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Im Bann und Zauber. Erster Band

Ernst Willkomm: Im Bann und Zauber. Erster Band - Kapitel 13
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authorErnst Willkomm
titleIm Bann und Zauber. Erster Band
publisherTheodor Thomas
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12. Die Lösung.

Die geräuschvollen Tage, welche einem Vermählungsfeste voranzugehen pflegen, waren vorüber. In Schloß Tannensee waltete wieder die altgewohnte Ruhe. Die zahlreichen Gäste hatten sich nach und nach entfernt, das junge Paar selbst war auf einige Zeit verreist. So still und einsam wie früher lag aber das alterthümliche, rings von Waldungen umrauschte Schloß doch nicht mehr da. Einige wenige Gäste weilten noch in dem weitläufigen, alten Bau, und auch Graf Erhardt, der mit dem festen Entschlüsse den Sitz seiner Ahnen nach jahrelanger Abwesenheit wieder betreten hatte, seinen Aufenthalt daselbst möglichst abzukürzen, war durch die Umstände genöthigt worden, sich anders zu besinnen.

Eigenthümliche Fügungen verbreiteten Licht über eine dunkle Vergangenheit, in deren Schrecken einzudringen die am meisten Betheiligten Scheu und Furcht bisher abgehalten hatte. Graf Erhardt war bis zu dem Augenblicke, wo er nicht mehr daran zweifeln konnte, daß Graziosa sein Kind sei, der Meinung gewesen, die unglückliche Flora sei durch seine Hand gefallen. Absichtlich hatte er jedes Mittel angewandt, um das Verschwinden der Schwester seiner Gattin vor der Welt geheim zu halten. Rang und Vermögen unterstützten ihn dabei. Viele kannten die Rücksichtslosigkeit, den Ungestüm und das leidenschaftlich aufbrausende Wesen des Grafen Hannibal von Tannensee. Es war ferner ein öffentliches Geheimniß, daß dieser Vetter Erhardts durch maßlose Verschwendung die ihm zugehörigen Güter dergestalt mit Schulden belastet hatte, daß nur eine Veräußerung derselben ihm Rettung bringen konnte. Hannibals Wunsch ging dahin, diese an ein anderes adliges Geschlecht zu verkaufen mit dem Vorbehalt des Rückkaufsrechtes, wenn vielleicht dereinst wieder bessere Tage für ihn anbrechen sollten. Der Ausführung dieses Planes widersetzte sich mit der ganzen Hartnäckigkeit seines zähen und herrschsüchtigen Charakters Graf Erhardt. Sein Stolz fühlte sich tief beleidigt durch das Vorhaben Hannibals. Blieb nichts Anderes übrig zur Rettung des so tief verschuldeten Verschwenders, als ein Verkauf aller seiner Liegenschaften, so war nach Graf Erhardts Erachten die ältere Linie der Tannensee aus Familienrücksichten verpflichtet, diese Güter wieder an sich zu bringen.

