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Ille mihi - Zweiter Band

Elisabeth von Heyking: Ille mihi - Zweiter Band - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefiction
authorElisabeth von Heyking
titleIlle mihi ? Zweiter Band
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
printrunVierte Auflage
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Bald nahte der Tag, wo der neue Gesandte und seine Frau nach langer Seefahrt in dem fernen Lande eintreffen sollten.

Am frühen Morgen, noch weit draußen auf offener See, hatte das Schiff, das sie trug, eine einsame Insel passiert. Oben auf der Brücke stehend, hatte Wolf die bläulich aus dem Wasser emporsteigenden Umrisse Ilsen gewiesen und dabei geflüstert: »Das ist die Santa Immaculata, von der Herr von Plenker sprach!«

Da war der alte Kapitän an sie herangetreten und, ebenfalls auf die Insel starrend, hatte er gesagt: »Möchte nur noch so lange meinen alten Kasten führen, bis ich da mal unsere Flagge wehen sehe – an so manchen Küsten haben andere ihre Nester gebaut – nur wir nicht – gehen überall zu Gast – brauchen doch auch Docks, Kohlenstation, Stützpunkt. – Nicht wahr, Herr Minister?«

Doch Wolf wehrte ab: »Dieser Weltteil dürfte für solche Pläne wohl der ungeeignetste sein.«

»Ach, hier oder anderswo, die anderen gönnen uns ja nirgends etwas, so viel sie auch selbst haben,« brummte der Alte und schritt davon.

Wenn es nun am Ende aber doch wahr werden könnte! sann Ilse nach, und in ihrer Phantasie waren alle politischen Hindernisse plötzlich wie durch ein Wunder hinweggewischt. Sehnsüchtig richteten sich ihre Blicke hinaus auf die Insel, die, einem blauen Phantom gleich, im Lichte verschwimmend, am Horizonte stand.

Während der langen Seereise hatte Ilse Muße gehabt, den letzten eiligen Berliner Aufenthalt oftmals zu überdenken, und dabei war sie sich erst ganz bewußt geworden, wie manche Wegesschwierigkeit nunmehr überwunden war, und daß ein gewisses gesichertes Ansehen Wolf und ihr jetzt unbestritten gehörte. Ja, das hatten sie erreicht – durch viel Mühe und Opfer – und auch durch die bloße Macht der wie Stromeswellen vorübergleitenden Jahre, die, ganz sacht, aber unaufhaltsam, mehr und mehr von dem Felsen des Geschehenen abspülen und mit sich ins Meer des Vergessenen tragen. – Aber gerade in diesem Gefühl, daß sie solchen Erfolg eigentlich nur einem halben Vergessen und Verzeihen der Welt verdankten, lag für Ilses Wesensart ein Ungenügen, beinahe ein Stachel. – Wertverkündende Taten sollte ja das Leben enthalten! – Doch wie siegessicher sie dies auch zu Anfang des Weges gehofft, bisher hatte er keine Gelegenheit zu solcher Bewährung geboten. – Aber vielleicht würde hier auf diesem Posten die lang erflehte große Aufgabe endlich erstehen! Die Möglichkeit, eine dauernde Spur eigenen Erdenwallens zurückzulassen! – – Ach, wünschte Ilse inbrünstig, wenn doch einst in dem großen Kontobuch, das jede Nation über ihre Kinder führt, stehen möchte: Diese Insel ward deutsch durch Wolf von Walden! – – Und dabei spähete sie leuchtenden Auges hinaus in die blauende Weite – – – aber verschwunden schon war Santa Immaculata, eine kurze Fata morgana, wie so manches Eiland der Sehnsucht.

Programmäßig verlief die Ankunft in der Hafenstadt, wo zum Empfang am Pier die Spitzen der deutschen Kolonie in glühender Sonne bereit standen. Mit völliger Unabhängigkeit des Geschmacks hatten sie die verschiedensten Kostüme gewählt, Gehrock mit schwarzen Handschuhen, graue Khakijacke, Smoking mit gelben Stiefeln, Frack sogar.

Als erster begrüßte der bisherige Geschäftsträger die Ankömmlinge, lässig in weißen Flanell gekleidet, mit weichem seidenen Hemd und zerdrücktem Panama, sah Baron Dedo aus, als käme er eben von einem Tennisplatz – aber müde und sichtlich erleichtert, das Racket einem anderen übergeben zu können.

