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Ille mihi - Zweiter Band

Elisabeth von Heyking: Ille mihi - Zweiter Band - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorElisabeth von Heyking
titleIlle mihi ? Zweiter Band
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
printrunVierte Auflage
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Der Posten, zu dessen Antritt Waldens sich auf lange Seefahrt begeben hatten, wurde inzwischen von dem Legationssekretär, Baron Dedo von Lenval, verwaltet.

Im Gegensatz zu anderen tatenlustigen und auszeichnungssüchtigen Geschäftsträgern war Baron Dedo, auf eine ihm eigene matte und müde Weise, hoch erfreut, als er erfuhr, daß sein neuer Chef demnächst eintreffen werde. Mochte der sich nun herumzanken mit den wechselnden, aber stets gleich unzuverlässigen Regierungen dieses eingebildeten und doch so kulturlosen Volkes! Mochte der auch sich auseinandersetzen mit der anspruchsvollen und nie befriedigten deutschen Kolonie! – Er selbst würde dann endlich wieder Muße finden, sich seinem eigentlichen Herzensberuf, dem Aquarellieren, zu widmen, wozu die vielen malerischen Winkel dieses gottvergessenen Tropennestes ja mancherlei Anregung boten. Jetzt wurde er ja immer wieder gestört, durch Anfragen der neugierigen Vorgesetzten in Berlin, Wünsche der unleidlichen Landsleute, oder auch durch Geschehnisse in diesem unruhigen Lande, bei denen selbst seinem beschaulichen Gemüt eine Berichterstattung nach Hause unvermeidlich erschien.

Da aber, bei der ganzen Sinnesart der Eingeborenen, eine gewisse Schaustellung zur Aufrechterhaltung des Prestige nötig war, beschloß Dedo seufzend, den für den neuen Gesandten zu veranstaltenden Empfang mit dem deutschen Wahlkonsul zu bereden. – Zu diesem Zweck zog er einen frischen bastseidenen Anzug an, da ihn der am Morgen angelegte nicht mehr ganz makellos dünkte, setzte den weichen Panamahut auf und begab sich gähnend zu Herrn Großmann. Er hätte den Konsul auch zu sich bitten können, aber er zog es in solchen Fällen stets vor, Besuche selbst zu machen, da es dann in seinem Belieben lag, sie rasch abzubrechen.

Dedo traf Herrn Großmann inmitten seines Ladens gerade damit beschäftigt, die Aufstellung der allerneuesten vom Zoll angekommenen Waren kritischen Blicks zu prüfen. Herr Großmann hatte, wie immer bei solchen Gelegenheiten, einen scharfen Zusammenstoß mit den Zollbeamten gehabt, die jede Zollabfertigung von Waren fremder Importeure als Gelegenheit ansahen, einen Raubzug zu Gunsten der gleich zerrütteten Landes- und persönlichen Finanzen zu unternehmen. Aber sein gerechter Zorn legte sich beim Anblick der vielen Dinge, die der Kommis geschickte Hände kunstvoll aufgebaut hatten, und die so recht angetan schienen, einen Pionier der Kultur mit Stolz und Zuversicht zu erfüllen. Da gab es dem heißen Klima entsprechende blaue und rosa Tüllkorsetts, Kämme aus Schildpattimitation, glitzernde Schmuckgegenstände, die auf schwarzes Glanzpapier geheftet waren; vor allem aber weiße Atlasfächer, bedruckt mit den bunten Bildnissen des deutschen Kaisers und des Landespräsidenten, und auch anderer, besser zueinander passenden Paare, wie Elsa und Lohengrin, Faust und Gretchen. Besonders anmutig und an die ferne Heimat mahnend erschienen aber Herrn Großmann die kleinen Blechschildhäuschen, die Streichhölzer bargen, und neben denen ein braver, ebenfalls blecherner Pudel stand, der mit dem Gewehr vor einem imaginären Vorgesetzten präsentierte. Um alle diese Gegenstände hatten die Kommis künstliche Blumenzweige zwanglos gruppiert, und in sinniger Nachahmung der Natur saßen zwischen diesen riesige grünwollene Laubfrösche, deren breite Rücken als Stecknadelkissen dienten. – Den Hintergrund des ganzen Aufbaues aber bildeten die deutsche und die Landesflagge, zu einer großen Rosette derart verschlungen, daß die deutsche möglichst klein erschien – denn Herr Großmann verkaufte nicht nur deutsche Produkte, sondern er trieb auch auf seine Art deutsche Politik, die, in der Absicht, es mit niemand zu verderben, sich ja mitunter in selbstauferlegter Bescheidung gefällt.

