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Ille mihi - Zweiter Band

Elisabeth von Heyking: Ille mihi - Zweiter Band - Kapitel 5
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typefiction
authorElisabeth von Heyking
titleIlle mihi ? Zweiter Band
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
printrunVierte Auflage
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Die Hochzeitsgäste waren gegangen. Graf und Gräfin Helmstedt und Greinchen hatten sich unbemerkt in ihre Zimmer zurückgezogen, um Wolf und Ilse den Nachmittag ungestört zu lassen, bis sie mit dem Abendzug abreisen sollten. Auch die Dienerschaft war verschwunden.

Lautlos lag Gisis Villa. In dem zur Traukapelle verwandelten Saale hauchten die zahllosen sterbenden Blumen ihren Duft aus. Wolf und Ilse schritten leise durch die vor kurzem noch gefüllten und nun so stillen Räume, und sie fühlten, daß, was eben noch Gegenwart gewesen, jetzt schon Vergangenheit geworden. All die wohlvertrauten Plätze waren da, wo sie während ihrer kurzen Brauttage unter Gisis verständnisinnigem Schutze zusammen gesessen und geplaudert hatten; ein Hauch, ein Echo von all dem, was sie beide da gefühlt und gesagt, barg sich noch in jedem Winkel und war doch alles schon Erinnerung, wie waren diese Tage schön gewesen! Würde das Leben je so schöne Erfüllungen bescheren können, wie ihre Verheißungen gewesen? Jede Zukunft enthält ja eine Bangigkeit. Trotz festester Zuversicht und heißester Sehnsucht. –

Und vielleicht hätten die beiden Menschen, die zusammen nun auf ungekanntem Wege verschleiertem Ziele zustreben sollten, diese jüngst verflossenen Tage mit all ihrem Zauber schmelzender Süße in diesem Augenblick gern zurückgerufen, um sie noch einmal zu durchleben – aber sie fühlten ja zugleich, daß nicht nur diese Tage verronnen waren, sondern auch die Stimmung, die sie erfüllt hatte. – Anderes, Neues regte sich in ihnen beiden. – Eine Unrast, in der Erwartung gesteigerter Gefühle. – Sie fanden sich nicht mehr zurecht in diesen traulichen Winkeln, die Gisis lächelnde Fürsorge ihrem Brautgeflüster bereitet. Ein Ungenügen empfanden sie, eine Fremdheit mitten in dem wohlbekannten, und ohne daß sie es selbst recht verstanden, überkam sie beide eine Sehnsucht nach Verborgenheit, der Wunsch, irgendwo zu sein, wo niemand sie vermute. –

Sie brauchten es sich gar nicht erst zu sagen. Ganz von selbst waren sie zusammen in die Eingangshalle getreten, wo schon ihre Sachen für die abendliche Abreise bereit lagen. – Ilse hatte den Hut aufgesetzt, dessen langer Schleier sie wie ein silbriger Dunst umschwebte. So schritt sie hinaus, und Wolf folgte ihr. – wie im Traume schlugen sie den kleinen Pfad ein, der, an bröckelndem Gemäuer entlang, den mit alten Oliven bestandenen Hügel hinanführte.

Wie die blauen Maschen eines umgarnenden Gewebes spielten die zitternden Schatten des Geästs über sie beide hin. – So gingen sie wie gefangen in einem Netzwerk flimmernder Striche und Tupfen. Gingen, als müßten sie gehen, als schöbe sie eine unwiderstehliche Gewalt. Fragten auch nicht wohin, als könne es für sie beide nur das eine mögliche Ziel geben: Das Rifugio di San Cristoforo, wohin mit gespenstisch grauem Arm der Wegweiser sie wies. –

Auf den schrillen Klang des Glöckchens an der Eingangspforte eilte die grauhaarige Alte mit den blinzelnden Augen auch so schnell herbei, als habe sie des Tones schon im tiefen Grün der Lorbeerhecken gewartet. – Und sie empfing die Gäste mit redseligen Beglückwünschungen – die ganze Nachbarschaft, so erzählte sie, wußte ja von der Hochzeit, und sie selbst hatte am Morgen Blumen zum Dekorieren des Saales hinübergetragen. – Nur schade blieb es, daß die Herrschaften wegreisen wollten, wo könnte man denn glücklicher sein als in Florenz? » Sarebbe meglio rimanere cui, comprar la villa e fare dei belli bambini« Aber nun wollte sie der Signora sposa schnell einen schönen Strauß binden, denn so viele Blumen auch am Morgen geschnitten worden, San Christoforos großer Garten barg deren immer noch! »Vielleicht,« fragte sie verschmitzt, »beliebte es den Herrschaften, indessen etwas in der Villa zu rasten?« –

Schon hatte sie die Haustür aufgeschlossen, und während sie fledermausartig davonhuschte, traten Wolf und Ilse in die verlassene Villa. Dämmernde Kühle umfing sie. Durch das einstmalige Refektorium im Erdgeschoß schritten sie, vorbei an dem, aus dem Halbdunkel riesengroß auftauchenden Bilde des Heiligen, der mitleidig auf diese beiden kleinen Wanderer herabzublicken schien, die da des Lebens lange Reise so zuversichtlich begannen. –

Zum oberen Stockwerk stiegen Wolf und Ilse hinauf, und ganz von selbst fanden ihre Hände im Zwielicht des Treppenhauses die Klinken der Türen und öffneten die unbewohnten Räume, als seien sie hier zu Hause. Spärlich nur sickerte das Licht von außen zwischen den herabgelassenen Jalousien in die stillen Stuben und legte helle Streifen auf den steinernen Boden. Und plötzlich war es Ilse wieder, als stände das Schicksal in diesem Hause dicht hinter ihr, unfaßbar und doch so nahe, daß sie die Berührung einer unsichtbaren Hand deutlich zu spüren glaubte. Wie beim ersten Male, als sie hier eingetreten, empfand sie die Gegenwart von etwas Geheimnisvollem, von etwas, das sich ihr verständlich machen wollte, und dessen Sinn sie doch nicht zu enträtseln vermochte. Sie wandte sich zu Wolf, und in dem Zimmer, von dessen Decke zwischen schweren Goldschnörkeln mythologische Gemälde blickten, wo an den Wänden alte Seidenbehänge verblaßten, fragte sie ihn leise: »Haben wir hier einst früher gelebt, oder werden wir hier noch einmal leben? Kannst du es mir sagen?« Er aber antwortete in dem dämmernden Raume dicht neben ihr flüsternd, mit einem neuen bebenden Klang in seiner Stimme: »Ach Ilse, was liegt an Vergangenheit und Zukunft! Daß ich jetzt in diesem Augenblick hier bei dir bin, ist alles, was ich noch vom Leben weiß.« –

