Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Elisabeth von Heyking >

Ille mihi - Zweiter Band

Elisabeth von Heyking: Ille mihi - Zweiter Band - Kapitel 19
Quellenangabe
pfad/heyking/illemih2/illemih2.xml
typefiction
authorElisabeth von Heyking
titleIlle mihi ? Zweiter Band
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
printrunVierte Auflage
year1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090119
projectid5d9318cc
Schließen

Navigation:

So war es wieder Spätsommer geworden, und der Tag kam, wo die Ärzte sagten, daß Ilse an die Gestaltung ihrer Zukunft denken solle, da ein weiteres Verbleiben in der Anstalt nicht fördernd, sondern nur noch hemmend wirken würde. –

Kaum glaubhaft klang es. Beinahe verwirrend. – Und nach der Geborgenheit hinter diesen traurigen Mauern hatte der Gedanke an die Welt draußen zuerst etwas Beklemmendes. – So groß die Sehnsucht hinaus auch oft gewesen sein mochte.

Doch wohin nun? – In der bloßen Frage war die völlige Veränderung ihrer ganzen Lebenslage enthalten. So viele Jahre hindurch war ihr jeweiliger Aufenthaltsort ja gerade derjenige Umstand gewesen, der ihnen von fremdem Willen unerbittlich vorgeschrieben wurde. Immer hatte am Lebenspfade ein Wegweiser gestanden, drauf zu lesen war, was der Reise nächstes Ziel. Jetzt deutete kein sichtbarer Arm mehr für sie in die Zukunft. Die ganze Welt lag plötzlich vor ihnen offen, und gerade diese Ungebundenheit löste ein Gefühl des Verlorenseins, der Belanglosigkeit aus. – So gleichgültig schien es, wohin diese zwei kleinen Menschenstäubchen sich nunmehr wenden würden. – »Völlige Unabhängigkeit« mochten das manche neidend nennen, doch Ilse dachte: Ist nicht alle Freiheit nur scheinbar, und jede Wahl und Tat doch bloß Geschickerfüllung? – – Es konnten jetzt noch gute Jahre für Wolf kommen, hatten die Ärzte gesagt, aber viel Ruhe, viel Schonung, viel Pflege würde er dazu bedürfen.

Wo ihm die am besten schaffen? Ilse sann und suchte. –

An Wolfs Heimat hatten sie einen Augenblick gedacht. Aber allzu hart ist der Weg, der den Geschlagenen zurückführt zu der Stätte, von der er in der Jugend einst hoffnungsfroh und siegessicher auszog. – Auch der Name Berlin wurde in ihren Gesprächen einmal hingeworfen. Aber ein Frösteln überlief sie beide. – Ach nein! Nicht das Hasten und Ringen noch wollender Menschen durften sie sehen, das an eigenes früheres Leben mahnen würde. Weiche, Milde, Frieden, Vergessen brauchten sie beide. Ilse mehr vielleicht noch als Wolf, der das Wunder der Genesung in sich erlebt hatte.

Denn sie war ja durch eine Leidenszeit gegangen, die den Menschen nicht läßt, wie sie ihn fand. – Ihrer Seele waren Nerven gewachsen, überall, unsagbar sein und weit ausstrahlend, Fühlfäden gleich, die, im Schmerz entstanden, ihn immer wieder suchen müssen, ob sie ihn gleich fürchten. – Sie ahnte schon, wie unendlich oft diese Empfindungstaster in den kommenden Jahren zucken würden, verletzt von Rauheiten, die für andere unfühlbar blieben. – Denn nicht abgestumpft, ach nein, leidensfähiger, mitleidsfähiger wird, wer einmal so gelitten. Sie wußte es schon heute. Wußte, daß sie wehrlos und verwundbar geworden, wo andere Panzer tragen. – Ja, dachte Ilse, wer so wie ich gelitten, der geht fortan auf wunden Füßen und bebt erschauernd vor kaltem Hauch, den andere nicht spüren. Ich ahne in fremden Herzen trübe Farben, die jene dicht verschleiert wähnten, und vernehme klagende Tonschwingung, wo alles Stille schien. Mit meinen verweinten Augen bin ich zu einer Hellseherin geworden. – Ach, niemand weiß es, wie das ist, der es nicht alles selbst erlebte!

Sie war so müde, wurde es täglich mehr, jetzt wo die Spannung der Nerven endlich nachgelassen hatte. Die Fähigkeit zu ringen und zu wollen war in ihr aufgebraucht, wie ein ausgebranntes Licht. Und sie, bei der scheinbar jede Entscheidung lag, sehnte sich selbst nur noch danach, daß starke und doch sanfte Hände sich ihr entgegen strecken möchten, in die sie Wolfs und ihr eigenes Schicksal legen könne.

Und da mitten in all ihrem Suchen und Zweifeln war aus Florenz ein Brief von Gisi gekommen, der einstmalige Gedanken neu erweckte. Hinaus zum Sitz unter den rauschenden Buchen, von wo man hinabblickte auf die Bucht mit den vielen Kriegsschiffen, hatte Ilse den Brief mitgenommen, dort wollten sie und Wolf ihn noch einmal zusammen lesen.

