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Im Bann und Zauber. Erster Band

Ernst Willkomm: Im Bann und Zauber. Erster Band - Kapitel 16
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authorErnst Willkomm
titleIm Bann und Zauber. Erster Band
publisherTheodor Thomas
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3.

Justine hatte einige Freundinnen bei sich, mit denen sie höchst vergnügt plauderte. Es kamen hochwichtige Dinge unter den jungen Mädchen zur Sprache, die keine anderen Sorgen kannten, als die, welche ihnen bald die eigene Toilette, bald die Anderer machte. Die Persönlichkeiten der Männer, welche auf dem letzten Balle bei dem Stadtcommandanten mit den Freundinnen getanzt hatten, wurden gründlich kritisirt. Die jungen, übermüthigen Schönen verfuhren dabei gar nicht nachsichtig. Eigentlich fand auch nicht ein Einziger vollkommen Gnade vor ihren Augen, obwohl Alle sich durch Manche liebenswürdigen Eigenschaften auszeichneten.

Bei dieser kritischen Musterung war Justine noch die mildeste Censorin von Allen. Sie bestritt manche herbe Bemerkung ihrer Freundinnen und nahm sogar einen und den andern zu hart Getadelten laut in Schutz, was ihr selbst einige scharfe Seitenhiebe zuzog, die Justine indeß völlig ignorirte.

»Nächstens soll ja bei Mandelsdorf große Fête sein,« sagte, das gründlich bearbeitete Thema verlassend, die schelmische Minna Orlemann, die Tochter des reichen Bankdirectors. »Wenn das Gerücht wahr spricht, trifft man ganz ungewöhnliche Vorbereitungen. Du kannst uns gewiß Näheres darüber sagen, Justine! Deine Mutter ist ja eng befreundet mit den Mandelsdorfs.«

»Wir besuchen einander,« sagte Justine, eine gleichgültige Miene annehmend, »das ist Alles!«

»In den letzten Wochen ein wenig häufig,« fuhr Minna Orlemann fort. »Weißt Du, Justine, daß sich die Gesellschaft darüber schon ein Urtheil gebildet hat?«

»Weshalb sollte sie es nicht?« erwiderte die Gefragte. »Die Zeit läßt sich ja nicht angenehmer tödten, als daß man über Andere spricht. Thun wir nicht dasselbe?«

»Nur mit Unterschied, denk' ich,« gab Minna zur Antwort. »Wir lassen Jedermann Gerechtigkeit widerfahren.«

»Ohne Frage, liebe Minna; und eben darum wollen wir auf bloße Gerüchte nicht allzu viel Werth legen.«

Der Bediente trat ein und legte eine Mappe mit Journalen auf den Tisch; denn Justine war eine große Freundin von Lectüre, und in der Zeitungs- und Tagesliteratur wohl bewandert.

»Sind sie neu, Jean?« rief sie dem jungen Burschen nach.

»Eben angekommen,« erwiderte dieser mit devoter Verbeugung und entfernte sich.

Justine löste die grünen Schnüre der ziemlich großen Mappe und begann deren Inhalt zu mustern. Auch die Freundinnen griffen neugierig zu und waren bald in die verschiedenen Modejournale, die sich darunter befanden, andächtig vertieft. Das Kritisiren der jungen Mädchen nahm abermals seinen Anfang, nur daß es jetzt den vorhandenen Modebildern, den Kleiderstoffen, Schnitten und Mustern galt, die in reicher Auswahl vorhanden waren.

Justine selbst warf nur ab und zu ein Wort dazwischen, wenn die Freundinnen im Eifer gar zu lebhaft wurden und ihre Meinungen gegenseitig bestritten. Sie blätterte bald da, bald dort, las auch einzelne Notizen, die sie gerade interessirten, und war darauf bedacht, die Blätter mehr ernsten Inhalts von denen, welche nur leichter, oberflächlicher Unterhaltung gewidmet waren, zu sondern. Plötzlich rief sie verwundert aus:

»Das kann aber interessant werden!«

Sämmtliche Freundinnen blickten die Tochter des Justizraths an und fragten unisono: »Was denn?« indem sie die Modebilder zurückschoben.

»Ich bitt' Euch, hört!« fuhr Justine fort. »In der gelesensten niederländischen Zeitung soll, wie hier behauptet wird, Folgendes vor ganz kurzer Zeit gestanden haben:

»Neulich mußte wegen vorzunehmender Neubauten im Posthause zu R. eine Mauer niedergerissen werden, in welcher die Briefkasten eingefügt sind. Als man nun letztere entfernte, gewahrte man, daß in einem derselben die schiefe Fläche, auf welcher die Briefe in den Kasten selbst hinabgleiten, also das Brett, aus dem die Fläche besteht, gesprungen war, so daß sich in derselben ein Spalt von der Breite fast eines Zolles gebildet hatte. Unter der Fläche des Holzes, das oben und unten auf fester Mauer ruhte, entdeckte man einen hohlen Raum von geringer Tiefe. Dieser ganze Raum aber war mit unfrankirten Briefen angefüllt, die zum Theil wohl schon vor sehr sehr langer Zeit zur Weiterbeförderung in den Kasten gesteckt worden sein mögen. Noch verlautet nicht, was die Postverwaltung mit diesen Briefen, die etwas spät in die Hände ihrer Empfänger kommen, manchen derselben, wohl auch erst im Jenseits auffinden dürften, anzufangen gedenkt.« Justine ließ das Blatt sinken und sagte:

»Nun, wie gefällt Euch das?«

»Und das ist Alles?« warf unbefriedigt Minna Orlemann ein.

