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Ille mihi - Zweiter Band

Elisabeth von Heyking: Ille mihi - Zweiter Band - Kapitel 3
Quellenangabe
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typefiction
authorElisabeth von Heyking
titleIlle mihi ? Zweiter Band
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
printrunVierte Auflage
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So fuhr Ilse denn hinab gen Süden und wähnte, als die Alpen hinter ihr lagen, für immer dem Nebelland der Sorge entronnen zu sein. Sie schaute eine Sonne, die sie bisher nicht kannte, und die ihr wie das unverhüllte Gestirn der Lebensfreude zu glänzen schien.

Sie reiste nicht in einer gewöhnlichen Eisenbahn, sie schwebte auf den Flügeln ihrer großen Sehnsucht. Und ihre Augen erblickten Italien zum erstenmal, als ihr Herz übervoll war von ihrer großen Liebe. – Dadurch sah sie alle seine Schönheit anders als andere minder Begnadete, empfand sie in einem süßen, beinahe schmerzhaften Vibrieren der Nerven, verlor sich an sie in einem ungekannten seligen Gefühl des schmelzenden Vergehens. –

Denn Schönheit ist Liebe, und Liebe war Wolf. –

Sie fuhr an den Seen Oberitaliens entlang und dachte, wie beinahe unerträglich schön es sein müsse, mit ihm in einem Nachen auf diesen opalenen Fluten zu gleiten. Sie blickte in ländliche Trattorien längs des Weges und sah in ihrer Phantasie, wie sie beide unter rebenüberranktem Vordach sitzen würden; strohumsponnene Flaschen feurigen Weines sollten vor ihnen auf dem Tische stehen, und aus dem Dickicht müßten leise Lieder von der Liebe klingen. – Weiße Villen, ladend an Bergeshängen gelegen, in deren Fenster der Schein sinkender Sonne wie Feuersbrunst glühte, erzählten von verschwiegenen seligen Träumen, weckten in Ilse die Vorstellung ihres Wartens, seiner Heimkehr. Gefühle durchzitterten sie dabei, für die es keinen Namen gab.

Häufig unterbrach sie die Fahrt und rastete unterwegs. Wenn sie dann durch stille Klosterhöfe ging, wo der Schritt auf Steinplatten mit unkenntlich gewordenen Inschriften widerhallt, und der Wind in einer einsamen Zypresse neben der Zisterne säuselt, glaubte sie oft, Wolf dicht neben sich flüstern zu hören. In grauen, geheimnisvollen Kirchen stand er bei ihr und blickte mit ihr hinauf zu den verblassenden Fresken der Wände, und wenn dann plötzlich die Orgel geheimnisvoll anhub, so war in ihren Tönen etwas vom Klang seiner Stimme. Auf den Plätzen der Städte nahmen die ehernen Reiterstandbilder seine Züge an, und in den Galerien schaute aus dem gebräunten Gold der alten geschnitzten Rahmen, statt all der Heiligen, immer und immer wieder sein Bild auf sie herab.

Denn Schönheit ist Liebe, und Liebe war Wolf. –

Ja, ganz langsam war sie hinabgereist, haltend, wo es sie gerade besonders reizvoll dünkte. Zuerst nur kurz und zaghaft, naschend gleichsam an all den Orten, die, jeder einer neuen Lockung gleich, am Wege lagen. Ganz erstaunt noch, daß sie plötzlich tun durfte, was ihr gefiel, daß es keinen Willen mehr über ihr gab, der verbieten konnte. – Manchmal beinahe kindlich verdutzt, wenn der Kellner ihr die Speisekarte zum Wählen brachte, oder wenn sie zu bestimmen hatte, wohin der Kutscher der hochsitzigen Droschke sein Pferdchen mit dem metallisch klingelnden Geschirr lenken sollte. – Voller Wichtigtuerei mit diesem ungewohnten Gefühl der Freiheit spielend, und sich dabei doch selbst schon leise auslachend: Es würde ja gar nicht von langer Dauer sein! Sie war sich ja auch ganz bewußt, nicht zu den Frauen zu gehören, für die der Begriff Freiheit an sich einen Zauber besitzt. Freiheit war, wie so manches andere, nur schön zu haben, um sie dem Rechten schenken zu können.

