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Im Bann und Zauber. Erster Band

Ernst Willkomm: Im Bann und Zauber. Erster Band - Kapitel 14
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typenarrative
authorErnst Willkomm
titleIm Bann und Zauber. Erster Band
publisherTheodor Thomas
year1862
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Alte Briefe.

1.

Der Ball bei dem englischen Consul war glänzend und sehr besucht gewesen. Fast die ganze vornehme Welt hatte sich dazu eingefunden und als man sich spät in der Nacht wieder trennte, mochte es wohl nur Wenige geben, die nicht in jeder Beziehung sich befriedigt erklärten.

Unter den eingeladenen jungen Damen machte die einzige Tochter des Justizraths Strahleck allgemeines Aufsehen und ward von Mehreren in auffallender Weise ausgezeichnet. Justine war jung, schön, regen lebhaften Geistes und liebenswürdig. Sehr strenge Beurtheiler weiblicher Eigenschaften mochten vielleicht an dem bewunderten Mädchen nur die eine Schattenseite tadelnswerth finden, daß sie sich ihrer Vorzüge vollkommen bewußt war und dies nicht immer genügend verbarg. Justine gefiel sich offenbar selbst, und wenn sie sich unbeobachtet glaubte, ließ sie dies merken. Dennoch konnte man sie weder kokett noch gefallsüchtig im schlimmen Sinne nennen. Sie ward, wo sie auch erschien, von Allen entschieden ausgezeichnet. Jeder fand sie anziehend, reizend, und unter einer Menge stiller Bewunderer wagten es einige durch Stellung und Vermögen hervorragende junge Männer ihre Aufmerksamkeiten gegen Justine bis zur Verehrung zu steigern.

Auf dem erwähnten Balle hatte der schon bejahrte Justizrath mit besonderem Wohlgefallen das Bemühen des in der Gesellschaft sehr beliebten Legationsraths Rudolph Mandelsdorf um Justine bemerkt. Es schien ihm, als achte die jugendliche, vergnügte Tochter mit unverkennbarer Vorliebe auf Rudolphs Gespräche, der sich mit Glück der diplomatischen Laufbahn gewidmet und nach dem Urtheil aller Eingeweihten sichere Aussichten auf eine glänzende Carriere hatte. Zu wiederholten Malen war bereits von einer Versetzung Mandelsdorfs die Rede gewesen, ja Einige sprachen sogar von einem Gesandtschaftsposten, der ihm angeblich zugedacht sein sollte.

Obwohl ermüdet und geistig wie leiblich der Ruhe bedürftig, nahm der Justizrath nach der Heimkunft von dem Ballfeste doch mit einer Miene Platz in seinem bequemsten Lehnstuhle, daß seine Gattin Laura die Absicht errieth, welche Strahleck damit verband. Er umarmte die jugendliche schöne Tochter mit sichtlichem Wohlgefallen, küßte sie und wünschte ihr erheiternde Traumbilder. Dann lehnte er sich behaglich zurück und blickte der Fortschwebenden lächelnd nach.

Als sich Strahleck mit seiner Gattin allein sah, sagte er zu dieser:

»Wie hat Dir unser Kind heute gefallen?«

»Ich bin mit Justine sehr zufrieden,« lautete die Antwort der Justizräthin. »Sie hat sich seit vorigem Winter ungemein zu ihrem Vortheil verändert und kann von jetzt an in jeder Gesellschaft, auch in der vornehmsten, auftreten. Es macht mich glücklich, daß unsere Tochter überall diejenige Aufmerksamkeit findet, die sie verdient.«

»Ich finde, Justine tanzt vorzüglich,« sagte Strahleck, »um so mehr ist es mir aufgefallen, daß sie diese Kunst nicht mit mehreren Tänzern zu dieser und ihrem eigenen Vergnügen ausübt.«

»Es mochte Wohl ein wenig Caprice mit im Spiele sein,« bemerkte Laura lächelnd. »Der eingebildete und prahlerische Otterhaus, der sich gerühmt haben soll, Justine habe ihm gesagt, er tanze am leichtesten von allen Tänzern, die sie kenne, mußte für diese Ungebührlichkeit gestraft werden.« »Wenn eine Vertraute morgen eine ähnliche Frage an Justine richtete, würde diese vielleicht einen andern Namen nennen.«

Laura's Auge streifte forschend den Blick ihres Gatten.

