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Ille mihi - Zweiter Band

Elisabeth von Heyking: Ille mihi - Zweiter Band - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorElisabeth von Heyking
titleIlle mihi ? Zweiter Band
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
printrunVierte Auflage
year1912
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Am nächsten Tage verlangte er gleich nach allen Morgenzeitungen, und es fiel Ilse auf, wie fieberhaft er sie durchblätterte, wie unstet sein Blick über die Seiten irrte. Eine merkwürdige Angst, sie wußte selbst nicht wovor, schnürte ihr die Kehle zu. Was war es denn, wovor sie sich fürchtete?

In all den Zeitungen stand die Nachricht von Wolfs Ankunft. Einige Blätter nannten dabei die früheren Posten, die er inne gehabt, die meisten enthielten sich aller Kommentare. Nur eine Zeitung, die die treue Anhängerin des entlassenen größten deutschen Staatsmannes war, und die kein Hehl aus ihrer geringen Bewunderung für die seit dessen Rücktritt wechselreich verfolgten Wege machte, nahm Veranlassung, unter Beleuchtung der Ereignisse, in deren Mittelpunkt Wolf gestanden, die Regierung zu kritisieren, »deren Politik mangelnder Voraussicht auch hier wieder vor eine Wahl geführt habe zwischen bewaffneter Vertretung einer Frage, die dies eigentlich nicht wert war, oder würdelosem Zurückweichen.«

»Die Geologie,« so schrieb das Blatt, »lehrt uns, daß die großen Erdumwälzungen sich ganz allmählich und langsam vollzogen und den Arten die nötige Zeit zur Anpassung an die veränderten Verhältnisse gelassen haben; so wird auch uns Deutschen Zeit gegönnt, uns von einstmaliger kurzer Größe zu minimaler Kleine herabzustimmen und uns dadurch den Verhältnissen neuester Ära anzupassen. Nur manchmal geht das Tempo dieses Hinabgleitens etwas gar zu rasch, dann fragt wohl dieser oder jener mit Erinnerung an Früheres besonders belastete Kopf, »ob denn nicht jetzt etwa der Moment des Gegenstemmens gekommen sei?« Aber immer wird alsobald geantwortet, solche Wichtigkeit habe diese einzelne Frage doch nicht, daß man darüber vom Leder ziehen könne, und so gewöhnen wir uns daran, wie einst die Wesen, gegen die die Gletscher vordrangen, vor den großen sich gegen uns schiebenden Massen uns in immer erneuter Friedfertigkeit auf immer bescheidenere Stellung zurückzuziehen.«

Dann fuhr das Blatt fort: »Den bei den Vorgängen in X viel genannten, so plötzlich abberufenen und noch plötzlicher ersetzten Herrn von Walden kennen wir zwar nicht persönlich, es will uns indessen kaum glaublich erscheinen, daß ein an solchen Posten gestellter Beamte seine Instruktionen derart überschritten haben sollte, wie es andeutungsweise geflüstert wird – eher neigen wir zur Ansicht, daß er ein Opfer der Unbedachtsamkeit und Ziellosigkeit sein dürfte, die er selbst zu vertreten hatte. – Sie werden wohl noch manches Opfer fordern!«

Wolf las es alles rasch und gierig, und im ersten Augenblick lohte in ihm nur eine ungeheure Genugtuung auf, daß ihm endlich Recht wurde. Das ganz natürliche Gefühl des Getretenen war es, dem sich eine hebende, helfende Hand entgegen streckt. – Aber dann las er den Artikel noch einmal langsam durch. Andere Gefühle wurden nun in ihm wach, nicht so starke, wie die vorhin ausgelösten Naturinstinkte, aber immerhin Anschauungen, die durch viele Jahre der Arbeit, des Lebens in einem bestimmten Beruf und Milieu in ihm wurzelten. – Er war doch Beamter, er gehörte zu der Regierung, die da angegriffen wurde? – Freilich hatte er früher, wie übrigens die meisten Herren in den Ministerien, derartige Kritiken immer mit einem gewissen Schmunzeln gelesen (von vielen Kollegen wurde überhaupt nichts lieber gelesen); vielleicht hatte er auch wohl mal gedacht: »Du liebe Zeitung, die du dich so weise dünkst! was könnten wir dir erst für Material liefern, wenn wir nur wollten.« – Das war indessen immer nur eine gewisse kühl belustigte Zuschauerstimmung geblieben – aber hier geschah ja etwas ganz anderes – hier wurde er, der »Fall Walden«, das Unrecht, das ihm widerfahren, benutzt, um die Regierung anzugreifen, zu der er doch selbst gehörte. – Wie konnte das sein? Wie vor allem konnte es geschehen, daß er darüber diese wilde, elementare Freude empfand? – War denn das möglich? –