Ganz bang und schwül war ihr beim Klang seiner Stimme geworden. Als säße sie in einem kleinen Nachen, vor dem sich plötzlich eine grüne durchsichtige Woge turmhoch aufbäumt, und es war eine Angst und zugleich auch eine Wonne in dem Warten: Wird sie mich tragen, wird sie mich verschlingen? –

Aber in unwillkürlicher Abwehr trat Ilse rasch ans Fenster und stieß den Laden auf. – Goldenes Nachmittagslicht flutete herein, Sonnenstäubchen tanzten plötzlich, wo bisher dunkle Leere gewesen, und in den Seiden der Wände begann es leise zu knistern. Ilse aber atmete auf: Ihr kleiner Nachen war noch einmal von der großen grünen Woge gehoben worden und glücklich über sie hinweggekommen! –

Sie öffnete nun die Fenster jedes neuen Zimmers, in das sie traten, denn sie fürchtete die Stimme der Dunkelheit! Doch auch die Helle barg ja Gefahren. – Bis hinauf zu der Loggia in dem Turm waren sie gekommen, saßen nun da traumverloren. Und vor ihnen lag die Schönheit der Welt gleich einer ungeheuren Versuchung. – Denn mit tausend Stimmen sang es ja hinauf zu ihnen: »Bleibt, bleibt und genießt!«

Sie blickten hinein in das wuchernde Dickicht des verwilderten Gartens, auf die Lorbeerhecken, die keinen Schnitt mehr kannten, und die Gänge und Tauben wildrankender Rosen und Jasmine. Sie sahen die Allee uralter Zypressen, zwischen denen der einstmalige Weg sich längst zu rasenbedeckten Terrassen gewandelt hatte, auf denen nun Hunderte von wilden Blumen blühten. – Sie schauten hinaus auf andere Hügel, wo andere Villen in anderen Gärten verzaubert träumten; sie schauten hinab, wo in der Tiefe die Stadt sich in violettem Abenddunste barg. Einzig noch vom Licht umflossen, hob sich die eine Riesenkuppe! aus dem bleichen Nebel empor, reckte sich, bot sich dar gleich einer mystischen Glücksblume: Pflücket mich, pflücket mich! –

Nichts sprach da von Kampf und Streben, von Glückes Rechtfertigung durch die Tat. – Alles war verschwimmende weiche, hinschmelzende Süße, Leben und Lieben schien Zweckes genug. – Unter dem verwitterten Schilde sitzend, das die Worte » Ille mihi« trug, lehnte nun Ilse an Wolfs Schulter, wußte nicht mehr, was sie sah, dachte nur noch, daß sie die Ewigkeit lang so verweilen möchte, verstand jetzt, wie der Dichter des Zauberlandes da vor ihr, daß es Wogen gibt, in denen es süß ist, unterzugehen.

Schön, schön wäre es, da zu bleiben! Leicht, kampflos würde dann das Leben dahingleiten! Keine Härte, keine Kränkung könnte in diese Geborgenheit dringen.

Sie dachten es beide in schwindender Besinnung und steigender Sehnsucht und fühlten doch zugleich, daß sie nicht bleiben durften. Deutlicher wie der Mann fühlte es in dieser Schicksalsstunde vielleicht die Frau, denn er hatte sich mit voller Leidenschaft an das Glück des Augenblicks verloren, sie aber dachte an das Glück seines ganzen Lebens, fühlte sich als dessen Hüterin. – Und sie wußte, daß Tatenlosigkeit nie lange ihm ein Genügen bieten könne, wußte, daß, ob er sie jetzt gleich noch so heiß bitten mochte, hier verweilend ihm nur Glücksspenderin zu werden, er doch im innersten Herzen die Festigkeit von ihr erwartete, die er selbst in dieser Sekunde verloren. – Gefährtin, Führerin auf steilem Wege, das sollte sie ihm ja sein! Und die Ziele, die er, auf ihre Liebe gestützt, erreichte, die würden glänzende Rechtfertigung sein! –

»Laß uns alles aufgeben, laß uns für immer hier bleiben,« flüsterte er.

Sie aber antwortete: »Das dürfen wir nicht, Wolf, es wäre ein Verrat an dir selbst!«

Doch wie innere Bangigkeit vor dem Leben überkam es ihn plötzlich, und er drang in sie: »Was ist denn all das wert, um was wir draußen in der Welt kämpfen müssen, neben dem geborgenen Glück, das wir hier nur zu greifen brauchen?«

»Aber es wäre dir eben nicht lange Glück,« erwiderte sie leise, »sondern es würde bald Reue und Bedauern heißen. – »Glaub mir,« fuhr sie fort, »du kannst nur glücklich sein, wenn du zu dem wirst, was du in dir fühlst.« –

»Aber es gibt gerade hier so viel Dinge, denen man leben und nachsinnen könnte,« warf er ein, »und ist eigenes Tun denn überhaupt nötig, wo so viel Schönes zu schauen?«

Sie lächelte bei seinen Worten. Ein beinahe mütterlich nachsichtiges Lächeln war es, das seltsam wirkte auf ihrem jungen Gesicht, und sie sagte: »Ach Wolf, so reden hier in Italien alle Nichtstuer und Leute mit gescheiterten Existenzen; sie schläfern ihre einstmalige Willenskraft mit sogenannten Kunstinteressen ein. – – Nein, nein, so darfst du nicht enden, wir beide wollen um deinen Platz in der Welt mit allen Kräften kämpfen.« –

Aber während Ilse scheinbar so tapfer redete, fühlte sie, wie in Wirklichkeit ihre Kräfte schwanden. Der Versuchung, hier willenlos hinzusinken, sich von den großen Wogen seiner Liebe ganz verschlingen zu lassen, würde sie nicht mehr lange widerstehen können. – Ille mihi! Er war ja jener, außer dem sie nichts verlangte! – »Komm! komm!« bat sie, und mit einer letzten Anstrengung griff sie nach seiner Hand und zog ihn mit sich. –

