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Ille mihi - Zweiter Band

Elisabeth von Heyking: Ille mihi - Zweiter Band - Kapitel 13
Quellenangabe
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typefiction
authorElisabeth von Heyking
titleIlle mihi ? Zweiter Band
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
printrunVierte Auflage
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Sie wollten abreisen, ohne von irgend jemand Abschied zu nehmen, Dedo alle weiteren Erklärungen überlassend. Aber die Kunde der plötzlichen Abberufung mußte sich doch irgendwie verbreitet haben, denn die Kollegen Wolfs hatten sich bei seiner Abreise am Bahnhof der Hauptstadt eingefunden, und jetzt, wo sie ihn nicht mehr als politischen Faktor betrachteten und gar vermuten mußten, daß er als Opfer einer ob ihrer mancherlei Schwankungen unbeliebten Politik gefallen war, gaben sie ihrer persönlichen Sympathie für »die armen netten Waldens« lebhaft Ausdruck. –

Weniger rasch wußten sich die Mitglieder der deutschen Kolonie in die neu geschaffene Lage zu finden. Sie waren zwar auch zum Abschied erschienen, aber man merkte ihnen eine gewisse Verlegenheit an, wie sie sich nun Waldens gegenüber zu benehmen hätten, und Großmann fragte Dedo, ob man Herrn von Walden noch wie bisher mit »Herr Minister« anreden solle.

Nun lag das alles schon weit zurück. –

Der Postdampfer, mit dem Wolf und Ilse die plötzliche Heimkehr antraten, hatte den Hafen verlassen und war an den beiden deutschen Kriegsschiffen vorbei gefahren. »Glückliche Reise,« war Waldens von dort signalisiert worden. »Glückliche Reise« – es klang den beiden wie ein Hohn. –

Dann war auch das überstanden. Die Küste verschwand am Horizont im Dunste, und bald darauf passierte der Dampfer die Insel Santa Immaculata. Wie ein blaues Phantom stieg sie empor aus den Wellen, wie ein blaues Phantom versank sie auch schon in der Ferne.

Ilse lehnte an der Reeling und schaute zurück. Sie entsann sich, wie sie hier zuerst vorbeigefahren und entsann sich auch, wie sie sich noch vor ein paar Tagen ihre dereinstige Heimfahrt ausgemalt hatte. – Wie war es doch alles so ganz anders gekommen! und warum? warum? –

Während der ersten Tage der langen Reise bewegte sich Ilse wie in einem traumhaften Zustand; sie dachte immer, daß sie erwachen müsse, und daß es dann alles nicht wahr sein würde. – Sie hatte ja zuweilen von unerwarteten Ungnaden gehört, von dem plötzlichen Versinken von Leuten, die aufwärts zu steigen schienen, und die rätselhaft gescheitert waren, durch unerklärliche, dem alten Fatum gleichende Macht getroffen. Aber unglaublich schien es, daß nun sie selbst es sein sollten, die solch unberechenbarer Gewalt zum Opfer gefallen! – Als welch häßlicher Traum erschien doch mit einemmal das Leben! – Und Ilse, in ihrer Ratlosigkeit vor dem Unverständlichen, glaubte schon die Neige des Kelches zu kennen.

Aber wer kennt die je! – Stets neue bittere Überraschung enthält des Lebens Becher.

Nach wenigen Tagen Seefahrt ward Wolf von seinem alten Tropenleiden wieder befallen. – Es war, als wolle wenigstens sein Körper noch der lang geübten Gewohnheit treu bleiben, Instruktionen zu befolgen: Wolf hatte nicht nur, wie es das hohe Telegramm befohlen, aus Gesundheitsrücksichten einen Urlaub angetreten, nein, er hatte den Geist dieser Instruktion so sehr erfaßt, daß er wirklich krank geworden war. –

Nun saß Ilse neben ihm in der kleinen Kajüte. Und draußen schlugen die dunklen Wellen gegen die Schiffswand und schienen ein Lied zu singen von all den Besiegten, die auf dem Grunde des Ozeans schlummern.

Es war keine glatte Überfahrt gewesen. Die Luken mußten oft des schweren Seegangs halber geschlossen werden. Wenn dann weißer Gischt gegen die kleine, runde Scheibe schlug, glaubte Ilse ein höhnisches Gelächter zu vernehmen, und sie wähnte, den kalten, nassen Griff unsichtbarer Hände zu fühlen, die sich nach ihr und Wolf ausstreckten, um sie hinab zu ziehen in die toderfüllte Tiefe.

Nur langsam erholte sich Wolf, beinahe widerstrebend. Und als nach Wochen die flache deutsche Küste wie ein finsterer Strich im Grau des Horizontes aufstieg, da stand er zwar inmitten der anderen Reisenden neben Ilse auf dem Verdeck – aber er fühlte wohl, daß er heimkehrte als ein im tiefsten Innern Veränderter.

*

Die ganze lange Fahrt bis zu dem Heimatshafen hatte der mächtige Dampfer sie alle sicher getragen. Doch noch weiter erstreckte sich die Fürsorge der großen Schiffahrtslinie. Ein Extrazug stand bereit für die Passagiere, um sie und ihr Gepäck bis zur etwas weiter landeinwärts gelegenen berühmten Handelsstadt zu führen. Es war ein beinahe elterliches Bestreben, jedwede Verantwortung möglichst lange auf sich zu nehmen, und den Reisenden mußte es im Gedächtnis bleiben: Unter dieser Flagge war man wohl geborgen.