Sein von dem Tropenklima sonst so gebleichtes Gesicht war plötzlich brennend rot geworden. Ein Schwanken war auf einmal um ihn her, als sei er wieder auf dem Schiff. Er griff unwillkürlich mit beiden Händen nach der Stirn. – So saß er einige Augenblicke regungslos, und Ilse starrte ihn an, Entsetzen in den Augen. Was war das nur für ein zerschmetterndes Unglück, dessen Nahen sie schon dicht über sich fühlte? wie der Schwingenschlag unsichtbarer Vögel in finsterer Nacht. –

Bald aber ließ er die Hände sinken, seine Augen öffneten sich, das Blut ebbte langsam zurück vom Gehirn, er sah jetzt ganz fahl aus und sagte tonlos: »Morgen wollen wir nach Berlin – ich muß ins Amt – hören, was das alles eigentlich ist.« –

»Möchtest du nicht vielleicht lieber schon heute reisen,« fragte sie leise und streichelte seine Hände, die wie leblos hingen.

Aber wie von plötzlicher Angst erfaßt zuckte er zusammen und rief hastig: »Nein, nein! nicht heute! Ach, noch einen Tag Ruhe!«

Es war alles so ganz anders, als Wolf sonst war! – Ilse suchte zu verstehen, sich zurecht zu finden. – Nach einer Weile fragte sie vorsichtig: »Würdest du nicht gern etwas spazieren fahren?«

Er hob den Kopf. Draußen hatte es sich etwas aufgeklärt. »Ja, ja,« sagte er, »heut nachmittag wollen wir ausfahren – weit weit fort.«

*

Nun saßen sie in einem der die Wiener Fiaker nachahmenden Mietswagen, die es in der berühmten Handelsstadt gibt. Die leicht bespannten, munteren Pferde zogen an. Die gestrige nasse Kälte war verschwunden, durch leichtes Gewölk drang ein feines, silbriges Licht. Es hätte eine schöne Fahrt sein können, dachte Ilse, wenn des Lebens Schönheit in seinen Äußerlichkeiten läge.

Um die beiden großen Bassins herum wollte Wolf fahren. Zur einen Seite dehnte sich vor ihnen die blaßgraue Wasserfläche, auf der die Ruder- und Segelboote eines Unwetter gewohnten Menschenschlags, der dankbar jede sturmfreie Stunde ausnutzt, immer zahlreicher wurden. Die langen flachen Boote, in denen Wettruderer unter englischem Kommando übten, schossen vorbei; in kleinen Kanoes paddelten einzelne Schulknaben; Segelboote beschrieben anmutig geschwungene Kurven. Dazwischen glitten Schwäne, still und träge. Es war da nirgends eine grelle Farbe – alles hell und durchsichtig, wie ein für überempfindliche Augen bis zu äußerster Zartheit verwaschenes Aquarell.

Auf der anderen Seite des Weges dagegen standen einzelne Villen in großen Gärten. Hinter ihren hohen Gittern hatten sie etwas Zurückhaltendes, Abwehrendes, und es lagerte auf ihnen die selbstgeschaffene Einsamkeit derer, denen die übrige Welt zum Umgang nicht gut genug dünkt. Aber hier bei diesen Gärten erst merkte man, daß es trotz des gestrigen Regens und Sturms eigentlich Frühling war. Viele Bäume waren schon grün, und in den Rasenflächen standen allerhand Blumen in Beeten, wenn sie auch freilich zerzaust und wie entfärbt von langem Unwetter schienen. – In Ilses Erinnerung aber stieg ein ferner, Jahre zurück liegender Tag wieder auf, mit all seinem damaligen Sonnenglanz, seiner verheißungsvollen Farbenpracht. Der Tag, an dem sie einst – wie lang war's doch her – mit Wolf vereint den gemeinsamen Lebensweg begonnen hatte. Sie sah es alles vor sich – die Sonne und die vielen, vielen Blumen in der Siegesallee und in den Beeten vor den Villen der Tiergartenstraße – sie entsann sich auch, wie sie damals die gerade und stramm stehenden Blumenreihen mit Soldaten verglichen hatte: Dragoner, die blauen Hyazinthen, Husaren, die roten Tulpen, Artilleristen, die ganz dunklen – lauter siegreiche Regimenter des Frühlings waren es damals gewesen! – Die Blumen aber, die sie heute erblickte, schienen ganz anders; bleich, geknickt, entblättert durch unzeitigen Sturm, so standen sie beschämt– gleich einem geschlagenen Heer!