Und so eilten sie beide aus der Loggia des Turmes hinab durch die stillen Räume der verlassenen Villa, eilten durch Zimmer, an deren Decken leichte Ornamente wie kräuselnde Wellenlinien spielten, und andere, an deren Wänden aus alten vergoldeten Rahmen die Bildnisse namenloser Toten geheimnisvoll zu lächeln schienen. Eine Angst hatte sie plötzlich ergriffen. Als würden sie verfolgt, so eilten sie vorbei an Marmorkaminen, deren Tiefe der Ruß längst erloschener Feuer schwärzte, an hohen Kesseln, auf denen der Damast verschlissen hing und alten Truhen, die unbekannte Wappen zierten. – In ihrer Hast verfehlten sie den Weg, kehrten zurück durch dieselben Türen, über deren feingemeißelten Architraven Blumenstilleben und Amoretten als Sopraporta in die Mauer eingelassen waren, irrten noch einmal durch Zimmer, an deren Wänden verblaßte Seidenstoffe knisterten, wo auf Estraden Prunklager gespenstisch standen, gleich Triumphwagen im Festzuge eines vergessenen Gottes. Und während sie noch also den Ausgang wie in einem Irrgarten suchten, befanden sie sich auf einmal in der Halle, wo kunstvoll angebrachte Spiegelscheiben das Bild alter Architekturmalereien in steter Wiederholung zurückwarfen – Zahllose Säulenreihen hervorzaubernd, an deren Ende immer wieder dieselbe Fontäne plätscherte. Und zwischen diesen Säulen erblickten die beiden plötzlich sich selbst in beängstigender Wiederkehr – von allen Seiten starrte das eigene Bild sie aus den erblindenden Scheiben an – doch – seltsam verwandelt, verwittert und grau – verschwommen schienen ihre jungen Gesichter in den alten Spiegeln. Als seien sie hier durch unheimlichen Zauber eingefangen, nicht wie sie heute waren, sondern wie sie in ferner Zukunft sein würden. Sie prallten zurück vor der schauerlichen Vision eigenen Verfalles und flohen nun wirklich voller Entsetzen, flohen, und hatten doch das Gefühl, nie ganz entkommen zu können, sondern als würde für immer ein Etwas von ihnen, ein Abbild künftigen Seins in diesen trüben Spiegeln gefangen bleiben.

Erst als sie durch das einstmalige Refektorium geeilt waren, von dessen Wand der riesengroße Heilige mitleidig ihrem Fliehenwollen nachzuschauen schien, und sie im Garten standen, gewannen sie etwas Besinnung wieder. – Wolf versuchte zu scherzen, aber in Ilse zitterte der Eindruck zu mächtig nach. Sie achtete nicht, wohin sie schritt. So streifte sie der herabhängende Zweig einer rankenden Rose, verfing sich in ihrem silbrigen Schleier und riß, aufschnellend, ein Stück davon mit sich in die Höhe. Da hing das leichte Gewebe in der Luft, gleich einer gespenstischen Fahne, grau und verschwommen wie vorhin die eigenen Bilder drin in den blinden Scheiben. Ob sie das alles nach Jahren da wiederfinden würde, wie ein verzaubertes Stück ihrer selbst? –

Beim Ausgangstor tauchte die alte Francesca, wie ein scheues Nachttier aus dem Grün der Lorbeerhecken auf und drückte Ilse einen großen Strauß betäubend duftender Blumen in die Hand: » Riccordatevi di San Cristoforo« sagte sie, » perchè anche l'amore è un viaggio e delle volte si vuole un rifugio«. –

Nur kurze flüchtige Briefchen erhielt Gisi während der nächsten Wochen von Ilse, aber durch alle klang jene Stimmung, der Goethe einst Worte verliehen, als er aus Italien schrieb: »Denkt an mich als an einen Glücklichen.« – Mit zarter liebkosender Berührung faltete Gisi jeden neuen dieser kleinen Bogen wieder zusammen und legte ihn behutsam zu den früheren in ein Geheimfach ihres Schreibtisches, als könnten diese Blätter, die von dem Glücke sprachen, gar nicht sorglich genug gehütet werden. Ein wehmütig verständnisvolles Lächeln spielte dabei um ihre Lippen; ein seliges Erinnern eigenen Erlebens war es, und zugleich ein schmerzliches Wissen, wie schwer es auf dem langen Lebensweg oft hält, das Glück mit schützenden Händen zu halten.

Aber während dieser ersten Wochen wußten Wolf und Ilse nichts von Härten und Schwierigkeiten des Weges. Rosenbestreut schien er, und Italien glitt an ihnen vorüber, wie die wechselnden Bilder eines Traumlandes – eines Traumlandes der Liebe. Denn ob sie nun im würzigen Duft von Ravennas Pineta, auf den stillen Wegen Dantes wandelten, oder im verödeten Schloß von Mantua durch Isabellas Zimmer schritten und auf die trägen Teiche niederschauten, ob sie in der einsamen Gebirgsburg von Thiene vor dem Freskobild von Colleonis Töchterlein standen, oder in Siena aufblickten zum festungsartigen Palazzo Tolomei, hinter dessen gotischen Fenstern einst die unglückliche Pia geschmachtet – was immer sie auch sehen mochten, beschwor stets nur Bilder der Liebe vor ihren Augen herauf. – Ferrara mit seinen öden Straßen und vereinsamten Palästen war ihnen die Stadt, wo Tasso Eleonore geliebt hatte und verzweifelnd umhergeirrt war; in Ravenna zog sie vor allem jene Kirche Santa Maria vor den Toren an, wo, auf einem verblichenen Freskobilde Francesca dargestellt ist, wie sie aus einem Fenster spähend, auszuschauen scheint nach dem ersten Anblick Paolos; nach Rocca, der finster abwehrenden Burg, wanderten sie, um auch den düsteren Ort zu kennen, wo jene beiden Unglücklichen ihr grausam Ende fanden; und im Dom zu Rimini standen sie vor dem von steinernen Elefanten getragenen Sarkophag Isottas, der Geliebten Sigismund Malatestas, und lasen wehmutsvoll die von ihr selbst für ihre letzte Ruhestätte gewählte und um stille Schonung flehende Inschrift: Tempus loquendi, tempus tac. ndi. –

Unwiderstehlich hingezogen gingen sie all diesen berühmten Paaren nach; aber auf dieser Pilgerschaft fühlten sie sich auch noch umgeben von der gespenstischen Gegenwart zahlloser anderer namenloser Liebenden. Es war ihnen oft, als sei die ganze Luft um sie her erfüllt von hier einstmals empfundener jetzt verflüchtigter Liebe! In goldig dämmernden Kirchenhallen und meerumspülten Palästen, zwischen den Kolonnaden des Markusplatzes und unter den schwarzen Feltre der Gondeln – überall raunte es davon. Endlose Sehnsucht stieg auf aus der ganzen Erde und antwortete, in ungeheurem Rhythmus herabflimmernd aus den Sternen. Achtlos gingen die anderen daran vorüber – aber sie beide verstanden die Millionen Geisterstimmen; denn jede junge Liebe, so groß wie die ihre, enthält ja ein Wiederaufklingen aller früheren, wie in jedem neuen Sonnenuntergang ein Erinnern glüht an jene ungezählten anderen Abende, da die Sonne auch leuchtend niedergesunken – und wie jedes entstehende Dasein die Auferstehung einer endlosen Reihe dahingeschwundener Leben bedeutet. Ein Ahnen von ungeheuren und zugleich zartesten Zusammenhängen zog durch ihre Seelen, ein Verstehen von endlosem vor ihnen Gewesenem. Ihre beiden winzigen Stimmen hatten sich eingefügt in die gewaltige Lebensmelodie, die seit Äonen durch das Weltall braust, und sie tönten nun mit, von dem großen Schicksalskapellmeister vorausbestimmt und vorgesehen. Und das Glück? – – ja, das bestand wohl gerade darin, empfinden zu dürfen, daß der eigenste Klang wohllautend aufging in der Harmonie des Ganzen.

