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Ille mihi - Zweiter Band

Elisabeth von Heyking: Ille mihi - Zweiter Band - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefiction
authorElisabeth von Heyking
titleIlle mihi ? Zweiter Band
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
printrunVierte Auflage
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Als der Geheimrat gegangen war, saßen Wolf und Ilse sich eine Weile stumm gegenüber. Etwas Totes lag zwischen ihnen. Das waren die zwecklos gelebten Jahre. Sie hatten ja nur hierzu geführt.

Über Ilse kam dann plötzlich die Ermüdung und Ernüchterung, die dem zu folgen pflegen, wozu man sich in der Aufwallung emporgeschwungen und die eine natürliche und gesunde Erholung bilden. Sie sagte sich: Nun ist also das Schlimmste geschehen, dessen unsichtbares Nahen ich all die Tage fühlte – und es ist wirklich sehr schlimm und wirklich sehr schmerzhaft und wird uns mit der Zeit noch schmerzhafter und schlimmer erscheinen – aber irgendwie wird es sich trotzdem innerlich überwinden lassen, so daß wir weiter leben können – aber jetzt – jetzt möcht ich vor allem mal gründlich schlafen.

Ihre Empfindungen waren die einer gesunden Natur nach einer glücklich verlaufenen Operation. Das amputierte Glied wird noch sehr fehlen, immer fehlen, und doch weiß man schon, daß man nicht dran sterben wird – und – vor allem ist da der Wunsch, tief, tief schlafen zu dürfen. – Sie hätte sich gleich hinlegen mögen und fühlte, daß sie nach einer Minute von all dem nichts mehr gewußt hätte.

Bei Wolf aber war das anders. Die Unruhe der letzten Zeit hatte sich in ihm verzehnfacht; er zitterte und zuckte, und in seinen Augen war seit dem Gespräch mit Herrn von Norbert ein unheimliches Flackern. Ilse versuchte ihn zum Ruhen zu überreden, da ihre Abreise nun doch überflüssig schien. Aber gleich, sofort, wollte er das Abschiedsgesuch schreiben. »Hätte es nicht Zeit bis morgen?« fragte sie, »du mußt ja so müde sein.« – Aber er fuhr heftig gegen sie auf, wie sie es nie von ihm erlebt.

Dann setzte er sich hin und begann zu schreiben, zehn, zwanzig Entwürfe, die er ebenso rasch zerriß, wie er sie aufgesetzt. Dazwischen lachte er laut auf. Alle Müdigkeit war nun auch von Ilse gewichen; sie folgte jeder seiner Bewegungen mit wachsendem Entsetzen. »Welchen Grund soll ich denn angeben?« fragte er. »Doch wohl deine Gesundheit,« sagte sie schüchtern, und wie sie ihn anblickte, fühlte sie zum erstenmal, einer Ahnung gleich, welch furchtbare Wahrheit dieser Grund besaß. »Das wäre ja Lüge,« rief er. »Nein, nein, die volle Wahrheit, endlich!«

Und wieder begann er zu schreiben, fieberhaft schnell, steckte den Brief in einen Umschlag, klingelte und befahl dem eintretenden Kellner, das Schreiben sogleich in den Kasten zu stecken. Und Ilse saß dabei wie gelähmt, ließ alles geschehen, weil ihr jetzt alles gleichgültig schien, vor der wachsenden Erkenntnis, die in ihr aufstieg: Er war ja krank, krank!

Den ganzen Nachmittag beobachtete sie ihn angstvoll. Der Unruhe war ein erschrecktes Zusammenfahren, eine Scheu vor fremden Gesichtern gefolgt. Er wollte oben auf dem Zimmer essen, nicht spazieren fahren, niemanden sehen. »Aber Wolf,« sagte sie, »wir brauchen uns doch nicht zu verstecken? wir haben doch keine Schande – nur Unglück.«

»Das glaubt niemand,« sagte er, »ich sehe es in jedem Gesicht, was die Leute von mir denken.«

So schlich der Tag dahin. Der Wind hatte sich wieder erhoben, schüttelte und rüttelte an den Schornsteinen und Läden und wuchs abends immer stärker an. Er heulte und stöhnte, als wolle er hier in der Stadt erzählen, was er draußen auf der See zerstört, vernichtet, gemordet hatte. Es war dunkel geworden. Die Häuser am jenseitigen Ufer des Bassins bildeten nur noch eine einförmig graue Masse. Und hoch darüber kreiste und kreiste das rotglühende Rad.

