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Im Bann und Zauber. Erster Band

Ernst Willkomm: Im Bann und Zauber. Erster Band - Kapitel 10
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authorErnst Willkomm
titleIm Bann und Zauber. Erster Band
publisherTheodor Thomas
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9. Neue Enthüllungen.

Birkenfelds Ankunft auf Schloß Tannensee, die wenige Tage nach dem Eintreffen des Grafen Erhardt erfolgte, brachte eine Wirkung hervor, die Niemand voraus berechnen konnte. Bianca jubelte im Stillen, daß sie doch endlich den Geliebten wiedersah. Sie bedurfte einer männlichen Stütze, der sie unbedingt vertrauen konnte, denn die Gegenwart des Vaters drückte sie unaussprechlich. Nur einmal täglich sah sie den Grafen, nämlich bei Tafel. Dieses Zusammentreffen mit dem Manne, den sie Vater nennen sollte war aber so peinlich, daß ihr fast das Herz still stand. Ueber Tafel wurden immer nur wenige Worte, diese stets höflich, nur freilich auch förmlich gesprochen. Die während der Tafel anwesenden Diener – Graf Erhardt ließ sich nur von seinen ihn begleitenden Spaniern bedienen – so störend sie an und für sich waren, gaben dennoch diesem traurig-kalten Familienmahle noch einige Traulichkeit. Wie Graf Erhardt unter der gedruckten Stimmung, die Jeden beherrschte, mit scheinbarem Appetit speisen konnte, blieb Bianca unbegreiflich.

Nach Beendigung der Tafel, die stets anderthalb Stunden dauerte, zog sich der Graf abermals in seine Gemächer zurück und kam erst am nächsten Mittage wieder zum Vorschein. Was er in der Zwischenzeit trieb, erfuhr Niemand. Jeden Tag schickte er einen, bisweilen auch zwei seiner Diener mit Briefen fort, deren Adressen sowohl Gräfin Mathilde wie Bianca unbekannt blieben. Ueberhaupt schien der Graf eine sehr ausgebreitete Correspondenz zu führen.

Als nun der Rittmeister diesem Manne gegenübertrat, gedachte er sogleich der Erzählung des Premier-Lieutenants, welche General von Haustein in allen Punkten aufrecht erhalten hatte. Seine Gedanken führten ihn gleichzeitig aber auch in den eleganten Circus Bianchi's zurück, und im Geiste sah er die wunderbar anziehende Gestalt Graziosa's im Arme dieses Mannes liegen, den er jetzt als Vater seiner Bianca begrüßen sollte!

Graf Erhardt von Tannensee erkannte den Rittmeister ebenfalls wieder. Er hatte das Scherzspiel der Künstlerin mit den Blumensträußchen sehr aufmerksam verfolgt, und wußte besser vielleicht als irgend ein Anderer, daß der Sturz Graziosa's ganz allein mit ihrem Herabbeugen zu dem Rittmeister von Birkenfeld zusammenhing. Daß dieser Mann sein künftiger Schwiegersohn sei, das freilich konnte der eben erst mit Courierpferden angekommene Graf von Tannensee damals nicht wissen.

Der Rittmeister hielt es nicht für nöthig, jenes Vorganges im Circus Erwähnung zu thun, Graf Erhardt schwieg ebenfalls, und so entstand sogleich zwischen beiden Männern ein gegenseitig sich ergänzendes Mißtrauen, das nicht geeignet war, sie einander näher zu bringen.

Gräfin Mathilde trat dem Rittmeister noch gebeugter und melancholischer entgegen, als er sie früher gefunden hatte, und er fühlte mit schmerzlicher Theilnahme, daß die unglückliche Frau eine entsetzliche Last trage.

»Welch' schreckliche Ehe!« rief er aus, um Luft zu schöpfen, als er sich allein und unbeobachtet wußte. Warum hat man sie nicht längst gelöst? ... O, schnöder, weltlicher Vortheil! Dir Ungeheuer bringt die Sitte oder das Vorurtheil Herzen und Seelen zum Opfer!«

Comtesse Bianca konnte sich anfangs kaum fassen. Der eisig-kalte Blick ihres finsteren, förmlichen Vaters beherrschte sie ganz, das Leid der still duldenden Mutter krampfte ihr das Herz zusammen. Erst als die Etiquette ihr gestattete, den Rittmeister in den Park zu begleiten, ward ihr leichter, und jugendfrohe, heitere Bilder umgaukelten wieder ihre jungfräulich reine Stirn.