Ob Wolf wohl auch daran zurück dachte? Sie schaute zu ihm auf – ach, da wußte sie es alles wieder, was sie einen Augenblick vergessen, er und sie waren es ja selbst, die einst siegessicher ausgezogen und nun geschlagen heimkehrten.

Sie fröstelte in dem bleichen Frühling. »Kehren wir nicht ins Hotel zurück?« fragte sie.

Doch Wolf wollte weiter, hinaus an den großen Fluß; eine Unrast war in ihm, der das Vorwärtsrollen des Wagens wohl tat. –

Durch die benachbarte Stadt mit all ihrem Gewühl ärmlicher Menschen mußten sie fahren, um hinaus an den Fluß zu gelangen. – Einmal wurden sie in einer der elenden Straßen angehalten, denn quer über den Weg war ein Pferd vor einem Lastwagen niedergestürzt. – Der Rollkutscher, ein großer stämmiger Kerl, suchte das liegende Tier fluchend aufzurichten; bleiche Fabrikarbeiter, rußige Lastenträger vom nahen Hafen, kümmerliche Kinder folgten stumpf und gedankenlos dem Schauspiel. Ilse blickte beinahe erschrocken in all dies eintönige graue Menschentum; sie hatte ja stets ein mildes wohltätiges Herz gehabt, weil viel unbewußte Güte in ihrem Wesen lag – aber heute ging ihr das alles so seltsam nahe – die Niedergebrochenen, die Enterbten, sie bildeten ja die Mehrzahl auf der Welt, sie waren die »Menschheit« – nicht jene wenigen, die, wie seltene Papageien in den Käfigen eines zoologischen Gartens, hinter den abwehrenden Gittern ihrer Villen wohnten. – Es war Ilse, als verstände sie zum erstenmal, was Elend wirklich bedeutet. Nicht irgendein statistisch unpersönliches Elend, – sondern Elend, an dem man selbst mit trägt.

Während sie so dachte, merkte sie, wie die Augen der Menge einen feindlichen Ausdruck annahmen, als sie, des alltäglichen Anblicks eines gestürzten Pferdes müde, sich auf den Wagen zu richten begannen, in dem Wolf und Ilse saßen. Und all diese Augen schienen zu sagen: Was wißt ihr von denen, so am Wegesrande niedersinken, weil ihnen zuviel aufgebürdet wurde? Nur ein Verkehrshindernis eurer raschen Vergnügungsfahrt sind sie euch – weiter nichts!

Dann rollte der Wagen weiter auf hochgelegener Chaussee vorbei an Gärten und Parks, behäbigen Landhäusern aus Biedermeiers Zeiten, schloßartigen Gebäuden aller Stile aus jüngeren Jahrgängen, großen Sommerhotels. – Links tief unten der gelbgraue mächtige Strom und an seinem jenseitigen Ufer flaches, im Dunst verschwimmendes Land.