Aber neben diesem dunklen Bewußtsein, Bestimmung erfüllend eins zu werden mit der Gemeinschaft alles Seienden, empfand Ilse doch gerade ihre Liebe als etwas Einziges, für sie beide neu Geschaffenes. Denn bleibt auch in den Gärten Persiens die Rose von heute dieselbe wie vor Hunderten von Jahren, so ist doch jede Rose zugleich etwas nie zuvor Gewesenes. Mochten Wolf und sie auch Wiederkehrende sein – nimmer zuvor doch hatten Milliarden von Atomen sich schon genau so zusammengeformt wie in ihnen beiden. Und ebenso war, was sie für einander empfanden, ein Besonderes. – Es schien ja auch ganz unmöglich, daß je früher zwei Menschen sich so geliebt haben konnten! – Sie stand manchmal vor der eigenen Liebe mit gefalteten Händen, wie vor einem Wunder, und sie gab sich ihr hin wie eine Gläubige den Mysterien ihres Kultes.

Durch all die Briefe, die Wolf ihr während ihrer langen Trennung geschrieben, durch die Tage ihrer Brautschaft hatte Ilse geglaubt, ihn schon genau zu kennen. Jetzt aber gewahrte sie, wie wenig sie doch eigentlich von ihm wußte, und sie begann ihn zu studieren, mit ihrem ganzen wissenwollenden Herzen. – Da entdeckte sie manch Neues, Überraschendes. Eine Erregbarkeit der Phantasie, eine Weiche der Empfindung offenbarten sich ihr, bei denen ihr beinahe ängstlich wurde. – Es war alles so ganz anders wie die harten, selbstgerechten und unverwundbaren Menschen, zwischen denen sie früher gelebt. In den Augenblicken solcher Einsicht hatte sie dann das Bedürfnis, sich schützend über ihn zu beugen; unwillkürlich rundeten sich ihre Arme um ihn zu jener sanften Biegung, die mütterlich beanlagte Frauen nicht zu lernen brauchen, sondern mit der sie ganz von selbst ein Kinderköpfchen weich zu tragen wissen. Vorausschauend ahnte sie dabei, daß sie vielleicht berufen sein könne, oftmals die Hand zwischen ihn und des Lebens harte Kanten zu halten – und sie liebte ihn im voraus um jede Gelegenheit mehr, wo sie das würde tun dürfen.

Er dachte viel weniger nach als sie in diesen ersten Zeiten, ganz der Freude hingegeben, sie errungen zu haben. Dies eine größte Glück schien ihm Bürge aller anderen Erfolge, und es dünkte ihn, als habe ihm Ilse mit ihrer Hand zugleich alle übrigen Güter der Welt gereicht. Und es lag bisweilen etwas beinahe Abergläubisches in diesem Gefühl. So war sie ihm nicht nur sie selbst, sondern ein Symbol von vielem anderen. Durch sie auch glaubte er dem Lande erst ganz anzugehören, zu dem er, rückwandernd, heimgekehrt war, denn Ilse war ja Deutschland, sie war Heimat.

Eine große Bewunderung gesellte sich zu der Zärtlichkeit seiner Liebe, und Ilse ließ sich von dieser ungekannten Mischung wohlig umrieseln und wonnig durchschauern. Es war ihr etwas so Neues, Beglückendes, zu gewahren, wie stolz er auf sie war! An der Freude, die er darob empfand, bemerkte sie erst, wie viel Aufmerksamkeit sie überall erregte, wie ihr oft die Blicke ganz fremder Leute voll fragenden Interesses folgten.

– Denn sie besaß ja etwas, das mehr ist als regelmäßige Schönheit, jenes geheimnisvoll Fesselnde, das manchen Frauen so sehr gegeben, daß es unmöglich ist, an ihnen vorbei zu gehen, ohne sich umzuwenden und ihnen nachzuschauen. Sinnend denkt dann wohl, wer einer solchen in ihrer Jugend begegnet: Wo mag sie hingehen?

– Und wenn er sie in späteren Jahren wieder erblickt: Von wannen kehrt sie zurück? Fühlend, daß ihre Wege nie aller Welts Wege sein können. –

Ja, Bewunderung folgte ihr, und wenn sie mit Wolf träumerisch durch legendenreiche Paläste und geheimnisvoll verschwiegene Gärten, durch all die Stätten schritt, wo vor ihnen so manche andere Paare gegangen – so empfanden die Kinder des Landes den Anblick dieser beiden Glück ausstrahlenden jungen Menschen als eine Schönheit mehr in ihrer schönen Welt. –

Doch auch die Aufmerksamkeit anderer erregten sie, und Blicke folgten ihnen, die minder wohlwollend und verständnisinnig waren. Landsleute begegneten ihnen und grüßten förmlich; mehr als wirklich hörbar, war es zu fühlen, daß die Bekannten nachher über sie beide tuschelten, Fremden von ihnen erzählt hatten. – Wenn in den Zeitungen ihre Namen unter den Neuangekommenen eines Ortes standen, folgte bisweilen irgendeine kleine Notiz, wo Ilses frühere Ehe erwähnt wurde, und durch ein paar scheinbar freundliche Worte war sie fortan in eine wenig neidenswerte Sonderstellung gerückt.

Aber in diesen Urlaubsmonden, die Hochzeitsreise waren, merkten sie nicht viel von alledem. Nur manchmal durchzog es sie wie ein Schauern, daß hinter all den Rosen der Gegenwart Feindliches lauern könne. – Aber solch Ahnen wurde dann alsobald zum Vorwand, sich nur enger aneinanderzuschließen, um nichts Schmerzliches zwischen sich aufkommen zu lassen. – Und sie dachten, daß die Welt vergessen würde – weil sie selbst so völlig zu vergessen wußten. –

*

Doch rauhere Lüfte wehten ihnen jenseits der Alpen entgegen.