»Guten Tag, Herr Großmann,« sagte der eintretende Geschäftsträger.

»Mahlzeit, Herr von Lenval, Mahlzeit,« antwortete der Kaufmann, denn es war um die Mittagsstunde, und er hatte diese Begrüßungsformel von Norddeutschland her beibehalten. Dabei streckte er dem Geschäftsträger über den sie trennenden Ladentisch die Hand entgegen.

Baron Dedo von Lenval war bei solchem Händeschütteln über Fettpuder, Lilienmilch und Tüllkorsetts hinweg immer noch ein bißchen zu Mute wie damals, wenn er als Attaché des Auswärtigen Amtes mit altmodisch sparsamen Tanten vom Lande deutschen Sekt trinken und zweiter Güte fahren mußte. Durch ein geschicktes Emporziehen der Stirnhaut, das unendlich blasiert wirkte, ließ er das Monokel aus dem Auge sinken, um all die da ausgebreiteten Gräßlichkeiten nicht gar so deutlich zu sehen, und legte dann seine wohlgepflegte Rechte, an der eine goldene Armkette sichtbar wurde, flüchtig in die breite Faust Herrn Großmanns.

Nachdem Dedo den Zweck seines Kommens dargetan, antwortete Großmann: »Dem neuen Gesandten einen dem Ansehen des deutschen Reiches entsprechenden Empfang bereiten? Kann gemacht werden, versteht sich, soll geschehen! Die ganze Kolonie bring ich auf die Beine.« Und dann, sich plötzlich besinnend, setzte er vertraulich hinzu: »Aber nicht wahr, Herr von Lenval, Sie erwähnen dann auch gelegentlich mal dem Gesandten gegenüber meine bisherigen Verdienste ums Deutschtum hier draußen, von wegen ...«

»Ja, ja,« unterbrach ihn Dedo, »von wegen des Kronenordens IV.! – Ich kenne ja diesen an Größenwahn streifenden Ehrgeiz.«

»Es ist ja nur der besonderen Umstände halber, Herr von Lenval,« plaidierte Großmann, »sehen sie – die Schwester meiner Frau hat doch den General Fernando Ramon geheiratet, und ich bin immer noch der simple Karl Großmann – da gäbe es mir doch ein gewisses Gegengewicht, wenn ich mich doch wenigstens Ritter eines Ordens nennen könnte – Sie müssen das doch begreifen.«

»Aber wenn nun Ihr Schwager, der General Ramon, wie es ja allgemein heißt, wirklich nächstens Präsident der Republik wird – was werden sie da erst als Gegengewicht fordern?« fragte Dedo mit unterdrücktem Lachen.

»Ach, Herr von Lenval,« antwortete Großmann, »von dem Glanz lebt dann eben die ganze Familie! – Und wissen Sie,« – er begann dabei ein Stück rosenroten Tarlatans zu entfalten und um eine Pyramide bunter Seifenstücke zu kunstvoller Draperie aufzubauschen – »als Schwager des Präsidenten könnte ich dann auch viel dazu beitragen, daß sich gewisse Wünsche hübsch in Frieden und Freundschaft mal erfüllen ... Sie wissen doch? ... wovon man hier so gelegentlich munkelt ... und was damals den Herren Offizieren von der ›Unerschrocken‹ ja auch so sehr am Herzen lag? ...«

Und zwischen phantastisch anschwellenden rosigen Stoffwolken blinzelte er den Geschäftsträger bedeutsam an.

Doch Dedo stand bereits an der Tür. »Stützpunkt? Kohlenstation?« rief er, »gräßlich! – – Bester Herr Großmann, das ist ja alles bloß hiesiger Küstenklatsch! Daran denkt zu Hause niemand ernstlich – na, der neue Gesandte wird Ihnen das sicher auch ausreden.« – Und dabei enteilte Dedo dem Laden, so rasch es seine chronische Müdigkeit zuließ.

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