Sie waren weit hinausgefahren. Doch immer weiter noch wollte Wolf. Als gäbe es irgendwo da draußen einen bestimmten Punkt, an den er gelangen müsse, um Verlorenes wiederzufinden. Aber schließlich hatte eines der Pferde ein Hufeisen verloren, und nun verlangte der Kutscher umzukehren. Während er dann bei einem nahen Schmied das Eisen ersetzen ließ, warteten Wolf und Ilse in einem Gasthaus. Es war ein noch aus älterer, einfacherer Zeit stammendes Lokal. Auf der Höhe des hier sehr steilen Ufers war es erbaut, und von seiner Terrasse, auf der flach gestutzte Platanen standen, hatte man einen weiten Blick auf den Fluß tief unten. In breiter gelber Trägheit floß er dahin, von Schiffen aller Art befahren: überfüllte Vergnügungsdampfer, von denen Lieder herauftönten; schwarze schnaubende Kohlenschiffe; eilige Dampferbarkassen; dazwischen schob sich ein Koloß vor, ein großmächtiger Überseer, oder es zog eine lange Reihe tiefgehender Lastboote vorbei, die von einem kleinen geschäftigen Dampferchen stromaufwärts geschleppt wurden – großen schwerfälligen Volkskräften gleichend, die jeder etwas überlegenen Intelligenz hilflos folgen müssen. – Weich und zitternd standen all die Dinge in der feuchten Luft; von den Wiesengründen am flachen jenseitigen Ufer stiegen Nebelstreifen auf, und in der Ferne, wo der Fluß sich in grauem Dunst und blassem Abendrot verlor, ahnte man die Gegenwart des Meeres. Es war, als wehe sein salziger Hauch bis hierher.

Unwirklich schien Ilse das ganze Bild, unwirklich vor allem, daß sie beide hier stehen sollten, es zu sehen, seit jener plötzlichen Abreise aus dem fernen Lande hatte sie immer wieder die Empfindung eines Traumes, den sie nicht abzuschütteln vermochte. Sie schloß manchmal die Augen ganz fest, um sich zu besinnen. Wie hatte das denn nur so kommen können? irgendwo mußte ein Mißverständnis walten. Nun, morgen würden sie weiterreisen, morgen würden sie endlich hören, wo und wann sie gefehlt.

Es war ganz spät, als der Wagen endlich wieder vor dem Hotel in der Stadt hielt.

Der Portier kam Wolf mit einer Visitenkarte im Flur entgegen. »Der Herr war zweimal hier,« sagte er, »und er bat, ihn von der Rücklehr der Herrschaften telephonisch zu benachrichtigen, wenn es nicht gar zu spät würde, wollte er noch einmal kommen.«

Auf der Karte las Wolf den Namen eines Redakteurs des Blattes, das am Morgen den Artikel über ihn gebracht hatte.

»Aber es ist viel zu spät jetzt,« sagte er hastig, »ich kann niemand mehr sehen.«

Die Fahrt hatte ihm gut getan, aber da war doch schon wieder der Ausdruck, den Ilse früher nicht an ihm gekannt, und in den Augen die seltsame Starrheit, die sie jetzt schon ein paarmal da gesehen.

Und in all ihr unbestimmt traumhaftes Empfinden, das wie ein Tasten im Nebel war, mischte sich nun auch wieder die unerklärliche Angst vor etwas Unbekanntem, das sie dräuend nahen fühlte.

Oben in ihrem Zimmer sagte sie: »Vielleicht wollte dieser Herr deine Tätigkeit rechtfertigen.« Da lachte Wolf bitter auf: »Ja, rechtfertigen! – Aber so erinnere dich doch, Ilse, wie ich es alles aufgefaßt habe – es war doch kein Broterwerb – es war eine Vokation – und dafür: rechtfertigen?«

»Ich weiß,« antwortete sie, »aber gerade darum meine ich: wir müssen für dich kämpfen.«

Er zuckte müde mit den Achseln: »Wir fahren ja morgen – da werde ich ja alles in Berlin hören.«

Sie schliefen beide nur wenig in dieser Nacht. Und draußen, über der grauen im Nebel verschwommenen Stadt, kreiste und kreiste unablässig das rotglühende Rad, wie ein der Hölle entsprungenes Marterwerkzeug.

*

Am nächsten Morgen ließ der Redakteur sich wieder melden. Nach den ersten Begrüßungen fragte er: »Ich weiß nicht, Herr Minister, ob Sie heute bereits die Zeitungen gelesen haben?«

»Nur die hiesigen,« antwortete Wolf, »ich habe nichts besonderes darin gefunden.«

»Die meinte ich auch nicht, sondern diese hauptstädtische,« sagte der fremde Herr, zog ein Blatt aus der Tasche und reichte es Wolf. »Es steht darin eine anscheinend offiziös inspirierte Erwiderung auf unseren Artikel von gestern. Nun, das war vorauszusehen, und wir werden darauf entgegnen. Aber,« er wies dabei auf eine rot angestrichene Stelle, »hier ist ein Satz, der sich auf die Persönlichkeit des Herrn Ministers bezieht.«