Als Wolfs Urlaub seinem Ende nahte, hatten sie sich, wie an ihrem Hochzeitstage von San Christoforo, so jetzt noch einmal von Italien mit erneutem inneren Kampfe losgerissen. – Frierend schauten sie nun durch die Fenster des nordwärts eilenden Zuges, sahen, wie an Stelle rebenumkränzten Sonnenlandes finstere Felsen traten, hörten, wie weiche Laute harter Sprache wichen, erkannten endlich auf den Grenzpfählen vaterländische Farben, lasen auf den Wegweisern der Heimat wohlvertraute Namen.

Und dabei fühlten sie, daß sie nicht nur einen Abschnitt Zeit, sondern ein Stück ihrer selbst hinter sich zurückgelassen hatten. Auch von ihrer Liebe raunte es nun dort unten in der goldflimmernden Dämmerung mosaikgeschmückter Kirchen, zwischen den hohen, grünen Hecken alter Gärten – und etwas von all dem Süßen, was sie da in goldenen Tagen und blauen Nächten empfunden, würde fortan anderen entgegenwehen, die nach ihnen dort hinabführen.

Eine leise Wehmut lag über ihnen beiden, aber bei Wolf mischte sich in sie doch schon eine gewisse Befriedigung, eine erwartungsvolle Spannung. – Tatenlust weckende, würzige Luft war ihm ja entgegengeschlagen, droben an der Station auf der Paßhöhe, und die Zeitungen waren voll von Nachrichten, die eine für die auswärtige Politik bedeutungsvolle Zeit voraussehen ließen. – Es würde doch schön sein, wieder mitten drin im Getriebe zu stehen und mitwirken zu können! – Man hatte ihm ja versprochen, daß er nach Ablauf dieses Urlaubs einen neuen Posten erhalten solle. Und er begann nachzusinnen, wohin man ihn wohl senden werde? – Dabei glitt sein Blick zu Ilse, blieb auf ihr haften, und voll Vertrauens dachte er, wie sehr sie ihm, wo es auch sei, helfen werde. Denn inmitten aller Leidenschaft und Zärtlichkeit der vergangenen Monde war auch schon ein neues kameradschaftliches Empfinden in ihm erstanden, ein Bewußtsein, stets auf sie zählen zu können.

Seltsam dünkte es Ilse, sich wieder in Berlin zu befinden! In Italien hatte sie die große Umwandlung ihres Lebens als natürlich und voll schöner Harmonie empfunden, als Erfüllung des eigentlichen Daseinszweckes – hier erst stieg ihr die Erkenntnis völlig auf, welch anders geartetes Urteil man in der Heimat darüber fällte. Zu der natürlichen Scheu, irgendeinem aus dem Zehrentum oder gar Theophil selbst zu treffen, gesellte sich die Beobachtung, welch kalten und abweisenden Ausdruck jetzt auch ganz andere, früher freundliche Gesichter annahmen, wenn sie ihnen zufällig begegnete. – Sie begann, solche Begegnungen zu fürchten und blieb scheu in ihrem Hotelzimmer sitzen. Nur mit Wolf zusammen mochte sie noch ausgehen, und am liebsten wäre sie bloß zu den Stätten gewallfahrtet, die ihr hier in Berlin vom Beginn ihrer Liebe erzählten.

Aber zu alledem hatte Wolf keine Zeit. Ihn trieb es, wie so manchen, alltäglich in die Wilhelmstraße. Aber wenn ihm dann der Portier die seltsam schluchzende Tür mit dem Draht aufgezogen hatte, und er, an den beiden spöttisch lächelnden Sphinxen vorbei, zu dem oberen Stockwerk hinaufgegangen war, so mußte er häufig genug im Wartezimmer vergeblich darauf harren, von diesem oder jenem Machthaber vorgelassen zu werden. Und sprach er mal einen der zum inneren Zirkel Gehörenden, auch solche, denen er bis dahin geglaubt hatte, persönlich nahe zu stehen, so erhielt er nur halb verlegene, ausweichende Antworten. Anfangs war er geneigt, dies einem Zufall zuzuschreiben, einer augenblicklichen Überbürdung der hohen Vorgesetzten mit Geschäften. Allmählich aber begann er doch einzusehen, daß hier eine Absicht vorlag, und daß er zu denen gezählt wurde, die nicht recht zählen. Schließlich ließ ihm der Personalrat sagen, daß er ihn am nächsten Tage empfangen wolle.

»Bring uns was Schönes von dort zurück,« sagte Ilse, als Wolf am folgenden Morgen von ihr Abschied nahm, denn er hatte ihr mitgeteilt, daß bei dieser Unterredung nun wohl endlich die Entscheidung fallen werde.

Erwartungsvoll trat Wolf in das mit Akten überfüllte Zimmer Duvals. –

Der Geheimrat sah an diesem Tage noch schwermütiger und hoffnungsloser aus als sonst. –

»Nun Herr von Walden,« begann er überstürzt und mit nervösem Händereiben, »Sie warten ja schon so lange – da wird es Ihnen gewiß lieb sein, zu hören, daß Sie eine Bestimmung erhalten haben.« Und er nannte den Namen eines fernab liegenden Ortes, der bis dahin für Wolf nur ein vager geographischer Begriff gewesen.

Es war ein so wenig begehrenswerter Posten, daß Wolf unwillkürlich zusammenfuhr. »Herr Geheimrat,« fragte er, »hat denn bei dieser Entschließung mein damaliger Bericht über den Verlust der Reichsangehörigkeit, der ja so sehr mißfallen haben soll, noch immer gegen mich gesprochen?«

»Ihr Bericht,« antwortete Duval bedächtig, »hatte Ihnen ja an einer sehr hohen Stelle damals sogar Anerkennung eingetragen« – »aber,« fuhr der Personalrat zögernd fort, »gerade in dem Hof nahe stehenden Kreisen ist inzwischen die Stimmung sehr umgeschlagen. Gewisse Dameneinflüsse sind da am Werke gewesen seit Ihrer Verheiratung ... verzeihen Sie, daß ich daran rühre ... aber es wird Ihnen ja wohl selbst bekannt sein, welche Feinde Sie und Ihre Frau Gemahlin haben. Ja, lieber Herr von Walden,« sagte er mit wichtiger Miene flüsternd, »es ist sogar soweit gegangen, daß man auf Ihre Entfernung aus dem Dienst hingearbeitet hat. Aber,« rief er, plötzlich fast begeistert, »da haben sich unsere Exzellenzen denn doch ganz energisch gewehrt. Sie wollten keinesfalls zulassen, daß das Amt von solchen weiblichen Faktoren abhängig würde. Aber Sie werden verstehen, daß man Ihnen nach diesen Vorgängen nicht gerade einen Posten geben konnte, der zu sehr en vue gewesen wäre. Na, aber verlieren Sie nicht den Mut, solche Dinge überwindet man ja schließlich auch, und Sie sehen ja, daß ein gewisser guter Wille für sie vorhanden ist.« –