Verhandlungen, welche zu diesem Zwecke mit Hannibal gepflogen wurden, gediehen schließlich allerdings zum Abschlusse im Sinne des Grafen Erhardt, erzeugten aber in Hannibal eine Erbitterung gegen den Vetter, die sich zum tödtlichen Haß steigerte. Mehr Nahrung noch erhielt dieser Haß durch Flora's Neigung zu Graf Erhardt. Hannibal glaubte, durch Erwerbung der Hand dieser begüterten Erbin sich vorerst Mittel zu standesgemäßer Existenz und ferner zu neuen Verbindungen zu schaffen. Außerdem hatte die Schönheit Flora's und ihr aufgeweckter Geist ihn bezaubert. Die um nur Weniges jüngere Schwester Mathilde war ebenso schön; ihr stilles, mehr zurückhaltendes Wesen sagte aber dem sinnlich lebhaften Hannibal weniger zu. Auch hier nun in seinem Liebeswerben trat der reiche Vetter ihm störend in den Weg. Eine Verbindung der Liebenden zu hintertreiben griff Hannibal zu verzweifelten Mitteln, die jedoch gerade das Gegentheil dessen, was er beabsichtigte, bezweckten. Sie trieben Flora, die Schutz gegen den Verfolger suchte, ohne diesen dem Geliebten zu nennen, in Erhardts Arme. Ein unglücklicher Zufall nur verschaffte Hannibal ein einziges Mal das Vergnügen, Flora allein zu treffen, und sie, scheinbar vertraulich, zu umfassen. Erhardt ward Zeuge dieser zufälligen Begegnung und sein eifersüchtiges Zürnen ließ ihn, da er sich von Flora hintergangen glaubte, um die Hand der gleichschönen Schwester werben. Welche traurige Uebereilung er begangen hatte, sagte ihm erst das herzzerreißende Nein Flora's am Traualtare. Jetzt erst fühlte Erhardt, daß er nur Flora liebe, und als er die Entführung derselben durch Graf Hannibal erfuhr, vermochten ihn weder die Thränen Mathildens, noch die flehentlichen Bitten seiner Mutter von einer Verfolgung der Flüchtigen abzuhalten. Das Ergebniß dieser Verfolgung gestaltete sich zum Unglück für alle Betheiligte. Genaue Kenntniß von diesen betrübenden Vorfällen bei und nach der Vermählung des Grafen Erhardt von Tannensee mit der Freiin Mathilde von Hammerstein hatte nur General von Haustein. Auf heftiges Drängen des Grafen gelobte indeß dieser unverbrüchliches Schweigen über alles Vorgefallene, namentlich aber über den vermeintlichen Tod Flora's. Graf Erhardt, der auf Schloß Tannensee keine Ruhe fand, ging auf Reisen. Er wünschte zu erfahren, was wohl aus seinem Vetter geworden sein möge, den er bei der durchbohrten Flora zurückgelassen hatte. Er forschte dem Verschwundenen nach, ohne seine Spur zu entdecken, obwohl er dessen Pfad wiederholt kreuzte. Die Geburt Bianca's rief ihn zurück in die Heimath, der er dann abermals den Rücken kehrte. Zuvor jedoch wurde mit Mathildes Bewilligung in aller Stille die Scheidung eines Ehebundes eingeleitet, der beide Theile nur mit drückenden Fesseln belasten mußte. Die Welt erfuhr nichts von dieser Scheidung. Der Graf ging abermals auf Reisen, während Mathilde, der Erziehung ihrer Tochter lebend, in der Einsamkeit des Schlosses Tannensee jener Melancholie anheim fiel, die sie der Welt und ihren Freuden gänzlich entfremdete.

Graf Erhardt hatte seine Nachforschungen längst aufgegeben. Er lebte abwechselnd in den verschiedenen Hauptstädten Europa's, in berühmten, viel besuchten Badeorten, und machte auch längere Reisen. In Spanien, dessen Natur und Geschichte ihn fast noch mehr als der classische Boden Italiens fesselte, blieb er mehrere Jahre. Von dieser Zeit her schrieb sich seine Vorliebe für spanische Diener, deren Anhänglichkeit er eben so rühmte, wie ihre Ritterlichkeit auch im Dienen sie den Dienern jeder andern Nation vorziehen ließ.

In Cairo erhielt er die Nachricht von Bianca's Verlobung mit dem Rittmeister Enno von Birkenfeld. Er konnte sich des jungen Mannes nicht erinnern, wohl aber weckte der Name Birkenfeld eine Menge alter und peinlicher Erinnerungen auf. Der Gedanke an Hannibal von Tannensee, seinen Vetter und haßerfüllten Gegner, verließ ihn nicht mehr, die blutende Gestalt Flora's, seiner einst Verlobten, stieg wie ein drohendes Gespenst vor ihm auf. Dem Rufe des Kindes, das seinen Namen trug, mußte er folgen. Außerdem aber zog den finster gewordenen und rasch gealterten Mann auch ein unerklärbares Etwas magnetisch zurück nach Deutschland. Sollte er vielleicht doch noch einmal Kunde erhalten von dem Schicksale derer, die mit und durch ihn unglücklich geworden waren? Lebte sein Vetter noch? Und wenn er lebte, weshalb schwieg er fort und fort gegen Jedermann?

Von solchen Gedanken beunruhigt, erreichte der Graf die Residenz. In dem Hotel, wo er abgestiegen war, um nur kurze Rast zu halten, hörte er viel von der reizvollen Signora Graziosa Feliciani sprechen und zufällig auch den Namen Birkenfeld nennen. Ein Rittmeister von Birkenfeld sollte sich dieser interessanten Schönheit wegen mit einem General, dem General von Haustein, geschlagen haben!... Wie konnte das zusammenhängen!... Seine Unruhe, seine Neugierde mehrte sich auch noch, als sein eigener Name genannt wurde. Von Schloß Tannensee war wenigstens die Rede.

Es war kurz vor der Vorstellung im Circus, die die besuchteste aller zu werden versprach. Die gefeierte Schönheit sollte darin auftreten. Graf Erhardt beschloß, dieser Vorstellung beizuwohnen. Er wollte doch wissen, wie eine Künstlerin aussähe, die zwei so geachtete Männer dazu bringen konnte, Kugeln mit einander zu wechseln!