Wolf beugte sich vor. Er fühlte dabei wieder das Schwanken um sich her, das rote Flimmern vor den Augen. Aber er wollte sich nichts anmerken lassen, was da auch stehen mochte. Es waren nur wenige Worte – Worte aber, die einen Menschen preisgeben, durch die er, wenn man sie glaubt, erledigt ist. Oh, nichts Schlimmes! nichts Ehrenrühriges! und alles kaum greifbar, nur angedeutet. »Ein wiederkehrendes schweres Tropenleiden, das nervösen Übereifer völlig erkläre und entschuldige« – und dann – im Interesse der »durch eine andere neue Kraft nun so glücklich wieder hergestellten normalen Beziehungen zwischen den verschiedenen in Betracht kommenden Ländern« – der Wunsch, daß »aus patriotischen Rücksichten nicht mehr an diese erledigte Angelegenheit gerührt werden möge.«

Wolf saß regungslos da, und er fühlte, wie ihm nun das Blut vom Gehirn ebbte und er fahl wurde. Er hatte die Armlehnen fest umklammert, er wollte sich nichts anmerken lassen. Wie aus der Ferne hörte er die Stimme des Redakteurs: »Wir hatten schon gestern erfahren, daß so etwas bevorstände, darum war ich zweimal hier – denn, falls Sie uns etwas mitteilen wollten, das wir in unserer Entgegnung verwerten sollen, stehen wir selbstverständlich gern zur Verfügung.«

Nun mußte Wolf sprechen. Er schluckte ein paarmal. Es wollte nicht gehen. Kein Laut drang aus seiner zugepreßten Kehle. Er gewahrte, daß es in seinem Gesicht zu zucken begann, ohne daß er es hindern konnte, und daß der Fremde ihn plötzlich so merkwürdig aufmerksam betrachtete. Aber all das sah und fühlte er wie durch dichte Nebel. Große Tropfen standen auf seiner Stirn, und endlich hörte er die eigene Stimme, aber schwach und wie durch Watte: »Ich – danke Ihnen – aber – ich bin noch im Dienst.«

Nun standen sie an der Tür. Wolf wußte selbst nicht, wie es ihm gelungen war, bis dahin zu kommen. Der Redakteur verabschiedete sich, und wie er dabei noch einmal forschend in Wolfs Augen sah, sagte er sich, »der Mann ist ja schwer krank«, und dann schoß ihm plötzlich der Gedanke durch den Sinn: »Ob die in Berlin mit ihrer Insinuation ausnahmsweise hier mal recht haben sollten?«

Ilse hatte dem ganzen Vorgang schweigend beigewohnt. Nun stand sie neben Wolf und las die rot angestrichene Zeitungsnotiz.

»Aber das braucht doch nicht inspiriert zu sein!« rief sie, »das kann es ja gar nicht sein!« Sie ereiferte sich, indem sie sprach, sie hatte so sehr den Wunsch, ihm zu helfen. »Mit dem nächsten Zuge fahren wir ja – nun erst recht – dann muß sich alles klären– so ...so können die Menschen doch gar nicht sein.«

Während sie noch sprach, öffnete sich die Tür, und ein Kellner trat ein mit einer Karte. »Dieser Herr ist vorhin angekommen und wünscht den Herrn Minister zu sprechen,« sagte er.

Gleichzeitig schauten Wolf und Ilse auf die Karte und lasen beide: »Dr. von Norbert, Wirklicher Geheimer Legationsrat.«

Sie schauten sich verwundert an. Der Personalrat? Wie kam der plötzlich hierher?

»Ich lasse bitten,« sagte Wolf zum Kellner.

»Oh Wolf,« rief Ilse, »nun wird sich alles klären, ich fühl es, der bringt etwas Gutes!«

Einen Augenblick leuchtete es wie Hoffnungsschimmer in seinen Augen, dann griff er sich plötzlich an den Kopf und sagte vor sich hin, als habe er ihre Gegenwart ganz vergessen: »Etwas Gutes ... ja vielleicht wär's noch Zeit – vielleicht könnte mich das retten.«

Ilse aber wiederholte innerlich: retten? was meinte er? Und mit kalten, tastenden Händen kroch wieder die lähmende Angst an ihr empor.

Als auf dem Korridor nahende Schritte schallten, machte Wolf ihr ein Zeichen, ihn mit dem unerwarteten Besuch allein zu lassen. Pochenden Herzens stand sie im Nebenzimmer.