»Glaubst Du, es sei auffällig gewesen, daß sie den Legationsrath Mandelsdorf zweimal im Cotillon aufforderte? Ich hatte ihr die Erlaubniß dazu gegeben.«

»Nun, mein trautes Herz,« erwiderte Strahleck, die Hand seiner Gattin fassend, »dann begegnen sich vielleicht unsere Gedanken und Wünsche. Indeß, ehe wir uns denselben einseitig ganz hingeben, dünkt mich, verlangt es unsere Stellung und das Wohl unseres Kindes, daß wir uns gegen einander offen aussprechen und uns einigen. Mandelsdorf ist aus guter Familie; er hat seine Studienzeit gewissenhaft benutzt, besitzt ungewöhnliche Talente, wird geliebt, bevorzugt und die Zahl seiner Gönner, die er alle sehr geschickt sich zu erhalten versteht, ist noch immer im Wachsen. Ich zweifle nicht, daß sich unsere Regierung bei einem Wechsel der Gesandten, der längst schon beabsichtigt ist, seiner erinnern wird. Unser jetziger Vertreter in Paris beginnt etwas stumpf zu werden. Jedenfalls ruft man ihn bei schicklicher Gelegenheit ab und versetzt ihn mit Verleihung einer Auszeichnung in den Ruhestand. Paris wäre ein passender Schauplatz für den geistig regsamen, eben so geschmeidigen, als klugen Mandelsdorf. Eine bessere diplomatische Schule könnte der ungewöhnlich befähigte junge Mann nicht durchmachen. Ich glaube, bei Hofe sieht man das ein, und deshalb hoffe ich, man wird den bedeutenden Legationsrath als Attache an den Hof der Tuilerien schicken.«

»Nicht als Gesandten?« fiel Laura enttäuscht ein.

»Mein Kind,« erwiderte der Justizrath, »der Attache kann unter Umständen eine weit einflußreichere Person sein als der Gesandte selbst. Zu Letzterem gehört ein alter, schon bekannter Name, der eine geschichtliche Vergangenheit hat. Mandelsdorf kann mit einem solchen Vorzuge nicht brilliren. Es wäre daher tactlos, übertrüge man ihm jenen so wichtigen Gesandtschaftsposten. Dagegen besitzt unser Legationsrath Vorzüge, welche am Hofe der Tuilerien nicht lange unbemerkt bleiben werden, weil man sie gerade dort am Meisten schätzt. Durch diese Vorzüge kann sich Mandelsdorf leicht in das Vertrauen von Personen einschleichen, welche am Hofe von hohem Einfluß sind. Letzteres wird ihm noch leichter gelingen, erscheint er auf jenem spiegelglatten Parquet in Begleitung einer jungen, bestechenden Frau –.«

»Liebster Mann!« rief die Justizräthin. »Wenn Du diesen Gedanken zur That werden lassen könntest ...!«

»Wir wollen nichts übereilen, liebe Laura,« fuhr Strahleck ruhig fort. »Ich theile Dir vorläufig nur meine Vermuthungen mit und das Urtheil, das ich mir über den Legationsrath gebildet habe. Wenn ich mich auf Blicke und gewisse kleine Aufmerksamkeiten verstehe, so sind Justine und Mandelsdorf einander nicht gleichgültig. Deine Aufgabe mag es jetzt sein, das Herz unserer Tochter zu erforschen. Ich bin nicht gerade übertrieben ehrgeizig. Das Vergnügen und die Ehre aber möchte ich ihr wohl gönnen, einige Jahre hindurch sich unter den gefeierteren Damen von Distinction am Tuilerienhofe mit nennen zu hören. Selbst eine kleine politische Rolle könnte das kluge Kind spielen, wenn sie mit ihrem Gatten so recht ein Herz und eine Seele wäre.«