Die Zeit, sich mitzutheilen, sich gegenseitig auszusprechen, war jetzt für die Liebenden gekommen. Sie fühlten sich Beide von schwerer Last gedrückt und Beiden drängte sich das Bedürfniß auf, dieser Last sich zu entledigen. Rittmeister von Birkenfeld schlug eine Lustfahrt auf dem See vor. Er glaubte unter dem Geplätscher der Wellen leichter Worte für seine Empfindungen und Gedanken zu finden.

Bianca saß ihm gegenüber. Sie trug den breitkrempigen Strohhut, in dem wir ihr zuerst begegneten, als die melancholischen Glockentöne sie ins Schloß zurückriefen, wo ihr Vater so eben eingetroffen war.

»Wunderbare Aehnlichkeit!« sprach der Rittmeister, wie damals im Circus, als Graziosa im Arme des Grafen mit halbgeschlossenen Augen ruhte.

Bianca blickte den Geliebten frei, aber fragend an, ohne jedoch, ihre Frage in Worte zu kleiden. Ihr Auge nur fragte, von welcher Aehnlichkeit er spreche?

»Kennst Du die Volkssage von den Doppelgängern?« hob er jetzt an, die Ruder langsam hebend und senkend. »Wäre ich abergläubisch, ich würde darauf schwören. Du vermöchtest an zwei verschiedenen Orten zugleich zu wandeln!«

Bianca lächelte, indem das Roth glücklicher Liebe ihre Wangen überhauchte.

»Ich muß Dir ja dankbar sein, Enno,« versetzte sie, die Krempe ihres Hutes ein wenig zurückbiegend, »wenn Du mich so warm im Herzen trägst, daß mein Bild jederzeit im Spiegel Deines Auges sich zeigt.«

»Bei Gott, Bianca, ich sah Dich, nicht geistig, sondern leiblich!« rief Birkenfeld, vollkommen von Bianca's Aehnlichkeit mit Graziosa bezaubert, »aber Du weiltest ferne von mir!«

»Das sind nur Vorspiegelungen Deiner Phantasie,« lautete die schmeichelnd milde Antwort der glücklichen Comtesse.

»Könntest Du eifersüchtig werden?« fragte der Rittmeister schnell.

»Ich weiß es nicht, Enno,« versetzte Bianca, »doch hoffe ich, Du wirst mir keinen Anlaß dazu geben.«

Der Rittmeister schwieg und trieb den Nachen mit kräftigeren Ruderschlägen der kleinen Insel zu. Hier, zwischen hohen Nüstern, lag eine Mooshütte, die bequem und wohnlich eingerichtet war. Bianca weilte gern in dieser reizenden Einsiedelei, die ihr schon deshalb lieb geworden war, weil sie hier den Rittmeister zuerst kennen gelernt hatte. Ihre Mutter begleitete den General von Haustein und dessen Adjutanten nach der Insel, um ihren Gästen diesen lieblich stillen Aufenthalt zu zeigen.

An's Land gestiegen, legte Birkenfeld seinen Arm um die schlanke Taille Bianca's und ging auf dem breiten Kieswege das Ufer entlang.

»Wie lange mag es wohl her sein,« sagte er, das Gespräch wieder aufnehmend, »seit Dein Vetter, der Graf Hannibal von Tannensee, nach Brasilien auswanderte?«

»Das ist eine Ewigkeit,« versetzte Bianca. »Ich glaube, es geschah diese Auswanderung noch vor meiner Geburt.«

»War Graf Hannibal vermählt?«

»Die Mutter sagt es.«

»Und sonst leben Dir keine nahe Verwandten weder in der Nähe noch im Auslande?«

»Die Besitzungen der jüngeren Linie,« versetzte Bianca, »fielen bei der Auswanderung des Vetters durch Kauf zurück an den Vater, und wenn der Vater dereinst stirbt, erlischt mit ihm die ältere Linie der Grafen von Tannensee.