Der Geheimrat ging dann, ohne Wolf recht zu Worte kommen zu lassen, auf Einzelheiten des künftigen Postens über. Er bekundete dabei jene seltsam nebelhaften Ortskenntnisse, die damals noch bisweilen an denjenigen Mitgliedern dieser mit dem Studium des Auslands beauftragten Behörde erstaunte, die die traute Heimat kaum je verlassen hatten. Und die absichtliche Schönfärberei trat hinzu, mit der diese Herren denjenigen zu beschwichtigen trachten, dem ödes Los bestimmt ward. Bei dem sanften Duval aber, der ja auch Mitglied des Tierschutzvereins war, fühlte man stets ein aufrichtiges persönliches Bedauern, ein Ringen mit der eigenen, innersten Natur. Er tat so ungern weh! Hätte am liebsten jeden wenigstens chloroformiert, wenn er ihn doch schon, in trauriger Pflichterfüllung, abschlachten mußte! –

Höflich, wie er stets war, begleitete er Wolf bis zur Tür und sagte dann dort: »Besuchen Sie meine Frau doch noch vor Ihrer Abreise – sie würde sich sehr freuen, Ihre Frau Gemahlin kennen zu lernen.«

Und Wolf, der früher oft Hochfahrende, empfand, daß er irgendwie in die Lage geraten war, diese Aufforderung nicht als eine bloße Höflichkeit, sondern als eine Art Wohltat betrachten zu müssen. –

Als Wolf wieder in das Hotelzimmer trat, wo Ilse auf ihn wartete, kam sie ihm mit ausgestreckten Händen entgegengelaufen. Nach dem ersten Blick in sein Antlitz aber ließ sie die freudig hingehaltenen Hände sinken, und der erlöste Ausdruck, den sie immer hatte, wenn sie ihn nach kurzer Trennung wieder sah, wich aus ihren Zügen. So standen sie sich einen Augenblick stumm gegenüber. Und dann hob Ilse plötzlich die Arme wieder in die Höhe, schlang sie um Wolfs Nacken und zog ihn an sich. Ganz still und sanft. Sie fragte auch nicht, wartete ruhig ab, was er allmählich erzählen mochte. Die Einzelheiten über den neuen Bestimmungsort waren ihr ja auch ganz gleichgültig, wenn er für Wolf doch kein guter war! – Und Wolf sprach leise, zögernd, suchte zu verbergen, daß ihre Liebe ihm anderer Feindschaft gebracht. Aber sie verstand es doch alles alsobald und trachtete nun ihrerseits, ihn ihren bitteren Schmerz nicht sehen zu lassen. So begannen sie an dem Leid, das sie einander unabsichtlich gebracht, zu lernen, sich wissentlich wohl zu tun. –

Und dann zog es sie aus dem bedrückenden Hotelzimmer hinaus ins Freie.

Durch den frühlingsgrünen Tiergarten gingen sie, und allmählich wehte der frische Wind all das Häßliche von ihnen fort, das wie dichter Staub, Schönheit entstellend, auf ihre Welt gefallen. Ilse besonders bedurfte ja nur so wenig Ermunterung, um gleich wieder ihre Fühlfäden nach Licht und Hoffnung auszustrecken. Ein großer Vorrat an Spannkraft war in ihr, und die bloße Augenblicksfreude, mit Wolf endlich einmal wieder so im Freien zu wandeln, genügte, um sie die Zukunft zuversichtlicher anschauen zu lassen. –

Als sie von der Siegesallee und ihren vielen Denkmalen kommend, in die Tiergartenstraße eingebogen waren, blieben sie vor einem der vielen Villengärten stehen. Da glänzten und glühten aus dem Rasen farbenfrohe Blumenbeete hervor. In geraden Linien standen die vielen leuchtenden Blüten, wohl gerichtet wie Soldaten. – Dragoner, die blauen Hyazinthen, Husaren, die roten Tulpen, Artilleristen, die schwarzen! »Schau, Wolf,« sagte Ilse ganz entzückt, »des Frühlings Regimenter sind das, die sich alljährlich die Welt erobern – gegen Schnee und Frost. – Wir beide ziehen nun auch aus wie Soldaten und haben auch manch einen gegen uns – aber ich fühle mich ganz siegessicher für dich! – Und weißt du, was ich voraussehe? Du stehst auch noch mal in Marmor als Handlangerbüstchen hier im Tiergarten, auf irgendeinem Denkmal der Zukunft!« –

*

Wolf und Ilse folgten Duvals Aufforderung und besuchten seine Frau. Die Geheimrätin war offenbar von ihrem Manne genau instruiert worden, und sie empfing die beiden mit einem solchen Aufgebot an Wohlwollen und dem so offenkundigen Bestreben, nur ja jedes Thema zu vermeiden, das etwa ihre Gäste peinlich berühren könnte, daß kein Benehmen so deutlich zu zeigen vermocht hätte, welche gekennzeichnete Sonderstellung sie einnahmen. Die Geheimrätin behandelte sie wie gekittete Porzellanfiguren, die man nur sehr behutsam anfassen darf.

Da sie bei Frau Duval gewesen, glaubten Wolf und Ilse nun auch, die Gattinnen der anderen Vorgesetzten besuchen zu sollen. Da lernten sie manche Nuance der Empfangsart kennen. Allen aber merkte Ilse eine kritische, mehr oder minder verborgene Neugier an. Sie fühlte sich dabei verlegen werden, mehr für die anderen als für sich, und eine scheue Verschlossenheit kam dann über sie, so daß die anderen wiederum im Glauben bestärkt wurden, sie habe wirklich Schlimmes zu verbergen. Ilse konnte in solchen Augenblicken so verkümmert aussehen, daß ihre Hübschheit wie weggewischt schien! –

Bei Frau von Höhenrath aber brachte der Diener, als Waldens sich melden ließen, den kurzen Bescheid: »Ihre Exzellenz könne sie nicht empfangen!« – Dem heimkehrenden Gatten erzählte dann Minette dies Vorkommnis und sagte mit Überzeugungstüchtigkeit: »Ich habe mir vorgenommen, meiner Jugendfreundin in dieser Sache die Treue zu halten – aber auch ohnedem würde ich für meine Person immer Front dagegen machen, so eine Dame im Dienst zu haben. Die Exzellenz Hertwich sagt, wie die verkörperte Sünde habe sie ausgeschaut!«

