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Ille mihi - Zweiter Band

Elisabeth von Heyking: Ille mihi - Zweiter Band - Kapitel 11
Quellenangabe
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typefiction
authorElisabeth von Heyking
titleIlle mihi ? Zweiter Band
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
printrunVierte Auflage
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Einige Tage darauf traf in der Hauptstadt der Republik die Nachricht ein, daß vor Santa Immaculata zwei deutsche Kriegsschiffe erschienen seien, die dort auffälligerweise Vermessungen vorgenommen hätten.

Die Aufregung über diese Nachricht hatte sich noch nicht gelegt, als auch schon die beiden Schiffe in denselben Hafen dampften, wo Wolf und Ilse einst gelandet waren. Freilich nur ein Schulschiff und ein kleiner Kreuzer, der sich als recht alter Holzkasten erwies. Aber was schadete das, auch davor sollten die Halbwilden schon Achtung bekommen! Die Stimmung war hoch, die Begeisterung wogte wie eine erregte See. Von den beiden Kapitänen an bis zum jüngsten Kadetten hatte jeder die Empfindung, daß nachdem langen Küstenbummeln und dem Ausspähen nach schutzbedürftigen Landsleuten nun endlich der Moment der wahren Tätigkeit kommen solle, daß man jetzt praktisch würde anwenden können, was in endlosen Unterrichtsstunden theoretisch erlernt worden, daß die hohe Stunde des Gebens geschlagen habe. – Und Ilse ging es ganz so wie all den künftigen Seehelden; auch sie hatte diese Empfindung, voll bewußt des Lebens hohe Stunde erreicht zu haben, die Stunde, die Wolf endlich zur Geltung bringen würde.

Von der hoch gelegenen Hauptstadt fuhr Wolf frühmorgens hinunter an den Hafen, holte Kapitän von Plenker vom Schulschiff »Schill« und Kapitän Boekerschlamm vom »Zieten,« sowie die Flaggleutnants und wer sonst an Offizieren auf den Schiffen zu entbehren war, ab, und brachte sie hinauf in die Residenz.

Es war ein ganz stattlicher Zug!

Ilse hatte es möglich gemacht, sämtliche Herren in der Gesandtschaft aufzunehmen.

Es war ein verwittertes altspanisches Palais, dessen nach der Straße gekehrte Außenseite, wie so manche Bauten aus den kämpfereichen Konquistadorentagen, etwas finster Trotziges hatte durch seine eng vergitterten Fenster und die mit Zinnen gekrönten Dächer. Im Inneren dagegen mündeten die Gemächer auf eine breite schattengewährende Veranda. Diese lief rings um einen weiten sonnendurchfluteten Hof, in dessen Ecken vier riesige, leuchterartig steife Araukarien emporragten. In der Mitte des Hofes aber befand sich ein langes achteckiges Wasserbecken, auf dessen grauer steinerner Einfassung ein einsamer weißer Pfau saß. – Regungslos und selbst wie eine architektonische Verzierung wirkend, konnte er stundenlang in die stille Wasserflut blicken, auf deren Grunde blauweiße Kacheln schimmerten; nur manchmal hob er den Kopf und ließ einen unheimlich rauhen Schrei, gleich einem Mahnruf, ertönen. – Hinter dem Hause erstreckte sich ein weiter verwilderter tropischer Garten. – Als die militärischen Gäste eingezogen waren, kam es Ilse vor, als befände sie sich in einer Festung; die Belagerung von Götz von Berlichingens Burg und ähnliche klassische Reminiszenzen fielen ihr ein. Ganz seltsam schien es, daß das banale, diplomatische Leben so aufregende Stunden enthalten könne, aber ihre Seele wuchs mit diesen neuen Aufgaben, und sie fühlte, daß sie an der Weltgeschichte mitarbeitete – wenn sie auch nur den schwarzen Hausmädchen half, für die Gäste die Zimmer zu richten! –

Die jüngeren Leutnants wiederum und die Kadetten hofften von ganzem Herzen, daß die letzten diplomatischen Schritte, die der Gesandte nunmehr bei der störrischen Regierung tun wollte, trotz der ihnen Nachdruck verleihenden militärischen Gegenwart erfolglos bleiben würden – denn dann mußte doch die Losung heißen: Abbruch der diplomatischen Beziehungen. Der Gesandte und seine Frau würden sich dann auf eines der Kriegsschiffe begeben müssen, und der Leutnants und Kadetten glorreiche Aufgabe würde es sein, ihre schöne Landsmännin zu verteidigen, unter ihren Augen zu siegen, und wenn nötig, zu sterben. – Und bei der bloßen Eintreibung der Geldforderungen einiger Finanzleute durfte es dann doch nicht bleiben, oh nein, zum mindesten mußte eine Flottenstation für Deutschland dabei herauskommen!

Unmittelbar nach ihrer Ankunft machte Wolf mit den Offizieren Besuche bei seinen Kollegen, sowie bei den einheimischen Ministern und stellte sie auch dem Staatsoberhaupte vor. In mehreren mit Maultieren bespannten Wagen fuhren sie durch die holprigen Straßen. Mit großen schwarzen Augen und aufgerissenen Mäulern, in denen die weißen Zähne blitzten, starrte die braunhäutige zerlumpte Landesjugend dem ungewohnten Schauspiel nach. Die erwachsene Bevölkerung verhielt sich gleichgültig, die Aufregungen häufiger Revolutionen hatten offenbar abstumpfend auf sie gewirkt; nur gelegentlich fiel ein Fluch über die Fremden im allgemeinen.