Als dann am Abend der Zug im Bahnhof der großen Handelsstadt hielt, von wo ab jeder für sich selbst zu sorgen hatte, mochte wohl über manchen das Gefühl kommen, aus sicherem Verbande nunmehr entlassen zu sein. Aber frohe Wiedersehen gab es da freilich auch, Menschen, die so weltentrückt und glücklich waren, daß sie nicht den schneidenden Wind, nicht den schräg fallenden Regen spürten.

Wolf und Ilse aber standen fröstelnd da und fühlten hier auf der Heimat Boden, daß sie Gestrandete waren.

Langsam ging es dann mit der Droschke zu dem Hotel am Innern Bassin. Klatsch, klatsch, fiel der Regen gegen die Scheiben: klatsch, klatsch, schlug er unter den Pferdehufen auf. Die Lichter der Schaufenster und die Straßenlaternen spiegelten sich in langen hellen Streifen auf dem nassen Pflaster. Zwischen den Kais und dem Wasserspiegel verschwammen die trennenden Grenzlinien, und die Welt schien sich aufzulösen in graue kalte Feuchtigkeit. Die Umrisse der Gebäude zerflossen in der Mischung von Nebel und Regen; hoch oben über ihren Dächern aber flammten die glühenden Riesenbuchstaben wechselnder Geschäftsanzeigen auf; in dem gleichmäßigen Grau begriff man nicht, wo sie eigentlich befestigt waren, sie schienen irgendwo in den Wolken zu hängen. Am jenseitigen Ufer des Bassins, gerade dem Hotel gegenüber, wo Waldens abgestiegen waren, drehte sich in den Lüften ein riesiges rotglühendes Rad – es diente dem harmlosen Zweck, irgendeinen besonderen Handelsartikel anzupreisen, aber Wolf, der nun am Fenster des Hotelzimmers lehnte, und hinausstarrte in die frostig unwirtliche Heimatswelt, konnte gar nicht mehr davon wegschauen – ein aus der Hölle entsprungenes Marterwerkzeug dünkte ihn dies flammende, kreisende Rad!

Sie gingen noch einen Augenblick hinunter in das Restaurant. Es war leer da. Gähnende Kellner standen unbeschäftigt herum; ein halb verschlafener Piccolo tippte, um sich wach zu halten, mechanisch mit dem Fuß gegen die seltsamen metallenen Gehänge, die die Heizungskörper verdeckten und den Schmuckstücken irgendeines fernen barbarischen Volkes glichen. Paneele aus glänzend gelbem, exotischem Holz liefen an dem in einzelne offene Kabinen abgeteilten Raum entlang; an den pfaublau getünchten Wänden darüber hingen Gemälde modernster Richtung, violette Kühe gegen blaßgrüne Himmel, Wäscherinnen, auf deren blauen Armen die Sonnenlichter wie Ausschlag saßen.

Nur ein Tisch war von einigen Herren besetzt. Ilse erkannte unter ihnen einen Mitpassagier und die Freunde, die ihn vorhin am Bahnhof abgeholt hatten. Sie mußten auch eben angekommen sein, denn der Oberkellner nahm noch ihre Bestellung entgegen.

»Nun, und was wollen wir trinken?« fragte derjenige, der Gastgeber zu sein schien.

»En büschen 1892er Pommery Greno?« schlug ein anderer vor.

»Ja, en büschen 1892er Pommery Greno,« stimmte der Ankömmling eifrig bei, »aber nich ssu kalt.« Und dann setzte er gerührt hinzu: »Als wir zuletzt vor nem Jahr, ehe ich abreiste, hier zusammen saßen, da haben wir nämlich auch 1892er Pommery Greno getrunken, aber der war en büschen ssu kalt.« Er schwieg, in Gedanken verloren, während der Oberkellner notierte, und dann sagte er grübelnd, mit dem Ausdruck eines Mannes, der sich der Züge einer einst geliebten Frau zu entsinnen sucht: »Aber was mögen wir nur damals gegessen haben?«

Wolf klagte über die dumpfe Luft und stand bald wieder auf; man sah ihm die Abspannung an, und doch konnte er keine Ruhe finden. Oben ging er noch lange auf und ab, als Ilse schon zu Bett lag; sie hätte gern etwas mit ihm gesprochen, nur um den Klang seiner Stimme zu hören, denn ihr war so bang ums Herz; aber sie wagte nicht ihn anzureden, denn er hatte einen so seltsam starren Ausdruck, der jede Annäherung abzuwehren schien. So schlief sie denn schließlich ein an diesem ersten Abend daheim, ein paar zerdrückte Tränen an den Wimpern.

Wolf aber stand lange noch am Fenster und starrte hinaus, und auch nachdem er endlich zu Bett gegangen, ließ es ihm keine Ruhe; er erhob sich doch wieder und schlich ans Fenster – er mußte es noch einmal anschauen, es zog ihn gar zu sehr an, dies rotglühende Rad, das da draußen flammend kreiste und kreiste und ihn ein aus der Hölle entsprungenes Marterwerkzeug dünkte. Und irgendwo war da etwas, in das sich dies feurige Rad immer tiefer einbrannte – es war bohrend schmerzhaft – aber Wolf konnte nicht herausbekommen, wo das war – müde ... zu müde ... war er ... morgen ... ja vielleicht morgen würde er ... entdecken ... wo das so brannte ... brannte ...

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