Viele Blicke folgten dieser schönen jungen Frau, die so ganz allein reiste. – Aber eine gewisse Unbewußtheit umgab sie, als schützende Wehr, und Italiener sind ja gewohnt, fremden Frauen manche Rechte der Unabhängigkeit zuzugestehen. Bekannte hatte sie zufällig nirgends getroffen. – Nur in einem Hotel, wo sie übernachten wollte, begegnete sie einer deutschen ländlichen Familie, die im vergangenen Winter, gleich ihr, in Berlin ausgegangen war. – Die Mutter saß mit zwei Töchtern im Lesezimmer, als Ilse dort eintrat, um, wie allabendlich, über des Tages Eindrücke an Wolf zu schreiben. – Ilse grüßte die ältere Frau, die, mit einem kaum merklichen frostigen Nicken antwortete und dann, wie eine vor einem Raubvogel erschrockene Henne ihre Küken schützend unter den Flügeln birgt, ihre Töchter bei den Händen nahm und also eilend das Zimmer verließ. – Ilse hatte den Vorgang aber gar nicht gemerkt, denn ihre Gedanken waren zu sehr bei allem, was sie des Tags gesehen und was sie nun Wolf in einem langen Brief erzählen wollte. – Auf dem häßlichen Florentiner Bahnhof wurde Ilse von Graf und Gräfin Helmstedt erwartet, und die Freunde nahmen sie von da gleich mit sich in ihre weit draußen gelegene Villa.

Und dort war Märchenland. In diese Umgebung, wollte es Ilse scheinen, paßte die Freundin mit den zeitlosen Gewändern beinahe noch besser, als in das Schloß von Frohhausen. – Hier stand Gisi auf dem Boden, dem sie entstammte. Wenn sie durch die für nordische Begriffe etwas leeren Säle der Villa schritt, oder an der Balustrade der Terrasse lehnte und hinabschaute in das silbrige Tal, war es, als sei sie eine Wiedererstandene, eine Frau, die sich genau so bewegte und ganz so sprach, wie es vor Hunderten von Jahren irgendeine ihrer Vorfahrinnen an eben dieser Stelle schon getan. Helmstedts kannten das alte glorreiche Florenz, das die Welt mit dem Glanz seiner Kunst und dem Widerhall seiner Kämpfe erfüllt hat, ganz ebenso wie das moderne, in dem so manche Erinnerungen vor Neuem weichen müssen, und sie erklärten diese beiden Welten der jungen nordischen Freundin. Sie lehrten Ilse sehen. Sie lehrten sie die trutzig ragenden Paläste und die weltberühmten Werke der Bildhauer und Maler, die im Bädeker zwei Sternchen tragen, bewundern und auch wissen, warum sie sie bewunderte. Was seltener ist. Und daneben wies Gisi ihr auch die kleinen intimen Schönheiten, die man nicht bewundern, sondern liebhaben muß – die stillebenartigen Bildchen, die es in Italien in jeder Gasse, in jedem Hofe gibt, und die sich in die Erinnerung einnisten, wie kleine, fein differenzierte Charakterzüge eines geliebten Menschen. – Und tief in Ilses Gedächtnis prägten sich solche Ecken und Winkel ein: Ein Stück grauen Gemäuers, auf dem jene violetten Iris blühten, die den toskanischen Frauen zur Bereitung wohlriechenden Pulvers dienen; an der Wand eines unscheinbaren Hauses das verwitterte Relief einer blauweißen Majolikamadonna; schwarzäugige Kinder, die, auf den Altarstufen einer dürftigen Kapelle kauernd, gelbe Blumen zu einer goldigen Kette aneinanderreihen. –

Aber unter all den Plätzen, die Helmstedts im Laufe der Wochen Ilse zeigten, gab es einen, der sich gleich beim ersten Sehen in ihr Herz stahl, und zu dem es sie immer wieder mit geheimnisvoller Macht zurückzog. Eine unbewohnte Villa war es, die, nicht weit von der Helmstedtschen Besitzung gelegen, seit Jahren schon zum Verkaufe stand.

Zwischen silbrigen Olivenbäumen schlängelte sich ein Fußpfad an bröckelndem Gemäuer zu ihr hinan, und auf dem Wegweiser, der mit gespenstisch grauem Arme zu dem verlassenen Hause wies, standen in verwischten Lettern die Worte: Rifugio di San Cristoforo – der Name des Heiligen, der sich der Wanderer und Schiffbrüchigen erbarmt, so ihn in ihrer Not anrufen, und der sie heimgeleitet. – Und wirklich war das alte verwitterte Gebäude ursprünglich ein Konvent gewesen. Die Mönche des heiligen Christoforo hatten von da aus ihres Amts gewaltet, den Wanderern auf der alten Gebirgsstraße über den Apennin beizustehen, sie aufzunehmen und zu verpflegen. Nach dem Verschwinden des Ordens war dann später das einstmalige Kloster von reichen Florentiner Patriziern zur Sommervilla umgebaut worden. Der Name des heiligen Patrons der Brüderschaft aber war ihr geblieben.