Die lebhaftesten Wirkungen hatte die Rundfahrt auf den Geschäftsbetrieb der anderen Gesandtschaften. In ihren Kanzleien, wo sonst hinter herabgelassenen Jalousien die glühend heißen Nachmittage in langen Rohrstühlen verträumt wurden, herrschte eine fieberhafte Tätigkeit; lange Telegramme wurden aufgesetzt und chiffriert, um in alle Länder die Kunde der großen Begebenheit gelangen zu lassen. Für einige Stunden hielt die entlegene Stadt, die kein eigenes Leben besaß, die ganze übrige Welt in Atem.

Am Nachmittag desselben Tages begab sich Walden in Begleitung seines Legationssekretärs, des Baron Dedo von Lenval, noch einmal auf das Ministerium des Auswärtigen und gab dort eine Note ab, deren Inhalt dem ihm von zu Hause erteilten Auftrag entsprach. –

Walden hatte kein Wort mehr geschrieben, als ihm telegraphisch befohlen worden war; als er aber die Note dem Minister überreichte, hatte er dennoch ein gewisses beklommenes Gefühl – vielleicht wirkte diese Mahnung nun endlich, und es ging alles glatt, – aber wenn nicht? – dann blieben als ultima ratio ein alter Holzkasten und das kleine Schulschiff! – seltsam, seltsam, dachte Walden, man mußte zu Hause plötzlich sehr schneidig geworden sein! Er persönlich war ja gedeckt durch seine Instruktionen – aber – wenn man sich daheim nur nicht versah, und vor allem: wenn man sich nur vorher versichert hatte, daß keine fremde Einmischung zu befürchten war! – Am Morgen bei der Rundfahrt war es nämlich Wolf erschienen, als ob der Empfang auf einer der Gesandtschaften sehr kühl gewesen sei, jener Gesandtschaft, die den riesengroßen Staatenbund repräsentiert, der seit einigen Jahren in die Reihe derjenigen Mächte aufgerückt ist, vor denen man sich fürchtet. –

Wolfs Sorgen wären noch viel größer gewesen, hätte er sehen können, daß bald nachdem er dem Minister des Auswärtigen seine Note übergeben hatte, dieser sich auf eben diese Gesandtschaft begab, dort in langer Verhandlung verblieb, und daß der betreffende Gesandte hierauf eine rege telegraphische Tätigkeit entwickelte.

Wolf und Ilse widmeten sich während des nächsten Tages ihren Marinegästen und geleiteten sie auf das Fest, das ihnen zu Ehren von ihren Landsleuten abends veranstaltet wurde. Die Landsmänner und Landsmänninnen waren ja erfreut, die Herren Offiziere begrüßen zu können, und die jugendlichen Gesichter der Kadetten appellierten an manches mütterliche Herz – nur der Zweck des Kommens dieser Gäste erregte ein gewisses Mißbehagen. Du lieber Gott, schließlich würde die Forderung der Finanzgruppe ja mal bezahlt werden! Warum die Leute so drängen, bei denen jetzt in der Revolutionszeit das Geld knapp war? Ein bißchen Schutz, gelegentliches Reden von der heimatlichen Flagge, die auch ihre fernsten Kinder noch deckt, war ja recht schön, so an großen nationalen Festtagen beim Glase Sekt – aber dies war doch etwas zu drastischer Schutz, das konnte verhaßt machen, den ohnedies schwachen Handel stören, jenem gefährlichsten Konkurrenten dagegen nur nützen, der bereits mit den ihm geläufigen Verdächtigungen den spanisch-indianischen Stolz gegen die Deutschen aufzuhetzen begann. – Herr Großmann, der, wenn erst sein Schwager Präsident geworden sein würde, eine Kohlenstation gern (hübsch friedlich und durch freundliche Verhandlungen über den Ladentisch weg) erworben hätte, vertrat gleichfalls diese Anschauung. Spät am Abend sagte er zu dem von den Vergnügungen dieses Festes ganz erschöpften Dedo: »Wenn unser vortrefflicher Herr Gesandter uns da nur nicht in eine Patsche hineingebracht hat!« Worauf Dedo aber mit einer an ihm ungewohnten Energie erwiderte: »Lieber Herr Großmann, in solchen Augenblicken spricht man überhaupt nicht von Patsche.«

Und Taudien, der dabei stand, sagte achselzuckend: »Ob es klug war, diese ganze Aktion einzuleiten, erscheint auch mir sehr fraglich, aber das steht fest, einen Rückzug darf es jetzt nicht geben, denn deren haben wir ja leider allmählich schon zu viele aufzuweisen, und solche wiederholte Blamagen würden unser Ansehen in der Welt derart schädigen, daß Handel und Industrie darunter schließlich auch leiden müßten.« –

Ilse hatte während des ganzen Abends gefühlt, daß sie in nicht sympathisierender geistiger Atmosphäre atme. Auch auf ihr lastete es wie eine Beklemmung: Was würde nun wohl werden? – sie lag dann die ganze lange, heiße Nacht wach unter dem Moskitonetz. Die Türen der Veranda standen weit offen, und sie hörte, wie draußen im Garten die Palmenblätter im Frühwind zu knistern begannen, und der weiße Pfau seinen ersten heiseren Schrei, einem Mahnruf gleich, erhob. Der Morgen des Tages brach an, der nun wohl die Entscheidung bringen mußte. Und im blassen Zwielicht faltete Ilse die Hände: »Ach, daß es etwas Großes und Schönes werden möge, für Wolf – und fürs ferne Vaterland!«

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