»Hier wenigstens finde ich nichts weiter über den interessanten Fund. Es wäre möglich, daß die politischen Blätter ausführlichere Angaben enthielten, z. B. die Neuigkeits-Gazette, die sich so leicht nichts Interessantes in politischer wie socialer Beziehung entgehen läßt. Du hast sie dort, Auguste, bitte, lass' uns sie einsehen!«

»Sieh' Du selbst zu,« sprach die genannte Freundin, Justine das Blatt reichend. »Du bist im Zeitungslesen bewanderter als wir und weißt die Rubriken leichter zu finden, die solche Mittheilungen zu enthalten pflegen.«

Aufmerksam folgten die Freundinnen dem suchenden Blicke Justinens, die nach einiger Zeit mit glänzenden Augen ausrief:

»Richtig! Die Gazette schenkt uns schon reineren Wein ein. Es heißt hier unter der Ueberschrift: Aeußerst wichtiger Fund, wie folgt:

»Die Zahl der Briefe, welche man kürzlich bei dem Abbrechen der Mauer im alten Postgebäude unter einem der schon seit zwanzig und mehr Jahren nicht mehr benutzten Briefkasten entdecke, beträgt dreiundsechszig. Sie würde jedenfalls weit bedeutender sein, wäre mit dieser Summe der leere Raum unter dem schadhaften Briefkasten nicht vollständig ausgefüllt gewesen. Die Postbehörde befindet sich begreiflicherweise in einer fatalen Lage, obwohl Niemand berechtigt ist, ihr Nachlässigkeit vorzuwerfen. Nach der Erklärung Sachverständiger hat das aus zwei zusammengefügten Brettstücken bestehende Holz sich wahrscheinlich durch den Einfluß der Feuchtigkeit gelöst, wodurch nach und nach der verhängnißvolle Spalt entstanden ist, welcher die betreffende Anzahl von Briefen verschlang. Man vermuthet, daß sich die Oeffnung unter dem Brett in kurzer Zeit gefüllt haben möge, obwohl sich darüber etwas Bestimmtes nicht sagen läßt. Sicherem Vernehmen nach wird die Postbehörde kein Mittel unversucht lassen, den Aufenthalt derjenigen Personen, an welche die Briefe gerichtet sind, oder falls diese nicht mehr am Leben sein sollten, deren Nachkommen, soweit möglich, zu ermitteln. Bei der Mehrzahl dürfte dies gelingen. Im Allgemeinen nimmt man an, daß die Briefe wenigstens ein halbes Jahrhundert in ihrem unzugänglichen Verließ gelegen haben. Personen, welche Gelegenheit hatten, einige derselben zu sehen, sagen aus, daß die Couverts sehr vergilbt, die Siegel fast ganz unkenntlich geworden, die Schriftzüge dagegen noch vollkommen leserlich sind. Ungefähr die Hälfte aller aufgefundenen Briefe ist nur von kleinem Format.«

Die jungen Mädchen waren der Vorleserin mit gespannter Aufmerksamkeit gefolgt. Man sah es ihren glänzenden Augen an, daß der seltsame Vorfall Alle lebhaft beschäftigte und ihnen Anlaß zu allerhand Conjecturen gab.

»Himmel, wenn Einer von uns selbst oder doch ein naher Bekannter einen dieser aufgefundenen Briefe bekäme!« rief die sanguinische Minna Orlemann aus. »Ich ruhte nicht, bis ich eine Abschrift davon erhalten hätte! Denkt Euch, liebe Schwestern, welche Geheimnisse können sich in dreiundsechszig Briefen verstecken, die vor fünfzig Jahren geschrieben und doch von Niemand gelesen wurden! Wie viele Thränen mögen vergossen worden sein von denen, die vergebens auf das Eintreffen ersehnter Nachrichten warteten! Es ist geradezu unmöglich, sich alle denkbaren Fälle zu vergegenwärtigen, die aus dem Wegbleiben dieser Briefe sich ergeben. Wie schade, daß man zu Zeiten nicht ein wenig allwissend ist!«

»Mich würden namentlich die Briefe von kleinem Format interessiren,« meinte Auguste. »Gewiß enthalten sie Herzensgeheimnisse.«

»Wie schrecklich!« rief Minna aus. »Verloren gegangene Billet-douces! Schon sehe ich vor mir gebrochene Herzen zittern. Weiße, zarte Hände ringen sich wund über treulos gewordene Geliebte; die Thore der Irrenhäuser öffnen sich geräuschlos und mit fliegenden Haaren, rollenden Augen stieren die schuldlos Betrogenen schaudernd in die weite, öde Welt!«

»Hu!« sagte Auguste, sich schüttelnd. »Mit Deinen tollen Phantasien kannst Du einem ja selbst schaudern machen.«

Justine faßte den Vorfall ruhiger auf, ohne die vielen Möglichkeiten, welche ihre lebhafte Freundin namhaft machte, bestreiten zu wollen.