»Ach, mein lieber Herr von Walden! Also glücklich zurückgekehrt! Aber in ein so abscheuliches Wetter hinein! Und das nennt sich nun Frühling! Habe wirklich lange nicht so was erlebt! Alle Welt hat ja auch Influenza!« Der Geheimrat sprach hastig, als suche er einer gewissen Verlegenheit Herr zu werden. »Nun, und die verehrte Gemahlin? wie geht es ihr denn?«

»Danke,« antwortete Wolf, »es geht ihr recht gut.«

»So, so,« sagte der Geheimrat in einem beinahe etwas enttäuschten Tone. »So, so? Na, nach den Tropenjahren wird ihr europäische Luft doch wohl auch recht nottun. Aber Sie selbst?« er sah ihn flüchtig an, »Sie schauen nicht recht gut aus, lieber Walden. Haben Sie schon einen Arzt konsultiert? Welches Bad rät man Ihnen denn? für Karlsbad oder Marienbad wär jetzt die beste Zeit.«

»An all das habe ich noch gar nicht gedacht, ich beabsichtige vor allem möglichst rasch von hier weiter zu reisen, um mich im Amt zu melden.«

»Aber das ist ja gar nicht nötig, wird ja gar nicht erwartet – nicht mal gewünscht,« entgegnete abwehrend der Geheimrat. »Nein, nein, brauchen Sie nur ruhig zuerst Ihre Kur – und,« setzte er hinzu, »bleiben Sie auch hier nicht zu lange sitzen.«

»Verzeihen Sie, Herr Geheimrat,« sagte Walden, »Sie sagten soeben: nicht gewünscht. Wie soll ich das verstehen?«

»Nun ja, nicht gewünscht ... nicht gewünscht. Gewiß. Es ist eben halt eine ... eine peinliche Situation. Wenn Sie jetzt in Berlin ankommen, da werden Sie von vielen Leuten gesehen, und dann gehen die ganzen Erörterungen wieder von neuem los – auch in der Presse – wie schon gestern früh in dem hiesigen Blatt.«

»Sie werden mir wohl glauben, daß ich diesen Äußerungen ganz fern stehe.«

»Gewiß, gewiß – obschon – als ich vorhin zuerst nach Ihnen fragte, wurde mir gesagt – der Redakteur der Zeitung sei gerade bei Ihnen?«

»Das war er auch – er brachte mir diesen Artikel,« Wolf wies dabei auf die rot angestrichene Notiz des Berliner Blattes.

Der Geheimrat schaute flüchtig hinein: »Kenn ich, kenn ich,« sagte er und murmelte dann: »Immer die gleiche Ungeschicklichkeit.«

Wolf aber fuhr fort: »Gleichzeitig fragte mich der Redakteur, was ich etwa auf diesen Artikel entgegnen wolle?«

»Unerhört!«

»Nun, ich antwortete ihm ja auch, daß ich vorläufig noch im Dienste bin.«

»Sehr richtig! sind Sie ja auch.«

»Ich werde es wohl nicht mehr lange sein.«

»Wieso denn?«

»Ich beabsichtige doch natürlich meinen Abschied einzureichen.«

»Aber warum denn das?«

»Herr Geheimrat, das können sie doch nicht im Ernste fragen? Es bleibt mir hiernach,« er wies dabei auf den Zeitungsartikel, »ja gar nichts anderes übrig.«

»Aber das sehe ich doch gar nicht ein. Das wird keineswegs erwartet und vor allem vom Chef auch gar nicht gewünscht. Nein, nein, lieber Walden, schlagen Sie sich all solche Gedanken aus dem Sinn. Gehen Sie jetzt an einen stillen, gesunden Ort und beginnen Sie ruhig Ihre Kur, sie haben ja sechs Monate Urlaub vor sich – na, und der kann ja auch noch verlängert werden.«

»Und dann?«

»Nun ... dann wird sich wohl irgendetwas finden.«

»Ich hoffe, Herr Geheimrat, Sie werden es in diesem Fall nicht unbescheiden finden, wenn ich doch ungefähr wissen möchte, was das sein würde.«