»Ein häufigeres Erscheinen in den ausgezeichneteren Cirkeln der Residenz würde diese Herzensprüfung sehr erleichtern,« meinte die Justizräthin.«

»Hinderlich werde ich einem solchen niemals sein,« entgegnete Strahleck, »nur geflissentlich danach streben kann und will ich nicht. Du weißt, unsere Vermögensverhältnisse sind nicht glänzend. Wir haben uns Ausgaben erlauben müssen, die eigentlich über unsere Kräfte gingen, mithin haben wir jetzt alle Ursache uns, ohne Aufsehen zu erregen, einzuschränken. Ich darf nur selten Gesellschaft bei mir sehen. Also – nun, ich hoffe, Du verstehst mich. Aber Du könntest auf anderem Wege ohne Schwierigkeiten zum Ziele kommen. Deine verstorbene Mutter war ja die vertrauteste Freundin der Mutter Rudolphs. Sollten sich da keine beziehungsreichen Anknüpfungspuncte auffinden lassen?«

Laura ward sehr nachdenklich.

»Meine Mutter!« wiederholte sie mehrmals, sich ganz in die Vergangenheit vertiefend. »Meine Mutter! So sehr sie mich und meinen Vater liebte, war sie doch nicht glücklich!«

»Die vielen Thränen, die sie vergoß, waren Ursache, daß sie so früh erblindete!«

Laura verhüllte sich, selbst in Thränen ausbrechend, die Augen, indem sie, die Hand des Justizraths an ihre Brust drückend, ausrief:

»Laß uns der Vergangenheit nicht gedenken, Franz! Mich schaudert, wenn ich mir die arme Blinde vergegenwärtige, die fünfzehn Jahre lang keinen Schimmer des Lichtes erblickte und so, in ewige Nacht gebannt, ein wahrhaft trostloses Dasein führte!«

»Ihre Thränen galten, wie sie mir wiederholt versichert hat, einer verlorenen Jugend,« sprach der Justizrath.

»Das einzige Wort, das ich der Seligen niemals recht glaubte!« fiel Laura mit großer Lebhaftigkeit ein. »Meine Mutter selbst verlebte eine sehr heitere Jugend. Sie lernte meinen Vater schon im Alter von sechszehn Jahren kennen und verlobte sich ihm im Vollgefühl ihres Glückes, obwohl sie wissen konnte, daß ihre Aeltern eine Verbindung mit dem unbegüterten Edelmanne niemals ohne Widerstreben gestatten würden. Mein Großvater mütterlicherseits haßte den Adel und dieser Haß allein schon mußte ihm einen adlichen Schwiegersohn zuwider machen. Und sodann hatte er die triftigsten Gründe, für seine drei Töchter vermögende Freier zu wünschen, da die eigenen Verhältnisse ihm nicht erlaubten, sie standesgemäß auszustatten.«

»Sechs volle Jahre dauerte der Widerstand Deines eigensinnigen Großvaters,« sagte der Justizrath. »Das, mein Kind, ist für leidenschaftlich liebende Herzen eine Ewigkeit! Deine Mutter, obwohl sie die Hoffnung nie aufgab, den Erwählten ihres Herzens dereinst zu besitzen, hat die Qualen dieses bangen Hoffens, dieses schmerzlichen Harrens zu lange tragen müssen, und wenn sie diese Zeit einer schweren Prüfung eine verlorene nannte, wer möchte sie deshalb Lügen strafen wollen!«

Laura schwieg, um das betrübende Thema, das sie ungern anschlagen hörte, nicht noch länger zum Gegenstände des Gespräches gemacht zu sehen. Dann umarmte sie ihren Gatten und flüsterte ihm leise zu:

»Justine soll ihre Jugend nicht verlieren, wenn wir Aeltern es verhindern können. Sobald sich eine Gelegenheit darbietet werde ich mich mit der Mutter des Legationsrathes, die mich ja stets wie eine Freundin behandelt hat, in die intimsten Beziehungen zu setzen suchen.«

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