»Na, na,« beschwichtigte Höhenrath, »ob die alte Hertwich da ein so maßgebendes Urteil hat? Einige unserer jüngeren Herren, die neulich mit Waldens im Hotel gegessen haben, erzählten im Gegenteil, die Frau sei ja ganz bezaubernd.« »Eben wie die Sünde,« warf Minette ein. Doch Höhenrath fuhr fort: »Sie schien ihnen ordentlich leid zu tun, weil sie jetzt auf einen so entlegenen, unangenehmen Posten mit ihrem Mann muß. Aber,« sagte er mit plötzlicher Schärfe, »für den Walden ist das recht gesund. Zitzedorn wird ihm schon die nötige Disziplin beibringen und den Glauben austreiben, alles besser zu wissen. Mir hat dieser junge Mann damals gerade genug Fatalität bereitet mit seiner Eigenmächtigkeit.« –

»Nun, mir tut er immer noch eher leid als sie,« entgegnete Minette, »denn sie war doch verheiratet! – Sie muß ihn eben ganz umgarnt haben. Die kleine Salten meinte neulich auch, sie begriffe nicht, wie man sich wegen der die Karriere verpfuschen könne.« –

»Na, sorg wenigstens dafür, daß sie bald unsere Karten erhalten,« sagte Herr von Höhenrath, »denn sie reisen demnächst ab.«

Ja, baldmöglichst abreisen zu können, war, trotz des wenig lockenden Zieles, allmählich Wolfs und Ilsens sehnlicher Wunsch geworden. Gar zu viel Kränkendes hatten diese Berliner Wochen gebracht! Ilse fühlte sich bisweilen ganz herzenswund davon. – Was sie aber am traurigsten stimmte, war, zu sehen, daß ihre und Wolfs Liebe sich veränderte. Nicht geringer war sie geworden – ob nein! Aber während sie noch vor kurzem in Italien so froh und jauchzend gewesen, lag jetzt bisweilen in dieser Liebe etwas von schmerzlicher Schicksalserfüllung. Immer mehr wollten sie jetzt einer vom anderen haben, weil sie erkannt hatten, daß sie ja nichts auf Erden besaßen als einer den anderen.

Vielleicht, dachte Ilse, finden wir, wenn wir nur erst aus Berlin fort sind, den wolkenlosen Himmel wieder, der bisher unserer Liebe blaute. Und sie beeilte sich mit ihren Reisevorbereitungen.

Greinchen, die seit kurzem aus Italien Zurückgekehrte, half ihr dabei. Sie merkte gar bald, daß die Welt mit dem »Kind« nicht eben sanft verfuhr, und sie hätte gar zu gern für alles, was Ilse litt, Männer verantwortlich gemacht – aber zumeist waren es ja Frauen, die ihr all das Bittere, Verletzende antaten. –

Als Wolf und Ilse dann endlich eines Mittags vom Lehrter Bahnhof abfuhren, um in Hamburg den Dampfer zu besteigen, der sie weit, weit fortführen sollte, da war es Greinchen, die ihnen das Geleit gab.

»Du mußt uns besuchen,« sagte Ilse, wie um eine Brücke über die große Entfernung zu schlagen.

»Nein, Kind, nein,« antwortete die kleine dicke Frauenrechtlerin trotzig, »wo ihr jetzt hingeht, da würde ich mich krank ärgern, da lassen sich die Frauen ja noch mehr unterdrücken als hier bei uns – aber wenn ihr erst Botschafters in Washington seid, da komm ich zu euch, – das ist das Land der Frauen.« –

Vom Bahnsteig winkte sie ihnen dann noch mit flatterndem Taschentuch, während ihr faltiges Bulldoggengesicht ganz besonders grimmig blickte, um die aufsteigende Rührung zu bemeistern.

Ja, so hatten jene Wanderjahre begonnen, die Wolf und Ilse an noch so viele ferne Orte der Erde führen sollten. –

Manches von damals war inzwischen in Ilses Gedächtnis verschwommen, aber es gab Szenen, die sie noch heut Wort für Wort in sich weiter tönen hörte, als hätten sie eben erst gespielt. Oft auch brachte ein Duft, eine Melodie ganze Stimmungen wieder, und ein Blättern in ihrem Tagebuche genügte, um alles Gewesene noch einmal zu erleben.

Die erste große Seereise – welch ferne und doch noch so frische Eindrücke! Ihr jugendliches Entzücken über all das Neue fühlte sie wieder, und das Gruseln, wenn nachts die Wogen gegen das Schiff dröhnend prallten – aber dann hatte Wolf sie beruhigend in die Arme genommen, und das Gruseln war zu Wonne gewandelt. Vor Naturgewalten war sie immer instinktiv zu ihm geflüchtet, sicher, daß er ihr nichts geschehen lassen würde, – gegen subtilere Feindschaften und Gefahren war vielleicht eher sie die Schützende gewesen. –

Sie entsann sich, wie sie beide am letzten Morgen der langen Fahrt zu ihrem ersten Posten aufgestanden waren, als es beinahe noch finster war, um den ersten Anblick des Landes nicht zu versäumen. Ganz langsam fuhr jetzt das große Schiff, als taste es sich vorsichtig weiter in dem spiegelglatten seichten Wasser, auf dessen Grunde tückische Sandbänke lagen. Frühnebel barg noch die Küste, aber oben im Himmel, viel höher als Ilse je gedacht, daß Berge sein könnten, leuchtete, gleich einem Wolkengebilde, die ferne schneeige Kette, von den ersten Strahlen der noch unsichtbaren Sonne getroffen. – An die Reeling gelehnt, hatte Ilse hingestarrt zu dem unter solcher Märchenkrone dämmernden Lande. Geheimnisvoll, rätselreich, ahnte man seine Nähe mehr als man es wirklich sah, fühlte seinen warmen Hauch, der die frischere Seeluft verdrängte. Und unwillkürlich die Hände faltend, sagte Ilse leise: »Wolf, wie schön, dies mit dir sehen zu dürfen! Aber weißt du, wenn dies Glück, zusammen zu sein, wirklich durch Unrecht errungen wurde, so müssen wir dafür von nun ab Doppeltes leisten.«

Ja, den zu Taten nötigen Schwung fühlte Ilschen immer in sich, und dann hätte sie die schönste Rechtfertigung gesehen. Aber das Leben hatte dann von ihr weit mehr an Ertragen und Ausharren, wie an Tun gefordert. Der Chef, den Wolf auf seinem neuen Posten antraf, der Gesandte von Zitzedorn, war ein in die Diplomatie eingeschwenkter früherer Offizier, und Herr von Höhenrath hatte recht, ihn als einen Mann zu bezeichnen, der von seinen Untergebenen Disziplin zu verlangen wisse. Es wurde Wolf nicht leicht, sich in die Eigenheiten eines Vorgesetzten zu fügen, der im Dienste hauptsächlich auf die Befolgung von Formalitäten Gewicht legte. Noch schwerer aber dünkte es Wolf, untätig mit anzusehen, wie durch einen jeder Initiative ermangelnden Betrieb der diplomatischen Geschäfte alle Gelegenheiten versäumt wurden, wo etwa in diesem, damals noch wenig beachteten Lande, Vorteile für deutsche Interessen auf wirtschaftlichem Gebiete sich hätten erringen lassen. Als aber Wolf einmal wagte, seinen Chef darauf aufmerksam zu machen, wurde er kurz abgewiesen, »es lägen keine diesbezüglichen Instruktionen aus Berlin vor.« – So nützten denn die Vertreter anderer Länder zu deren Besten die Möglichkeiten aus, die der deutsche vorübergehen ließ. Wolf wurde mißmutig und verstimmt, und Ilse mußte ihn trösten und ermuntern.