Eine hohe Mauer, aus deren Fugen leichte Farren und zitternde Federnelkchen genügsam sprossen, umgab das Besitztum. Wildes Rankenwerk hing halb verhüllend daran hinab. Dahinter ragten Steineichen, Linien und Zypressen still empor. – Drinnen schien alles zu schlafen, und die schrille Stimme des Glöckchens an der Eingangspforte verhallte wie in weiten, leeren Fernen. – Dann tauchte die Gestalt einer alten grauen Beschließerin im Grünen auf und nahte dem Tor mit lautlos huschenden Bewegungen, wie eine aufgescheuchte Fledermaus – und auch ihre Augen hatten das erschreckte Blinzeln eines von ungewohnter Helle geblendeten Nachttieres.

Die alte Francesca kannte Helmstedts seit vielen Jahren und ließ sie und Ilse ungestört in dem stillen Garten und den Sälen der Villa wandeln. –

Ein weitläufig ausgedehntes Gebäude war es und wies manche Spur beginnenden Verfalls. Aber von seinen gelben rissigen Mauern ging ein seltsames Leuchten aus, als hätten sie all den Sonnenglanz vergangener Jahrhunderte in sich aufgesogen und strahlten ihn nun zurück.

Im Innern des Hauses dagegen war alles geheimnisvoll kühles Dämmern. Beinahe unheimlich still und dabei doch wie angefüllt mit einem Flüstern von Stimmen der Vergangenheit.

In dem großen gewölbten Raume zu ebener Erde, der einst Refektorium der Mönche gewesen, blickte noch das verblaßte Freskobild des heiligen Christoforo, wie durch Nebel, von der Wand herab; riesengroß tauchte er auf aus dem Halbdunkel und schien ein Turm an Stärke, wie er so in den brandenden Fluten stand, das Kindlein sorgsam auf der Schulter tragend.

Doch nicht von Glaubensstärke noch erbarmender Liebe erzählten die Räume des oberen Stockwerks. Nein, von Schönheitssinn und Daseinsfreude raunten sie. In ihnen ja hatte das den frommen Mönchen als Besitzer folgende vornehme Patriziergeschlecht gehaust. Und wie im Erdgeschoß der Geist einst gewesener Barmherzigkeit, so schwebte hier oben das Gespenst längst gestorbenen Genusses. –

Verblaßte Seidenbespannungen bedeckten noch die Wände der still gewordenen Säle; erblindende Spiegel in alten vergoldeten Rahmen hingen darauf, zwischen den geheimnisvoll lächelnden Bildnissen namenloser Toten. Leise knisterte es in dem Brokat der Möbel, und auf Estraden erhoben sich unter gespenstischen Baldachinen feierliche Prunklager, wie Triumphwagen aus dem einstmaligen Festzug eines längst vergessenen Gottes. – Es gab da Zimmerdecken, an denen mythologische Gemälde zwischen schweren vergoldeten Schnitzereien bis zur Unkenntlichkeit nachgedunkelt waren; und andere, wo auf hellem Grunde leichtes Rankenwerk spielte, wie kleine eilende Wellenlinien; Türen, über deren Architrave Blumenstilleben und Amoretten in die Wand eingelassen waren; Kamine mit fein gemeißeltem Marmorgesimse und der rußigen Schwärze längst erloschener Feuer in ihrer Tiefe; Architekturfresken, die, von Spiegelwänden aufgefangen, in zahlloser Wiederholung Säulenreihen erstehen ließen, an deren Ende immer wieder dieselbe Fontäne plätscherte. Über der Mitte des oberen Stockwerks aber erhob sich, wie die Krone des ganzen Gebäudes, ein kleiner Aussichtsturm, der eine nach vorn offene luftige Loggia bildete. Von da übersah man den Garten, dessen Lorbeerhecken keinen Schnitt mehr kannten; das laubenbildende Gewirr von Rosen- und Glyzinenranken, und die feierliche Allee uralter Zypressen, zwischen denen einst zum großen Eingangstore ein Weg geführt hatte, der aber jetzt, seit Jahren unbetreten, sich zu sanft abfallenden, mit Rasen und wilden Blumen bedeckten Terrassen gewandelt hatte. – Und weiter glitt der Blick hinab, an den silbrigen Olivenhainen der Abhänge, bis wo tief unten die Stadt unter bläulichen Schleiern lag. Nur die eine große Kuppel tauchte lichtbestrahlt daraus hervor, schien sich emporzurecken und darzubieten, gleich einer mystischen Glücksblume: pflücke mich, pflücke mich!