Auch Großmann war zur Abholung in den Hafen hinabgekommen, und nachdem alle Vorstellungen erfolgt, ein Willkommenstrunk im deutschen Klub geleert und verschiedene Reden gehalten worden, ging es in des Konsuls und Dedos Begleitung per Extrazug durch die gebirgige Tropengegend zur Hauptstadt hinauf.

Einige andere Deutsche hatten sich angeschlossen und, vom Frühschoppen zu lautem Patriotismus angeregt, redeten sie und Großmann auf Wolf ein: »Ja, diese steil aufsteigende Bahn, auf der sie die paar Stunden durch Urwalddickicht fuhren, die war ja nur eine Teilstrecke der großen Linie, die deutsches Kapital, deutsche Tüchtigkeit, deutscher Unternehmungsgeist zur Erschließung dieses großen zukunftsreichen Landes zustande gebracht hatten!«

Zu Ilse gewandt, neben der er etwas abseits in einer Ecke des großen Salonwagens saß, bemerkte Dedo: »So können die nun stundenlang reden – als ob noch nie ein anderes Volk eine Bahn gebaut hätte! – Dies Protzen mit der eigenen Tüchtigkeit ist auch einer der Gründe, die uns allerorts so wenig beliebt machen.«

»Aber,« sagte Ilse, »es ist doch auch wirklich schön, daß hier von Deutschen unter so schwierigen Verhältnissen eine so große Leistung vollbracht worden ist!«

»Leistung? gnädige Frau!« wiederholte Dedo. »Ja, in technischer Hinsicht gewiß. Aber wenn man fragt: wozu? – da kann man wohl von dieser Leistung wie von so mancher anderen sagen, daß sie am besten unterblieben wäre. – Die Bahn ist für den Kulturstand des Landes zu früh gekommen und hat zu viel gekostet. Sie wird nur wenig benutzt und rentiert daher nicht – und wir haben fortwährende Beschwerden über das Ausbleiben der von der hiesigen Regierung garantierten Zinszahlungen. – Na, Herr von Walden wird bald genug mit den Folgen dieser Leistung deutschen Unternehmungsgeistes zu schaffen bekommen!«

»Ach, Herr von Lenval,« entgegnete Ilse in unerschütterter Zuversichtlichkeit, »meinem Mann ist gerade die Schwierigkeit einer Aufgabe das Anziehende.« –

Programmäßig verlief dann auch der Empfang in der Hauptstadt. Da standen ebenfalls die Spitzen der deutschen Kolonie in der schmierigen Bahnhofshalle, wo stets Bananenschalen und zerkaute Stücken Zuckerrohr herumlagen, und es nach Vanille roch. Bewillkommende Worte wurden geredet, während eine Kapelle unentwegt auf Blechinstrumenten das »Heil Dir im Siegerkranz« dröhnend erschallen ließ. – Von Seiten der Landesregierung hingegen geschah nichts, um der Veranstaltung weiteren Glanz zu verleihen.

Bei allem, was vorging, stand Dedo wie überwältigt von Müdigkeit und ganz zusammengesunken unter der Last der Langweile. Das Monokel hatte er schon längst durch ein blasiert wirkendes Emporziehen der Stirnhaut aus dem Auge fallen lassen, und er sah aus wie ein Pferd, das im Stehen schläft.

Erst als eine gaffende und recht wild verwegene Menge zerlumpter Bevölkerung immer dichter heranzudrängen begann, schien er plötzlich aufzuwachen. Das Monokel saß auf einmal wieder am Auge, und Ilse den linken Arm bietend, und sich selbst vor sie schiebend, bahnte er ihr, scheinbar ganz lässig, mit dem Stöckchen, das er in der Rechten trug, einen Weg durch die Knoblauch ausdünstenden Knäuel heißer, brauner, stier starrender Menschheit. – – Als er sich dann abends von Waldens empfahl, sagte er: »Der wilde Festesrausch wäre hiermit wohl erledigt – nun dürften voraussichtlich die üblichen Klagen und sonstigen Verdrießlichkeiten wieder einsetzen.«

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