Graziosa fesselte den Grafen. Die wunderbare Aehnlichkeit mit Flora machte sein Blut sieden, und als sie den unglücklichen Fall that, war es ihm angenehm, dem Ebenbilde des Weibes, das dereinst liebend an seinem Herzen geruht, an seinen Lippen gehangen, hatte, hilfreiche Hand zu leisten.

»Sollte Flora noch am Leben sein?« Diese Frage war es, die der Graf wahrend seiner Reise nach Schloß Tannensee sich wiederholt vorlegte. Seine Vermuthung erhielt noch mehr Nahrung durch den Eindruck, welchen seine eigene Tochter auf ihn machte. War Bianca sein Kind, worüber gar kein Zweifel ihn. beschleichen konnte, so mußte Graziosa dieser seiner rechtmäßigen Tochter aufs Nächste verwandt sein. Was aber sollte er thun, um Graziosa noch einmal zu sehen, um dem Geheimnisse, das ihr Leben umhüllte, nachzuspüren? Geraume Zeit war er unschlüssig. Endlich aber schrieb er ein paar kurze Worte an den Director Bianchi, die wenig mehr als die Anfrage enthielten, ob dieser nicht einen Nachweis über Signora Feliciani's Geburtsort und deren Aeltern zu geben im Stande sei? Eine Antwort auf diese Frage erhielt der Graf an demselben Tage, wo der Zufall ihn mit Graziosa zusammenführte. Dies Zusammentreffen glich allerdings mehr einem Aufsuchen; denn Bianchi ließ in seiner Antwort Andeutungen fallen, welche den Grafen mit Recht vermuthen ließen, auch Graziosa möge einen Besuch auf Tannensee beabsichtigen.

Der Koffer mit seinem Inhalt – dem Briefe Flora's und dem Ringe, wodurch Graf Erhardt der ersten Geliebten seiner Jugend sich verbunden hatte, führten zu weiteren Aufklärungen. Gräfin Mathilde kannte diesen Koffer ebenfalls. Es war ein Erbstück der Hammerstein, das immer an das älteste Glied der Familie fiel. Flora erhielt ihn beim Ableben ihrer Mutter. Ihr waren aber auch die geheimen Fächer bekannt, welche das Köfferchen verbarg. Bei Oeffnung derselben entdeckte man nun die wichtigen Documente, welche Graziosa unzweifelhaft als Flora's Tochter legitimirten.

Graf Hannibal von Tannensee hatte – wie ein kurz gehaltenes Tagebuch desselben mittheilte, das sich in den verborgenen Fächern außer einigen andern wichtigen Schriften und einer bedeutenden Summe in Werthpapieren vorfand – die Verwundete in größter Verborgenheit bis zu ihrer Genesung gepflegt und sich später ehelich mit ihr verbunden. Unter dem angenommenen Namen Don Annibale Feliciani reisten die in gewissem Sinne Verbannten zuerst nach Brasilien, wo Hannibal von Tannensee eine Hacienda erwarb. Hier lebte er in gänzlicher Zurückgezogenheit bis nach Graziosa's Geburt. Es wurden zwischen Hannibal und Flora lange Berathungen gepflogen, ob man die Geburt dieses Kindes geheim halten oder den Verwandten in der fernen Heimath bekannt machen solle. Hannibals Wunsch, das tiefste Stillschweigen darüber zu beobachten, behielt die Oberhand. Später, als die Geflüchteten bereits wieder auf europäischem Boden weilten, da Flora's Gesundheit das heiße Clima Brasiliens nicht vertragen konnte, bewog Hannibal seine dem Tode rettungslos verfallene Gattin zu dem von Graziosa so heilig gehaltenen Briefe. Bald darauf erlag sie dem Schreck. Ihr Gatte ertrank bei einer Lustfahrt auf dem Meere. Dunkel nur erinnerte sich Graziosa eines feierlichen Leichenconductes, dem sie in kindlicher Unwissenheit beigewohnt hatte. Da sich nur wenige Mittel im Nachlasse vorfanden, übergab man das Kind einer Waisenanstalt. Graziosa's einziger Reichthum war der Koffer, den man ihr stets als etwas Wertvolles anempfahl, weil sich die Vermuthung daran knüpfte, es könne derselbe später einmal doch zu Entdeckungen führen, die für dessen Besitzerin von Bedeutung sein möchten. Unbekannt mit Welt und Menschen verlebte Graziosa eine ziemlich zufriedene Jugend in diesem Waisenhause. Sie lernte die üblichen Handarbeiten und genoß den nothdürftigen Unterricht derartiger Wohlthätigkeitsanstalten. Ein ältlicher Herr aus Mailand, Belmonte, den die früh sich entwickelnde Schönheit Graziosa's bezauberte, nahm das Mädchen zu sich, bildete sie weiter aus und ließ ihr, da sie Lust und Anlage zeigte, Unterricht im Reiten ertheilen. Ein plötzlicher Tod endigte auch dies Verhältniß. Ihr Gönner hatte in seinem Testamente keine Verfügung getroffen, welche zu Gunsten Graziosa's gedeutet werden konnte. Sie galt für eine Dienende in seinem Hause und war es auch gewesen. So mußte sich denn die abermals Verwaiste, die nur ihren Koffer, den räthselhaften Brief einer namenlosen Mutter und den kleinen Goldreif besaß, nach einem neuen Unterkommen umsehen, das sie vor Noth und Mangel schützte.