»Welche Veranlassung mochte wohl Deinen Vetter Hannibal über den atlantischen Ocean fortjagen?« »Ich habe darüber nur Vermuthungen, bester Enno.«

»Die Du mir sicherlich mittheilst, wenn ich Dich darum bitte.«

»Warum sollte ich damit zurückhalten?« sagte Comtesse Bianca. »Ich halte es sogar für besser, Du lernst auch die dunkeln Punkte kennen, die sich im Laufe so vieler Decennien auf unserm Stammbaum eingenistet haben und die sich nicht ganz, wenigstens nicht leicht, wieder dürften vertilgen lassen. – Komm, laß uns hier auf dieser Bank niedersitzen! Der Anblick des alten Schlosses mit seinen vorspringenden Erkern und Thürmen ist hier bezaubernd! – Siehst Du, Enno, dort in jener Fensterreihe liegen die Zimmer des Vaters – meines Vaters! –«

Die letzten Worte hatte Bianca seufzend gesprochen, und ihre Augen füllten sich mit Thränen.

Der Rittmeister küßte die Hand seiner Braut und sagte:

»Du wolltest von Deinem Vetter Hannibal und von der Veranlassung sprechen, die ihn angeblich zu der Auswanderung bewog.«

»Hannibal von Tannensee ist älter als mein Vater,« begann darauf Bianca, »und es scheint, als habe die zwar nur geringfügige Anzahl von Jahren, die er mehr zählte, als mein Vater, den ersten Anlaß zu einem herben Familienzwist gegeben, der von beiden Seiten mit großer Hartnäckigkeit geführt wurde. Ich habe meinen Vetter nie gesehen, nur Briefe, deren in langen Zwischenräumen einige an meine Mutter gelangten, kamen mir später zu Gesicht. Zwei derselben las ich mit hohem Interesse, obwohl ich ihren Inhalt niemals ganz verstand.«

»Waren Sie in so geheimnißvollem Styl geschrieben?« warf der Rittmeister ein.

»Es wurde auf Vergangenes darin angespielt, das ich nicht kannte,« fuhr Bianca fort. »Die Mutter, die ich wohl fragte, wich durch die Antwort aus: es thut nicht gut, mein Kind, davon zu sprechen. So schwieg ich denn, aber die unbefriedigte Neugierde ließ mir doch keine Ruhe. Ich forschte wiederholt nach dem fernen interessanten Vetter und endlich brachte ich in Erfahrung, daß Hannibal von Tannensee der schönste, ritterlichste, begehrenswerteste Mann seiner Zeit gewesen sein soll. Alle Herzen flogen ihm zu, auch das meiner Tante.«

»Welcher Tante? Ich glaubte, Dein Vater habe keine Geschwister!«

»Aber meine Mutter besaß eine Schwester, Namens Flora. –«

»Flora von Hammerstein!« rief der Rittmeister und die Erzählung des Premier-Lieutenants fiel ihm wieder ein und setzte sein Blut in lebhaftere Wallung.

»Hast Du von ihr gehört?« fragte Bianca.

»Nichts als den Namen,« erwiderte von Birkenfeld zerstreut. »Ich hörte, sie sei längst schon gestorben – im Auslande.«

»Leider, leider!« sagte die Comtesse. »Gerade dieser Tod, der niemals ganz aufgeklärt wurde, raubte meiner armen Mutter die Freudigkeit und machte sie später so melancholisch! ... Der Vater konnte diese ewige Betrübniß nicht ertragen und ging deshalb auf Reisen. Das schied denn die Eltern mehr und mehr, Und so habe ich gewissermaßen durch die gute Tante auch meinen Vater verloren. Nur ihr Bildniß besitzt die Mutter; wer es je sah, behauptet, ich sähe Tante Flora auffallend ähnlich.«

Der Rittmeister konnte nicht unterlassen, seine schöne Braut mit neugierigem Wohlgefallen zu betrachten, indem er sagte:

»Es kommt häufig vor, daß Kinder nicht ihren Aeltern, sondern mehr ihren nächsten Verwandten, bald den Großältern, bald Onkeln und Tanten ähnlich sehen. Bitte nun, zeige auch mir das Portrait Tante Flora's, wenn wir ins Schloß zurückkehren.«

»Der Vater darf es aber nicht wissen, Enno!« sprach Bianca mit ängstlichem Aufblick. »Er ahnt nicht, daß Flora's Bild im Besitz der Mutter sich befindet.«

»Kann er etwas dagegen haben, daß eine Schwester das Portrait einer andern, ihr früh durch den Tod entrissenen Schwester wie ein Heiligthum aufbewahrt?«

»Aber mein Vater haßte Tante Flora und eben deshalb –«

»Deshalb will er sie auch im Bilde nicht wiedersehen?« fiel der Rittmeister fragend ein. »Geliebte Bianca, vergib mir die folgende Bemerkung: Männer pflegen die Schönheit in der Regel nicht zu hassen!«

»Mein Vater haßte Tante Flora auch nicht ihrer Schönheit wegen, sondern weil Vetter Hannibal dieselbe überall, wo sie sich trafen, vor allen andern Mädchen auszeichnete.«

»Die Schwester Deiner Mutter?« sprach Enno von Birkenfeld und wieder zog wie ein Schattenspiel die Erzählung des Premier-Lieutenants an seiner Seele vorüber. »Liebte Hannibal von Tannensee vielleicht Flora von Hammerstein?«

Bianca schmiegte sich eng an den Geliebten, indem sie ihm leise zuflüsterte: »Der Vetter entführte die Tante wider den Willen ihrer Aeltern, wider den Willen meines Vaters ... Letzterer setzte den Entflohenen nach, ungeachtet der Bitten meiner Mutter ... er ereilte sie ...« Bianca stockte und wieder flogen ihre Blicke scheu nach allen Seiten.

»Vollende, Geliebte!« bat der Rittmeister. »Du folterst mich!«

Die Comtesse legte ihren Mund fast an das Ohr des geliebten Mannes, indem sie fortfuhr:

»Mein Vater und Vetter Hannibal schlugen sich auf Tod und Leben ... Flora, entsetzt, voll Angst und Verzweiflung, warf sich zwischen die Streitenden, und sank von dem Stahl des Vaters durchbohrt, zu Boden ...«

»Dein Vater tödtete die Schwester Deiner Mutter?« rief Enno erschrocken aus.

»Die Wunde Flora's war lebensgefährlich, aber meine Tante genas dennoch. Der Vater, die Rache Hannibals fürchtend, floh, weit, weit, ohne daß meine Mutter, Kunde von seinem Verbleiben erhielt. Aus Italien erst schrieb er der Trauernden. Er hielt Flora für todt, sich selbst für ihren Mörder ... Auch meine Mutter glaubte dasselbe, als ein eigenhändiges Schreiben Flora's ihr sagte, daß die theure Schwester noch am Leben sei. Dieser Brief, den die Mutter noch besitzt, war von einer Hacienda Brasiliens datirt, wo Flora als Gattin Hannibals von Tannensee zwar glücklich, aber schwer leidend lebte. Die Wunde, welche der Stahl meines Vaters ihr beigebracht, hatte edle Theile verletzt. Sie ward siech und litt unsäglich ... Auch konnte sie das heiße Clima nicht vertragen. Um zu gesunden, verließ Vetter Hannibal Brasilien mit meiner armen Tante und ging nach Nizza. Von dort aus erhielt meine Mutter den zweiten und letzten Brief von der Schwester, später sind alle Nachrichten von ihr wie von Hannibal ausgeblieben ... Man glaubt, d. h. meine Mutter vermuthet es, daß die lieben, von so schweren Prüfungen heimgesuchten Menschen bei einer Segelfahrt auf dem mittelländischen Meere ihren Tod durch einen unglücklichen Zufall gefunden haben.«

»Wie nahm Dein Vater diese dunkle Kunde auf?« forschte Enno von Birkenfeld weiter, der diese vielfach anders lautende Erzählung seiner Braut mit den früher vernommenen Mittheilungen nicht recht in Einklang zu bringen wußte.