»Mein Gott, Sie wissen ja auch, daß es immer mißlich ist, auf lange hinaus Zusagen zu machen, aber ... ich glaube zu wissen, daß ungefähr um die Zeit ein Wechsel auf dem Gesandtschaftsposten in Bogotà, eintreten wird, – es würde wohl keine allzu großen Schwierigkeiten machen, Ihnen den dann zu verschaffen – natürlich immer vorausgesetzt, daß man an höchster Stelle nicht einen anderen Kandidaten hat.«

Wolf lachte laut auf. »Also Bogotà!«

»Ja warum nicht? Es soll ja großartige Gebirgsszenerie haben und herrliche Höhenluft – gerade was für etwas angegriffene Nerven empfohlen wird. Man schickt doch auch so viele Leute zur Erholung in die Schweiz!«

»Und darf ich noch eines fragen: Sie sind beauftragt, mir dies zu sagen?«

Der Geheimrat zog sofort ängstlich zurück: »Über Bogotà? Nein.«

»Ich meinte nicht Bogotà,« sagte Wolf müde, »ich meinte, was sie mir sonst angedeutet haben.«

»Das, ja. Der Chef hat mir gesagt, ich möchte suchen, hier mit Ihnen zu sprechen und ...«

Wolf unterbrach ihn heftig: »Und mir verbieten, nach Berlin zu kommen?«

»Aber lieber Herr von Walden,« beschwichtigte der Geheimrat, »wer denkt denn an verbieten. Nein, nein, man meinte nur, es wäre wünschenswerter, wenn Sie sich jetzt eine Weile nicht zeigten – damit die ganze Angelegenheit vergessen wird – heutzutage wächst Gras ja schnell!«

»Aber was muß denn vergessen werden? was werfen Sie mir denn eigentlich vor?«

»Ich? Ihnen? Aber gar nichts, Verehrtester, gar nichts. Nur – man – ist eben nicht zufrieden mit dem Verlauf der Angelegenheit und möchte nicht irgendwie dran erinnert werden. Da liegt es doch in Ihrem Interesse, sich möglichst still zu verhalten.«

»Man?« wiederholte Wolf fragend.

»Nun Sie verstehen mich ja wohl. Die Sache ist eben unglücklich für Sie verlaufen, und solch eine Gelegenheit benützen natürlich Übelwollende zu allerhand Einflüsterungen und Beeinflussungen. – Sie werden ja selbst wissen, lieber Walden, daß Sie und Ihre Frau Gemahlin Feinde haben, Leute, die Ihnen manches nicht verzeihen können und ... alte Geschichten immer gern wieder ans Tageslicht zerren ... im Moment, wo sie glauben können, williges Gehör dafür zu finden.«

»Aber,« fragte Wolf mit bebender Stimme, »was haben diese alten Geschichten mit der Beurteilung meiner Haltung bei unserer Flottendemonstration zu tun?«

»Gar nichts natürlich. Aber«, fuhr der Geheimrat bedächtig fort, »es wird eine Sache doch nie an sich und losgelöst von allem übrigen beurteilt. Das Urteil über einen Menschen ist eigentlich nur die Stimmung, die sich in Jahren über ihn angesammelt hat. Sie tritt dann beim einzelnen Fall zutage. Nun, und die Stimmung ist eben leider für Sie beide an gewissen Stellen nicht günstig.«

Und der Geheimrat sprach weiter: »Was die unglückselige Frage an sich betrifft, so steht man bei uns nach wie vor auf dem Standpunkt, daß wir mit unserer Pression vollkommen im Recht waren. Dazu kam unglücklicherweise der Wunsch, diese Gelegenheit zu benutzen, um durch die Entsendung der Schiffe für die neue Flottenvorlage Stimmung zu machen. Man nahm natürlich an, das bloße Erscheinen unserer Flagge dort werde genügen, um unsere Forderungen durchzusetzen – denn an militärisches Eingreifen oder gar an diese unsinnige Inselbesetzung ist hier ernstlich ja nie gedacht worden. Aber, wie Sie ja wissen, sahen wir uns da plötzlich vor eine unerwartete Koalition gestellt – und da ...« der Geheimrat zuckte mit den Achseln.