Nach mancherlei Zwischenfällen, die indeß dazu dienten, die junge Graziosa ihren eigenen Werth und die Macht ihrer Erscheinung kennen zu lehren, erregte sie die Aufmerksamkeit Bianchi's, an dessen Circus zu Florenz sie als Blumenverkäuferin sich einfand. Das Interesse, mit welchem sie den Vorstellungen beiwohnte, führten zu näherer Aussprache und schließlich zum Eintritt Graziosa's in die Truppe Bianchi's, der schon damals den Wunsch einer Vereinigung auf Lebenszeit mit Graziosa deutlich durchblicken ließ.

Von dieser Zeit an begann für Graziosa ein bewegtes, doch kein unglückliches Leben. Ueberall, wo sie sich zeigte, machte sie Aufsehen und ward der erklärte Liebling des Publikums. Bianchi's Unternehmen florirte durch ihre Leistungen, namentlich aber durch den bezaubernden Reiz ihrer glanzvollen Erscheinung. Jedes Mitglied der Truppe begegnete dieser bewunderten Zauberin mit Achtung und Ehrerbietung, und hätte Graziosa sich nicht entschieden geweigert, auf die wiederholten Anträge Bianchi's einzugehen, so würde sie sich zur eigentlichen Gebieterin schnell und leicht emporgeschwungen haben. Der geheimnißvolle Koffer allein und der noch geheimnißvollere Brief ihrer Mutter, der so viel zu denken gab und sie zu den kühnsten Hoffnungen berechtigte, hielt Graziosa von jedem bindenden Versprechen ab und umgab sie mit einer unnahbaren Glorie, die Alle respectirten.

Nach fünfjährigem Harren und Forschen endlich erfüllten sich Graziosa's. Ahnungen. Sie fand die Heimath, sie fand den Vater, und was sie mehr noch als dies beglückte, sie gab der Familie, welcher sie angehörte, nach zwanzigjährigem Zwist den Frieden wieder ...

Ein Jahr nach Bianca's Vermählung mit Enno von Birkenfeld ward abermals eine Hochzeit auf Schloß Tannensee gefeiert. Diesmal stand Graziosa Olga Felice, Gräfin von Tannensee, als Braut vor dem Altare, um sich dem Freunde ihres Schwagers Birkenfeld, dem Baron von Hohenort, zu verbinden. Unter den Zeugen dieses feierlichen Aktes befanden sich General von Haustein, der Premier-Lieutenant, dessen abenteuerliche Erzählung, wie er mit Genugthuung behauptete, zu so segensvollen Enthüllungen geführt hatte, und der blonde Appenzell, der sich den inzwischen kräftiger entwickelten Schnurrbart mit vielem Aplomb drehte.

Graf Erhardt von Tannensee ging nicht wieder auf Reisen; die beiden einander so ähnlichen Halbschwestern aber verstanden es meisterhaft, durch Sanftmuth, Liebenswürdigkeit und echte Weiblichkeit die Wunden, zu heilen, welche blinde Leidenschaft und maßloses Wollen von Geburt und Glück so reich begünstigten Menschen beigebracht hatten.

Flora's nunmehr wieder entschleiertes Bild schmückte, stets neu von duftenden Blumen umwunden, das große Familienzimmer Graziosa's, die zu ihrem gewöhnlichen Aufenthalt mit Zustimmung des Grafen Erhardt den alten Tannenhof wählte, wo ihr zuerst im dunkeln Auge des Grafen die Gewißheit aufdämmerte, daß es der Vater sei, der bewegt ihre Hand in der seinigen hielt.

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