Deutlich entsann sich Ilse noch nach Jahren, wie sie zum erstenmal dort oben mit den Freunden gesessen, wie sie alle drei ganz still geworden waren. Dann, nachdem sie lange in den weiten Ausblick versunken geblieben, hatten sie sich in der Loggia selbst umgeschaut. – Sie mußte wohl eines früheren Besitzers Lieblingsplatz gewesen sein, denn mit besonderer Sorgfalt war sie offenbar einst ausgemalt gewesen; Spuren davon waren noch vorhanden, aber Regen und Sonne hatten die Farben verwischt und ausgesogen. An der Rückwand erkannte man zwischen leichten Ornamenten die Umrisse eines Schildes; darauf schien ein Sinnspruch gestanden zu haben, aber unleserlich waren die Buchstaben geworden. Nur zwei durch einen Zwischenraum getrennte Worte entzifferte Ilse: » Ille mihi«. – »was heißt das?« wandte sie sich fragend an den Grafen.

Und dieser antwortete: »So wie die Worte heute dastehen, bedeuten sie: Jener mir. Aber sie sind wohl Überbleibsel des Horazischen Spruchs, der wahrscheinlich einst hier gestanden hat: Ille terrarum mihi practer omnes angulus ridet – Unter allen Winkeln der Erde lacht dieser mir. Das mag auch wirklich ein treffender Ausdruck gewesen sein für die Gefühle der Florentiner patrizischen Besitzer der Villa, die, aus dem Kampf und Ränkespiel der Stadt kommend, hier an dieser Stelle beschauliche Ruhe fanden. In jenen Zeiten war das Latein ja allen Gebildeten geläufig, und sie liebten es, gerade solche, sie von der Menge differenzierende Empfindungen in diese Sprache der Vornehmen zu kleiden.«

» So ist auch diese Villa stets eine Art Lebenshafen gewesen,« sagte Gisi, »jenen Reichen, ganz wie den armen Wanderern, die früher von den Mönchen hier aufgenommen wurden.«

»Ja,« antwortete der Graf, »nach einem Rifugio, sei es nun in den schützenden Armen der Heiligen, oder in der Abgeklärtheit philosophischer Betrachtung, schaut wohl jeder einmal sehnsüchtig aus.«

Ilse aber wiederholte innerlich die Worte:

»Ille mihi– jener mir.« Und sie dachte: »Jener, den ich liebe, der wird mir Zufluchtsstätte sein.«

Oftmals noch kehrte Ilse in den folgenden Wochen zurück zu der träumenden Villa, und immer mehr war es ihr, als griffen hier alle Dinge mit unsichtbaren Händen nach ihrem Herzen, als mühten sie sich, ihr mit stummer Sprache etwas ganz Besonderes zu sagen. Ein Umklammern, ein Festhaltenwollen empfand sie, sobald sie durch die Pforte der verlassenen Villa getreten war. Etwas, das ganz stark und zugleich ganz sanft war, wie jede Macht, die sich so groß weiß, daß sie nur ihrer Stunde zu harren braucht. – stark und sanft zugleich wie die Arme des riesengroßen symbolischen Heiligen, zu dem die Erdenreisenden um Hilfe kamen. – Ja, von etwas Unabwendbarem, Schicksalhaftem fühlte sich Ilse da umfangen – und zugleich von unergründlich Geheimnisvollem, so daß sie nicht wußte, war es ein dunkles Erinnern an schon Erlebtes, das in ihr aufstieg, oder ein dämmerndes Ahnen kommenden Geschicks? Hatte der heilige Schutzpatron der müden Wanderer sie in früherem Dasein schon einmal auf starkem Arm aus den Fluten des Verzagens gerettet? Oder sollte der Tag noch erstehen, da er sich erbarmend über sie, als einer Schiffbrüchigen, neigen würde? –

Und heißer noch wie alles andere, das sie sah, weckte diese schweigende Villa mit ihrem verwildert wuchernden Garten das Verlangen in ihr, all diese Schönheit Wolf zeigen zu können. Ja, hierher wollte sie mit ihm kommen, sobald er zurückkehrte. Brennend wurde in ihr die Sehnsucht nach diesem Tage. Und aus all den Dingen um sie her, aus dem Duft der Magnolienbäume, dem Rauschen der ragenden Zypressen und dem Schatten der breiten Linien, aus den umgarnenden Ranken, dem sonnendurchglühten Gemäuer, der dunstigen Tiefe und der lichtumflossenen Kuppel – aus all diesem schien die Antwort aufzusteigen: Ja, komm zu uns mit ihm – weile bei uns mit ihm! –

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