»Ja« sagte Wolf, »den unglücklichen Verlauf verstehe ich, aber bei alledem sehe ich nicht, welcher Vorwurf mir denn gemacht werden kann. Ich habe doch nur meine Instruktionen ausgeführt – ich habe sogar einmal dringend gewarnt.«

»Nun ja, ja,« sagte der Geheimrat langsam, »man hat sich aber jetzt die Ansicht gebildet, daß ... bei ... persönlich größerem Einfluß des Gesandten auf die dortige Regierung ... es überhaupt nicht zu einer solchen Zuspitzung der Lage hätte kommen dürfen.«

Wolf wollte aufspringen, aber der Geheimrat legte die Hand beschwichtigend auf seinen Arm und fuhr sinnend fort: »Dem Interesse des Dienstes Opfer zu bringen muß jeder von uns bereit sein – das ist die Philosophie unseres und wohl jedes staatlichen Berufes. Das ganze System sogenannter menschlicher Gerechtigkeit baut sich ja darauf auf, daß mitunter der Eine die Schuld des Anderen zu tragen hat. – Na, und nun, lieber Walden, reisen Sie möglichst bald in ein Bad und warten Sie ab.« Der Geheimrat schaute auf, und als er in Wolfs Gesicht blickte, setzte er rasch hinzu: »Aber vor allem nehmen Sie die Sache ruhig. Du lieber Himmel! von wie viel Leuten hat es doch schon geheißen: dort an dem Ast sollen sie aufgeknüpft werden! Na, und heute sind sie Minister oder Botschafter – nur weil sie zu schweigen und zu warten wußten.«

»Ich werde das nicht abwarten,« antwortete Wolf kurz. »Ich danke Ihnen zwar, daß Sie mir dies alles gesagt – aber mein Entschluß, um den Abschied zu bitten, ist dadurch keineswegs wankend geworden.«

Der Geheimrat stand auf und schüttelte mißbilligend den Kopf. »Das wäre sehr bedauerlich, wirklich sehr bedauerlich,« sagte er. »Na, Sie überlegen es sich wohl noch. Und wissen Sie, besprechen Sie es mal in aller Ruhe mit Ihrer Frau Gemahlin – so eine kluge Dame, für die wir alle im Amt sehr viel Sympathie haben, auch der Chef, ganz besonders der Chef – es wäre doch auch gerade für sie sehr schade, wenn ...«

»Wenn Sie nicht nach Bogotà käme,« fiel ihm Wolf bitter ins Wort.

»Lieber Walden,« sagte der Geheimrat bedächtig, »sie reden so geringschätzig über Bogotà», – ich kann Sie versichern, daß wir ein Dutzend Leute haben, die mit Kußhand hingingen, und die mir sehr böse sein würden, wenn sie hören könnten, wie ich mich hier um Sie bemühe, statt Ihnen anzudeuten, daß Sie auf dem toten Punkt angelangt sind, und so die erste Pflicht eines Personalrats zu erfüllen: für die Wartenden eine Vakanz zu schaffen.«

»An Ihrem persönlichen Wohlwollen zweifle ich ja nicht,« sagte Wolf, »aber ...«

»Nun also,« unterbrach ihn der Geheimrat, »so hören Sie denn auf mich: Sollten Sie wirklich mit der Zeit nach Bogotà, ernannt werden – was, wie gesagt, nur eine ganz unverbindliche Äußerung meinerseits ist – so glaube ich nicht, daß Sie lange dort gelassen werden – – – zwei, drei Jahre gehen rasch herum – und so lange Sie überhaupt in der Karriere drin sind, nehmen Sie auch an allen ihren Chancemöglichkeiten teil – wenn Sie aber erst mal raus sind, – da ist es eben wie in der Lotterie: wer nicht weiter zahlt, gibt damit auch alle seine früheren Einsätze verloren. – Na, besprechen Sie es mit der Frau Gemahlin.«

Die ins Nebenzimmer führende Tür hatte sich ein paarmal leise bewegt, als ruhe eine bebende Hand auf der Klinke. Jetzt wurde sie plötzlich weit geöffnet, und Ilse stand im Zimmer.

»Herr Geheimrat,« sagte sie, »Sie sprachen vorhin von Opfern, die jeder bereit sein muß, dem Dienste zu bringen – und Sie mögen damit recht haben. Aber sehen Sie, es gibt auch Opfer, die einen Menschen derart brechen, daß er nachher zum Dienst nicht mehr taugt. Eines gewissen Stolzes bedarf doch, wer das eigene Land in der Fremde vertreten soll. Ich glaube, mein Mann hat recht mit seinem Entschlusse.« –

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