß ein junges schönes Mädchen, welches mit so viel Anmuth und Gewandtheit ihr muthiges Roß tummelte, namentlich der vornehmen Männerwelt in die Augen fallen mußte. An jedem Abend füllte sich der Circus mit jungen Cavalieren, die nicht müde wurden, der reizenden Graziosa zu huldigen. Einzelnen mochte sogar das Feuer ihrer Augen gefährlich geworden sein, obwohl Signora Feliciani Niemand besonders auszeichnete.

Heute war Graziosa zum ersten Male als florentinisches Blumenmädchen aufgetreten, hatte eine Anzahl der duftigsten Sträußchen, die sie in zierlich geflochtenem Körbchen trug, ausgetheilt und allgemeinen Beifall geerndtet. Dem Hervorrufe folgte sie nur ungenügend, indem sie sich am Eingange zur Bahn nicht zu Roß, sondern zu Fuß, und zwar auf nur wenige Augenblicke zeigte. Dies plötzliche Verschwinden war eigentlich Ursache, daß eine beträchtliche Anzahl bewundernder Männer sich vor dem Ausgange des Circus aufstellte, um die Schöne hier zu erwarten und nochmals zu begrüßen.

Graziosa Feliciani kam aber nicht. Als man, des Harrens müde, sich endlich nach ihr erkundigte, erfuhr man, daß sie sich, um alles Aufsehen zu vermeiden, durch eine Seitenthür entfernt hatte. Diese Enttäuschung gefiel freilich Keinem, da sie aber doch Alle gemeinschaftlich traf, so nahm man sie lachend hin, und die Harrenden zerstreuten sich.

Es war ziemlich spät geworden. Die hell erleuchteten Fenster eines großen Café-Restaurant wirkten aber so verführerisch, daß Mehrere der für Signora Feliciani Schwärmenden sich in diese eleganten Räume verfügten, um sich zu erfrischen und in heitern Gesprächen bis Mitternacht zu verweilen.

Ein länglich runder Tisch mit prächtiger Marmorplatte bot einer kleinen, gewissermaßen geschlossenen Gesellschaft bequem Platz. Hier fanden sich die Vertrauteren zusammen, und während die heitern jungen Männer die Pflege ihres Leibes durchaus nicht versäumten, wendete sich das Gespräch fast Aller sogleich ausschließlich der bewunderten Kunstreiterin zu.

»Glauben Sie wirklich an dieses Mährchen?« erwiderte Baron von Hohenort auf die Bemerkung eines Premier-Lieutenants, welche dieser seinem Nachbar zur Linken nur halblaut zuflüsterte. »Was mich betrifft, so halte ich Graziosa Feliciani für das, was sie ist. Die Zeiten der Romantik, wo sich hinter jeder hübschen Zigeunerin eine Fürstin oder Herzogin verbarg, sind längst vorüber. Dank unserer vortrefflich organisirten Polizei kommen Kinderraub und Entführung durch herumziehendes Gesindel, das früher ein Geschäft aus solchen Nichtswürdigkeiten machte, zum Glück nicht mehr vor.«

»Mag sein,« versetzte der Premier-Lieutenant, »dennoch ist Graziosa Feliciani keine Italienerin.«

»So stammt sie vermuthlich aus Spanien, dem Lande des Weins und Gesanges,« meinte Baron von Hohenort. »Die Sonne Spaniens ist wohl im Stande, so seltene Blumen sich entfalten zu lassen.«

»Wer sagt denn, daß unsere bewunderte Schöne keine Italienerin sein soll?« warf der Fähndrich Appenzell, her Sohn des reichsten Banquiers der Residenz, ein, den eine unbezwingbare Neigung unter das Militär getrieben hatte.

»Es sagt's nicht bloß Einer, es wissen's sogar Viele,« versetzte der Premier-Lieutenant, »und wenn Ihr meinen Versicherungen keinen Glauben schenken wollt, so erkundigt Euch gefälligst bei dem Director Banchi. Der Mann ist kein Charlatan, kein Aufschneider. Er kennt die Familienverhältnisse aller Mitglieder seiner Truppe.«

»Das verdiente wirklich Bewunderung,« meinte der Fähndrich,, sein noch dürftiges blondes Schnurrbärtchen mit vieler Sorgfalt drehend. »Ein Kunstreiter-Director soll wissen, wer seine Leute sind und woher sie stammen!«

Die Mehrzahl der jungen Männer lachte, der Premier-Lieutenant blieb aber ernsthaft und sagte etwas piquirt:

»Dennoch ist es, wie ich sage. Fragt den Rittmeister von Birkenfeld, der eben eintritt; der weiß die Geschichte auch. In seiner Gegenwart hörte ich sie erzählen.«

»Von wem, wenn ich bitten darf?« fragte Baron von Hohenort.

»Der Rittmeister mag es Ihnen sagen. Lieber Birkenfeld!« rief er, dem Eingetretenen zuwinkend. »Woher so spät?... Sie werden uns doch Gesellschaft leisten?«

Rittmeister von Birkenfeld ging in Civil. Er hatte vor wenig Tagen erst seinen Abschied genommen – Familienverhältnisse wegen – wie die Sage ging. Er war ein Mann von einigen zwanzig Jahren, mehr ernst als heiter, von sehr vornehmer Haltung. Reich begütert und Erbe, eines alten Namens, stand er völlig unabhängig da.

»Wohnten sie der heutigen Vorstellung im Circus nicht bei, Herr Rittmeister?« fragte der blonde Fähndrich, einen Sessel zwischen sich und Baron Hohenort schiebend. »Ich habe Sie nicht gesehen.«

»Ich kam etwas spät und hielt mich wie gewöhnlich im Hintergrunde,« erwiderte von Birkenfeld, »und ich bin sehr zufrieden, daß es der Zufall so fügte. Signora Feliciani ist in solcher Entfernung eine wirklich feenhafte Erscheinung.«

»Sie gehören also doch auch zu den Bewunderern dieses göttlichen Mädchens?« sprach Baron von Hohenort. »Das beruhigt mich ordentlich.«

»Die hübsche Person unterhält mich durch ihre Grazie, ihre Anmuth, ihre künstlerische Routine,« erwiderte der Rittmeister, »und seit ich etwas von ihrer Vergangenheit erfahren habe, läugne ich nicht, daß ich mich auch ein wenig für sie interessire.«

»Da hört Ihr's!« rief der Premier-Lieutenant triumphirend aus. »Freund Birkenfeld kennt die Vergangenheit der schönen Signora und wird sicherlich die Güte haben, Euch ebenfalls mit derselben bekannt zu machen.«

»Sie dürften dies besser können als ich,« erwiderte Birkenfeld, »auch bin ich, wie Sie wissen, ein schlechter Erzähler.«

»Die Geschichte! die Geschichte!« drängte der Fähndrich. »Ich habe keine Ruhe, bis ich die Geschichte dieser wunderbaren Sylphide weiß, der man so willkürlich ihre italienische Nationalität rauben will.«

Der Premier-Lieutenant, der sich auch nicht für einen Boccaccio ausgeben konnte, gerieth etwas in Verlegenheit, mußte aber, von allen Seiten gedrängt, zuletzt dem allgemeinen Verlangen doch nachgeben und schickte sich denn unter vielem Räuspern und Emporziehen seiner starken Augenbrauen an, die in gespannter Erwartung Harrenden zu befriedigen.

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