Sie selbst hatte es freilich auch nicht leicht – durch Frau von Zitzedorn. Diese, in der ländlichen Tüchtigkeit norddeutschen Gutslebens aufgewachsene Dame, füllte die Muße ihres tropischen Diplomatenlebens, indem sie, was sie früher praktisch erprobt, jetzt in didaktischen Schriften niederlegte. Aus ihrer Feder stammten die Broschüren: »Wie ich Speisereste verwende,« »Wie ich meine schmutzigen Handschuhe behandele.« Diese Werke verteilte sie freigebig an ihre Kolleginnen, wie auch an die indolenten Töchter des Landes. Das Unglück wollte es, daß Frau von Zitzedorn in ihren Mädchentagen mit Mechtild von Zehren befreundet gewesen. Von dieser war sie offenbar im voraus gegen Ilse eingenommen worden, denn sie empfing sie mit eisiger Kälte und wußte es dann einzurichten, sie eigentlich nur bei offiziellen Anlässen, wo es sich nicht umgehen ließ, zu sehen. Diese Haltung erregte natürlich allgemeine Aufmerksamkeit an einem Ort, wo auch die Bedeutung aller gesellschaftlichen Vorkommnisse mit tropischem Wachstum zu Riesengröße anschwoll. So war Ilse auch hier alsbald zu einem Gegenstande der Neugier geworden. »Wie war doch die Geschichte ihrer ersten Ehe und Scheidung gewesen?« fragte man. »Es war nichts Näheres darüber bekannt, aber« – setzte man hinzu, »die eigene Gesandtin ist ja so kühl gegen sie – das besagt doch alles!«

Manche Frauen zogen sich von Ilse zurück; und das waren vielleicht die, mit denen sie am liebsten verkehrt hätte; andere, die zu den leichtfertigeren Gruppen der Gesellschaft gehörten, versuchten im Gegenteil, sie an sich zu ziehen, als selbstverständlich annehmend, daß sie von Natur zu ihnen gehöre. Da aber war sie ihrerseits abwehrend, denn ihr beinahe puristischer Geschmack und sicheres Stilgefühl warnten sie sofort vor allem, was nicht zu ihrem Wesen paßte. Die Männer aber hatten bisweilen seltsame Blicke, bewundernd und beobachtend, als bäten sie um Vormerkung, falls es etwa mal einen Bevorzugten geben sollte.

Ja, einstmalige, unangezweifelte Makellosigkeit war Ilsens Leben unwiederbringlich genommen! Und wie schmerzlich das ihrer weichen, Harmonie bedürftigen Natur werden mußte, hatte sie nicht vorausgeahnt.

In jenen Tagen schrieb sie in ihr Tagebuch:

»Es war einmal eine Königin, die stand auf hohem Söller und schaute hinaus ins weite Land, denn ihr Herz war voll von einer großen Sehnsucht. Da kam ein unbekannter Ritter des Wegs gezogen, und als er die Königin oben auf dem Söller erblickte, hielt er an und sprach: »Königin, Königin, komm herab zu mir.« Bei seinen Worten ward die Königin inne, daß er es war, nach dem sie ausgeschaut, ohne daß sie ihn doch je vorher gesehen. – Sie wollte zu ihm, aber die Tore waren all geschlossen, denn sie war eine streng gehütete Königin. Aber sie sehnte sich doch so sehr, und der Ritter hörte nicht auf zu flehen: »Komm zu mir!« Da sprach die Königin: »Öffne deine Arme und fang mich auf.« Der Ritter tat, wie sie ihm geheißen, und die Königin sprang zu ihm hinab. – wie er sie aber auffangen wollte, kam der Ritter ins Straucheln, und seine Arme waren vielleicht nicht so stark, wie er gewähnt, denn er ließ die Königin ausgleiten und fiel mit ihr auf den Boden. – Nach der ersten Bestürzung lachten die beiden, denn sie hatten sich ja nicht weh getan. Der Ritter schüttelte den Staub von seiner Rüstung, und dann gingen sie zusammen davon. – Erst nach und nach merkte die Königin, daß ihr schneeweißes Kleid bei dem Sprung am Gestrüpp zerrissen und bei dem Sturz vom Staub der Straße befleckt worden war.

Und darüber weinte die Königin noch manches Mal – – wenn der Ritter es nicht sehen konnte.«

Ja, nur wenn Wolf es nicht sehen konnte, weinte Ilse, vor ihm suchte sie alle solche Traurigkeiten zu verbergen, denn er litt ja noch mehr wie sie darunter, in dem Bewußtsein, nicht alles Harte ihr so fern halten zu können, wie er gern gewollt! – So entstanden allmählich zwischen ihnen Gebiete, an die sie nie rührten, jeder aus Zartheit für den anderen. Schweigsamer waren sie beide als während der seligen italienischen Monate, wo die Zeit sie nie lang genug dünkte für alles, was sie sich zu sagen hatten, schweigend flüchteten sie jetzt vor der Welt zueinander, hielten sich schweigend umfangen. Und ihre Liebe mußte immer tiefer, reicher und erfinderischer werden. Viel wurde ja von ihr gefordert! Sie sollte nicht nur Glück spenden, sondern auch Ersatz und Vergessen gewähren für so manches.

Mit der zunehmenden Erkenntnis der Härte des selbstgewählten Pfades überkam sie beide oft das immer brennendere Verlangen nach Abgründen, wo in der Erschöpfung aller Gefühlsfähigkeit auch jedes Erinnern und Besinnen scheitert. Eine Wonne erfüllte solche Stunden und auch ein Verzweifeln. Denn bisweilen fegten die schwarzen Fittige der Trauer so schwer über sie hin, daß die Freudenfeuer ihrer Liebe selbst zu erlöschen drohten – dann war ihnen, als ob sie beide an dem verhaltenen Schrei ersticken müßten: Warum, ach warum, durften wir uns nicht früher finden! –

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