Endlich war es Ilse gelungen, Wolf zu bewegen, schlafen zu gehen. Sie selbst lag lange noch wach. Zuerst suchte sie sich Mut zu machen: Wolf war nur im Augenblick durch die Bitterkeit, die Empörung über all das Unrecht überwältigt worden, morgen würde er sicher wieder ganz wohl sein! – – – Und dann begann sie dem allen nachzusinnen – sie vergegenwärtigte es sich doch jetzt erst ganz, was dieser Abbruch eigentlich bedeutete. – – – Eine große Trauer stieg in ihr auf, um alles, was sie beide erstrebt und nun nie erreichen würden. – Ein Gefühl der Verlorenheit und Zwecklosigkeit bemächtigte sich ihrer. Das Leben war so ganz auf das eine Ziel eingestellt gewesen: Was würde nun geschehen, wo das fehlte? Würden sie von Ort zu Ort ziehen, und immer so herumsitzen, ohne recht zu wissen, wozu? Dafür waren sie beide doch noch viel zu jung! Es war ja Wolfs erster Gesandtenposten gewesen – von da ab hätte es eigentlich erst recht aufwärts gehen sollen. – Warum, warum mußte alles, was nun hätte werden können, so grausam zerstört werden? so grausam, so willkürlich! Und hätte man ihr gesagt, daß schon zahllose Menschen Ähnliches erduldet haben, so wäre es ihr unglaublich erschienen, denn sie wähnte noch, wenn es nur bekannt wäre, was Wolf angetan worden, so müßte eine entrüstete Welt ihm zu Hilfe eilen. Aber wie auch die anderen handeln mochten, für sie selbst bestand die unabweisliche Forderung, als Erste und vor allen anderen für Wolf zu kämpfen. Ja, sie mußte für ihn eintreten, sie war doch sein bester Freund, sie würde es alles erzählen, schreiben, hinausschreien in die Welt! Und da mußte es ihr auch gelingen, ihm weiter zu helfen, ihm Verteidiger und Freunde zu werben, ihm selbst neuen Mut zu schaffen. Denn so durfte es nicht für ihn enden! – Und sie sann weiter nach, was er nun wohl beginnen könne. Es gab ja nicht bloß die eine Möglichkeit, die eine Laufbahn? – – – Da erstand plötzlich vor ihr das Bild jener fernen Reichstagssitzung, bei der sie Wolf damals gesehen. Wie wenig wußten die Leute doch eigentlich von Auswärtigen Dingen, die dort unter der goldenen Kuppel sich als Kritiker der Regierung gebärdeten. Wieviel mehr hätte Wolf, an ihrer Stelle stehend, vorbringen können! – – Wolf sollte nicht ein schweigender Zähneknirscher werden wie so viele! – Sie glaubte ihn schon dort in dem großen Reichstagssaal zu sehen – nicht mehr wie einst droben bei den Regierungsvertretern, nein, drunten bei denen, die Rechenschaft fordern. Und es würde ein langes Konto sein! – Ja, dort lag die Zukunft, dort Wolfs Bestimmung!

Nach dem ersten Gefühl völliger Vernichtung atmete Ilse jetzt schon erleichterter auf. Es mußte für Wolf alles doch noch gut werden! Und alle ans bisherige Leben verwandten Kräfte brauchten dann nicht vergeudete zu sein – nein, die Erfahrungen, die er dort gesammelt, würden jetzt erst rechte Verwendung finden. Er würde seinem Lande doch noch dienen können – anders als er einst gedacht – besser vielleicht.

Immer wieder sah sie den großen Reichstagssaal vor sich und erinnerte sich, wie ihr damals erklärt worden war, wo die einzelnen Fraktionen sitzen. Wolfs Platz würde wohl weit nach links sein! Sie entsann sich, wie sie einst in Weltsöden im Kreis Sandhagen gegen den Genossen Priebatsch erfolgreich agitiert hatte. Der hatte damals vorgegeben, sich für die Getretenen des Schicksals und Entrechteten einzusetzen – aber die, so wollte es Ilse heute scheinen, waren doch manchmal in ganz anderen Kreisen als in denen der Genossen zu finden! Und dann sagte sie sich, müde lächelnd, daß, wie bisher auf alle Posten, sie Wolf jetzt zu jeder Partei folgen würde; denn für sie gab es ja nur eine Partei, zu der sie gehörte: und das war er.

Ach, es war schön, daß sie das gefunden! dachte sie, müder und müder werdend; gleich morgen früh wollte sie es Wolf alles erzählen! Dann würde das neue Leben beginnen!

Während sie so allmählich hinüberglitt in das Reich, das nur mit geschlossenen Augen zu sehen ist, wo zwischen Unvereinbarem sich kühne Brücken spannen, Verlorenes wieder greifbar wird, und alle Wunder möglich scheinen, schreckte sie durch ein schwaches Geräusch noch einmal auf. Da sah sie, wie Wolf leise und behutsam aufstand, ans Fenster schlich, den Vorhang beiseite schob und hinausstarrte. Regungslos, kaum atmend, wartete sie. Aber endlich konnte sie es nicht länger ertragen; auch sie stand auf und trat zu ihm.

»Wonach schaust du da?« fragte sie ihn leise.

Er deutete hinaus, wo jetzt, über der schlafenden Stadt, die Lichter der Anzeigen längst erloschen waren. »Siehst du denn nicht?« sagte er mit einer ganz fremden Stimme. »Das Höllenrad ist nicht mehr draußen! Ich hab es endlich eingefangen – aber jetzt – jetzt dreht es sich hier – hier drin in meinem Kopfe!«

Einen Augenblick noch starrte er sie an, als sei bei dem Klang der eigenen Worte ein letztes verstehendes Entsetzen in ihm erwacht. Um Erbarmen flehten die weit aufgerissenen Augen. Dann griffen seine beiden Hände tappend in die Luft. Mit einem gellenden nicht enden wollenden Lachen brach er vor ihr nieder.

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