»Mein Vater?« sagte Bianca. »Bester Enno, wie könnte ich diese Frage beantworten! ... Graf Erhardt – Bianca nannte ihren Vater lieber so – war nicht auf Schloß Tannensee, als ein Zeitungsbericht jenes Unfalles gedachte, den die Mutter mit dem völligen Verschwinden Hannibals und ihrer Schwester in Verbindung brachte. Wenn nicht später – und dies hätte nur ein einziges Mal geschehen können – mein Vater selbst der Verschollenen wieder gedacht hat, so glaubt er wohl heute noch, daß der Hannibals Brust bestimmte Stoß seines Degens Flora tödtete, und daß der geflüchtete Vetter im fernen Brasilien, wo er ansehnliche Besitzungen sich erworben haben soll, grollend seinen nächsten Verwandten in stiller Zurückgezogenheit lebt.«

Diese merkwürdigen Mittheilungen seiner Braut, die mehr noch den Charakter von Enthüllungen trugen, beunruhigten Enno von Birkenfeld. Die Frage: Wo liegt die Wahrheit? mußte sich ihm gewaltsam aufdrängen ... Wie seltsam verstrickt, wie dunkel und verworren lag jetzt die Vergangenheit der Familie vor ihm, deren einzigem Sprößlinge er sich für immer verbinden wollte! ... Hatte General von Haustein gelogen? Hatte er mit Absicht, aus blos ihm genau bekannten Gründen, die Wahrheit nur bemäntelt, um den Grafen Erhardt von Tannensee, seinen ehemaligen Kameraden, zu schonen? ... Wem sollte, wem durfte der Rittmeister Recht geben? Und wie ließ sich, ohne zu verletzen, ohne längst erstorbene Leidenschaften wieder wach zu rütteln, die Wahrheit ergründen, das Tatsächliche sich unzweifelhaft feststellen?

Für Bianca's Version, die sie zum Theil den eigenhändigen Briefen ihrer unglücklichen Tante entnommen haben wollte, sprach Mancherlei. Aus dieser Erzählung erklärte sich die Melancholie der Gräfin Mathilde, und für das finstere, kalte, vornehme, abstoßende und verschlossene Wesen des Grafen Erhardt von Tannensee, der Flora ohne Zweifel geliebt und das Glück ihres Besitzes dem Vetter nicht gegönnt hatte, war ebenfalls ein Schlüssel gefunden. Selbst die Bestürzung des Grafen beim Anblick Graziosa's im Circus, die ihn an die Geliebte, von seiner Hand, wie er meinte, Getödtete, sofort erinnern mußte, ließ sich dann leicht deuten. Endlich konnte der Rittmeister recht gut begreifen, daß sein Schwiegervater im Schlosse Tannensee, wo er Flora als Herrin so gern hätte walten sehen, keine bleibende Stätte finden könne, und daß er am liebsten sich gegen jeden geselligen Umgang, selbst gegen die nur geduldete Mutter seines Kindes, abschließe.

Enno von Birkenfeld verschloß diese stürmisch in seiner Seele sich kreuzenden Gedanken vorerst still in seiner Brust. Das Bild! Das Bild! rief es in ihm und Einsicht der Briefe Flora's war der zweite Wunsch, der ihn beschlich. Beide verheimlichte er Bianca nicht.

»Ich muß die Stimmung der Mutter abwarten,« sagte Bianca, den stürmischen Freund liebevoll anlächelnd. »Darf ich es wagen, dies trübe Thema, das sie stets erschüttert, zu berühren, so soll es geschehen aus Liebe zu Dir, mein theurer Enno!«

Dem Rittmeister genügte diese Versicherung. Er überließ sich der heiteren, glückverheißenden Gegenwart, betrat an Bianca's Hand die stille, friedliche Mooshütte, umschritt mit ihr die kleine Insel, ruderte die Geliebte später wieder über den See zurück ans Land und betrat beim Dampfen der Tannenwaldung voll banger und froher Erwartungen Schloß Tannensee, das ihm wie eine uralte, von Zauberern, Kobolden und Dämonen bewohnte Ritterburg vorkam.

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