»Sonderbare Dinge können und werden durch diese Briefe jedenfalls an den Tag kommen,« sagte sie, »wenn die Behauptung des Berichterstatters in der Gazette sich bestätigt. Fünfzig Jahre sind freilich eine lange Zeit, schwerlich aber genügt sie, um alle Mitglieder von dreiundsechszig Familien bis auf den letzten Sproß aussterben zu lassen. Wenn also die aufgefundenen Briefe nicht blos gleichgültige Mittheilungen enthalten, so wird es an Verwickelungen mancherlei Art nicht fehlen. Wohl denen, die nicht urplötzlich durch das Eintreffen eines so lange verspäteten Briefes aus ihrer behaglichen Ruhe, vielleicht aus ihrem ganzen Lebensglück aufgeschreckt werden!«

»Bei alledem möchte ich doch zu den Empfängern eines dieser Briefe gehören,« meinte Minna.

»Mich wolle Gott davor bewahren!« rief die schreckhafte Auguste. »Einen Brief öffnen zu müssen, dessen Schreiber längst todt, begraben, vermodert ist, – der bloße Gedanke schon kann mich krank machen!«

»Im Gegentheil, ich finde ihn ganz allerliebst pikant,« erwiderte Minna. »Ein Billet voll der zartesten Liebesbetheuerungen, die einander vor einem halben Jahrhundert unsere Großältern schriftlich zustellten, müßte eine ganz interessante Lectüre sein. Es ließe sich Mancherlei daraus lernen. Gesetzt aber, der Kopf profitirte eben so wenig dabei als das Herz, so gäbe es doch sicherlich Anlaß zu Scherz die Menge. Ein halbes Jahrhundert bringt, wie in Sitten und Kleidern, so auch in Stil und Ausdrucksweise die größten Veränderungen hervor. Mir wenigstens würde es ein unbezahlbarer Genuß sein, könnte ich in Erfahrung bringen, wie etwa meine nie verheirathet, wohl aber zweimal verlobt gewesene Großtante, von deren geziertem Wesen mir die Mutter so oft Wunderdinge erzählte, ihre Worte auf Stelzen gesetzt haben mag, als sie ihrem getreuen Schäfer das schreckliche Geständniß ablegte, daß der erste Kuß, den er der Schönen in der Jasminlaube raubte, nicht blos auf ihren Lippen, sondern auch in ihrem tugendhaften Herzen brenne.«

»Boshafte Spötterin!« sagte Justine. »Sieh nur zu, daß Dir nicht etwa einmal ein Billet ähnlichen Inhaltes durch die Finger schlüpft, die Du ewig bewegliche Unruhe ja doch niemals ganz still halten kannst!«

Minna schob ihren Stuhl näher an den Sitz der Freundin und flüsterte ihr lächelnd einige Worte ins Ohr, die Justine bis in den Nacken erröthen machten. Frohlockend klatschte die Ausgelassene in die Hände.

»Getroffen! Getroffen!« rief sie jubelnd. »Ich habe es mir gedacht, seit –«

»Liebe Minna,« fiel ihr Justine ins Wort, ihre Hand auf den Mund der Freundin legend, »wenn Dir etwas an meiner Freundschaft gelegen ist, so wirst Du schweigen. Glossen zu machen und Dich an Phantasien zu ergötzen, wie Du sie gern magst, kann ich Dir nicht verwehren. Im Uebrigen pflichte ich Auguste bei und wünsche sehr, daß keinem von unseren intimeren Bekannten ein solcher Grabesbrief überbracht werden möge. Selbst wenn er nur Gleichgültiges enthalten sollte, würde doch wohl Jeder von uns beim Erbrechen des Briefes ein wenig zittern.«

»Nun gut,« sprach Minna Orlemann, »weil Ihr Euch denn vor wesenlosen Gestalten fürchtet, will ich Euch aus Liebe beipflichten. Ich bin jetzt nur begierig, was die alten und jungen Herren, die bekanntlich gar nicht neugierig sind, zu dieser amüsanten Zeitungsnachricht sagen werden. Dem Urtheil der Weisesten schließe ich mich unbedingt an, weil ich als ein Mitglied des schwächeren Geschlechts trotz der Liebenswürdigkeit, die mir nach der Versicherung einiger Repräsentanten des stärkeren Geschlechts zuweilen innewohnen soll, doch niemals einer kräftigen Stütze entbehren kann.«

Mit diesen Scherzworten griff das junge Mädchen nach Hut und Umhang, streifte die Handschuhe über und empfahl sich der Freundin, noch mehrmals den Finger scherzhaft drohend gegen sie erhebend und zugleich um die Ehre eines baldigen Gegenbesuchs bittend.

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