Gisi schrieb: »Kommt vor allem beide gleich hierher zu mir und schenkt mir das Glück, noch einmal Menschen zu besitzen, für die ich sorgen darf. Hier wollen wir dann das weitere beraten. – Und wißt Ihr, daß San Christoforo, dicht neben mir, noch immer eines Käufers harrt? – Ich war heute dort und stieg hinauf bis zu der offenen Loggia, wo die verblaßte Inschrift steht, die wir einst zusammen lasen – und dort dachte ich: Ach, wenn doch Ihr beide, wie einst die des Kampfs und Wirrsals müden Florentiner, zu diesem schönen Erdenwinkel sprechen wolltet: » Ille mihi«! – Auf daß er auch Euch Zufluchtsstätte werde. – Lachen würde Euch vielleicht auch hier nichts, denn ich glaube das Lachen, von dem Horaz sprach, kennen die nicht mehr, die von so weit zurückkehren wie Ihr. Aber ein wehmütig Lächeln könnte es werden, das, wie Abendsonnenschein nach stürmischem Wandertag, verklärend auf der letzten Strecke des Weges ruht.« –

Wie ein plötzlich gefundener Wegweiser, aus Irrgarten befreiend, war Gisis Brief für Ilse. Und sie dachte: San Christoforo, der Schutzheilige der Wanderer und Schiffbrüchigen, ja, der müßte wohl die starken und doch sanften Arme haben, drin sich von allzu rauhem Pfade ruhen ließe. –

Fragend sah sie auf zu Wolf und las in seinen Augen, daß er dasselbe dachte wie sie. Da nickten sie sich schweigend zu. – Ja, dorthin wollten sie die müden Schritte lenken! Jener Erdenwinkel, der sollte der ihre werden. –

Und aus der Ferne winkend, tauchte vor ihnen beiden, hier am nordischen Gestade, die träumende Villa des Südens empor, und sie glaubten wieder, die ausstrahlende Wärme des alten Gemäuers zu fühlen, drin die Sonnenstrahlen vieler Sommer gefangen schienen. Die stillen Säle sahen sie, durch die sie beide einst geirrt waren, die erblindenden Spiegelscheiben, in deren Tiefen sie das eigene Bild wie verzaubert erblickt – und aus den Nebeln der Vergangenheit stieg auch der verwilderte Garten, wo alles zu ihnen gesprochen: bleibt! ach bleibt! –

Doch Taube waren sie damals gewesen, hatten den Ruf nicht vernommen – oder vernehmend, ihn doch nicht verstehen wollen.

Jetzt, in dieser Stunde, glitten die seitdem verflossenen Jahre noch einmal an ihnen vorüber.

Wie hatten doch die Freudenfeuer junger Liebe so hoch aufgeloht – damals, als sie beide zuerst zusammen ausgezogen waren! – Schwer war dann oftmals der Weg geworden, an der brennenden Felsenwand; aber sie hatten gekämpft und gerungen, immer ja weiter getrieben von dem einen Gedanken, daß gerade sie, die sich in Auflehnung gegen Menschensatzung zueinander gefunden, berufen sein müßten, neue Werte für ihr Land schaffend, den eigenen Wert zu beweisen. Die Rechtfertigung für selbstherrliches Ergreifen des Glücks wollten sie durch Taten erbringen, unbewußt hierin vielleicht dem uralten Glauben folgend, daß einst die Arbeit den Menschen zur Sühne der Sünde gegeben ward. – Heut aber wußten sie, daß die Welt denen, die sie so eigenes Liebeslos wählen sah, selten auch noch äußeres Gelingen gestattet; wußten auch, daß es niemand gegeben, die Art seiner Sühne zu bestimmen, sondern daß jedem gerade die ihn am schwersten drückende Last auferlegt wird. – Zu ganz anderem Ziele, als sie gewähnt, hatten sie wandeln müssen! Nicht im Glanz des Erfolges, jenes größten aller Rechtfertiger, waren sie heimgekehrt – nein, zwei arme Geschlagene, Besiegte des Lebens, so standen sie heut. – Die große Lehre, daß Entsagung einmal von jedem gefordert wird, gegen die sie sich einst aufgelehnt, hatten sie nun doch, auf mühsamem Umweg, erlernen müssen. – Und in ihr lag Ruhe und Erlösung. – – –

Tief unten in der Bucht löste sich ein mächtiges Kriegsschiff aus der Reihe der übrigen gepanzerten Kolosse. Ein Sonnenstrahl streifte es und ließ für einen Augenblick seine Flagge ganz deutlich erkennen, lautlos, wie ein weißes Traumbild, glitt es dann durch die silbrige Flut und steuerte hinaus, fernem Gestade zu. – Schweigend schauten ihm von der buchenbestandenen Höhe die beiden Menschen nach.

Und der Mann sprach: »Einst fuhren auch wir so aus und wollten jener Flagge dienen, träumten davon, ihre Herrschaft weiter auszubreiten. – Das werden wir nun nimmer vermögen.«

Sie aber antwortete: »Was liegt an uns – wenn nur andere erstehen, die das erreichen, was wir erstrebten.«

Rascher und rascher wurde der Lauf des Schiffes; geisterhaft bleich schon entschwand es in der Ferne. –

»Wir wollen gehen,« sagte der Mann, »Der Weg wird dunkel werden.«

Zärtlich tröstend legte sie ihre Hand in die seine, und während sie unter den dämmernden Buchen dahinschritten, antwortete sie: »Und wenn der Weg auch dunkel wird, so können wir uns doch erinnern, daß wir einmal die Welt zusammen im Sonnenglanz geschaut – und es war schön – trotz allem.« –

*

Grauer Dunst kam von der See gezogen und breitete sich weich und still über die Erde, lautlos verschwanden im steigenden Abendnebel die beiden Gestalten.

 << Kapitel 18 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.